Während der Prinz sich auf Reisen befand, ist Saint-Germain, von

düsterer Melancholie gequält und von Gewissensbissen heimgesucht, so

erzählt Frau von Genlis, still und einsam, wie er das letzte Jahrzehnt

seines Lebens verbracht hatte, am 27. Februar 1784 in Eckernförde

gestorben. Drei Tage darauf, am 2. März, erfolgte seine Beisetzung

in der dortigen Nikolaikirche; doch ist nicht mehr zu ermitteln,

an welcher Stelle in der Kirche sich seine Grabstätte befindet.

Mit der Nikolaikirche bildet das alte Fabrikgebäude, heute das

Christianspflegehaus, die letzte sichtbare Erinnerung an Saint-Germains

dortigen Aufenthalt.

Saint-Germains Künste und Geheimnisse

Für die Kulturgeschichte des 18. Jahrhunderts bildet die von uns zum

erstenmal veröffentlichte Liste seiner Kunstfertigkeiten, die er 1777

für den Preußenkönig aufsetzte, ein Dokument ersten Ranges; denn in

authentischer Form findet sich darin ein Überblick über seine ganzen

Künste.

Den breitesten Raum nehmen in der Liste seine geheimen Mittel ein,

die zur praktischen Verwertung in der Industrie bestimmt waren. Hier

behaupten seine Farben und Färbmittel den Vorrang. Sie bildeten ganz

offenbar seine Spezialität, auf die er reiste; denn schon von seinen

Aufenthalten in Frankreich, in Brüssel, Moskau und Schwabach sind sie

uns wohlbekannt. Ebenso kennen wir von Tournai her seine Kunst der

Lederbearbeitung. Dazu kommen neue Verfahren zum Waschen von Seide, zum

Bleichen von Leinewand, Baumwolle usw.

Eine zweite Kategorie bilden seine Geheimverfahren für Metalle. Zwar

war das nicht die Goldmacherei, wie sie das heißerstrebte Ziel der

Alchimisten bildete, aber man gab sich in der Alchimie auch schon

mit bescheideneren Erfolgen zufrieden; man begnügte sich statt der

Metallveredlung mit der Metallverwandlung und brachte auf diese Weise

Mischungen und Kompositionen zuwege, wie das in unseren Urkunden öfter

erwähnte _Similor_, ein Erzeugnis, von dem freilich Graf Kaunitz

nichts wissen wollte. Von den Künsten Saint-Germains auf diesem Gebiete

erzählt auch der Ansbacher Minister, aber doch nur in allgemeinen

Andeutungen, die keine sicheren Schlüsse auf sein Geheimverfahren

gestatten.

An dritter Stelle steht sein „Lebenselixier“. Zwar hütet er sich

in seiner Liste für König Friedrich wohlweislich, sein Präparat

mit diesem Namen zu bezeichnen. Worin bestand es und worauf lief es

hinaus? Es handelt sich um einen noch heute unter dem Namen des Grafen

gehenden Tee, den sog. „Saint-Germain-Tee“, dessen Hauptbestandteil

Sennesblätter bilden und der eine abführende Wirkung hat. Dieser Tee

hatte seine Bedeutung in dem System, nach dem Saint-Germain lebte. Er

befolgte in seiner Lebensweise, in seiner Ernährung eine strenge Diät,

an der er beharrlich festhielt, die im weiteren Verfolg denn auch dazu

beitrug, seiner Person den Anschein des Besonderen und Ungewöhnlichen

zu geben.

Endlich rühmte er sich auch des Geheimnisses, auf künstlichem Wege

Edelsteine herstellen zu können. So erzählt er in seinem Briefe an

Graf Lamberg von einem großen Diamanten, den er mit dem Grafen Zobor

zusammen nach vielem Bemühen hervorgebracht habe. Aber dieser Diamant

spielt eine Rolle nur in der lügenhaften Erzählung, die er von seiner

angeblichen Verhaftung im Jahre 1760 gibt. Danach sind wir berechtigt,

auch seinen Bericht von der künstlichen Herstellung von Diamanten

anzuzweifeln.

Anders steht es offenbar mit der ihm ebenfalls zugeschriebenen,

aber in der Liste von 1777 nicht angeführten Kunst, Flecken aus

Diamanten zu entfernen. Zwar sind dafür die von Madame du Hausset und

Casanova und von dem Prinzen von Hessen berichteten Beispiele noch

immer keine einwandfreien Beweise. Aber wenn der Schweizer Pictet

dem französischen Diplomaten Corberon erzählt, sein Schwiegervater

Magnan, ein Diamantschleifer, habe alle Diamanten mit irgendwelchen

Flecken für Saint-Germain zurückgelegt, so ist das ein Zeugnis, das

sich nicht einfach von der Hand weisen läßt, und das zweifellos zu

Saint-Germains Gunsten spricht. Auch die Kunst, Perlen zu vergrößern

und ihnen ein schönes Wasser zu geben, wollte ihm der berühmte Arzt und

Nationalökonom Quesnay, wie Madame du Hausset erzählt, nicht abstreiten.

[Illustration: Nikolaikirche in Eckernförde. Saint Germains Grabstätte]

Mit den oben angeführten Mitteln ist die Liste seiner Kunstfertigkeiten

von 1777 noch nicht erschöpft. Flüchtig deutet er ferner auf seine

Kunst der Herstellung von Ölen, Likören, kosmetischen Mitteln, der

Weinveredlung, auf Geheimmittel für die Landwirtschaft. Damit erscheint

er als ein Mann von staunenswerter Vielseitigkeit. Aber was soll man

dazu sagen, wenn es in Nr. 25 der Liste heißt: „Herstellung anderer

nützlicher Dinge, über die ich schweige.“ Und ferner am Schluß: „Über

einen weiteren Punkt kann hier aus mancherlei Gründen nichts gesagt

werden. Er bleibt vorbehalten.“ Das war nichts anderes als die Sprache

des Marktschreiers!

Fassen wir das oben Gesagte zusammen. Mochte auch Saint-Germain in

seinem mehrfach genannten Briefe an Graf Lamberg sich des Besitzes

des „Steines der Weisen“ rühmen -- ein „Adept“ war er nicht. Das

Geheimnis der künstlichen Herstellung des Goldes besaß er nicht. Als

Taschenspielerei erscheint denn auch die Probe dieser Kunst, die er vor

Casanova in Tournai ablegte. Seine übrigen Arbeiten auf dem Gebiete

der Metallverwandlung und -veredlung, die in das Gebiet der Alchimie

gehören, waren nach sachkundigem Urteil minderwertige Leistungen. Was

er als „Lebenselixier“ ausgibt, stellt sich als ein recht harmloses

Rezept dar.

Nicht besser war es um seine Geheimnisse und Geheimverfahren bestellt,

die sich auf das Wirtschaftsleben erstreckten.

Auf ihnen liegt, wenn wir sein Leben überblicken, der eigentliche

Schwerpunkt. Ihre Ausbeutung war das Hauptziel seiner Tätigkeit.

Sein großer Gaunerstreich von Tournai zeigt jedoch, daß es ihm dabei

nicht auf ehrlichen Erwerb und Gewinn ankam. Damit gehört er zu

der großen Heerschar der Industrieritter, die das 18. Jahrhundert

unsicher machten, vor denen König Friedrich seine Nachfolger in seinem

politischen Testament von 1752 mit besonderem Nachdruck warnte.

Mochte er sich immerhin auf die Kunst verstehen, fehlerhafte Diamanten

von ihren Flecken zu befreien -- das ändert nichts an dem Bilde des

Abenteurers, unter dem uns sein Leben und Treiben erscheint.

War Saint-Germain Freimaurer und Kabbalist?

Während des Mittelalters und noch in der neueren Zeit spielte neben

der Alchimie die Geheimlehre der Kabbalisten eine bedeutsame Rolle.

Die jüdische „Kabbala“, d. h. die überkommene Lehre, war ursprünglich

ein Geheimwissen, das sich mit der Lehre vom Göttlichen und von der

Schöpfung beschäftigte. Doch näherte sie sich dann immer mehr der

Magie, die sich des Besitzes übernatürlicher Kräfte rühmte. Das große

Ziel war der Einblick in die Zukunft. Dazu diente ihr als Hilfsmittel

die Punktierkunst; Zahlen, Worte und Buchstaben erhalten geheime

Bedeutung. Im Mittelalter blühte die Kunst der Kabbala gleich der

der Alchimie in Spanien, um sich ebenfalls von dort über Europa zu

verbreiten.

Ein ähnlicher Vorgang wiederholte sich in der Freimaurerei. Während der

ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts vollzog sich in ihren europäischen

Logen eine Bewegung, die über das alte Ziel der Förderung der Humanität

in Gesinnung und Betätigung hinausgriff. Auch hier erfolgte eine

Wendung zum Mystischen. Das Freimaurertum behauptete, das Geheimwissen

der Templer, das der Welt mit dem Untergange des Ordens verloren

gegangen war, im Orient wieder erlangt zu haben, und es erhob daraufhin

den Anspruch, in den höheren Graden die Geheimnisse der Magie zu

enthüllen.

Als Freimaurer trat der berüchtigte Graf Cagliostro auf. Aber er erfand

ein eigenes System, das er als ägyptische Freimaurerei bezeichnete.

Neben alchimistischen Künsten betrieb er auch die Geisterbeschwörung.

Als sein Lehrer und Meister wird Graf Saint-Germain angegeben,

jedoch mit Unrecht; denn dazu stempeln ihn erst die „_Mémoires

authentiques pour servir à l’histoire du comte de Cagliostro_“,

eine Fälschung aus der Feder des Marquis de Luchet, die nach

Saint-Germains Tode 1785 anonym erschien. Luchet stand als Geheimer Rat

im Dienste des Landgrafen von Hessen-Kassel. Er war ein überzeugter

Gegner aller freimaurerischen Bestrebungen, und so schrieb er diese

„Denkwürdigkeiten“, die sich als derbe Verspottung des Freimaurertums

kennzeichnen. Er läßt Cagliostro mit seiner als Marquise eingeführten

Gattin seine Fahrt in die Welt antreten. Dieser beschließt, da er

sich für Paris, die Hochburg des Abenteurertums, noch nicht reif

fühlt, nach einem mißglückten Debut in Wien sich in Rußland für seine

Laufbahn vorzubereiten. Um sie würdig zu beginnen, läßt er sich zuvor

mit seiner Frau in Schleswig vom Grafen Saint-Germain die Weihe

erteilen. Daß diese Zeremonie in höchst grotesker Form vor sich geht,

ist nach der Tendenz der Schrift selbstverständlich. Die von dem

bekannten Schriftsteller Melchior Grimm geleitete „_Correspondance

littéraire_“ verfehlte nicht, vor diesen „Denkwürdigkeiten“ mit

ihren „entweder falschen oder waghalsigen Anekdoten“ zu warnen.

Noch in einem zweiten Buche, das einige Jahre später und gleichfalls

anonym erschien, zog Luchet gegen Saint-Germain zu Felde, und zwar in

einer politischen Streitschrift gegen den im Jahre 1776 aus idealen

Beweggründen gestifteten Illuminatenorden, den er gefährlicher,

umstürzlerischer Pläne bezichtigte. Auch hier wird Saint-Germains

Geheimwissen, mit dem er die Welt, zumal die Großen, zu fangen suchte,

mit Spott und Hohn überschüttet.

Durch diese „Denkwürdigkeiten“ ist zu erklären, daß Cagliostro, der den

Grafen Saint-Germain wahrscheinlich niemals gesehen hat, mit diesem in

Verbindung gebracht ward, um fortan als sein Schüler zu gelten.

Aber Saint-Germain war kein Kabbalist. In allen gleichzeitigen

Nachrichten findet sich dafür keinerlei Anhaltspunkt.

Für die weitere Frage, welche Stellung er zum Freimaurertum einnahm,

bringt die von uns mitgeteilte maurerische Korrespondenz des Prinzen

Friedrich August von Braunschweig, der Großprior der Logen in

Preußen war, reichen Aufschluß. Im Kreise dieses Prinzen bildete

Saint-Germain während seines Leipziger Aufenthalts den Gegenstand

größter Aufmerksamkeit. Sehen wir auch von dem Bankier Dubosc ab, der

in dem „rätselhaften Mann“ nur einen Betrüger erblicken wollte, so

stimmen sowohl der sächsische Minister von Wurmb, der ihm ernstlich

„den Puls fühlte“, wie Bischoffwerder, der von dem Prinzen ausdrücklich

um seine Ansicht angegangen wurde, in dem Urteil überein: „Er ist

keiner der Unsrigen“ -- ein Urteil, dem auch der Rosenkreuzer Frölich

aus Görlitz, ein Schüler Schrepfers, mit den Worten beipflichtete:

„Er ist kein Maurer; er ist auch kein Magus, auch kein Theosoph[20].“

Ähnlich wie diese, suchte 1778 Dresser, der vier Jahre lang Meister

vom Stuhl in der Hamburger Loge Georg gewesen war, das Geheimnis jenes

seltsamen Fremden zu ergründen[21]. Aber Saint-Germain hielt sich allem

maurerischen Treiben fern, obwohl er als Mitglied der Straßburger Loge

„_de la Candeur_“ (1776) bezeichnet wird[22] und selbst zugab,

den vierten Grad zu besitzen. Ja, er machte kein Hehl aus seiner

Gleichgültigkeit[23]. Danach kann von einer führenden Rolle, die er in

der Freimaurerei gespielt haben soll, nicht gesprochen werden!

Saint-Germains Persönlichkeit und die Legendenbildung.

Obwohl seine Künste und Geheimnisse, wie wir sahen, im ganzen recht

zweifelhafter Art waren, hat sich Saint-Germain doch einen Namen zu

erwerben gewußt, der seinen Tod überdauerte. Worin liegt das Rätsel

seines Erfolges?

Zusammenfassend dürfen wir sagen: in dem Zauber seiner Persönlichkeit.

Nicht, daß in seiner Natur etwas Dämonisches lag, das die Menschen

wie mit übernatürlicher Gewalt in seinen Bann zwang. Ganz anderer Art

war die Macht, die er ausübte. Er war ein glänzender Gesellschafter,

der die Menschen anzuziehen wußte. Er besaß die Gabe fesselnder

Unterhaltung; man lauschte ihm gern, wenn er von seinem Leben, seiner

Jugend, seinen Reisen, wenn er von den Wundern der Welt erzählte. Er

bestrickte die Hörer, denn er sprach mit Eifer und Begeisterung. Er

besaß, so berichtet Alvensleben, „eine hervorragende Redegabe“, oder

wie Yorke es nennt, „Zungenfertigkeit“. Als der preußische Gesandte ihn

stellen wollte, entglitt ihm Saint-Germain, indem er den Offenherzigen

zu spielen vorgab, aber mit vielen Worten nichts zu sagen verstand.

Dabei liebte er die Debatte, spie aber Feuer und Flamme gegen den, der

ihm zu widersprechen wagte. Stieß er hingegen auf ernsten Widerstand,

so gebrauchte er die Taktik rechtzeitigen Schweigens.

Dabei verstand er in ungewöhnlichem Maße, sich seiner Umgebung

anzupassen. Genau sah er sich die Menschen an, mit denen er zu tun

hatte. Schnell fand er heraus, was er ihnen bieten durfte. Den dummen

Gläubigen band er dreist seine Lügen auf, während er sich den Klugen

gegenüber zurückhielt. Da ließ er nur durchblicken, was er offen zu

sagen sich nicht getraute. Zumal liebte er das Spiel mit halben Worten,

die die Phantasie des Hörers anregten. Das gelang ihm um so leichter,

als seine dunkle Kunst, deren er sich rühmte, unwiderstehlichen Reiz

auf die Menschen übte.

So besaß er in hohem Grade die Kunst der Menschenbehandlung. Und so war

es ihm möglich, in die hohen Kreise zu dringen, die der Mehrzahl der

schlichten Menschen verschlossen sind. Was aber noch weit mehr besagen

wollte, er wußte sich dort auch zu behaupten. Unbestreitbar spielte

er am Hofe Ludwigs XV. eine Rolle, bis das Haager Abenteuer ihm das

Genick brach. Trotzdem gelang es ihm später, noch zu anderen Fürsten

in nähere Beziehung zu treten, wie der Ansbachische Markgraf, der

Hessische Prinz, der ihm seine Huld bis zu seinem Tode bewahrte. Einen

Grafen Cobenzl, der eine hohe Staatsstellung bekleidete, wußte er

sogar derart zu bestricken, daß dieser von ihm rühmte: „Er ist Dichter,

Musiker, Schriftsteller, Arzt, Physiker, Chemiker, Mechaniker und ein

gründlicher Kenner der Malerei. Kurz, er hat eine universelle Bildung,

wie ich sie noch bei keinem Menschen fand[24].“

Man würde irren, wollte man ihm jedes Wissen und alle Kenntnisse

abstreiten. Ernsthafte Zeugen sind es, die zu seinen Gunsten aussagen.

„Er ist ein hochbegabter Mann mit sehr regem Geiste,“ so schildert

ihn Alvensleben[25]. Zugleich aber nennt er ihn „urteilslos“, „maßlos

eitel“ und kriecherisch. Eitelkeit sei die Triebfeder, die seinen

Mechanismus in Bewegung setze. Wir hören ferner, daß er mit seiner

angeblichen hohen Herkunft zu prahlen liebte. Er vermaß sich zu dem

Ausspruch: „Ich halte die Natur in meinen Händen, und wie Gott die

Welt geschaffen hat, kann auch ich alles, was ich will, aus dem Nichts

hervorzaubern.“

Seine „Gauklerkünste“, so bezeugt wiederum Alvensleben, öffneten ihm

die Häuser der Großen. Aber sie dienten ihm auch dazu, die Menschheit

auszubeuten. Wir wundern uns daher nicht, ihm ebenfalls im Salon der

Marquise von Urfé, den ja auch sein Bildnis schmückte, mit einem

Schwindler vom Schlage Casanovas zu begegnen, ein würdiges Paar, das

gleichmäßig die dem Wunderglauben ergebene Dame schröpfte, während

er doch sonst die Welt mied, in der ein Casanova und Cagliostro sich

bewegten.

Von diesen unterscheidet ihn auch die Tatsache, daß die Frauen in

seinem Leben keine Rolle spielten, mag er auch, wie Gleichen erwähnt,

der Tochter eines Chevalier Lambert in Paris den Hof gemacht und, wie

Hardenbroek als Gerücht verzeichnet, die Absicht geäußert haben, sie

zu heiraten. Noch fraglicher erscheint, ob jene unbekannte Dame in

Amsterdam, von der Grosley so geheimnisvoll erzählt, überhaupt je etwas

mit ihm zu tun hatte. Und mit allen übrigen Berichten über sein Ende

steht die Angabe Gleichens in Widerspruch, daß Saint-Germain sich in

seinem letzten Lebensjahr „wie ein zweiter Salomo“ von Frauen pflegen

und hätscheln ließ und in ihren Armen gestorben sei.

Was neben seinen dunklen Künsten dazu beitrug, ihm eine Stellung in

der großen Welt zu sichern, war die Fabel von seinen märchenhaften

Reichtümern. Er prunkte mit seinen Edelsteinen -- aber ihre Echtheit

wird bestritten. Er erwarb Landgüter in Frankreich und Holland -- aber

er konnte sie nicht bezahlen. Die Madame Nettine in Brüssel mußte zu

ihrem Schaden erfahren, was es mit seinen in Nimwegen deponierten

Wertsachen für eine fatale Bewandnis hatte. Auch der Wert seiner

Gemäldesammlung wird angefochten. Notorische Tatsache ist es endlich,

daß es ihm beim Markgrafen von Ansbach und in Leipzig kümmerlich ging.

Sogar seine Wohnung in Paris war bescheiden. Aber überraschend ist, daß

er sich trotz alledem den Ruf eines reichen Mannes zu geben verstand

und daß man es ihm glaubte.

Ein weiteres Rätsel, das seine Person bot, war endlich der Umstand,

daß er dauernd unter fremdem Namen auftrat, obwohl er den eines

Grafen Saint-Germain, unter dem er auf die Nachwelt gekommen ist,

bevorzugte[26]. Dieser dauernde Namenswechsel scheint durch seinen

abenteuerlichen Wandel hinreichend begründet. Aber es ist bezeichnend

für ihn, daß er auch dafür eine geheimnisvolle Erklärung zu geben

wußte. Der Ansbacher Minister von Gemmingen hat es uns überliefert.

Danach handelte es sich um einen großen Unbekannten, der die

Beweise seiner Abkunft in Händen hatte, der ihn verfolgte, vor dem

Saint-Germain sich verbergen mußte. Und nur eine weitere Ausschmückung

dieses Märchens ist es, wenn er im Elternhause der Frau von Genlis

erzählte, daß er als siebenjähriger Knabe flüchten mußte, da ein Preis

auf seinen Kopf gesetzt war.

Man sieht: es fehlt kein Zug, um das Bild des Abenteurers vollständig

zu machen. Alles ist vorhanden: die rätselhafte Abstammung, der große

Unbekannte, der ihn verfolgt, die unbekannte Schöne, der fabelhafte

Reichtum. Dazu treten alle die Wunder, die sich mit dem Namen des

„berühmten Alchimisten“ verbanden. Er hat den „Stein der Weisen“, er

kennt das Geheimnis der künstlichen Herstellung des Goldes, er besitzt

das Lebenselixier.

Ist es daher verwunderlich, wenn in der späteren Überlieferung,

wie bereits in den Aufzeichnungen eines Lamberg und Gleichen, das

Geheimnisvolle und Rätselhafte immer mehr das Geschichtliche der

gleichzeitigen Berichte überwuchert? Denn wir hören später kaum

noch von allen seinen gewerblichen Künsten, wie der Färbkunst, der

Lederbehandlung, die doch das Hauptfeld seiner Tätigkeit ausmachten.

Statt dessen ist er ein Goldmacher. Und noch größeren Spielraum

bot sein Lebenselixier der menschlichen Phantasie. Da wird er zum

Zeitgenossen Christi, und eine Lady Craven, die ihn nur von Hörensagen

kennt, malt nun in ihren Denkwürdigkeiten die Fabel immer weiter

aus, indem sie dieselbe mit allerlei barocken Einfällen verziert. Da

das Lebenselixier andrerseits die Wirkung des Jungbrunnens in sich

schließt, so entsteht die Geschichte von der diebischen Kammerzofe, die

sich an dem Elixier vergreift, das ihre Herrin um teures Geld erstanden

hat, und die nun infolge der genossenen allzu starken Dosis wieder ein

kleines Kind wird. Aus der einen Zofe im _London Chronicle_ (bei

Grosley) und bei Gleichen macht dann der Fälscher der „Erinnerungen der

Marquise von Créquy“ mit drastischer Übertreibung deren zwei. Und den

Höhepunkt erreicht der Spaß bei Lamberg mit der alten Frau, die sogar

wieder zum Embryo wird.

Indem wir die gleichzeitigen Urkunden, die von ihm erzählen, und die

späteren Aufzeichnungen, die über ihn entstanden sind, im folgenden

zusammenstellen, tritt uns zum erstenmal das geschichtliche Bild des

abenteuerlichen Betrügers entgegen. Zugleich gestattet aber dieser

Überblick, den Prozeß der allmählich einsetzenden und von ihm selbst

mit Geschick genährten Legendenbildung zu verfolgen, durch die er zum

„berühmten Alchimisten“ ward, als der er bis auf unsere Tage fortlebt.

--

Um den streng historischen Charakter des Buches zu wahren, ist

grundsätzlich davon Abstand genommen, rein literarische Erzeugnisse zu

berücksichtigen. Dahin gehören z. B. die phantasievollen Schilderungen

von Besuchen Saint-Germains in Wien, am Hofe Karl Augusts in Weimar,

am Hofe der Königin Maria Antoinette, wie sie Franz Gräffer in

seinen „Kleinen Wiener Memoiren“ (Wien 1845) bringt, A. v. d. Elbe

in der Erzählung „Brausejahre“ („Gartenlaube“, Jahrg. 1884) oder der

Romanschriftsteller Etienne Léon de Lamothe-Langon in den anonym

herausgegebenen „_Souvenirs sur Marie Antoinette et sur la cour de

Versailles par Madame la comtesse d’Adhémar, dame du palais_“ (Paris

1836); denn, um dies ausdrücklich zu betonen, die Gräfin d’Adhémar

ist nachweislich keine historische Persönlichkeit, sondern das reine

Erzeugnis dichterischer Phantasie. So hat auch die einzige bisher

vorliegende Biographie des Abenteurers, das unvollendet gebliebene Werk

der Theosophin J. Cooper-Oakley: „The comte de Saint-Germain“ (Mailand

1912) keinen Anspruch auf wissenschaftliche Bedeutung, da sie kritiklos

auch aus jenen Darstellungen schöpft und die Märchen der angeblichen

Gräfin d’Adhémar als historische Begebnisse erzählt; der Wert ihres

Buches beruht allein auf ihren Mitteilungen aus fremden Archiven.

Für die Fülle neuer Aufschlüsse, die mir zahlreiche Archive und

Bibliotheken, zumal in Berlin, Wien und Wolfenbüttel gewährten, bin ich

der Leitung derselben zu großem Dank verpflichtet. Ferner möchte ich an

dieser Stelle auch Herrn Notar Langeveld im Haag meinen aufrichtigen

Dank für die liebenswürdige Unterstützung aussprechen, die er meiner

Arbeit geliehen hat.

ERSTER TEIL

ALLGEMEINE DARSTELLUNGEN, ANEKDOTEN UND FÄLSCHUNGEN

AUS DEN „ERINNERUNGEN“ DES BARONS VON GLEICHEN[27]

Bei meiner Rückkehr nach Paris im Jahre 1759[28] besuchte ich die

Witwe des Chevalier Lambert, eine alte Bekannte. Nach mir sah ich

einen mittelgroßen, sehr stämmigen Mann eintreten, der mit gesuchter,

prächtiger Einfachheit gekleidet war. Er warf Hut und Degen auf das

Bett der Hausfrau, setzte sich auf einen Lehnstuhl am Kamin und

unterbrach den gerade redenden Herrn mit den Worten: „Sie wissen nicht,

was Sie reden. Für diese Frage bin ich allein zuständig. Ich habe sie

erschöpft, so gut wie die Musik, die ich aufgegeben habe, weil ich bis

zur äußersten Grenze gelangt war.“

Erstaunt fragte ich meinen Nachbar, wer dieser Mann sei, und ich

erfuhr, daß es der berühmte Saint-Germain war, der die seltensten

Geheimnisse besaß, dem der König[29] eine Wohnung im Schloß Chambord

eingeräumt hatte, der in Versailles ganze Abende mit Seiner Majestät

und Frau von Pompadour verbrachte und dem alle Welt nachlief, wenn er

nach Paris kam. Frau Lambert lud mich zum Essen für den nächsten Tag

ein und setzte mit triumphierender Miene hinzu, ich würde mit Herrn von

Saint-Germain speisen, der, nebenbei gesagt, einer ihrer Töchter den

Hof machte und in ihrem Hause wohnte.

Die Dreistigkeit des Mannes hielt mich bei diesem Diner lange in

respektvollem Schweigen. Schließlich wagte ich ein paar Bemerkungen

über die Malerei und verbreitete mich über Verschiedenes, was ich

in Italien gesehen. Ich hatte das Glück, Gnade vor den Augen von

Saint-Germain zu finden. „Ich bin mit Ihnen zufrieden,“ sagte er zu

mir, „und Sie verdienen, daß ich Ihnen alsbald ein Dutzend Gemälde

zeige, dergleichen Sie in Italien nicht gesehen haben.“ In der Tat

hielt er fast Wort; denn die Bilder, die er mir zeigte, trugen sämtlich

ein Gepräge von Eigenart oder Vollendung, das sie anziehender machte,

als manche klassischen Werke, insbesondere eine Heilige Familie von

Murillo, die an Schönheit dem Raffael in Versailles gleichkam.

Der Graf von Saint-Germain: Das Leben eines Alchimisten · 第 2 / 24 段