eingeschlossen mit einem bleichen, hageren, Fratzen schneidenden
Manne. Er erzählt ihr von seinem Glück auf Erden, seinen Schätzen,
verliest ihr Briefe der größten Herrscher, und in plötzlicher Wendung
fordert er ihr schließlich die Diamanten ab, die ihre Stirn schmücken.
Entzückt, sie so leichten Kaufes los zu sein, entledigt sie sich ihrer
schleunigst.
Auf diesen ersten Prüfer folgte ein Mann in sehr unanständiger
Kleidung. „Bedenken Sie, Frau,“ sagte er, „daß Sie Ihre Blicke stets
auf mein Antlitz richten müssen.“ Der Mann war sehr schön und hatte
die ausdrucksvollsten Augen. Alles war gefährlich: ihn anzuhören, ihn
anzusehen oder die Blicke zu senken.
Nach dieser peinlichen Viertelstunde kam eine Alte und sprach: „Ich
allein kann Ihre Tugend erkennen. Die Prüfung, die Sie bestanden haben,
besteht in der Feststellung, wie weit Ihre Sinne den Reizen kecker
Jugend widerstehen können.“
„Tun Sie, was Ihres Amtes ist“, sagte die Marquise.
Die Alte tat es und übergab ihr dann ein Pergament; es war ein Patent
des Widerstandes. Dann führte sie sie in einen großen Keller. Dort sah
sie angekettete Männer, Frauen, die bis aufs Blut gepeitscht wurden,
Scharfrichter, die Köpfe abschlugen, Menschen, die aus Giftbechern den
Tod trinken mußten, glühende Eisen, Galgen mit Schandaufschriften.
„Das“, sagte die Alte, „sind die Märtyrer unserer Kunst. So lohnen die
Menschen, deren Glück wir uns weihen, unsere Gaben und unseren Eifer.“
Die Marquise blickte ruhigen Auges die traurigen Opfer der angeblichen
menschlichen Gerechtigkeit an und verriet nicht die geringste Bewegung.
Die Prüfungen des Grafen waren anderer Art. Man versuchte ihn durch
Lobsprüche zu ködern, zeigte ihm sein Weib in den Armen eines
liebenswürdigen Mannes, um zu sehen, ob er aus Eifersucht in die
lächerlichen Wallungen verfallen werde, die das Hirn der Ehemänner
umnebeln. Schließlich las man ihm einen Abschnitt aus dem berühmten
Buche der Zukunft vor, das die ihm bevorstehenden Verfolgungen enthielt.
Nach dieser Zeremonie wurden sie in den Tempel zurückgeführt. Dort
erklärte man ihnen, sie sollten zu den göttlichen Mysterien Zutritt
erhalten, sobald die Wölbung von ihren Gelübden widerhallte. Ein Mann
in langem, unter dem Arm gerafften Mantel ergriff das Wort und hielt
diese Rede, die jeder Adept behalten muß, ohne sie niederschreiben zu
dürfen:
„Wisset, das große Geheimnis unserer Kunst ist, die Menschen zu
regieren, und das einzige Mittel ist, nie die Wahrheit zu sagen.
Richtet euch nie nach den Regeln des gesunden Verstandes; sprecht
der Vernunft Hohn und bringt tapfer den größten Blödsinn zutage.
Wenn ihr fühlt, daß diese großen Grundsätze nachlassen, so zieht
euch zurück, geht in euch und durchwandert die Welt. Da werdet ihr
sehen, daß der größte Blödsinn Anbetung findet. Die Torheiten kehren
unter verschiedenen Namen wieder, aber sie sind ewig. Das Grab des
heiligen Medardus[119] hat den Schatten des heiligen Petrus ersetzt,
Mesmers[120] Zauberkasten den Teich des nazarenischen Philosophen[121].
Gedenkt, daß die erste Triebfeder der Natur, der Staatskunst, der
Gesellschaft die Fortzeugung ist, daß das Hirngespinst der Sterblichen
die Unsterblichkeit und die Kenntnis der Zukunft ist, selbst wenn sie
die Gegenwart nicht kennen, daß sie Geist sein wollen, wo doch sie
selbst und alles, was sie umgibt, Stoff ist.“
Nach dieser Ansprache verneigte sich der Redner vor dem Gott der
Gläubigen und verschwand. Dann traten zwei junge Mädchen vor und
entkleideten den Grafen, während drei junge Männer bei der Marquise
die gleiche Zeremonie erfüllten. Als sie im Naturzustand waren, sprach
die schon vernommene Stimme: „Nun wird dem einen die kostbare Gabe der
Kraft und der anderen die noch köstlichere der Schönheit verliehen.“
Im selben Augenblick packte der sieben Fuß große Mann die Marquise an
einem Beine, gebot ihr, ihre Hand auf seine Nase zu legen, und trug
sie vor den Gott der Gläubigen. Der bedeckte ihren schönen Leib mit
Wohlgerüchen und salbte ihr mit rosenfarbenem Öl die Partie zwischen
den Lippen, die Rosenknospen ihres Busens, den Nabel und die Schenkel.
Dann flüsterte er ihr etwas ins Ohr, und der sieben Fuß große Mann trug
sie in eine anstoßende Kapelle.
„Hier werdet Ihr die Weihe vollenden,“ sprach er, „und unsere heiligen
Mysterien mit dem großen Werk der Natur krönen. Indes stehen Euch
die Mittel frei, und sofern unser beider Wesen sich verschmelzen und
Zuflucht in dieser Kapelle finden kann, braucht Ihr Euch nicht den
gewöhnlichen Formen zu unterwerfen.“
[Illustration:
De l’Ami des Humains reconnoisses les traits,
Tous ses jours sont marqués de nouveaux bienfaits,
Il prolonge la Vie, il secourt l’indigence,
Le plaisir d’être utile est seul la récompense.
Cagliostro
Stich von Charles Guérin]
„Als ich den Fuß in diesen hehren Bezirk setzte,“ entgegnete die
Marquise, „habe ich jeglichen Willen abgelegt. Wenn Ihr aber wollt, daß
die Begierde dem Opfer vorangeht und es herbeiführt, so laßt mich ein
Weilchen zu Atem kommen und sagt mir, unter wessen Messer ich fallen
soll?“
„Gern,“ sprach er, „obwohl dies eigentlich nicht der Augenblick zu
langem Gerede ist. Von zartester Jugend auf zu Großem berufen, habe
ich mich bemüht, zu erkennen, worin der wahre Ruhm besteht. Die
Staatskunst dünkte mich nur eine Kunst des Betruges, die Kriegskunst
nur die Kunst des Mordens, die Philosophie nur ein dünkelhafter Wahn,
Unsinn zu reden, die Naturwissenschaft nur ein schöner Traum über
die Natur und ein fortwährendes Irren des Menschen in unbekannten
Ländern, die Theologie nur eine Kenntnis des Elends, zu dem der
menschliche Hochmut führt, die Geschichte nur ein trauriges, eintöniges
Studium von Verirrungen und Niedertrachten. Daraus schloß ich, daß
der Staatsmann nur ein geschickter Lügner ist, der Kriegsheld ein
erhabener Narr, der Philosoph ein Sonderling, der Naturforscher ein
beklagenswerter Blinder, der Theologe ein Lehrer des Fanatismus und der
Geschichtschreiber ein Wortkrämer. Ich hörte vom Gott dieses Tempels
sprechen; ich schüttete in seinen Busen meinen Kummer, meine Zweifel,
meine Wünsche aus. Er bemächtigte sich meiner Seele, bildete sie und
ließ mir alle Dinge in neuem Lichte erscheinen. Fortan begann ich
in der Zukunft zu lesen, und diese so beschränkte, so enge, so öde
Welt weitete sich. Ich lebte nicht nur mit den Gegenwärtigen, sondern
auch mit den Toten. Da ich jung und leidenschaftlich war, brachte er
mich mit den schönsten Frauen des Altertums zusammen. Ich lebte mit
Aspasia, mit Leontion[122], mit Sappho, Faustina[123], Semiramis und
Irene[124], von denen man so viel gesprochen hat. Ich fand es sehr
hold, alles zu wissen, ohne etwas zu lernen, über die Schätze der
Welt zu verfügen, ohne die Könige darum anzubetteln, den Elementen
zu gebieten, statt den Menschen. Der Himmel schuf mich freigebig,
jetzt kann ich meine Neigung befriedigen: alles, was mich umgibt, ist
reich. Dieser Augenblick beweist das eben Gesagte. Ihr seid zweifellos
eines der schönsten Weiber auf Erden, ich halte Euch in meinen Armen,
und wenn Ihr darauf achtgeben wollt, werdet Ihr merken, daß die
Wollust, auf die bei gewöhnlichen Sterblichen Ermattung folgt, ebenso
unsterblich ist wie der Gott, der mir diese Gabe verlieh.“
Hier unterbrach sich der Redner, in der Annahme, auch einmal etwas
beweisen zu müssen und den Glauben der Eingeweihten nicht auf eine zu
harte Probe zu stellen. Er bewies also die Macht des ihn beseelenden
Gottes mit unwiderstehlicher Tatkraft.
Mittlerweile wurde der Graf Cagliostro in ein anderes Mysterium
eingeweiht. Man gab ihm zu bedenken, daß die angenehmsten Dinge keine
Eintönigkeit ertrügen, daß das gebildeteste Volk der Welt die Griechen,
der weiseste Sterbliche Sokrates gewesen sei, daß der liebenswürdigste
Mann Alkibiades geheißen habe, daß das frömmste Volk die Italiener
seien und daß er in seiner bevorstehenden Laufbahn jene Gefügigkeit
haben müsse, die sich allen Gelüsten hingibt. Es war Antinous, der so
den Demosthenes spielte. Der Graf unterwarf sich und wurde wie Cäsar
behandelt.
Nachdem man sich wieder angekleidet, beschloß ein prächtiges Mahl die
Zeremonie. Im Laufe des Festes erfuhren sie, daß das Lebenselixier nur
aus Tokaier bestand, der je nach Bedarf rot oder grün gefärbt sei, daß
sie Leute von Geist fliehen, verabscheuen und verleumden, Dummköpfe
umschmeicheln, lieben und verblenden müßten, daß sie geheimnisvoll
verbreiten sollten, Saint-Germain sei 500 Jahre alt, daß sie Gold und
Tee machen und vor allem die Leute anführen sollten.
Mit diesen Weisungen reisten die etwas ausgerenkte Marquise und der
etwas beschädigte Graf nach Petersburg, wo sie sich als Heilkünstler
ausgaben.
Charakteristik des Grafen Saint-Germain[125]
Der vor einigen Jahren verstorbene und schon vergessene Graf
Saint-Germain war ein ernsthafter Narr. Er besaß wenig Geist, einige
chemische Kenntnisse, war für einen Schwindler nicht unverschämt
genug, für einen Fanatiker nicht beredt genug und besaß nicht die
Verführungskunst, um Halbwissende zu bestechen. In Chambéry bot er dem
Marschall von Bellegarde seine Chemie an. Sie begannen zu schmelzen,
doch der Schmelztiegel lieferte einen Stoff, der zwar Farbe und
Gewicht, nicht aber die Dehnbarkeit des Goldes besaß. Diese Versuche
fanden auf einem Landgute statt, wo der Graf binnen sieben Monaten
dreimal Vater wurde. Das Geld schmolz zusammen, er hatte überall
Schulden, und man riet ihm, abzureisen. In Paris das gleiche Spiel. Er
hatte sich mit einem berühmten Gauner zusammengetan, einem früheren
Spion des Marschalls Belle-Isle[126], der sich seitdem nach Bercy[127]
zurückgezogen hatte, wo er das Ludwigskreuz auf einem zerlumpten Anzug
und das Henkermal auf dem Rücken trug. Sie machten zusammen Vitriolöl.
Das war der Vorwand zum Goldmachen. Sie verzankten und schlugen sich.
Der Graf zog den kürzeren und verließ eine Stadt, die ihre Arme allen
Betrügern öffnet.
Kritik der „Charakteristik“ von Meister[128]
November 1785.
Diese Schilderung ist in vieler Hinsicht falsch. Der Graf von
Saint-Germain machte auf alle, die ihn kennen lernten, den Eindruck
eines sehr geistvollen Mannes. Er besaß jene natürliche Beredtsamkeit,
die mehr als alles andere besticht. Er besaß so große Kenntnisse in
der Chemie und Geschichte wie wenige. Er besaß die Gabe, das Gespräch
auf die bedeutsamsten Ereignisse der alten Geschichte zu bringen und
von ihnen zu erzählen wie von einer Tagesneuigkeit, mit den gleichen
Einzelheiten, in der gleichen fesselnden Art und mit der gleichen
Lebhaftigkeit.
Saint-Germain und Cagliostro[129]
„Ungeachtet aller seiner Talente und Geistesgaben verließ diesen
Wundermann (Saint-Germain) sein Hang zum Wunderbaren nie, und er
wußte davon gar klüglich Nutzen zu ziehen; denn seine sogenannten
_arcana_ verkaufte er sehr teuer. Übrigens wurde er Stifter geheimer
Gesellschaften und initiierte mit vielem Gepränge und Aufwand.
Selbst den bekannten Abenteurer Cagliostro soll er in einen solchen
mystischen Isisorden aufgenommen haben, und man muß gestehen, daß (die
Gelehrsamkeit ausgenommen) Saint-Germain an ihm ein seinen geheimen
Absichten vollkommen entsprechendes Mitglied fand.“
GRAF SAINT-GERMAIN[130]
Hat der Graf Saint-Germain, der so kräftig beschützt worden ist, etwas
anderes getan, als Guillaume Postel[131] nachzuahmen, der den Sparren
hatte, sich für älter auszugeben, als er war? Um seinen Bekannten etwas
vorzumachen, schminkte er sich, färbte sich die Haare schwarz und
nannte sich demgemäß _Postellus restitutus_. Wie seine Nachfolger
versicherte Postel, der Engel Resiel hätte ihm göttliche Geheimnisse
offenbart. Was sagen heute die zurückhaltendsten Biographen von ihm?
„Er hätte den Wissenschaften zur Zierde gereicht, hätte er nicht
infolge seiner Vertiefung in die Rabbiner und der Beobachtung der
Gestirne den Kopf verloren“ ...
Nachdem Saint-Germain in dreißig Städten Ärgernis erregt und
zweihundert Neulinge in der Chemie angeführt hat, trifft er einen
freigebigen und feinfühligen Großen[132] und nimmt sich vor, seine
Gaukeleien mit ihm zu beschließen. Er sagt folgendes zu ihm: „Seit
fast 80 Jahren (er war damals 77 Jahre alt) suche ich einen Menschen,
einen Menschen, den ich zum auserwählten Gefäß machen kann, das den
himmlischen Tau aufnimmt, den ich im Gelobten Lande gesammelt habe.
Er darf nichts wissen und muß zu allem befähigt sein. An Stelle der
alten Kenntnisse muß ich seinen Geist mit neuem Wissen erfüllen. Licht
und Finsternis, Reines und Unreines, Gott und Mensch können nicht
beieinander wohnen. Ich selbst kenne Sie wenig, aber ich weiß viel
von Ihnen durch die, welche Sie nicht kennen, aber eines Tages kennen
werden. In Ihre reine Seele hat der Himmel die Keime aller guten
Eigenschaften gelegt; lassen Sie mich sie entwickeln! Werden Sie das
himmlische Behältnis für die überirdischen Wahrheiten. Sie sind zum
Herrscher über große Reiche bestimmt oder werden dazu berufen werden.
Schenken Sie Ihre Fürsorge und Ihren Geist den Menschen, aber widmen
Sie Ihre Zeit und Ihr Forschen dem höchsten Meister. Im Alter von 27
Jahren werden Sie binnen wenigen Monaten 90 Jahre alt sein. Ich werde
für Sie sorgen, wirken, schaffen. Als Wunder für die übrige Menschheit
werden Sie doch in Gottes Augen nichts tun, wenn Sie sich begnügen,
das Licht eines Planeten zu sein. Als Träger der erstaunlichsten
Geheimnisse können Sie dem Lauf der Gestirne Halt gebieten und in Ihren
Händen das Schicksal von großen Reichen halten. Aber das Wissen ist
nur dann ein Schatz, wenn der, welcher es lehrt, auch die Anwendung
überwacht.“
Erstaunt, ein Genie zu sein, entzückt, ein Wunderwesen zu werden,
außer sich bei dem Gedanken, daß er Europa regieren wird, schlägt der
Große die Augen nieder, wirft sich zu Boden und steht wieder auf,
um ein des Wundermannes würdiges Schloß zu erbauen. Als dieser gut
untergebracht war, begannen die Zurüstungen, und der große Tag wurde
festgesetzt. Welche Geheimnisse sah man nun erblühen? Die Kunst, dem
Kupfer mehr Glanz und Biegsamkeit zu geben, die Kunst, Edelsteine
von Flecken zu befreien, zwei Wunder, die drei deutsche Chemiker in
ihren gelehrten Vorträgen gelehrt haben. Was sah man weiter? Ein
Purgiermittel, das jeder Apotheker herstellt und dem Volke verkauft,
eine Menge von Flüssigkeiten, deren geheimes Herstellungsverfahren
schon mehrere Fabrikanten in Frankreich und Italien gekauft hatten.
Im übrigen bewegten sich die Gestirne wie vorher, Europa erfuhr
keinerlei Umwälzung, und selbst das kleinste Ländchen lehnte die ihm
zugedachte politische Medizin hartnäckig ab. Man lebte jahrelang von
Versprechungen; nichts ereignete sich; man ertappte den Gott sogar
bei sehr menschlichen Verrichtungen. Nie wurden die Augen aufgetan;
und noch beim Begräbnis des Propheten glaubte man an seine wunderbare
Himmelfahrt.
Charakteristik des Grafen Saint-Germain
(von dem anonymen Übersetzer)
Saint-Germain, _Welldone_, oder unter was für mehr Namen er hier und
dort gewallet haben mag, war unleugbar ein Scharlatan, nachdem er lange
genug _Aventurier_ gewesen war. Von einem Manne, der sich so weit und
breit in der Welt herumgetrieben hat, ist es höchstwahrscheinlich,
daß er auch mit einer oder mehr geheimen Gesellschaften in Bündnis
getreten sei. Aber Schwärmer war er gewiß nicht, am wenigsten ein
religiöser. Eben den hellen Kopf, den man in des Grafen von Lambergs
„_Mondain_“[133] an Saint-Germain wahrnimmt, behielt er bis an
sein Ende. Als ein Mensch, der mit aufmerksamen Augen und Ohren
die Welt durchreiset war, ein gutes Gedächtnis und die Gabe eines
interessanten Vortrags hatte, war er ein guter Gesellschafter und
unterhaltender Tischgenosse, dessen Anekdotenvorrat unerschöpflich
schien. Und Tischgenossen von guter Unterhaltung (ich rede ganz
ernsthaft) sind seltener und gesuchter als die von bloß gutem Appetit.
Aber Saint-Germain hatte auf seinen Reisen nicht bloß nach Anekdoten
gehascht; er hatte außer einigen andern, vielleicht zweideutigeren,
auch wirklich nützliche _Arcana_ gesammelt, die ihn einem wohltätigen
Patrioten eines Landes, das rohe Produkte ausführt und solche
verarbeitet von Fremden wiederkauft, weil es ihm noch an Manufakturen
und Fabriken fehlt, sehr willkommen machen mußten, und die ihm auch
wirklich an manchem Orte eine beneidete, gute Aufnahme erwarben.
Freilich mochte er oft mehr von sich erwarten lassen, als er zu leisten
imstande war. Aber kann ein Mann, der gut gekleidet, mit einigen
kostbaren _Nippes_ in Gesellschaften erscheint, dafür, wenn man ihn
für reicher hält, als er wirklich ist? Oder ist es meine Pflicht,
jedermann, von dem ich nichts borgen will, den genauen Zustand meines
Vermögens anzugeben? Was hat man nicht alles von Wunderessenzen, die
Menschen zu verjüngen, von Universalarzneien gegen alle Krankheiten
und Tod, ja von dem mehr als Methusalemischen Alter dieses sonderbaren
Abenteurers, das er sich beilegen sollte, erzählt und fast allgemein
geglaubt! Aber ist ein Märchen deswegen auch schon wahr, weil man es
allgemein erzählt und fast durchgängig glaubt? Daß mich der Himmel
davor behüte, der Verteidiger oder Lobredner irgendeines Scharlatans zu
werden! Ich gestehe vielmehr offenherzig, daß ich jeden Geheimniskrämer
wegen verbotener Absicht auf anderer Beutel in Verdacht habe. Aber
es tut mir weh, wenn ich sehe, daß man einen Namen wie Saint-Germain,
ohne irgendeinen ersichtlichen Zusammenhang mit der Materie, mit
Gewalt herbeizieht (denn von Scharlatans ist ja nicht die Rede,
sondern von einer für die bürgerliche Gesellschaft höchst schädlichen,
theosophisch-magischen und nach Universalmonarchie strebenden
Sekte[134]), um durch den Beisatz: „_der so kräftig beschützt worden_“,
ein falsches Licht auf eine Person zu werfen, die, wenn sie auch aller
öffentlichen, der Ordnung der Staaten gemäß, Respekt fordernden Würden
entkleidet wäre, durch ihre höchst edle Art zu denken und zu handeln
die Verehrung und selbst Liebe aller rechtschaffenen Menschen verdient.
Es tut mir weh, zu sehen, daß sich ein Mann es anmaßet, die Menschheit
gegen eine geheime Sekte, die er weder zu nennen noch deutlich
zu bezeichnen wagt, zu warnen, der sich solche mutwillige (wer
einigermaßen starke Ausdrücke liebte, würde sagen: pasquillenhafte)
Ausfälle auf wirklich edle Menschen erlaubt und also dadurch, daß
er mit solchen Stellen, wie diese und einige andere in seinem
Buche, tiefen Unwillen erweckt, seine Absicht verdächtig, seine mit
unterlaufenden Wahrheiten zweifelhaft macht und sonach das, was er
sonst Gutes gewirkt haben könnte, vereitelt.
Kritik der „Charakteristik“[135]
Rezensent stößt hier auf eine Note, wo der Übersetzer dem Verfasser
wirklich unrecht tut. Der Verfasser vergleicht nämlich den
berüchtigten Saint-Germain mit einem älteren Narren und bedient sich
bei dieser Gelegenheit der Worte: „_Saint-Germain, der so kräftig
beschützt worden ist_.“ Dies bringt den Übersetzer in eine Wärme,
welche sich die meisten Leser schwerlich werden erklären können. Dabei
verteidigt er den Saint-Germain, nennt ihn einen hellen Kopf und möchte
die Leser gern überreden, daß er gar der Mann nicht gewesen sei, den
man in eine solche Parallele stellen sollte. Rezensent, der Gelegenheit
gehabt hat, von dem Manne, dessen sich hier der Übersetzer so warm
annimmt, sehr authentische Nachrichten zu erhalten, muß hier aber
demselben widersprechen.
Saint-Germain war nichts weniger als ein heller Kopf, wie schon der
einzige Umstand beweisen kann, daß er noch auf seinem Totenbette
verjüngt zu werden hoffte und andern versicherte, daß das, was
Auflösung war, Vorbereitung zu seiner bevorstehenden Verjüngung sei.
Andere Umstände läßt Rezensent hier unberührt, weil sie nicht hierher
gehören. Besser hätte indessen der Übersetzer getan, er hätte seine
Note zu Saint-Germains Rechtfertigung weggelassen; denn sie erregt auch
gegen seine Aufrichtigkeit nicht unbegründeten Verdacht.
ZWEITER TEIL
URKUNDEN ZUR LEBENSGESCHICHTE DES GRAFEN SAINT-GERMAIN
SAINT-GERMAIN IN LONDON (1743-1745)
I
Aus dem Briefwechsel von Horace Walpole[136]
Horace Walpole an den Ritter Man[137]
9. Dezember 1745.
Wir beginnen Volk aufzugreifen[138], aber so vorsichtig und zaghaft,
wie Frauen von Stand, die zum erstenmal ihre Juwelen versetzen. Wir
haben noch keinen großen Schlag gewagt. Der Propst von Edinburg ist in
polizeilichem Gewahrsam. Kürzlich wurde ein Narr verhaftet, der unter
dem Namen Graf Saint-Germain lebt. Er ist zwei Jahre hier gewesen und
will nicht sagen, wer und woher er ist. Aber zwei ganz wundervolle
Sachen gibt er zu, erstens, daß er nicht unter seinem richtigen Namen
lebt, und zweitens, daß er nie mit einem weiblichen Wesen etwas zu tun
gehabt hat... Er singt, spielt wundervoll Violine, komponiert, ist
verdreht und nicht sehr feinfühlig. Er soll Italiener, Spanier oder
Pole sein; ein hergelaufener Mensch, der in Mexiko durch Heirat zu
großem Vermögen kam und mit den Juwelen seiner Frau nach Konstantinopel
durchbrannte; ein Priester, ein Fiedler, ein vornehmer Mann. Der Prinz
von Wales[139] war unbändig neugierig auf ihn, doch umsonst. Indes
ist nichts gegen ihn geschehen. Er ist freigelassen, und -- was mich
überzeugt, daß er kein Edelmann ist -- er bleibt hier und behauptet, er
sei als Spion verhaftet worden.
Horace Walpole an John Chute[140]
Paris (8. Januar 1766).
Ich will nichts mit den französischen „Gelehrten“ und Philosophen zu
schaffen haben und beneide Euch nicht gerade um Rousseau[141]. Er ist
eben solch ein „Scharlatan“ wie Graf Saint-Germain, der sich selbst zu
einem wunderlichen Menschenkinde stempelt und von sich reden macht ...
So sehr ich seine Fähigkeiten bewundere, habe ich doch erkannt, daß
weder er noch irgendein „Genius“ genügend gesunden Menschenverstand
besitzen, um der Maßlosigkeit ihrer Ansprüche die Wage zu halten. Sie
hassen die Priester, können aber doch die Kirche nicht entbehren. Aus
diesem Grunde ziehe ich ihre Lektüre ihrer persönlichen Bekanntschaft
vor.
II
+Aus+: „_The London Chronicle_“[142]
13.-15. Mai 1760.
Mittwoch, 14. Mai. Wie der Herausgeber der „_Gazette de
Bruxelles_“[143] uns erzählt, ist der hier kürzlich aus Holland
angekommene sogenannte Graf von Saint-Germain 1712 in Italien geboren.
Er spricht ebenso geläufig deutsch und französisch wie italienisch
und drückt sich auf englisch recht gut aus. Er ist in allen Künsten
und Wissenschaften bewandert, ein guter Chemiker, Musikvirtuose und
zugleich ein sehr angenehmer Gesellschafter.
Im Jahre 1745 kam er in England in eine sehr schlimme Lage. Ein Mann,
der wegen einer Liebesgeschichte eifersüchtig auf ihn war, steckte
ihm einen falschen Brief des jungen Prätendenten[144] in die Tasche
(worin dieser ihm für seine Nachrichten dankte und ihn bat, damit
fortzufahren), dann ließ er ihn sofort verhaften. Da die Untersuchung
seine völlige Unschuld ergab, wurde er in Freiheit gesetzt und von
Lord H... zu Tisch eingeladen. Wer ihn kennt (sagt Herr Maubert), wird
sich ärgern, zu hören, daß er sich die Ungnade des Allerchristlichsten
Königs[145] zugezogen hat.
SAINT-GERMAIN IN FRANKREICH
I. Aus Casanovas „Memoiren“[146]
(1757)
Die angenehmste Mahlzeit, die ich (bei der Marquise von Urfé)[147]
einnahm, war in Gesellschaft der Frau von Gergy[148], die den berühmten
Abenteurer mitbrachte, der als Graf Saint-Germain bekannt ist. Statt
zu essen, sprach er vom Anfang bis zum Ende des Mahles, und ich machte
es beinahe ebenso, indem ich ihm mit größter Aufmerksamkeit zuhörte.
Allerdings konnte man kaum besser sprechen als er.