ruft ihre Kammerfrauen zum Auskleiden und blickt die an, die das
Fläschchen ausgetrunken hat. „Was machen Sie hier bei mir?“ fragt
sie. „Woher kommen Sie?“ Die Gefragte macht statt jeder Antwort
eine tiefe Verbeugung. „Nun, was wollen Sie hier?“ fährt die Herrin
ärgerlich fort. „Ich habe Sie nicht bestellt. Gehen Sie fort.“ --
„Die Gnädige behandelt mich ungewöhnlich streng“, versetzt die
Gescholtene. „Ich habe nie meine Pflicht versäumt. Leider war ich
eingeschlafen, aber ist das etwas so Schlimmes?“ -- „Wollen Sie mir
was vormachen?“ entgegnet die Dame. „Ich kenne Sie nicht und habe Sie
noch nie gesehen. Ich habe kein so junges Ding in meinem Dienst.“ --
Damit klingelt sie und ruft nach Radegonde (so hieß die Kammerfrau,
die das Fläschchen ausgetrunken hatte). „Aber hier bin ich ja,
gnädige Frau!“ ruft sie aus. „Erkennen Sie mich nicht mehr?“ Sie
blickt in den Spiegel und sieht zu ihrer größten Überraschung, daß
sie wie ein sechzehnjähriges Mädchen aussieht, obwohl sie 45 Jahre
alt ist.
„Ganz Frankreich hat bei diesem seltsamen Ereignis ein Wunder
ausgeschrieen. Aber der Fremde war verschwunden, und die unglückliche
Dame sah sich dazu verdammt, eine alte Frau zu werden.
„So erzählt man sich die Geschichte in Paris und wird sie wohl noch
mehrere Menschenalter erzählen. Hatte der Inhalt des Fläschchens
die Fünfundvierzigjährige zur Sechzehnjährigen gemacht? War diese
Metamorphose nicht von dem Grafen ins Werk gesetzt? Ich vermag es
nicht zu entscheiden.“
Wägt man die Einzelheiten, wie sie _London Chronicle_ angibt, so wird
man sie nicht sowohl als Nachrichten _über_ den Grafen Saint-Germain,
als vielmehr als Nachrichten _von_ ihm ansehen, die er der englischen
Zeitung mitgeteilt hatte, um Nachforschungen zu vereiteln und die
für seine Rolle nötige Illusion aufrechtzuerhalten. Diese Rolle war
zweifellos die eines Spions in höherem Auftrage, dem seine Auftraggeber
die Mittel gaben, durch sein glänzendes Auftreten und seine hohen
Ausgaben zu imponieren, wozu dann noch die großen Talente des Grafen
traten, die alle zusammengenommen das ausmachten, was die Italiener _un
gran furbo_ nennen.
Herr de l’Épine Danican hatte sich ihm während seines Aufenthalts
in Frankreich angeschlossen und sich seine sehr ausgedehnten
metallurgischen Kenntnisse zunutze gemacht, um die bisher unbekannten
Bergwerke in der unteren Bretagne auszubeuten. Derselbe Danican
wollte den Grafen von Saint-Germain in einem gut aussehenden Manne
wiedererkennen, der zeitlebens im Zuchthause von Brest eingekerkert
war, weil er bei Hofe zur Zeit des Attentats[90] auf den König eine
Schmähschrift geschrieben hatte, derentwegen er auf Befehl des
Ministers lebenslänglich eingekerkert wurde, ein Befehl, den seine
Nachfolger bestätigt oder nicht widerrufen haben.
Dieser Mann, den ich 1776 in dem genannten Zuchthause sah, war von
guter Figur, imponierendem Äußern und ehrwürdigem Alter. Seine Zelle
stieß an einen der Säle des Zuchthauses. Er bekam sein Essen vom Tische
des Zuchthausdirektors, ging täglich zur Messe, kommunizierte jeden
Sonntag und nannte sich Ludwig von Bourbon. Die Fürsten und Minister,
die seitdem nach Brest kamen, haben ihn dort gesehen und gesprochen.
In den Denkwürdigkeiten zur Geschichte dieses Jahrhunderts wird er als
Doppelgänger des Mannes mit der eisernen Maske[91] dastehen. --
Drei Jahre nach der Niederschrift des Vorstehenden sagte mir ein
Holländer, es sei in Holland bekannt, daß der Graf Saint-Germain der
Sohn einer zu Anfang dieses Jahrhunderts nach Bayonne geflüchteten
Fürstin[92] und eines Juden aus Bordeaux sei. Bei der Rückkehr in die
Heimat wurde sie von einem Großwürdenträger des Hofes ihres Gemahls
mit einer Ansprache vorgestellt, die des Lobes von ihr voll war. Der
Marchese del Carpio, der mit ihrem Empfange betraut war, trat auf den
Redner zu, und statt jeder Antwort sagte er ihm leise ins Ohr: „Ist sie
in anderen Umständen?“
ANEKDOTEN
I
König Friedrich der Große liebte nach der Überlieferung seines
Kammerhusaren _Schöning_[93] folgende Anekdote zu erzählen: „Der
bekannte Graf Saint-Germain gab vor, daß er über 2000 Jahre alt sei und
sich unter anderem viel im Gelobten Lande aufgehalten habe. ‚Sie müssen
also Herrn Jesus Christus gesehen haben?’ frug ihn jemand. -- ‚Ich habe
ihn wohl gekannt. Man konnte sehr gut mit ihm auskommen. Aber seit
der Geschichte mit dem Tempel hatte ich ihn aus den Augen verloren.’
Dieser wandte sich darauf an Saint-Germains Bedienten, um zu sehen, ob
der auch so gut wie sein Herr lügen könnte: ‚Ist es denn wahr, lieber
Freund, daß Ihr Herr so alt ist?’ -- ‚Ach, mein Herr, das kann ich
Ihnen nicht sagen; denn ich bin erst 300 Jahre in seinen Diensten.’“
II
Der französische Geschäftsträger in Petersburg, Chevalier _Corberon_,
erzählt in seinen Aufzeichnungen[94] unter dem 30. März 1776 von einer
Unterhaltung mit einem Kaufmann Pictet aus Genf:
„Die Rede kam auf den Grafen von Saint-Germain, den Pictet kannte.
Ihm hat er Dinge über seine Familie erzählt, ebenso dem Marquis
du Gouffier[95] über die seine. Pictet hält ihn für einen großen
Chemiker und glaubt, daß er ein Geheimmittel besitzt, um einen
fleckigen Diamanten tadellos zu machen. Und zwar glaubt er das, weil
Pictets Schwiegervater, der Steinschleifer Magnan, alle Diamanten mit
irgendwelchen Fehlern beiseite legte und sagte, dies geschähe für den
Grafen Saint-Germain.“
III
Graf _Lehndorff_ (1727-1811), der ehemalige Kammerherr der Gemahlin
Friedrichs des Großen[96], berichtet im Februar 1776 über eine
Unterredung mit dem Malteserritter, Graf Sagramoso, der Gesandter in
Warschau war:
„Er hat den berüchtigten Grafen Saint-Germain sehr gut gekannt, der
sich für ewig ausgibt, und mir von ihm die folgende Anekdote erzählt:
Bei einer Aufführung des Trauerspiels ‚Mariamne’[97] erklärte er, er
sei doppelt davon gerührt, da er diese liebenswürdige Fürstin sehr
gut gekannt habe. Eine anwesende Dame, die ihn in Verlegenheit setzen
wollte, nahm darauf das Wort und sagte zu ihm: ‚Dann haben Sie auch
wohl unseren Herrn Jesus Christus gekannt?’ -- ‚Ob ich ihn gekannt
habe!’ erwiderte er; ‚so gut, daß ich ihm sagte, als er jene Geschichte
im Tempel hatte: Lieber Freund, das kann nicht gut enden.’“
IV
Madame _Campan_, Kammerfrau der Königin Marie Antoinette, berichtet in
den „Anekdoten über die Regierung Ludwigs XV.“[98] von einer Frau von
Marchais:
„Sie behielt im höchsten Alter das schönste Haar. Angeblich hatte
ihr der berüchtigte Graf Saint-Germain, der am Hofe Ludwigs XV. als
hochberühmter Alchimist auftrat, ein Elixier gegeben, das die Haare
erhielt und sie vor dem Ergrauen bewahrte.“
V
Der weimarische Legationsrat Friedrich Johann Justin _Bertuch_
(1747-1822) erzählt in seiner Verdeutschung der Schrift: „Cagliostro in
Warschau“, S. 28 Anmerkung (Straßburg 1786) vom Grafen Saint-Germain:
Sein sogenannter Kammerdiener war ihm heimlich durchgegangen und hatte
ihm das Rezept zu seinem Wunderpulver gestohlen. Man bringt ihm die
Nachricht, daß der Kerl sich irgendwo etabliert habe und damit kurieren
wolle, und sagt ihm, es müsse ihm doch höchst unangenehm sein, sein
_arcanum_ auf diese Art gemißbraucht zu sehen. -- „Nichts weniger!“
antwortet Saint-Germain darauf, „ich werde machen, daß es in des Kerls
Händen nicht wirkt!“
VI
Graf _Mirabeau_ (1749-1791), der berühmte französische Schriftsteller
und Politiker, schreibt in seinem Werke „De la monarchie prussienne
sous Frédéric le Grand“, Bd. 5, S. 69 (London 1788):
Saint-Germain, der von einem Grafen Lamberg in seinem „Tagebuch eines
Weltkindes“ angekündigt worden war[99], hatte Jahrtausende gelebt. Er
hatte einen Tee entdeckt, vor dem alle Krankheiten verschwanden. Er
machte im Handumdrehen faustgroße Diamanten. Er schloß sich eng an den
Prinzen Karl von Hessen an und vergaß, wie seine Vorgänger, nicht zu
sterben.
[Illustration: Elisabeth von Ansbach und Bayreuth (Lady Craven)
Stich von Friedr. Wilh. Nettling]
AUS DEN „DENKWÜRDIGKEITEN“ DER LADY CRAVEN[100]
Ein anderer Wundermann war Saint-Germain, der am Hofe Ludwigs
XV. eine Rolle spielte und hier, wie auf seinen Reisen, von der
Leichtgläubigkeit der Menschen Vorteil zog. Der Graf von Lamberg[101]
war sein Johannes gewesen und hatte ihn feierlich verkündet. Dieser
Graf von Saint-Germain hatte mehrere tausend Jahre gelebt und mit
den ausgezeichnetsten historischen Personen aller Jahrhunderte
genauen Umgang gepflogen; denn er war im Besitz eines Tees, der alle
Krankheiten vertrieb und ein wahres Kraut gegen den Tod war. Nur zu
seiner Unterhaltung machte er Diamanten von unermeßlicher Größe. Als
ein Unsterblicher nahm er nie leibliche Nahrung zu sich. Wenn er bei
den Großen zur Tafel geladen worden, berührte er kein Brot, kein
Fleisch, setzte kein Glas an seine Lippen, sondern begnügte sich, der
Gesellschaft aus dem Schatz seiner tausendjährigen Erfahrung allerlei
lehrreiche Geschichten zu erzählen. Mit Cäsar hatte er sich oft über
die Mittel unterhalten, der in Verfall geratenen römischen Republik
durch eine monarchische Verfassung ein neues, frisches Leben zu geben.
Cäsar hatte darüber ganz eigene Ideen gehabt, die durch Unterhaltungen
mit den Druiden in Britannien[102] in ihm geweckt worden. Einer
von diesen Druiden sei sogar Privatsekretär bei Cäsar gewesen, und
Saint-Germain hätte von ihm über den alten Zustand von Britannien viel
Interessantes erfahren. Den Apostel Petrus hatte der Graf sehr genau
gekannt und ihm oft freundschaftlich geraten, seine Heftigkeit zu
mäßigen. Johannes sei ein schlanker, hübscher Mann gewesen, von sanftem
Charakter und etwas zum Mystizismus geneigt; er habe seine Schriften
dem Saint-Germain vor der Bekanntmachung mitgeteilt, der auch einige
dunkle Stellen korrigiert habe.
Solche und ähnliche Geschichten erzählte der Graf mit der größten
Ernsthaftigkeit, und gelehrte Männer hatten dabei nicht selten
Gelegenheit, seine historischen Kenntnisse zu bewundern.
Er gesellte sich zuletzt zu dem Prinzen Karl von Hessen, dem er den
Kopf verdrehte. Am Ende aber wurde dieser Unsterbliche des Lebens müde
und starb wie jeder andere gewöhnliche Mensch, und wie alle seine
Vorgänger auch getan haben.
AUS DEN „ERINNERUNGEN“ DER MARQUISE VON CRÉQUY[103]
Die Marquise von Urfé[104] trachtete immerfort nach dem Pulver zur
Verwandlung von Kupfer in Gold und arbeitete Tag und Nacht, um sich
ein Lebenselixier herzustellen. Sie verließ ihr Laboratorium kaum
noch und gewährte nur wenigen Zutritt dazu. Ihr Verkehr beschränkte
sich auf Adepten und Rosenkreuzer[105]; sie ging nur noch mit Öfen,
Retorten und Destillierkolben um. Vier Jahre lang arbeitete sie mit
dem angeblichen Grafen von Saint-Germain an Kabbala und dem Stein der
Weisen, was ihr 100000 Taler gekostet hat ...
Der Graf von Saint-Germain war ein Zeitgenosse Christi, des Kaisers
Tiberius und des Vierfürsten Herodes von Galiläa, von dem er eine dicke
braune Haarsträhne besaß. Er kannte Pontius Pilatus aus Jerusalem und
aus Grenoble, seinem späteren Exil, aber dieser Mann war ein solcher
Tropf, daß er vor Bekanntwerden der Evangelien nur eine undeutliche
Erinnerung an Christus hatte ...
Eines Tages besuchte ich Frau von Urfé in Gesellschaft der Gräfin von
Brionne. Obwohl die Alchimistin kaum noch Besuche annahm, wurde die
Toreinfahrt beim Anblick meiner Livree geöffnet, und wir gingen hinauf.
Man führte uns ohne Anmeldung zu ihr, wie es in diesem geheimnisvollen
Hause Brauch war, und wir fanden die Marquise -- es war im Juli --
bei einem starken Kaminfeuer sitzend. Ihr gegenüber saß ein Mann, der
wie zu Olims Zeiten gekleidet war. Auf dem Kopfe trug er eine große
betreßte Kappe. Beim Erscheinen der Gräfin nahm er sie weder ab, noch
stand er auf. Sie war darob sehr betroffen.
„Ich habe gestern einen Brief von Herrn von Créquy-Canaples erhalten“,
sagte die Marquise von Urfé zu mir. „Er klagt, daß er in den Hundstagen
im Artois friert.“ Teilnehmend setzte sie hinzu: „Er ist offenbar nicht
mehr klar im Kopfe.“
„Bei Gott!“ rief der Herr laut und barsch, „ich weiß, woher das kommt!
Ich kannte den alten Kardinal de Créquy[106]. Ich habe ihn während
der ersten Tagung des Konzils von Trient[107] oft gesehen. Er redete
da nichts als dummes Zeug. Ich kann Ihnen versichern, daß er völlig
überspannt war. Damals war er Bischof von Rennes.“
Ich erriet, daß ich Herrn von Saint-Germain vor mir hatte, dessen
Aufschneidereien und die Geschichten, die man davon erzählte, mich
stets geärgert hatten. Ich wandte mich mit offener, harmloser Miene an
ihn und sagte:
„Sie meinen wohl: Bischof von Nantes?“
„Nein, Madame, Bischof von Rennes, Rennes in der Bretagne. Ich weiß
sehr wohl, was ich sage und von wem ich rede!“
„Mein Herr,“ entgegnete ich etwas von oben herab und mit
herausfordernder Lustigkeit, „Sie wissen offenbar nicht, mit wem Sie
reden.“
„Madame!“ rief er mit Donnerstimme und warf mir wütende Blicke zu.
„Regen Sie sich doch nicht auf, mein Herr“, versetzte ich. „Und da Sie
so vieles wissen, sagen Sie mir doch gütigst, wie ich heiße.“
„Unter anderem“, rief er im Ton eines Hierophanten, „tragen Sie einen
Namen, dessen Wurzel kufisch, hebräisch und samaritanisch ist, einen
gesegneten, sieghaften Namen, aber blutbedeckt, seines Glanzes beraubt
und verderblich!“
„Ach!“ unterbrach ich ihn mit vorwurfsvoller, verletzter Miene, „ein
durchaus kufischer und vor allem verderblicher Name! Dem werde ich
gewiß nicht beistimmen!“
„Wie haben Sie nur erraten, daß sie Viktoria heißt?“ fragte ihn Frau
von Urfé mit zärtlich bewunderndem Blick.
„Es wäre mir lieber gewesen,“ fuhr ich etwas frostig fort, „wenn
der Herr uns gesagt hätte, daß ich die Marquise von Créquy bin. Der
Kardinal von Créquy“, setzte ich hinzu, „ist nie etwas anderes gewesen
als Bischof von Nantes und Amiens, Erzbischof von Tyrus und Patriarch
von Alexandria. Auch das Beiwort _alt_ trifft auf ihn nicht zu, denn er
starb mit 45 Jahren an der Pest, und was das dumme Zeug anlangt, das
er bei der ersten Tagung des Konzils von Trient im Jahre 1545 geredet
haben soll, so darf man ihm keinen allzu schweren Vorwurf daraus
machen, denn er war damals erst fünf bis sechs Jahre alt ...“
„Madame, Sie beleidigen mich!“
„Nein, mein Herr, ich gebe Ihnen bloß eine Antwort, und ich beleidige
Sie so wenig damit wie die Wahrheit.“
„Ich wette um 10000 Louisdors.“
„Mein Herr, ich lebe vom Ertrag meiner Landgüter und habe nicht 10000
Louisdors zu verwetten.“
„Dann wette ich um 100 Louisdors.“
„Lassen Sie es dabei bewenden“, entgegnete ich ihm in gebieterischem
Tone, so daß er seine Schwindeleien und Grobheiten herunterschlucken
mußte. „Nur Engländer oder Lakaien können eine Dame mit ‚Ich wette! Ich
wette!’ herausfordern. Und auch nur, wenn sie keine triftigen Gründe
haben.“
Frau von Urfé, die ich dabei anblickte, schien mir lächerlich verwirrt.
Sie bat mich, weder zu Hause noch sonstwo darüber zu reden; denn sie
fürchtete sich vor dem Kardinal Fleury[108], der kein Freund der
Schwindler war, und das versprach ich ihr gern. Die Folge war, daß die
Tür ihres Laboratoriums mir nur noch halb geöffnet wurde, und auch nur,
wenn sie allein war.
Der Baron von Breteuil hatte als Minister des Königlichen Hauses[109]
in den Archiven ausfindig gemacht, daß der angebliche Graf von
Saint-Germain der Sohn eines jüdischen Arztes aus Straßburg war und
eigentlich Daniel Wolf hieß. Er war 1704 geboren, damals also 68 Jahre
alt, während er sich als Mann von 1814 Jahren ausgab -- dank einem
Lebenselixier, dessen Rezept er angeblich einer ihm sehr gewogenen
Königin von Judäa verdankte. Mit 68 Jahren sah er aus wie ein Mann in
diesem Alter, der sich kräftiger Gesundheit erfreut. Er hielt sich
gerade und hatte einen raschen Gang, sprach bestimmt und gut, wenn auch
mit leichtem Elsässer Akzent. Sein Blick war fest, ja frech, seine Haut
weiß und glänzend, sein weißes Haar voll, sein Bart üppig, desgleichen
die Augenbrauen. Frau von Urfé pflegte deshalb zu sagen, er gleiche
Gottvater[110] ...
Eine andere kräftige Abfuhr, die viel von sich reden machte und recht
amüsant war, erfuhr Saint-Germain durch den Grafen von Chastellux in
einer Gesellschaft bei Herrn Le Normand d’Étioles[111]. Saint-Germain
hatte sich nach den Tischgästen erkundigt und sich besonders über Herrn
von Chastellux Rat geholt, Bücher gelesen und sich schnell so auf
sein Thema vorbereitet. Als der Graf von Chastellux gemeldet wurde,
eilte er auf ihn zu und fragte ihn, ob er nicht ein Nachkomme des
Marschalls von Chastellux[112] sei, der im 14. Jahrhundert Statthalter
der Normandie war. Herr von Chastellux entgegnete, er glaubte sein
Nachkomme im siebenten Grade zu sein.
„Ihr erlauchter Ahn war ein Held,“ versetzte Saint-Germain. „Der
König[113] bezahlte für ihn im Jahre 1418 2500 Livres Lösegeld. Ich
werde mich zeitlebens erinnern, daß ich ihn als Schirmherrn des
Domkapitels und Ehrendomherrn der Kathedrale von Auxerre im Chor sitzen
sah. Zu dem Zweck trug er ein Chorhemd über seinem Harnisch, einen
Chorherrenmantel darüber und den Marschallstab von Frankreich in der
Hand. Seine ehrwürdige Mutter, Alix von Bourbon-Montpeyroux[114], war
die leibliche Nichte seines Vaters. Ja, Herr Graf, dieser ehrwürdige
Marschall, Ihr Vorfahr, war mein Busenfreund, und seinen ältesten Sohn
liebte ich wie meinen Augapfel. Sie wissen? Sein ältester Sohn, Johann
III. von Beauvoir, Herr von Chastellux und Vicomte von Avallon, der
die Tochter des Herrn von Aulnery geheiratet hatte. Ich sehe sie vor
mir und versichere Ihnen, sie war im Jahre 1493 eine reizende Frau!
Der junge Mann hatte nur einen Fehler, er war verschwenderisch wie ein
Landsknecht, und wenn er in Ihren Wäldern von Coulanges und Baserne
die hohen Bäume abholzen ließ, war sein Vater wütend auf ihn. Ja, der
alte Marschall war knauserig! Ich entsinne mich: eines Tages zu Ostern
wollte er seine Familie und seine Leute weiter fasten lassen, weil in
seiner Küche eine große Menge Fische übrig geblieben war, die er zur
Fastenwoche hatte fischen lassen.“
„Verzeihen Sie, Sie verwechseln den Großvater mit dem Enkel“,
entgegnete Graf Chastellux mit vornehmer Höflichkeit und größter
Kaltblütigkeit. „Der Marschall war von prachtvoller Freigebigkeit.
Philipp II. von Chastellux, sein Enkel, galt für -- sparsam.“
Nun gab es einen chronologischen Disput und beiderseitige Zitate; der
Abenteurer brauste auf, aber die Diskussion fiel durchaus zugunsten
des Grafen von Chastellux und der Freigebigkeit seines Vorfahren, des
Marschalls, aus. Man ließ zwei alte Bücher aus der Bibliothek holen und
brachte zwei alte Spottverse von Alain Chartier und Saint-Gelais[115],
die 92 Jahre auseinanderlagen, zum Beweise bei. Somit war erwiesen,
daß der Graf von Saint-Germain nur ein ungeschickter und schlecht
unterrichteter Schwindler war.
Eine andere schöne Geschichte ist die des Prinzen von Craon, den
Saint-Germain nicht von Angesicht kannte und der eines Tages im
Hotel Uzès in eine große Gesellschaft hineinplatzte, wo besagter
Saint-Germain seine Flausen gerade zum besten gab und man ihm mit
offenem Munde zuhörte. Es war von Nicolas Flamel[116] und seiner Frau
Perronelle, ihrem Lebenselixier und ihrem sympathischen Pulver die Rede.
„Mein Gott!“ rief der Prinz von Craon, „wissen Sie denn nicht, was eben
bei der Gräfin von Sennecterre geschehen ist?“
„Was denn? Was denn?“ fragte Saint-Germain, der ihr für bare 200
Louisdors ein Fläschchen seines Elixiers „überlassen“ hatte.
„Denken Sie nur, mein Herr,“ entgegnete jener, „der Herr Graf
Saint-Germain, ein guter Bekannter der Gräfin Sennecterre, hat ihr
aus Großmut ein Fläschchen ätherischer Flüssigkeit geschenkt, das sie
verjüngen sollte, wenn sie einen Tropfen mit 50 Jahren, zwei nach
vollendeten 60 Jahren, vier mit 90 Jahren und so fort nahm. Sie wollte
ihrem Gatten, der erst 71 Jahre alt ist, die Sache verheimlichen.
Offenbar findet sie ihn noch zu jung.“
„Keine spitzen Bemerkungen! Bitte zur Sache!“ rief die Herzogin von
Uzès, die vor Ungeduld und Besorgnis umkam, da sie dasselbe Mittel
eingenommen hatte.
„Frau von Sennecterre hatte ihr kostbares Fläschchen einem Fräulein
Jacoby anvertraut, einer alten, biederen und sorgsamen Person. Gestern
ging Frau von Sennecterre auf einen Ball, und als sie um 5 Uhr morgens
zurückkommt -- wen findet sie da, meine Damen? Ein kleines Mädchen
von sieben bis acht Jahren, das auf allen Möbeln herumkletterte und
wie ein Zicklein durch die Zimmer hüpfte. ‚Aber was ist denn das
für ein dreistes kleines Ding, das da herumspringt? Wo sind meine
Kammerfrauen?’ -- ‚Wie, Frau Gräfin,’ erwiderte das Mädchen mit heller,
kecker, kichernder Stimme, ‚Sie erkennen Fräulein Jacoby nicht, die Sie
seit Ihrem vierten Jahre erzogen hat? Das ist doch arg!’ -- ‚Aber wie
ist denn das möglich?’ -- ‚Ach Gott, ich hatte Leibweh und wollte von
dem Wasser des Herrn von Saint-Germain trinken. Es hat mich so prächtig
kuriert! Und doch hab’ ich nur ein Schlückchen getrunken.’ -- ‚Das
war wohl das mindeste, daß Sie mir ein paar Tropfen in dem Fläschchen
übrig ließen’, sagte Frau von Sennecterre mit kaum verhehltem Ärger.
‚Schicken Sie mir wenigstens die Julie zum Auskleiden. Wo ist denn
Julie?’ -- ‚Da, Frau Gräfin’, sagte ihre alte Erzieherin und lachte
wie närrisch. Damit wies sie auf ein kleines Kind von höchstens sechs
bis acht Wochen, das auf dem Teppich saß und am Daumen lutschte. ‚Das
ist Julie. Sie hat alles ausgetrunken, Frau Gräfin, und nun ist sie so
verjüngt, daß man sie kaum mehr sieht.’“
„Ich versichere Ihnen,“ fuhr der Prinz von Craon mit unerschütterlichem
Ernst fort, „man muß bei der Verabreichung des Lebenselixiers sehr
vorsichtig sein. Herr von Saint-Germain bringt uns in Gefahr, wieder
zu Kindern zu werden, und hat man Prozesse zu führen oder Töchter zu
verheiraten, so ist es nicht immer angebracht, zum Sabberlatz und
Gängelband zurückzukehren. Also man kann nicht vorsichtig genug sein.“
Herr von Saint-Germain hatte sich aus dem Staube gemacht, sobald er
merkte, daß der Prinz von Craon ihn zum besten hielt. Seitdem machte
sich jedermann über Saint-Germain lustig.
AUS DEN „DENKWÜRDIGKEITEN ZUR GESCHICHTE DES GRAFEN CAGLIOSTRO“[117]
Cagliostros Besuch bei Saint-Germain
Eine Satire
Sie (das Ehepaar Cagliostro) gehen nach Wien. Im Adel, in der
Geistlichkeit und im Kaufmannsstand herrschte solche Unzufriedenheit,
daß sie gleich weiterfahren und nach Holstein reisen. Dort hatte der
berüchtigte Graf Saint-Germain sein Tabernakel errichtet[118]. Dieser
große Mann genoß seit mehreren Jahren die Wonnen der Unsterblichkeit
und bildete friedlich das Glück dreier Personen, die ihn mit Champagner
und Ungarwein tränkten -- zum Dank für den Goldstrom, den er in ihr
Land geleitet hatte.
Graf Cagliostro bat ihn um eine Geheimaudienz, um sich vor dem Gott der
Gläubigen niederzuwerfen. Saint-Germain gab ihm 2 Uhr nachts an.
Als der Augenblick nahte, legten er und seine Frau eine weiße Tunika
an, die ein aurorafarbener Gürtel zusammenhielt und stellten sich so
im Schlosse ein. Die Zugbrücke senkte sich, ein sieben Fuß großer
Mann in langem grauen Gewand führt sie in einen schlecht erleuchteten
Saal. Plötzlich öffnet sich eine große Flügeltür, und ein von tausend
Kerzen strahlender Tempel blendet ihre Blicke. Auf einem Altar saß der
Graf; zu seinen Füßen hielten zwei Ministranten goldene Schalen, aus
denen süße, sanfte Wohlgerüche emporquollen. Auf der Brust trug der
Gott eine Diamantplatte von fast unerträglichem Glanze. Eine große,
weiße, durchsichtige Gestalt hielt in ihren Händen eine Schale, auf der
„Elixier der Unsterblichkeit“ stand. Etwas weiter erblickte man einen
riesigen Spiegel, vor dem eine majestätische Gestalt auf und ab ging.
Über dem Spiegel stand geschrieben: „Zuflucht der irrenden Seelen.“
Düsteres Schweigen herrschte in dem heiligen Bezirk. Eine namenlose
Stimme rief: „Wer seid Ihr? Woher kommt Ihr? Was wollt Ihr?“
Da warf sich der Graf Cagliostro nebst der Marquise zu Boden, und nach
ziemlich langem Schweigen stammelte er:
„Ich komme, den Gott der Gläubigen, den Sohn der Natur, den
Vater der Wahrheit anzurufen. Ich komme, ihn um eins der
vierzehntausendsiebenhundert Geheimnisse zu bitten, die er im Busen
trägt. Ich komme, um sein Knecht, sein Apostel, sein Märtyrer zu
werden.“
Der Gott gab keine Antwort. Doch nach ziemlich langem Schweigen erklang
eine Stimme: „Was will Deine Gefährtin?“
Sie antwortete: „Gehorchen und dienen.“
Da folgte Finsternis auf die Nacht, Lärm auf die Stille, Furcht auf
Vertrauen, Verwirrung auf Hoffnung, und eine schrille Stimme sagte
drohend: „Wehe dem, der die Prüfungen nicht erträgt!“