Als der junge Graf am Tage nach diesem glücklichen Ereignis aufsteht,

sieht er Schneider, Stoff- und Spitzenhändler usw. erscheinen, und

er braucht nur zu wählen. Zwei Kammerdiener und drei Lakaien warten

in seinem Vorzimmer, und zwar Leute, die der Botschafter unter den

klügsten und ehrlichsten ausgewählt hat. Sie melden sich bei ihm zum

Dienste. Der Botschafter zeigt dem jungen Grafen den Brief, den er

soeben an dessen Vater geschrieben hat. Darin beglückwünscht er ihn

zu einem Sohne, dessen Gesinnung und Eigenschaften seinem erlauchten

Blut entsprechen, und meldet ihm seine baldige Heimkehr. Die junge

Frau ist nicht vergessen. Er gesteht, daß er ihrer Hochherzigkeit die

Unterwerfung seines Sohnes zum Teil danke, und zweifelt nicht, daß der

Graf das Geschenk von 10000 Gulden gutheißen werde.

Diese Summe wurde der edlen, fesselnden Person noch am selben Tage

zugestellt, und sie reiste alsbald ab. Auch die Zurüstungen zur

Abreise des Grafen wurden getroffen. Eine prächtige Garderobe, ein

ausgezeichneter Wagen wurden in Rotterdam auf ein Schiff verladen, das

nach Frankreich in See ging und auf dem der Graf ebenfalls abfahren

sollte, um sich von dort nach Spanien zu begeben. Bei seiner Abreise

erhielt er eine erhebliche Geldsumme und beträchtliche Wechsel auf

Paris. Rührend war der Abschied des Botschafters von dem jungen Herrn.

Voller Ungeduld erwartete der Botschafter die Antwort des Grafen

Moncada und genoß dessen Freude, indem er sich an seine Stelle

versetzte. Nach vier Monaten traf sie endlich ein. Aber umsonst wird

man versuchen, die Überraschung des Botschafters zu schildern, als er

folgendes las:

„Der Himmel hat mir nie die Genugtuung gewährt, Vater zu sein, lieber

Marchese. Er hat mich mit Gütern und Ehren überhäuft, aber mir den

Kummer bereitet, keine Erben zu haben und mein erlauchtes Geschlecht

mit mir aussterben zu sehen, und so hat er mein Leben mit dem

bittersten Gram erfüllt. Ich sehe zu meinem tiefsten Leidwesen, daß Sie

durch einen jungen Abenteurer getäuscht worden sind, der die Kenntnis

von unserer alten Freundschaft gemißbraucht hat. Aber Euer Exzellenz

sollen nicht der Angeführte sein. Den Grafen Moncada haben Sie sich

zu verbinden geglaubt; er hat die Pflicht, das zu begleichen, was Sie

ihm in hochherziger Freundschaft vorgestreckt haben, um ihm ein Glück

zu bereiten, das ihn aufs höchste erfreut hätte. Ich hoffe also, Herr

Marchese, Sie werden ohne Widerstreben die beiliegende Summe von 3000

Louisdors laut ausgestellter Rechnung annehmen.“

* *

*

Die Art, wie der Graf Saint-Germain den jungen Abenteurer, seine

Geliebte und den Botschafter reden ließ, brachte die Zuhörer

abwechselnd zum Weinen und zum Lachen. Die Geschichte ist buchstäblich

wahr, und der Abenteurer ist nach Aussage derer, die ihm zuhörten,

geschickter als Guzman von Alfarache[166]. Madame hatte den Einfall,

ein Lustspiel daraus zu machen, und der Graf schickte ihr die

Geschichte schriftlich, so wie ich sie hier abgeschrieben habe.

III.

Bericht Hellens[167]

Haag, 8. Januar 1760.

Wie ich höre, befindet sich in Paris ein Mann, dessen Auftreten wichtig

genug scheint, um E. M. zu berichten, was ich davon erfahren konnte. Es

ist eine Art Abenteurer, der unter dem Namen eines Grafen Saint-Germain

in Deutschland und England gereist ist. Er spielt vorzüglich Violine,

macht auch den Alchimisten und tritt überall groß auf. In Paris

wohnt er bei einem englischen Bankier Selwin. Vielleicht haben E. M.

von dem Manne schon gehört. Der angebliche Graf soll gegenwärtig am

Versailler Hofe eine hervorragende Rolle spielen und sogar Zutritt zu

den Privatgemächern des Königs von Frankreich und der Marquise (von

Pompadour) haben. Wie man mir versichert, besuchen ihn alle Minister,

um sich bei ihm einzuschmeicheln, nicht nur, weil er in hohem Maße die

Gunst ihres Gebieters besitzt, sondern auch, um sich Rat bei ihm zu

holen.

Was ihn in so hohe Gunst gebracht hat, ist schwer zu sagen, aber

allem Anschein nach hat er der Favoritin und dem König weisgemacht,

daß er ihnen das Geheimnis des Steins der Weisen zeigen würde. Die

Geistesschwäche des Königs und seine bloße Neugier für alles, was

mit den Naturwissenschaften zusammenhängt, dazu die Habsucht der

Marquise, machen diese Annahme sehr wahrscheinlich. Übrigens soll er

dem König von Frankreich bereits einige recht merkwürdige chemische

Entdeckungen mitgeteilt haben, unter anderem ein Geheimmittel zur

Herstellung dauerhafter Farben. Wie dem aber auch sei, der Mann spricht

den französischen Ministern seine Meinung mit größtem Freimut aus. Er

wiederholt ihnen oft, sie hätten die größte Torheit begangen, sich

mit E. M. zu entzweien und in den Kontinentalkrieg einzugreifen[168].

Er rät ihnen, schleunigst Frieden zu machen. Er gibt sich überhaupt

als großen Bewunderer E. M. aus. Als die beiden Niederlagen gegen

Rußland[169] bekannt wurden, hat er immerfort vorausgesagt, was

tatsächlich eingetreten ist, nämlich daß E. M. Mittel und Wege finden

würden, den Schaden wieder gut zu machen, und daß man sehen würde, daß

Ihre Feinde keinen Schritt weiter gekommen seien.

Anscheinend hat er Anteil am Sturze des letzten

Generalkontrolleurs[170]. Zum mindesten hat er ihn in einem Brief an

einen Freund im Ausland in einer Weise angezeigt, daß diese Annahme

fast berechtigt erscheint. „Ich habe Ihnen mein Versprechen gehalten,“

schreibt er, „Silhouette, der Henker Frankreichs, ist gestürzt.“

IV. Saint-Germain auf Schloß Chambord

(Aus dem Schriftwechsel des Marquis von Marigny[171])

Collet[172] an den Marquis von Marigny

Chambord, 10. Mai 1758.

Ich benutze das freundliche Anerbieten des Grafen Saint-Germain, ihn

nach Paris zu begleiten, um einige ihn betreffende Angelegenheiten zu

ordnen und einige Geschäfte zu erledigen, die vor Ende nächster Woche

beendet sein müssen.

Der Abbé de la Pagerie an den Marquis von Marigny

Blois, 12. August 1758.

Herr von Saint-Germain, der die Neugier des ganzen Landes erregt, wird

täglich erwartet. Ich habe zweimal mit ihm zu Mittag gespeist. Er

scheint ein Mann von großem Wissen und von Grundsätzen zu sein.

Der Marquis von Marigny an den Abbé de la Pagerie

Versailles, 2. September 1758.

Ich erhielt Ihren Brief vom 12. vorigen Monats. Tatsächlich hat der

König Herrn von Saint-Germain eine Wohnung in Chambord angewiesen,

und Sie sagen mit Recht, daß er ein Mann von Verdienst ist. Ich

hatte Gelegenheit, mich davon bei mehreren Unterredungen mit ihm

zu überzeugen. Von seinen hervorragenden Kenntnissen darf man sich

wirklichen Gewinn versprechen.

Collet an den Marquis von Marigny

Chambord, 4. Dezember 1758.

Graf Saint-Germain ist am letzten Sonnabend (2. Dezember) mit zwei

Herren hier eingetroffen. Er will fünf bis sechs Tage hier bleiben und

geht dann nach Paris. Er ist so freundlich, mich mitzunehmen.

Herr von Saumery[173] an den Marquis von Marigny

Paris, 15. April 1759.

Ich glaube, die Nebengebäude werden als Wohnung für die Arbeiter

hinreichen, die Graf Saint-Germain zur Errichtung seiner Manufaktur

mitbringen will.

Collet an den Marquis von Marigny

Chambord, 8. Mai 1759[174].

Graf Saint-Germain ist am letzten Sonnabend (5. Mai) hier eingetroffen.

Dies ist sein zweiter Aufenthalt in Chambord. Ich habe zwei Zimmer für

einige seiner Leute zurechtgemacht, sowie drei andere mit Küche und

Speisekammer im Erdgeschoß zu seiner Bequemlichkeit. Ich habe in diesem

Teil des Schlosses nichts verändert, sondern nur dringende Reparaturen

machen lassen.

V. Aus einem Schreiben des Grafen Bernstorff[175]

(1779).

Ich war weder sein Freund noch sein Bewunderer. Hoffentlich hat

er vergessen, wie sehr er sich darüber ärgerte, aber seither sind

zweiundzwanzig Jahre verflossen ... Jetzt halte ich mein Urteil zurück,

gestehe aber, daß ich noch immer sehr zum Mißtrauen gegen einen Mann

neige, dessen Persönlichkeit stets ein Rätsel blieb, der mit unsinnigen

Behauptungen um sich warf, der immerfort seinen Namen wechselte und

sich bald als Adepten, bald als vornehmen Herrn ausgab, den die

Vorsehung besonders reich gesegnet habe.

VI. Aus den „Episoden meines Lebens“ des Grafen d’Angiviller[176]

Ich kannte den Grafen Saint-Germain, der vom Prinzen Karl[177] so

begünstigt worden ist. Ich war noch sehr jung, aber trotz meiner

Jugend, trotzdem er mich gut behandelte und mir sogar schmeichelte,

ließ ich ihn nicht etwa friedlich die Ehren genießen, die man seinem

Scharlatanismus erwies, sondern trumpfte immerfort erbarmungslos gegen

ihn auf.

DIE MISSION SAINT-GERMAINS IM HAAG (1760)

I

Aus dem Schriftwechsel des Herzogs von Choiseul[178]

Graf d’Affry[179] an Choiseul

Haag, 22. Februar 1760.

Herr Astier[180] schreibt, daß sich in Amsterdam ein gewisser Graf

Saint-Germain aufhält, der, soviel ich weiß, früher lange in England

gelebt hat und einen recht sonderbaren Eindruck macht. Er spricht in

ungewöhnlicher Weise von unseren Finanzen und unserem Ministerium und

behauptet, mit einer wichtigen finanziellen Mission für Frankreich

betraut zu sein.

Haag, 10. März 1760.

Graf Saint-Germain hat mich vorgestern hier aufgesucht. Er führte mir

gegenüber dieselben Reden, wie er sie in Amsterdam geführt haben soll.

Er hat soeben mein Haus verlassen; seine Gespräche drehten sich um

die gleiche Sache. Er sagte mir zuerst, er könne mir unsere Finanzlage

nicht trüb genug schildern; er besitze einen gewissen Plan zu ihrer

Aufbesserung; mit einem Wort, er wolle das Königreich retten. Ich ließ

ihn reden, soviel er wollte, und als er innehielt, fragte ich ihn, ob

der Generalkontrolleur über diesen Plan Bescheid wisse. Er verneinte

es und sagte bei dieser Gelegenheit viel Übles über den Vorgänger des

Herrn Bertin[181]. Er schien besonders den Herren Pâris de Montmartel

und Duverney[182] feindlich gesinnt. Wie er mir sagte, hätte er enge

Beziehungen zum Herrn Marschall von Belle-Isle[183]; auch zeigte er mir

zwei Briefe von ihm, die er seit seiner Ankunft in Holland erhalten

hat. Darin spricht sich Herr von Belle-Isle anerkennend über seinen

Eifer aus, aber sie enthalten nur allgemeine Wendungen und keine

Einzelheiten.

Ich gestand Herrn von Saint-Germain, daß ich seinen Plan durchaus

nicht begriffe. Er gab mir seinerseits zu, daß er ihn schlecht erklärt

hätte, und versprach mir, ihn mir morgen mitzubringen. Ich fragte ihn,

was seine Reise nach Holland mit diesem Plane zu tun hätte. Er gab mir

darauf keine klare Antwort und sagte nur, sein allgemeines Vorhaben

sei, uns den Kredit der vornehmsten hiesigen Bankhäuser zu sichern.

Ich werde mich beehren, Herr Herzog, Ihnen am nächsten Freitag (14.

März) zu berichten, was Herr von Saint-Germain mir morgen etwa sagt

und mitteilt. Ich weiß nicht, ob alle seine Behauptungen völlig

wahrheitsgemäß sind, aber er hat sicherlich sehr ungewöhnliche

Ansichten.

Haag, 11. März.

Herr von Saint-Germain hat mir seinen Plan mitgeteilt, der Herrn Bertin

bekannt ist und sogar von ihm empfohlen wird.

Graf Saint-Germain an die Marquise von Pompadour

[Haag] 11. März 1760.

Gnädige Frau. Meine reinen und aufrichtigen Wünsche für die Wohlfahrt

Ihres verehrten Volkes und für Sie selbst werden, wo ich auch in

Europa weile, unverändert bleiben. Doch will ich nicht unterlassen,

Ihnen Beweise dafür in aller Reinheit, Aufrichtigkeit und Stärke zu

geben. Ich bin jetzt im Haag und wohne beim Grafen Bentinck, Herrn van

Rhoon, zu dem ich enge Beziehungen habe[184]. Ich war so erfolgreich,

daß ich glaube, Frankreich hat keinen verständigeren, treueren und

beständigeren Freund. Des seien Sie versichert, gnädige Frau, wenn Sie

auch das Gegenteil davon hören sollten.

Herr von Bentinck ist hier ebenso allmächtig wie in England, ein großer

Staatsmann und vollendeter Ehrenmann. Er ist mir gegenüber völlig

offen. Aus der Fülle meines Herzens sprach ich ihm von der reizenden

Marquise von Pompadour. Meine Gefühle gegen Sie, gnädige Frau, sind

Ihnen längst bekannt und gewiß der Herzensgüte und Seelenschönheit

wert, die diese Gefühle erweckten. Er war so begeistert davon, daß er

ganz bezaubert ist; mit einem Wort, Sie können sich auf ihn verlassen

wie auf mich.

Ich glaube mit gutem Grunde, daß der König angesichts seiner Macht,

seiner Aufrichtigkeit und Redlichkeit große Dienste von ihm erwarten

kann. Wenn der König glaubt, daß meine Beziehungen zu ihm irgendwie

von Nutzen sein können, so will ich mich aufs äußerste bemühen, ihm zu

dienen. Meine freiwillige, selbstlose Hingebung an seine heilige Person

muß ihm ja bekannt sein. Sie kennen die Treue, die ich Ihnen geschworen

habe, gnädige Frau: befehlen Sie, und ich gehorche. Sie können Europa

ohne die Verdrießlichkeiten und Schwierigkeiten eines Kongresses den

Frieden geben. Ihre Befehle werden mir völlig sicher zukommen, wenn

Sie sie an den Grafen van Rhoon im Haag senden oder, wenn Sie es für

besser halten, an die Herren Thomas und Adrian Hope[185], bei denen

ich in Amsterdam wohne. Was ich Ihnen zu schreiben habe, erscheint

mir so bedeutsam, daß ich mir schwere Vorwürfe machen müßte, gnädige

Frau, wenn ich es Ihnen verschweigen wollte, da ich nie etwas verborgen

habe noch verbergen werde. Wenn Sie keine Zeit haben, mir selbst zu

antworten, so bitte ich Sie, es durch eine sichere, vertrauenswürdige

Person zu tun. Aber verlieren Sie keinen Augenblick; ich beschwöre

Sie bei aller Liebe und Zuneigung für den besten und würdigsten aller

Könige.

Graf d’Affry an Choiseul

Haag, 14. März 1760.

Ich habe den Plan gesehen, von dem Herr von Saint-Germain mir

gesprochen hatte. Ich habe ihn an ihn zurückgesandt und werde ihm bei

nächster Gelegenheit sagen, daß derartige Geschäfte mit meinem Amte

nichts zu tun haben. Ich könnte mich ohne Auftrag nicht damit befassen

und wünschte selbst, Kredite für die Staatsfinanzen in Amsterdam oder

in anderen holländischen Städten zu finden ...

Wie Herr von Saint-Germain mir sagte, hat Herr Bentinck van Rhoon

sich über meine Zurückhaltung bei ihm beschwert; ich spräche mit ihm

nie von Geschäftssachen. Wie er hinzusetzte, hat Herr Bentinck ihm

versichert, niemand sei weniger englisch gesinnt als er; er sei ein

guter Patriot und mehr Franzose, als ich glaubte. Ich antwortete Herrn

von Saint-Germain mit allgemeinen Wendungen, ließ aber durchblicken,

daß ich es seltsam fände, daß Herr Bentinck ihm diesen Auftrag gegeben

hätte, und noch seltsamer, daß er ihn übernommen hätte. Ich halte mich

für verpflichtet, Ihnen alles mitzuteilen, was zwischen diesem Manne

und mir stattgefunden hat.

Choiseul an Graf d’Affry

Versailles, 19. März 1760.

Ich sende Ihnen einen Brief des Herrn von Saint-Germain an die Marquise

von Pompadour[186], der die unglaubliche Art dieses Mannes hinreichend

beweist. Er ist ein Abenteurer ersten Ranges und zudem, soweit ich

sehen kann, sehr töricht. Ich bitte Sie, ihn sofort nach Empfang meines

Briefes zu sich kommen zu lassen und ihm zu sagen, ich wisse zwar

nicht, wie man im Finanzdepartement über ihn dächte, gäbe Ihnen aber

den Befehl, ihm zu eröffnen: sobald ich erführe, daß er sich irgendwie

im Großen oder im Kleinen in die Politik einzumischen wage, so könne er

sich darauf verlassen, ich würde beim König den Befehl erwirken, ihn

bei seiner Rückkehr nach Frankreich für den Rest seiner Tage in einem

Kerkerloch einzusperren. Sie wollen hinzusetzen, er möge ganz sicher

sein, daß diese meine Absichten ebenso ernst sind, wie daß sie bestimmt

ausgeführt werden, falls er mir Anlaß gibt, mein Wort zu halten.

Nach dieser Erklärung werden Sie ihn auffordern, nie wieder einen Fuß

in Ihr Haus zu setzen, und Sie werden gut daran tun, allen fremden

Gesandten sowie den Amsterdamer Bankiers das Kompliment bekanntzugeben,

das Sie diesem unausstehlichen Abenteurer in meinem Auftrage gemacht

haben.

Graf d’Affry an Choiseul

Haag, 21. März 1760.

Graf Rhoon van Bentinck hat mich nicht nur durch Herrn von

Saint-Germain unterrichtet, sondern mir auch durch andere Personen

sagen lassen, wie sehr ihm daran liege, sich mit mir in Verbindung zu

setzen. Ich gab zur Antwort, da ich bisher keinerlei Beziehungen zu

ihm gehabt hätte, schiene es mir zwecklos, jetzt damit zu beginnen.

Ich wäre jedoch stets bereit, mit Personen zusammenzugehen, die es

als gute holländische Patrioten für ihr Land für vorteilhaft hielten,

die Freundschaft und das Wohlwollen Seiner Majestät zu pflegen. Ich

wüßte, daß Herr von Bentinck diese für sein Land wie für ihn selbst

so wünschenswerten Grundsätze stets außer acht gelassen hätte und

daß seine diesbezügliche Sinnesänderung Beweise von längerer Dauer

erheischte, als ihm recht sein möchte. Er hat meine Antwort erhalten,

sich dadurch aber nicht entmutigen lassen.

Ich hielt mich für verpflichtet, den Ratspensionär[187], Herrn van

Slingelandt[188] und Herrn von Hompesch zu benachrichtigen. Wie sie

mir sagten, wünscht Herr von Bentinck eine Annäherung an uns nur,

um seinen Kredit hier und in England aufzufrischen, und er möchte

wahrscheinlich zu einem der Bevollmächtigten der Republik auf dem

künftigen Kongreß[189] ernannt werden.

Haag, 5. April 1760.

Ihren Erlaß vom 19. März über den Grafen Saint-Germain kann ich erst

heute beantworten, weil das indiskrete Benehmen dieses Abenteurers (um

nicht mehr zu sagen) mir Nachforschungen nötig erscheinen ließ, bevor

ich Ihnen Bericht erstatte. Aber dies Benehmen ist derart, daß ich es

für meine Pflicht halte, es zur Kenntnis Seiner Majestät zu bringen.

Am Tage nach Empfang Ihres Schreibens suchte Herr von Saint-Germain,

der aus Amsterdam kam, mich auf. Er kam mit Herrn von Brühl und

Kauderbach[190] und sagte mir, die Herren wollten mit ihm zum Grafen

Golowkin[191] nach Ryswijk, wohin auch ich wollte. Ich sagte Herrn von

Saint-Germain, daß ich ihn vorher zu sprechen wünschte, und teilte ihm

zugleich den Inhalt Ihres Schreibens über seinen Plan mit. Er war davon

niedergeschmettert. Zuletzt bat ich ihn, am nächsten Morgen um 10 Uhr

zu mir zu kommen. Kurz darauf teilte ich Kauderbach den Inhalt Ihres

Schreibens mit, worauf er sofort beschloß, Saint-Germain nicht nach

Ryswijk mitzunehmen.

Saint-Germain ist nicht zu mir gekommen, und da ich glaubte, meine

sehr deutlichen Erklärungen würden hinreichen, um ihn vorsichtig zu

machen, ja ihn zum Verlassen des Landes bestimmen, so hielt ich es

nicht für erforderlich, ihn nochmals zu mir zu bitten, sondern ließ es

dabei bewenden, das, was Sie mir geschrieben haben, an die vornehmsten

Vertreter der Republik und an einige fremde Gesandte mitzuteilen, sowie

Herrn Astier in Amsterdam anzuweisen, die größten Bankhäuser vor den

etwaigen Vorschlägen Saint-Germains zu warnen. Wie Herr Astier mir

mitteilte, haben unter anderen die Herren Thomas und Adrian Hope seinen

Aufenthalt bei ihnen als sehr lästig und peinlich empfunden und wollen

die erste Gelegenheit wahrnehmen, um ihn loszuwerden.

Aber die beiden Briefe des Marschalls Belle-Isle, die Sie mir gesandt

haben, scheinen mir zu beweisen, daß der Mann sich nicht an die

ihm von mir erteilten Weisungen gehalten hat, sondern uns in neue

Schwierigkeiten verwickeln wird. Diese Briefe erhielt ich Dienstag

(1. April). Ich ließ Herrn von Saint-Germain auffordern, mich am

Mittwoch früh aufzusuchen, aber er kam nicht, und vorgestern, am

Donnerstag, sagte mir der Prinz von Braunschweig[192] in Gegenwart

der Herren Golowkin und von Reischach[193], nachdem wir ihm unsere

Gegenerklärungen[194] mitgeteilt hatten, er hätte erfahren, auf Befehl

Seiner Majestät seien die Briefe, die Saint-Germain nach Versailles

gerichtet hat, an mich übersandt worden. Wahrscheinlich würde ich bald

noch andere erhalten; denn er wisse, daß Saint-Germain noch mehrere

sehr lange geschrieben hätte, seit ihm mein Haus von mir verboten sei.

Er selber hätte sich bestimmt geweigert, ihn zu empfangen. Trotzdem

sei ihm bekannt, daß er andere Personen gesehen hätte und daß dieser

Mensch hier noch immer Ränke spänne. Es ließe sich ihm zwar nichts

zur Last legen, aber er sei in diesem Augenblick und hierzulande eine

sehr gefährliche Person, und ein Mensch von solcher Dreistigkeit

könne eine Unterhandlung durch einen einzigen Schritt erschweren und

verzögern. Nun glaubte ich das Wort ergreifen zu müssen und sagte

zum Prinzen Ludwig, ich sei vollauf ermächtigt, ihm sowie den Herren

Golowkin und Reischach zu erklären, daß Saint-Germain von uns völlig

desavouiert werde und daß auf irgendwelche Äußerungen von ihm über

unsere Angelegenheiten oder unsere Regierung nichts zu geben sei. Ich

sagte dem Prinzen von Braunschweig ferner, wenn er Gelegenheit habe,

Herrn Yorke[195] zu sehen, vielleicht am gleichen Tage, so bäte ich ihn

ernstlich, ihm von mir aus die gleiche Erklärung abzugeben. Dasselbe

tat ich gestern morgen beim Ratspensionär und beim Greffier[196].

Vorgestern Abend, nach meiner Rückkehr aus Ryswijck, sandte ich zu

Herrn von Saint-Germain und ließ ihn um seinen Besuch bitten. Er war

nicht zu Hause. Ich sandte ihm eine schriftliche Einladung, mich

gestern früh um acht Uhr aufzusuchen. Ich mußte nochmals nach ihm

schicken; schließlich kam er. Ich hielt es nicht für angezeigt, ihm die

Briefe des Herrn von Belle-Isle zu übergeben, da er schlechten Gebrauch

davon machen könnte, aber ich sagte ihm, der Herr Marschall hätte mir

auf ausdrücklichen Befehl des Königs geboten, alles anzuhören, was

er mir zu sagen hätte. Ich fragte ihn, ob seine Eröffnungen sich auf

unser Militär bezögen; er verneinte es. Ich fragte ihn, ob sie unsere

Flotte oder unsere Finanzen beträfen. Er verneinte es gleichfalls.

Hierauf entgegnete ich, sie könnten also lediglich politischer

Natur sein, und darauf las ich ihm alles vor, was Sie mir über sein

ihm bevorstehendes Schicksal bei seiner Rückkehr nach Frankreich

geschrieben haben. Anfangs trug er große Gleichgültigkeit zur Schau,

dann drückte er sein Erstaunen über die Behandlung aus, mit der man

einen Mann seines Ranges bedrohe, aber schließlich schien ihn die Sache

zu verwirren. Da er indes anscheinend nicht gesonnen war, den Plan,

den sein Betätigungsdrang ihm eingibt, fallen zu lassen, warnte ich

ihn beim Abschied nochmals sehr ernstlich und sagte ihm, wenn er sich

noch weiterhin irgendwie in die Angelegenheiten und Interessen Seiner

Majestät einmische, so würde ich Ihnen das melden und hier öffentlich

sagen, daß alles, was er hier verbreitet habe, von Seiner Majestät und

dessen Ministern völlig dementiert werde.

Sogleich ging ich zu Herrn Yorke ... und fragte ihn, ob Saint-Germain

in seinem Hause gewesen sei. Er sagte, er sei zweimal bei ihm

gewesen[197]. Beim ersten Besuch hätte er mit ihm vom Frieden

gesprochen, und er selbst hätte sich lediglich in allgemeinen Wendungen

über Englands ehrlichen Friedenswillen geäußert. Beim zweiten Besuch

sei er, Yorke, zurückhaltender geworden, da er gehört habe, daß ich

Saint-Germain mein Haus verboten hätte. Er fügte hinzu, daß der Herzog

von Newcastle[198] auf seinen Bericht über den ersten Besuch des Mannes

an ihn geschrieben hätte, er möge ihm erwidern, daß Eröffnungen über

den Frieden von seiten Frankreichs in London stets willkommen seien,

einerlei durch wen sie gemacht würden. Aber ich weiß nicht, ob Herr

Yorke ihm diesen Bescheid mitgeteilt hat.

Ich bitte Sie, Herr Herzog, diesen Bericht dem Herrn Marschall von

Belle-Isle mitzuteilen. Ich bin sicher, daß er jeden brieflichen

Verkehr mit einem Manne abbrechen wird, der sich in der von mir

geschilderten Weise benommen hat. Anbei folgen die beiden Schreiben

zurück, die er mir für Saint-Germain zugesandt hat.

Ich habe Ihnen noch zu sagen, daß Herr von Saint-Germain so anmaßend

ist, überall zu behaupten und sogar mir zu sagen, daß Seine Majestät

so gütig waren, ihm das Schloß Chambord unter den gleichen Bedingungen

zuzuweisen wie dem verstorbenen Marschall von Sachsen, mit Ausnahme der

Einkünfte, die er, wie er sagte, gar nicht zu haben wünschte.

Choiseul an Graf d’Affry

Versailles, 11. April 1760.

Der Graf von Saint-Germain: Das Leben eines Alchimisten · 第 8 / 24 段