„Aus guten Gründen gab ich mich bei dem Geschwader nur als Graf C...z

aus. Überall, wo wir landeten, genoß ich die gleichen Auszeichnungen

wie der Admiral. Ohne mich nach meinem Vaterlande zu fragen, erzählte

der Nabob von Baba mir nur von England. Ich entsinne mich, mit welchem

Vergnügen er meiner Beschreibung vom Pferderennen zu Newmarket zuhörte.

Ich erzählte ihm, daß ein berühmtes Pferd namens Eclipse schneller

sei als der Wind, und ich log nicht; denn angenommen, daß dies Pferd

in einer Minute eine englische Meile lief, d. h. 82½ Fuß in der

Sekunde, könnte man, selbst wenn es diesen rasenden Lauf nur ein bis

zwei Minuten aushielt, ohne Gefahr begründeten Widerspruchs behaupten,

daß ein solches Pferd vor dem Winde herlief; denn dessen größte

Geschwindigkeit beträgt 85 Fuß im freien Raum, und ein Schiff, das

auch nur ein Drittel seines Anpralls aushielte, würde 6 (französische)

Meilen in der Stunde vorwärts getrieben werden, was der größten

bekannten Fahrtgeschwindigkeit entspricht.

„Der Nabob schlug mir vor, ihm meinen Sohn, den ich mithatte,

dazulassen. Er nannte ihn seinen Lord Bute[71], nach dem Muster seiner

Höflinge, die sämtlich englische Namen trugen. Dieser Nabob hatte unter

seinen Kindern einen Prinzen von Wales, einen Herzog von Glocester,

einen Herzog von Cumberland usw. Als Watson ihn besuchte, erkundigte er

sich nach dem Befinden des Königs Georg, und als er erfuhr, daß dieser

einen Sohn verloren hatte[72], rief er seufzend aus: „Auch ich habe

meinen Prinzen von Wales verloren!“

Der _Marquis Belmar_.“

Eine Gabe, die Herr von Belmar allein besitzt und die in den Familien

gelernt und gepflegt zu werden verdiente, ist, mit beiden Händen

zugleich zu schreiben. Ich diktierte ihm etwa zwanzig Verse aus

„Zaïre“[73], die er auf zwei Blättern Papier in denselben Schriftzügen

zugleich schrieb. „Ich tauge nicht viel,“ sagte er zu mir, „aber Sie

werden zugeben, daß ich meinen Sekretär ganz umsonst ernähre. Die

Fortschritte in den Kunstfertigkeiten sind langsam; man beginnt mit

Versuchen und gelangt schließlich zu einem festen System.“

* *

*

Am Schluß berichtigt Lamberg die Angabe der in Florenz erscheinenden

Zeitung „_Le notizie del mondo_“, die im Juli 1770 unter der Rubrik

„Nachrichten aus der Welt“ die Mitteilung gebracht hatte:

„Tunis, Juli 1770. Der kaiserliche Kammerherr Graf Maximilian Lamberg

hat der Insel Korsika einen Besuch abgestattet, um verschiedene

Forschungen anzustellen. Er weilt hier seit Ende Juni in Gesellschaft

des Herrn von Saint-Germain, der in Europa wegen seiner umfassenden

politischen und philosophischen Kenntnisse berühmt ist[74].“

Lamberg dementiert diese Nachricht mit dem Hinweise, daß ihn die

Zeitung zum Reisegefährten Saint-Germains in Afrika mache, „zu einer

Zeit, wo Herr von _Belmar_ aus Genua an einen Freund in Livorno

schrieb, er wolle nach Wien gehen, um den Prinzen Ferdinand von

Lobkowitz[75] wiederzusehen, dessen Bekanntschaft er 1745 in London

gemacht hatte.“

Schreiben des Grafen Lamberg an Opiz[76]

„Herr von Saint-Germain hat ziemlich lange in Paris gelebt und das

allgemeine Gespräch gebildet. Er behauptete tatsächlich, vierhundert

Jahre alt zu sein. Ich war sehr gespannt, ihn zu sehen. Eines Tages

traf ich ihn bei der verstorbenen Prinzessin von Talmond. Ich fühlte

ihm auf den Zahn und hörte ihm aufmerksam zu. Er schien mir sehr

kenntnisreich und sehr unterhaltend. Abends erzählte ich von der

zufälligen Begegnung in einem Hause, wo ich zur Nacht speiste. Ich

sagte, ich hätte den berühmten Grafen von Saint-Germain gesehen. Man

fragte mich, ob er wirklich 400 Jahre alt sei, wie er behaupte. Ich

entgegnete kalt: „Ich glaube, er übertreibt. Er sieht nicht älter aus

als 200 Jahre.“ Im übrigen empfiehlt sich dieser berühmte Abenteurer,

der einen guten Teil seines Lebens mit der Leichtgläubigkeit der

Menschen gespielt zu haben scheint, durch seine Kenntnisse und Talente.

Die Eigenartigkeit ist durchaus nicht sein einziger Vorzug; man täte

ihm Unrecht mit der Annahme, daß sein Ruf nur darauf beruht. Seine

Reisen und Forschungen würden eigenartiges und nützliches Material für

einen Schriftsteller liefern, der über sichere Nachrichten verfügt.“

Aus Lambergs „Kritischen, moralischen und politischen Briefen“[77]

Cagliostro[78] ist undurchdringlich und ebenso eigenartig wie der

Graf von Saint-Germain, dessen Schüler er sein soll, wenn er auch

seinem Meister an Talenten und Genie weit nachsteht. Dieser verdankte

seine Berühmtheit seinem Wissen; jener verdankt sie dem Glück und dem

Ränkespiel: _Mundus vult decipi_[79].

Epigramm des Grafen Lamberg auf Saint-Germain[80]

Dreihundert Jahre bin ich für die Welt.

Zweihundert zähle ich für meine Freunde.

Beim Trinken bin ich fünfzig Jahre alt.

Bei Iris sind es fünfundzwanzig bloß.

Ich bin zwar nicht Fortunas Feind in allem,

Doch macht sie mich zu ihrem Spielball nicht:

Ich selber war’s, der stets mit ihr gespielt.

Grabschrift Saint-Germains auf den Grafen Lamberg[81]

Um einen Weltmann traure, braver Bürger,

Der Gottes Freund, Freund von Gesetz und Recht,

Des Kaisers Freund und auch des Nächsten war.

Lamberg starb arm, doch unverdienstlich nicht.

Er ward es satt, lichtscheuer Dummheit Licht

Zu bringen, doch das Schicksal war gerecht:

Der Nachwelt weiht es seinen teuren Namen,

Den siechen Leib den Würmern, und sein Herz

Dem Vaterland, der Freundschaft seine Seele,

Den Musen aber seinen hohen Geist.

Zur Kritik Lambergs

Der brandenburgische Forscher _Moehsen_ schreibt im Anschluß an Lamberg

in seinen „Beiträgen zur Geschichte der Wissenschaften in der Mark

Brandenburg“, S. 22 (Berlin und Leipzig 1783):

„So hat auch in unseren Tagen der berühmte Marquis _Belmar_ oder

Graf Saint-Germain von der außerordentlichen Kraft eines solchen

Verjüngungsbalsams eine große Erfahrung durch einen Apostolischen K.

K. Kammerherrn bekannt werden lassen. Eine alte Dame hatte sich zu

stark damit gerieben und sahe sich in kurzer Zeit in den Zustand eines

Embryons versetzt, und man kann sich vorstellen, wie künstlich und

beschwerlich es dem Herrn Grafen geworden, wenn er sie wieder zur Welt

bringen und aufpäppeln müssen.“

AUS DEN „DENKWÜRDIGKEITEN“ DER GRÄFIN GENLIS[82]

Ich komme nun zu einer seltsamen Persönlichkeit, die ich länger als

ein halbes Jahr fast täglich gesehen habe. Das war der berühmte

Schwindler Graf Saint-Germain. Er sah damals höchstens wie ein

Fünfundvierzigjähriger aus, aber nach dem Zeugnis von Leuten, die ihn

30 bis 35 Jahre vorher gesehen, war er sicherlich weit älter.

Er war nicht ganz mittelgroß, gut gewachsen und hatte einen sehr

leichten Gang. Seine Haare waren schwarz, seine Haut stark gebräunt,

sein Gesichtsausdruck sehr geistreich, seine Züge ziemlich regelmäßig.

Er sprach fließend Französisch, ohne eine Spur von Akzent, ebenso

Englisch, Italienisch, Spanisch und Portugiesisch.

Er war ein hervorragender Musiker, begleitete auf dem Klavier aus dem

Kopfe alles, was man sang, und mit solcher Vollendung, daß Philidor[83]

darüber erstaunt war, ebenso über sein Präludieren.

Er war ein guter Physiker und ein großer Chemiker. Mein Vater, der

das wohl beurteilen konnte, bewunderte seine Kenntnisse auf diesem

Gebiet sehr. Er malte auch in Öl, freilich nicht hervorragend, aber

doch nett. Er hatte ein Geheimverfahren für wirklich prachtvolle

Farben, durch das seine Bilder hervorragend ausfielen. Er malte im Stil

der Historienmalerei; seine Frauengestalten waren stets mit Juwelen

geschmückt. Für diese Schmuckstücke benutzte er seine Farben, und seine

Smaragde, Saphire, Rubinen usw. hatten wirklich die Leuchtkraft, den

Wiederschein und Glanz der wirklichen Steine. Latour, Vanloo[84] und

andere Maler besichtigten seine Gemälde und bewunderten aufs höchste

den erstaunlichen Kunstgriff dieser leuchtenden Farben, die allerdings

den Nachteil hatten, die Gesichter auszulöschen und ihre Naturwahrheit

durch ihre überraschende Täuschung zu zerstören. Aber für die

Ornamentalmalerei hätten diese seltsamen Farben von großem Nutzen sein

können, hätte Saint-Germain das Verfahren nicht geheim gehalten.

Im Gespräch war er belehrend und unterhaltend. Er war viel gereist

und beherrschte die neuere Geschichte mit erstaunlicher Kenntnis der

Einzelheiten. Man sagte daher, er spräche von längst verstorbenen

Personen, als hätte er mit ihnen gelebt. Aber ich habe dergleichen aus

seinem Munde nie gehört.

Er zeigte die besten Grundsätze, erfüllte gewissenhaft alle äußeren

Pflichten der Religion, war sehr wohltätig und, wie allgemein zugegeben

wurde, von größter Sittenreinheit. Kurz, in seinem Benehmen wie in

seinen Reden war alles gesetzt und moralisch.

Dieser Mann erschien außergewöhnlich durch seine Talente, seine

umfassenden Kenntnisse und alles, was persönliche Achtung verschafft

-- Wissen, vornehmes, gesetztes Wesen, lauteren Wandel, Wohlstand

und Wohltätigkeit. Trotzdem war er ein Schwindler oder doch ein

halber Narr, der sich Maßloses auf seine paar besonderen Geheimmittel

einbildete, die ihm eine kräftige Gesundheit und ein längeres Leben

als das des Durchschnitts der Menschen verschafft hatten. Ich bin

überzeugt, und mein Vater glaubte es fest, daß Saint-Germain, der

damals höchstens 45 Jahre alt schien, mindestens 90 alt war. Triebe

der Mensch nicht Mißbrauch mit allem, so würde er insgemein noch zu

höheren Jahren kommen; Beispiele dafür sind vorhanden. Ohne unsere

Leidenschaften und unsere Unmäßigkeit würden wir 100 Jahre alt werden

und bei sehr hohem Alter 150 bis 160 Jahre. Dann stände man mit 90

Jahren in der Kraft eines Vierzig- bis Fünfzigjährigen. Somit hat meine

Annahme über Saint-Germain nichts Ungereimtes, vorausgesetzt, daß er

mit Hilfe der Chemie die Bereitung eines Trankes oder einer Flüssigkeit

gefunden hätte, die seinem Temperament entsprach. Auch ohne an den

Stein der Weisen zu glauben, könnte man annehmen, daß er damals viel

älter war, als ich hier voraussetze.

In den ersten vier Monaten unseres vertrauten Umgangs tat Herr von

Saint-Germain keine maßlose Äußerung, ja nicht mal eine ungewöhnliche.

In seinem Wesen lag etwas so Gesetztes und Achtenswertes, daß

meine Mutter ihn gar nicht über die Seltsamkeiten, die man von ihm

behauptete, zu fragen wagte. Eines Abends jedoch, als er mich beim

Vortrag mehrerer italienischen Arien nach dem Gehör begleitet hatte,

sagte er zu mir, ich würde in vier bis fünf Jahren eine sehr schöne

Stimme haben. „Und wenn Sie siebzehn bis achtzehn Jahre alt sind,“

setzte er hinzu, „würden Sie dann nicht gern in diesem Alter bleiben,

wenigstens für eine lange Reihe von Jahren?“ Ich wäre entzückt darüber,

entgegnete ich. „Wohlan!“ fuhr er tiefernst fort, „das verspreche ich

Ihnen.“ Und sofort ging er auf andere Dinge über.

[Illustration: Frau von Genlis

Steindruck von Henry Meyer]

Diese paar Worte ermutigten meine Mutter, ihn kurz darauf zu fragen,

ob er wirklich aus Deutschland stamme. Da schüttelte er geheimnisvoll

den Kopf und versetzte mit einem tiefen Seufzer: „Alles, was ich Ihnen

über meine Herkunft sagen kann, ist, daß ich mit sieben Jahren in

Begleitung meines Gouverneurs durch die Wälder irrte und daß auf meinen

Kopf ein Preis gesetzt war!“ Bei diesen Worten schauderte ich, denn die

Ehrlichkeit dieser großen Offenbarung stand für mich außer Zweifel. „Am

Tage vor meiner Flucht“, fuhr Saint-Germain fort, „befestigte meine

Mutter, die ich nicht wiedersehen sollte, ihr Bild an meinem Arme.“

„Ach Gott!“ rief ich aus. Bei diesem Ausruf blickte Saint-Germain mich

an und schien gerührt, weil er meine Augen voller Tränen sah.

„Ich will es Ihnen zeigen“, sagte er.

Damit schlug er seinen Ärmel zurück und zeigte ein Armband mit schöner

Emailmalerei, das eine bildschöne Frau darstellte. Ich betrachtete es

mit tiefer Bewegung. Saint-Germain sagte nichts weiter und ging auf ein

anderes Thema über.

Als er fort war, machte sich meine Mutter zu meinem großen Kummer über

seine „Ächtung“ und seine „Königin-Mutter“ lustig; denn der Preis,

der mit sieben Jahren auf seinen Kopf gesetzt war, die Flucht in die

Wälder mit seinem Gouverneur ließen durchblicken, daß er der Sohn

eines entthronten Herrschers war. Ich glaubte an diesen Königsroman und

_wollte_ daran glauben, so daß die Scherze meiner Mutter mich sehr

verdrossen. Seit jenem Tage sagte Saint-Germain nichts Bemerkenswertes

mehr in dieser Hinsicht; er sprach nur noch von Musik, Kunst und

Merkwürdigkeiten, die er auf seinen Reisen gesehen.

Er brachte mir jedesmal ausgezeichnete Bonbons in Fruchtform mit, die

er, wie er versicherte, selbst gemacht hatte. Von allen seinen Talenten

war mir dies nicht das unliebste. Er gab mir auch eine sehr merkwürdige

Bonbonniere, deren Deckel er angefertigt hatte. Die Schachtel war aus

schwarzem Perlmutter und sehr groß. Der Deckel war mit einem weit

kleineren Achat verziert. Stellte man die Schachtel ans Feuer und nahm

sie gleich darauf wieder fort, so sah man den Achat nicht mehr, sondern

an seiner Stelle eine hübsche Miniatur, die eine Schäferin mit einem

Blumenkorb darstellte. Diese Figur blieb so lange, bis die Schachtel

wieder erwärmt wurde; dann erschien der Achat wieder und verdeckte die

Darstellung. Das wäre ein reizendes Mittel, ein Bild zu verbergen. Ich

habe seitdem eine Zusammensetzung entdeckt, mit der ich alle möglichen

Steine, selbst durchsichtige Achate, täuschend ähnlich nachahme. Durch

diese Erfindung habe ich den Kunstgriff von Saint-Germains Schachtel

erraten.

Um mit meinen Erinnerungen über den seltsamen Mann zu schließen, muß

ich sagen, daß ich 15 bis 16 Jahre später bei der Durchreise durch

Siena in Italien erfuhr, daß er in dieser Stadt wohnte und daß man

ihn nicht für älter als 50 Jahre hielte. 16 bis 17 Jahre darauf, als

ich in Holstein war, hörte ich vom Prinzen von Hessen, dem Schwager

des Königs von Dänemark und Schwiegervater des (heute regierenden)

Kronprinzen[85], daß Saint-Germain ein halbes Jahr vor meiner Reise

nach Holstein bei ihm gestorben sei. Der Prinz ging auf alle meine

Fragen über den berühmten Mann ein. Wie er mir sagte, sah er zur Zeit

seines Todes weder alt noch gebrechlich aus; nur schien er von einer

unbezwinglichen Trübsal verzehrt. Der Prinz hatte ihm in seinem Schloß

eine Wohnung angewiesen und machte mit ihm chemische Experimente.

Saint-Germain war nicht als armer Mann zu ihm gekommen, doch ohne

Begleitung und ohne glänzendes Auftreten. Er besaß noch mehrere schöne

Diamanten. Er starb an Auszehrung, und zwar unter Zeichen furchtbarer

Todesangst. Selbst sein Verstand war getrübt. Zwei Monate vor seinem

Tode war er ganz geistesgestört. Alles an ihm deutete auf ein gequältes

Gewissen hin, das sein Inneres in ungeheuren Aufruhr versetzte. Diese

Erzählung betrübte mich; ich hatte noch immer viel für diesen seltsamen

Mann übrig.

AUS GROSLEYS „NACHGELASSENEN SCHRIFTEN“[86]

Unter den Flüchtlingen, die Holland aufnimmt, gibt es Leute, deren

fabelhafte Abenteuer unaufklärbar sind und bleiben. Im Jahre 1758

kam aus Frankreich nach Utrecht eine Frau von 36 Jahren, die durch

Ton, Wesen und Benehmen eine gute Erziehung, ja vielleicht vornehme

Herkunft verriet. Daran änderte sich nichts in den vier Jahren, die

sie in einem Zimmer des Gasthofes, in dem ich wohnte, verbrachte.

Sie hatte keine Bekannten und keinen Verkehr nach auswärts, außer

daß sie vierteljährlich eine sehr anständige Rente erhielt. Umsonst

hatte sie die besorgte Neugier des Wirtes erregt, der nach ihrem

Fortgehen vergeblich seine Nachforschungen fortsetzte. Er schien

noch voller Bewunderung für die Frömmigkeit und unveränderliche

Sanftmut der „schönen Dame“, die er im Verdacht hatte, mit einem

berühmten Abenteurer in Verbindung zu stehen: dem sogenannten Grafen

Saint-Germain, der in Holland glänzend auftrat, mit allen europäischen

Herrschern in Briefwechsel zu stehen behauptete, sich ein Alter von 74

Jahren beilegte, obwohl er erst ein Fünfziger zu sein schien, und den

Stein der Weisen zu besitzen vorgab.

Seit zehn Jahren war die „schöne Dame“ von Utrecht nach Amsterdam

übergesiedelt, und da ihre Rente ausblieb, hatte sie eine Stelle in

einer alten Wohltätigkeitsanstalt der französischen Kirche erhalten.

Sie bildet noch heute die Erbauung dieser Anstalt durch ihre Sanftmut

und Frömmigkeit und alle christlichen und menschlichen Tugenden. Hätte

ich Holland über Amsterdam statt über Utrecht verlassen, so hätte ich

durch gründliche Nachforschungen vielleicht alles herausgebracht, was

von ihr zu erfahren war.

Das Ergebnis meiner Nachforschungen über den Grafen Saint-Germain,

dessen Geschichte mit der ihren verknüpft war, bilden folgende

Einzelheiten, die ein Engländer seinen Landsleuten im _London

Chronicle_ vom 5. Juni 1760 zum besten gegeben hat. Der Graf

Saint-Germain hatte Paris auf höheren Befehl verlassen und war nach

London gegangen[87], wo er die öffentliche Aufmerksamkeit bald

erregte und sie so lange fesselte, bis er nach den nordischen Ländern

spurlos verschwand. Nachfolgend die wörtliche Übersetzung jenes

Zeitungsartikels.

Der London Chronicle

vom 5. Juni 1760

„Welche Gründe den geheimnisvollen Fremdling hierher geführt haben,

ist völlig unbekannt, ebenso weshalb der Hof solches Aufheben von ihm

gemacht hat. Sein rätselhaftes Leben und die seltsamen Dinge, die von

ihm erzählt werden, geben seinen gewöhnlichsten Handlungen, deren

Schauplatz ganz Europa ist, etwas Besonderes.

„Die ehrenvollen Titel, mit denen er sich schmückt, verdankt er weder

seiner Geburt noch irgendwelcher Fürstengunst. Selbst sein Name ist

ein Geheimnis, das bei seinem Tode noch mehr Verwunderung erregen

wird als alle wunderbaren Ereignisse seines Lebens. Sein jetziger

Name ist angenommen.

„Das Wort „Unbekannter“, mit dem man ihn bezeichnet, ist zu schwach;

die Bezeichnung „Abenteurer“ und „Glücksritter“ aber gehen von

niedrigen Voraussetzungen aus, die nicht seinem Wandel entsprechen.

Sie träfen nur zu, wenn man damit einen Mann -- ich möchte fast

sagen, einen vornehmen Mann -- bezeichnete, der viel ausgibt und von

niemandem abhängt, dessen Einnahmequellen unbekannt sind, der aber

die der Gauner verschmäht, und dem von keinem Menschen und nirgendwo

nachgesagt werden kann, daß er ihn benachteiligt hätte.

„Unsere Kenntnis über sein Vaterland ist ebenso gering wie über seine

Herkunft. Die gewagtesten Vermutungen füllen die Lücken aus, und auf

dieser Grundlage hat niedrige Gesinnung, die überall etwas Schlechtes

annimmt und sieht, Geschichten erfunden, die ebenso lächerlich wie

für ihren Helden entehrend sind. Es wäre aber recht und billig, mit

dem Urteil zurückzuhalten, bevor man ihn kennt, und Menschenpflicht

wäre es, diese widersinnigen, haltlosen Geschichten nicht kritiklos

hinzunehmen. Beschränkt man sich auf das, was bekannt ist, so

erscheint er nur als ein Unbekannter, dem niemand etwas vorzuwerfen

hat und dem Mittel unbekannten Ursprungs zur Verfügung stehen, um in

dieser Weise seit geraumer Zeit aufzutreten. Vor Jahren tauchte er in

England auf[88]. Seitdem hat er die größten europäischen Höfe mit dem

glänzenden Gefolge eines vornehmen Fremden besucht.

„Gil Blas’ Meister[89] hatte stets Geld, ohne daß man wußte, woher.

Das trifft auch auf unseren Unbekannten zu. Sein Wandel ist unter den

heikelsten Umständen beobachtet und verfolgt worden, und er hat sich

als harmlos und geregelt erwiesen. Zwischen dem Romanhelden und dem

unseren besteht nur der Unterschied, daß er alle seine Schätze in

winzigem Umfange von unbekannter Form mit sich zu führen scheint. Man

könnte den Vergleich mit der Phiole der Alchimisten ziehen, die die

Grundstoffe enthält, mit denen sie alle ihre Operationen vornehmen.

Nie hat man vor seiner Haustür Tonnen voll Silber abladen sehen,

deren er doch bedurft hätte, um ein so großes Haus zu führen.

„Geschickt erfaßt er die Lieblingsneigung jeder Nation, bei derer

sich zeigt; dadurch hat er sich überall anziehend und angenehm

zu machen gewußt. Bei seiner ersten Reise nach England fand er

eine große Vorliebe für Musik vor und entzückte uns durch sein

Geigenspiel. Seine Begabung für dies Instrument ist so hervorragend,

daß man mit einem unserer Dichter sagen könnte, er sei mit der

Violine in der Hand geboren. Italien fand ihn seinen Virtuosen

ebenbürtig, ebenso seinen feinsten Kennern der alten und neueren

Kunst. Deutschland stellte ihn auf die gleiche Stufe mit seinen

geübtesten Chemikern.

„Bei seinen umfangreichen und mannigfaltigen Kenntnissen bildete es

eine besondere Empfehlung, daß er sich niemals mit einer anderen

Kunst beschäftigt zu haben schien als eben der, in der er hervorragen

wollte. So trat er in der Musik als ausübender Künstler wie als

Komponist stets mit der gleichen Virtuosität und dem gleichen Erfolg

auf, und seine Unterhaltung drehte sich stets um diese Kunst, der er

tausend bildliche Ausdrücke entlehnte.

„Aus Deutschland brachte er nach Frankreich den Ruf eines perfekten

Alchimisten mit, der den Stein der Weisen und die Universalmedizin

besaß. Er sollte Gold machen können, eine Behauptung, die sein

glänzendes Auftreten und seine Ausgaben zu rechtfertigen schienen.

Die Sache kam selbst dem Minister zu Ohren, der lächelnd sagte, er

werde schon herauskriegen, aus welcher Mine er sein Gold bezöge.

Doch vergebens stellte er die genauesten Nachforschungen über das

Papiergeld und die Wechselbriefe an, in denen er jene Mine erblickte.

Während dieser zweijährigen Nachforschungen lebte Saint-Germain

wie gewöhnlich, bezahlte überall in klingender Münze, ohne daß man

entdecken konnte, daß ein Wechselbrief für ihn nach Frankreich

gelangt wäre. Dadurch wurden die Gerüchte bestärkt, er sei im

Besitz des Steines der Weisen, und man schrieb ihm nun auch ein

Allheilmittel, selbst ein Elixier gegen das Altwerden und seine

Folgen zu.

„Eine vornehme Dame wollte die Probe machen. Als gefallsüchtige Frau

sah sie mit Schmerz, daß die Jahre ihre Züge zu entstellen begannen.

Sie geht zu dem Fremdling und sagt: „Herr Graf, was ich Ihnen sagen

werde, wird Ihnen vielleicht etwas wunderlich erscheinen. Aber Sie

sind die Gefälligkeit selbst; darum zur Sache. Wie man sagt, besitzen

Sie noch etwas Besseres als das Geheimnis, Gold zu machen: die Gabe,

die Gebrechen des Alters zu heilen, ja ihnen vorzubeugen. Noch bin

ich von ihnen verschont, doch die Jahre gehen hin, und ich möchte

nicht warten, bis ich es nötig habe. Reden Sie frei heraus: besitzen

Sie diese Art Medizin? Wollen Sie sie mir geben, und unter welchen

Bedingungen?“

„Der Unbekannte hüllte sich in geheimnisvolle Zurückhaltung und

sagte nur, wer solche Geheimnisse besäße, vermiede es, daß man davon

erführe. „Das weiß ich wohl“, entgegnete die Fragerin und versprach

ihm Geheimhaltung. Da sagt er zu, und am nächsten Tage bringt er ihr

ein Fläschchen von 4 bis 5 Löffeln Inhalt und verordnet ihr, von

diesem Elixier zehn Tropfen beim ersten Mondviertel und beim Vollmond

zu nehmen. Das Mittel sei ganz harmlos, aber äußerst kostbar, und

wenn es vergeudet werde, ließe es sich vielleicht nicht erneuern.

„Die Dame schloß das Fläschchen in Gegenwart ihrer Kammerfrauen ein.

Sei es nun, um ihre Schwachheit zu verbergen oder die Neugier ihrer

Kammerfrauen abzulenken, sie sagte ihnen, es sei ein Kolikmittel. Am

selben Abend bekommt die erste Kammerfrau heftiges Leibschneiden. Sie

geht an das Fläschchen, öffnet es, hält es an die Nase, kostet es,

und da sie den Geschmack ebenso köstlich findet wie den Duft, trinkt

sie es aus. Das Mittel wirkt ebenso rasch wie sicher. Die Flüssigkeit

war wasserhell. Um ihren Diebstahl zu verbergen, füllt sie das

Fläschchen mit gewöhnlichem Wasser, in der Hoffnung, daß ihre Herrin

nicht so bald Gebrauch davon machen werde; dann sinkt sie in tiefen

Schlaf.

Der Graf von Saint-Germain: Das Leben eines Alchimisten · 第 4 / 24 段