haben Sie ersehen, welche Meinung ich von diesem unausstehlichen
Abenteurer habe. Ich kann Ihnen versichern, daß alle Minister Seiner
Majestät ebenso denken, und der König läßt Ihnen ausdrücklich befehlen,
Sie sollen den sogenannten Grafen Saint-Germain nicht nur bei allen
Personen in ganz Holland, von denen Sie annehmen können, daß sie diesen
Halunken kennen, mit Schimpf und Schande in Verruf bringen, sondern
Seine Majestät wünscht auch, daß Sie mit Berufung auf die zwischen ihm
und Holland bestehende Freundschaft die Verhaftung dieses Burschen
durchsetzen, damit er nach Frankreich überführt und gemäß der Schwere
seines Vergehens bestraft wird. Es liegt im Interesse aller Herrscher
und der öffentlichen Moral, daß mit solcher Unverschämtheit aufgeräumt
wird, die sich in die Angelegenheiten einer Macht wie Frankreich
einzumischen wagt, ohne dazu ermächtigt zu sein. Nach meiner Meinung
ist das Auslieferungsverlangen in diesem Falle ebenso berechtigt, wie
sonst bei Verbrechern. Somit hofft der König nicht ohne Grund, daß
Saint-Germain auf Ihren Antrag verhaftet und mit sicherem Geleit nach
Lille gebracht wird.
Ich muß gestehen, daß Sie nach meiner Meinung sehr schonend mit ihm
verfahren sind und daß ich vielleicht nach Ihrer letzten Unterredung
mit ihm den Befehl hätte geben sollen, ihm eine gute Tracht Prügel
verabfolgen zu lassen.
Was er Ihnen über Chambord gesagt hat, ist eine Lüge ersten Ranges. Der
König will durchaus, daß dieser Abenteurer alsbald in den Vereinigten
Provinzen in Verruf und Mißkredit gebracht und, wenn möglich, so
bestraft wird, wie sein Unterfangen es verdient. Seine Majestät hat
mich ausdrücklich beauftragt, Sie in seinem Namen aufzufordern, daß Sie
der Sache Ihre volle Aufmerksamkeit widmen.
+Nachschrift.+ Wäre es nicht möglich, außer dem Antrag auf
Auslieferung Saint-Germains bei den Generalstaaten einen Artikel in
die holländischen Zeitungen zu bringen, durch den dieser Halunke ein
für allemal diskreditiert wird, damit alle Betrüger, die ihn nachahmen
wollen, eine Lehre erhalten? Auch dies hat der König vollauf genehmigt,
und Sie werden es voll ausführen, wenn Sie es für möglich halten.
Graf d’Affry an Choiseul
Haag, 17. April 1760.
Ich habe den Kurier bis heute zurückbehalten, um Ihnen über die
Ausführung Ihrer Befehle, betreffend den sogenannten Grafen
Saint-Germain, eingehend berichten zu können. Gestern suchte ich den
Ratspensionär auf, las ihm alles vor, was Sie mir betreffs dieses
dreisten Abenteurers geschrieben haben, und bat um dessen Verhaftung
und Auslieferung im Namen Seiner Majestät. Das schien ihm Verlegenheit
zu bereiten, aber er versprach mir trotzdem, alles zu tun, was in der
Sache von ihm abhinge ...
Der Greffier sagte mir, er zweifle nicht, daß dieser Mann an uns
ausgeliefert würde. Da jedoch Herr von Bentinck der Vorsitzende des
ständigen Ausschusses ist, von dem die Sache während der Abwesenheit
der Generalstaaten geprüft werden muß, fürchtete ich sofort, man werde
Saint-Germain das Entkommen erleichtern, und diese Befürchtung ist
eingetroffen.
Ich erwartete gestern morgen weitere Nachrichten, als Herr Kauderbach
zu mir kam und mich fragte, ob ich schon von Saint-Germains Flucht
gehört hätte? Ich verneinte es. Darauf sagte er mir, vorgestern abend
zwischen 7 und 8 Uhr sei Herr von Bentinck im Hause dieses Abenteurers
gewesen[200] und hätte es vor 9 Uhr verlassen. Dann wäre Herr Pieck
van Soelen[201] hingekommen, aber nicht lange geblieben. Darauf wäre
Herr von Bentinck zwischen 9 und 10 Uhr nochmals erschienen und bis
nach Mitternacht dageblieben. Herr von Saint-Germain sei zu Bett
gegangen; um 5 Uhr früh hätte er Tee getrunken, und ein Bedienter des
Herrn von Bentinck sei mit einem vierspännigen Mietswagen vor der Tür
erschienen. Der Schwindler hätte ihn bestiegen, aber der Wirt könne
nicht angeben, welche Straße er eingeschlagen habe, noch könne er
sagen, ob Herr von Bentincks Bedienter mitgefahren sei. Diese Abreise
geschah so hastig, daß er im Wirtshause seinen Degen und Koppel,
sowie ein Paket mit Silber- oder Zinnspänen und ein paar Flaschen mit
einer unbekannten Flüssigkeit hinterlassen habe. Ich hielt an mich,
um Herrn Kauderbach meine Entrüstung über das Benehmen des Herrn von
Bentinck zu verbergen. Ich sagte ihm nicht mehr, als ich ihm über das
Auslieferungsgesuch sagen sollte, und fragte nur, ob er all der mir
angegebenen Einzelheiten sicher sei. Er entgegnete mir, er habe sie
von Saint-Germains Gastwirt, einem Sachsen, und schlug vor, diesen zu
mir zu senden. Wir ließen ihn holen, und er bestätigte alles, was Herr
Kauderbach mir gesagt hatte.
Als Herr Kauderbach mein Haus verlassen hatte, ließ ich den
Ratspensionär um eine Audienz bitten. Er war gerade von einem großen
Mahle zurückgekehrt, bei dem er seit 7 Uhr gewesen war, und schob
meinen Besuch bis heute 9 Uhr morgens auf. Ich ging zu ihm und fragte
ihn, wie die Angelegenheit mit Saint-Germain stände. Er entgegnete,
er allein könne die Verantwortung nicht auf sich nehmen, und ich
müsse durchaus Herrn von Bentinck, dem Vorsitzenden des ständigen
Ausschusses, eine Denkschrift überreichen. Der Ausschuß werde wohl
Saint-Germains Verhaftung beschließen, nicht aber seine Auslieferung,
bevor er nicht von den Staaten von Holland bei ihrem demnächstigen
Zusammentritt dazu ermächtigt sei. Ich erwiderte, daß ich auf die
Überreichung einer Denkschrift an Herrn von Bentinck verzichte und ihm
auch den Grund dafür sagen wolle. Dann erzählte ich ihm Saint-Germains
Flucht mit allen Einzelheiten und dem, was vorhergegangen war, ohne
den Gastwirt weiter zu erwähnen, und stellte alles so dar, daß er
glauben mußte, ich hätte das Ein- und Ausgehen des Herrn von Bentinck
in dem Gasthofe und das Erscheinen seines Bedienten mit dem Mietswagen
nur durch die Wachsamkeit meiner Spione erfahren. Er schien mir über
alles, was er hörte, ehrlich entrüstet. Darauf sagte ich ihm, da man
dem Abenteurer vom Haag aus zur Flucht verholfen hätte, hätte er
vielleicht Zuflucht in Amsterdam gefunden, und ich wolle an unseren
Marinekommissar, Herrn Astier, schreiben, er solle den Schurken im
Namen Seiner Majestät verhaften und bis auf weiteren Befehl in sicherem
Gewahrsam halten lassen ... Ferner sagte ich dem Ratspensionär, da
der Abenteurer vielleicht in anderen Provinzen der Generalstaaten
Zuflucht gesucht habe, würde ich zugleich die Genehmigung Seiner
Majestät einholen, einen Antrag an die Hochmögenden zu stellen, und
falls insbesondere die Provinz Holland oder eine andere diesen Akt
der Gerechtigkeit abschlagen oder ihn dadurch vereiteln sollte,
daß sie Saint-Germain zur Flucht behilflich sei, so würden wir ihn
schon zu finden wissen, und ich sei sicher, wenn er in England oder
sonstwo ermittelt würde, daß er nach Friedensschluß unmittelbar an
uns ausgeliefert würde. Letzteres schien den Ratspensionär sehr in
Verlegenheit zu setzen, und es sollte mich nicht wundern, wenn er
in Amsterdam auf unseren Antrag hin verhaftet würde, aber ich bin
überzeugt, daß er die Grenze der Republik bereits erreicht hat.
Die Denkschrift[202], zu deren Einreichung an die Generalstaaten ich
Ihre Erlaubnis erbitte und deren Entwurf ich hier beilege, kann, wenn
es Seiner Majestät genehm ist, in allen Zeitungen erscheinen. Sie wird
diesem Abenteurer einen Stempel aufdrücken, den er nie wieder los
werden wird. Sie ist eine Art von Verurteilung _in contumaciam_,
die ihn in ganz Europa brandmarkt.
Ich glaube, der Schwindler ist in arger Geldverlegenheit. Er hat sich
von dem Juden Boas[203] 2000 Gulden geborgt, für die er bei dem Juden
drei Opale, falsche oder echte, in einem versiegelten Papier als Pfand
hinterlassen hat. Die 2000 Gulden sollen am 25. d. M. bezahlt werden,
und Herr Boas sagte gestern zu Herrn Kauderbach, wenn der Wechselbrief
am 25. nicht einträfe, würde er die drei Opale öffentlich versteigern
lassen. Betreffs des Herrn von Bentinck werde ich gemäß Ihrem letzten
Erlaß handeln, falls Seine Majestät mir nicht neue diesbezügliche
Befehle erteilt. Wenn ich ihn dieser Tage treffe, werde ich mit ihm
von Herrn von Saint-Germain und dessen Abreise sprechen, ohne mich
bloßzustellen, aber so, daß ich ihn zwinge, sein Benehmen und seine
Beziehungen zu diesem Abenteurer ein für allemal abzuleugnen.
Choiseul an Graf d’Affry
Versailles, 24. April 1760.
Der König genehmigt, daß Sie den Generalstaaten die Denkschrift über
den sogenannten Grafen Saint-Germain einreichen, deren Entwurf Sie mir
übersandten.
Graf d’Affry an Choiseul
Haag, 25. April 1760.
Man glaubt, daß der sogenannte Graf Saint-Germain sich nach England
begeben hat. Ich hörte sagen, er hätte solche Angst vor der Verhaftung
gehabt, daß er nicht in der Stadt Hellevoetsluis zu bleiben gewagt hat,
sondern sich sofort auf ein Paketboot begab, wo er bis zum Augenblick
der Abfahrt blieb, ohne den Fuß an Land zu setzen. Andere glauben, er
sei nach Utrecht gefahren, von wo er Deutschland erreicht haben muß.
II
Denkschrift des Grafen d’Affry an die Generalstaaten[204]
Haag, 30. April 1760.
Hochmögende Herren! Ein Unbekannter, der sich Graf Saint-Germain nennt
und dem mein Herr und König Zuflucht in seinem Reiche gewähren wollte,
hat seine Gnade gemißbraucht. Er ist vor einiger Zeit nach Holland und
seit kurzem nach dem Haag gekommen, wo er ohne irgendeine Vollmacht
Seiner Majestät und des Ministeriums und ohne irgendeinen Auftrag in
schamloser Weise ausgesprengt hat, er wäre zu Unterhandlungen im Namen
des Königs ermächtigt. Mein Herr und König befiehlt mir ausdrücklich,
dies Ihnen, hochmögende Herren, öffentlich mitzuteilen, damit niemand
in Ihrem Machtbereich durch einen derartigen Schwindler getäuscht werde.
Seine Majestät befiehlt mir ferner, die Auslieferung dieses Abenteurers
von dunkler Herkunft zu beantragen, der von Anfang an die ihm
gewährte Zuflucht gemißbraucht hat, indem er sich beikommen ließ,
von der Regierung des Königreiches mit ebenso großer Dreistigkeit
wie Unkenntnis zu reden und die falsche und dreiste Behauptung zu
verbreiten, er sei mit Vertretung der wichtigsten Interessen meines
Herrn und Königs betraut. Seine Majestät zweifelt nicht, daß Sie,
hochmögende Herren, ihm die Gerechtigkeit nicht versagen werden, die
er von Ihrer Freundschaft und Gerechtigkeit erwarten darf, und daß
Sie veranlassen, daß der angebliche Graf Saint-Germain verhaftet und
mit guter Bedeckung nach Antwerpen gebracht wird, um von dort nach
Frankreich überführt zu werden. Ich hoffe auf unverzügliche Gewährung
dieser Bitte.
III
Protokoll der Sitzung der Generalstaaten[205]
Haag, 30. April 1760.
In der Versammlung wurde die Denkschrift des Herrn Grafen d’Affry,
Botschafter Seiner Majestät des Königs von Frankreich, die die Person
eines sogenannten Grafen Saint-Germain reklamierte, verlesen.
Darauf wurde in die Beratung eingetreten. Die Deputierten der
verschiedenen Provinzen haben die erwähnte Denkschrift in Abschrift
entgegengenommen, um sie in ihren Provinzen weiter mitzuteilen. Ferner
wurde einstimmig beschlossen, die Abschrift der obigen Denkschrift dem
Herrn Pieck van Soelen und anderen Mitgliedern der Generalstaaten,
die zum auswärtigen Ausschuß gehören, zur weiteren Prüfung und
Berichterstattung an die Versammlung zu übergeben[206].
IV
Aus den Aufzeichnungen des Grafen Bentinck[207]
Sonntag, 9. März 1760.
Saint-Germain erzählte mir, England würde dem Frieden keine Hindernisse
in den Weg legen, Frankreich dagegen Schwierigkeiten bereiten. Der
französische König und Frau von Pompadour, der ganze Hof sowie das
gesamte Land verlangten leidenschaftlich nach Frieden. Der Herzog von
Choiseul sei der einzige, der dies Bestreben zu vereiteln suche. Er
habe seinen Einfluß gewonnen, als er am Wiener Hof weilte[208]. Alles
Elend und Mißgeschick in Europa habe der Versailler Vertrag von 1756
verursacht. Durch eine geheime Klausel in demselben sei Flandern dem
Infanten zugesichert, und dafür solle Schlesien nach seiner Eroberung
der Königin von Ungarn abgetreten und übertragen werden[209]. Einen
Weg aus dieser Verlegenheit gebe es: nämlich der Friedensschluß
zwischen England und Frankreich. Das übliche System von Präliminarien,
Kongressen und Konferenzen würde nur die Lösung unbegrenzt
hinausschieben und zu einem neuen Kriege führen. Der bloße Gedanke
lasse einen erschaudern. Sobald man nur einige annehmbare Vorschläge
vorbrächte oder nur etliche aufrichtige und vertrauenswürdige Männer
sich ins Mittel legten, würde seiner Ansicht nach der Friede zustande
kommen, den England ebenso dringend gebrauche wie Frankreich. Der König
und Frau von Pompadour verlangten sehnsüchtig nach Frieden, nicht
minder der englische König. Ebenso wären der Herzog von Newcastle[210]
und Lord Granville[211] dafür eingenommen. Pitt[212], der jetzt mit
ihnen beiden gemeinsame Sache mache, hätte bisher stets seine Pläne
durchkreuzt; aber er wäre dem Könige verhaßt.
Ein Schotte, namens Crammon, der in Paris lebe, habe ein Schreiben
von Neufville in Amsterdam[213] erhalten, mit dem Auftrage, sich auf
seinen Empfang vorzubereiten. Er bekam noch einen weiteren Brief über
Brüssel aus London, und dieses letztere Schreiben enthielt Andeutungen
über einen Sonderfrieden zwischen Frankreich und England. Diese
Andeutungen kamen vom Herzog von Newcastle und Lord Granville. Frau von
Pompadour habe ihn von dem Inhalt dieses Schreibens unterrichtet; sie
sei hocherfreut gewesen und habe ihm aufgetragen, Choiseul davon in
Kenntnis zu setzen. Nach anfänglicher Weigerung habe er, Saint-Germain,
schließlich nachgegeben. Aber Choiseul verwerfe alles.
Dienstag, 11. März 1760.
Wie Saint-Germain mir sagte, hat er Frau von Pompadour mitgeteilt,
was zwischen mir und ihm vorgefallen ist[214], ... und auch an
den Minister in diesem Sinne geschrieben. Auf meine Frage, wie der
Minister diese Nachricht aufnehmen werde, sagte er lächelnd, doch
mit zuversichtlichem Blick, es werde sich in Versailles bald manches
ändern, und er gab mir zu verstehen, daß es nicht in Choiseuls Macht
liegen werde, den Frieden noch lange zu hintertreiben.
Freitag, 4. April 1760.
Der Ratspensionär Steyn erzählte mir, d’Affry hätte ihm mitgeteilt, daß
die Weisungen Choiseuls, betreffend Saint-Germain, in der Hauptsache
darauf hinausliefen, alles, was Saint-Germain für den Frieden getan
hätte oder tun würde, zu desavouieren. Ferner sei er beauftragt,
Saint-Germain davon zu unterrichten und die Drohung hinzuzufügen, bei
weiterer Einmischung würde er bei seiner Rückkehr nach Frankreich
eingekerkert[215] ...
An demselben Tage speiste Saint-Germain zusammen mit mir und erzählte
mir, d’Affry habe ihm die Befehle mitgeteilt und Choiseuls Brief[216]
gezeigt. Er hätte geantwortet, das werde ihn nie an der Rückkehr nach
Frankreich hindern und diese Drohungen würden nie zur Ausführung
gelangen; sie stammten lediglich von Choiseul. Ferner berichtete er,
er hätte Yorke schon vor 17 Jahren als Kind kennen gelernt und die
Familie Yorke wäre stets die Güte selbst zu ihm gewesen. D’Affry
hätte ihm auch seine häufigen Besuche bei mir vorgehalten, aber er,
Saint-Germain, hätte erklärt, daß er damit fortfahren würde. Dann habe
d’Affry ihm Choiseuls Brief zusammen mit dem gezeigt, den er selbst an
Frau von Pompadour geschrieben habe[217]. Dazu bemerkte Saint-Germain,
nach seiner Überzeugung hätte Choiseul diesen der Frau von Pompadour
gestohlen. Wiederholt hätte ihm d’Affry gesagt, Frankreich werde
nie Vertrauen in mich setzen. Nach allem scheint es, als ob sich
Saint-Germain aus den Weisungen, die d’Affry empfangen hat, wenig
macht, und noch weniger aus Choiseul selbst.
Dienstag, 15. April 1760.
Der Ratspensionär erzählte mir, d’Affry habe ihm die in der letzten
Nacht durch Kurier überbrachten Befehle gezeigt, in denen es hieß,
daß Saint-Germain „ein bloßer Landstreicher“ sei, und daß alles, was
er etwa vorgebracht habe, dementiert werden solle. Es solle Klage
gegen ihn erhoben, er solle festgenommen und nach Lille zur weiteren
Überführung nach Frankreich gebracht und dort eingekerkert werden[218]
... Demgegenüber entwickelte ich meine Ansicht, daß Saint-Germain,
wie andere Fremde, im Vertrauen auf den Schutz der Gesetze
hergekommen sei und auf seine persönliche Sicherheit rechne; daß er
kein Kapitalverbrecher sei, wie Mörder oder Giftmischer, denen kein
Herrscher Schutz gewähre, und daß das Asylrecht in unserer Republik als
geheiligt gelte ... Er stimmte dem zu, schien aber sehr besorgt wegen
der Aufnahme in Frankreich.
Darauf ging ich zum Greffier, der mir in Gegenwart des Ratspensionärs
und ebenso wie dieser von d’Affrys Besuch und seinen Forderungen
erzählte und daß er ihm geraten habe, sich an die Regierung selber
zu wenden usw., daß er aber nicht glaube, die Regierung werde jemand
ausliefern, der im Lande im Vertrauen auf dessen Schutz lebe, und der
sich kein scheußliches Verbrechen, dem kein Herrscher Schutz gewähre,
habe zu schulden kommen lassen.
Mittwoch, 16. April 1760.
Als ich Yorke mitteilte, was ich soeben über Saint-Germain gehört
hatte, erwartete ich, er werde ihn in Schutz nehmen; denn Yorke hatte
mit Saint-Germain zu verhandeln begonnen und ihn ermutigt. Ich habe
seine Originalbriefe an Saint-Germain selbst gesehen; sie sind sehr
freundlich und ermutigend. Statt aber Saint-Germain in Schutz zu
nehmen, nahm er seinen harten, hochmütigen und anmaßlichen Ausdruck
an und sagte, es sei ihm „sehr lieb, Saint-Germain in den Händen
der Polizei zu sehen“. Ich war wie vom Donner gerührt und sagte ihm
mit voller Absicht meine Meinung, freilich in sehr höflicher und
vorsichtiger Weise, um ihn nicht zu verletzen. Aber Yorke blieb dabei
und sagte, er „wüsche sich betreffs Saint-Germains die Hände in
Unschuld“. Auch verweigerte er mir einen Paß für das Paketboot, um den
ich ihn bat. Als ich ihn drängte, sagte Yorke schließlich, wenn ich
einen Paß als _persönliche_ Gunst erbäte, werde er ihn mir „mit
Rücksicht auf meine Stellung“ nicht abschlagen. Ich nahm es an und
betonte, daß d’Affry uns eine Menge Scherereien machen könne, denen
sich vorbeugen ließe, wenn man Saint-Germain die Flucht ermöglichte.
Darauf rief Yorke seinen Sekretär und ließ einen Paß bringen, den er
unterzeichnete und mir unausgefüllt aushändigte, so daß Saint-Germain
seinen eigenen Namen oder irgendeinen anderen hineinsetzen konnte, um
sich den Verfolgungen d’Affrys oder seiner Agenten zu entziehen. Ich
ging mit dem Paß fort, ohne Yorke zu zeigen, wie sehr ich über diesen
Vorfall verletzt und empört war.
18. April 1760.
D’Affry besuchte mich, und als er von Linnières und seinen Beziehungen
zu Saint-Germain sprach[219], fiel mir dieser Name auf und erregte
meine Neugierde, da ich viel über ihn in England gehört hatte, wo er
längere Zeit gewesen war und in den besten Kreisen verkehrt hatte.
Kein Mensch dort wußte, wer er war. Aber das wunderte mich nicht,
da es in England keine Geheimpolizei gibt. Um so erstaunlicher war
dagegen, daß er in Frankreich unbekannt war. Nur der König, so erzählte
d’Affry, kannte ihn, und in England, wie er glaubte, der Herzog von
Newcastle. Ich berichtete d’Affry, was ich über Saint-Germain, sein
Gebaren, seinen Reichtum, sein prächtiges Auftreten gehört hatte,
ebenso über die Regelmäßigkeit, mit der er seine Schulden bezahlte,
und über die großen Summen, die er in England, wo das Leben teuer ist,
ausgab usw. Darauf bemerkte d’Affry, sicher wäre er ein merkwürdiger
Mann; die seltsamsten Geschichten würden von ihm erzählt, eine immer
abgeschmackter als die andere. Z. B. solle er den Stein der Weisen
besitzen, 100 Jahre alt sein, obwohl er noch nicht wie ein Vierziger
aussähe usw. Meine Frage, ob er ihn persönlich kenne, bejahte er; im
Hause der Prinzessin Montauban sei er ihm begegnet. Saint-Germain sei
in Versailles hochwillkommen und eine bekannte Persönlichkeit gewesen
und habe oft Frau von Pompadour besucht. Er sei verschwenderisch und
trete prächtig auf. Unter anderem erwähnte er seine kostbaren Gemälde,
Juwelen und Kunstgegenstände. An Weiteres erinnere ich mich nicht
mehr ...
Auf die Mitteilung von Linnières, daß ich seine Bekanntschaft wünschte,
machte mir Saint-Germain im März seinen Besuch. Seine Unterhaltung
gefiel mir außerordentlich; sie war glänzend, voll Abwechslung und
reich an Schilderungen der verschiedenen Länder, die er gesehen hatte
-- alles sehr fesselnd. Seinen Urteilen über Personen und Sachen, die
mir bekannt waren, konnte ich nur beipflichten. Sein Auftreten war sehr
höflich und bewies, daß er in der besten Gesellschaft aufgewachsen war.
Mit Frau Geelvinck und Herrn A. Hope[220] war er von Amsterdam
herübergekommen, wo er täglich im Hause des Bürgermeisters
Hasselaar[221] verkehrte. Er hatte von der Hasselaarschen Familie
Empfehlungen an Herrn van Soelen im Haag, der ihn zu Frau von Byland
und anderswohin mitnahm. Am Geburtstag des Prinzen von Oranien[222]
nahm ich ihn nach dem „Alten Hof“ (_Oude Hof_), wo ich seinen Namen
nannte, zum Ball mit, wo er von den Hasselaars, Frau Geelvinck und Frau
Byland und anderen angesprochen wurde.
Er wollte ursprünglich am Tage nach dem Ball wieder abreisen und hatte
zu dem Zwecke eine Kutsche aus Amsterdam gemietet, um mit den beiden
Damen, die mit ihm gekommen waren, dorthin zurückzukehren. Aber sie
hielten ihn drei bis vier Tage länger auf. Während dieser Zeit war
er täglich mit d’Affry zusammen, bei dem er auch speiste, bevor er
wieder nach Amsterdam abreiste. Ich hatte verschiedene Unterredungen
mit ihm, doch ist das meiste meinem Gedächtnis entfallen. Ich muß noch
bemerken, daß während der Zeit, die zwischen dem Ball und seiner
Abfahrt verstrich, d’Affry im steten Glauben, daß er abreisen wolle,
ihm täglich Wein und Fleisch sandte. Das kann ich persönlich bezeugen,
da ich zugegen war, als d’Affrys Bote ihm zwei Tage hintereinander die
Sachen brachte. Da aber Saint-Germain trotzdem nicht abreiste, kam er
zu Tisch in d’Affrys Haus ...
Ich ging selbst zu Saint-Germain und riet ihm in seinem eigenen
Interesse, sobald als möglich fortzugehen[223]. Ich erzählte, ich wäre
von dritter Seite unterrichtet[224], daß d’Affry Befehl habe, seine
Festnahme zu bewirken, worauf er unter Bedeckung an die Grenze gebracht
und an Frankreich ausgeliefert werden solle, damit er dort für den Rest
seines Lebens eingekerkert würde. Er war außerordentlich überrascht,
nicht sowohl über Choiseuls Befehle, als darüber, daß d’Affry daran
dächte, sie in einem Lande, wo Recht und Gesetz noch Geltung hätten,
zur Ausführung zu bringen. Er stellte eine Menge Fragen, eine immer
gemessener als die andere, und mit der größten Ruhe der Welt. Ich
wollte mich auf keinerlei Erörterung einlassen, da es mir zu schwierig
schien, alle seine Fragen zu beantworten und alle Punkte, die er zur
Sprache brachte, aufzuklären. Ich sagte ihm, dazu wäre keine Zeit; er
solle vielmehr an sofortige Abreise denken, wenn ihm seine Sicherheit
lieb wäre. Bis zum anderen Morgen hätte er für seine Vorbereitungen
Zeit, da d’Affry die Schritte, die er etwa vorhätte, nicht vor 10 Uhr
am nächsten Morgen unternehmen könnte. Vor diesem Zeitpunkte müsse also
Saint-Germain seine Pläne gefaßt und ins Werk gesetzt haben. Darauf
wurde Art und Weise und Ziel der Reise besprochen. Für das erstere
stellte ich mich zur Verfügung; für das letztere riet ich zu England.
Wir einigten uns darüber, und ich erbot mich, ihm von Herrn Yorke den
Paß zu besorgen, dessen er zur Einschiffung auf dem Paketboot bedurfte.
Da ein Schiff am nächsten Tage fahren sollte, drängte ich ihn, sich so
schnell als möglich nach Hellevoetsluis zu begeben. Sei das geschehen,
kämen alle Schritte d’Affrys zu spät ...