Und so sagte sie nur: „Kein Wort weiter.“

„Ja, das könnte Ihnen so passen: kein Wort weiter!“ klang es keifend

zurück, „nachdem Sie mir heilig versprochen haben, Lork für mich

einzunehmen, haben Sie ihn mit Ihrer raffinierten Koketterie für sich

selbst geködert!“

Eine Flut von Verwünschungen, von Vorwürfen stieß sie hervor.

„Woraus schließen Sie denn eigentlich, daß ich Lork erobert habe?“

fragte Monika kalt, als eine Augenblickspause ihr gestattete, ein Wort

einzuschieben.

„Woraus ich das schließe? Das habe ich eben im Gefühl.“

„Sie behaupten doch sonst, daß Gefühle vor dem Verstand keine Geltung

haben.“

Aber Edith war nicht in der Verfassung, sich auf logische Gespräche

einzulassen. Ihr Körper zuckte in stummem Schluchzen; sie preßte die

Faust an den Mund, drückte sich die Zähne tief ins eigene Fleisch.

Aber die hysterische Krise war nicht mehr zurückzudämmen. Ein paar

Augenblicke später wälzte sich Edith auf dem Boden und stammelte unter

stoßweisen Schluchzen und Schreien, wie unglücklich sie wäre.

Monika stand ein paar Schritte davon. Ihr Mitgefühl wurde ausgelöscht

von der Abneigung, die sie gegen diese Unbeherrschtheit empfand. Mit

einer Art dumpfen Erstaunens dachte sie:

„Vor ein paar Jahren, als junges Mädchen, habe ich mich gerade so

angestellt, wenn ich etwas nicht erreichte.“

Unfaßlich erschien ihr das jetzt.

Als Edith endlich wieder drüben in ihrem Zimmer war, war es sehr spät

geworden.

Monika beschloß, gar nicht hinunterzugehen, sondern sich oben servieren

zu lassen.

Das Zimmertelephon schlug an.

Graf Lork fragte an, ob die Damen heute nicht zum Essen kämen.

„Nein,“ erwiderte Monika, „und morgen auch nicht. Ich habe einen

Ausflug vor.“

Am nächsten Morgen verließ sie das Hotel zu einer ungewöhnlich frühen

Stunde.

Sie mietete ein Motorboot für den Tag.

„Irgendwohin,“ erwiderte sie dem Bootsmann auf seine Frage, nach

welchem Orte sie wolle.

Und sie lag, auf dem Rücken ausgestreckt, im Boot, das durch die

durchsichtig grünen Wogen schnitt, an lachenden grünen Ufern vorüber.

Die höhersteigende Sonne sandte Fluten von Licht und Wärme herunter.

Monikas Gedanken waren wie taumelnde Schmetterlinge, die im

fieberhaften Fluge über die Blüten irren...

Sie kam erst spät am Abend ins Hotel und ging gleich in ihr Zimmer

hinauf.

Sie war todmüde und konnte doch nicht schlafen; eine sonderbare

Helligkeit war in ihrem Kopfe...

Wie rote Brände zuckte es vor ihren Augen.

Das war wohl der lange Sommertag, der ihr Blut so überhitzt hatte, all

die Glut, die auf sie niedergebrannt war, alle die Gerüche, die sie

geschlürft: der herbe Hauch vom See, das frische Duften der Laubbäume

und das strenge Aroma der Nadelwälder.

Oder war es die Frage, die sie nicht schlafen ließ, die Frage, die

gestern aus den Tonwellen auf sie eingedrungen?

Am Morgen endlich verfiel sie in einen unruhigen Schlaf, aus dem eine

schrill krähende Stimme sie weckte.

„Wer ist denn heute bei Fräulein von Gräbert?“ fragte sie das

Stubenmädchen, das gerade den Tee gebracht.

Die brave Schweizerin machte erstaunte Augen. „Aber das ist ja

Mademoiselle Bussy d’Armagnac de Montnoir, die da singt. Die haben wir

seit gestern abend hier. Fräulein von Gräbert ist gestern doch schon

mit dem Mittagszuge weg.“

Ja, Edith war fort, ohne ein Wort des Abschieds. Monika atmete im

ersten Augenblick wie erleichtert auf, also Szenen wie die gestrige

waren nicht mehr zu befürchten.

Aber als sie sich dann zum Lunch anzog, wollte es doch wie Bangen in

ihr aufsteigen: zum ersten Male ganz allein.

Sie überlegte einen Augenblick, ob sie Frau von Milorski und deren

Mutter bitten solle, sie an ihrem Tische Platz nehmen zu lassen, aber

gleich darauf sagte sie sich, daß es doch ein Unsinn sei, sich zur

Tischgenossin dieser unliebenswürdigen Frauen zu machen, bloß weil es

vielleicht nicht ganz passend war, ohne weibliche Begleitung zu sein.

Und so ging sie denn auf den Tisch zu, an dem wie sonst Berningen und

Lork schon warteten.

Das Gespräch war sehr lebhaft. Monika zwang sich, so munter wie nur

möglich zu sein. Sie plauderte unaufhörlich. Nur kein Stillschweigen

wollte sie aufkommen lassen, das gefährlicher war als alle Worte.

Beim Dessert sprach Lork von dem Jubelfeste, das heute auf dem See

stattfände, der Festtag der Eidgenossenschaften.

„Darf ich Sie bitten, sich das Feuerwerk von meinem Balkon aus

anzusehen?“ fragte er Monika.

Sie starrte ihm erschrocken ins Gesicht.

Er aber fuhr ganz harmlos fort: „Die Milorskischen Damen haben zugesagt

-- --“

„Und ich bin erfreulicherweise auch geladen,“ fügte Berningen hinzu,

„von uns allen hat nämlich nur Lork den Balkon nach der Westseite.“

„Wir gehen gleich nach dem Essen zu mir hinauf,“ sagte Lork.

Monika nickte stumm.

Die Milorskischen Damen sahen sich mit kaum verhehltem Neide um,

als sie die von Lork bewohnten Räume betraten, die Fürstenzimmer

des Hotels. Auf der Terrasse, die sich an einen schönen blauen

Louis-XV.-Salon schloß, versammelte sich die Gesellschaft.

Herr von Milorski bewunderte die Korbmöbel aus gediegenem grauen

Geflecht mit Goldornamentierungen.

„Bequem wie’n Klubsessel,“ sagte er und dehnte sich behaglich in einem

der Sessel, -- „wenn ich denke, wie früher die Korbstühle waren! --

-- Die Welt schreitet doch alle Tage weiter. Es ist fabelhaft ...

Nicht?...“

Er erhielt auf diese Auslassungen keine Antwort. Seine Frau und seine

Schwiegermutter waren in den Salon zurückgekehrt, wo sie die Nippes

besahen. Berningen hatte sich auf das Geländer der Terrasse gesetzt

und kokettierte von da aus in den Hotelgarten zu zwei niedlichen

Amerikanerinnen hinunter.

Monika und Lork standen ganz links, an der Seeseite. Monika sah in

die Ferne, und Lork stand über ihren Stuhl gebeugt, so nahe, daß ein

verschmitztes Lächeln das gutmütige Gesicht Milorskis überflog.

Die Sonne war schon untergegangen, aber noch lag die ganze Schwüle

dieses endlos langen Julitages über Luzern. In dieser durchsichtigen

Dämmerung zogen sich die riesigen Laubmassen der Platanenallee am Kai

hin wie ein schwarzes Band. In den Straßen drängten Menschenscharen,

die in diesem Lichte unbestimmte Formen annahmen. Dunkel drohten die

Felsmassen vom gegenüberliegenden Ufer des Sees.

Wie ein dumpfer Druck lag es über Monika, wie eine atemraubende

Erwartung.

Berningen begann sich inzwischen zu langweilen. Seine neuen Flirts,

denen es im Garten wohl zu tauig geworden sein mochte, waren ins Hotel

zurückgegangen.

„Die braven Schweizer werden ihr Feuerwerk wohl erst um Mitternacht

loslassen. Hier geht ja alles so langsam,“ murrte er. Dann steckte

er sich eine neue Zigarette an und überlegte die Situation. Die

Milorskischen „Drachen“ konnten jeden Augenblick wieder auf die

Terrasse heraustreten; Monika ließ der Lork doch nicht aus den Fingern,

und Milorski schlief schon halb vor einer Flasche Hennessy, -- -- kurz,

es war hier nichts los.

So beschloß er denn, sich zu drücken, ging stolz über die Terrasse. Von

den dreien hier achtete doch keiner auf ihn. Mit unendlicher Vorsicht

schlängelte er sich an den Drachen im Salon vorbei.

Dann schlenderte er zum Hafen.

Die Schweizer waren mit Kind und Kegel von ihren Bergen

heruntergekommen. Vierschrötige Gestalten, rotbäckige Gesichter. Aus

hellen Augen starrten sie bewundernd auf das großstädtische Treiben

und auf alle die internationalen Erscheinungen, die sich hier zwischen

ihnen herumdrängten.

Und diese Menge, die so verschiedenartig war wie die tausendfarbigen

Steinchen eines Kaleidoskops, wurde zusammengehalten durch ein Band:

die Schaugier!

Ein „Ah“ ging über sie alle hin, als das erste geschmückte Schiff

hinausglitt auf den See. Das gleiche „Ah“ kam von all diesen Lippen,

den groben und den feinen, den schmutzigen und den gepflegten, den

welken und den blühenden. -- -- Es gefiel ihm nicht, und reumütig

schlug er den Weg wieder ein zu Lorks weißer Terrasse.

Als er dort ankam, fand er zu seinem Erstaunen die Milorskische Familie

vollzählig im Salon von Lork, damit beschäftigt, Whist zu spielen.

„Na, und das Feuerwerk?“

„Es hat ja noch nicht angefangen, -- und meine Schwiegermutter ist

so gewöhnt, um diese Zeit ihr Spielchen zu machen,“ sagte Milorski

kleinlaut. „Liebes Kerlchen, tun Sie mir den Gefallen und spielen Sie

mit statt des Strohmanns,“ fügte er hinzu.

„Und Lork?“

„Ist auf der Terrasse.“

„Zu zweien -- --,“ sagte Frau von Milorski sarkastisch.

Berningen beschloß innerlich, dann „lieber nicht zu stören“, und setzte

sich resigniert zum Whist nieder.

Auf der Terrasse herrschte tiefes Schweigen.

Die beiden sahen hinaus in die samtschwarze Nacht, und Monika fühlte

mit fast schmerzhafter Deutlichkeit die elektrische Spannung des

Mannes an ihrer Seite.

Die Minuten strichen so langsam dahin -- tropften dahin...

Und Nacht und Schweigen...

Bis plötzlich ein blutroter Schein aufflammte in dieser samtschwarzen

Nacht...

Und wieder einer...

Und hundert plötzlich... Brennende Feuerräder, die in ungeheurem Bogen

über den tiefdunkeln Himmel emporgeschleudert wurden und in einer

wilden Strahlengarbe hinabstürzten in den See. Strahlenkränze von roten

Lichtern auf all den Masten und Rahen der Schiffe, die auf dem Wasser

kreuzten.

Alle diese Schiffe aber blieben im Dunkeln. Man sah nur die Girlanden

von Licht -- wie Tausende roter Leuchtkäfer über dem See.

Und wieder feurige Schlangen, die empor in den Himmel zischten,

Kometen, die eine Flammenbahn über den Horizont zogen, feurige Blumen,

die aus einem überreichen Füllhorn emporgeschleudert wurden -- -- ein

wilder Taumel von Feuer, der von der Erde emporraste in den Himmel

hinein und hinabstürzend im Wasser starb.

Und wieder Nacht und Schweigen. -- -- Nein, Schweigen nicht...

Worte flammten auf, heiß und rot, wie es die Feuerblumen eben gewesen...

„Ich muß Ihnen von meiner Liebe reden, Monika. Ahnen Sie denn, wie sehr

diese Liebe von mir Besitz genommen hat? Ich bete Sie ja an: Ihre süße

Schönheit... Ihren Geist... Ihre Gutherzigkeit ... alles! Mein Denken

bei Nacht und Tag ... mein süßes Glück... meine schöne Pantherkatze, --

sag’ ein einziges Wort... ein einziges, liebes Wort.“

Sie fühlte seinen brennenden Atem über ihre Wange streichen, fühlte,

wie es ihn unwiderstehlich, übermächtig zwang, sie in die Arme zu

nehmen...

Und sich gewaltsam dem heißen Zauber entziehend, trat sie hastig einen

Schritt zurück.

„Still! Sagen Sie mir jetzt nichts weiter.“

„Aber morgen muß ich Sie sprechen, Monika.“

Sie antwortete nicht, trat hastig in den Salon, wo die Vier über ihrem

Spiel das Feuerwerk vergessen hatten.

Sie taumelte ein wenig, als sie ins Zimmer trat, und schloß die Augen

vor der Helle des elektrischen Lichts -- und hatte eben doch mit

offenen Augen in ein viel heißeres, rotes Feuer gesehen.

[Illustration]

Am nächsten Morgen hatte sie mit Lork die von ihm erbetene Aussprache.

Solange sie nebeneinander auf der weißen Landstraße einhergingen,

sprachen sie kein Wort. Dann bogen sie in einen Fußpfad ab, der an

Wiesen und schattigen Laubbäumen vorbei hügelan führte.

Monika setzte sich auf die Bank an irgendeinem Aussichtspunkte und

hielt ihren weißen Spitzensonnenschirm vor das Gesicht, weniger zum

Schutze gegen die Sonne als zum Schutze gegen seinen Blick. Und sie

sagte hastig:

„Sie dürfen nicht zu mir sprechen wie gestern abend, Graf Lork. Sie

wissen ja überhaupt nichts von mir...“

„Doch! Fräulein von Gräbert sprach mit mir, ehe sie fortfuhr.“

Eine heiße Röte überflammte Monikas Gesicht. Edith hatte also vor ihrer

Abreise noch ein Zusammentreffen mit Lork arrangiert. Wer weiß, was sie

da für Verleumdungen über sie aufgetischt haben mochte!

„Ich war unendlich glücklich über das, was Fräulein von Gräbert mir

sagte. Ich hörte, daß Sie im Begriff sind, sich scheiden zu lassen. Ist

das wahr?“

Monika antwortete nicht; mit aufeinandergebissenen Zähnen starrte sie

vor sich hin.

Und in heißem Flehen sagte die Stimme des Mannes von neuem: „Das ist

wahr?... Sagen Sie mir, daß es wahr ist...“

Der Schirm war ihrer Hand entsunken. Sie sah jetzt geradeaus in die

flammende Sonne.

Da griff er nach ihren Händen, umkrampfte diese kühlen, kleinen Hände

mit seinen glühend heißen Fingern und flehte: „Ist es wahr?“

„Ja,“ sagte sie tonlos.

„Monika, -- -- und wenn diese Scheidung vollzogen ist, dann darf

ich hoffen, daß Sie meine Frau werden? Ich will ja Ihr Sklave sein,

Monika, ich will Ihnen jeden Willen tun, Ihnen jeden Wunsch erfüllen...

Alles! Sie wissen, wie ich Sie verstehe, wie ich jede Regung in Ihnen

verstehe und liebe! In Ihrer prachtvollen Ursprünglichkeit sollen Sie

bleiben, kein Atom Ihres Selbst will ich anders haben, als es ist.

Unser Leben wird ein Rausch sein von Glanz und Leidenschaft!“

Er preßte seine fiebernden Lippen auf ihre Hand.

„Ihre Antwort, Monika...“

„Nicht jetzt,“ sagte sie schwer atmend, „lassen Sie mir Zeit.“

„Wann?“

„Ich weiß nicht...“

„Wann?“ flehte er.

„Ein paar Tage nur...“

Dann gingen sie langsam den Weg zurück, den sie gekommen.

Monika hielt den Blick tief gesenkt, nicht ein einzigesmal sah sie auf.

In seinen Augen aber war ein Schein von Siegessicherheit.

Kurz bevor sie am Hotel ankamen, sagte er:

„Ich werde heute und morgen wegfahren. Ich will Sie nicht stören, nicht

beunruhigen in dieser Zeit der Ueberlegung... aber übermorgen früh hole

ich mir meine Antwort.“

Monika schritt dahin wie im Traum. Der Lift fuhr sie in ihre Etage

hinauf, die Tür ihres Zimmers schloß sich hinter ihr. Ihr erster

Gedanke war: Dunkel, die Vorhänge herunter.

Dann, als sei es ihr immer noch zu hell, warf sie sich übers Bett und

wühlte den Kopf in die Kissen. Dunkel... Dunkel und Schweigen...

Aber es ward nicht dunkel vor ihren Augen. In unabsehbarer goldener und

strotzender Fülle sah sie alle Herrlichkeiten dieser Welt!

Die alle würde dieser Mann ihr geben, alles Schönste, wonach

sie je Begehren getragen, alles Schönste, was Natur und Kunst

hervorgebracht: edle Steine und schillernde Stoffe, kostbare Bücher

und Marmorbildsäulen, Pferde und Automobile und Jachten, Gärten und

Paläste...

Das alles würde er ihr geben in seiner heißen Liebe, die so

leidenschaftlich war, wie sie es immer ersehnt. Ganz einhüllen würde

er sie in diese flammende Leidenschaft. Seine Liebe würde sklavisch

zu ihren Füßen knien und darauf harren, ihr jeden Wunsch erfüllen zu

dürfen.

In allen Poren fühlte sie, welche Macht sie über diesen Mann besaß, der

jede Bewegung an ihr vergötterte, jedes Wort, das sie sprach, jeden

Gedanken, den sie dachte... Der sie liebte maßlos und schrankenlos...

+Das+ war’s, was ihr wie ein Rausch ins Blut drang, diese Erfüllung

ihrer jungen Sehnsucht: über alle Schranken hinaus...

Georg hatte sie in Schranken gehalten und sich selbst auch. Hatte er

sie überhaupt je geliebt? War das Liebe, die nach Zügeln fragte und

nach Grenzen? Georg war ein Egoist gewesen, immer; im Mittelpunkte

seines Denkens hatte er selbst gestanden, er und seine Karriere.

Würde er ihr je eine Ueberzeugung geopfert haben? Von Harry Lork

aber wußte sie, daß er es mit Freuden sehen würde, wenn sie alle

ihre Gefühle, alle ihre Gedanken wild wuchern ließ, daß sie üppige

Triebe und Blüten reckten. Mit Lork würde sie frei sein können im

Denken und Tun -- und überschüttet von Reichtum und fortgerissen von

Leidenschaften.

Sie sah wieder sein Gesicht vor sich, wie sie es neulich im Musikzimmer

gesehen, als die Sonnenstäubchen drüber hingeflirrt und die Linien

beleuchtet, die die Leidenschaft hineinriß...

Da wußte sie, was sie dem Grafen Harry Lork antworten würde, sobald er

wiederkam.

Sie war mit ihrem inneren Leben so sehr beschäftigt, daß sie es

vermied, andere zu sprechen. Sie war fast unhöflich, gab kaum Antwort,

wenn einer der Hotelgäste sie in ein Gespräch zu ziehen suchte.

Am nächsten Vormittag schwamm sie weit in den See hinaus. Die scharfe

körperliche Bewegung tat ihr wohl, lenkte sie ab von der heißen Arbeit

ihres Gehirns.

Aber als sie dann nachher auf dem weißen Sande des Badestrandes lag,

waren sie alle wieder da, die Zukunftsträume. Die waren nicht mehr in

den rosigen Farben ihrer ersten Jugend gemalt, sondern in Purpur und

Gold ihrer wissenden Frauenphantasie.

Und das Gefühl eines wilden Triumphes überkam sie: nie mehr „Sitte“

und „Pflicht“... nur alle heißen Träume wahr machen, die ihr Gehirn je

bewegt, -- -- jede Phantasie Wirklichkeit werden lassen!

Ja, das alles +konnte+ sie, in der Kraft ihrer blühenden Jugend, die

keinen Zügel mehr tragen würde, -- -- ungezählte Reichtümer zur Hilfe,

und einen Mann zur Seite, der ein Sklave ihrer Launen war.

„Schrankenlos genießen“ -- -- hatte er gesagt.

Und wie ein brausender Jubelchor klang es ihr in den Ohren:

„schrankenlos... genießen...“

Und doch... und doch... Es war keine volle Harmonie in diesem Hymnus.

Wohl klangen die Instrumente so lockend, lachten vor Rausch und Lust,

aber irgendwo schluchzte eine Geige, schluchzte so tief schmerzlich --

so unerträglich sehnsüchtig -- --

Was war es denn, was die schluchzte? Ein Wort nur, ein einziges Wort:

„Georg“...

Aber sie jagte diesen Gedanken von sich. Er war ein Egoist, er hatte

sie nie geliebt. Und nur jetzt keine falsche Sentimentalität.

Sie war entschlossen. Sie wußte, was sie Lork morgen antworten würde.

Als sie vom Schwimmbad nach Hause kam, den Blick gesenkt, um nicht

wieder in Unterhaltungen verwickelt zu werden, die sie störten, wurde

sie, als sie die Halle durchschritt, angerufen.

„Ah, Frau von Wetterhelm,“ klang es ihr, in einer schnarrenden Stimme

gesprochen, ins Ohr.

Sie mußte eine Sekunde lang nachdenken, wo sie dieses narbenzerrissene

Greisengesicht schon gesehen, dies Gesicht mit dem bulldoggenhaften

Ausdruck und einem goldgefaßten Monokel im linken Auge.

„Ah, Fürst Herrlingen.“

Wie lange ihr das schon her schien, seit sie ihn zum letztenmal

gesehen. Und es waren doch erst zwei Jahre, daß sie die Botschaft in

London verlassen. Sie hatte dann mit dem Fürsten noch korrespondiert,

und oft hatte er ihr geschrieben, welchen Spaß ihm ihre witzigen Briefe

machten.

Ob Herrlingen wohl wußte, wie sich ihr Lebensschicksal inzwischen

gestaltet?

Sie war verlegen, murmelte irgend etwas, daß sie hinauf müsse, aber er

bat so dringend, sich ein paar Augenblicke zu ihm zu setzen.

Er plauderte wie immer: in abgerissenen Sätzen, in der sehr lebhaften

Art, die er sich, trotz seiner siebzig Jahre, bewahrt hatte. Er

erzählte von gemeinsamen Bekannten. Ohne ein paar boshafte Ausfälle

ging es dabei nie ab.

Als sie im Begriffe waren, sich zu trennen, ließ er sich noch

versprechen, daß sie heute abend mit ihm diniere. Das müsse sie schon

für einen alten Freund tun. Nicht im großen Speisesaal -- gräßlich mit

den vielen Leuten! Er würde den gelben Salon reservieren lassen.

Monika zeigte sich am Abend in brillanter Laune. Sie scherzte und

lachte und berauschte sich schließlich an ihrer eigenen Gesprächigkeit.

Die Unterhaltung zwischen ihnen beiden flog hin und her wie ein

Tennisball, den zwei geschickte Spieler sich zuschleudern.

Wie früher war es.

Nein, doch nicht wie früher...

Da war Georg Wetterhelm mit dabei gewesen, hatte seiner Frau zugehört,

stolz auf ihren Esprit und ein wenig ängstlich, ob sie die Grenzen

innehalten würde...

Nein, nicht wie früher war’s.

Der Fürst schien den gleichen Gedanken zu haben.

Einen Augenblick zögerte er, dann: „Ich möchte Sie etwas fragen, Frau

von Wetterhelm. Nehmen Sie es als Freundschaftsbeweis. Man muß mich

schon mehr interessieren, wenn ich indiskret sein soll. Hat es zwischen

Ihnen und Wetterhelm einen Bruch gegeben?“

Sie antwortete nicht.

„Ich habe neulich Ihren Mann in Berlin gesehen,“ fuhr er fort, „er hat

mir nichts Besonderes über Sie erzählt. Er sagte nur, es ginge Ihnen

gut. Aber daß er nun doch nach Teheran will, nachdem er es Ihretwegen

vor drei Jahren abgelehnt -- --“

„Meinetwegen?!“

„Ah, Sie wissen es gar nicht? -- Das ist mal wieder recht Georg

Wetterhelm, es Ihnen gar nicht zu erzählen, wenn er ein Opfer bringt.“

„Ein Opfer?“ fragte sie mit versagendem Atem.

„Ja, für seine Karriere war’s eins. Das habe ich ihm damals klipp und

klar auseinandergesetzt. Die Kombination lag ja damals ganz anders

als heute. Allein die Tatsache, daß er dann vor drei Jahren schon

erster Botschaftsrat geworden wäre.. Und außerdem ist damals der

Herzog Wilhelm Friedrich hingegangen, der auf Wetterhelms Beihilfe

bei seinen ethnologischen Forschungen rechnete. Wetterhelm hätte die

schönste Gelegenheit gehabt, sich nach allen möglichen Richtungen hin

auszuzeichnen. Aber er wollte nicht hin! Ihretwegen nicht. Er fürchtete

für Sie das Klima, die zeitweise recht unruhige Bevölkerung -- es war

gerade wieder ein Aufstand vorgekommen. Er sagte mir auch, daß Sie

sich, so weit von unserer Kultur entfernt, gar zu unbehaglich fühlen

würden. Ich erwiderte, das seien doch alles keine Gründe, wenn ein

Vorteil für die Karriere in Frage käme. Aber ihm stand Ihr Wohl höher.

Ich machte ihm dann den Vorschlag, sich doch für ein Jahr beurlauben zu

lassen, um an der Expedition des Herzogs teilnehmen zu können -- Sie

wissen, was Wilhelm Friedrichs Fürsprache bei uns zu bedeuten hat --,

aber er antwortete, er wolle sich nicht so lange von Ihnen trennen. Ja,

die Liebe beeinträchtigt eben auch bei sonst ganz vernünftigen Menschen

den Verstand.“ --

Monikas Hand zitterte so stark, daß der blutrote Burgunder aus ihrem

Glase über das Tischtuch tropfte.

Ihr Wohl hat ihm höher gestanden als seine Karriere!

O nur allein sein, allein sein jetzt mit ihren Gedanken, die wie eine

Meute über sie herstürzten!

Aber die Frau von Georg Wetterhelm durfte ihre Haltung nicht verlieren.

Und sie krampfte ihre Fingernägel in die Handflächen, daß sie ihr

schmerzend ins Fleisch drangen.

Und sie plauderte weiter, liebenswürdig und witzig, als schlüge ihr

nicht das Herz wie rasend in der Brust, als stiege ihr nicht das Blut

so heiß zu Kopfe, daß es wie ein Brausen in ihren Ohren war.

Und der Augenblick kam, wo Herrlingen ihr abschiednehmend die Hand

küßte.

Dann endlich in ihrem Zimmer durfte sie sich ihrem Gefühle überlassen,

durfte aufschluchzen, durfte weinen, wie sie noch nie geweint...

War das der Mann, den sie einen starren Egoisten genannt? Dieser

Mann, der seinem Avancement schadete, um der geliebten Frau einen

unangenehmen Aufenthalt zu ersparen? Und der ihr nicht einmal etwas

davon sagte, in der herben Vornehmheit seiner Natur, die Opfer brachte

und keinen Dank dafür wollte!

In wogenden Nebeln versanken farblos alle die farbenstrotzenden

Zukunftsschlösser, die sie gestern noch gebaut. Was war aller Reichtum

und alle Leidenschaft, was waren alle Genüsse dieser Welt, wenn ihr die

Liebe fehlte?

Und ihre Liebe zu Georg, die sie so lange gewaltsam zurückgedämmt,

durchbrach alle Schranken, daß es ihr war, als sei ihr ganzes Sein nur

noch ein einziger Sehnsuchtsschrei nach ihm!

Aber eisig legte sich in den Aufruhr ihrer Gefühle die Frage: Wird er

mir verzeihen? Hatte sie ihm nicht schlecht gelohnt? Hatte nicht ihr

eigenes Selbst ihr höher gestanden als sein Glück?

Eine tiefe Mutlosigkeit wollte sie überkommen, ein banges Gefühl: Wird

das wieder gut?

O, wenn sie ihm nur alles sagen könnte, ihm alles verständlich machen!

Ein Irrtum war’s, der sie von seiner Seite gerissen.

Noch einmal grüßte aus dem Dunkel des Unwiederbringlichen das Haupt

des toten Bruders, die dunkeln Wimpern über den erloschenen Augen, ein

wenig geöffnet der Mund, ein wenig traurig...

Georgs Schuld?

Ach nein! Die Schuld des Birkenschen Blutes, der Birkenschen Erziehung.

Die Schuld des Blutes, das Alfred unter der Tropensonne seinem Geschick

entgegenführte, das Heinrichs Leben in unklare Wirrnisse verstrickte,

das sie selbst so gefährliche Bahnen geführt.

Und hoch über ihnen allen stand Georg.

Sein Leben lang hatte er idealen Gütern gedient, gab seine besten

Kräfte dem Lande, das ihn gezeugt, hatte in strenger Selbstzucht, in

treuer Erfüllung seiner Pflichten seine Einzelpersönlichkeit dem Wohle

des Ganzen untergeordnet.

Und nicht, wie sie geglaubt, war er unbeugsam und kalt dabei geworden

-- nein! Er war es fähig, ein Opfer zu bringen.

Ob er ihr verzeihen würde?...

Ach, kein Nachdenken jetzt -- kein Fragen.

Zu ihm! Mit dem Nachtzuge noch.

Sie erreichte ihn noch gerade.

Und während die Räder in rasender Hast durch das Dunkel jagten, saß sie

in eine Ecke des Coupés gedrückt, mit weit offenen Augen.

Sie legte sich nicht hin, sie konnte ja doch nicht schlafen.

Ob er ihr verzeihen würde?...

Verzeihen, daß sie in egoistischer Aufwallung Haus und Herd verlassen

und den Mann, der sie liebte?

Und sie dachte an den Abend vor bald sechs Jahren, als sie zu ihm

gefahren war, als ihr siebzehnjähriger Mädchenmund in Leidenschaft und

Liebe und Egoismus gestammelt: „Ich will mein Glück wiederhaben!“

Weiter und weiter durch die sternenlose Nacht, deren Schweigen mitunter

zerrissen wurde von dem gellenden Schrei der Lokomotive. Immer weiter

trug sie der Zug... zu ihm!

Und in ihrem aufgewühlten, durchschütterten Gehirn zuckten neben den

großen Fragen kleine Sorgen auf, kleinliche Bedenken:

„Wird er zu Hause sein? Wer wird mir die Tür öffnen? Wie mache ich’s,

daß er mich anhört ...?“

Tausend Möglichkeiten durchdachte sie, tausend Schwierigkeiten überwand

sie in Gedanken, immer neue Hindernisse überlegte sie sich, und wie sie

ihnen entgegentreten solle.

Und es kam alles viel einfacher, als sie gedacht. Der Diener öffnete,

sagte ein freudig überraschtes: „Ah, die gnädige Frau!“ und nahm ihr

den Reisemantel von den Schultern.

Und mechanisch nahm sie auch den Hut ab, so als ob sie hier zu Hause

wäre, wieder zu Hause.

Sie schritt durch ihren blauen Salon und durch das Musikzimmer und

öffnete die Tür zu Georgs Arbeitszimmer.

Er saß am Schreibtisch und sah nicht auf.

Wie ernst, wie furchtbar ernst das geliebte Gesicht war!

Sie stammelte seinen Namen.

Und da sprang er auf.

Kein Besinnen, kein Fragen, keine Korrektheit ... nur ein einziger,

wilder Schrei:

„Du!“

Und seine Arme, die sie umfaßten, sein Mund, der sich auf den ihren

preßte, sein heißes Gestammel: „Bist Du doch gekommen, mein kleiner

Schatz? Mein geliebter, kleiner Schatz, bist Du doch gekommen, mein

Glück...“

„Ja, Georg, und ich will bei Dir bleiben, immer ... immer...“

Es bebte wie Angst in seiner Stimme:

„Du weißt, wie verschieden unsere Naturen sind. Es mag wohl wieder ein

Tag kommen, Monika, wo ich Dein phantastisches Köpfchen nicht verstehe,

wo ich Deine Wildheit nicht gutheißen kann, wo ich Dir etwas nicht

geben kann, nicht geben darf, was Du verlangst -- wo ich Dir Deine

Wünsche nicht erfülle...“

„Dann...“ Der Schein einer unendlichen Hingabe verklärte ihr Gesicht.

„Dann werde ich nicht, wie in meinen Kinderjahren, sagen: ‚Mir

zuliebe!‘ Dann werde ich nicht, wie in meiner Brautzeit, stammeln:

‚Unserem Glücke zuliebe‘ -- dann werde ich das Wort sagen, das ich

jetzt sprechen gelernt habe: ‚Dir zuliebe‘!“

[Illustration]

Pantherkätzchen · 第 30 / 34 题