Ja, sie hatte gedacht: „der Menge... preiszugeben ...“

Warum empfand sie nicht mehr wie früher, als es ihr höchste Seligkeit

erschienen war, ihre Gefühle anderen zugänglich zu machen, sie mit

teilnehmen zu lassen an Freuden und Schmerzen?

Jetzt war in ihr ein Zurückschauern vor diesem Gedanken.

Waren das wieder Vorurteile, die Georg ihr in die Seele gepflanzt?!

Nun, die wollte sie wohl noch besiegen....

Und trotzig griff sie aufs Geratewohl in den kleinen Stoß von Heften in

ihrem Schreibtisch, nahm eines davon heraus und gab es nach dem Diner

dem Grafen Lork.

Auf den Blättern stand:

„In die Vasen auf meinem Kaminsims habe ich weiße Rosen gestellt.

Halberblüht sind sie. Ihre schweren Kronen sehen aus wie aus Elfenbein

geschnitzt; geschnitzt von einem primitiven Meister, denn ihr Kern

ist noch plump. Die blassen Blätter liegen so fest übereinander,

daß sie eine einzige Masse bilden.... Nur zwei, drei der äußersten

Blütenblätter fangen an, sich von dem festen Kern zu lösen, und

unter ihnen sitzen die zwei Hüllenblätter, weit auseinandergetan,

sonderbar tiefrosig überhaucht.... Wie blutbefleckt sehen diese offenen

Kelchblätter aus.

Inmitten all der Rosen, all dieser weißen, halberblühten, mit den

zwei blutigen Hüllenblättern, prangt die eine, die voll erblüht ist.

Jedes einzige ihrer Blätter hat seine Schönheit vollendet, hauchdünn

und leicht zeichnet es seine Form in zarter Kontur. Und in der

weitgeöffneten Rose glüht der goldhelle Blütenstaub.

Vollendung!...

Warum gibt es so viele, die die halbgeöffnete Rose mehr lieben

als die vollendete? Ist es der uralt ewige Fluch der unseligen

Prometheuskinder, die ihr Glück immer nur in der Zukunft sehen? Denen

die Ahnung einer seligen Zukunft lieber ist als die seligste Gegenwart?

Ach, diese Rosen beschreiben -- wie kann man das? So beschreiben,

daß man sie duften fühlt, daß man die seltsam rosigen Hüllenblätter

sieht... und mit den Nerven der Fingerspitzen fühlt, wie unendlich

weich und kühl diese Blütenblätter sind.

Die Sprachen sind alle unzureichend, zu wenig ausgebildet.

Wie viel tausend Empfindungen haben wir, die wir nicht sagen können,

weil die Sprache keine Worte hat, um die tausendfarbigen Nuancen zu

bezeichnen.

Wir stehen da wie Robinson auf seiner Insel. Unsere Werkzeuge sind zu

einfach, unsere Waffen zu stumpf.

Mitunter kommt es wohl vor, daß man in einem Gedicht ein paar Worte

hört, die einem die Nerven erzittern lassen, daß man schauernd

ahnt, wie schön die Sprache sein +könnte+, wenn man sie pflegte

und veredelte, wie der Gärtner die Rosen pflegen mußte, ehe sie so

kühlweiße Kelche hatten mit zwei blutrosigen Hüllenblättern.

Aber alle Sprachen sind ungepflegt, sind Stückwerk. Keine von ihnen

kann die Nuancen geben.

Schade! Worte sind doch alles.

An Worten hängt unser Schicksal. Wie wenig haben Taten oft zu bedeuten!

Taten gibt es, die nicht mehr zu erkennen sind unter der Last von

tausenden schwirrenden Worten. Taten, die entstellt werden durch

Worte, wie ein schönes Jünglingsantlitz durch Wunden, wie ein holdes

Mädchengesicht von fressendem Aussatz.

Andere wieder werden durch Worte so wundersam verschleiert wie eine

Landschaft durch einen Nebelhauch.

Ach, Worte...

Und zu fühlen: die Worte, die wir kennen, sind zu schwach, sie, die uns

Flügel sein sollten, sind uns nur Krücken!

Wohl könnte ich sagen, was für Rosen in den Vasen auf meinem Kamin

blühen, aber wie soll ich das Glück beschreiben, das ich empfinde beim

Anschauen dieser Pracht, beim Anschauen dieser schwellenden Rosen, die

schönheitsstrotzend ihrem Tode entgegenblühen?“ -- --

Am nächsten Tage, während der Morgen-Bootfahrt, sagte Lork zu Monika:

„Ich kann Ihnen nicht sagen, einen wie tiefen Eindruck Ihre Zeilen mir

gemacht haben. Besonders darum, weil sie Gedanken enthalten, die ich

oft gefühlt und die ich nie in Worte habe bringen können. Zum Beispiel

das, was Sie über die Sprache sagen. Wie oft habe ich das empfunden:

es gibt tausendfache Gefühlsnuancen, für die wir keine Worte haben.

Besonders, wenn es sich um Liebe handelt. Gerade das Erwachen der Liebe

ist mit Worten nicht zu bezeichnen, jenes Stadium, das eigentlich noch

keine Liebe ist, auf das aber die Liebe so unbedingt folgt wie Frühling

auf den Vorfrühling. Jenes Stadium, wo man einer Frau die Hand küßt und

dabei anfängt, an ihre Lippen zu denken.....“

Und Graf Lork beugte sich bei diesen Worten tief über Monikas Hand.

[Illustration]

15.

Von diesem Tage ab gab Monika ihm oft etwas, was sie geschrieben,

Phantasien, Betrachtungen, manchmal ein Gedicht. Und immer aufs neue

war sie erstaunt von dem Verständnis, das er ihr entgegenbrachte. Ein

Verständnis, das bis ins einzelste ging und jede flüchtige Nuance zu

würdigen wußte.

Sie empfand ein lebhaftes Erstaunen darüber. Wenn man Lork kennen

lernte, vermutete man so gar nichts Aehnliches in ihm. Die ganze erste

Zeit ihrer Bekanntschaft war er ihr als weiter nichts erschienen

als ein Mann von guten gesellschaftlichen Formen und von banaler

Liebenswürdigkeit. Und nun dieses feinsinnige Eingehen auf jeden ihrer

Gedanken.

Und die grenzenlose Mühe, die er sich gab, ihr jeden Wunsch von den

Augen abzulesen, ihr jede Laune zu erfüllen, kaum daß sie ausgesprochen

war. -- -- Sie verstand ihn erst dann, als sie ihn einmal Klavier

spielen hörte.

An einem brütend heißen Nachmittag war’s. In der Halle hatte man die

großen Stores heruntergelassen, und diese dünne Scheidewand genügte,

um das rote Brennen des Sommertages in eine opalblasse Dämmerung zu

verwandeln.

In den Korbstühlen und Schaukelstühlen lagen ein paar Hotelgäste in

„aufgelösten“ Stellungen herum.

Eine sehr hübsche Russin war sogar im Peignoir erschienen, in einem

nilgrünen und goldgestickten Peignoir, dessen Farben mit einem tiefen,

metallischen Glanze aufleuchteten in dem sanften Halblicht, das man in

der Halle hergestellt hatte.

Ein Engländer verpflanzte tropische Angewohnheiten hierher, indem er

sich ein nasses Handtuch auf den Kopf gelegt und einen der Liftboys

angestellt hatte, ihm Kühlung zuzufächeln. -- Kein Punkah war’s, den

er bewegte, sondern einer der bunten Papierfächer, die das Hotel als

Reklame-Angebinde den Damen widmete, die dort soupierten.

In der Bar, die an die Halle anstieß und in der ein übernächtigt

aussehender Mixer immer neue ~Ice-drinks~ mischte, saßen Lork, Monika,

Edith, Berningen und Milorski.

Berningen war tief betrübt von seinem Ausflug ins Holländische

zurückgekehrt, seitdem vor zwei Tagen zwei Offiziere der

niederländischen Kolonial-Armee angekommen: der eine, Major, war der

Gatte der schönen Mutter, und der Leutnant der Verlobte der pikanten

Tochter, dessen Existenz sie bisher unterschlagen.

Aber seitdem er da war, hatte sie jedenfalls nur für ihn noch Augen,

und die schöne Mama bezeigte ihrem Manne eine hingebende Liebe, die als

geradezu vorbildlich für eheliches Glück hätte gelten können.

Berningen machte jetzt aus Verzweiflung Edith die Cour, Monika war

seiner Ueberzeugung nach „in festen Händen“; Lork wich ihr ja nicht von

der Seite.

Edith sagte sich, daß die Redensarten Berningens nicht den mindesten

Wert für sie besäßen. Sie wußte, daß er sich mit seiner knappen Zulage

nur mit Mühe bei den Kronprinz-Ulanen zu halten vermochte; er konnte

unbedingt nur ein reiches Mädchen heiraten.

Und doch blieb es nicht ohne Eindruck auf sie, wenn er ihr

Schmeicheleien sagte.

Und wenn sie zehnmal wußte, daß das nur dumme Redensarten waren... sie

hatte zu lange Jahre gedarbt, um jetzt nicht auch Brosamen zu genießen.

Sie versuchte gegen das Wohlgefühl anzukämpfen, das sie durchrieselte,

wenn die hübschen, leichtsinnigen Leutnantslippen ihr Freundliches

zuflüsterten. Sie versuchte ganz bewußt, diesen Flirt dazu auszunutzen,

um Lork eifersüchtig zu machen, aber das schien vergebliche Mühe. --

Herr von Milorski war entzückt von der Hitze und zog sich die

Verwünschungen der anderen zu, als er „hoffte, es würde noch monatelang

so fortgehen“.

Ja, er hoffte es!... Lag doch oben seine furchtbare Ehehälfte, machtlos

hingestreckt im verdunkelten Zimmer, und im Zimmer nebenan, ebenso

machtlos, ebenso unschädlich gemacht die dräuende Schwiegermutter.

So saß man nun in der Bar des Hotels und trank auf Lorks Rat Whisky.

Monika konnte zwar ein gewisses unangenehmes Gefühl nicht loswerden.

Der Whisky schmeckte ihr, sogar sehr -- aber wie Georg das wohl

gefunden haben würde, wenn eine Dame in der Bar saß und Whisky trank?

Ach was, Georg! Schon wieder Georg.... Trotzig bejahte sie, als Lork

sie fragte, ob sie noch ein Glas wolle. Und von neuem rann der seltsam

brennende Trank ihr durch die Kehle.

Das Gespräch kroch dahin wie ein verwundetes Tier; langsam..

schleppend.. plötzlich ein paar krampfhaft schnelle

Vorwärtsbewegungen.. und wieder.. der langsame Trott...

Da sagte Lork in eine Stille hinein, in der man nur die Fliegen summen

gehört: „Ich werde Ihnen etwas Musik machen.“

„Spielen Sie denn?“ rief Edith lebhaft.

Er hatte sich erhoben. Man ging in eines der Gesellschaftszimmer.

Blauseidene Vorhänge dämpften dort das Licht. Durch einen Spalt fiel

eine schräge Sonnenbahn ins Zimmer, Millionen Sonnenstäubchen flirrten

goldig.

Und dieser zuckende Flimmerschein beleuchtete Harry Lorks Züge, als

er spielte. War es diese unruhige Beleuchtung, die sein Gesicht so

verändert erscheinen ließ? Wo war nun die träumerische Weichheit, die

sonst in seinen Augen lag?

Zwei Fackelbrände waren aufgelodert in diesen Augen, zwei harte Linien

zogen sich von den Nasenflügeln zu den Mundwinkeln hinunter, der

Unterkiefer war vorgeschoben, wie in Gier und Qual...

Und seine Hände, seine sonst so kraftlosen Hände mit den schmalen

Gelenken hatten eine fanatische Energie, seit sie die Tasten berührt.

Melodien stiegen empor.. brennend wie der Sommerwind, der den Blüten

den Samen aus den Kelchen gerissen ... Melodien, die die Zuhörer

aufwühlten, daß die Männer blaß wurden und die Frauen erröteten...

Die Leidenschaft war’s, die aus diesen Tasten schrie.. und eine Frage..

eine sehnsuchtzitternde, qualvoll inbrünstige Frage....

Eine Frage war’s, das fühlten sie alle hier.

Und die, an die diese Frage gerichtet war, verstand plötzlich.

Verstand, daß da neben ihr und für sie die rote Rose Leidenschaft

aufgeblüht war, von deren heißer Schönheit sie ihr Leben lang geträumt.

Ein Wirbel von Empfindungen war in ihr, sie war keines klaren Gedankens

fähig.

In ihrem von der sengenden Hitze und den machtvollen Tonwellen

überreizten Gehirn bebte nur ein Gedanke: die rote Rose Leidenschaft...

Gleich darauf trennte man sich. Die Damen gingen in ihre Zimmer hinauf,

um sich zum Diner umzuziehen.

Und während Monika damit beschäftigt war, die Haken ihres weißen

Chiffonkleides zu schließen, öffnete sich die Tür, die zu Ediths Zimmer

führte.

Ohne angeklopft zu haben, trat Edith herein und sagte mit vor Aufregung

verzerrtem Gesicht:

„Sie scheinen ja Ihre Freundschaftsmission recht hübsch ausgeführt zu

haben.“

„Was wollen Sie damit sagen?“

„Daß Sie Lust nach einem zweiten Gatten spüren, ehe Sie den ersten los

sind.“

Eine brennende Zorneswelle überflutete Monika. Sie wollte auf

Edith los, ihr die Faust mitten in das blasse, höhnische Gesicht

hineinschlagen, aber mechanisch gehorchte sie den Worten, die ihr,

wie von Georgs Stimme gesprochen, in den Ohren klangen: „Ruhe,

Selbstbeherrschung...“

Pantherkätzchen · 第 29 / 34 题