Aber er zeigte mir noch ganz andere Dinge: eine Menge Edelsteine,

insbesondere farbige Diamanten von erstaunlicher Größe und Vollendung.

Ich glaubte, die Schätze von Aladins Wunderlampe zu sehen. Unter

anderem sah ich einen Opal von ungeheuerlicher Größe und einen eigroßen

weißen Saphir, der alle Edelsteine, die ich daneben hielt, durch seinen

Glanz überstrahlte. Ich wage mich als einen Juwelenkenner zu rühmen und

kann versichern, daß das Auge nichts zu entdecken vermochte, was einen

Zweifel an der Echtheit dieser Steine hätte begründen können, zumal sie

ungefaßt waren.

Ich blieb bis Mitternacht bei ihm und verließ ihn als sein getreuer

Anhänger. Sechs Monate lang folgte ich ihm mit der unterwürfigsten

Beharrlichkeit, und ich habe nichts von ihm gelernt als die Praktiken

und die Eigenart des Scharlatanismus. Kein Mensch besaß wie er die

Gabe, die Neugier zu stacheln und die Leichtgläubigkeit auszunutzen.

Er wußte seine Wundergeschichten je nach dem Maße der Empfänglichkeit

seiner Zuhörer abzustimmen. Erzählte er einem Dummkopf eine Begebenheit

aus der Zeit Karls V., so vertraute er ihm offen an, daß er

dabeigewesen sei. Sprach er mit einem etwas weniger Leichtgläubigen,

so schilderte er bloß die kleinsten Umstände, Miene und Gebärde der

Sprechenden, ja selbst das Zimmer und den Fleck, an dem sie standen,

mit allen Einzelheiten und einer Lebendigkeit, daß man den Eindruck

erhielt, einen wirklichen Augenzeugen des Vorgangs zu hören. Bisweilen,

wenn er eine Rede Franz’ I. oder Heinrichs VIII.[30] wiedergab,

spielte er den Zerstreuten und sagte: „Der König wandte sich an mich

--“, verbesserte sich aber rasch und fuhr, wie ein Mann, der sich

verschnappt hat, hastig fort: „wandte sich an den und den Herzog.“

Im allgemeinen kannte er die Geschichte bis ins kleinste. Er hatte sich

Bilder und Szenen zurechtgelegt und sprach von den fernsten Zeiten

mit solcher Natürlichkeit, wie kaum ein Zeitgenosse von der jüngsten

Gegenwart.

„Die dummen Pariser“, sagte er eines Tages zu mir, „glauben, daß ich

500 Jahre alt sei, und ich bestärkte sie in dieser Annahme; denn ich

sehe, daß ihnen das viel Spaß macht. Ich bin freilich ungleich älter

als ich aussehe,“ setzte er hinzu, denn auch mich wünschte er bis zu

einem gewissen Grade irrezuführen. Aber die Pariser waren nicht nur so

dumm, ihm ein mehrhundertjähriges Alter zuzuschreiben, sie machten ihn

sogar zum Zeitgenossen Christi, und zwar aus folgendem Anlaß.

In Paris lebte ein kurzweiliger Mann, den man Mylord Gower nannte,

weil er die Engländer hervorragend nachmachte. Nachdem die Regierung

ihn im Siebenjährigen Kriege als Spion beim englischen Heere verwandt

hatte, wurde er zum Spielzeug einiger Leute am Hofe, die die

einfältigen Pariser zum besten haben wollten. Man steckte ihn in die

verschiedensten Kostüme und ließ ihn alle möglichen Menschen kopieren.

So wurde dieser Mylord Gower im Marais[31] als Herr von Saint-Germain

eingeführt, um die Neugier der Damen und Maulaffen dieser Stadtgegend

zu befriedigen, die sich leichter nasführen lassen als die Leute in

der Gegend des Palais Royal. Auf diesem Schauplatz erlaubte sich unser

falscher Adept seine Rolle zu spielen. Anfangs übertrieb er nur wenig.

Als er jedoch sah, daß man alles bewundernd aufnahm, griff er von einem

Jahrhundert aufs andere bis auf Jesus Christus zurück. Von ihm sprach

er mit solcher Vertrautheit, als wäre er sein Freund gewesen. „Ich habe

ihn sehr gut gekannt,“ sagte er. „Er war der beste Mensch auf Erden,

aber romantisch veranlagt und unbesonnen; ich habe ihm oft gesagt, er

würde ein schlimmes Ende nehmen.“ Dann ging unser Schauspieler auf

die Dienste ein, die er ihm durch Vermittlung der Frau des Pilatus zu

leisten versuchte, in deren Haus er täglich verkehrte. Er behauptete,

die heilige Jungfrau, die heilige Elisabeth[32], ja selbst deren alte

Mutter, die heilige Anna[33], gut gekannt zu haben. „Der“, sagte er,

„habe ich nach ihrem Tode einen großen Dienst geleistet. Ohne mich wäre

sie nie heilig gesprochen worden. Zu ihrem Glück war ich beim Konzil zu

Nicäa[34], und da ich mehrere der dort versammelten Bischöfe kannte,

bat ich so innig und stellte ihnen so oft vor, eine wie brave Frau

sie gewesen sei und wie wenig es ihnen kostete, so daß sie dann auch

wirklich heilig gesprochen wurde.“ Diese abgeschmackte Posse wurde in

Paris ziemlich ernsthaft weitererzählt und trug Herrn von Saint-Germain

den Ruf ein, im Besitz eines Lebenselixiers zu sein, das ihn verjüngte

und unsterblich machte. Daraus entstand die Schnurre von der alten

Kammerfrau einer Dame, die eine Phiole dieser göttlichen Flüssigkeit

heimlich bewahrte. Die alte Kammerfrau grub sie aus und trank so viel

davon, daß sie immer jünger und schließlich zum kleinen Kinde wurde.

Obwohl alle diese Fabeln und mehrere Anekdoten über Saint-Germains

Alter weder Glauben noch Beachtung bei vernünftigen Menschen verdienen,

so bleibt immerhin wunderbar, was mir zahlreiche glaubwürdige

Personen über seine lange Lebensdauer und die fast unbegreifliche

Unveränderlichkeit seines Äußeren bestätigt haben. So hörte ich

Rameau[35] und die alte Verwandte eines französischen Botschafters in

Venedig[36] versichern, als sie Saint-Germain dort 1710 kennen lernten,

habe er wie ein Fünfzigjähriger ausgesehen. Im Jahre 1759 schien

er 60 Jahre alt zu sein, und damals erneuerte Morin, mein späterer

Gesandtschaftssekretär, für dessen Wahrhaftigkeit ich einstehe, in

meinem Hause die Bekanntschaft mit ihm, die er 1739 auf einer Reise

in Holland gemacht hatte, und war baß erstaunt, daß er nicht um ein

Jahr älter aussah. Alle Personen, die ihn danach bis zu seinem Tode

kennen gelernt haben -- der, wenn ich nicht irre, 1780 in Schleswig[37]

stattfand -- und die ich über sein vermeintliches Alter befragte,

haben mir stets geantwortet, er mache den Eindruck eines guterhaltenen

Sechzigers. Ein Mann von 50 Jahren ist also im Zeitraum von 70 Jahren

nur um 10 Jahre gealtert -- das scheint mir das Außerordentlichste und

Bemerkenswerteste an seiner Geschichte.

Er besaß mehrere chemische Geheimmittel, besonders zur Herstellung

von Farben und Färbstoffen und einer Art von Similor von seltener

Schönheit. Vielleicht hat er auch die erwähnten Edelsteine, deren

Echtheit nur durch die Probe mit der Feile widerlegt werden könnte,

selbst angefertigt. Aber von einer Universalmedizin habe ich ihn nie

reden hören.

Er lebte sehr mäßig, trank nie beim Essen, purgierte sich mit

selbstbereiteten Sennesblättern und gab seinen Freunden keinen anderen

Rat, wenn sie ihn fragten, was sie tun müßten, um lange zu leben.

Überhaupt pries er nie wie andere Scharlatane übernatürliche Kenntnisse

an.

Seine Philosophie war die des Lukrez: er sprach mit geheimnisvoller

Begeisterung von den Tiefen der Natur und eröffnete der Phantasie

unbestimmte, dunkle und unendliche Ausblicke auf die Art seines

Wissens, seine Reichtümer und seine vornehme Abkunft. Gern erzählte

er Züge aus seiner Kindheit und schilderte sich selbst, wie er mit

zahlreichem Gefolge auf prächtigen Terrassen in einem herrlichen Klima

lustwandelte, gleich als wäre er der Erbe eines Königs von Granada zur

Zeit der Mauren gewesen. Allerdings hat kein Mensch, keine Polizei je

herausbekommen, wer er war und woher er stammte.

Er sprach fließend Deutsch und Englisch. Französisch sprach er mit

piemontesischem Akzent, Italienisch ausgezeichnet, aber besonders

Spanisch und Portugiesisch ohne den geringsten Akzent.

Wie ich hörte, hat er neben mehreren deutschen, italienischen und

russischen Namen, unter denen man ihn in verschiedenen Ländern glänzen

sah, in früherer Zeit auch den eines _Marquis von Montferrat_ getragen.

Wie ich mich entsinne, sagte mir der alte Baron Stosch[38], er hätte in

Florenz zur Zeit des Regenten[39] einen Marquis von Montferrat gekannt,

der für einen natürlichen Sohn der Witwe Karls II.[40], die sich nach

Bayonne zurückgezogen hatte, und eines Madrider Bankiers galt.

Saint-Germain verkehrte im Hause des Herzogs von Choiseul[41] und

war dort gern gesehen. Wir waren daher sehr erstaunt, als dieser

Minister seiner Gattin gegenüber eine sehr ausfallende Bemerkung über

ihn machte. Er fragte sie plötzlich, warum sie nichts trinke, und

als sie antwortete, sie wende gleich mir mit Erfolg die Lebensdiät

Saint-Germains an, entgegnete Choiseul: „Der Baron, der, soviel ich

weiß, eine besondere Vorliebe für Abenteurer hat, ist sein eigener

Herr und kann leben, wie er will. Ihnen aber, Madame, deren Gesundheit

mir kostbar ist, verbiete ich, die Narrheiten eines so zweideutigen

Menschen nachzuahmen.“ Um dem peinlich werdenden Gespräch eine andere

Wendung zu geben, fragte der Komtur von Solar[42] den Herzog von

Choiseul, ob die Regierung wirklich die Herkunft eines Mannes nicht

kenne, der in Frankreich auf so vornehmem Fuße lebe. „Gewiß kennen

wir sie,“ versetzte Choiseul (aber er log), „er ist der Sohn eines

portugiesischen Juden, der die Leichtgläubigkeit des Hofes und der

Stadt zum besten hat. Seltsam,“ fuhr er, sich erhitzend, fort, „daß

man erlaubt, daß der König oft fast allein mit einem solchen Menschen

ist, während er nur von Garden umgeben ausgeht, als ob die Welt von

Mördern wimmelte.“ Dieser Zornesausbruch kam von seiner Eifersucht auf

den Marschall Belle-Isle[43], dem Saint-Germain sich mit Leib und Seele

verschrieben hatte: ihm hatte er den Plan und das Modell der berühmten

Flachboote gegeben, mit denen eine Landung in England[44] gemacht

werden sollte.

Die Folgen dieser Feindschaft und der Argwohn Choiseuls kamen wenige

Monate später zum Ausbruch[45]. Der Marschall spann immerfort Ränke

zur Herbeiführung eines Sonderfriedens mit Preußen und zum Bruch

des Allianzsystems zwischen Österreich und Frankreich, mit dem der

Herzog von Choiseul stand und fiel. Ludwig XV. und Frau von Pompadour

wünschten diesen Sonderfrieden, Saint-Germain redete ihnen ein, ihn

zum Prinzen Ludwig von Braunschweig nach dem Haag zu schicken, dessen

Busenfreund er sich nannte. Er versprach, auf diesem Wege erfolgreiche

Verhandlungen anzuknüpfen, deren Vorteile er durch seine Beredsamkeit

ins hellste Licht setzte.

Der Marschall setzte die Instruktionen auf, und der König übergab

sie ihm persönlich mit einer Chiffre für Saint-Germain, der, im Haag

angelangt, sich berufen fühlte, die Rolle des Gesandten zu spielen.

Infolge seiner Indiskretion kam d’Affry, damals Botschafter im

Haag[46], hinter das Geheimnis dieser Sendung und schickte einen Kurier

an Choiseul, bei dem er sich heftig beschwerte, daß er einem alten

Freund seines Vaters und der Würde eines Botschafters den Schimpf

antäte, durch einen obskuren Ausländer Friedensverhandlungen unter

seinen Augen anzuknüpfen, ohne ihn überhaupt davon in Kenntnis zu

setzen.

Choiseul schickte den Kurier sofort zurück und befahl d’Affry, mit

aller denkbaren Energie von den Generalstaaten die Auslieferung

Saint-Germains zu fordern. Danach sollte er ihn, an Händen und Füßen

gefesselt, in die Bastille einliefern. Am nächsten Tage verlas

Choiseul im Kronrat d’Affrys Bericht und seine Antwort darauf.

Dann blickte er im Kreise herum stolz auf seine Kollegen, heftete

seine Blicke abwechselnd auf den König und Belle-Isle und schloß:

„Wenn ich mir nicht die Zeit genommen habe, die Befehle des Königs

einzuholen, so geschah es in der Überzeugung, daß hier niemand so

dreist wäre, ohne Wissen des Ministers des Auswärtigen Eurer Majestät

Friedensverhandlungen zu führen!“ Er wußte, daß der König den Grundsatz

aufgestellt und stets beobachtet hatte, kein Minister dürfte sich in

die Geschäfte eines anderen einmischen. So kam es, wie er vorausgesehen

hatte: der König senkte schuldbewußt die Blicke, der Marschall wagte

kein Wort, und Choiseuls Schritt wurde gebilligt. Aber Saint-Germain

entwischte ihm. Die Generalstaaten beteuerten ihre Willfährigkeit und

schickten ein großes Aufgebot zur Verhaftung Saint-Germains. Der aber

war heimlich gewarnt und entfloh nach England.

Aus einigen Nachrichten glaube ich zu entnehmen, daß er bald wieder

abreiste und nach St. Petersburg ging. Dann tauchte er in Dresden,

Venedig und Mailand auf, verhandelte mit den dortigen Regierungen, um

ihnen Geheimnisse der Färberei zu verkaufen und Fabriken zu begründen.

Er machte damals den Eindruck eines Glücksritters und wurde in einer

kleinen Stadt in Piemont wegen eines verfallenen Wechsels verhaftet.

Doch er zeigte dem Inhaber für über 100000 Taler Wertsachen, bezahlte

auf der Stelle, behandelte den Bürgermeister dieser Stadt als Kaffern

und wurde unter den ehrerbietigsten Entschuldigungen freigelassen.

Im Jahre 1770 tauchte er in Livorno auf, mit russischem Namen und

in Generalsuniform. Graf Alexei Orlow[47] behandelte ihn mit einer

Auszeichnung, die der stolze und hochfahrende Mann sonst niemandem

bezeigte. Das muß in engem Zusammenhang mit einer Bemerkung seines

Bruders, des Fürsten Gregor Orlow, gegenüber dem Markgrafen von

Ansbach stehen. Saint-Germain hatte sich einige Jahre darauf bei diesem

niedergelassen[48] und ihn bestimmt, den berühmten Günstling Katharinas

II. bei seiner Durchreise in Nürnberg zu besuchen[49]. Da sagte Orlow

ganz leise zum Markgrafen über Saint-Germain, den er aufs feierlichste

begrüßte: „Dieser Mann hat eine große Rolle bei unserer Revolution

gespielt.“

Er wohnte in Triesdorf und hauste dort nach Belieben mit einer

Herrenfrechheit, die ihm ausgezeichnet stand. Den Markgrafen behandelte

er wie einen Schulknaben. Stellte ihm dieser bescheidene Fragen über

seine Wissenschaft, so antwortete er: „Sie sind zu jung, um Ihnen

dergleichen zu sagen.“ Um sich an diesem kleinen Hofe noch mehr in

Respekt zu setzen, zeigte er von Zeit zu Zeit Briefe Friedrichs

des Großen. „Kennen Sie diese Hand und dies Siegel?“ fragte er den

Markgrafen, indem er ihm den Brief in seinem Umschlag zeigte. „Ja, es

ist das kleine Siegel des Königs.“ -- „Wohlan, was drin steht, sollen

Sie nie erfahren.“ Damit steckte er den Brief wieder ein.

Der Markgraf behauptet, er habe sich überzeugt, daß Saint-Germains

Edelsteine falsch waren: es sei ihm gelungen, durch seinen Juwelier

einen Diamanten heimlich mit der Feile prüfen zu lassen, als der Stein

der im Bette liegenden Markgräfin[50] gezeigt wurde; denn Saint-Germain

paßte scharf auf seine Steine auf und ließ sie nicht aus den Augen.

Schließlich starb der außerordentliche Mann bei Schleswig beim Prinzen

Karl von Hessen, den er vollständig bestrickt und zu Spekulationen

veranlaßt hatte, die jedoch fehlschlugen. In seinem letzten Lebensjahre

ließ er sich nur von Frauen bedienen, die ihn pflegten und ihn wie

einen zweiten Salomo verhätschelten. Nach allmählichem Kräfteverfall

starb er in ihren Armen.

Umsonst gaben sich die Freunde, die Bedienten und selbst die Brüder des

Prinzen[51] alle Mühe, ihm das Geheimnis seiner Herkunft zu entlocken.

Da der Prinz aber alle Papiere Saint-Germains erbte[52] und alle Briefe

erhielt, die nach seinem Tode eintrafen, muß er mehr darüber wissen

als wir, die wahrscheinlich nie mehr erfahren werden. Ein so seltsames

Dunkel ist seiner Gestalt würdig.

AUS DEM „TAGEBUCH EINES WELTKINDES“ VON GRAF LAMBERG[53]

Eine seltsame Erscheinung ist der _Marquis von Aymar_ oder _Belmar_,

bekannt unter dem Namen _Saint-Germain_. Er wohnt seit einiger Zeit in

Venedig, wo er hundert Frauen, die ihm eine Äbtissin verschafft, mit

Versuchen zum Bleichen des Flachses beschäftigt, dem er das Aussehen

von italienischer Rohseide gibt.

Er glaubt 350 Jahre alt zu sein, und wohl um nicht zu arg zu

übertreiben, behauptet er, den Thamas Chouli-Kan in Persien[54] gekannt

zu haben.

Als der Herzog von York[55] nach Venedig kam, beanspruchte er beim

Senat den Vorrang vor diesem. Als Grund gab er an, man wisse wohl, wer

der Herzog von York sei, kenne aber noch nicht den Titel des Marquis

von Belmar.

Er besitzt einen Verjüngungsbalsam: eine alte Frau, die sich zu stark

damit einrieb, wurde wieder zum Embryo. Einem seiner Freunde gab er

eine Haarwickel und diesem zahlte ein Bankier, der den Marquis nicht

kannte, auf Sicht 200 Dukaten in bar.

Ich fragte ihn, ob er nach Frankreich zurückkehre. Er versicherte mir

mit überzeugter Miene, daß die Flasche (mit Lebenselixier), die den

König in seinem jetzigen Gesundheitszustand erhalte, zu Ende ginge.

Infolgedessen werde er mit einem glänzenden Streich wieder auf der

Bühne erscheinen und sein Name werde in ganz Europa bekannt werden.

Er soll in Peking gewesen sein, ohne sich irgendeinen Namen beizulegen;

als die Polizei ihn drängte, seinen Namen zu nennen, entschuldigte er

sich damit, er wisse selbst nicht, wie er heiße. „In Venedig“, sagte

er, „nennt man mich den Herrn ‚Was geht’s dich an’, in Hamburg: ‚Mein

Herr’, in Rom: ‚Monsignor’, in Wien: ‚Pst’. In Neapel pfeift man nach

mir, in Paris beäugt man mich, und auf dieses Zeichen spreche ich

gern jeden an, der mich anschaut. Mein Name kann Ihnen, meine Herren

Mandarinen, also gleichgültig sein. Solange ich bei Ihnen lebe, werde

ich mich wie der Träger eines erlauchten Namens benehmen. Ob ich

_Erbse_ oder _Bohne_, _Piso_[56] oder _Cicero_ heiße, mein Name muß

Ihnen gleichgültig sein.“ Selbst in Venedig erhält er Briefe, auf denen

bloß „Venedig“ steht. Der Rest ist freigelassen, und sein Sekretär

verlangt auf der Post einfach Briefe ohne jede Anschrift.

Der König (von Frankreich) gab ihm beim Tode des Marschalls von

Sachsen[57] das Schloß Chambord und umarmte ihn, als er ihn verließ.

Saint-Germain verkehrte in allen vornehmen Häusern und wurde sogar mit

Auszeichnung empfangen. Er ging oft zur Fürstin von Anhalt-Zerbst[58],

der Mutter der jetzigen Zarin. „Ich muß“, sagte er zu ihr, „recht gern

bei Ihnen sein, um zu vergessen, daß mein Wagen seit zwei Stunden auf

mich wartet, um mich nach Versailles zu bringen.“

Übrigens weiß niemand, wer dieser seltsame Mann ist. Man hält ihn für

einen Portugiesen. Er besitzt tausend Talente, die bei einem einzigen

Menschen selten vereint sind. Er spielt hervorragend Violine, aber

hinter einem Wandschirm; dann glaubt man fünf bis sechs Instrumente

zugleich zu hören.

Er spricht viel und gut. Jeden redet er mit so passenden Fragen

an, daß es anfangs überrascht. In einer Art von Stammbuch, in dem

Unterschriften mehrerer Berühmtheiten stehen, zeigte er mir eine

lateinische Eintragung meines Ahnherrn Kaspar Felix, der 1686 starb,

mit seinem Wappen und der folgenden Beischrift: „_Lingua mea calamus

scribae velociter scribentis._ Ps. 44, Vers 2“[59]. Die Tinte und

selbst das Papier waren sehr verblaßt und nachgedunkelt und schienen

mir alt. Das Datum ist 1678. Eine andere Eintragung von Michel

Montaigne[60] ist vom Jahre 1580: „Kein Mensch ist so bieder, daß

er wohl nicht zehnmal den Galgen verdient, auch wenn er alle seine

Handlungen und Gedanken der Prüfung der Gesetze unterwirft. Und doch

wäre es sehr schade und ungerecht, einen solchen zu bestrafen und zu

hängen.“

Ich schließe aus alledem, daß es ebenso leicht ist, zwei gleiche

Handschriften herzustellen, wie zwei ganz ähnlich aussehende Menschen

zu finden. Le Vayer[61] gibt Beispiele an, aus denen man folgern

könnte, daß es vorzeiten ein Verdienst war, Handschriften nachmachen zu

können ...

Die beiden genannten Eintragungen könnten das Alter des Marquis

bestätigen, spräche die menschliche Natur nicht dagegen. Von welchem

Zeitalter er auch spricht, man trifft selten auf einen Irrtum. Er

erwähnt sehr zurückliegende Daten am rechten Ort und spielt sich dabei

keineswegs auf. Er ist ein seltener, überraschender Mann, und was

einem Spaß macht: er hält der Kritik stand. Mit großer Überredungsgabe

verbindet er eine ungewöhnliche Gelehrsamkeit und das umfassendste

Gedächtnis, obgleich es örtlich beschränkt ist. Er behauptet, Wildmann

die Kunst gelehrt zu haben, Bienen zu zähmen und den Schlangen Sinn für

Musik und Gesang beizubringen. Da beides auf feststehenden Tatsachen

beruht, gibt es der Eigenart des Marquis kein anderes Gepräge als das

der Neuheit, die er oft anderen anerkannten Vorzügen vorzieht.

Ich habe einen sehr fesselnden Brief abgeschrieben, den er mir 1773 aus

Mantua sandte.

Schreiben von Saint-Germain an Lamberg

„Ich sah ihn (Wildmann) im Haag, als ich dort verhaftet wurde[62].

Bevor ich meinen Degen abgab, bestand ich darauf, d’Affry, den

französischen Botschafter bei den Generalstaaten, zu sprechen. Ich

wurde in meinem Wagen hingebracht, in Begleitung des Offiziers,

der mich zu bewachen hatte. Der Gesandte empfing mich, als ob er

überrascht sei, mich zu sehen; bald aber gebot er dem Wächter, sich

zurückzuziehen und vor allem den Herren Bürgermeistern zu melden,

daß ich die Protektion des Königs besäße und somit unter dem Schutz

Sr. Majestät stände, solange ich in Holland bliebe. Ich glaubte, dem

Offizier einen Diamanten von reinstem Wasser und von, wenn ich so sagen

darf, ungewöhnlichem Karat anbieten zu sollen, aber er lehnte ihn ab,

und da all mein Zureden fruchtlos blieb, zerschlug ich den Stein mit

einem großen Hammer in mehrere Stücke, die die Lakaien zu ihrem Profit

auflasen. Der Verlust des Diamanten, der in Brasilien und im Reiche des

Mogul als solcher anerkannt worden, war mir indes nicht gleichgültig,

zumal seine Herstellung mir unendliche Mühe gekostet hatte. Graf Zobor,

der Kammerherr des verstorbenen Kaisers[63] (ein unvergeßlicher Fürst

durch seine erhabenen Eigenschaften wie durch den Schutz, den er den

Künsten gewährte), hat Diamanten mit mir gemacht[64]. Prinz T.... hat

vor etwa sechs Jahren einen von mir hergestellten für 5500 Louisdors

gekauft und ihn dann mit 1000 Dukaten Gewinn an einen reichen Narren

verkauft. Man muß in der Tat ein König oder ein Narr sein, sagte der

Graf von Barre, um für einen Diamanten erhebliche Summen auszugeben. Da

die Narren im Schachspiel[65] übrigens den Königen am nächsten stehen,

so verletzt das griechische Sprichwort: Βασιλεῦς ἤ Ὄνος (König oder

Esel) und das andere: _Aut regem aut fatuum nasci oportet_[66] keinen

Menschen. Frau von S... hatte einen vom gleichen bläulichen Wasser und

ebenso schlecht geschnitten wie jener; in der Fassung sah er wie ein

großer böhmischer Stein mit mattem Schliff aus.

„Nun, mein Herr, ein Mann wie ich ist bei der Wahl seiner Mittel sehr

oft in Verlegenheit, und wenn es zutrifft, daß die Narren oder die

Könige die einzigen sind, denen man einen großen Diamanten anbieten

kann, so verdiente ich die Ablehnung des Offiziers; das Unrecht war

ganz auf meiner Seite. Übrigens ist der Mensch geneigt, bei den

Kunstfertigkeiten oft gewisse Leistungen, die allein auf Rechnung des

Künstlers kommen, der Natur zuzuschreiben. Ein Pott, ein Marggraf, ein

Rouelle[67] verkünden von ihrem Dreifuß, daß niemand Diamanten gemacht

hat, weil sie die Gründe nicht kennen, die dem Gelingen entgegenstehen.

Wenn alle diese Herren (ihre Zahl ist groß) die Menschen mehr studieren

wollten als die Bücher, so würden sie bei ihnen Geheimnisse entdecken,

die sie in der „Goldenen Kette Homers“ und dem großen und kleinen

„_Albertus_“, in dem geheimnisreichen Band „_Picatrix_“[68] usw. nicht

finden. Die großen Entdeckungen werden nur dem zuteil, der reist.

„Ich verdanke die Entdeckung des Schmelzens der Edelsteine der zweiten

Reise nach Indien, die ich 1755 mit dem Oberst Clive[69] unter dem

Befehl des Vizeadmirals Watson[70] machte. Auf meiner ersten Fahrt

hatte ich nur sehr geringe Kenntnisse über dies wunderbare Geheimnis

erworben. Alle meine Versuche in Wien, in Paris, in London galten

nur als Proben; den Stein der Weisen zu finden, war mir in der

genannten Zeit beschieden.

[Illustration: Max Joseph Graf v. Lamberg

Stich von Maag]

Der Graf von Saint-Germain: Das Leben eines Alchimisten · 第 3 / 24 段