Das sei immer so, und sie hoffe, so würde es auch Alfred ergehn. --

Ein eisiges Gefühl des Schreckens überrieselte Monika.

Sie sah ein böses Ende voraus. Alfred mit seinem ausgesprochenen

Hang zur Herrschsucht und zur Brutalität in jenem Lande, in dem dem

Einzelnen so sehr viel Macht gegeben war, wo nicht wie hier seinen

Instinkten Zaum und Zügel angelegt waren. Wo er eine Macht bedeutete

und unter Umständen Herr war über Menschenleben.

Ein böses Ende...

Und sie konnte nichts tun; mußte tatenlos zusehen, wie er seinem

Verderben entgegenging.

Sie hatte Alfred nie ganz durchschaut. Die verschiedensten

Charaktereigenschaften lagen bei ihm nebeneinander.

Er konnte banal sein bis zum Stumpfsinn und geistreich wie selten

einer. Er war sehr mißgünstig, sehr händelsüchtig; trotzdem bei vielen

beliebt wegen der unvergleichlich witzigen Art, die er oft hatte.

Er malte talentvoll, hatte einen auffallend schönen Bariton -- aber

alle seine Gaben nutzte er nicht aus, von einem sonderbaren Mißtrauen

gegen sich selbst erfüllt.

Stückwerk war er, wie die Birkenschen Kinder alle, wie sie selber auch!

Und Georg tauchte vor ihren Augen auf; der ging nie einen Schritt vom

Wege, der ging den schnurgeraden Pfad der Korrektheit, der Sitte, der

Pflicht!

Ein trotziges Aufbäumen faßte sie: nein! Die Birkenschen Kinder gingen

keinen vorgezeichneten Pfad. Die gingen durch Gestrüpp und auf Irrwege,

die nahmen sich, was sie begehrten, und wenn es um den Hals ging. Und

wenn man zugrunde ging!

Erschreckend deutlich sah sie vor sich das wunderschöne und ein wenig

traurige Jünglingsantlitz des toten Bruders.

Und sie sah Alfreds Zukunft unter Afrikas sengender Sonne, die sein

wildes Gehirn immer mehr aufreizte, immer mehr... Und sie sah Heinrich,

dessen Energie immer schlaffer wurde in der regenbogenfarbenen

Dämmerung der Mystik und der Dichtkunst.

Und sie sah sich selbst, losgelöst von Haus und Herd, voll von

strotzender Jugendkraft, voll von heißen Phantasien.

Wie ein böses und trauriges Lied, wie eine unendlich schmerzvolle

Melodie klang es ihr im Ohr: „zugrunde gehn?“

[Illustration]

14.

„Wenn Sie Ihre Freiheit dazu erobert haben, um Tage über auf dem Balkon

zu sitzen und nachts den Schlaf des Gerechten zu schlafen, dann.. dann

brauchten Sie eigentlich diese Freiheit verflucht wenig!“ sagte Edith

eines Tages.

Das traf Monika. Edith hatte recht. Was tat sie mit der heißbegehrten

Freiheit? Und mit plötzlichem Entschluß sagte sie:

„Ja, Sie haben recht, Edith. Es ist lächerlich, daß ich mich so

abschließe.“

Nicht mehr wie bisher ging sie gleich nach den Mahlzeiten nach oben,

sondern blieb mit Edith in der Halle. In dem großen, prunkvollen

Raume mit seinen riesigen Spiegeln, den hohen Marmorvasen, in dem

exotische Pflanzen blühten, war besonders zur Zeit des Fünf-Uhr-Tees

ein buntscheckiges Publikum versammelt. Hier wiegte sich auf dem

Rocking-Chair eine goldblonde junge Amerikanerin, den Strohhalm

ihres Ice-Drink zwischen den purpurn geschminkten Lippen; ihre

weitvorgestreckten Füße ließen ihre violetten Seidenstrümpfe und

breithackige Lackschuhe sehen, auf deren Spangen Brillant-Agraffen

blitzten. Und über diese Agraffen beunruhigte sich eine deutsche

Bürgerfamilie, die, angelockt durch das Plakat: „Täglich von 5 bis 7

Zigeuner-Musik“, sich hierherbegeben. Der Familienvater suchte sich

immer von neuem dadurch Contenance zu geben, daß er sein Pincenez

zurechtschob. Das alles hier herum war ihm sehr ungemütlich. Diese

babylonische Pracht in der Runde sowohl wie die Blicke, mit denen seine

gestrenge Gattin kontrollierte, ob er den extravaganten Damen hier

Aufmerksamkeit schenke.

An einem der nächsten Tische saß ein altes, englisches Ehepaar,

das so häßlich war, daß man nicht verstehen konnte, wie es zu der

wunderschönen Tochter kam, die es spazieren führte.

Ein paar Südamerikaner mit stechenden schwarzen Augen in olivbraunen

Gesichtern, Mister Raspkeeper, der Petroleumkönig, dessen mageres

Gesicht über dem entfleischten Halse etwas Geierhaftes hatte, die

schöne Niniche, eine weltbekannte Tänzerin, die von echten und

falschen Reizen strotzte, Herr von Aro, ein angekränkelter deutscher

Rittmeister, Graf Lork, ein eleganter Russe, von dessen Reichtum man

Fabelhaftes erzählte, und das alles trank Tee und Cocktails, aß Petits

Fours und Sandwiches. Durch die riesigen Spiegelscheiben glänzte das

tiefe und kostbare Grün des Sees, grüßte des Bürgenstocks wildzackiger

Umriß.

Und die Zigeuner in ihren roten Jacken spielten auf stöhnenden Geigen

von der Liebe...

~Quand l’amour se meurt~...

Da schlug Monikas Herz so qualvoll... Ihre Liebe zu Georg war ja tot.

Sie nahm sich zusammen, hörte nicht mehr auf den schmachtenden,

traurigen Walzer, der davon erzählte, wie die Liebe stirbt..

Pantherkätzchen · 第 27 / 34 题