infolge seiner Eroberungen die Hoffnungen höher schraubte, oder ob es
gar mit der Erklärung des Versailler Ministeriums über den Kongreß[318]
unzufrieden war, kurz, das Ministerium beauftragte den englischen
Vertreter im Haag, Yorke, mit der Mitteilung an den französischen
Gesandten d’Affry, der König von Großbritannien wäre zum Frieden
geneigt und böte seine Hand zur Abhaltung eines Sonderkongresses,
falls Frankreich die ungeschmälerte Erhaltung Preußens zur Grundlage
der Präliminarien mache. Frankreich antwortete, es wünsche zwar nichts
sehnlicher als die Beilegung seiner Streitigkeiten mit England. Da
es aber mit Preußen gar nicht im Kriege liege, so könne es über die
Interessen des Königs von Preußen nicht zugleich mit denen Seiner
Britischen Majestät verhandeln. Mit dieser Antwort schwand die ohnedies
schwache Hoffnung, die man auf die ganze Verhandlung gesetzt hatte.
XIII
+Aus+: „_The London Chronicle_“[319]
Freitag, 2. Mai 1760.
Haag, 26. April. Ein gewisser Graf Saint-Germain, von dem seit über
drei Monaten viel gesprochen wurde, ist verschwunden. Auf Antrag einer
benachbarten Macht sollen die Generalstaaten einen Verhaftsbefehl gegen
ihn genehmigt haben. Er ist nach London entflohen, der Abfallgrube von
Paris und Rom.
Montag, 5. Mai 1760.
Der Graf Saint-Germain, der in unserer letzten Nummer als aus Holland
hier angekommen gemeldet wurde, ist ein Ausländer, dem der König von
Frankreich in seinem Lande Zuflucht gewährt hat. Da er fand, daß die
Freiheit, mit der er von den öffentlichen Angelegenheiten sprach, ihn
in eine schiefe Lage bringen konnte, verließ er Paris und ging nach
Holland, wo er angeblich mit ganz geheimen Unterhandlungen zwischen
Frankreich und der Republik betraut war. Herr d’Affry stellte einen
förmlichen Antrag, ihn zu verhaften und ihn unter guter Bedeckung nach
Antwerpen zu schicken[320], von wo er nach Frankreich gebracht werden
sollte. Aber der angebliche Graf bekam rechtzeitig Wind davon und
entfloh nach England.
Freitag, 9. Mai 1760.
Der Mann, der in Holland unter dem Namen Graf Saint-Germain auftrat ...
und kürzlich in England eingetroffen ist, wurde in seiner Wohnung in
London ermittelt und in polizeilichen Gewahrsam gebracht.
Montag, 26. Mai 1760[321].
Rotterdam, 18. Mai. Der Graf Saint-Germain ist in London in Freiheit
gesetzt worden und hier eingetroffen[322]. Noch während seiner
Gefangenschaft hatte er zahlreiche Unterredungen mit mehreren
Mitgliedern des Geheimen Rats, die zu noch weiteren Mutmaßungen Anlaß
geben. (_Gazette de Bruxelles._)
Montag, 30. Juni 1760[323].
Wie wir aus Paris erfahren, haben mehrere vornehme Personen beim König
Schritte zugunsten des Grafen Saint-Germain getan, der so viel von sich
reden machte. Seine Majestät war im Begriff, ihm zu verzeihen, als es
sich herausstellte, daß der Graf ein Spion des Königs von Preußen am
französischen Hofe und sein Vertreter bei Frau von Pompadour war.
Freitag, 22. August 1760.
Wie wir erfahren, hat der berühmte Graf Saint-Germain, der vor kurzem
hier war, sich in Altona niedergelassen.
XIV
Graf Danneskjold-Laurwigen[324] an Saint-Germain
Kopenhagen, 3. April 1760.
Gern hätte ich den brieflichen Verkehr mit Ihnen fortgesetzt, solange
ich nicht das Glück habe, Sie zu sehen. Aber ich kenne leider Ihre
Adresse nicht, und ich wagte Sie nicht zu stören, bis der Kammerherr
Baron von Gleichen[325] mir versicherte, daß Sie mich mit Ihrem
Angedenken beehrten. Nehmen Sie dies als Zeichen meiner Dankbarkeit
und meiner Freude an, von neuem Gelegenheit gefunden zu haben, Ihnen
für all die Güte und Freundschaft zu danken, womit Sie mich in England
beehrt haben. Den Degen, den Sie mir geschenkt, und die Briefe, die
Sie mir geschrieben haben, habe ich als einen Besitz bewahrt, der zu
kostbar ist, um mich je davon zu trennen, aber die Ehre, daß Sie meiner
gedenken, ist zu tief in mein Herz geschrieben, als daß ich diese
Gelegenheit nicht benutzte, um Sie der tiefen Achtung zu versichern,
die ich Ihrem teuren Selbst schulde. Bitte, geben Sie mir Nachricht von
sich und Ihren Wünschen, falls ich Ihnen hierzulande irgendwie dienlich
sein kann. Und glauben Sie mir, ich bin so erfreut, meinen Freund
wiederzufinden (gestatten Sie mir diesen Ausdruck), daß ich nicht weiß,
wie ich Ihnen all meine Dankbarkeit ausdrücken soll. Bitte nehmen Sie
diesen Brief freundlich auf und glauben Sie mir, ich kann mit ehrlicher
Freude versichern, daß ich bin und zeitlebens sein werde Ihr usw.
GRAF SAINT-GERMAIN IN HOLLAND
(1762)
I
Aus dem Schriftwechsel des Herzogs von Choiseul[326]
Graf d’Affry an Choiseul
Haag, 23. März 1762.
Der sogenannte Graf Saint-Germain, der vor zwei Jahren mit der
angeblichen Vollmacht zum Abschluß eines Friedens zwischen uns und
England hierher kam und dessen Auslieferung als Betrüger zu beantragen
ich Befehl erhielt[327], hat sich seitdem in den Provinzen der Republik
und in deren Nachbarschaft unter fremdem Namen heimlich herumgetrieben.
Doch erfuhr ich in den letzten Tagen, daß er unter dem Namen eines
Amsterdamer Kaufmanns Noblet ein Gut in Geldern namens Ubbergen vom
Grafen von Welderen gekauft und dafür noch nicht mehr als ungefähr
30000 Franken in französischer Währung gezahlt hat. Ich hielt es für
meine Pflicht, Sie davon zu benachrichtigen und zu fragen, ob Seine
Majestät wünscht, daß ich gegen diesen Mann durch eine neue Eingabe
bei den Generalstaaten vorgehen oder ob ich ihn lieber laufen lassen
soll, da ja der Hauptzweck meines Einschreitens erreicht ist; denn ich
habe ihn derart in Mißkredit gebracht, daß er sich seitdem nicht mehr
hervorwagt und sein Leben dadurch zu fristen suchen muß, daß er mit
Hilfe seiner chemischen Geheimmittel Gimpel fängt.
Choiseul an Graf d’Affry
Versailles, 10. April 1762.
Wir haben den sogenannten Grafen Saint-Germain für die Unverschämtheit
und Betrügerei seines Unterfangens bestraft und müssen es diesem
Abenteurer überlassen, sich selbst vollends in den Mißkredit zu
bringen, in den wir ihn schon versetzt haben.
II
Aus den Aufzeichnungen Hardenbroeks[328]
20. März 1762.
Der sogenannte Graf Saint-Germain wohnt jetzt auf Ubbergen bei
Nimwegen. Er besitzt noch eine Art Rittergut in der Nähe von Zutphen.
Er hat ein großes Laboratorium in seinem Hause, in dem er tagelang
sitzt. Er versteht die schönsten Farben allen nur denkbaren Dingen, wie
Leder usw., zu geben, ist ein großer Philosoph und Kenner der Natur.
Er spricht sehr schön, erscheint tugendsam, sieht wie ein geborener
Spanier von erlauchter Abstammung aus, spricht von seiner verstorbenen
Frau Mutter mit großer Ehrerbietung. Manchmal unterschreibt er sich:
„Prinz von Spanien“[329]. Er ist stolz.
Er will die Fabriken der Republik fördern, doch ohne die eine oder
andere Stadt der Provinz vor den übrigen zu bevorzugen. Amsterdam
hatte ihm nämlich für die Erlangung ausschließlicher Vorrechte
besondere Vorteile angeboten. Viele Dienste hat er dem Grafen
Gronsfeld[330] durch Herstellung und Lieferung von Farben für seine
Porzellanfabrik bei Weesp geleistet. Mit Herrn van Rhoon[331] steht
er sehr gut, spricht und korrespondiert immer mit ihm. Er führt auch
eine außerordentliche ausländische Korrespondenz, ist an allen Höfen
bekannt. Von dem verstorbenen Prinzen von Wales[332], der einen
schlechten Charakter hatte, wurde er sehr schlecht behandelt. Da aber
Saint-Germain unschuldig war, ist ihm bei seiner Freilassung volle
Genugtuung gegeben worden[333]. Mit den ersten Leuten in Frankreich
hat er in Briefwechsel gestanden, und er spricht viel Gutes von Frau
Pompadour usw.
Er ist sehr oft in Amsterdam, kommt viel zu G. Hasselaar[334]. Er
besitzt ungewöhnlich schöne Steine, Rubine, Saphire, Smaragden und
Diamanten. Man sagt, daß er die Kunst verstände, Diamanten helleres
Wasser zu geben und Edelsteine zu verschönern usw. Er ist sehr
freigebig, besitzt große Güter in der Pfalz und sonst in Deutschland.
In Amsterdam wohnt er einmal im Hotel der vornehmen Welt, dann wieder
wo anders und bezahlt überall gut.
* *
*
Später, im August 1762, ist er von Amsterdam fortgezogen. Er hat
Kleider, Spitzen, ja selbst Geld von dem Perückenmacher Chaudon
geliehen, das er ihm binnen acht Tagen zurückzahlen sollte. Er hat ihn
jedoch brieflich um weitere acht Tage Aufschub gebeten.
Er hat überdies eine Wohnung in Chambord in Frankreich gehabt[335].
Dort soll er sich geäußert haben, daß er die Tochter eines gewissen
Lambert[336] heiraten wolle. Dadurch sind diese Menschen ruiniert
worden.
[Illustration: Karl Graf Cobenzl]
SAINT-GERMAIN IN DEN ÖSTERREICHISCHEN NIEDERLANDEN (1763)
I
Aus dem Schriftwechsel des Grafen Karl Cobenzl[337]
Cobenzl an Kaunitz
Brüssel, 8. April 1763.
Vor etwa drei Monaten ist der unter dem Namen Saint-Germain bekannte
Mann hier durchgekommen und hat mich aufgesucht. Ich fand in ihm den
seltsamsten Menschen, der mir im Leben begegnet ist. Seine Herkunft
kenne ich noch nicht genau; ich glaube jedoch, daß er einer heimlichen
Verbindung aus einem mächtigen und berühmten Hause entsprossen ist. Er
ist im Besitz großer Mittel, lebt aber äußerst einfach. Er weiß alles
und zeigt eine bewundernswerte Rechtschaffenheit und Seelengüte.
In einem zahlreichen Bekanntenkreise hat er vor meinen Augen einige
Versuche gemacht, von denen ich Eurer Exzellenz einige Proben senden
werde. Die wesentlichsten bestehen in der Verwandlung von Eisen in
ein Metall, das ebenso schön ist wie Gold und sich wenigstens ebenso
zu allen Goldschmiedearbeiten eignet, ferner in der Färbung und
Bearbeitung von Leder in einer solchen Vollkommenheit, daß es alle
Maroquins der Welt und die vollkommensten Gerbverfahren übertrifft.
Auch die Seiden- und Wollfärberei hat er zu einer bisher unbekannten
Vollendung gebracht. Hölzer färbt er in den lebhaftesten Farben, und
zwar durch und durch, ohne Indigo oder Cochenille, mit den einfachsten
Zutaten und somit sehr billig. Er stellt auch Malfarben her, das
Ultramarin so tadellos wie das aus Lapislazuli gewonnene. Schließlich
nimmt er den zum Malen verwendeten Ölen den Geruch und stellt aus Rüböl
und anderen noch schlechteren Stoffen das beste Provencer Öl her.
Alle diese Erzeugnisse sind vor meinen Augen hergestellt und befinden
sich in meinen Händen. Ich habe sie aufs schärfste prüfen lassen, und
da ich einen Millionengewinn darin erblicke, habe ich die Freundschaft,
die er mir erweist, dazu benutzt, ihm alle seine Geheimnisse zu
entlocken. Er überläßt sie mir und verlangt nur einen angemessenen
Gewinnanteil, wohlverstanden, erst wenn ein Gewinn da ist.
Da alles Wunderbare notwendig zweifelhaft erscheinen muß, habe ich
die zwei Klippen vermieden, mich täuschen zu lassen und mich auf
übermäßige Ausgaben einzulassen. Zur Vermeidung der ersten Klippe habe
ich einen Vertrauensmann herangezogen, in dessen Gegenwart ich die
Versuche vornehmen ließ. Dabei habe ich mich voll überzeugt, daß es
mit diesen Erzeugnissen seine Richtigkeit hat und daß sie billig sind.
Betreffs des zweiten Punktes habe ich Herrn von _Surmont_ -- so nennt
sich Saint-Germain jetzt -- einen guten, zuverlässigen Kaufmann aus
Tournai[338] beigegeben, bei dem er jetzt arbeitet. Die sehr geringen
Vorschüsse habe ich durch Frau Nettine[339] zahlen lassen, deren Sohn
und Schwiegersohn, Herr Walckiers[340], diese Manufaktur leiten sollen,
sobald die Einnahmen aus den ersten Versuchen uns in den Stand setzen,
sie ohne Risiko anzulegen. Der Augenblick des Gewinnes steht schon
bevor, denn zwei unserer besten Kaufleute, Barbieri und Francolet, sind
über die Schönheit der Seidenfarben so entzückt, daß sie mir zur Zeit
alle Seiden zum Färben geben, die sie in den hiesigen Provinzen wie in
ganz Niederdeutschland vertreiben.
Diese Einzelheiten sind noch sehr unvollkommen, aber ich bitte E. E.,
sie nur als vorläufigen Bericht über eine Sache zu betrachten, die für
die Staatsfinanzen und die Wohlfahrt der Völker Ihrer Majestät von
größter Bedeutung werden kann und muß. Zugleich versichere ich E. E.,
daß ich keine beträchtliche Summe aufs Spiel setzen werde. Bald werde
ich ausführlicher berichten und eine genaue Berechnung des Gewinns,
die ich schon in Arbeit habe, einsenden. Inzwischen bitte ich um
Gutheißung des Geschehenen. Ich glaube mich nicht zu täuschen, wenn
ich versichere, daß die Sache für das Wohl der Monarchie von größter
Wichtigkeit ist.
Kaunitz an Cobenzl
Wien, 19. April 1763.
Ich will heute nur auf die Wunder eingehen, die der berüchtigte
Graf Saint-Germain aus Freundschaft für E. E. vollbringen will.
Ich sehe die Dinge aus der Entfernung und somit ohne den Zauber
der Aufmachung. Aber Sie schreiben mir von Tatsachen, von unter
Ihren Augen gemachten Versuchen, die die strengsten Prüfungen und
Untersuchungen siegreich bestanden haben. Was soll man dazu sagen?
Nur das eine, daß der Zweifel, ob das alles richtig gesehen wurde,
hier um so begründeter ist, weil einerseits auch die gescheitesten
Leute auf chemische Versuche hereingefallen sind, und weil andrerseits
zwischen Versuchen im Kleinen und der Herstellung im Großen ein
himmelweiter Unterschied ist. Ein Modell ist noch keine Maschine, und
ein Versuch beweist noch nichts zu Gunsten einer Fabrik, deren Anlage
kostspielige Vorbereitungen, unsichere Vorschüsse und sehr teure
Betriebseinrichtungen kostet. Ich weiß nicht, was E. E. bereits für den
Betrieb im Großen beschlossen haben. Frau Nettine scheint die gleichen
Erwartungen wie E. E. an den Erfolg dieser Unternehmung zu knüpfen.
Herr Walckiers leitet den wirtschaftlichen Teil, d. h. die Verwaltung.
Das kann auch den ängstlichsten Finanzmann beruhigen.
Aber der Charakter des sonderbaren Mannes, der mehr geeignet ist, die
Menschen zu betören als sie zu überzeugen, flößt mir kein Vertrauen und
keine Sicherheit ein. Beiliegend ein paar Anekdoten über sein Leben.
Ich stehe zwar nicht für ihre Richtigkeit ein, doch war ihr Verfasser
an den Szenen beteiligt, die sich in Frankreich abgespielt haben. Der
Rest ist allgemein bekannt. Das Stück ist in der Tat eine Komödie.
Nur fürchte ich ein wenig, wir werden den Stoff für ihren letzten Akt
liefern, und darum halte ich es für unklug, für die Inszenierung eine
beträchtliche Summe aufs Spiel zu setzen.
Zudem sprechen E. E. sehr zuversichtlich von den Reichtümern des Herrn
von Surmont. Welche Gewißheit haben Sie darüber? Welcher Art sind
diese Reichtümer? Bestehen sie in Geld, Wertpapieren, Landbesitz,
Handelseffekten? Hier sind viele Nebel zu verscheuchen, bevor wir klar
sehen. Ich möchte, daß E. E. sowohl über die Grundlage des Unternehmens
wie über die Verhältnisse des Erfinders Auskünfte einziehen, um
meine Zweifel zu beheben, und daß Sie die mir in Aussicht gestellte
Denkschrift durch einen Sachverständigen ausarbeiten lassen, der die
Einzelheiten klar und deutlich anordnet und in seinem Gutachten soviel
Licht verbreitet, daß wir die Dinge zu beurteilen vermögen.
Alles, was ich Ihnen schreibe, steht noch unter dem ersten Eindruck
Ihrer Mitteilung von den Wundern, die Sie uns verheißen. Ohne die von
Ihnen angeführten Tatsachen hätte die Sache mich eher belustigt als mir
Eindruck gemacht. Aber es kommt gegenwärtig vor allem darauf an, die
Interessen Ihrer Majestät nicht aufs Spiel zu setzen. Das muß ich Ihnen
besonders anempfehlen. Ich erwarte mit Spannung positivere Auskünfte.
Anekdoten über die wunderbare Persönlichkeit, die sich gegenwärtig in
Brüssel aufhält[341]
Vor vier Jahren lebte dieser eigenartige Mann in Frankreich unter dem
Namen eines Grafen Saint-Germain.
Er besaß angeborene Beredtsamkeit, sprach mehrere Sprachen fließend,
war fein gebildet, verstand den Geschmack, die Neigungen und Schwächen
derer zu erfassen, deren Vertrauen er gewinnen will, kannte alle
Kniffe und Pfiffe der Adepten gründlich und wußte sich von den Großen
am Versailler Hofe bewundern und umwerben zu lassen, ja sogar mehrere
geheime Unterredungen mit dem König und der Marquise (von Pompadour)
zu erlangen. Er fand solchen Anklang, daß man nicht nur von seiner
erlauchten Herkunft überzeugt war, sondern auch glaubte, er werde die
Finanzen durch sein tiefes Wissen und seine wunderbaren Geheimmittel
wiederherstellen, und Wohlstand werde unter seiner wohltätigen
Schöpferhand erblühen. Diese Bezauberung währte eine Weile. Er hielt
alle, die sich einen Anteil an seiner Freigebigkeit und an den von
ihm versprochenen Wundern versprachen, in einer Art von Ehrfurcht,
so daß sie sogar auf das Recht des Zweifels verzichteten. Sie wagten
ihm nicht die geringste Frage über die Möglichkeit seiner wunderbaren
Geheimmittel zu stellen, um dies schöpferische Wesen nicht zu kränken.
Trotz seiner einstudierten Miene und seines wohl überlegten Benehmens,
seiner zurechtgelegten Reden und seines stets auf die Umwelt
berechneten Auftretens entschlüpften ihm Unvorsichtigkeiten und
Prahlereien, die die Illusion hätten zerstören müssen. Eines Tages
vergaß er sich so weit, an einer Tafel, an der die erlauchtesten
Personen des Hofes saßen, zu sagen, nur das Haus Bourbon sei ihm auf
Erden ebenbürtig.
Ein Mann, der einem seiner größten und erlauchtesten Bewunderer
nahestand, sah mit Kummer, wie dieser Herr sich blindlings in die
Hirngespinnste des Grafen Saint-Germain verrannte, und wagte ihm
gegenüber einige Zweifel zu äußern. Er fand zunächst schroffe
Zurückweisung, ließ aber nicht locker und setzte es durch, den Grafen
Saint-Germain in seiner Wohnung in Paris überraschen zu dürfen. Er ging
tatsächlich hin und fand ihn in einer ziemlich unsauberen Wohnung. Er
fragte ihn über seine Geheimmittel aus, bekam von ihm aber nur ein paar
Farbproben zu sehen, sowie eine Art von Zauberbuch, eine alte Scharteke
mit Angaben über chemische Prozeduren, deren Wertlosigkeit schon bei
flüchtiger Durchsicht sofort erhellte.
Diese Feststellungen, die er dem genannten Herrn mitteilte,
erschütterten Saint-Germains Kredit. Obwohl er immer nur von seinen
Reichtümern, von seinen Geldmitteln an allen Plätzen Europas, von den
Schiffen, die er auf dem Meere hatte, und von seiner Beteiligung an
allen bekannten Banken erzählte, beging er die Unklugheit, vom Grafen
Saint-Florentin ein Landgut für 1800000 Franken zu kaufen und einen
förmlichen Kaufvertrag aufzusetzen. An den Tagen, wo die Raten fällig
waren, trafen keine Zahlungen noch Wechselbriefe ein, und der Käufer
verließ Frankreich.
In Holland angelangt, sprengte er aus, er hätte vom Allerchristlichsten
König Vollmacht zu Friedensverhandlungen mit England[342]. Herr d’Affry
schöpfte Verdacht, meldete Saint-Germains Äußerungen an seinen Hof und
erhielt vom Minister des Auswärtigen Befehl, ihn verhaften zu lassen.
Saint-Germain bekam Wind davon und entfloh nach England. Dort hielt er
sich nur sehr kurz auf, vermutlich, weil das englische Ministerium,
das damals mit dem Versailler Hof unterhandelte, eine Frankreich
verdächtige Person nicht aufnehmen wollte. Man riet ihm, das Land zu
verlassen.
Seitdem hat die Öffentlichkeit den eigenartigen Mann aus den Augen
verloren. Man glaubte, er hätte sich nach Berlin begeben, aber
wahrscheinlicher ist es, daß er sich in Holland verborgen hielt.
Kaunitz an Maria Theresia
Wien, 22. April 1763.
In der Generalverwaltung der Niederlande bereitet sich eine Szene vor,
deren Ausgang mir so zweideutig erscheint, daß ich mich verpflichtet
fühle, Eure Kaiserliche und Apostolische Majestät schon jetzt darauf
vorzubereiten, wie ich diese Komödie ansehe.
Aus dem beiliegenden Auszug eines Berichtes des Grafen Cobenzl[343]
ersehen E. M., welche Wunder ein seltsamer Mann, der vor vier Jahren
unter dem Namen eines Grafen Saint-Germain in Frankreich auftrat, zur
Bereicherung Ihrer Finanzen und Untertanen vollbringen will. Graf
Cobenzl spricht mit solcher Zuversicht von dem völligen Gelingen
mehrerer unter seinen Augen gemachter Versuche. Mehr noch: Frau Nettine
geht so hitzig darauf ein, daß ich die Möglichkeit der Sache nicht
abzustreiten wagte, obgleich ich versucht bin, das Ganze als bloße
Vision und Betrügerei anzusehen. Ich habe den Grafen Cobenzl also
aufgefordert, äußerst vorsichtig zu sein, keine Staatsgelder aufs Spiel
zu setzen und Nachforschungen über die Reichtümer seines angeblichen
Orakels anzustellen, von denen er und Frau Nettine mit solcher
Begeisterung, indessen ohne nähere Angaben, sprechen. Zu dem Zweck habe
ich dem Grafen Cobenzl die gleichfalls beiliegende Antwort erteilt
und die Anekdoten über das Leben des angeblichen Grafen Saint-Germain
beigefügt[344], die zu meiner Kenntnis gelangt sind.
Damit habe ich ihre großen Pläne weder verworfen noch gebilligt.
Möglicherweise befinden sich unter der großen Zahl von Geheimmitteln,
deren Ausbeutung so glänzende Erfolge verspricht, auch ein paar recht
brauchbare. Möglicherweise aber löst sich auch alles in Dunst auf. Auf
jeden Fall wäre es angezeigt, wenn E. M. den Inhalt meines Berichts
geheim halten wollten; denn im ersteren Falle würde Saint-Germain
zu sehr eine Entlarvung fürchten, und im zweiten müßte man die
Schwachheit der Regierung, die sich von einem Schwindler anführen
ließ, mit einem Schleier zudecken.
Eigenhändiges Marginal Maria Theresias
Ich bin völlig überzeugt, daß das von Ihnen entworfene Bild mehr
zutrifft als das Cobenzl’sche und daß diese Torheit geheim gehalten
werden muß. Ich wünschte, der Minister wäre von ihr geheilt.
Cobenzl an Kaunitz
Brüssel, 28. April 1763.
Auf den Erlaß vom 19. d. M. versichere ich zunächst, daß die Wunder,
die ich täglich sehe, so groß und zugleich so einfach und so leicht
sind, daß es mich gar nicht wundern würde, wenn E. E. nicht daran
glauben wollten. Auch mir fiel es schwer, das zu glauben, was ich
selbst gesehen habe und dann andere sehen ließ, die bessere Augen haben
als ich. Jedes chemische Verfahren muß selbst denen verdächtig sein,
die in dieser Wissenschaft besser Bescheid wissen als ich. Aber wie
soll man den Glauben an etwas verweigern, das sich vor den eigenen
Augen abspielt, das man selbst macht und das im großen wie im kleinen
das gleiche sein muß? Denn es ist doch ausgeschlossen, daß mit einem
Mittel, womit ein Stück gefärbt wird, nicht auch hundert Stück zu
färben sind. Dazu kommt die völlige Klarheit der physikalischen Gründe,
so daß man erkennt, daß Ursache und Wirkung gleich unfehlbar sind.
Wie ich E. E. schon berichtete, sind die Kosten nicht übermäßig, und
die weiteren Ausgaben sollen aus dem Gewinn bestritten werden. Zur
Verwandlung des Eisens, zum Färben von Holz, Wolle, Seide, Stoffen und
Leder sind bereits folgende Einrichtungen getroffen. Wir haben einen
guten, zuverlässigen Fabrikanten in Tournai[345] angenommen und lassen
dort die nötigen Vorbereitungen treffen. Wir haben ihm den jungen
Lannoy beigegeben, den E. E. in Wien oft gesehen haben. Alles wird so
weit vorbereitet, daß Frau Nettines Sohn am 15. oder 16. Mai, nach
der Rückkehr seiner Mutter von ihrer Reise nach Paris, die sie am 1.
antritt, nach Tournai fahren kann, um dort das Verfahren zu sehen, das
Geheimnis zu erfahren und die Herstellung zu lernen.
Bevor ich Punkt für Punkt auf die Mitteilungen über unseren Mann
antworte, bitte ich E. E. zu bedenken, daß er nichts von uns
verlangt und mir sein Geheimnis überlassen will. Seine persönlichen
Eigenschaften sind uns ziemlich gleichgültig, wofern er uns sein
Geheimnis preisgibt, das ich zum Teil schon besitze und das ich auf die
obengenannte Weise ganz erfahren werde. Nur darauf kommt es an.
Ich sprach zuversichtlich von den Reichtümern dieses Mannes. Folgendes
weiß ich darüber. Er besitzt ein Landgut in Holland, das zu zwei
Dritteln bezahlt ist, und Wertsachen, die der Kaufmann, der sie in
Seeland verpfändet hat, auf über eine Million schätzt. Diese Wertsachen
läßt er herkommen, um sie bei Frau Nettine zu hinterlegen. Alles soll
in einer Denkschrift von berufener Feder ausführlicher dargelegt
werden. Bis dahin bitte ich E. E. versichert zu sein, daß ich sparsam
und nur im Einvernehmen mit Frau Nettine vorgehen werde.
Ich komme zu den Anekdoten, die E. E. mir gütigst mitteilten. Die
großen Fähigkeiten, die man unserem Manne zuschreibt, sind Tatsache,
aber, wie ich hinzufügen muß, verachtet er die Adepten, und abgesehen
von den Unterredungen, die er mit dem Allerchristlichsten König, der
Marquise und den Ministern hatte, besitzt er viele Briefe von der
Marquise und den Ministern, von denen er Gebrauch machen könnte, wenn
er sich für die Härte rächen wollte, mit der Frankreich ihn behandelt
hat.