Saint-Germain gab sich für einen Wundermann aus. Er wollte verblüffen,

und das gelang ihm oft. Sein Ton war bestimmt, aber so einstudiert, daß

er nicht mißfiel. Er war gelehrt, beherrschte die meisten Sprachen,

war ein großer Musiker und Chemiker, hatte ein angenehmes Gesicht und

verstand alle Frauen zu kirren; denn er gab ihnen zugleich Schminken

und Schönheitsmittel und schmeichelte ihnen mit der Hoffnung, nicht,

sie zu verjüngen -- denn er war so bescheiden, zu gestehen, daß er

dies nicht vermöchte --, wohl aber, sie in ihrem jetzigen Zustande zu

erhalten, und zwar mittels eines Wassers, das er ihnen schenkte, obwohl

es ihm selbst, wie er sagte, viel Geld kostete.

Er hatte die Gunst der Frau von Pompadour zu erlangen gewußt, die ihm

eine Unterredung mit dem Könige verschaffte, und diesem hatte er ein

hübsches Laboratorium eingerichtet. Denn der liebenswürdige Monarch,

der sich überall langweilte, glaubte etwas Unterhaltung oder doch

Zerstreuung beim Herstellen von Farben zu finden. Der König hatte ihm

eine Wohnung im Schlosse Chambord angewiesen und ihm 100000 Franken zum

Bau eines Laboratoriums gegeben. Wie Saint-Germain behauptete, wollte

der König durch seine chemischen Produkte die französischen Fabriken in

Blüte bringen.

Dieser eigentümliche Mann, der zum Betrüger großen Stiles geschaffen

war, sagte in selbstgewissem Ton und gleichsam beiläufig, er sei

dreihundert Jahre alt, besitze das Allheilmittel, mache mit der Natur,

was er wolle, besitze das Geheimnis, Diamanten zu schmelzen und aus

zehn bis zwölf kleinen einen großen von reinstem Wasser zu machen,

ohne daß ein Gewichtsverlust einträte. Alle diese Operationen waren

für ihn ein Kinderspiel. Trotz seiner Aufschneidereien, offenkundigen

Lügen und maßlosen Wunderlichkeiten brachte ich es doch nicht über

mich, ihn unverschämt zu finden. Achtbar fand ich ihn auch nicht, aber

unwillkürlich und fast unbewußt fand ich ihn verblüffend; denn er

verblüffte mich ...

Der seltsame Mann erschien oft in den besten Häusern der Hauptstadt zum

Diner, rührte aber keinen Bissen an und behauptete, sein Leben hinge

von seiner Ernährungsweise ab, die niemand außer ihm kennen könne. Mit

dieser Wunderlichkeit fand man sich ab, denn man war nur auf seine

Erzählerkunst erpicht, die ihn tatsächlich zur Seele aller von ihm

besuchten Gesellschaften machte.

(Februar 1758)

Zu Tisch erschien Saint-Germain, aber wie stets aß er nicht, sondern

redete nur. Mit unerschütterlicher Sicherheit erzählte er unglaubliche

Dinge, und man mußte so tun, als ob man sie glaubte; denn er war stets

Augenzeuge oder Held der Geschichte gewesen. Nur als er etwas erzählte,

das ihm begegnet war, als er mit den Vätern des Konzils von Trient[149]

speiste, mußte ich lachen.

Frau von Urfé trug am Halse als Schmuckstück einen großen Magneten.

Eines Tages, so behauptete sie, würde dieser Magnet den Blitz anziehen,

und sie würde auf diese Weise zur Sonne aufsteigen. Der berühmte

Schwindler versicherte ihr sofort, die Sache sei unfehlbar, aber er

allein besäße die Macht, den Magneten ums Tausendfache zu verstärken.

Ich entgegnete ihm kalt, ich wollte um 20000 Thaler wetten, daß er ihn

nicht einmal um das Doppelte verstärken könne. Frau von Urfé legte

sich ins Mittel, um die Wette zu verhindern, und nach Tisch sagte sie

mir unter vier Augen, ich hätte sie verloren; denn Saint-Germain sei

Magier. Man kann sich wohl denken, daß ich ihr recht gab.

Ein paar Tage darauf reiste der angebliche Magier nach Chambord, wo

der König ihm eine Wohnung und 100000 Franken angewiesen hatte, um

in voller Freiheit an seinen Farben arbeiten zu können, mit denen er

den französischen Tuchfabriken den Vorrang vor denen aller anderen

Länder sichern wollte. Saint-Germain hatte den König dadurch bestrickt,

daß er ihm in Trianon ein Laboratorium einrichtete, in dem er sich

bisweilen die Zeit vertrieb, so gering auch seine chemischen Kenntnisse

waren. Aber der König langweilte sich überall, außer auf der Jagd: der

Hirschpark betäubte ihn nur und stumpfte ihn immer mehr ab.

Die gefällige Marquise hatte den Adepten dem König zugeführt, in der

Hoffnung, ihm die Langeweile zu vertreiben, indem sie ihm Geschmack für

die Chemie beibrachte. Zudem glaubte die Pompadour, von Saint-Germain

das Lebenselixier bekommen zu haben, und so wollte sie ihm einen großen

Vorteil verschaffen. Dies Wunderwasser, das man genau in der von dem

Schwindler vorgeschriebenen Dosis einnehmen mußte, besaß nicht die

Kraft, den Menschen zu verjüngen -- er gab zu, daß dies unmöglich war

--, sondern nur die, ihn für mehrere Jahrhunderte nicht altern zu

lassen. Tatsächlich hatte dies Wasser -- oder sein Erfinder -- wo nicht

auf den Körper, so doch auf den Geist der berühmten Frau gewirkt: sie

hatte dem König versichert, daß sie nicht altere.

Auch der König war ganz im Banne des Betrügers; eines Tages zeigte er

dem Herzog von Zweibrücken[150] einen zwölfkarätigen Diamanten von

reinstem Wasser, den er selbst gemacht zu haben wähnte. „Ich habe

24 Karat kleinere Diamanten geschmolzen,“ sagte Ludwig XV., „daraus

erhielt ich diesen, der durch Schleifen auf 12 Karat verkleinert ist.“

Infolge dieser Voreingenommenheit hatte der König jenem berühmten

Abenteurer den früheren Wohnsitz des Marschalls von Sachsen[151]

angewiesen. Ich habe diese Anekdote vom Herzog von Zweibrücken selbst

gehört, als ich in Metz mit ihm und dem schwedischen Grafen Lewenhaupt

speiste.

Ferner erzählt Casanova in seiner Schrift „Monolog eines Denkers“, S.

34 f. (Prag 1784):

Der unlängst in Schleswig verstorbene Saint-Germain war niemand anders

als der Geigenspieler _Catalani_. Er war groß unter dem Namen eines

_Marquis de la croix noire_ in England, wunderbar unter dem Namen eines

Grafen _Saint-Germain_ in Frankreich und Spanien, und einzig unter dem

eines Grafen _Belmar_ in Italien. Was war das für ein Mensch! Selbst

von ihm angeführt zu werden, gereichte nicht zur Unehre. Sein Gesicht

war angenehm, vornehm sein Auftreten. Er war ein guter Erzähler, wenn

er auch manchmal aufschnitt, sprach alle Sprachen gut. Dazu war er

ein großer Chemiker, ein großer Musiker, besaß die Formen der guten

Gesellschaft, zeigte sich selten, war zurückhaltend, höflich, witzig,

geistvoll -- kurz, er war von solcher Art, daß selbst die, die auf

ihn hereingefallen waren, es ohne Erröten zugaben. König Ludwig XV.,

der sich, wo er auch war, langweilte, fand Zeitvertreib in dem von

Saint-Germain ihm eingerichteten Laboratorium. Er gab ihm eine Wohnung

im Schloß Chambord und 100000 Franken.

II. Aus den „Denkwürdigkeiten“ der Madame du Hausset[152].

Bei Frau von Pompadour verkehrte oft ein Mann, der einer Zauberin kaum

etwas nachgab. Das war der Graf Saint-Germain, der glauben machen

wollte, daß er mehrere Jahrhunderte alt war.

Eines Tages fragte Madame ihn in meiner Gegenwart bei der Toilette:

„Wie sah Franz I.[153] aus? Das war ein König, den ich geliebt

hätte.“ -- „Er war auch sehr liebenswert“, versetzte Saint-Germain.

Dann schilderte er seine Gesichtszüge und seine ganze Erscheinung wie

bei einem, den man sich genau angesehen hat. „Leider war er nur zu

hitzig. Ich hätte ihm gern einen trefflichen Rat gegeben, der ihn vor

all seinem Unglück bewahrt hätte, aber er hätte ihn nicht befolgt;

denn es scheint ein Verhängnis über den Fürsten zu walten, die ihre

Ohren -- die Ohren des Geistes -- den besten Ratschlägen verschließen,

besonders in kritischen Augenblicken.“ -- „Und was sagen Sie von dem

_Connétable_[154]?“ fragte Madame. -- „Ich kann weder allzu Gutes noch

allzu Schlechtes von ihm sagen“, entgegnete er. -- „War der Hof Franz’

I. sehr schön?“ -- „Sehr schön, aber der seiner Enkel[155] übertraf

ihn unendlich. Zur Zeit der Maria Stuart[156] und der Margarete von

Valois[157] war er ein Zauberland, der Tempel der Genüsse, auch der

geistigen. Beide Königinnen waren gelehrt, sie machten Verse, und ihnen

zuzuhören, war ein Genuß.“ Lachend versetzte Madame: „Wie es scheint,

haben Sie das alles gesehen.“ -- „Mein Gedächtnis ist stark,“ sagte er,

„und ich habe die französische Geschichte eingehend studiert. Bisweilen

erlaube ich mir den Spaß, die Leute zwar nicht glauben zu _machen_,

aber glauben zu _lassen_, daß ich in den ältesten Zeiten gelebt habe.“

-- „Aber schließlich sagen Sie doch nicht, wie alt Sie sind, und Sie

geben sich für sehr alt aus. Die Gräfin von Gergy, die vor 50 Jahren

Botschafterin war, ich glaube in Venedig[158], behauptet, Sie so

gekannt zu haben, wie Sie jetzt sind.“ -- „Allerdings Madame, habe ich

die Gräfin von Gergy vor langer Zeit kennen gelernt.“ -- „Aber nach

dem, was sie sagt, müßten Sie jetzt über 100 Jahre alt sein.“ -- „Das

ist nicht unmöglich,“ sagte er lachend, „aber wie ich zugebe, ist es

noch möglicher, daß die verehrte Dame Unsinn redet.“ -- „Sie behauptet,

Sie hätten ihr ein Elixier von wunderbarer Wirkung gegeben. Sie hätte

infolgedessen lange wie eine Vierundzwanzigjährige ausgesehen. Warum

geben Sie dem König das Elixier nicht?“ -- „Ach, Madame,“ versetzte er

mit einer Art von Schauder, „wenn ich mir beikommen ließe, dem König

eine mir unbekannte Arznei zu geben, müßte ich wahnsinnig sein[159].“

Ich begab mich auf mein Zimmer, um dies Gespräch aufzuschreiben.

Ein paar Tage darauf war zwischen dem König, Madame, einigen Edelleuten

und dem Grafen Saint-Germain die Rede von dem Geheimmittel, das er

besaß, um Diamanten von Flecken zu befreien. Der König ließ sich

einen mäßig großen Diamanten bringen, der einen Fleck hatte. Man ließ

ihn wiegen, und der König sagte zum Grafen: „Er wird auf 6000 Livres

geschätzt, aber ohne den Flecken wäre er 10000 wert. Wollen Sie es

übernehmen, mich 4000 Franken verdienen zu lassen?“ Dieser prüfte ihn

genau, dann sagte er: „Das ist möglich. In einem Monat werde ich ihn

Eurer Majestät wiederbringen.“

[Illustration: Giacomo Casanova

Nach einem Pastellbild seines Bruders Francesco]

Nach einem Monat brachte der Graf dem König den Diamanten fleckenlos

zurück. Er war in Asbestwatte gewickelt, die er entfernte. Der König

ließ ihn wiegen, und er wog fast genau soviel wie vorher. Der König

schickte ihn durch Herrn von Gontaut[160] zu seinem Juwelier, ohne

ihm irgend etwas zu sagen, und der brachte 9600 Livres wieder. Aber

der König ließ den Diamanten zurückfordern, um ihn der Wissenschaft

halber zu behalten. Er konnte sich von seiner Überraschung nicht

erholen und sagte, Herr von Saint-Germain müsse millionenreich sein,

besonders, wenn er das Geheimnis besäße, aus kleinen Diamanten große zu

machen. Der sagte weder ja noch nein, versicherte aber sehr bestimmt,

er könne Perlen vergrößern und ihnen ein schöneres Wasser geben. Der

König behandelte ihn achtungsvoll, ebenso Madame, von der ich das eben

Gesagte erfuhr. Betreffs der Perlen hat mir Herr Quesnay[161] gesagt:

„Die Perlen entstehen durch eine Krankheit der Austern, und es ist

möglich, ihr auf den Grund zu kommen. Somit kann Herr von Saint-Germain

Perlen vergrößern; trotzdem aber ist er ein Scharlatan; denn er hat ein

Lebenselixier und läßt durchblicken, daß er mehrere hundert Jahre alt

ist. Übrigens ist der König vernarrt in ihn und spricht bisweilen von

ihm, als ob er von erlauchter Geburt sei.“

Ich habe ihn mehrfach gesehen. Er schien 50 Jahre alt, war weder fett

noch mager, hatte eine schlaue, geistreiche Miene, war sehr schlicht,

aber geschmackvoll gekleidet und trug sehr schöne Diamanten an den

Ringen wie an seiner Tabaksdose und Uhr. Eines Tages, bei einem großen

Hoffest, kam er mit so schönen Schuhschnallen und Kniebändern, die

mit echten Diamanten besetzt waren, zu Madame, daß diese sagte, sie

glaube nicht, daß der König so schöne hätte. Er ging ins Vorzimmer,

um sie abzumachen, und brachte sie dann wieder, damit man sie näher

ansehen könnte. Herr von Gontaut, der dabei war, verglich die Steine

mit anderen und sagte, sie seien wenigstens 200000 Franken wert. Am

selben Tage trug er eine unschätzbare Tabaksdose und Manschettenknöpfe

von funkelnden Rubinen. Kein Mensch wußte, woher dieser so reiche und

außergewöhnliche Mann stammte, und der König duldete nicht, daß man

verächtlich von ihm sprach und über ihn spottete. Er war angeblich der

Bastard eines portugiesischen Königs ...

Eines Tages sagte Herr von Saint-Germain zum König: „Um die Menschen zu

achten, darf man weder Beichtvater noch Minister noch Polizeidirektor

sein.“ -- Der König setzte hinzu: „Und König.“ -- „Ach, Sire,“ rief

er, „Sie haben den Nebel vor einigen Tagen gesehen, man sah keine vier

Schritt weit. Die Könige sind -- allgemein gesprochen -- in noch viel

dichtere Nebel gehüllt, die Ränkeschmiede, treulose Minister um sie

entstehen lassen, und in allen Volksklassen ist man sich darin einig,

ihnen die Dinge in falscher Beleuchtung zu zeigen.“ Dies hörte ich aus

dem Munde des berühmten Grafen Saint-Germain, als ich bei Madame war,

die unpäßlich war und im Bette lag. Der König besuchte sie, und auch

der Graf wurde als willkommener Gast empfangen. Herr von Gontaut, Frau

von Brancas[162] und der Abbé de Bernis[163] waren dabei ...

Eines Tages besuchte Graf Saint-Germain Madame, die unpäßlich war und

auf ihrem Diwan lag. Er zeigte ihr ein Kästchen voller Topase, Rubine

und Smaragde. Anscheinend besaß er Schätze davon. Madame rief mich,

um all die schönen Dinge zu besehen. Ich blickte sie verblüfft an,

machte aber hinten herum Madame ein Zeichen, daß ich alles für falsch

hielte. Der Graf suchte etwas in einer Brieftasche, die doppelt so

groß war wie ein Brillenfutteral, zog zwei bis drei kleine Päckchen

hervor, wickelte sie aus, zeigte einen prachtvollen Rubin und warf

geringschätzig ein kleines Kreuz auf den Tisch neben ihm. Es bestand

aus weißen und grünen Steinen. Ich betrachtete es und sagte: „Das ist

nicht zu verachten.“ Ich legte es an und machte eine Miene, als ob ich

es sehr hübsch fände. Sogleich bat der Graf mich, es anzunehmen. Ich

weigerte mich, er blieb dabei. Madame schlug es gleichfalls für mich

aus. Schließlich drängte er so, daß Madame, die sah, daß es nicht mehr

als 40 Louisdors wert sein konnte, mir winkte, es anzunehmen. Ich nahm

das Kreuz, sehr befriedigt über die Liebenswürdigkeit des Grafen, und

ein paar Tage darauf schenkte Madame ihm eine emaillierte Dose mit dem

Bild irgendeines griechischen Weisen, eine Anspielung auf ihn. Übrigens

ließ ich das Kreuz prüfen; es war 1500 Franken wert.

Er schlug Madame vor, ihr ein paar Emailbilder von Petitot[164] zu

zeigen, und sie sagte ihm, er solle am Nachmittag während der Jagd

wiederkommen. Er zeigte seine Bilder, und Madame sagte zu ihm: „Man

erzählt von einer reizenden Geschichte, die Sie vor zwei Tagen beim

Souper beim Premier zum besten gaben und deren Augenzeuge Sie vor 50

bis 60 Jahren waren.“ Er lächelte und sprach: „Sie ist etwas lang.“

-- „Um so besser“, entgegnete Madame und schien ganz entzückt. Herr

von Gontaut und die Damen kamen, und man ließ die Tür schließen. Dann

winkte Madame mir, hinter einem Wandschirm Platz zu nehmen. Der Graf

entschuldigte sich sehr, daß seine Geschichte vielleicht langweilen

werde. Manchmal erzähle man gut, und ein andermal hätte man weniger

Glück.

Saint-Germains Erzählung

„Der Marchese von San Gil[165] war zu Anfang dieses Jahrhunderts

spanischer Botschafter im Haag. In seiner Jugend war er mit dem Grafen

von Moncada befreundet gewesen, einem spanischen Granden und einem der

reichsten Herren des Landes. Einige Monate nach seiner Ankunft im Haag

erhielt er einen Brief des Grafen, der ihn bei seiner Freundschaft

beschwor, ihm einen sehr großen Dienst zu leisten. „Wie Sie wissen,

lieber Marchese,“ schrieb er ihm, „hatte ich den Kummer, den Namen

Moncada nicht fortpflanzen zu können. Doch kurz nachdem ich Sie

verlassen, erhörte der Himmel mein Flehen und schenkte mir einen Sohn.

Der zeigte frühzeitig eines Mannes seiner Abkunft würdige Neigungen,

aber das Unglück wollte, daß er sich in Toledo in die berühmteste

Schauspielerin der dortigen Truppe verliebte. Ich schloß die Augen

über diesen Jugendstreich, da ich bisher stets zufrieden mit ihm war.

Als ich aber erfuhr, daß ihn die Leidenschaft derart verblendete,

daß er das Mädchen heiraten wollte, und daß er ihr ein schriftliches

Eheversprechen gegeben hatte, bat ich den König, sie einsperren zu

lassen. Als mein Sohn von meinem Schritt erfuhr, kam er ihm zuvor

und entfloh mit der Geliebten. Seit über einem halben Jahre weiß ich

nicht, wohin er seine Schritte gelenkt hat, aber ich habe Grund zu der

Annahme, daß er im Haag ist.“ Nun beschwor der Graf den Marchese im

Namen seiner Freundschaft, die genauesten Nachforschungen anzustellen,

um ihn ausfindig zu machen und ihn zur Heimkehr zu bewegen. „Es ist

recht und billig,“ schrieb der Graf, „dem Mädchen eine Versorgung

zu geben, falls sie das Heiratsversprechen, das sie sich ausstellen

ließ, wieder herausgibt. Ich überlasse es Ihnen, die Entschädigung zu

bestimmen und meinem Sohn so viel auszuzahlen, daß er in anständigem

Aufzuge nach Madrid zurückkehren kann. Ich weiß nicht, ob Sie Kinder

haben“, schloß der Graf. „Wenn ja, so können Sie sich einen Begriff von

meiner Sorge machen.“ Dem Brief lag eine genaue Beschreibung seines

Sohnes und seiner Geliebten bei.

Sobald der Marchese ihn erhalten hatte, ließ er in allen Gasthöfen

von Amsterdam, Rotterdam und dem Haag nachforschen. Doch umsonst! Er

brachte nichts heraus. Er begann schon am Erfolg seiner Schritte zu

verzweifeln, als er auf den Gedanken kam, einen sehr geweckten jungen

französischen Pagen dazu zu benutzen. Er versprach ihm eine Belohnung,

falls es ihm gelänge, die so dringend gesuchten Personen zu entdecken,

und er gab ihm deren Beschreibung. Mehrere Tage streifte der Page

vergebens an allen öffentlichen Orten umher. Endlich, eines Abends im

Theater, erblickte er in einer Loge einen jungen Mann und eine Dame,

die er aufmerksam betrachtete. Als er merkte, daß beide, durch seine

Aufmerksamkeit betroffen, sich in den Hintergrund der Loge zurückzogen,

zweifelte der Page nicht mehr am Erfolg seiner Nachforschungen. Er ließ

die Loge nicht aus den Augen und beobachtete gespannt alles, was darin

vorging.

Als das Stück aus war, stand er in dem Gange, der von den Logen zum

Portal führte, und als der junge Mann an ihm vorbeiging, bemerkte er,

daß seine Tracht diesem offenbar auffiel, und daß er sein Taschentuch

vor den Mund hielt, um sich unkenntlich zu machen. Unauffällig folgte

er ihm bis zum Gasthof „Vicomte de Turenne“, in den er ihn mit seiner

Begleiterin eintreten sah. Dann eilte er, seiner Sache gewiß, zu dem

Botschafter, um ihn zu benachrichtigen.

Der Marchese von San Gil begab sich sofort, in einen Mantel gehüllt

und von seinem Pagen und zwei Dienern gefolgt, nach dem Gasthof.

Dort angelangt, fragte er den Wirt, wo sich das Zimmer eines jungen

Mannes und einer Dame befände, die seit einer Weile bei ihm wohnten.

Der Wirt machte zunächst einige Schwierigkeiten, es zu sagen, wenn

der Name der beiden nicht angegeben würde. Aber der Page machte ihn

darauf aufmerksam, daß er mit dem spanischen Botschafter spräche, der

seine Gründe hätte, mit diesen Personen zu reden. Da sagte der Wirt,

sie wünschten nicht bekannt zu werden und hätten verboten, jemand bei

ihnen einzulassen, der ihren Namen nicht nenne. Aus Hochachtung vor

dem Botschafter jedoch gab er ihm das Zimmer an und führte ihn selbst

ins oberste Stockwerk in ein elendes Stübchen. Er klopfte an, aber es

dauerte ein Weilchen, bis die Tür geöffnet wurde. Endlich, als er von

neuem stark gepocht hatte, wurde sie halb geöffnet, aber beim Anblick

des Botschafters und seines Gefolges wollte der, welcher sie geöffnet

hatte, sie wieder schließen, indem er sagte, man irre sich wohl. Da

stieß der Botschafter sie mit Gewalt auf, trat ein und gebot seinen

Leuten, draußen zu warten.

Als er allein im Zimmer stand, sah er einen jungen Mann von sehr

hübschem Äußeren, das vollkommen zu der Beschreibung paßte. Bei ihm war

ein junges Weib, schön und von guter Figur, dessen Haarfarbe, Wuchs

und Gesichtsschnitt gleichfalls mit der Beschreibung des Grafen von

Moncada übereinstimmte. Der junge Mann brach zuerst das Schweigen. Er

beschwerte sich über das gewaltsame Eindringen bei einem Fremden, der

in einem freien Lande sei und unter dem Schutz der Gesetze lebe. Der

Botschafter trat auf ihn zu, um ihn zu umarmen, und sprach: „Verstellen

Sie sich nicht, lieber Graf! Ich kenne Sie und komme nicht her, um

Ihnen Verdruß zu bereiten, auch der jungen Dame nicht, die mir sehr

fesselnd erscheint.“

Der Jüngling entgegnete, er irre sich. Er sei kein Graf, sondern der

Sohn eines Kaufmanns aus Cadix. Die junge Frau sei seine Gattin, und

sie reisten zu ihrem Vergnügen. Der Botschafter warf einen Blick in das

elend ausgestattete Stübchen, in dem nur ein einziges Bett stand, sowie

auf das armselige Gepäck, das herumlag. „Wohnt hier, liebes Kind --

gestatten Sie mir diese Anrede, zu der mich die zärtliche Freundschaft

zu Ihrem Herrn Vater ermächtigt --, wohnt hier der Sohn des Grafen

Moncada?“ Der junge Mann behauptete immer noch, nicht zu verstehen, was

er meinte. Schließlich aber ward er durch den eindringlichen Zuspruch

des Botschafters besiegt und gestand weinend, daß er Moncadas Sohn sei,

daß er aber niemals zu seinem Vater zurückkehren werde, falls er das

angebetete Weib verlassen müsse.

Auch sie brach in Tränen aus, warf sich dem Botschafter zu Füßen und

sagte, sie wolle nicht die Ursache des Unglücks des Grafen Moncada

sein. Indem ihre Hochherzigkeit oder vielmehr ihre Liebe über ihren

eigenen Vorteil siegte, erklärte sie sich bereit, da es sich um sein

Glück handle, sich von ihm zu trennen.

Der Jüngling gerät in Verzweiflung, macht seiner Geliebten Vorwürfe und

erklärt, er wolle sie nicht verlassen und nicht dulden, daß ihr edles

Herz sich gegen sie selbst, gegen ein so liebenswertes Wesen kehre. Der

Botschafter entgegnet, es sei nicht die Absicht des Grafen Moncada,

sie unglücklich zu machen, vielmehr sei er beauftragt, ihr eine

angemessene Summe zu geben, damit sie nach Spanien zurückkehren oder

leben könne, wo sie sonst wolle. Ihre vornehme Gesinnung und ihre echte

Zärtlichkeit, sagte er, flößten ihm die größte Anteilnahme ein und

bestimmten ihn, die Summe, die er ihr gegenwärtig zu geben beauftragt

sei, so hoch wie möglich zu bemessen. Somit verspräche er ihr 10000

Gulden (etwa 30000 Franken), die ihr ausgezahlt werden sollten, sobald

sie das ihr gegebene schriftliche Heiratsversprechen ausliefere und

der Graf Moncada zum Botschafter übergesiedelt sei und nach Spanien

zurückzukehren gelobt habe.

Das junge Weib achtet scheinbar nicht auf die Summe und denkt nur an

ihren Liebhaber und den Schmerz, ihn zu verlieren, an das grausame

Opfer, zu dem Vernunft und Eigenliebe sie zwingen. Dann zieht sie aus

einer kleinen Brieftasche das Heiratsversprechen des Grafen und sagt:

„Ich kenne sein Herz zu gut, um dies nötig zu haben“, küßt es mit einer

Art Überschwang mehrere Male und überreicht es dem Botschafter, der ob

solcher Seelengröße erstaunt ist. Er verspricht dem jungen Weibe, sich

stets ihrer anzunehmen, und versichert dem Grafen, daß sein Vater ihm

verzeihen werde. Mit offenen Armen, sagt er, werde er den verlorenen

Sohn aufnehmen, der zu den untröstlichen Seinen zurückkehre; das Herz

eines Vaters sei eine unerschöpfliche Quelle der Zärtlichkeit. Wie

glücklich werde sein so lange bekümmerter Freund sein, wenn er diese

Nachricht erhalte, und wie glücklich fühle er sich selber, das Werkzeug

dieses Glückes zu sein! So redete der Botschafter auf den Jüngling ein,

und dieser schien lebhaft gerührt.

Da der Botschafter indes befürchtete, die Liebe möchte in der

Nacht ihre ganze Gewalt wieder erlangen und über den hochherzigen

Entschluß der Dame siegen, drängte er den jungen Grafen, ihm in sein

Haus zu folgen. Die Tränen und Schmerzenslaute, die diese grausame

Trennung hervorrief, sind schwer zu beschreiben und rührten das

Herz des Botschafters tief. Er versprach, der jungen Dame seinen

Schutz angedeihen zu lassen. Das kleine Gepäck des Grafen war leicht

fortgeschafft, und am Abend befand er sich im schönsten Gemache des

Botschafters, der hocherfreut war, dem erlauchten Hause Moncada den

Erben seiner Größe und so vieler prächtiger Besitzungen wiedergegeben

zu haben.

Der Graf von Saint-Germain: Das Leben eines Alchimisten · 第 7 / 24 段