Und da der Herr Herzog ihm hierauf zu erkennen gegeben, daß

Saint-Germain von der Zeit, als er ihm obiges Verbot getan, den Mr.

Yorke nochmals besucht und sich mit ihm unterhalten habe[286], so hat

Graf d’Affry demselben erwideret, daß er ihn sogleich zu sich kommen

lassen und ihm bedeuten wolle, daß, wann er hiervon nicht sogleich

gänzlich abstehe, der französische Hof schon Mittel finden werde, ihn

einzusperren und in eine _basse-fosse_[287] setzen zu lassen, wobei er

den Herrn Herzog ersuchte, all solches dem Mr. Yorke zu hinterbringen.

Ich beobachtete hierbei, daß besagter Herr Herzog mit vielem Eifer

sich wider Saint-Germain an Laden gelegt[288], welches mich urteilen

gemacht, daß er vielleicht besorgen dürfte, es möchte durch seinen

Canal ein Fried zwischen der Krone Frankreich und Engelland mit

Ausschluß der engelländischen Aliirten beförderet werden.

Von Herrn Grafen d’Affry habe inzwischen vernommen, daß er obgemeldete

Bedrohungen dem Saint-Germain wirklich eröffnet und er hierdurch

ungemein betroffen worden sei.

Haag, 18. April 1760.

Gestern ist ... der bekannte Graf Saint-Germain von hier abgereiset,

ohne daß man weiß, wohin er sich begeben will.

Haag, 22. April 1760.

In meinem letztern Berichtschreiben habe Ew. Excellenz zu melden die

Ehre gehabt, daß der sogenannte Graf Saint-Germain von hier abgereiset,

ohne daß bekannt ist, wohin er sich begeben habe. Ich bin aber gleich

hinnach ganz sicher _informiret_ worden, daß er so gähling und

unvermutet dieses Land verlassen habe, weil Herr Graf d’Affry durch

den Courier, wovon in meinen letztern zwei Berichtschreiben Meldung

getan, von seinem Hofe Befehl erhalten, das Ansuchen allhier zu machen,

daß er arretiret und an Frankreich ausgeliefert werde, wovon, als Herr

Graf d’Affry, wiewohl ganz in geheime, dessentwegen einige _passus_

gemacht, derselbe benachrichtiget worden und sich alsdann sogleich

aus dem Staube gemachet hat. Man weiß zwar noch nicht _positive_,

wohin er sich verfüget; es wird aber durchaus dafür gehalten, daß er

nach Engelland abgegangen sei. Hierbei hat sich noch dieser _notable_

Umstand ergeben, daß Herr Graf von Bentinck ihn vor seiner Abreise

nachts um 9 Uhr besucht und bei demselben bis nach Mitternacht

verblieben sein soll, worauf Graf Saint-Germain gegen anbrechendem Tage

in einer mit 4 Pferden bespannten Kutsche abgereiset ist. Man will

sogar behaupten, daß ein Bedienter des Herrn Grafen von Bentinck die

Pferde und Wagen zu solcher Abreise veranstaltet habe[289].

Herr Graf d’Affry hat mir vor zwei Tagen von der empfangenen Ordre, den

Saint-Germain allhier arretieren zu lassen und daß er dessentwegen in

der Stille einige _passus_ gemacht, Kenntniß erteilet, mit dem Beisatz,

daß er den dessentwegen erhaltenen Courier wiederum zurückgesendet

und sich bei seinem Hofe angefraget habe, ob er die Ursachen, warum

Saint-Germain habe sollen arretiret werden, allhier kundmachen solle

oder nicht.

Haag, 25. April 1760.

Man _prätendiret_, nunmehro sichere Nachricht zu haben, daß der

sogenannte _Comte de_ Saint-Germain von hier gerad nach Hellevoetsluis

abgegangen und den 20. dieses mit dem Paquetbot nach Engelland

abgefahren sei.

Von sicherer Hand vernehme, daß derselbe von hier aus ein Schreiben an

_Madame la marquise de_ Pompadour erlassen, in welchem er unter anderm

den Nutzen und die Notwendigkeit vorstellt, den allhiesigen Graf von

Bentinck von Seiten Frankreich wegen seinem guten Willen, dieser Krone

bei gegenwärtigen Umständen nützliche Dienste zu leisten, und wegen

von ihm allhier und bei dem engelländischen Ministerio besitzenden

besonderen Credit nicht nur allein sehr zu _menagiren_, sondern auf

alle Weise zu _cultivieren_[290]. Welches Schreiben aber von dem

französischen Hofe an Herrn Graf d’Affry _communiciret_ worden.

Aus allem, was mir zu Ohren kommet, muß ich urteilen, daß Herr Graf

Bentinck sehr suchet, sich in künftiges Friedensgeschäft einmischen zu

können. Es ist auch gewiß, daß _Comte_ Saint-Germain während seines

allhiesigen Aufenthalts sehr vielen Umgang mit ihm gepflogen und

deswegen aller Anschein vorhanden ist, daß er mit seinem Wissen und

vielleicht aus seinem Rat nach Engelland abgegangen, er auch suchen

wird, ihn allda zu _protegieren_.

Haag, 2. Mai 1760.

Herr Graf d’Affry hat vorgestern bei den Generalstaaten abschriftlich

anliegendes _Mémoire_[291] überreichet, wodurch er das Ansuchen tuet,

daß der bekannte Comte de Saint-Germain angehalten, ausgelieferet und

gefänglich nach Antwerpen geführet werde. Da nun derselbe, jedermann

bekanntermaßen, schon vor mehr als 14 Tagen sich von hier hinweg

begeben und von Hellevoetsluis nach Engelland abgegangen ist, so

scheinet nicht möglich zu sein, daß die Absicht des französischen

Hofes auf dessen Anhaltung zähle, sondern etwa dahin gehen möchte,

das Publicum dardurch zu belehren, daß demselben, wo er sich befinden

möchte, kein Glauben und noch viel weniger einiges Vertrauen

beigemessen werde, maßen Herrn Graf d’Affry nicht unbekannt sein kann,

daß er sich allhier verlauten lassen, daß, wann der französische Hof

ihm wegen jenem, was mit ihm allhier vorgefallen, nicht Satisfaction

geben werde, er sich im Stand befinde, Sachen von demselben an Tage zu

legen, welche ihn vollkommen rechtfertigen, demselben aber ungemein

nachteilig sein werden.

Was die Generalstaaten über obiges _Mémoire_ entschlossen, ist mir noch

nicht bekannt. Und da der widrige Wind noch immer anhaltet, so können

keine engelländischen Nachrichten hier ankommen, wodurch man etwa

vernehmen könnte, wie derselbe in Engelland angesehen werde oder wie er

sich allda betrage.

Beilage zum Bericht Reischachs vom 13. Mai 1760

(Mitteilung eines englischen Correspondenten)

(London, Mai 1760.)

Die Denkschrift des Herrn Grafen d’Affry über den Grafen

Saint-Germain[292], die Sie mir gütigst zugesandt haben, steht auch

in den französischen Zeitungen. Allerdings lohnt es sich nicht, wie

Sie sehr richtig bemerken, so viel Lärm über diese Sache zu schlagen.

Man erweist diesem Abenteurer zu viel Ehre, wenn man viel Wesens von

ihm macht. Der hiesige Hof glaubte, den Kundgebungen des Mißtrauens,

die der französische Hof gegen diesen Mann in Szene gesetzt hat, nicht

trauen zu dürfen; denn er verdient nur Verachtung. Sie hat ihn bei

seiner Ankunft mit dem Paketboot sofort in polizeilichen Gewahrsam

genommen und ihn erst außer Augen gelassen, als er wieder an Bord

gebracht wurde, um über das Meer zurückzukehren. Ein scherzhaftes

Abenteuer!

Haag, 16. Mai 1760.

Der sogenannte _Mr. le Comte de_ Saint-Germain ist den 11. dieses

mit dem Paquetbot aus Engelland zu Hellevoetsluis angelanget und hat

sogleich seine Reise über Rotterdam nach Teutschland und, wie hier

ausgegeben wird, nach Berlin fortgesetzet. Mehrere allhier halten

dafür, daß das engelländische Ministerium denselben aus _Attention_ vor

Frankreich sogleich aus Engelland weggeschaffet habe, aus welchem sie

_inferiren_, daß diese Kron sehr geneigt sei oder Hoffnung habe, mit

Frankreich den Frieden in Bälde zu schließen.

Haag, 13. Juni 1760.

Wo der bekannte sogenannte Graf von Saint-Germain sich dermalen

befinde, ist allhier nicht bekannt; es wird aber von mehreren

öffentlich versicheret, daß derselbe schon von geraumer Zeit her einen

_Espion_ vor den König in Preußen gemachet habe, dergleichen derselbe

an allen Höfen haben und solche reichlich bezahlen solle.

X

Aus Kauderbachs Korrespondenz[293]

Kauderbach an Graf Wackerbarth-Salmour

Haag, 14. März 1760.

Wir haben hier gegenwärtig einen höchst seltsamen und ganz

außergewöhnlichen Mann, der sich Graf Saint-Germain nennt. Er

sieht höchstens wie 45 Jahre alt aus, und doch behauptet man, daß

er mindestens 110 Jahre zählt. Wie mir Herr d’Affry versicherte,

wäre er viel älter als wir beide zusammen, und doch sind wir beide

über die Sechzig. Fest steht, daß ein fast siebzigjähriges Mitglied

der Generalstaaten mir gesagt hat, er habe diesen seltsamen Mann im

Hause seines Vaters gesehen, als er selbst noch ein Kind war, und

er hätte fast genau so ausgesehen wie heute. Trotzdem macht er den

gelenken, munteren Eindruck eines Dreißigjährigen. Seine Waden sind

wie gedrechselt, sein eigenes Haar schwarz und voll, und er hat

sozusagen keine Runzel im Gesicht. Fleisch ißt er fast nie, außer

etwas Hühnerbrust; seine Nahrung beschränkt sich auf Grütze, Gemüse

und Fische. Gegen Kälte schützt er sich sehr, aber er schont sich

nicht übermäßig durch frühes Schlafengehen und hat uns, gleichsam aus

Gefälligkeit, bis 1 Uhr nachts Gesellschaft geleistet, ohne daß man

es ihm am nächsten Morgen anmerkte. Gelingt es mir, dem guten Alten

sein Geheimnis zu entlocken, so glaube ich, dem König[294] einen

wesentlichen Dienst zu leisten, wenn ich es Euer Gnaden mitteile, um

Sr. Majestät ein so kostbares und für seinen Dienst so nützliches Leben

zu verlängern.

Saint-Germain besitzt unermeßliche Reichtümer, und wenn man ihm

glauben will, auch die schönsten Geheimnisse der Natur. Er spricht

gelehrt darüber, ohne den Geheimnisvollen zu spielen, und sucht durch

seine Beweisführungen auch die Ungläubigsten zu bekehren, anscheinend

ohne jede Hintergedanken. Seine Reichtümer sind eine feststehende,

in ganz Frankreich bekannte Tatsache. Er steht in höchster Gunst

beim Allerchristlichsten König, der ihm das Schloß Chambord zum

lebenslänglichen Wohnsitz angewiesen hat. Er zeigte uns Steine von

unschätzbarem Wert und sämtlich von unvergleichlicher Größe und

Schönheit. Beiliegend übersende ich E. E. der Wissenschaft halber die

Maße eines seiner schönsten Opale, der von tadelloser Reinheit und

herrlicher Schönheit ist. Nach seiner Behauptung besitzt kein Herrscher

der Welt solche Schätze, wie er sie in Steinen zu besitzen vorgibt. Er

sagt, daß alle irdische Größe ihm gleichgültig sei und daß er nur auf

den Titel eines Bürgers Anspruch erhebe.

Von Frankreichs Unglück gerührt, hat er dem König[295] seine Dienste

angeboten, um das Land zu retten, und zu diesem Zweck ist er nach

Holland gekommen. Aus seinem Auftrag oder wenigstens dessen Zweck

macht er kein Geheimnis. Wir sind gespannt, welche Mittel er hat; nach

seiner Behauptung sind sie unfehlbar, da sie von ihm allein abhängen.

Er ist ein großer Fürsprecher der Frau von Pompadour und sucht sie von

dem Makel zu befreien, den man ihr hier angeheftet hat. Er schreibt

ihr das beste Herz zu, die redlichsten Absichten und beispiellose

Uneigennützigkeit. Ich hatte mit ihm ein langes Gespräch über die

Ursachen von Frankreichs Mißgeschick und über die Ministerwechsel.

Folgendes sagte er mir hierüber:

„Das Grundübel ist die Schwachheit des Monarchen. Seine Umgebung kennt

seine übergroße Güte und mißbraucht sie, und diese Umgebung besteht

nur aus Kreaturen der Brüder Pâris[296], die allein Frankreichs ganzes

Unglück verschulden. Sie haben alles verderbt und die Pläne des besten

französischen Bürgers, des Marschalls von Belle-Isle, durchkreuzt.

Daher die Uneinigkeit und die Eifersucht unter den Ministern, die

jeder einem anderen Herrscher zu dienen scheinen. Alles ist durch die

Brüder Pâris verderbt: mag Frankreich zugrunde gehen, wenn sie nur ihr

Ziel erreichen, 800 Millionen Vermögen zu erwerben. Unglücklicherweise

besitzt der König mehr Güte als Scharfblick, um die Bosheit seiner

Umgebung zu durchschauen. Da diese seine Charakterschwäche kennt, tut

sie nichts, als seinen Schwächen zu schmeicheln, und findet dadurch vor

allen anderen Gehör. Die gleiche Charakterschwäche zeigt sich bei der

Mätresse. Sie kennt das Übel, hat aber nicht den Mut, ihm zu steuern.“

Er also, Saint-Germain, will die radikale Heilung unternehmen und

macht sich anheischig, durch seine Maßnahmen in Holland zwei Männer zu

stürzen, die dem Staate so schädlich sind und die man bisher für ganz

unersetzlich hielt. Hört man ihn so frei von der Leber sprechen, so muß

man annehmen, daß er seiner Sache gewiß ist, oder man muß ihn für den

größten Gimpel auf Erden halten.

Ich könnte Euer Gnaden noch manches über diesen seltsamen Mann und

seine physikalischen Kenntnisse erzählen, müßte ich nicht fürchten, Sie

durch Berichte zu ermüden, die mehr romanhaft als wirklich erscheinen.

Doch halte ich mit meinem Urteil noch zurück. D’Affry erweist ihm die

größten Aufmerksamkeiten und scheint ihn für ein Wunder zu halten.

Saint-Germain hat die ganze Welt durchstreift und spricht die meisten

bekannten Sprachen. Er war mehrmals in Dresden und, wie er mir sagte,

dem verstorbenen König[297] wohlbekannt. Auch in der Musik leistet

er Hervorragendes. Er spielt vollendet Violine und Klavier und singt

entzückend. Man läuft ihm hier das Haus ein, wie einem Wundertier, und

er ist in der Tat ein sehr angenehmer Gesellschafter.

Kauderbach an den Fürsten Golizyn[298]

Haag, 14. März 1760.

Wir haben hier einen seltsamen Mann. Es ist der berühmte Graf

Saint-Germain, der in ganz Europa wegen seiner Kenntnisse und seiner

ungeheuren Reichtümer bekannt ist. Er ist mit einem wichtigen Auftrag

in diesem Lande betraut und redet viel davon, er wolle ähnlich wie

früher die Jungfrau von Orleans Frankreich retten. Wir müssen abwarten,

wie er es anfangen wird. Er hat ein Lager von Edelsteinen von größter

Schönheit. Er behauptet, der Natur ihre tiefsten Geheimnisse entrissen

zu haben und sie durch und durch zu kennen. Das Merkwürdigste aber

ist, daß er über 110 Jahre alt sein will. Er sieht indes nicht älter

als 45 aus. _Gaudeant bene nati[299]!_ Ich wünschte, ich könnte sein

Geheimnis für Sie und auch für mich selbst erlangen! Er ist ein warmer

Verteidiger der Frau von Pompadour und des Marschalls von Belle-Isle

und verabscheut die beiden Brüder Pâris, denen er die Schuld an allem

Mißgeschick Frankreichs zuschreibt.[300] Er spricht sehr frei über die

französischen Verhältnisse -- vom König bis zum Hanswurst.

Haag, 19. März 1760.

Ich schrieb Ihnen bereits von dem berühmten Saint-Germain, der

gegenwärtig in Amsterdam bei Herrn Hope wohnt. Er hat Herrn Yorke in

seinem Hause aufgesucht und ist drei Stunden bei ihm geblieben[301].

Er hat hier weder zu Herrn d’Affry geschickt noch sich an ihn gewandt,

und doch hat er mir selbst erklärt, er sei mit einem wichtigen

Auftrage betraut. Um jedoch die Wahrheit zu sagen, erscheint er mir

zu anmaßlich und unvorsichtig, als daß man ihm glauben könnte, daß er

ein allerhöchst beauftragter Unterhändler ist. Ich stelle ihn auf eine

Stufe mit dem berüchtigten Macanas, den Euer Exzellenz hier 1747 kennen

lernten, oder wenigstens mit dem Grafen Seckendorff, der im letzten

Jahre herkam[302]. Ich müßte mich sehr in ihm täuschen, wenn er mit

seinem Auftrag Erfolg hat. Unsere Holländer sind zu schwerfällig, um

auf solche Schliche einzugehen. Immerhin zweifle ich nicht mehr, daß

wichtige Unterhandlungen im Gange sind.

Graf Wackerbarth-Salmour[303] an Kauderbach

Dresden, 23. März 1760.

Ihre Königlichen und Kurfürstlichen Hoheiten lesen stets mit

Vergnügen, was Sie mir schreiben. Sie haben das Bild, das Sie mir

von Saint-Germain entwarfen, sehr fesselnd gefunden. Wir können es

noch nicht bis ins einzelne deutlich erkennen. Aus der Ferne wirkt es

schön, aber man muß es sich näher daraufhin ansehen, ob alle seine

Züge übereinstimmen und zutreffen, woran ich stark zweifle. Vor 50

Jahren lernte ich den berüchtigten Huldashop kennen und verkehrte mit

ihm. Er behauptete, über 80 Jahre alt zu sein. In Danzig heiratete er

25 bis 30 Jahre später eine Prinzessin von Holstein, die ihn nach den

öffentlichen Nachrichten kurz darauf ermorden ließ, um sich in Besitz

seiner Forschungen und Geheimmittel zu bringen[304]. Ich kannte einen

Mann, den man als Mitschuldigen an diesem Mord in Verdacht hatte; er

hat durch seinen Reichtum eine große Rolle gespielt und großes Aufsehen

erregt. Derartige Wundermänner blenden eine Zeit lang; man verliert sie

aus dem Gesicht, wenn man es am wenigsten glaubt.

Der Opal, dessen Maße Sie mir schickten, scheint mir nicht so

außerordentlich. Ich besitze einen orientalischen von fast gleicher

Größe, und der König hat viel ansehnlichere in seinem Schatze. Wie Sie

wissen, sind farbige Steine, so schön und hart sie scheinen mögen,

stets mit Vorsicht zu genießen. Bei den Diamanten handelt es sich

darum: besitzt er viele? sind sie groß und von tadellosem Wasser?

Seine politischen Erörterungen bedürfen m. E. gründlicher Beweise und

Darlegungen.

Am meisten zu seinen Gunsten scheint mir zu sprechen, daß ihm der

König von Frankreich in seiner Huld das Schloß Chambord geschenkt hat;

denn ein so bedeutendes Lehen kann er nur infolge von hervorragenden

Leistungen im Dienste der Krone erhalten haben.

Kauderbach an Graf Wackerbarth-Salmour

Haag, 4. April 1760.

Wir kennen den angeblichen Grafen Saint-Germain bisher nur nach

dem Rufe, den er geflissentlich selbst verbreitet: über seine

geheimnisvolle Herkunft, sein hohes Alter und seine Geheimnisse.

Trotzdem steht fest, daß er am französischen Hofe eine Zeitlang hoch

in Gunst stand und sehr ausgezeichnet wurde. Aber das alles war von

kurzer Dauer und hat sich sehr geändert. Herr d’Affry hat mir indes

versichert, er sei von Stand, wenn auch kein geborener Franzose. Er

selbst behauptet, Spanier zu sein.

Haag, 24. April 1760.

Wie ich soeben erfahre, hat der Kurier, den d’Affry letzten Montag

(14. April) erhielt, ihm Befehl gebracht, bei den Generalstaaten die

Verhaftung und Auslieferung des berüchtigten Grafen Saint-Germain zu

beantragen, da er ein gefährlicher Mensch sei, mit dem Se. Majestät

aus guten Gründen unzufrieden ist. D’Affry hat diesen Befehl dem

Großpensionär mitgeteilt und letzterer dem ständigen Ausschuß der

Provinz Holland Bericht erstattet. Der Vorsitzende dieses Ausschusses,

Graf Bentinck, hat den Mann gewarnt, ihn nach England abreisen lassen,

und zwar hat er ihm dazu seinen eigenen Wagen geschickt[305]. Am Tage

vor seiner Abreise war Saint-Germain vier Stunden beim englischen

Gesandten[306]. Er hat sich gerühmt, mit der Herbeiführung des Friedens

beauftragt zu sein. Ich habe jedoch die Schriftstücke gesehen, auf die

er sich für seine Mission beruft[307], und habe darin nichts gefunden,

was seine Behauptung erhärtet. Belle-Isle pflegt mit den elendesten

Zeitungsschreibern und Projektenmachern in Briefwechsel zu stehen und

ihre Offenbarungen sehr teuer zu bezahlen.

Dieser Saint-Germain hat uns so viele andere grobe und elende Märchen

erzählt, daß man ihn nur mit Widerwillen zum zweitenmal hört, es sei

denn, daß man sich über dergleichen Aufschneidereien belustigen will.

Dieser Mann kann kein zehnjähriges Kind betrügen, geschweige denn

aufgeklärte Männer. Es ist also anzunehmen, daß die Protektion, die

er findet, andere Gründe und Zwecke hat, als Verhandlungen durch ihn

anzuknüpfen. Ich betrachte ihn als Abenteurer ersten Ranges, der mit

seinen Mitteln am Ende ist, und ich würde mich sehr täuschen, wenn er

kein tragisches Ende nähme. Unter den englischen Offizieren, die hier

sind, haben einige ihn in London vor 20 Jahren gekannt und sprechen

mit größter Verachtung von ihm. Sie halten ihn für einen einfachen

Violinspieler.

Haag, 2. Mai 1760.

Der Abenteurer hat sich hier als geheimer Unterhändler des Marschalls

Belle-Isle aufgespielt und Briefe von ihm[308] gezeigt, denen

allerdings die Glaubwürdigkeit nicht ganz abzusprechen ist. Er ließ

durchblicken, daß Belle-Isle ganz im Sinne der Frau von Pompadour,

aber im Gegensatz zu Choiseul, leidenschaftlich nach Frieden trachte.

Er hat stark aufgetragen und mit den stärksten Farben die Kabalen, die

Not und die Zwistigkeiten geschildert, die in Frankreich herrschen

sollen, und durch solche Schmeicheleien hat er das Vertrauen der

englischen Partei zu gewinnen geglaubt. Andrerseits hat er an den

Marschall Belle-Isle geschrieben[309], d’Affry wisse die Bestrebungen

des Grafen Bentinck-Rhoon weder zu würdigen noch zu unterstützen.

Dabei sei Bentinck von den besten Absichten beseelt und wünsche nichts

so sehr, als die französischen Verhandlungen mit England zu fördern.

Diese Briefe sind an d’Affry zurückgesandt worden, mit der Weisung,

zu verhindern, daß Saint-Germain sich in irgendeine Angelegenheit

einmische, falls er seine Dreistigkeit nicht damit büßen wolle, daß

er bei der Rückkehr nach Frankreich seine Tage in einem Kerkerloch

beschlösse[310].

Trotz dieses Verbots fuhr Saint-Germain fort, Reden zu halten und

Schritte zu tun, um sich auch weiterhin das Ansehen eines bedeutenden

Mannes zu geben. Er hat beharrlich den englischen Gesandten besucht,

der ihn aber scheinbar verachtete. Herr von Rhoon hat ihn beschützt,

ihn bevorzugt und viel Aufhebens von ihm gemacht, und als d’Affry seine

Auslieferung verlangte, hat er ihn vor der ganzen Stadt nach London

reisen lassen[311]. Ich fürchte, der Elende wird noch Anlaß zu manchen

Skandalgeschichten geben. Er hat gedroht, alle Urkunden nebst einer

Rechtfertigungsschrift zu veröffentlichen. Er ist ein Gauner, der eine

Rolle spielen will.

XI

Friedrich der Große und Voltaire[312]

Voltaire an König Friedrich

15. April 1760.

Ihre Gesandten werden in Breda[313] wohl mehr erfahren, als ich weiß.

Der Herzog von Choiseul, Graf Kaunitz und Herr Pitt verraten mir ihr

Geheimnis nicht. Bekannt soll es nur einem Herrn von Saint-Germain

sein, der einst in der Stadt Trient mit den Vätern des Konzils gespeist

hat und wahrscheinlich die Ehre haben wird, E. M. in etwa fünfzig

Jahren zu besuchen. Der Mann ist unsterblich und allwissend.

König Friedrich an Voltaire

Meißen, 1. Mai 1760.

Ein Kongreß in Breda wird nicht stattfinden, und ich lege die Waffen

erst nach drei weiteren Feldzügen nieder. Das Pack soll sehen, daß es

mein Entgegenkommen gemißbraucht hat, und der König von England wird

den Frieden nur in Paris und ich ihn in Wien unterzeichnen ... Der Graf

von Saint-Germain ist nur ein Ammenmärchen[314].

XII

Aus der „Geschichte des Siebenjährigen Krieges“ von Friedrich dem

Großen[315]

Der König sandte einen Unterhändler nach Frankreich, der die Absichten

des Versailler Hofes sondieren und ihm, sowie dem König von England

Bericht erstatten sollte. Die Wahl fiel auf einen jungen Edelsheim[316]

... Er wurde in Paris leidlich aufgenommen. Man bedeutete ihm in

unbestimmten Ausdrücken, daß die Erledigung seines Auftrages von der

mehr oder minder schnellen Beilegung der Streitpunkte zwischen England

und Frankreich abhängen würde. Man habe jedoch gehört, der König von

Preußen gedenke, den König von Polen auf Kosten zahlreicher deutscher

Kirchenfürsten zu entschädigen[317], die er säkularisieren wolle.

Das aber könne der Allerchristlichste König nie und nimmer zugeben.

Edelsheim brachte dem König den Bescheid nach Freiberg und reiste dann

nach London, um ihn den großbritannischen Ministern zu übermitteln.

Zugleich mit Edelsheim tauchte in London ein anderer Politiker auf,

eine rätselhafte Erscheinung, über deren Wesen man nie ins klare

gekommen ist. Er nannte sich Graf Saint-Germain, hatte in französischen

Diensten gestanden und sich bei Ludwig XV. so in Gunst gesetzt, daß der

König ihm das Schloß Chambord schenken wollte. Nun spielte er die Rolle

eines Gesandten, befaßte sich ohne Vollmacht mit Unterhandlungen und

äußerte sich zugleich in beleidigender Weise über Frau von Pompadour

und den Herzog von Choiseul. Die Engländer behandelten ihn als

Abenteurer und wiesen ihn aus.

Der Graf von Saint-Germain: Das Leben eines Alchimisten · 第 12 / 24 段