Sobald Monika aus ihrer Reserve herausgetreten, hatte sie bald
Freundschaften und Bekanntschaften die Menge. Natürlich waren es
besonders Herren, die es sich angelegen sein ließen, ihr Gesellschaft
zu leisten.
Des Morgens beim Rudern, nachmittags beim Tennis und beim Tee, abends
nach dem Diner, wo ein großer Teil der Hotelgäste wieder in der Halle
versammelt war, um neuen musikalischen Darbietungen zu lauschen --
immer war sie von einer Anzahl Verehrer umgeben.
Uebrigens benahm sie sich ihnen gegenüber durchaus reserviert.
Sie hatte nichts mehr von der herausfordernden Koketterie ihrer
Mädchenjahre. Die Zurückhaltung war ihr mehr in Fleisch und Blut
übergegangen, als sie selbst es geahnt. Wetterhelmsche Schule!
Edith dagegen war entgegenkommender. Sehr erfreut darüber, daß sie nun
durch Monika Anschluß an elegante Kreise gefunden, zeigte sie sich von
einer Lebhaftigkeit, die ihre äußere Erscheinung nicht erwarten ließ.
Man unternahm jetzt immer sehr viel an diesen endlos langen
Sommertagen, die ganz in Sonnengold getaucht waren. Morgens fuhr
man meistens mit dem Motorboot des Grafen Lork. Mit spielerischer
Sicherheit glitt das Boot über die grüne Wasserfläche, vorbei an
starren Felswänden, die senkrecht ins Wasser abfielen.
Der See hatte tiefe Einschnitte in die Felsmasse gewühlt, und
triumphierend spielten seine Wellchen in den Buchten.
Man machte in irgendeinem von den Orten am See Station, um dort zu
frühstücken, im Schloß Hartenstein, in Gersau oder Vitznau. Man saß da
auf einer glasgedeckten Veranda oder auch im Garten.
Der Sommer goß einen heißen Strom von Leben über die Welt, über Büsche
und Sträucher, über Blumen und Früchte.
Die Zahl der Teilnehmer an diesen Fahrten war eine verschiedene, aber
fünf waren immer dabei: Monika und Edith, Graf Harry Lork, der Besitzer
des Motorboots, der Leutnant von Berningen und der Gutsbesitzer von
Milorski, ein Pole, der diese Fahrten zu den Lichtpunkten seines Lebens
zählte.
Das konnte übrigens niemand wundernehmen, denn der hübsche
dreißigjährige Milorski besaß eine Gattin, die an Häßlichkeit und
Unliebenswürdigkeit das erlaubte Maß überschritt.
Und als ob das nicht genug des Unglücks gewesen wäre, hatte der Himmel
ihm dazu noch eine mitreisende Schwiegermutter verliehen, die ihn
schaudernd ahnen ließ, wie seine Gattin in zwanzig Jahren sein würde.
Wenn jemand die Bekanntschaft von Frau von Milorski machte, so fühlte
der Gatte sich verpflichtet, die neue Bekanntschaft so bald wie möglich
beiseite zu nehmen und ihr zuzuflüstern:
„Wissen Sie, ich habe meine Frau nämlich wegen ihres Geistes
geheiratet!“
Uebrigens besaß Frau von Milorski in der Tat Intelligenz und bildete in
dieser Eigenschaft einen starken Gegensatz zu ihrem Gatten.
Ein leichtes Leben hatte er übrigens nicht, denn seine Frau war
eifersüchtig, bewachte, unterstützt von ihrer Mutter, jeden seiner
Schritte, und nur die frühen Morgenstunden brachten ihm Befreiung,
lösten ihn von jeder Fessel. Seine Damen waren ausgesprochene
Langschläferinnen, schliefen bis in den hellen Mittag hinein, „weil das
für den Teint gut“ sei.
Und diese Morgenstunden in der letzten Zeit waren dazu angetan,
Milorski den traurigen Rest des Tages vergessen zu lassen.
Wie bildschön und reizend elegant sah Monika aus! Wie amüsant und
witzig wußte Edith zu scherzen!
Und dieser brave, liebe Kerl, der Berningen von den Kronprinz-Ulanen --
und dieser famose Graf Lork. Und überhaupt alles so nett und friedlich!
Herr von Milorski fühlte sich wie im Himmel, seine etwas
hervorstehenden Augen in seinem frischen Gesicht mit der slawischen
Stumpfnase blickten wie verklärt.
Auch Graf Lork war immer in bester Stimmung. Nicht gerade, daß er eine
übersprudelnde Laune zur Schau getragen, das war nicht seine Art. Er
war immer sehr still.
Es gab Leute, die ihn für dumm, andere, die ihn für einen großen
Geist hielten. Er war nicht leicht zu durchschauen, verbarg etwaige
Gefühle und Gedanken hinter einem Lächeln, das einen Anflug von
Zynismus hatte. Aeußerlich war er eine Erscheinung von ungewöhnlicher
Eleganz: sehr groß und sehr schlank. Das Gesicht zeigte etwas seltsam
Widerspruchsvolles: die Augen hatten einen verträumten Ausdruck und der
Mund einen Zug von Brutalität.
Er sprach wenig, und was er sagte, war fast immer freundlich und banal.
Mitunter aber überraschte er durch eine Bemerkung von beißender Schärfe.
Edith bemühte sich, in seiner Gegenwart immer ganz besonders geistreich
und liebenswürdig zu sein, und sie hatte die Genugtuung, daß er über
ihre scharfen Scherze herzlich lachte.
„Wie finden Sie eigentlich den Grafen Lork?“ wurde Monika eines Abends
von Edith gefragt.
Sonst pflegte Edith, wenn man des Abends nach oben kam, gleich in ihr
Zimmer zu gehen. Es herrschte durchaus kein besonders herzliches oder
vertrautes Verhältnis zwischen den beiden. Aber heute blieb Edith in
Monikas Zimmer, und diese verabschiedete sie nicht.
Es war besser so, als allein bleiben in der blauen Sommernacht.
„Wie ich Lork finde? Ganz nett,“ sagte sie gleichgültig. Dann fügte sie
hinzu: „Entschieden sehr liebenswürdig zu uns.“
„Ich finde ihn entzückend,“ sagte Edith mit schwerer Stimme.
„Wirklich?“
„Er ist der überlegenste Mensch, den ich jemals sah.“
„Das ist mir nie aufgefallen.“
„Er ist so sicher! Vielleicht ist es sein Reichtum, der ihn so sicher
macht. Er ist ja unsinnig reich.“
„Das ist wahrscheinlich Hotelklatsch, Edith; die Lorks haben sonst
nicht viel.“
„Ja, aber seine verstorbene Mutter war doch eine geborene Arankow, die
die Kupferminen im Ural haben und die Ziegeleien in Tiflis.“
„Wie genau Sie orientiert sind.“
„Mich interessiert Reichtum so sehr. Er ist die mächtigste Macht, die
schönste Schönheit der Welt.“
„Unsinn.“
„Nein, Monika, kein Unsinn! Geld haben, das ist die Quintessenz von
allem. Der Schlüssel, der alle Türen öffnet, das einzig sichere
Piedestal in Sand und Sumpf. Ach, reich sein! Und genießen, wie alle
sich davor beugen!“
„Es beugen sich nicht alle vor dem Reichtum.“
„O, es kommt auf die Höhe der Summe an.“
„Sonderbare Ansichten.“
„Ach, Monika, Sie können das nicht so empfinden. Ich weiß genug von
Ihnen, um zu wissen: wirklich arm sind Sie nie gewesen: Aber +ich+
weiß, was es heißt: des Lebens Not! Vater als pensionierter Hauptmann
mit fünf Kindern... Na, reden wir nicht davon. Glauben Sie mir, es gibt
nichts Schlimmeres, als die täglichen nagenden, kleinen Sorgen. Die
haben mir meine Kinderzeit vergiftet -- und meine Jugendzeit.“
Es war jetzt ganz dunkel geworden in dem kleinen Zimmer. Der See lag
da wie in schwarzen Sammet gehüllt. Und durch das Dunkel sprach die
Mädchenstimme:
„Die Armut hat meine Kinderjahre vergiftet und meine Jugendzeit. Als
Kind habe ich Kindermädchen bei meinen Geschwistern spielen müssen,
und später, als ich kaum erwachsen war, habe ich fremder Leute Kinder
unterrichten müssen. In einer Zeit, in der sonst die jungen Mädchen
an Glück denken, hab’ ich an Brotverdienen gedacht. Ich lebte so hin,
stumpf -- ohne Schmerz -- -- und ohne Freude auch. Auch ohne die
Hoffnung auf ein Besserwerden. Da kam einer -- --“
„Und er liebte Sie?“
„O nein, Monika, er liebte mich nicht. Nur ich ihn -- --“ Sie brach
kurz ab.
Ein paar schwere zitternde Atemzüge.
Und dann, nach einer Weile fuhr die harte Stimme fort:
„Nein, er liebte mich nie. Er war immer ganz unpersönlich zu
mir. Er betrachtete mich wie eine mathematische Formel, die er
auflösen müsse. Er analysierte mich, meine körperlichen und meine
seelischen Eigenschaften, und eines schönen Tages sagte er mir:
„Wissen Sie, Edith, Sie sind eigentlich viel zu schade, um hier als
Töchterschullehrerin zu versauern. Sie haben das Zeug dazu, im Leben
etwas zu erreichen. Gehen Sie hinaus ins Leben.“ -- --
Und ich ging! Uebrigens erst, nachdem ich eingesehen hatte, daß er
weiter absolut nichts für mich übrig hatte als diesen guten Rat.“
„Nach Zürich gingen Sie?“
„Ja -- und nachdem man mich, als Mädchen aus guter Familie,
jahrzehntelang mit Redensarten über die menschliche Würde gefüttert,
mit besonderer Berücksichtigung der weiblichen Würde, des Wertes
einer streng sittlichen Lebensauffassung und so weiter... griff
ich zum Studium der Medizin. Die klärt uns am besten auf über die
Gottähnlichkeit der Menschen.“
Ein häßliches Lachen kam aus ihrem Munde.
„Und sind Sie seit dieser Aufklärung glücklicher?“
„Nein, durchaus nicht. Mein Glück würde auf ganz anderem Gebiete
liegen.“
„Auf dem der Liebe?“
„Kaum. Reich möchte ich sein, mir alles Schöne kaufen -- so viel
Schönes, erdrückend viel, um nicht mehr an all das Häßliche zu denken,
das ich in meinem Leben gesehen habe. Um mir die Seele frei zu machen
von all dem nüchternen Alltag, der zeitlebens auf ihr gelastet!... Und
genießen, ach, Macht genießen... wie das sein muß für jemand, der sein
ganzes Leben lang immer kuschen mußte: Macht genießen!“
Ein heißes Beben kam in die harte Stimme.
„Und zu denken, Monika, daß ich all das erreichen könnte. Daß mich
dieser Lork nur zur Frau zu begehren braucht und -- --“
„Ah so.“
„Monika, das bringen doch so viele andere fertig: eine gute Partie zu
machen! Mädchen, die häßlicher sind als ich, dümmer, ungebildeter,
schlechter ... Herrgott, es gibt doch Tingeltangelmädchen, die
Erzherzöge heiraten! Mädchen, die eine kolossale gesellschaftliche
Kluft überspringen... Das gibt es doch nicht bloß in Märchen: daß
Bettlerinnen später von goldenen Tellern aßen! Und hier ist nicht
einmal ein sozialer Unterschied vorhanden. Wir Gräberts sind Uradel,
gegen meinen Ruf ist nichts einzuwenden. Daß ich nicht dumm bin, weiß
ich, und äußerlich -- ich bin doch nicht reizlos? Nicht? Sagen Sie mir
offen Ihre Meinung, Monika, ich bin doch nicht reizlos?“
Es war ein heißes Flehen in diesen Worten. Das Dunkel verbarg die
Schamröte, die in Ediths Wangen emporstieg bei diesem Betteln um ein
anerkennendes Wort.
„Sie haben sicher eine Menge Vorzüge.“
„Monika, zu denken, daß es nur eines Wortes von Lork bedarf... und aus
dem elenden Grau meiner Existenz wird ein Märchentraum.“
„Wenn Sie einen anderen lieben...“
„Ich liebe den nicht mehr. Ich habe eine gute Dosis Verstand, wissen
Sie, und eine recht reichlich bemessene preußische Nüchternheit. Eine
einseitige Liebe ist auf die Dauer nichts für mich! Es gibt ein altes
Sprichwort: „Einer freut sich nie allein, es müssen immer zweie sein.“
Das klingt dumm, aber wahr ist es doch. Meine erste Liebe macht mir
wirklich keine Kopfschmerzen mehr.“
„Und Sie lieben jetzt den Grafen Lork?“
„Lieben ist vielleicht ein etwas starker Ausdruck. Er gefällt mir
unendlich! Und wenn er mich heiratete, würde ich bemüht sein, ihm eine
gute Frau zu werden... Ach, Monika, helfen Sie mir!“
„Wie kann ich das?“
„Helfen Sie mir! Beeinflussen Sie ihn! Männer sind doch so leicht
zu beeinflussen. Reden Sie ihm doch von mir, machen Sie mich ihm
interessant, bitte...“
Zwei fieberheiße Hände griffen nach Monikas Händen und preßten sie in
krampfhaftem Druck.
„Helfen Sie mir! Versuchen Sie, mir zu helfen!“
Eine fanatische Inbrunst glühte aus diesen Worten. Die zitternde
Hoffnung eines Menschen, der sich seinem Glücke -- vielleicht -- nahe
sieht.
Und in heißem Mitgefühl sagte Monika: „Was in meiner Macht steht, Ihnen
zu helfen, will ich gern tun.“
Dann knipste sie das elektrische Licht an und sah in der plötzlichen
Helligkeit ein anderes Gesicht als das, das Edith immer zur Schau trug.
Das liebenswürdige Lächeln war fort. Und die Herbheit auch.
Ein aufgewühltes, leidenschaftliches Antlitz starrte ihr entgegen,
heiße Augen und verlangende Lippen. Die Pupillen der hellgrauen
Augen waren fieberhaft erweitert, in der Gier nach Geld und Glück...
Blitzschnell senkten sich über diese Augen die blondbewimperten,
breiten Lider, deren Haut schon ein wenig zerknittert war. Und die
Lider blieben gesenkt, als wollten sie die Glut nicht sehen lassen, die
in den hellen, kalten Augen so heiß emporgelodert war....
[Illustration]
Schon an einem der nächsten Abende hatte Monika Gelegenheit, sich mit
der ihr anvertrauten Mission zu beschäftigen. Das Hotel gab seinen
Gästen einen Ball. Auf schön lithographierten Einladungskarten empfing
jeder ein auf den Namen ausgestelltes Billet.
In den drei riesigen Sälen entfaltete sich ein kaleidoskopartiges
buntes Bild.
Monika hatte zuerst gezögert, ob sie an dieser Tanzfestlichkeit
teilnehmen solle. Sie war in keiner frohen Laune. Aber Edith war es
nicht schwer geworden, sie dann doch zur Teilnahme zu bewegen; sie sah
ja vollkommen ein, daß es lächerlich war und unmotiviert, an keiner
Festfreude teilnehmen zu wollen.
Ja, sie würde hingehen -- natürlich -- und sich sehr gut amüsieren,
und außerdem bei Lork für Edith „Reklame machen“, wie diese selbst mit
bitterer Selbstironie sagte.
Als die beiden herunterkamen, war schon eine Menge von Gästen
versammelt. Eine Anzahl sehr gut angezogener Amerikanerinnen wiegte
sich mit ihren glattrasierten Landsleuten im Twostep. Eine Pariser
Schauspielerin, mit einer gesucht kindlichen Frisur, erregte Aufsehen
durch ihre montmartrehafte Art des Tanzens.
Der Rittmeister von Aro vergaß sein Lungenleiden und schwenkte die
Damen unermüdlich und begeistert.
Herr von Milorski litt Tantalusqualen: er saß auf einem Stuhle,
umzingelt von Frau und Schwiegermutter, die letztere in blauem
Samt, die erstere in roter Seide. Die kleine, sehr dicke Frau von
Milorski, die gut sechs Jahre älter war als ihr Mann, hatte in ihrem
Gesichtsausdruck durchaus nichts von der Gutmütigkeit, nach der dicke
Leute so häufig aussehen. Ihre winzigen Augen blinzelten bösartig in
die tanzende Schar vor ihr, mit entschiedener Mißbilligung blickte sie
auf die eleganten Erscheinungen, denen ihr Gatte sehnsuchtsvoll und
träumerisch nachstarrte.
Herr von Berningen, der Kronprinz-Ulan, widmete sich zwei holländischen
Damen, die Mutter und Tochter waren. Wie einst ein deutscher
Dichter, wußte er nicht genau, welche von beiden er zur Dame seines
Herzens erwählen solle. Gegen die Heinesche Epoche war das Bild aber
entschieden verändert: den erfahreneren Eindruck von beiden machte die
Tochter. Ihre Art, sich zu bewegen und zu benehmen, zeigte entschieden
eine größere Sicherheit.
Wenn sie mit ihrem energischen Schritt, in ihrem saphirblauen,
goldgestickten Kleide, einen Blaufuchs über der linken Schulter, quer
durch den Saal schritt und einen Tisch in Beschlag nahm, so machte sie
entschieden den Eindruck, die Chaperonne ihrer Mutter zu sein, die ihr
bescheiden folgte, und deren Schönheit das Gepräge stiller Lieblichkeit
trug.
Wie gesagt, -- Berningen schwankte.
Die Mutter hatte so schöne kastanienbraune Haare.
Aber die Tochter war so pikant goldblond entfärbt. Die Tochter sprach
Argot, rauchte Zigaretten, trank Cocktails, nahm Stellungen ein, die
von bewußter Koketterie sprachen. Das alles gefiel aber Berningen
weniger als die vornehm-liebenswürdige Art der Mutter.
Jedoch die Tochter war achtzehn und die Mutter siebenunddreißig. Und
doch war die Mutter schöner....
Verzweifelt beschloß Berningen, sich nicht länger den Kopf zu
zerbrechen, sondern beiden die Cour zu machen.
Graf Lork stand gelangweilt an einer Säule; sein Gesicht hellte sich
auf, als Monika und Edith eintraten.
Edith sah entschieden in Balltoilette unvergleichlich besser aus
als sonst, wenn auch ihr Kleid weder kostbar noch modern war. Die
pfauenblaue Seide hob ihre durchsichtig helle Haut, ließ das Blond
ihrer Haare wärmer erscheinen als sonst. Die gespannte Erwartung, in
der sie sich befand, gab ihrem Gesichte ungewohnt lebhafte Farben.
Monika war es nicht schwer gemacht, ihrem Gespräch mit Lork die Wendung
zu geben, die sie beabsichtigte.
„Wie hübsch Fräulein von Gräbert heute aussieht,“ sagte sie, als sie
mit Lork auf der Galerie stand, die sich in halber Höhe des Saales an
den Wänden entlang zog.
Man hatte von hier aus ein wundervolles Bild auf das Gewühl des
Ballsaales. Unter dem blendenden Lichte des elektrischen Kronleuchters
waren die Farben da unten wie ein tausendfarbiger Blumenstrauß:
Lindenblütengrün und erikafarben, perlgrau und rosa, violett und
altgold -- das Schillern der Seide, die stumpfe Weichheit des
Chiffon -- die tiefen Töne des Sammet und das grelle Blitzen der
Metallstickereien und der Paillettengarnierungen.
Dazwischen das Weiß und Schwarz der Herrenkleidung; diese brutal
einfachen Farben bildeten einen guten Hintergrund für die tausend
schillernden Nuancen der Damenkleider.
Und wie dem bunten Blumenstrauß Tautropfen, auf denen die Sonne
funkelt, die letzte Vollendung geben, so funkelte hier das
unvergleichliche Feuer der Edelsteine.
Das Licht brach sich weißsprühend in den Brillanten, blutfarben
brannten die Rubinen, Smaragden gleißten, der lockende, matte Schimmer
der Perlen und das regenbogenfarbig gebrochene Licht der Opale.
Monika sah nur zerstreut hinunter. Ihr lag ihr Auftrag am Herzen. Die
abgrundtiefe Bitterkeit, die sie gestern in Ediths Seele gesehen, hatte
sie erschüttert. Wenn sie dazu beitragen konnte, dem armen Mädchen zu
seinem Glück zu verhelfen, so würde ihr das eine Herzensfreude sein.
Und sie wiederholte ihre erste Bemerkung.
„Ja, Fräulein von Gräbert sieht heute überraschend gut aus,“ sagte Lork.
„Warum überraschend? Sie ist doch immer reizvoll.“
Er äußerte ein unbestimmtes „Hm“, das ebenso gut ja wie nein heißen
konnte.
Aber Monika ließ nicht locker.
„Ich bin überhaupt froh, daß ich mich mit Fräulein von Gräbert für
die Reise zusammengefunden habe. Sie ist so amüsant, sie verbindet
schärfste Logik mit Sinn für Humor.“
„Sind Sie schon lange miteinander befreundet?“
„Nein, erst seit kurzer Zeit. Ich hatte zuerst die Absicht, allein nach
Luzern zu gehen.“
„Sie sind gar nicht dazu geschaffen, allein zu sein,“ sagte er und
wendete sich plötzlich voll zu ihr herum. Bisher hatten sie beide
nebeneinander an der Balustrade gelehnt.
Mit einem heißen Aufleuchten seiner Augen blickte er ihr ins Gesicht,
in das reizende Gesicht mit den rosigen Farben. Ihre Schultern
leuchteten blendend aus der rosa Seide ihres Kleides.
„Warum sagen Sie das?“ fragte sie leise.
„Weil ich das meine und weil ich mitunter sage, was ich meine.“
„Nicht immer?“
„O nein, durchaus nicht.“
Da wurde sie lebhaft, wie immer, wenn etwas Ungewöhnliches ihre
Aufmerksamkeit fesselte. Und es wurde ein lebhaftes Hin und Her von
Meinungen und Gedanken, von Bemerkungen, die oft paradox, immer aber
geistreich waren.
Monika plauderte sich ganz heiß; zum ersten Male seit langer Zeit
interessierte sie ein Gespräch.
Sie hatte nie geglaubt, daß dieser Graf Lork, den sie bisher für einen
recht oberflächlichen Lebemann gehalten, so originelle Anschauungen
haben würde.
Und sein Erstaunen war nicht kleiner. Er hatte geglaubt, Frau von
Wetterhelm sei eine sehr hübsche Modepuppe, deren Horizont über
Toilettenfragen kaum hinausging.
War doch Monika in der ganzen Zeit so sehr zurückhaltend gewesen, hatte
so gar nichts von der sprühenden Art verraten, die sonst in ihrer Natur
lag.
Ja, das Erstaunen war ein gegenseitiges. Als man sich spät in der Nacht
trennte, erwartete Lork mit förmlicher Ungeduld den nächsten Tag und
die morgendliche Bootfahrt.
Als an dem Ballabend Edith Monika vor dem Schlafengehen sehr gespannt
fragte: „Nun, -- -- was sagte er?“, wußte sie einen Augenblick gar
nicht, worum es sich handelte. Doch gleich darauf war sie im Bilde. Sie
sagte:
„Edith, ich will ganz offen sein. Also: ich habe nicht gemerkt, daß er
ein besonderes Interesse für Sie hätte.“
„Das weiß ich allein,“ klang es hart zurück, „ich will es ja auch erst
in ihm erwecken.“
„Vielleicht war ich nicht sehr geschickt im Erfüllen meiner Aufgabe,“
sagte Monika. „Wir haben schließlich von ganz anderen Sachen
gesprochen.“
„Aber das ist doch selbstverständlich,“ rief Edith lebhaft dazwischen.
„Allzu auffallend darf das doch nicht gemacht werden! Jetzt tun Sie
mir bloß die Liebe, Monika, und werfen Sie nicht sofort die Flinte ins
Korn! Das wäre doch nicht gerade eine große Freundschaft, wenn Sie
schon genug davon hätten! Daß Sie nicht auf Anhieb einen großen Erfolg
erzielen würden, mit der Reklame für mich -- das war mir von vornherein
klar. Aber nicht nachlassen -- -- bitte, bitte, Monika! Helfen Sie mir!
Nicht wahr, Sie werden versuchen, mir weiter zu helfen?“
So kam es denn, daß in der nächsten Zeit Monika viel mit Lork zusammen
war. Sie gab ihm gegenüber die strenge Zurückhaltung auf, die sie alle
die Zeit hindurch gehabt.
Es kam jetzt oft vor, daß sie sich mit ihm von den anderen absonderte.
Es geschah ja im Interesse einer anderen. Und der Verlauf des Gesprächs
war immer derselbe: sie begann damit, ihm irgendwelche Vorzüge von
Edith zu rühmen, und dann ging die Unterhaltung andere Bahnen, berührte
tausend Gebiete und enthüllte Monika jedesmal von neuem, welch weiten
Horizont der Graf hatte. Der hing nicht an Vorurteilen, der war kein
Prinzipienreiter wie Georg von Wetterhelm.
Langsam ging Monika immer mehr aus sich heraus, erschloß immer mehr von
ihrem Gefühlsleben, in der unwillkürlichen Empfindung einer starken,
seelischen Verwandtschaft mit dem Grafen.
Gleich ihr hatte er eine Abneigung gegen viele Forderungen der
Konvention.
Gleich ihr empfand er eine tiefe Liebe für die schönen Künste.
Wohl bestand insofern ein Unterschied, als es ihm hauptsächlich die
Musik angetan hatte, während sie in Gedichten ihre stärksten Anregungen
fand. Aber dieser Unterschied war ja nicht fundamental, waren es doch
Rhythmen, die sie beide beglückten.
Uebrigens begann ihr häufiges Zusammensein aufzufallen. Bei einem
Ausflug nach Rigi-Kaltbad, den man in größerer Gesellschaft
unternahm, brüskierte Lork die anwesenden Damen dadurch, daß er sich
ausschließlich mit Monika beschäftigte. Schon bei der Dampferfahrt von
Luzern nach Vitznau war das aufgefallen. Als man dann in Vitznau die
Rigibahn bestieg, richtete Lork es so ein, daß er mit Monika im zweiten
Wagen der elektrischen Bahn saß, während alle übrigen Teilnehmer des
Ausflugs im ersten Wagen Platz genommen hatten.
Die Bahn stieg ihren steilen Weg empor, bot wundervolle Ausblicke auf
den See, der in der Tiefe funkelte wie ein Juwel.
Vorbei ging es an Reihen mächtiger Laubbäume, bis weiter oben die
dunkeln Tannenwaldungen anfingen und spröde Bergkräuter den Boden
überwucherten.
Ein auffallender Temperaturunterschied machte sich bemerkbar. Für
sie alle, die unten auf dem See den goldenen Geschossen der Sonne
ausgesetzt gewesen, bedeutete es ein Aufatmen: die Luft voll kühler
Frische, voll herber Reinheit. Leichte Wolken lagen in dieser Höhe,
hingen wie ein dünner, weißer Schleier über den dunkeln Tannen.
Auf Station Kaltbad verließ die Gesellschaft die Wagen, schritt,
während die Bahn weiter der Höhe zustrebte, zum Hotel, in dem das
Frühstück bestellt war.
Es herrschte bei diesem Frühstück keine einheitliche Stimmung. Es
hatten sich zu viele Einzelgruppen gebildet, die sich ihren eigenen
Interessen hingaben, sich um das Allgemeinwohl nicht kümmerten.
Der Leutnant von Berningen widmete sich ausschließlich seinen beiden
schönen Holländerinnen, schenkte der Mutter Tee und der Tochter Whisky
ein.
Herr und Frau von Rassow, ein hochzeitsreisendes Paar, erfüllten
getreulich ihre Verpflichtung als Jungvermählte: nur für einander zu
existieren.
Herr von Milorski, dem es, weil man so zeitig am Morgen aufgebrochen,
möglich gewesen, seinen beiden Hüterinnen zu entfliehen, machte Edith
die Cour, -- diese war übrigens damit sehr wenig einverstanden, sie
betrachtete mißbilligend Milorskis frisches Gesicht, -- wie ein
riesiges, wohlgenährtes Baby sah er aus. -- Seine Wangen glänzten vor
Hitze und vor Freudigkeit.
Nein, das war nichts für Edith! -- Sie warf einen bösen Blick auf
Lork und Monika, die auch eine Gruppe für sich bildeten und lediglich
miteinander beschäftigt schienen.
Nach dem Frühstück ging man in den Park des Hotels, der schön
wie ein Märchengarten war mit dem unvergleichlichen Grün seiner
Rasenflächen und seinen Gruppen prachtvoller Nadelbäume, über denen das
Silbergespinnst des zarten Nebels hing.
Dieser Nebel trennte Monika und Lork bald von der übrigen Gesellschaft.
Sie beide waren ganz allein in dieser grünen, silberumsponnenen
Einsamkeit.
„Was für ein Entzücken, hier zu atmen,“ sagte Monika, „so recht aus
tiefster Brust zu atmen --“
„Wie ein Rausch ist es.“
„Ja, wie ein unendlich zarter Rausch -- --“
„Höhenluft!“ sagte Lork.
Und dieses Wort ließ mit einem Schlage in Monikas Gedanken die Gestalt
ihres Mannes auftauchen.
Sie wußte selber nicht warum. Aber sie empfand einen Zusammenhang
zwischen der herben, starken Höhenluft und Georgs Wesen.
Und gleich darauf flammte eine Empörung in ihr auf.
Was sollte es, daß sie jetzt an ihn dachte?!
Sie wollte nicht mehr an ihn denken -- -- nie mehr!
Und sie lachte und sprach, und sie war lebhaft, liebenswürdig wie nie
zuvor.
An diesem Tage erzählte sie zum ersten Male Harry Lork von ihren
schriftstellerischen Versuchen.
Er bewies ein glühendes Interesse, schmeichelte ihr das Versprechen ab,
ihm noch heute abend irgendeines ihrer Manuskripte zu geben.
„Aber es sind eigentlich alles nur Notizen,“ sagte Monika verlegen,
„gar nichts Fertiges, nur Betrachtungen. Ich habe sie eigentlich nur
für mich selbst geschrieben.“
„Aber das ist ja unendlich interessanter, als wenn es anders wäre,“
rief er lebhaft. „Ich habe bei allen Kunstwerken mehr Interesse für die
erste Skizze als für das fertige Werk.“
Und am Abend gab ihm Monika wirklich ein paar Seiten, die sie
geschrieben.
Sie hatte mit sich gekämpft, ehe sie es getan. Aber dann sagte sie
sich, daß sie doch nicht allein für sich schreibe, sondern daß sie für
ein Publikum arbeiten wolle; daß es doch gerade ihr Lebensberuf sein
würde, ihre Gedanken der Menge preiszugeben.