Sache, und so muß ich ihm gegenüber das Geheimnis wahren, das er mir
darüber anvertraut hat. Er prahlt allerdings gelegentlich damit, aber
unmöglich kann man an seinen Wundern zweifeln. Ich habe ihm tausend
Einwände gemacht, aber er hat sie alle widerlegt: Ursache und Wirkung
haben mich völlig überzeugt.
Die unbesonnene Bemerkung, die ihm entfahren sein soll, kann zutreffen.
Wie gesagt, ist er in dieser Hinsicht ruhmredig. Ein Mensch, der seine
Herkunft verbergen will, macht bisweilen ungewöhnliche Äußerungen, um
die, welche ihn ausforschen wollen, irrezuführen. Aber nochmals: das
tut nichts zur Sache.
Die Person, die ihn durch Überraschung entlarven wollte, hat ihn
nicht gekannt. Er hat tausend Chemikalien in seinem Zimmer, mit denen
er gar nichts macht. Er streut sie umher, damit man nicht auf die
kommt, die er wirklich benutzt. Bei seinem Charakter wird man ihm sein
Geheimnis durch Überrumplung nicht entreißen. Er überläßt es mir aus
Freundschaft, und sicher wird er es nicht anders überlassen.
Er spricht von seinen Reichtümern und muß große besitzen; denn überall,
wo er war, hat er prachtvolle Geschenke gemacht, viel ausgegeben und
nie jemand um etwas gebeten, auch nirgends Schulden hinterlassen. Der
Umstand mit dem Landgut des Herrn von Saint-Florentin ist mir nicht
bekannt. Aber ich habe Einsicht in Schriftstücke gehabt, aus denen
ich den Grund seiner Reise nach Holland ersah. Es handelte sich um
folgendes.
Der Marschall Belle-Isle, dem er besonders nahestand, schickte
ihn insgeheim nach Holland, um mit dem General Yorke über einen
Sonderfrieden zu verhandeln. Das hat er getan; d’Affry wurde
eifersüchtig und beschwerte sich lebhaft. Der Herzog von Choiseul
war über die Sache wie über die Form aufgebracht und verfuhr gegen
Saint-Germain in der allgemein bekannten Weise[346].
Ich habe die Schriftstücke gesehen und finde auf Saint-Germains Seite
kein Verschulden. Aber selbst wenn ein solches vorläge, täte es
nichts zur Sache; denn hier handelt es sich nur um Erlangung seiner
Geheimmittel. Ich habe anfangs gefürchtet, daß Frankreich, nachdem es
ihn aus Holland und England vertrieben hat, ihn auch hier verfolgen
möchte. Aber er ist schon seit vier Monaten hier, und Frankreich hat
bisher nichts unternommen. Daß dies noch geschehen könnte, fürchte ich
um so weniger, als Frau Nettine den Grafen Starhemberg[347] und Herrn
de Laborde[348] aufklären wird, und diese werden sicher verhindern, daß
Frankreich bei uns seinethalben vorstellig wird.
Nach seiner Abreise aus England hat er sich in Holland aufgehalten. Er
hatte dort besonders enge Beziehungen zum Grafen Bentinck[349], Herrn
van Gronsfeld-Diepenbroek[350] und dem Bürgermeister Hasselaar[351]
in Amsterdam. Er hat das Gut Ubbergen gekauft[352], nach dem er sich
_Surmont_ nennt. Dort wollte er eine Manufaktur einrichten. Der
Zufall führte ihn hierher, und er besuchte mich auf der Durchreise.
Seine Kenntnisse in der Malerei und Zeichenkunst bildeten den
Anknüpfungspunkt; allmählich kam er auf seine Entdeckungen zu sprechen.
Infolge meiner Ungläubigkeit ging er auf Einzelheiten ein. Da ich für
Freundschaft empfänglich bin, bezeigte ich ihm die meine und machte ihn
mit Frau Nettine bekannt. Die ausgezeichnete Erziehung, die sie ihren
Kindern gibt, machte ihm Eindruck, und er schloß sich derart an sie und
an mich an, daß ich glaube, wir könnten ihn zu allem bringen.
Das ist seine ganze Geschichte. E. E. werden sobald wie möglich
genaue und ausführliche Einzelheiten über alle unsere Versuche nebst
den Proben unserer Erzeugnisse erhalten und daraus erkennen, daß die
Sache ihre Richtigkeit hat. Inzwischen wollen E. E. überzeugt sein,
daß wir uns auf übermäßige Ausgaben nicht einlassen werden, und daß
ein glücklicher Zufall uns durch diesen Mann, mag er sein, wer er
will, ein Mittel geschenkt hat, um unsere Provinzen zu bereichern und
den Staatsfinanzen einen vielleicht über Erwarten großen Gewinn zu
verschaffen.
Kaunitz an Cobenzl
Wien, 10. Mai 1763.
Die Auskünfte Eurer Exzellenz zur Behebung meiner Zweifel an all den
Wundern, die Herr von Surmont zugunsten unserer Finanzen wirken soll,
vermehren nur meine Überraschung. Noch einmal: ich habe gegen Tatsachen
nichts einzuwenden und glaube, wie E. E. schreiben, daß man mit einer
Chemikalie, mit der man ein Stück Stoff färbt, auch mehrere färben
kann. Weniger leicht ist der Nachweis, daß, wenn das Färben eines
Stückes nur einen Gulden kostet, das Färben von tausend Stück sich
nur auf tausend Gulden beläuft. Zur Herstellung im Großen bedarf es
der Vorbereitungen, besonders bei chemischen Verfahren. Dazu kommt die
Verwaltung, die Notwendigkeit, seine Geheimverfahren einer großen Zahl
von Menschen mitzuteilen, tausend Zufälle, die durch Nachlässigkeit,
Untreue oder Faulheit der Arbeiter entstehen, die Preissteigerung der
Herstellungsmittel infolge starken Bedarfes. Alle diese Unkosten müssen
berechnet und von dem Gewinn abgezogen werden, der aus einem Versuch im
Kleinen errechnet ist. Hier gilt nicht die gewöhnliche Rechnung, daß
zwei mal zwei vier ist. Deshalb gab ich E. E. zu bedenken, daß zwischen
einem Versuch im Kleinen und der Herstellung im Großen ein himmelweiter
Unterschied ist, und daß man bei dergleichen Untersuchungen nicht
auf einfachen Versuchen fußen kann. Bliebe mir somit auch nicht
der geringste Zweifel mehr über das Vorhandensein der wunderbaren
Geheimverfahren des Herrn von Surmont, so kann ich mich doch nicht
überzeugen, daß sie im Großbetrieb einen so sicheren und gewaltigen
Gewinn abwerfen, wie er ihn in Aussicht stellt.
Auch die Geschichte von seinen Wertsachen, die auf eine Million
geschätzt und doch in Seeland verpfändet sind, erscheint mir höchst
verdächtig. Ein so schwer reicher Mann, der ein ganzes Peru in seiner
Brieftasche trägt, verpfändet seine Wertsachen und besitzt ein Landgut,
das er noch nicht bezahlt hat! Wie Sie mir zugeben werden, lieber Graf,
sind das auffällige Widersprüche.
Aber schließlich halten die von Ihnen gesehenen und von
Sachverständigen geprüften Tatsachen mich ab, diesen Zweifeln und
Schwierigkeiten ganz nachzugeben. Ich bin nicht überzeugt, aber ich
möchte es werden, und deshalb mache ich mir Sorge darüber, daß Sie
sich für die Anlage von so kostbaren Manufakturen eine Stadt an der
Grenze ausgesucht haben. Sie müssen dort notgedrungen die ganze
Aufmerksamkeit und Eifersucht unserer Nachbarn erregen. Auch Herr
von Surmont selbst ist dort nicht völlig sicher. Ich bin wirklich
überrascht, Herr Graf, daß Sie, der Sie sich als Augenzeuge gewiß mehr
von seinen Geheimmitteln versprechen, als ich bisher zu hoffen vermag,
nicht gefürchtet haben, den ganzen Kram so aufs Spiel zu setzen, indem
Sie ihn in Tournai anlegen. Doch auch das wird seine Gründe haben.
Somit erwarte ich mit Spannung Ihre Denkschrift und Ihre Proben.
Cobenzl an Kaunitz
Brüssel, 19. Mai 1763.
Ich will E. E. heute nicht mit langen Einzelheiten über Herrn von
Surmont belästigen; denn ich hoffe, bald einen eingehenden Bericht
übersenden zu können. Alles Wunderbare oder Unbegreifliche überrascht,
selbst wenn man es greifbar vorgeführt sieht. Die vorzügliche Qualität
und die Billigkeit muß uns den Vorrang in der Färberei und Gerberei
geben. Ich hoffe, die Proben zu erhalten, und werde sie E. E. sofort
übersenden. Inzwischen darf ich versichern, daß ich keinen Schritt
ohne Frau Nettine tue, und daß wir uns in den Ausgaben beschränken.
Als Ort habe ich Tournai bestimmt, weil die Anlage dort billiger
ist und ich dort einen Vertrauensmann und Sachverständigen für die
Manufakturen (Rasse) habe, schließlich auch, weil ich dort am wenigsten
Schwierigkeiten mit den abscheulichen Zünften befürchte. Mein Mann
kommt heute aus Tournai zurück und wird in zwei bis drei Tagen mit
Herrn von Nettine wieder hinfahren. Dieser letztere allein soll in das
Geheimverfahren eingeweiht werden, und dies ist derart, daß weder die
Arbeiter noch die Werkmeister es je erraten können. Frau Nettine hat
bei ihrer Reise nach Paris nichts Ungünstiges über unseren Mann gehört
und sich durch ihre Schwiegersöhne die Sicherheit verschafft, daß wir
bei keiner einzigen Unternehmung Widerstand zu befürchten haben. Sobald
Herr Nettine das Geheimverfahren kennt, werden wir einen richtigen
Vertrag aufsetzen, den ich E. E. zur Genehmigung unterbreiten werde.
Damit werden unsere großen Hoffnungen, die ich auf das Unternehmen
setze, zur Gewißheit werden.
Brüssel, 27. Mai 1763.
Ich beehre mich, E. E. die Proben von Metall, gefärbter Seide,
Wolle, Leder und Holz zu übersenden. Ich habe die Päckchen mit den
vom Erfinder versehenen Aufschriften und den von ihm gegebenen
Erläuterungen gelassen. Ich hoffe, E. E. werden alles vortrefflich
finden. Ich wiederhole nur, daß all diese schönen Färbungen mit den
einfachsten Mitteln hergestellt sind, und daß keine Cochenille verwandt
ist; somit ist alles sehr billig. Alle anderen Farben sind in gleicher
Weise zu erzielen. Grün gefärbte Seide, Wolle oder Holz habe ich nicht
gesehen, aber wie mein Mann sagt, kann er auch das machen.
Sehr wichtig ist, wie ich selbst nachgeprüft habe, daß man nach
erfolgter Färbung aus dem Farbwasser die schönsten Malfarben, selbst
Ultramarin, gewinnt; bisher aber brauchte man zum Blau Cochenille. Der
Erfinder glaubt jedoch, ein Verfahren zu finden, wo dies sich erübrigt.
Doch ich kann nur für das einstehen, was ich selbst sah.
Nächsten Sonntag[353] fährt er mit Nettine nach Tournai und wird
uns alle seine Geheimverfahren angeben. Nettine wird sie selbst
ausprobieren, bis er sicher ist, sie nachahmen zu können. Danach werden
wir unseren Vertrag entwerfen, und ich werde ihn E. E. zur Genehmigung
vorlegen.
Ich brauche wohl nicht hinzuzufügen, daß diese Farben nicht die
einzigen sind, mit denen wir färben können. Befehlen E. E. noch andere
zu haben, so bedarf es nur der Zusendung einer Probe.
Brüssel, 28. Mai 1763.
Nach Abgang der Proben, die ich E. E. übersandte, übergab mir Herr
von Surmont die beiliegende Denkschrift, die zur weiteren Erläuterung
dient[354]. Ich hoffe, in einigen Tagen melden zu können, daß er uns
seine Geheimverfahren angegeben hat; denn er wird morgen bestimmt mit
dem jungen Nettine abreisen.
Dorn[355] an Cobenzl
Wien, 8. Juni 1763.
Der Herr Kanzler wollte heute die drei Briefe E. E. vom 27. und 28. Mai
d. J. beantworten, wurde aber durch eine starke Kolik daran verhindert.
Ich beehre mich also, E. E. in seinem Auftrage mitzuteilen, daß die
Proben von gefärbter Seide und Wolle hier nicht die gleiche Bewunderung
erregt haben wie in Brüssel. Das Färben von Holz ist keine Seltenheit
und eignet sich nicht zu einem Handelsartikel, der in Wettbewerb mit
über fünfzig indischen Holzarten treten muß. Diese sind eine schöner
als die andere und sämtlich von einer Überlegenheit in den Farben und
auch sonst für die Kunstschreinerei so viel besser geeignet, daß man
sie stets Ihren billigen gefärbten Hölzern vorziehen wird. Die Metalle
sind das verdächtigste und zugleich das belangloseste von all diesen
Wundern. Nur das Leder scheint einige Beachtung zu verdienen. Es
werden Musterkarten von gefärbter Seide und Wolle, die wir hier haben,
aufgestellt werden. Neben jeder Gattung wird der Preis für ein Pfund
vermerkt. Eine andere Musterkarte wird über gefärbtes Leder aufgestellt
werden. Die Metalle werden chemisch geprüft und analysiert werden.
E. E. sollen alle Auskünfte erhalten, die wir uns über diese Dinge
beschaffen können.
Inzwischen aber sind wir weit entfernt, sie für so äußerst
gewinnbringend zu halten, wie man es in den Niederlanden hofft. Der
Herr Kanzler kann also nicht umhin, E. E. mitzuteilen, daß alle
Vorarbeiten, die etwa zur Herstellung im Großen im Gange sein sollten,
einzustellen sind, und daß mit Herrn von Surmont nichts abzuschließen
ist, bis wir in der Lage sind, Ihnen den ausdrücklichen Befehl Ihrer
Majestät hierüber kundzugeben.
Damit soll aber nicht alles verworfen werden. Unter diesen
Geheimverfahren befinden sich einige, die, im Kleinen angewandt, wohl
etwas Gewinn abwerfen könnten. Aber nach den Proben zu urteilen,
befindet sich darunter nichts, dessentwegen man so große Ausgaben aufs
Spiel setzen dürfte, wie sie schon die Vorbereitungen zur Anlage eines
Großbetriebes vielleicht erfordern.
Herr von Surmont verspricht uns in seiner Denkschrift zwar Fortschritte
in der Feinheit und Leuchtkraft der Farben; er müßte aber doch wissen,
daß wir uns ein Urteil darüber nur aus den Proben bilden können, und
die sprechen so wenig zu seinen Gunsten, daß unsere hiesigen Farben
für Seide weit besser sind als die seinen. Es überrascht uns hier
etwas, daß man seine Erzeugnisse nicht mit anderen verglichen hat,
oder, wenn dies geschehen ist, daß man sich hat täuschen können. Man
hat in Brüssel -- oder sollte sie doch haben -- die prachtvollen
englischen und die glänzenden, schönen französischen Farben, mit denen
die des Herrn von Surmont keinen Vergleich aushalten. Werden diese
doch selbst von unseren Wiener Farben übertroffen. Die Billigkeit
kann diesen Mangel nicht aufwiegen; denn entweder will man nur für
den Absatz in den Niederlanden arbeiten, und dann ist die Sache gewiß
nicht der Mühe wert, oder man will auch ans Ausland verkaufen und
dessen Seiden zum Färben ins Land ziehen. Im letzteren Falle würden
aber die Frachtkosten und Kommissionsgebühren, der Zeitverlust und
zu alledem die Minderwertigkeit der Farben den Gewinn, der aus der
Billigkeit entspringen könnte, auf ein Nichts herabdrücken. Das Färben
ohne Cochenille und Indigo ist kein Kunststück. Kunckel, Lémery[356]
und viele andere sehr verbreitete Bücher geben das Geheimnis und das
Verfahren der Herstellung an. Nur wenn man ohne diese Farbstoffe so
lebhafte, schöne, leuchtende und haltbare Farben herstellen könnte wie
diejenigen, die auf Cochenille, Indigo und anderen teuren Farbstoffen
beruhen, so wäre das ebenso ertragreich wie selten. Aber gerade das
vermißt man bei den Surmont’schen Proben.
Was ich E. E. mitzuteilen habe, schließt nicht aus, daß Sie Herrn
von Surmont in der bisherigen Weise weiter empfangen. Im Gegenteil,
man darf ihm kein Mißtrauen zeigen. E. E. wollen nur darauf bedacht
sein, nichts zu unternehmen, nichts abzuschließen und keine erhebliche
Ausgabe zu machen, bis der Herr Kanzler Ihnen die Absichten Ihrer
Majestät über die Gesamtheit Ihrer Unternehmungen mitteilen kann.
Hiervon wollen E. E. auch Frau Nettine in Kenntnis setzen.
Dorn an den Kommerzienrat Thys in Klagenfurt
(Wien, 9. Juni 1763.)
Im Vertrauen auf Ihre Einsicht und Rechtschaffenheit möchte der Herr
Kanzler Sie über eine Angelegenheit um Rat fragen, die für Ihre
Heimat, die Niederlande, ebenso belangreich ist wie für den Dienst
Ihrer Majestät. Somit möchten Sie nach Empfang dieses Schreibens oder
wenigstens baldmöglichst mit der Post hierher kommen. Die Reisekosten
werden Ihnen erstattet.
* *
*
Über das Ergebnis der Untersuchungen von _Thys_ berichtet Kaunitz am
21. Juli 1763 an Maria Theresia:
„Da es sich um eine Unternehmung handelte, die nach Cobenzls ständig
wiederholter Versicherung von größtem Nutzen für den Staat sein sollte,
und ich in meinem Eifer dies Ziel sehnlichst herbeiwünschte, ließ
ich aus Klagenfurt den Kommerzienrat Thys kommen, um ihn insgeheim
zu Rate zu ziehen. Er hatte der hiesigen Beurteilung der Proben von
Surmonts Geheimverfahren und der Unzuträglichkeit ihres Staatsbetriebes
nichts hinzuzufügen und hielt es gleichfalls für unmöglich, diesen
Erzeugnissen einen Absatz zu verschaffen, der den in den Niederlanden
gehegten überspannten Erwartungen entsprach. Durch einen praktischen
Versuch in Gegenwart des Departements-Referenten[357] stellte er
fest, daß die meisten Surmont’schen Farben nicht mal die erforderliche
Qualität besaßen. Auch war er überzeugt, daß das Gelb, wenn es auch
leuchtender war als das hiesige, gegen das französische und englische
Gelb nicht aufkommen kann. Schließlich hatte Surmont in seiner
Denkschrift[358] erklärt, daß in den Niederlanden niemals Stoffe aus
Ziegenhaar gefärbt worden seien, wie er sie zu färben sich anheischig
machte, aber Thys versicherte, er selbst hätte Brüsseler Kamelott in
dem gleichen Kübel mit Tuch zusammen scharlachrot gefärbt, und beides
sei gleich gut ausgefallen.“
Cobenzl an Kaunitz
Brüssel, 19. Juni 1763.
E. E. erhalten demnächst einen ausführlichen Plan der Manufaktur in
Tournai. Wenn die Sache auch nicht so großartig ist, wie ich geglaubt
habe, werden hoffentlich E. E. die Überzeugung gewinnen, daß der
Versuch sich lohnt.
Kaunitz an Cobenzl
Wien, 21. Juni 1763.
Die Vorstellung, die Sie immer noch von den angeblichen Geheimnissen
Ihres Adepten haben, steigert sich nachgerade zur Begeisterung. Das
geht über meine Begriffe. Da Sie an Ort und Stelle die gefärbten
Stoffe mit den englischen, französischen und holländischen vergleichen
und durch sachkundige Kaufleute den Umsatz der Färberei in Europa
abschätzen lassen können -- wie ist es da denkbar, daß Sie sich
einbilden, Ihre Farben, die, bis auf das Gelb, tatsächlich ganz
gewöhnlich sind, würden Nachfrage finden oder es ergäbe sich die
Möglichkeit zu einem anständigen Gewinn? Dabei spreche ich gar nicht
einmal von dem Riesengewinn, den man Ihnen eingeredet hat. Da Sie
absolut nichts Neues zu bieten haben, kommt auch ein Monopol gar nicht
in Frage, der einzige Weg, auf dem sich Neuheiten wenigstens für eine
Zeitlang ausbeuten lassen.
Ihre Hölzer und Metalle sind nur Armseligkeiten -- verzeihen Sie mir
den Ausdruck, mein lieber Graf! Von dem Holze zu reden, lohnt nicht
einmal die Mühe. Was haben Sie mit dem Metall vor? Gesetzt, es eignete
sich zur Herstellung von Leuchtern, Lichtputzern, Feuerzeugen usw.,
wollen Sie für das alles Werkstätten anlegen oder das Metall in Barren
oder Blöcken verkaufen? In diesem Falle wird es entweder nachgeahmt,
und Sie haben nur die Unkosten davon, oder es kommt in Mißkredit durch
die Mängel, die so viele verschiedene minderwertige Verbindungen von
Kupfer und Zink in Verruf gebracht haben, wie Tombak, Similor u. a.
m., die eines guten Goldüberzuges bedürfen, um erträglich zu sein. Im
ersten Falle aber frage ich: Wo ist die Aussicht auf Riesengewinne?
Wo ist auch nur die Möglichkeit, die Konkurrenz so vieler, schon
bestehender derartiger Fabriken aus dem Felde zu schlagen? Welche
Sicherheit haben Sie, auch nur die Anlage-, Verwaltungs- und
Betriebskosten zu decken?
Von Ihren Ölen will ich schweigen. Wie ich mir Ihren Abenteurer
vorstelle, muß ich glauben, daß es ihm gelingen wird, Ihnen auch
hierbei wie bei allem übrigen etwas vorzumachen. Wie, Herr Graf?
Jemand, der anderthalb Millionen Vermögen und so wunderbare
Geheimmittel besitzt, sollte nicht selbst Gebrauch davon machen,
sondern Ihnen aus purer Freundschaft seine Reichtümer ausliefern?
Wahrhaftig, ein derartiges Benehmen spricht aller Wahrscheinlichkeit
zu sehr Hohn, als daß es auf irgendwen Eindruck machen könnte. Wäre der
Mann seiner Sache gewiß, er brauchte Sie nur um Genehmigung zu bitten
und dann auf eigene Rechnung zu arbeiten. Aber seine Geheimmittel
werden teuer zu stehen kommen, so sagen E. E. jetzt selbst, und doch
soll ihre Ausbeutung spottbillig sein. Mich deucht, wir stehen damit
vor der Lösung des Knotens, und so erklärt sich auch die Freundschaft,
die ihn zu seinen vertraulichen Eröffnungen gedrängt hat.
Wie dem aber auch sei, ich habe Sie rechtzeitig gewarnt, kein Geld auf
Kosten Ihrer Majestät aufs Spiel zu setzen. Ich nehme daher an, daß Sie
nicht zu weit gegangen sind, und warne Sie nochmals, etwas aufs Spiel
zu setzen, bis wir auf Grund Ihrer Denkschrift klar, ganz klar sehen.
Erst dann können wir Sie zu beträchtlichen Ausgaben oder kostspieligen
Verpflichtungen ermächtigen.
Cobenzl an Kaunitz
Brüssel, 25. Juni 1763.
Ich berichte E. E. ganz gehorsamst über alles, was ich mit meinem
eigenartigen Manne abgeschlossen habe. Der Ordnung halber muß ich einen
Teil von dem wiederholen, was ich in meinen früheren Berichten gesagt
habe.
Der Mann suchte mich hier gleichsam nur auf der Durchreise auf.
Trotzdem seine Lebensgeschichte und selbst seine Person in
geheimnisvolles Dunkel gehüllt ist, fand ich bei ihm hervorragende
Begabung für alle Künste und Wissenschaften. Er ist Dichter, Musiker,
Schriftsteller, Arzt, Physiker, Chemiker, Mechaniker und ein
gründlicher Kenner der Malerei. Kurz, er hat eine universelle Bildung,
wie ich sie noch bei keinem Menschen fand, und er spricht alle Sprachen
fast gleich gut, am besten Italienisch, Französisch und Englisch. Er
hat fast die ganze Welt bereist, und da er bei all seinen Kenntnissen
sehr unterhaltsam war, verbrachte ich meine Mußestunden sehr angenehm
mit ihm. Ich kann ihm nur häufige Prahlereien über seine Talente und
seine Herkunft zum Vorwurf machen.
Bis dahin drehten sich unsere Gespräche nur um Gegenstände der Bildung
und Unterhaltung. Als er aber von seinen Geheimmitteln anfing, mir
davon Erzeugnisse zeigte und Hoffnung machte, sie mir mitzuteilen,
wollte ich mich nicht länger auf mich allein verlassen und machte
ihn mit Frau Nettine bekannt. Sie war von den Talenten des Herrn von
Surmont nicht weniger begeistert als ich. Er bezeugte die größte
Freundschaft für sie, ihre Familie und für mich selbst, und wir ersahen
daraus, daß es nur von uns abhing, in Besitz aller seiner Geheimmittel
zu kommen. Also prüften wir eifrig ihre Brauchbarkeit und ersahen aus
manchen Proben und den Gutachten aller Sachverständigen, daß sein
Metall vielleicht gut ist, daß seine Färbstoffe hervorragend sind, daß
seine Hölzer weit besser ausfallen als die in Frankreich gefärbten, daß
seine Lederarten von größter Bedeutung sind, und daß seine Hüte einen
sehr erheblichen Handelsartikel bilden können.
Je weiter wir mit ihm kamen, desto mehr erkannten wir, daß seine
seltenen Gaben Hand in Hand mit äußerstem Eigensinn gingen, daß
er unseren Wünschen nur entgegen kam, damit wir uns den seinen
anbequemten, und daß es kein anderes Mittel gäbe, seine Geheimmittel
zu erlangen, als in die Anlage einer Fabrik zu willigen. Hierzu wählte
ich die Stadt Tournai aus den früher genannten Gründen[359]. Doch
dazu waren Ausgaben nötig. Um mich darauf einzulassen, hätte es der
vorgängigen Erlaubnis bedurft, die ich aber von E. E. nicht erlangen
konnte. So sprang denn Frau Nettine mit ihrem gewohnten Eifer ein und
erklärte sich, wie sie selbst an den Herrn Referendar schrieb[360],
gern bereit, das Unternehmen auf eigene Rechnung zu führen, falls Ihre
Majestät es nicht übernehmen wolle.
Die Anlage 1 enthält die Aufstellung der von ihr bereits aufgewandten
sowie der noch weiter erforderlichen Summen.
Wir haben also unsere Manufaktur begründet. Der Graf ist mehrfach nach
Tournai gereist, und der Kaufmann Rasse, bei dem ich ihn untergebracht
hatte, hat ihn mit größtem Eifer unterstützt.
Unterdessen erzählte der Graf uns von seinen Reichtümern, insbesondere
von den Wertsachen, die er in Holland hätte. Wir wollten Erkundigungen
darüber einziehen, und der Kaufmann aus Nimwegen, sein Geschäftsfreund,
veranschlagte sie auf mindestens eine Million. Da der Graf kein Geld
hatte und seine Wertsachen herkommen lassen wollte, machte Frau Nettine
ihm die in Anlage 2 aufgeführten Vorschüsse. Wir merkten indes, daß
der Nimweger Geschäftsfreund mit ihm unter einer Decke stecken mußte;
die hier eingetroffenen Wertsachen waren ganz unbedeutend, und was in
Holland verblieben ist, besteht nur aus Gemälden, die er sehr hoch
bewertet, die aber wenig Wert zu haben scheinen. Außerdem merkten wir,
daß der Graf verschuldet war und von seinen Gläubigern in Holland
gedrängt wurde. Dazu herrscht in seinen Privatverhältnissen so wenig
Ordnung und Sparsamkeit, daß wir angesichts seiner Kenntnisse darüber
staunen.