Wir konnten also nur wünschen, ihn loszuwerden, seine Geheimmittel

möglichst billig zu erfahren, jede weitere Ausgabe zu vermeiden und

die Leitung des Unternehmens einem Manne fortzunehmen, der bei seinem

Mangel an Ordnung die Einkünfte in unmäßigen Ausgaben vergeudete. Zu

dem Zweck schickte ich den Vicomte von Nettine nach Tournai, damit er

sich dort alle Geheimmittel angeben ließ und sie selbst ausprobierte.

Sobald ich sicher war, daß wir sie besaßen, schickte ich meinen

Neffen[361] mit Herrn Walckiers nach Tournai, um den Handel mit dem

Grafen abzuschließen. Das haben sie unter den in Anlage 3 angegebenen

Bedingungen getan.

Wir sind jetzt also im Besitz folgender Geheimverfahren: Wir können

Eisen in Metall verwandeln. Ist dies Metall gut, so ist es ein

Vorteil mehr. Taugt es nichts, so ist die Ausgabe verschwindend,

und wir gebrauchen auch nur wenig, da für das zum Färben der Häute

erforderliche Wasser nicht viel nötig ist. Aber diese Färberei ist von

höchster Bedeutung, und das Metallwasser besorgt nicht bloß das Färben,

sondern zieht auch die Häute zusammen, wodurch sie stärker werden und

auch kernig bleiben. Wir haben also eine Gerberei eingerichtet, von der

in Anlage 4 die Rede ist. Anlage 5 enthält die Gegenüberstellung der

bisher landesüblichen Preise für die Häute und der Preise, wie sie sich

nach unserem Verfahren stellen.

Wir besitzen das Verfahren zum Färben von Wolle, Seide, Garn,

Ziegenhaar und Baumwolle. Die Wichtigkeit dieser Sache ergibt

sich aus dem in Anlage 6 dargelegten Preisunterschied zwischen

unserem Färbverfahren und dem bisher angewandten. Der Absatz ist

sichergestellt; denn unsere größten Kaufleute haben uns bereits

schleunigst ihre Tuche, Kamelotte, Seiden und Wollstoffe zum Färben

gegeben. Schon dieser Gewerbszweig allein kann Ihrer Majestät

beträchtlichen Gewinn und den hiesigen Provinzen unendlichen Segen

verschaffen.

Der Rückstand wird danach zum Färben des Holzes benutzt, was ein

kostenloser Gewinn ist. Wäre er auch unbedeutend, so verdient er als

Reingewinn doch Beachtung.

Die Malfarben, die, wie wir wissen, von französischen Malern

ausprobiert sind, bilden ebenfalls einen Reingewinn ohne jede Kosten,

denn sie werden nur aus dem Bodensatz der obigen, bereits benutzten

Färbstoffe gewonnen.

Die Hutfabrikation schließlich ist auch ein sehr beträchtlicher Posten,

wie sich aus Anlage 7 ergibt.

Aus allen diesen Einzelheiten ersehen E. E., welche Verfahren wir

erworben haben, welchen Gewinn wir uns davon versprechen können und

welche Auslagen wir bereits gemacht haben. Ich brauche nur noch über

die weiter erforderlichen Ausgaben zu berichten, was in Anlage 8

ausgeführt ist.

Nun kommt es auf die Allerhöchste Entscheidung an, ob Ihre Majestät

das Unternehmen der Frau Nettine überlassen oder es auf eigene

Rechnung übernehmen will. Das letztere scheint mir in jeder Hinsicht

empfehlenswert. In diesem Falle müßte man Frau Nettine ihre Vorschüsse

auf das Unternehmen mit vier Prozent verzinsen und das Kapital nach

und nach aus dem Gewinn zurückzahlen. Auch wäre es recht und billig,

ihren Sohn zum Generaldirektor des Unternehmens zu ernennen. Er

eignet sich dazu besonders durch seinen Eifer und seine Einsicht

und als Alleinbesitzer des Geheimverfahrens. Er brauchte nur Seiner

Königlichen Hoheit[362] und der Überwachung des Ministers unterstellt

zu werden. Der Staatsrat und Lotteriedirektor Walckiers[363] könnte

zum Königlichen Kommissar für das Unternehmen ernannt und dies

der Lotterieverwaltung angegliedert werden. In Anbetracht des zu

erzielenden Gewinns könnte Nettine entweder ein festes Gehalt oder

einen Gewinnanteil bekommen.

Ich bitte E. E., mir über dies alles die Befehle Ihrer Majestät

zukommen zu lassen, und bemerke nur noch, daß ich in alledem mit

höchster Billigung Seiner Königlichen Hoheit verfahren bin und diesen

Bericht, den ich ihm vorgelesen habe, nur auf seinen Befehl absende.

BEILAGEN

1. Aufstellung der für die Manufaktur in Tournai ausgegebenen Gelder

Färberei und Lager

Zwei große Häuser, das eine zum Abschweifen der Seide und zum Färben

überhaupt, das andere als allgemeines Lager, nebst zwei kleinen

anstoßenden Häusern. Kaufsumme in Gulden Kurant

31.035 Gulden.

5 Sols, 4 Pfennig[364]

(NB. Von diesen 31.035--5--4 Gulden sind nur 12.400 bezahlt. Der Rest

ist auf die Häuser in Hypotheken zu 4 Prozent aufgenommen.)

Gulden

Ein Haus, das mit dem ersten in Verbindung

steht, 3000--

Zum Ankauf eines Geländes zwecks Erweiterung

der Wasserleitung, die durch den

Garten der Färberei läuft, 630--

Anlagen zur Benutzung der Wasserleitung 1000--

Reparaturen an den vorgenannten Häusern 7500--

Noch im Gange befindliche Reparaturen

höchstens 3000--

Ein großer Zinnkübel und Kessel aus

Gelbkupfer für die Färberei 5300--

Kleine Kübel aus Zinn u. Steingut, Pressen

und anderes notwendiges Färbereigerät 3000--

Drei Zylinder 2000--

------------

Gesamtausgabe für die Färberei 56135--5--4

Gerberei

Gulden

Ankauf eines Hauses für die Gerberei 7800--

Für notwendige Umbauten 9000--

Für die notwendigen Geräte 2500--

--------

Gesamtausgabe für die Gerberei 19300--

Hutfabrik

Gulden

Ankauf eines Hauses für die Hutfabrik 1500--

Vorgenommene und noch vorzunehmende

Reparaturen 2760--

Gerät für 6 Walken 1440--

------

Gesamtausgabe für die Hutfabrik 5700--

Gulden

Ankauf eines Hauses für den Grafen Surmont 13.500--

Verschiedene andere Ausgaben

Kosten und Gebühren für den Ankauf Gulden

der obigen Häuser 800--

Verschiedene Ausgaben des Herrn Rasse

für die Manufaktur 4500--

-------

Zusammen 5300--

Gesamtaufstellung Gulden

Ausgaben für die Färberei und das Lager 56135--5--4

„ „ „ Gerberei 19300--

„ „ „ Hutfabrik 5700--

Das Haus für den Grafen 13500--

Verschiedene Ausgaben 5300--

------------

Gesamtsumme Gulden Kurant 99935--5--4

2. Aufstellung der Vorschüsse und Auslagen für den Grafen Surmont

Gulden

Verschiedene Vorschüsse der Frau Nettine 81720--

Auslagen des Herrn Rasse und der Frau

Nettine für den Unterhalt des Grafen sowie für

seine Reisen nach Tournai usw. 12280--

--------

Gulden Kurant 94000--

3. Vorläufige Bedingungen, die zwischen Graf Cobenzl und dem Grafen

Surmont vereinbart sind

Der Graf von Surmont wird _lebenslänglich_[365] an den jetzt in Tournai

errichteten Manufakturen zur Hälfte beteiligt.

Von dem ihm zufallenden Gewinn sind die ihm vorgeschossenen Summen und

die für ihn zu machenden Auslagen abzuziehen. Nach erfolgtem Abzug soll

er über seinen Gewinn frei verfügen.

Der Graf verpflichtet sich dem Grafen Cobenzl gegenüber noch zur

Angabe der Herstellung von Blau und Grün, der Verfeinerung von Ölen,

des Krempelns von Leder zur Herstellung von Hüten oder zu jedem

anderen, ihm bekannten Gebrauch, sowie zur Bekanntgabe jedes anderen

Geheimverfahrens oder jedes geeigneten Mittels, um die Manufakturen zur

größten Vollendung zu bringen.

Graf Surmont hat diese Bedingungen unterzeichnet.

4. und 5. Gerberei usw.

Eine Ochsenhaut im Gewicht von 70 Pfund kostet, gegerbt und

zugerichtet, einschl. des Arbeitslohns und der Unkosten 14 Gulden 15

Sols. Die Haut verliert gewöhnlich die Hälfte ihres Gewichts und wird

mit 9 Sols das Pfund verkauft, somit 35 Pfund = 15 Gulden 15 Sols. Der

Gewinn auf jede Haut beträgt 1 Gulden 10 Sols oder 11 Prozent.

Eine Kuhhaut im Gewicht von 45 Pfund, gegerbt und zugerichtet, kostet 7

Gulden 15 Sols. Völlig appretiert wiegt sie nur 15 Pfund und wird das

Pfund zu 14 Sols verkauft, also für 10 Gulden 10 Sols. Der Gewinn für

jede Haut beträgt 2 Gulden 15 Sols oder etwa 29 Prozent.

Eine Kälberhaut im Gewicht von 12 Pfund, gegerbt und zugerichtet,

kostet 3 Gulden. Appretiert wiegt sie nur 4 Pfund und wird das Pfund zu

17,5 Sols verkauft, also für 3 Gulden 10 Sols. Gewinn 10 Sols pro Haut

oder 16 Prozent.

1 Dutzend Ziegenfelle im Gewicht von 20 Pfund kommt auf 23 Gulden.

Appretiert wiegen diese Häute nur 18 Pfund und werden das Pfund zu 2

Gulden, also zu 36 Gulden verkauft. Gewinn für 1 Dutzend also 13 Gulden

oder etwa 55 Prozent.

Mit Sumach in Fett gegerbtes Maroquinleder, gleichfalls im Gewicht von

20 Pfund, kommt pro Dutzend auf 18 Gulden 15 Sols. Appretiert wiegt es

nur 16 bis 17 Pfund und wird das Pfund zu 2 Gulden 16 Sols verkauft,

also etwa 44 Gulden 5 Sols. Der Gewinn für 1 Dutzend beträgt also 25

Gulden 10 Sols oder etwa 135 Prozent.

Rotes Maroquinleder, mit Galläpfeln gegerbt, kostet im Dutzend bei

gleichem Gewicht 32 Gulden 10 Sols. Appretiert wiegt es 12 Pfund und

wird das Pfund für mindestens 4 Gulden 15 Sols verkauft, somit 57

Gulden. Gewinn 25 Gulden 10 Sols pro Dutzend oder 68 Prozent.

Ebenso weißes Maroquinleder.

Das alles wird ohne die Geheimverfahren des Grafen Surmont hergestellt,

und zwar durch Mittel, mit denen sich noch weit schönere Farben noch

billiger herstellen lassen.

6. Färberei

Abschweifen der Seide

Durch das Geheimverfahren des Grafen Surmont sind bereits 50 Prozent

Gewinn erzielt; denn die Seide verliert nur ⅛ ihres Gewichts, beim

gewöhnlichen Verfahren das doppelte. Außerdem ist es weit billiger,

denn das Abschweifen der Seide kostet gewöhnlich 10 Sols pro Pfund,

hier aber höchstens 6.

Außer diesen Vorteilen ist die Seide weit schöner, stärker, voller und

nimmt die Farbe weit besser an als bisher.

Färben der Seide

+Rot.+ Ein Pfund Seide karmoisinrot zu färben kostet nur 21 Sols,

in Antwerpen 42 Sols. Der Unterschied beträgt also 100 Prozent. Die

gleiche Menge in Ponceaurot kostet nur 4 Gulden, in Antwerpen 24. Das

macht einen Unterschied von 500 Prozent. In Hochrot kostet die gleiche

Menge nur 40 Sols, in Antwerpen 12 Gulden; Unterschied 600 Prozent.

Feines Kirschrot kostet nur 20 Sols, in Antwerpen 4 Gulden; Unterschied

400 Prozent. Rosa 20 Sols, in Antwerpen 3 Gulden; Unterschied 300

Prozent.

+Violett.+ Ein Pfund Seide in feinem Purpurviolett und anderen

Violettarten kostet nur 18 Sols, in Antwerpen 36 Sols; Unterschied 200

Prozent.

+Gelb.+ Ein Pfund Seide in kräftigstem Gelb, z. B. für Litzen, kostet

nur 2 Gulden, in Antwerpen 10 Gulden; Unterschied 500 Prozent.

Die anderen Schattierungen entsprechend.

Färben von Tuch, Wolle, Kamelott, Ziegenhaar usw.

+Rot.+ Das Färben von Tuch, Wolle, Kamelott und Ziegenhaar in

Karmoisinrot, Hochrot, Scharlachrot und allen feinen roten Farben

kostet nur 7 Sols. Hier kosten diese Farben 28 Sols. Der Unterschied

beträgt 400 Prozent. Rosa unter 5 Sols, sonst 10 Sols; Unterschied 200

Prozent.

+Violett.+ Tuch, Wolle, Kamelott und Ziegenhaar kosten das Pfund nur 6

Sols, sonst 24; Unterschied 400 Prozent.

+Gelb.+ Tuch, Wolle, Kamelott und Ziegenhaar kosten pro Elle und Pfund

nur 2 Sols, sonst 4 Sols; Unterschied 200 Prozent.

Holzfärben

Nach Färben der Seide oder Wolle eignet sich das in den Kübeln

zurückbleibende Färbwasser nicht mehr zum Färben von Stoffen, wohl

aber zum Holzfärben ohne irgendwelche Unkosten. So wenig Gewinn diese

verschieden gefärbten Hölzer also abwerfen mögen, es ist Reingewinn.

Malfarben

Nach dem Holzfärben wird der Färbstoff niedergeschlagen. Auf dem Grunde

bleibt eine sehr schöne Malfarbe zurück, die gleichfalls nichts kostet.

7. Hutfabrikation

Graf Surmont besitzt ein Geheimverfahren zur Hutfabrikation, das sehr

großen Gewinn bringen kann. Er hat versprochen, es zu zeigen. Aber auch

ohne dies Verfahren wird die Hutfabrikation einen sehr anständigen

Gewinn abwerfen.

==================+==============+============+=================

|Bisherige |Künftig, | Gewinn

|Kosten im |inbegriffen | |

Gattung |Engros-Einkauf|Arbeitslohn | in | in

|in |und sonstige| Gulden | Prozenten

|Gulden |Unkosten | |

==================+==============+============+========+========

Hochfeiner Biber | 9--7--8 | 7--14-- |1--13--8| 18

Gewöhnlicher Biber| 7--9--8 | 6--10--8 | --19-- | 13

Halbbiber | 5--2--8 | 4--11-- | --11--8| 11

Gewöhnl. Halbbiber| 4--13--8 | 4--4--8 | --9-- | 10

In Betrieb sind 6 Walken. Jede stellt pro Tag 16 Hüte her, somit

tägliche Gesamtproduktion 96, in 250 Arbeitstagen jährlich 24000 Hüte

mit einem Gewinn von mindestens 20000 Gulden Kurant.

8. Aufstellung des Personals zur Leitung der Manufakturen

Gulden

Herr Rasse, Direktor 3000

„ de Lannoy, Subdirektor 2500

„ de Lannoy junior für die Korrespondenz 500

1 Buchhalter für die Färberei 500

„ „ „ Gerberei 500

1 Lagerverwalter 1000

------

Gulden 8000

Cobenzl an Kaunitz

Brüssel, 2. Juli 1763.

E. E. haben jetzt alles Material über unser Geheimverfahren in Händen.

Ich erwarte Ihre Entscheidung und möchte zu Ihrem Schreiben (vom 21.

Juni) nur noch ein paar Bemerkungen hinzufügen.

In solchen Dingen, glaube ich, täuscht man sich aus der Nähe wohl

leichter als aus der Entfernung. Die Gegenwart und Beredsamkeit

des Mannes kann blenden. Aus der Entfernung aber sieht man nur die

Tatsachen und prüft sie unbefangen. Um aber auch hier unbefangen zu

sein, habe ich Sachverständige zu Rate gezogen, und ein jeder hat

alle gefärbten Stoffe durchweg für wunderbar erklärt. Die geringen

Herstellungskosten geben ihnen gewiß hohen Wert. Unser Tressenfabrikant

und Seidenhändler Barbieri, unser Kamelottfabrikant Francolet und unser

Tuchfabrikant t’Kint bitten mich kniefällig um Beschleunigung dieser

Färberei, die sie für äußerst wertvoll für den Staat halten.

Die Holzfärberei ist ein Nebenprodukt, das keinerlei Ausgaben

verursacht. Wollen unsere und die Pariser Kunstschreiner das Holz

kaufen, so ist das ein Gewinn mehr; wo nicht, läßt man die Sache fallen.

Ist das Metall gut, wie ein von mir befragter Chemiker glaubt, so kann

es einträglich sein; wo nicht, so stellt man nur soviel her, als man

zur Herstellung des Wassers braucht, das sich zum Schwarzfärben des

Leders vorzüglich eignet. Die Herstellung von hundert Pfund Metall

genügt zum Färben von mehreren tausend Häuten. Ich nenne dies Wasser

wunderbar; denn ich habe selbst die Probe gemacht und es mit frischem

Wasser, im Verhältnis von 1 zu 60, gemischt. Es färbt das Leder

augenblicklich durch und durch, und zwar im schönsten Schwarz. Läßt man

das Leder ein paar Stunden darin, so zieht es sich derart zusammen,

daß eine sehr starke Kuhhaut so dünn wird wie ein Doppelbogen Papier,

ohne daß sie die Form verliert. Ich glaube mich nicht zu täuschen, wenn

ich sage, daß dies äußerst belangreich ist. Die Hutfabrikation ist

ebenfalls wichtig, und das gleiche gilt erwiesenermaßen für die Öle.

Wenn ich von all diesen Tatsachen überzeugt bin, so doch nicht vom

Reichtum meines Mannes. Ich sehe ein, daß er mir sein Geheimverfahren

überlassen hat, weil er in größter Not war und es selbst nicht

verwerten konnte.

Der Eventualvertrag, den ich mit ihm abgeschlossen habe[366], beweist,

daß die Geheimverfahren zwar durch die an ihn gezahlten Vorschüsse und

die Anlagekosten teuer zu stehen kommen, in der Folge aber tatsächlich

nichts kosten; denn diese Summen kommen in Anrechnung auf den dem

Grafen Surmont zugesagten Gewinnanteil. Auch habe ich für Ihre Majestät

nichts aufs Spiel gesetzt; denn Frau Nettine übernimmt das Ganze sehr

gern auf eigene Rechnung. Wenn aber Ihre Majestät, wie ich wünsche,

das Unternehmen für sich behält, so ist Frau Nettine bereit, den

Vorschuß zum üblichen Zinsfuß von 4 Prozent zu geben.

Würde dies Unternehmen mit dem Lotto und der Lotterie verbunden, so

wird sich hoffentlich bald zeigen, daß diese drei Unternehmungen eine

beträchtliche Einnahmequelle für die Staatsfinanzen bilden.

Kaunitz an Cobenzl

Wien, 5. Juli 1763.

Auf Ihren Bericht (vom 25. Juni) mit den ärgerlichen Einzelheiten

Ihrer Unternehmung in Tournai könnte ich sofort mitteilen, _daß Ihre

Majestät sich nicht mit einem Pfennig beteiligt_[367]. Doch ich will

der formellen Entschließung, die Ihnen zugehen wird, nicht vorgreifen.

Ich will auch nicht auf den Wechsel Ihrer Ansichten über die Person und

die Geheimmittel dieses Schwindlers hinweisen. Es genügt mir, ihn Ihnen

als solchen gekennzeichnet zu haben, trotz dem zuversichtlichen Ton,

mit dem Sie von seinen Reichtümern, seinem erhabenen Wissen und von den

Millionen reden, die er uns aus _Freundschaft_[367] für Sie und die

Familie Nettine verschaffen will.

Wenn ich auch in meiner Antwort auf Ihren ersten Bericht[368] über Ihre

Unternehmungen, der, wie ich jetzt sehe, _etwas spät_[367] kam, Ihnen

nicht unumwunden sagen wollte noch konnte, daß Ihre Begeisterung Ihnen

den klaren Blick für die Dinge trüben könne, so gab ich es Ihnen doch

-- Sie werden sich dessen entsinnen -- ziemlich deutlich zu verstehen

durch meine Abneigung, den von Ihnen berichteten Tatsachen Glauben zu

schenken. Ich gebrauchte den Ausdruck: Gegen Tatsachen lasse sich

nichts einwenden als das eine, ob man sie richtig gesehen habe. Zu

diesen Zweifeln fügte ich vorsichtshalber die Warnung, _die Interessen

Ihrer Majestät nicht aufs Spiel zu setzen_[369].

Diese Vorsicht war durchaus nötig. Sie schrieben mir damals: „Ich habe

Vorschüsse _in sehr geringem Betrage_[369] durch Frau Nettine geben

lassen.“ Heute übersteigt dieser _sehr geringe Betrag_[369] bereits

190000 Gulden[370]!

Das Bild, das ich Ihnen zugleich von diesem berühmten Abenteurer oder

Gauner gab -- denn schließlich ist ein Betrüger nichts anderes -- blieb

offenbar eindruckslos; denn Sie mögen geglaubt haben, das Rätsel zu

lösen, wie man seine Talente nutzbar machte, ohne seine Betrügereien

fürchten zu müssen. War doch Ihre stete Antwort auf meine Warnungen:

„Was kümmern uns seine Fehler, wenn wir nur seine Geheimmittel haben!“

Indessen war Ihre Majestät bei meinem Bericht über Ihren Brief und über

meine Antwort anderer Meinung. Der Schluß meines Berichtes lautete:

„Damit habe ich ihre großen Pläne weder verworfen noch gebilligt.

Möglicherweise befinden sich unter der großen Zahl von Geheimmitteln,

deren Ausbeutung so glänzende Erfolge verspricht, auch ein paar

recht brauchbare. Möglicherweise löst sich aber auch alles in Dunst

auf. Auf jeden Fall wäre es angezeigt, wenn Eure Majestät den Inhalt

meines Berichtes geheim halten wollten; denn im ersteren Falle würde

Saint-Germain zu sehr eine Entlarvung fürchten, und im zweiten Falle

müßte man die Schwachheit der Regierung, die sich von einem Schwindler

anführen ließ, mit einem Schleier zudecken[371].“

Das war mein Standpunkt im ganzen Verlauf unseres Schriftwechsels.

Obwohl er auf Sie scheinbar keinen Eindruck gemacht hat, habe ich

Ihnen lediglich aus Rücksicht und Freundschaft nicht mitgeteilt,

welches die Worte Ihrer Majestät über meinen Bericht waren. Ich teile

sie Ihnen hierdurch im größten Vertrauen mit:

„Ich bin völlig überzeugt, daß das von Ihnen entworfene Bild mehr

zutrifft als das Cobenzl’sche, und daß diese Torheit geheim gehalten

werden muß. Ich wünschte, der Minister wäre von ihr geheilt[372].“

Die Torheit ist also begangen, und die arme Frau Nettine, die ich von

Herzen bedauere, schwebt in großer Gefahr, die ganze Zeche zu bezahlen.

Wie ist es möglich, daß sie diesem Elenden auf seine schönen Augen hin

81720 Gulden vorschießen konnte? Wie konnten Sie Ihrerseits zusehen,

daß er 12280 Gulden bloß für Reisen und Verpflegung vertan hat[373]?

Wie konnte man sich abgesehen von alledem auf eine Ausgabe von 99935

Gulden[374] einlassen, ohne daß bisher für einen Pfennig Betriebsmittel

oder Rohstoffe für Ihre Fabriken angeschafft sind, ja ohne von dem

Betrüger die Geheimnisse erfahren zu haben, die scheinbar noch am

meisten versprechen? Sie sind seiner sicher, sagen Sie. Jawohl, so

sicher, daß ich mich nicht wundern würde, wenn er mit allem, um was

er Sie geprellt hat, eines schönen Morgens das Weite suchte und Sie

mit all Ihren Reichtümern und Ihren vier- bis fünfhundertprozentigen

Gewinnen sitzen ließe!

Doch nach allem, was ich Ihnen darüber schon geschrieben habe, ist

jede weitere Aussprache zwecklos. Ihre Berechnungen kommen mir vor wie

die eines Handwerkers, der sich sagt: „Ein Gehilfe bringt mir täglich

¼ Gulden ein; ich will also 400 annehmen; das macht 100 Gulden pro

Tag“. Aber wird man ihm auch soviel Arbeit liefern, daß er vierhundert

Gehilfen beschäftigen kann? Werden Sie soviel Absatz für Ihre ganz

gewöhnlichen gefärbten Stoffe finden, daß Sie dabei oft Ihre 4-500

Prozent verdienen, daß Sie auch nur die bisherigen Unkosten decken?

Hat man den Bedarf an gefärbten Stoffen im Inland berechnet? Denn an

das Ausland ist nicht zu denken, weder an England noch an Frankreich,

Holland, Italien, Deutschland usw.

Aber sei dem, wie ihm wolle, ich werde Ihrer Majestät über alles

genauen Bericht erstatten und dabei zu folgenden Schlußfolgerungen

kommen:

1. Die Fabriken eignen sich nicht zu Staatsbetrieben, weder der Sache

nach noch im Hinblick auf das Einzelne und die Verwaltungskosten.

2. Sollte trotz allem, was ich dagegen angeführt habe, die Herstellung

oder Ausbeutung von Surmonts Geheimverfahren einen Ertrag abwerfen, so

hat Frau Nettine den allerersten Anspruch darauf.

3. Somit kann man ihr nicht den Schutz und die Erleichterungen

abschlagen, die sie bei der Regierung beantragen wird, zumal es

Regierungsgrundsatz ist, den Manufakturen jede Förderung zu gewähren,

die mit der Verfassung des Landes vereinbar ist.

Ich hoffe, daß Ihre Majestät diese Schlußfolgerungen gutheißen wird,

kann mich aber nicht dafür verbürgen. Inzwischen geben bereits meine

früheren Briefe E. E. die erforderlichen Richtlinien.

Kaunitz an Maria Theresia

Wien, 21. Juli 1763.

Eure Kaiserliche Majestät werden sich erinnern, daß ich am 22. April

d. J.[375] einen Bericht des Grafen Cobenzl über die Riesengewinne

vorgelegt habe, die er sich von den Geheimverfahren in der Färberei

und mehreren anderen Handelsartikeln verspricht, die eine eigenartige

Persönlichkeit, früher als Graf Saint-Germain bekannt, zu besitzen

vorgibt.

Kaunitz wiederholt den Inhalt des Berichts von Cobenzl vom 8. und

seiner Antwort vom 19. April[376].

[Illustration: Staatskanzler Graf Kaunitz

Stich von Pazzi]

E. M. haben meine Auffassung der Sache und meine Weisungen an den

Grafen Cobenzl gebilligt. Die großen Projekte dieses Ministers sind

Ihnen selbst als eine Torheit erschienen, die geheim gehalten werden

müsse, und von der E. M. ihn geheilt zu sehen wünschten.

Was mir Graf Cobenzl seither über seinen Wundermann wie über dessen

Projekte berichtete, hat meine anfängliche Auffassung nur zu sehr

bestätigt. Je verdächtiger also die Sache wurde, desto mehr war ich

darauf bedacht, die Interessen E. M. sicherzustellen, und das ist mir,

glaube ich, auch gelungen. Trotzdem konnte ich nicht verhindern, daß

Frau Nettine bereits fast 200000 Gulden Vorschüsse für die Fabriken in

Tournai gezahlt hat[377], die von Graf Cobenzl auf Drängen Surmonts

angelegt worden sind.

Ehe ich jedoch auf diese Anlagen und ihre Bestimmung näher eingehe, muß

ich E. M. über die schwankenden Angaben des Grafen Cobenzl, über die

Persönlichkeit und die Reichtümer ihres Begründers berichten.

Zuerst sprach der Minister von diesen Reichtümern in einem Tone,

der jeden Zweifel ausschließen mußte. Trotzdem zweifelte ich und

ersuchte den Grafen Cobenzl um Angabe, welche Gewißheit er über diese

angeblichen Reichtümer hätte und welcher Art sie wären, ob sie in

Geld, Wertpapieren, Landbesitz oder Handelseffekten beständen. Auch

teilte ich ihm Anekdoten mit, aus denen hervorging, daß dieser Mann in

Frankreich gleichfalls mit seinen Reichtümern geprahlt hatte und in

seiner Dreistigkeit so weit gegangen war, vom Grafen Saint-Florentin

ein Landgut im Werte von 1800000 Livres in aller Form zu kaufen, daß

aber an den Zahltagen die versprochenen Rückstände und Wechselbriefe

nicht eintrafen und daß der Käufer Frankreich verlassen mußte[378].

Auf das alles antwortete mir der Minister am 28. April[379], Surmont

hätte das Gut Ubbergen in Holland gekauft, es zu zwei Dritteln bezahlt

und den Namen dieses Gutes angenommen. Außerdem besäße er Wertsachen,

die er bei Frau Nettine hinterlegen werde, und der Mann, der sie in

Seeland verpfändet hätte, schätze ihren Wert auf über eine Million.

Wie Graf Cobenzl zugab, spräche Surmont viel von seinen Reichtümern.

Doch wiederholte er, er müsse sehr reich sein; denn überall, wo er sich

aufgehalten, hätte er fabelhafte Geschenke gemacht und viel ausgegeben,

_ohne irgendwo Schulden zu hinterlassen_[380].

Der Graf von Saint-Germain: Das Leben eines Alchimisten · 第 15 / 24 段