Schreiben (Belle-Isles) zeigte, empfing ihn der Botschafter mit
Auszeichnung, gab ihm Soupers, führte ihn in seine Theaterloge usw.
Allerdings hat er ihm darauf, wenn auch äußerst höflich, gesagt: „Sie
haben sich in Versailles furchtbare Unannehmlichkeiten durch einen
Brief an die Marquise zugezogen. Ich habe eben einen Kurier mit einem
Befehl des Königs erhalten, Sie nicht mehr bei mir zu empfangen.“
Darauf verlangte der Graf von Saint-Germain diesen Befehl zu sehen,
und d’Affry mußte einräumen, daß er nicht von Sr. Majestät selbst
stamme, sondern vom Staatssekretär. Hierauf erwiderte Saint-Germain:
„Das macht mir wenig aus“ und verabschiedete sich ziemlich plötzlich
von dem Gesandten, der ihn bat, am nächsten Tage wiederzukommen, da er
sehr gern mit ihm plaudern werde. Doch jener entgegnete: „Gestatten
Sie, Herr Botschafter, daß ich dies nicht tue. Ich möchte Sie nicht ein
zweites Mal in Gefahr bringen, Ihren Befehlen zuwiderzuhandeln.“
So hat Saint-Germain den Vorfall dem General Yorke selbst erzählt[247].
Aber noch merkwürdiger ist, daß Graf d’Affry am übernächsten Tage
nochmals zu ihm geschickt haben soll, um sich nach ihm zu erkundigen,
indem er sagen ließ, er fürchte, daß er nicht wohl sei, da er seinen
Besuch am Tage zuvor erwartet und ihn leider nicht gesehen hätte.
Übrigens hat der Graf dem englischen Gesandten noch einen sehr
freundschaftlichen Brief des Grafen von Clermont vom 14. März gezeigt,
worin dieser ihn fast wie seinesgleichen behandelt[248]. Nach seiner
Angabe steht Graf Clermont in hohem Ansehen und ist sehr zum Frieden
geneigt.
Haag, 5. April 1760.
Der Herzog von Choiseul, der sich dem Wiener Hofe verkauft hat, besitzt
ständig großen Einfluß in Versailles. Das sieht man wieder an der Art,
wie er gegen den Grafen Saint-Germain verfährt. Der Staatssekretär
hat dem Grafen d’Affry mit der Pferdepost soeben einen zweiten Brief
geschrieben, worin er ihm befiehlt, ihm bei seiner Rückkehr nach
Frankreich mit einem Kerkerloch zu drohen, falls er sich noch weiter in
Dinge mischte, zu denen er keinen Auftrag hätte[249]. Dieser ganze Zorn
kommt von einem ersten Briefe des Genannten an die Marquise[250], den
sie so schwach war, dem Staatssekretär mitzuteilen. Soviel ich glaube,
war dies aber noch nicht der Bericht über seine Unterredungen mit
dem englischen Gesandten. D’Affry hat den Befehl gestern ausgeführt,
aber der Graf hat ziemlich selbstbewußt geantwortet, wenn man ihm
(Choiseul) den Inhalt seines ersten Briefes mitgeteilt hätte, würde
man ihm wahrscheinlich auch die folgenden mitteilen. Recht merkwürdig
ist jedoch, daß der Marschall Belle-Isle dem Grafen durch Vermittlung
des Grafen d’Affry geantwortet und ihn dabei etwas ausgescholten hat,
freilich in sehr schonender Form. Er sagt, der König von Frankreich
habe im Haag einen Gesandten, der sein Vertrauen besitze, und er werde
dem Grafen d’Affry selber schreiben; trotzdem sei er überzeugt, daß den
Grafen Saint-Germain die besten Absichten beseelten.
Bei alledem glaubt der englische Gesandte, der Mann sei nicht
zuverlässig und seiner Sache nicht hinreichend sicher. Er wies darauf
hin, daß Saint-Germain, als er ihm den Befehl seines Hofes mitteilte,
die Neigung durchblicken ließ, den Staatssekretär auf irgendeine Weise
in Kenntnis zu setzen, während er doch früher gesagt hatte, er wolle
ihn stürzen. Er besann sich dann freilich eines anderen und sagte,
er wolle nur an die Favoritin, den Marschall und den Grafen Clermont
schreiben[251]. Seitdem ist er nicht mehr beim englischen Gesandten
erschienen und hat nur für gestern abend um eine Audienz gebeten, aber
ich weiß noch nicht, ob er vorgelassen wurde oder nicht ...
Übrigens erzählte Graf d’Affry dem englischen Gesandten, welche Befehle
er betreffs Saint-Germains erhalten hätte, und fragte ihn, ob er ihn
gesehen habe. Der Gesandte antwortete, er hätte ihm nichts gesagt,
was er nicht überall wiederholen könne. „Das hat er mir auch selbst
gesagt“, entgegnete der Franzose[252].
König Friedrich an Hellen
Freiberg, 8. April 1760.
Die Einzelheiten Ihres Berichtes vom 29. März waren sehr beachtenswert.
Was den Grafen Saint-Germain und das Rundschreiben über ihn betrifft,
das der Herzog von Choiseul an die Gesandten der Verbündeten
Frankreichs im Haag erlassen hat, so muß sich jetzt bald herausstellen,
ob der Graf Vollmacht hatte oder nicht. Im ersteren Falle ist es
klar, daß der Staatssekretär über die wirkliche Denkweise und die
wahren Absichten seines Hofes nicht genau Bescheid weiß. Wie dem
aber auch sei, durch die Schritte des Grafen sind die Dinge zwischen
Frankreich und England in Fluß gekommen, und wenn Frankreich ernstlich
gewillt ist, die Partie abzubrechen und Frieden mit uns Alliierten zu
schließen, so muß es sich jetzt England gegenüber bald erklären.
Hellen an König Friedrich
Haag, 22. April 1760.
Soviel steht fest: die Reden, die Graf Saint-Germain geführt hat,
haben wenigstens die Wirkung gehabt, daß der Herzog von Choiseul der
Friedensströmung im Versailler Kabinett nicht ganz hat widerstehen
können. Unseres Wissens hat man ihm auch nicht die letzten Berichte
des Grafen mitgeteilt. Wenigstens schien der Botschafter davon keine
Kenntnis zu haben, aber der besagte Staatssekretär ist so in Wut auf
den armen Teufel geraten, daß er den Grafen d’Affry beauftragt hat,
seine Verhaftung und Auslieferung zu beantragen. Dieser hat auch schon
tatsächlich mit den Vertretern der Republik darüber gesprochen. Als
aber Graf Bentinck davon erfuhr, hat er Saint-Germain mit Wissen des
Prinzen Ludwig[253] sofort davon benachrichtigt und ihm einen Paß vom
General Yorke beschafft, damit er nach England fliehen kann[254].
Gekränkt, wie er ist, kann der Graf dort sehr gute Nachrichten über die
jetzigen Finanzen Frankreichs geben, über die er genau Bescheid weiß.
Haag, 3. Mai 1760.
E. M. werden in der Leidener und Amsterdamer Zeitung den genauen
Abdruck des Antrages finden, den Graf d’Affry am 30. April bei den
Generalstaaten wegen der Auslieferung des Grafen Saint-Germain gestellt
hat[255], obwohl er, wie er nicht abstreitet, schon wußte, daß dieser
bereits vor einigen Tagen nach London abgereist ist. Die Hochmögenden
haben diesen Antrag im Schoße von Kommissionen begraben[256], offenbar
um ihn nicht zu beantworten.
VII
Aus der Korrespondenz von Knyphausen und Michell mit Friedrich dem
Großen[257]
Knyphausen und Michell an König Friedrich
London, 1. April 1760.
Das hiesige Ministerium erhielt gestern die Schreiben des Generals
Yorke vom 28. vorigen Monats, worin er über eine Unterredung
berichtet, die er tags zuvor mit dem sogenannten Grafen Saint-Germain
wegen seiner Eröffnungen über den Frieden hatte[258] ... Wir
beschränken uns auf den Hinweis, daß das hiesige Ministerium sehr in
Verlegenheit ist, sich ein richtiges Urteil über den Zwischenfall
zwischen Graf d’Affry und besagtem Saint-Germain zu bilden. Nur das
eine läßt diese Kabale erkennen, daß die Meinungen im Versailler
Staatsrat sehr geteilt sind. In Erwartung einer Aufklärung über die
Gesinnung des Versailler Hofes ist man hier sehr zufrieden, dem
General Yorke eine gleichmäßige Sprache sowohl dem Botschafter wie dem
Unterhändler gegenüber vorgeschrieben zu haben.
London, 22. April 1760.
Wie wir in diesem Augenblick erfahren, soll der sogenannte Graf
Saint-Germain mit dem heutigen Postschiff in England angekommen
sein[259], nicht als Unterhändler, sondern um Zuflucht vor den
Gewaltakten des Herzogs von Choiseul zu suchen, der über sein
Auftreten im Haag entrüstet ist. Diese Geschichte scheint den Einfluß
des Ministers und seine Bundestreue gegen den Wiener Hof von neuem
zu bestätigen. Ein Schlachtopfer mußte offenbar fallen, um dafür
öffentlich Zeugnis abzulegen.
London, 29. April 1760.
Der Graf Saint-Germain hat sich seit seiner Ankunft hierselbst nicht
öffentlich gezeigt und unseres Wissens keinen Minister gesehen. Wir
haben jedoch dauernd ein Augenmerk auf sein Tun und Lassen und werden
alles in dieser Hinsicht Beachtenswerte gewissenhaft melden.
König Friedrich an Knyphausen
Meißen, 30. April 1760.
Es ist leicht zu merken ..., daß der Herzog von Choiseul wieder die
Oberhand über seinen König und Herrn erlangt und im Staatsrat über die
Friedenspartei gesiegt hat. Was dem Grafen Saint-Germain zugestoßen
ist, ist ein schlagender Beweis dafür. Ebenso sieht man, daß Frankreich
unter dem Einfluß des Wiener Hofes jetzt nicht ernstlich an Frieden
denkt, sondern daß es England nur hinhalten und hintergehen will.
Immediatbericht Knyphausens an König Friedrich
London, 6. Mai 1760.
Ich habe E. M. zu melden, daß nach Ansicht des englischen Ministeriums
der Aufenthalt des sogenannten Grafen Saint-Germain in England nach
außen hin den Verdacht erwecken kann, als ob geheime Unterhandlungen
mit England stattfinden, und daß er vielleicht auch im Lande selbst
nachteilig wirkt. Deshalb hat Herr Pitt[260] sich nicht nur geweigert,
ihn zu empfangen, sondern er besteht auch durchaus auf seiner Abreise.
In der Verlegenheit, in die besagter Graf Saint-Germain dadurch
gekommen ist, hat er sich entschlossen, sich an mich zu wenden, und
Herrn Pitt, der ihn polizeilich überwachen ließ, gebeten, ihm eine
Unterredung mit mir zu verschaffen.
Als ich ihn also auf Wunsch des Ministers aufsuchte, erklärte er, er
könne um seiner Sicherheit willen nicht nach Holland zurückkehren, und
da Herr Pitt durchaus auf seiner Abreise bestehe, habe er beschlossen,
sich zu E. M. zu begeben und Sie um Zuflucht in Ihren Staaten gegen
die Gewaltakte des Herzogs von Choiseul zu bitten. Wie er hinzufügte,
sei dies seine Absicht schon bei der Abreise von Holland gewesen, aber
Graf Bentinck habe ihm geraten, vorerst nach England zu gehen[261].
Ich brauche E. M. nicht zu versichern, wie peinlich mir diese Eröffnung
war. Da ich jedoch voraussah, daß das Erscheinen dieses Mannes E. M.
sehr unliebsam wäre, und da es nicht in meiner Macht stand, ihn daran
zu hindern, habe ich im Einvernehmen mit Herrn Pitt mit ihm vereinbart,
daß er unter dem Namen _Graf Cea_ nach Aurich reisen und von dort
bei E. M. anfragen solle, welches Ihre Absichten seien, so daß E. M.
also Ihre Maßnahmen in voller Freiheit treffen können.
Damit er nicht argwöhnte, ich suchte seine Reise zu hintertreiben,
habe ich ihm sogar Abschrift des beifolgenden Briefes an E. M. gegeben
und ihm gesagt, daß ich ihn aufs wärmste empfohlen hätte. Ich habe
hinzugefügt, ich hätte ihm lediglich deshalb geraten, in Aurich Station
zu machen, weil ich fürchtete, er könne ohne Regelung seines Reiseweges
in österreichische oder französische Hände fallen.
Die Entscheidung steht jetzt bei E. M. Inzwischen glaube ich, E. M.
einen Dienst erwiesen zu haben, indem ich die Abreise des Grafen
Saint-Germain nach Sachsen[262] hinausgezögert habe. Sie zu verhindern,
lag nicht in meiner Macht, so gern ich es getan hätte.
Im übrigen habe ich bei meiner Unterredung mit ihm nichts erfahren,
was für E. M. von Belang sein könnte und was Sie nicht schon aus den
Briefen aus dem Haag wissen.
+Nachschrift.+ Nach Abschluß dieses Berichtes hat Herr Pitt, mit
dem wir nochmals eine Unterredung hatten, uns stark zugesetzt, E. M.
nach Möglichkeit abzureden, den Grafen Saint-Germain zu empfangen,
damit daraus keine Umtriebe oder Unannehmlichkeiten entstehen.
Knyphausen an das Kabinettsministerium
London, 6. Mai 1760.
Beiliegend die Abschrift meines Immediatberichts an den König,
betreffend einen recht eigenartigen Zwischenfall, den ich mit dem
sogenannten Grafen Saint-Germain hatte. Da dieser mir seit Jahren
bekannte Mann[263] von gefährlichem Ungestüm ist und den König
bestricken und zu vielen falschen Maßregeln verleiten könnte, bitte ich
Euer Exzellenz, Ihr möglichstes zu tun, um seine Reise nach Sachsen zu
verhindern.
König Friedrich an Knyphausen
Meißen, 10. Mai 1760.
Der Graf Saint-Germain sucht in England wohl nichts anderes als eine
Zuflucht vor den Verfolgungen des Herzogs von Choiseul, mit dem und
dessen Partei er, wie man deutlich sieht, völlig zerfallen ist.
Meißen, 19. Mai 1760.
Was Herr Pitt Ihnen über den Grafen Saint-Germain gesagt hat, leuchtet
mir völlig ein. Bisher hat dieser nicht an mich geschrieben. Sollte er
es noch tun, so will ich ihm Zuflucht in Emden oder besser in Aurich
geben, falls er sich in nichts einmischt[264]. Ich fürchte nur, der
seltsame Mann wird so unbesonnen sein, hierher zu kommen, ohne an mich
zu schreiben und vorher um meine Erlaubnis zu bitten, wofür ich keine
Verantwortung übernehme.
VIII
Aus Mitchells Korrespondenz
Mitchell[265] an Lord Holdernesse
Freiberg, 27. März 1760.
Der König von Preußen geruhte, mir Kenntnis von einem außergewöhnlichen
Gespräch zu geben, das der Graf Saint-Germain am 14. im Haag mit
General Yorke hatte[266]. Er bemerkte, obwohl der Mann und seine ganze
Art höchst ungewöhnlich seien, hätte General Yorke doch Recht getan,
Euer Lordschaft über den Vorfall unmittelbar zu berichten, daß nämlich
der Graf mit diesem geheimen Auftrage sehr wahrscheinlich vom Marschall
Belle-Isle ohne Kenntnis der übrigen französischen Minister betraut
worden sei, da das Kabinett sehr geteilter Meinung ist. Er fragte
mich, ob ich den Grafen Saint-Germain kenne, der, wie er gehört habe,
eine Zeitlang in England gewesen sei[267]. Ich antwortete, ich hätte
ihn dort gesehen, hätte aber nie geglaubt, daß er zum Unterhändler
werden würde. Seine Preußische Majestät entgegnete, er hätte gehört,
daß der Graf Mittel und Wege gefunden hätte, sich die Gunst des Königs
von Frankreich zu verschaffen. Er hätte ihn mit einigen chemischen
Versuchen unterhalten, und der König hätte ihm das Schloß Chambord
geschenkt.
Freiberg, 20. April 1760.
Nach Ansicht Seiner Preußischen Majestät erhellt aus allen Gesprächen
der Herren d’Affry und Saint-Germain im Haag deutlich, daß das
französische Ministerium in seiner Meinung geteilt sei. Einige seien
für den Frieden, andere für Fortsetzung des Krieges, aber aus allem
bisher Gesagten ließe sich unmöglich folgern, welchen Entschluß sie
fassen würden und ob die Friedenswinke ernst gemeint oder nur gegeben
seien, um Zeit zu gewinnen.
Lord Holdernesse an Mitchell[268]
Whitehall, 6. Mai 1760.
Sie werden aus meinen letzten Briefen ersehen haben, was zwischen
General Yorke und dem Grafen Saint-Germain vorgefallen ist, und ich bin
überzeugt, General Yorke wird Sie jedenfalls davon in Kenntnis gesetzt
haben, daß Herr von Choiseul ihn in aller Form desavouiert hat und
daß Saint-Germain beschlossen hat, nach England zu gehen, um sich den
weiteren Verfolgungen des französischen Ministers zu entziehen[269].
Infolgedessen ist er vor einigen Tagen hier eingetroffen. Aber es
liegt auf der Hand, daß er keine Vollmacht hatte, auch nicht von den
französischen Ministern, in deren Namen er zu sprechen vorgab. Da sein
hiesiger Aufenthalt unzweckmäßig ist und üble Folgen haben kann, wurde
für angemessen erachtet, ihn bei seiner hiesigen Ankunft zu verhaften.
Sein Verhör hat nichts sehr Belangreiches ergeben. Sein Benehmen und
seine Sprache sind verschlagen, mit einem wunderlichen Einschlag, der
schwer zu bestimmen ist.
Alles in Allem hielt man es für durchaus angezeigt, ihn nicht in
England zu dulden. Demgemäß ist er am letzten Sonnabend (3. Mai)
früh abgereist, mit der Absicht, Zuflucht im preußischen Staate zu
suchen, da er sich in Holland nicht sicher fühlte. Auf seine dringende
wiederholte Bitte hin besuchte ihn Baron Knyphausen während seiner
Haft[270], aber keiner der königlichen Beamten.
Der König hielt es für richtig, Sie von diesen Vorgängen zu
unterrichten. Sein Wunsch ist, daß Sie den Inhalt dieses Briefes Seiner
Majestät dem König von Preußen mitteilen.
IX
Berichte Reischachs an Graf Kaunitz[271]
Haag, 18. (März) 1760.
Der Ew. Excellenz bekannte Freund (Prinz Ludwig von Braunschweig[272])
hat mich vorgestern besuchet, ... um mich zu bereden, ihm die in Händen
habende Contre-Declaration[273] einsehen oder ablesen zu lassen. Ich
beharrte aber darauf, daß mich dermalen noch nicht im Stande befinde,
sondern, wie ihm schon gemeldet, das weitere von dem Herrn Grafen von
Starhemberg[274] gewärtige.
Worüber derselbe (Prinz Ludwig) gemeldet, er besorge, man werde
mit einer solchen Contre-Declaration solang zuwarten, daß indessen
Frankreich soviel Zeit gewinnen werde, um mit Engelland einen
Frieden zu schließen. Herr Graf d’Affry habe vor etwas mehr als
acht Tagen durch den allhiesigen preußischen Minister von Hellen dem
engelländischen Minister Yorke ein Rendezvous in Ryswijk oder in
selbiger Gegend antragen lassen ...
Es befinde sich ein gewisser Fremder, der sich _Comte_ Saint-Germain
nennt, schon einige Zeit in Amsterdam, allwo er bei dem sehr reichen
und geschickten Negocianten Hope[275], welcher dermalen die meiste
französischen Geschäften in Amsterdam verrichtet und durch seinen
Credit große Geldsummen dem französischen Hofe verschaffe, wohnhaft,
seit den allhiesigen Heirats-Festivitäten[276] aber in dem Haag
gegenwärtig seie, allwo er den Mr. Yorke besuche und seit kurzem mit
ihm eine dreistündige Unterredung _tête-à-tête_ gehabt habe[277], so
daß er um so weniger zweifle, er müsse von dem französischen Hofe
mit Friedensgeschäften beladen sein, als man wahrnehme, daß dessen
allhiesige Anwesenheit den Herrn Graf d’Affry alarmiere und er sein
Mißvergnügen hierüber nicht verbergen könne.
Ich trachtete, denselben (Prinz Ludwig) zu verleiten, sich gegen mich
weiters zu eröffnen, was nämlich Herr Graf d’Affry dem Mr. Yorke
beigebracht habe und in weme dann des _Mr. le Comte de Saint-Germain_
obhabende Commissionen bestehen möchten.
Derselbe ließe sich aber weiter nicht heraus, als daß er eingestanden,
Saint-Germain gebe aus, „daß er sich schmeichle, Frankreich durch
seinen Aufenthalt in Holland zu retten“. Über die Unterredung des
Herrn Graf d’Affry mit Mr. Yorke wollte er sich gar nicht eröffnen,
sondern widersetzte mir, daß, weil ich ihm von dem Inhalt der
Contra-Declaration nichts beibringen wolle, er mir auch von dem, was
zwischen besagten zweien _Ministres_ vorbei gehe, nichts mitteilen
könne ...
Als der sogenannte _Comte_ Saint-Germain aus Amsterdam allhier
angelanget, so befragte den Herrn Graf d’Affry, ober von dessen Ankunft
von seinem Hofe _preveniret_ und ob ihm bekannt, daß er in Holland,
wie es verlaute, mit einigen Commissionen beladen sei. Derselbe wollte
weder von dem einen noch von dem andern etwas wissen, sondern brache
den _Discours_ ab, mit Vermelden, daß er allzeit vor ein _espèce
d’aventurier_ passiret habe.
Von solcher Zeit hat derselbe den Herrn Graf d’Affry besuchet, welchen
mehrmalen in _Compagnie_ bei ihm angetroffen. Vor 2 Tagen ist er
wiederum nach Amsterdam zurückgekehret, solle aber, wie von Herrn Graf
d’Affry selbst vernommen, inners ungefähr 8 Tagen wiederum allhier
zurück eintreffen.
Man versicheret mich, daß man nicht eigentlich weiß, wer dieser
sogenannte _Comte_ Saint-Germain sei. Er redet fast alle europäische
Sprachen in _perfection_, hat sich viele Zeit in Polen, Teutschland,
Italien, Spanien, Engelland, Frankreich, auch vor diesem in Holland
aufgehalten, allwo er unterschiedliche Namen geführet. Er ist in
der _Music_ und sonderbar in Spielung der Violine sehr erfahren,
und scheinet aus seinem Umgang, daß er allerorten die große Welt
_frequentiret_ habe. Dermalen soll er aus Frankreich kommen, allwo der
König ihm das Schloß Chambord, so ehevordem _Mr. le maréchal Comte
de Saxe_[278] zugehöret, überlassen haben soll. Es fehlet ihm an der
Leichtigkeit, sich zu explicieren, und an Geist nicht. Wann er aber mit
Geschäften beladen, so gedeucht mich, daß er zu viel rede und seine
_Discours_ nicht genügsam nach den Reglen der Prudenz abmesse.
Haag, 25. März 1760.
Vorgestern hat Graf d’Affry wiederum einen Expressen, aber nur aus
Brüssel von dem Mr. Lesseps[279] erhalten; wie er mir gestern gemeldet,
hat derselbe ihm _Depêchen_ von seinem Hofe mitgebracht, wodurch der
Herr _Duc de_ Choiseul ihm auftraget, dem sogenannten _Comte de_
Saint-Germain, von welchem in meinem ehevorigen Berichtschreiben
Meldung beschehen und [welcher] dermalen wiederum von Amsterdam in
dem Haag angelanget ist, auf das schärfeste zu untersagen, sich
nicht zu unterstehen, in die _Politique_ sich einmischen zu wollen,
widrigenfalls demselben sein Haus zu verbieten oder gar ihn arretieren
zu lassen[280].
Haag, 28. März 1760.
Der Herr Graf d’Affry hat dem sogenannten _Comte_ de Saint-Germain
ernstlich untersaget, sich in Friedens- oder politische Geschäften
einigermaßen einzumischen, mit Bedrohen, daß er widrigenfalles ihn gar
nicht mehr sehen werde.
Mir ist indessen von guter Hande zu vernehmen gekommen, daß
Saint-Germain sich allhier gegen einem Freunde über dieses gegen
ihm ausübendes Verfahren ungemein beschweret und demselben ein
Originalschreiben von dem Herrn _maréchal Duc_ de Belle-Isle
vorgezeiget habe, in welchem derselbe ihm zu erkennen gegeben, daß er
von ihm eine Antwort über seine allhiesige Verrichtungen mit vielem
_Empressement_ erwarte[281]. Ferner habe derselbe ihm, Freunde,
vertrauet, daß er beladen worden, Mittel und Wege auszufinden, daß
die französisch-amerikanische Insuln und Colonien, welche _directe_
aus Frankreich nicht wohl _approvisionniert_ werden können, von hier
aus mit Lebensmitteln und andern Notwendigkeiten versehen werden;
wo beinebens er auch _chargiret_ worden sei, alles anzuwenden, den
Credit der französischen Finanzien allhier wiederum zu erheben und
emporzubringen, auch einzuberichten, was ihm von dem Friedensgeschäft
zu Ohren kommen möchte. Dieses letztere habe er nicht besser zu
bewirken gewußt, als den Herrn Grafen von Bentinck und Mr. Yorke
zu sehen[282]. Der erstere habe sich wider Herrn Graf d’Affry
beschweret, daß er von ihm gänzlich _negligiret_ werde, da er doch
imstand sich befinde, der Krone Frankreich allhier in Friedens- und
andern Geschäften nützlich sein zu können. Mr. Yorke habe ihm die
stärkste Versicherung erteilet, wie sehnlich und aufrichtig Engelland
einen baldigen Frieden wünsche und suche; diese Krone werde den
König in Preußen nicht verlassen, jedoch denselben vermögen, daß von
ihm Ihro Majestät der Kaiserin[283] _raisonnable_ und _acceptable_
Friedensvorschläge gemacht werden. Von welchem allem er nach
Versailles seinen Rapport abgestattet, darüber aber noch keine Antwort
erhalten habe. Saint-Germain habe sich gegen diesem seinem Freunde
herausgelassen, in was für großem Credit er bei der _Madame la marquise
de_ Pompadour und dem Herrn _Duc de_ Belle-Isle stehe und nicht anders
glauben könne, als daß Herr Graf d’Affry die an ihm vollzogene Ordre
von Herrn _Duc de_ Choiseul (von welchem ihm, _Comte de_ Saint-Germain,
nichts _committiret_ worden) erhalten habe. Er werde aber auf das
stärkeste arbeiten, daß alles ohne Anstand repariret und seine hierin
verletzte _Réputation_ auf das bäldeste und vollkommenste hergestellt
werde.
Was mir von der _Conduite_ und Verrichtungen des sogenannten _Comte
de_ Saint-Germain beigebracht wird, höre ich zwar an, jedoch hüte
mich, einigermaßen in Sachen mich einzumischen, die mich nicht weiters
interessieren können, als davon die Wissenschaft zu haben.
Haag, 8. April 1760.
Der sogenannte _Mr. le Comte_ de Saint-Germain befindet sich noch
allhier und hat dem Mr. Yorke und Herrn Grafen von Bentinck ein und das
andere Mal besuchet. Von diesem letzteren wird derselbe wohl angesehen
und hält sich unterweils mehrere Stunden bei ihm auf. Derselbe hat auch
verlanget, bei dem Herrn Herzog Louis von Braunschweig aufgeführet
zu werden. Er hat aber ihn bishero nicht vorkommen lassen wollen,
welches er dem Herrn Grafen d’Affry, Herrn Grafen von Golowkin und
mir, als wir uns bei Übergebung der Contre-Declaration in Ryswijk
beisammen eingefunden, selbst erzählet und zugleich zu verstehen
gegeben, daß dessen Anwesenheit allhier das Friedensgeschäft leichtlich
_embrouilliren_ und sehr schädlich sein könnte[284].
Herr Graf d’Affry gab die kräftigste Versicherungen, daß er ihm bereits
aus Ordre seines Hofes auf das nachdrucksamste untersaget, sich in
einige politische _Affairen_, so seinen Hof betreffen, einzumischen,
wie dann er ihm auch sein Haus wirklich verboten habe[285] und ihn
nicht anderst als einen _aventurier_ ansehen könne.