„Aber Du siehst schlecht aus, ja wirklich,“ beharrte Frau von Birken
mit einer so überzeugenden Wärme, daß Heinrich ganz unwillkürlich ein
leidendes Gesicht machte.
„Sag’, was hast Du denn, mein Einziges? Arbeitest Du vielleicht zu
viel? Ach Gott, Jurisprudenz ist sicherlich das schwerste Studium von
allen, aber Deines Geistes würdig. Nur überanstrenge Dich nicht! Schone
Dich, mein Heinzemännchen, schone Dich!“ --
Und das Sich-schonen besorgte Heinzemännchen redlich. Das erwählte
Studium sagte seiner träumerischen Natur nicht sehr zu. Am wohlsten
fühlte er sich im Kreise der jungen und jüngsten Literaten, mit denen
er sich jeden Nachmittag in einem Café traf. Man saß dort viele Stunden
zusammen, trank schwarzen Kaffee und schimpfte auf die herrschenden
Literaturgrößen. Dieser Zeitvertreib wurde dadurch belebt, daß auch
die Weiblichkeit vertreten war. Eine junge Dichterin, die jedem, den
sie kennen lernte, in den ersten fünf Minuten versicherte, daß sie
„sehr pervers“ sei -- zwei Vortragskünstlerinnen vom Kabarett „Zum
Regenbogen“ -- und eine Barfußtänzerin beschäftigten sich damit, den
jungen Poeten himmlische Rosen ins irdische Leben zu flechten.
Heinzemännchen nahm einen ehrenvollen Platz in diesem Kreise ein. Die
Weisheit, die er hier lernte, machte mehr Eindruck auf ihn als die im
Hörsaal. Das war so recht was für ihn, diese endlosen Diskussionen
bei Kaffee und Zigarette über Naturalismus, Mystizismus, Symbolismus,
Neo-Impressionismus, -- -- nur unterbrochen durch den Vortrag von
lyrischen Gedichten, die bei allen anwesenden Freunden des jeweiligen
Autors brausende Beifallsstürme hervorriefen.
Heinrichs Gedichte hatten vor allem den Beifall der Damen.
„So gefühlvoll dichtet doch kein anderer wie unser Baron
Heinzemännchen,“ sagte die Barfußtänzerin mit Tränen in den Augen, als
er seine Ode: „An die violette Ampel im Schlafzimmer meiner Geliebten“
vorgetragen.
Diese literarischen Freuden waren endlos, die Gespräche waren nicht
einzudämmen. Die Gesellschaft saß manchmal noch zusammen, wenn schon
der Frühschein sich durch die Fenster stahl, und der Pikkolo, dessen
großer Kopf vor Schlaftrunkenheit zwischen den Schultern schwankte, die
unermüdliche Gesellschaft mit rachsüchtigen Augen anstarrte.
Für Heinrich war es unangenehm, daß seine Mutter immer noch auf war,
wenn er nach Hause kam.
Auf alle seine Vorhaltungen erwiderte sie, sie könne doch nicht
schlafen, wenn ihr Liebling nicht wohlgeborgen in seinem Bettchen ruhe.
Und es wäre ja sehr häßlich von dem Liebling, seine Mutter so lange
warten zu lassen, aber schlafen ginge sie nicht, ach nein! Sie opfere
sich eben auf für ihn.
Heinrich unterdrückte die Aeußerung, daß er auf dieses Opfer gern
verzichte. Er war seiner Mutter gegenüber durchaus rücksichtsvoll im
Ton. Aber innerlich wurde ihm die überzärtliche Bevormundung immer
unerträglicher.
Er schwankte noch einige Zeit hin und her, raffte sich dann aber doch
zu einem Entschlusse auf und sagte ihr eines Tages, daß er von jetzt ab
allein wohnen wolle.
„Du mußt mir das nicht übel nehmen, Mama, aber bei Dir werde ich kein
Mann, wie er fürs Leben paßt. Dieses ewige Bemuttern und Streicheln
und Küssen, -- ich bin doch schließlich kein Wiegenkind mehr. Und ich
komme natürlich sehr oft zum Besuch.“
„Heinrich, das ist doch nicht möglich! Verlassen willst Du mich?! Das
kannst Du mir doch nicht antun. Mir... Deiner Mutter, die sich zeit
Deines Lebens so für Dich aufgeopfert hat.“
Im Tone ihrer Stimme zitterte all ihr Gefühl für diesen Sohn, das
größte und tiefste Gefühl ihres Lebens.
Sie sprach nicht laut wie sonst, wenn sie erregt war. So tonlos
klang’s... mit versagender Stimme: „Heinrich, ich habe doch alles
getan, was ich Dir an den Augen absehn konnte, -- alles... alles...“
Er zögerte.
„Ja, ich weiß das auch zu schätzen, Mama. Sicher... Halte mich nicht
für undankbar! Ich bin doch jetzt ein erwachsener Mensch, ich muß doch
mal endlich auf eigenen Füßen stehen lernen.“
Sie fand keine Worte mehr, -- sie, bei der sonst die Rede so lustig
sprudelte wie ein Bächlein über Stock und Stein. Der Schlag war zu
unerwartet gewesen, kam zu sehr aus heiterem Himmel. Sie hoffte immer
noch, Heinrich werde seine Absicht nicht ausführen. Das konnte er ihr
doch gar nicht antun!
Aber sie kannte ihr eigenes Fleisch und Blut schlecht. Die Birkenschen
Kinder gaben keinen Plan auf.
Das war einer der schwersten Schläge ihres Lebens, der Tag, an dem
Heinzemännchen von ihr ging.
Er hatte sich ein möbliertes Zimmer gemietet, im Studentenviertel, und
kam sich in seiner endlich errungenen Freiheit sehr stolz und glücklich
vor.
Seine Mutter hatte gehofft, daß er schon nach den ersten Tagen
wiederkommen würde, daß ein Leben ohne ihre Sorgfalt und Mühe nicht
auszuhalten sei. Aber sie täuschte sich.
Heinrich aß sogar sein zähes Restaurationsschnitzel, das er nun statt
der herrlichen mütterlichen Fleischtöpfe vorgesetzt bekam, mit einem
Gefühl der Befreiung. Sicher, die Mama war immer rührend um ihn besorgt
gewesen, aber dieses Uebermaß hielt man nicht aus!
Seiner im Grunde gutmütigen Natur entsprechend, besuchte er sie
zuerst täglich. Dann aber wurden die Bande, die ihn an seine
Kaffeefreundinnen und -freunde knüpften, immer festere, und die Besuche
bei seiner Mutter erfolgten in immer größeren Zwischenräumen.
Frau von Birken konnte und konnte sich nicht in die Trennung von ihrem
Lieblingssohn fügen. Ihr schien ihr Leben plötzlich seines besten
Inhalts beraubt.
Was war das für ein Aufwachen jetzt, seit sie wußte, daß sie nicht wie
sonst nur eine Tür zu öffnen brauchte, um das geliebte Gesicht ihres
Jungen im tiefen Morgenschlafe zu sehn!
Was war das für ein Tag, der ihr keine Sorgen mehr darüber brachte, was
Heinrich essen würde, womit man ihm eine Freude machen könne....
Sie empfand ihr Mutterschicksal als ein unverdient unglückliches. Was
hatte sie nun von ihren Kindern?! Daß Alfred sie verschwindend selten
besuchte, war ihr nicht so wichtig. Mit dem hatten sie ja nie sehr
intime Bande vereint.
Daß Monika sich so verändert, darunter litt sie. Was war Mone früher
für ein anschmiegendes, warmherziges Kind!
Was Heinzemännchen anbetraf, so gab sie ihm keine Schuld an seiner
Fahnenflucht, -- er war ja ein so edler Mensch, da mochten eben
irgendwelche Einflüsse mitgespielt haben, dunkle Mächte, über die sich
Frau von Birken selber nie klar wurde. Aber mochte es nun gewesen
sein, was es wollte, -- das Unglück war jedenfalls da: der Liebling
war ihrem mütterlichen Herzen entrissen. Das unglückliche Kind hauste
jetzt in einem Zimmer, auf dessen Bett nur Decken lagen, „nicht einmal
ein Federzudeck“, und des Morgens bekam er statt Tee, Toast, Schinken,
Setzeier und Marmelade -- nun Zichorienkaffee und Schrippen mit
Margarine. -- --
Nur Karl blieb jetzt der Mutter. Und Karl war kein ausreichender Trost.
Er war ja ein netter, gutmütiger Junge, aber er hatte so gar keine
Interessen, die ihn mit der Mutter verknüpften, so gar nichts von der
geistigen Begabung ihrer anderen Kinder.
Er war jetzt beinahe achtzehn Jahre alt und saß immer noch in
Unter-Sekunda.
Aeußerlich war er ein auffallend hübscher Mensch. Noch immer Cherubim.
Kein Barthaar beschattete seine weichgeschwungene Oberlippe, seine
Haut war weiß und rosig wie die eines Babys. Noch immer hatte das
Haar seinen Goldschimmer und die dunkeln Augen ihren unschuldsvollen
Ausdruck.
Noch immer war er gottergeben und leichtsinnig, nur daß diese
Leichtsinnigkeiten jetzt einen sehr viel größeren Umfang angenommen
als früher. Er raubte jetzt nicht mehr Nickel, aber er ging
Schuldverschreibungen ein, die seine Mutter dann mit Ach und Krach, mit
Lamentieren und Wehklagen einlöste. Oft, wenn sie ihm gar nichts mehr
geben wollte, ging er zu Monika, die immer ein paar Goldstücke für ihn
übrig hatte.
Das Zuhören in den Lehrstunden gewöhnte er sich allgemach ganz ab. Das
alles war so anstrengend und unverständlich. Er mußte ja hingehen aufs
Gymnasium, das war klar, -- das Einjährige zum mindesten mußte er haben.
Aber das würde er schon irgendwo machen, das würde sich schon
arrangieren lassen. Es arrangierte sich ja immer alles...
Nur sein Körper saß auf der Schulbank. Sein Geist duselte in seligen
Fernen.
Es waren durchaus keine aufregenden Genüsse, die er sich vorstellte.
Nur etwa so: stille daliegen auf dem weichen Sandstrande eines blauen
Sees, die nackten Glieder von Luft und Sonne umspielen lassen... Und
Stille ringsum und Schweigen... nichts tun, nichts denken, -- -- in
die flimmernden Wellchen starren, die der See kräuselt, und Zigaretten
rauchen... Oder: sehr gut essen, viel und gut, saftige Braten und kühle
Fruchtgelees... Oder: ein hübsches Mädchen, das sehr nett und lieb zu
ihm war...
In Wirklichkeit waren viele Mädchen lieb zu ihm. Seine Schönheit, sein
liebenswürdiges Wesen erschlossen ihm viele Herzen. Er selbst war nicht
gerade leidenschaftlich, aber er nahm mit Freuden alle Liebe, die ihm
dargebracht wurde.
Frau von Birken war außer sich über die rosa Briefe, „noch dazu die
meisten unorthographisch“, die ihm ins Haus flogen. Sie fing diese
Briefe ab, öffnete sie, hielt sie dem Schuldigen vor, erging sich
in Zornesausbrüchen über seine Liederlichkeit, worauf er mit einem
ehrlichen Nichtverstehn ihr nur erwiderte:
„Aber da ist noch nichts dabei, Mama, -- -- es ist wirklich ein sehr
nettes Mädchen.“
„Mein Gott, was soll bloß aus Dir werden?“ stöhnte die Mutter.
Er zuckte ratlos die Achseln.
„Aber Du kannst doch nicht als Rentier leben, dazu haben wir ja gar
nicht die Mittel. Ein Mann muß doch etwas tun, einen Beruf haben, --
Pflichten erfüllen! Sag’ doch selbst, wozu Du Lust hast! Wozu Du Talent
hast, -- -- irgend etwas!“
„Zu gar nichts,“ sagte Karl gottergeben.
Dann hatte er eine plötzliche Eingebung. „Ich möchte gern aus dem
Gymnasium raus, Mama.“
Frau von Birken rang die Hände. „Karl, das wagst Du mir zu sagen?! Das
wagst Du?! -- -- Jetzt willst Du weg, noch vor dem Einjährigen? Karl,
weißt Du denn nicht, welcher Familie Du angehörst? Dein Großvater
war Universitätsprofessor! Und Deine Schwester ist bis Ober-Sekunda
gekommen, obwohl sie nur ein Mädchen ist. Und wenn nicht diese Heirat
dazwischengekommmen wäre, so wäre sie heute Fräulein Doktor. Jawohl!
-- -- Und Alfred hat doch wenigstens das Abiturium gemacht, ehe er
Offizier wurde. -- -- Und Heinzemännchen! -- -- Den Aufsatz, den er
zum Abiturium gemacht hat, habe ich einbinden lassen... in grünes
Leder... zur Erinnerung für Kinder und Kindeskinder ... +so+ ist der
Aufsatz! -- -- Karl, wenn Du so ungebildet bleiben willst, das überlebe
ich nicht!“
„Na, wollen mal sehn, wollen mal sehn,“ sagte Karl begütigend. Aber
sehr hoffnungsvoll klang es nicht.
Immerhin schöpfte die optimistische Frau von Birken auf diese so
maßvolle Aeußerung hin neuen Mut.
Karl war ja ein guter Junge und würde sich nun wohl wirklich endlich
bessern.
Es war deshalb ein schwerer Sturz aus ihren neuerweckten Hoffnungen,
als schon acht Tage nach diesem Gespräch Karl vor sie hintrat mit dem
dringenden Ersuchen, ihm zweitausend Mark zu geben.
Sie war außer sich. Was dachte er sich denn eigentlich? Wozu brauchte
denn ein Schüler überhaupt so viel Geld? --
Die Erklärungen, die er gab, waren so phantastisch, daß die Mutter
trotz all ihrer Leichtgläubigkeit auch nicht ein Wort davon für wahr
hielt.
Aber wie immer war aus Karl nichts herauszubekommen.
Wenn man ihm eine Lüge nachgewiesen, fand er flugs eine andere. Ohne
den leisesten Schimmer von Verlegenheit, ohne einen Augenblick des
Nachsinnens strömten ihm die Ausflüchte zu. Er, der sonst eine so wenig
rege Phantasie, eine so wenig lebhafte Geistestätigkeit besaß, war nie
einen Augenblick verlegen darum, die kompliziertesten Geschichten zu
erfinden.
Er faßte die Weigerung seiner Mutter, ihm auch nur einen Pfennig zu
geben, ernster auf, als er sonst zu tun pflegte.
Sein rosiges Gesicht war blaß geworden; er klemmte die Unterlippe so
fest zwischen die Zähne, daß ein Blutstropfen niederperlte.
„Ich muß das Geld haben, Mama.“
„Wir werden ja sehen, ob Du mußt.“
Er drehte sich kurz um und verließ das Zimmer. Er ging zu Monika.
Da es eine verhältnismäßig frühe Stunde war, war sie noch nicht fertig
angezogen. Sie saß in einem Peignoir vor dem Spiegel, und ihre Jungfer
bürstete ihr die schönen kastanienfarbenen Haare, die in mächtigen
Wogen niederflossen.
Sie hatte Karl ohne weiteres in ihr Toilettenzimmer treten lassen; sie
behandelte ihn noch ganz als Kind. Alle Leute behandelten Karl als Kind.
Er setzte sich in einen der weißen Louis-XV.-Sessel und sah zerstreut
zu, wie die Jungfer die Frisur vollendete. Dann wurde das Mädchen auf
seine Bitte hinausgeschickt, und nun bat er in seiner langsamen, ein
wenig ungeschickten Sprechweise seine Schwester um die zweitausend
Mark, deren Zahlung seine Mutter so entrüstet abgelehnt.
Auch bei Monika fand er kein Entgegenkommen.
„Lieber Junge, ich habe nie ein Wort gesagt oder gefragt, wenn Du
zwanzig Mark haben wolltest oder vierzig. Aber zweitausend? -- -- Wofür
brauchst Du zweitausend Mark?“
„Es ist eine Ehrenschuld.“
„Sekundaner haben keine Ehrenschulden.“
„Doch.“
Sein sanftes Gesicht bekam einen verstörten Ausdruck.
„Erzähl’s mir, Karl.“
„Ach, Mone, davon wird’s auch nicht besser! Gib mir doch das Geld. Sieh
mal, Du bist der einzige Mensch, den ich um sowas bitten kann, Mama hat
Zetermordio geschrien, als ich sie darum gebeten. Alfred und Heinrich
gebrauchen selber mehr als sie haben. -- Mone, gib mir’s.“ Er drückte
ihr die Hände.
„Ich, -- -- ich hab’s ja auch nicht,“ sagte sie, schon schwankend
geworden, „Du weißt doch, Karl, ich hab’ kein Geld. Und Georg kauft mir
zwar alles, was ich haben will, aber er gibt mir doch kein Geld in die
Hand. Ich kann Dir die zweitausend Mark gar nicht geben.“
„Dann sag’s Deinem Mann,“ rief er mit ungewohnter Entschiedenheit.
„Na schön,“ sagte sie nach sekundenlangem Besinnen, „ich werde es ihm
heute nach dem Lunch sagen.“
„Und ich komme mir die Antwort heute abend holen.“
„Komm nicht. Wir sind zum Diner eingeladen. Ich schreibe Dir aber und
schicke Dir schon heute nachmittag den Brief durch den Diener.“
Mit einem erlösten Aufatmen beugte er sich über ihre Hand und küßte sie
dankbar.
Als er das Haus verließ, schien er seine ganze Spannkraft
wiedergefunden zu haben.
Monika aber hielt ihr Versprechen. Gleich nach dem Lunch, das man zu
zweien eingenommen, bat sie ihren Mann, ihr die zweitausend Mark für
Karl zu geben.
„Höflich abgelehnt,“ sagte er.
„O Georg...“
„Lieber Schatz, es wäre ein haarsträubender Unsinn, einem noch nicht
achtzehnjährigen Schüler eine solche Summe in die Hand zu geben. Wozu
will er es denn überhaupt haben?“
„Er sagt, es sei eine Ehrenschuld.“
„Ehrenschuld? Mit dem Worte bezeichnen viele Leute recht unehrenhafte
Schulden.“
„O, Karl ist solch ein lieber, netter Junge.“
„Gewiß, er ist ein sehr netter Mensch, aber das ist doch kein Grund,
um seinen Hang zum Leichtsinn, zu bodenloser Liederlichkeit zu
unterstützen! Was ist denn der Effekt davon, wenn wir ihm das Geld
geben?! Er gibt es in leichtsinniger Weise aus!“
„Aber wenn er es doch für Schulden haben will...“
„Dann bezahlt er vielleicht diese und macht sofort neue und zwar in
noch größerem Maßstabe. Er hat ja dann die sichere Ueberzeugung, daß
sie auch bezahlt werden.“
„Ach, Georg, sei nicht geizig.“
„Liebes Herz, die Aeußerung da hast Du Dir wohl nicht überlegt. Hast Du
mich je geizig gefunden?“
„Für mich nicht, aber für andere hast Du doch eigentlich nie was getan.“
„Jeder ist sich selbst der Nächste, seine Familie natürlich
miteingeschlossen. Bei dem uferlosen Mitleid für alles und alle kommt
nie was Gutes heraus.“
„Aber Karl ist doch Dein Schwager.“
„Eine juristische Verpflichtung zur Unterstützung eines
Schwagers besteht nicht, eine moralische unter Umständen, die
hier nicht vorhanden sind. Wenn Dein Bruder durch Krankheit
unterstützungsbedürftig wäre oder eine Summe brauchte, um sich eine
Existenz zu gründen, so würde ich Dir zuliebe eventuell sogar ein
größeres Opfer bringen! Aber für einen derartig leichtsinnigen Bengel,
der gar nicht ahnt, gar nicht faßt, was Pflicht heißt!“
„Ja, die sogenannte Pflicht ist uns wohl nie genug eingetrichtert
worden,“ sagte Monika nachdenklich.
„Die strenge Hand hat Euch gefehlt. Dein Vater starb zu früh.“
„Und vorher hat er sich auch nicht um unsere Erziehung bekümmert, und
der Mama sind wir zu schnell über den Kopf gewachsen, alle vier.“
„Ja, da Du davon sprichst, Monika -- Du weißt, ich rede nie ungefragt
über Deine Angehörigen, aber da das Thema nun einmal aufgerollt ist:
Deine Brüder machen mir überhaupt Sorge. Ich hörte da neulich durch
meinen Vetter Alexander, der Bataillonskommandeur von Alfred ist, -- er
gibt ihm keine zwei Jahre mehr im bunten Rock.“
„O -- --“
„Ja, daß er Schulden hat, wäre schließlich nicht so schlimm, aber da
ist eine Soldatenmißhandlungsgeschichte, bei der er eben noch mit
einem blauen Auge davongekommen ist. Alfred gilt als der brutalste,
händelsüchtigste Offizier im Regiment.“
„Er war schon als Kind so wenig gutmütig.“
„Und Heinrich scheint sich auch nicht gerade in bester Gesellschaft zu
bewegen. Im Amt erzählte mir neulich jemand, daß ein Baron Birken als
‚Amateur-Dichter‘ Verse im Kabarett „zum Regenbogen“ vorgetragen, und
fragte mich, ob der Jüngling zu Deinen Verwandten gehöre. -- Und Karl,
von dem ich eigentlich hoffte, er würde ein Normalmensch und seinerzeit
ein brauchbarer Offizier werden, läßt sich ja jetzt auch recht niedlich
an.“
„Eine nette Familie sind wir! Und dabei hast Du in Deiner bekannten
Höflichkeit mich und meine gefährlichen Anlagen noch gar nicht mal
erwähnt,“ lachte Monika.
„O, Du bist sehr schnell eine tadellose Frau geworden, und das weißt Du
auch ganz genau.“
„Wetterhelmsche Schule.“
„Und, Liebling, was Karls Bitte anbetrifft, so siehst Du ein, daß es
inkorrekt wäre, seine Dummenjungenstreiche zu unterstützen.“
„Ja, Du hast ganz gewiß recht, nur, er bat so herzlich -- --“
„Keine falsche Gutmütigkeit! Schreibe ihm ruhig, daß Du das Geld nicht
hättest, und daß ich es Dir nicht gäbe für Sachen, die so zweifelhafter
Natur sind, daß Karl selber sie nicht erzählen kann! Und schärfe ihm
ein bißchen das Gewissen in bezug auf seine Lebensführung -- das geht
doch nicht so weiter!“
Und Monika schrieb ein paar Zeilen, die ganz im Sinne des eben
stattgefundenen Gespräches waren -- und ging mit dem Gefühl einer gut
erfüllten Pflicht zu dem Diner. -- --
Als das Dessert aufgetragen wurde, bat ein Diener Frau von Wetterhelm
ans Telephon.
Monika folgte ihm erstaunt, ein wenig beunruhigt. Wer wußte denn
überhaupt, daß sie hier war?
Karl telephonierte. „Ich bin hier bei Euch, Mone. Der Diener hat mir
gesagt, wo Ihr seid. Ich muß Dich sprechen.“
„Aber, Karl, um Gottes willen, was gibt es denn?“
„Ich brauche das Geld, und Mama hat es mir eben zum letztenmale
abgeschlagen.“
„Aber wozu brauchst Du es?“
„Das ist doch schließlich gleichgültig. Aber ich muß es sofort haben,
Mone, spätestens morgen früh muß ich’s haben. Sprich mit Deinem Mann.“
Mit einer ärgerlichen Bewegung ließ sie den Hörer sinken, entschloß
sich aber doch, Georg rufen zu lassen.
Als er hörte, worum es sich handelte, griff er mit einer ihm sonst
ungewohnten Heftigkeit nach dem Hörer.
„Karl.... Du -- --?“
„Ja.“
„Wenn Du mir oder meiner Frau was zu sagen hast, so warte gefälligst,
bis Du uns zu Hause antriffst, und störe uns nicht, wenn wir bei
anderen zum Besuch sind. Schluß!“
Er klingelte energisch ab. Dann wandte er sich an Monika.
„Lieber Schatz, was ich eben Deinem Bruder sagte, hättest Du ihm sagen
sollen im ersten Augenblick, als er telephonierte. Mich noch herrufen
zu lassen, war überflüssig. Es erregt unnötiges Aufsehen, wenn wir
beide zu dieser späten Stunde in einem fremden Hause ans Telephon
gerufen werden. Also nicht wahr, ein andermal etwas mehr Sinn für
Korrektheit, lieber Schatz.“
„Verzeih, ich hätte Dich nicht rufen lassen sollen.“
Zusammen betraten sie wieder den Eßsaal, und im Verlaufe des sehr
angeregten Abends vergaß Monika den Zwischenfall. --
Aber am nächsten Morgen beschloß sie, gleich mal nach Karl zu sehen. Es
war Sonntag, also war er nicht im Gymnasium.
Monika ließ sich anziehn, sagte ihrem Manne, daß sie zum Lunch zurück
sei, und fuhr zu ihrer Mutter.
Das Dienstmädchen sagte ihr, die gnädige Frau sei schon vor zwei
Stunden zum Baron Heinrich gefahren mit einer großen Punschtorte, die
man ihm zum Sonntag gebacken. Monika unterdrückte mit Mühe ein Lächeln;
ihre Mutter war mehr in der Studentenbude von Heinzemännchen als in
ihrer eigenen Wohnung.
Aber es paßte ihr ganz gut, daß sie Karl nun allein sprechen konnte. Da
würde sie ihn ordentlich ins Gebet nehmen.
„Hat Karl schon gefrühstückt?“
„Nein, Herr Karl schläft noch, am Sonntag schläft er immer so lang’,“
sagte das Mädchen und lächelte strahlend. Wie die meisten weiblichen
Wesen hatte sie für Karl ein faible.
Monika sah nach der Uhr. Halb zwölf. Um halb eins mußte sie zu Hause
sein. Da konnte sie wirklich nicht warten, bis der Langschläfer
erwachte; da mußte sie ihn gleich wecken.
Sie schritt den Korridor entlang bis zu dem abgelegenen Hinterzimmer,
das Karls Reich bildete. Sie klopfte.
Und lauter dann... und noch einmal...
Keine Antwort. Seinen Schlaf schienen seine Geldsorgen einstweilen
nicht zu stören. Wahrscheinlich hatte er gestern übertrieben wie schon
so viele Male. Wahrscheinlich war der Hundertmarkschein ihm gar nicht
sehr nötig, den sie in die Oeffnung ihres linken Handschuhs geschoben,
um ihn Karl gleich beim Gutentagsagen geben zu können. Dieser Schein
war ihm als Schmerzensgeld zugedacht für die abschlägige Antwort,
die sie ihm gestern gegeben. Ihr Mann hatte sie vollkommen überzeugt.
Es wäre gegen ihre Pflicht gewesen, Karls bodenlosem Leichtsinn noch
Vorschub zu leisten.
„Karl -- --!“
Noch immer keine Antwort.
Da drückte sie die Klinke auf und trat ein.
„Na, Du Faulpelz,“ sagte sie, geblendet von der goldenen Sonne, die
durch das Fenster drang.
Näher trat sie zum Bett, trat näher... und sah...
Und faßte es nicht.
Das war doch... das war doch Blut, dieses dunkle Gerinnsel auf dem
Boden, auf der Bettdecke, auf der nackten Brust da vor ihr...
Mit beiden Händen griff sie nach ihres Bruders Schultern... und fuhr
im selben Augenblicke schaudernd zurück vor der Eiseskälte, die ihr
entgegenströmte.
Das... das war doch nicht möglich! Er schlief doch bloß! Seine Augen
waren friedlich geschlossen, die langen Wimpern lagen dunkel auf
den Wangen. Der ein wenig geöffnete Mund, in dem die weißen Zähne
schimmerten, hatte einen traurigen Ausdruck. Ja, ein wenig traurig sah
er aus, ernster als sonst.
Dieses wunderschöne und traurige Gesicht über der blendend weißen
Jünglingsbrust, diese großen Blutflecke allüberall, die wie dunkle
Blumen waren ... das war doch ein Traum, ein Fiebertraum!
Das konnte doch nicht Wahrheit sein!
Ein Traum auch der Revolver, an den ihr Fuß jetzt stieß? Ein Traum die
paar Blätter aus dem Schulheft, die da auf dem Nachttisch lagen, und
auf denen Worte standen, über die Blut gespritzt war, Worte, die sie
lesen wollte und nicht verstand, weil wilde Farbenspiele vor ihren
Augen kreisten.
[Illustration]
Sie las diese Blätter erst viel später. Drei Tage später, als all
das Schreckliche vorbei war: der Augenblick, als der herbeigerufene
Arzt statt aller Worte nur die Achseln gezuckt, -- der Mutter
Verzweiflungsausbrüche --, das Begräbnis. --
Und nun saß Monika allein in ihrem Toilettenzimmer und versuchte, jene
Zeilen zu lesen. Da stand in ihres Bruders unbeholfener Handschrift,
mit der man ihn so oft geneckt:
„Ich bitte Euch alle, mir zu verzeihn. Aber es ist besser, daß
ich gehe. Ich sitze in soviel Schwierigkeiten und weiß nicht ein
noch aus. Ihr müßt nicht glauben, daß ich etwas Schlechtes getan
hätte. Ich habe mir gar nichts dabei gedacht, als mich neulich eine
Freundin gebeten hat, einen Brillantring für sie zu kaufen. Ich
sollte ja nur eine Unterschrift geben und Geld überhaupt nicht. Sie
wollte es allein bezahlen.
Aber nun will mich der Diamantenhändler beim Staatsanwalt
anzeigen, weil es ein Betrug gewesen wäre und die Lonny den Ring
gleich weiter verkauft hat. Das geht doch aber nicht, daß ich ins
Gefängnis komme.
Ich habe Euch ja so sehr um das Geld gebeten, aber Mama wollte ja
nicht, und sie hatte wohl auch recht, denn sie als Mutter mußte
doch etwas streng sein, und außerdem ist die Summe auch so hoch für
sie. Ich dachte, Monika würde es mir geben. Die war meine einzige
Hoffnung, sie ist immer meine liebe Schwester gewesen. O Gott, wie
gerne habe ich ihr was mitgebracht zum Freuen. So konnte sich kein
anderer freuen, wie Monika sich früher freute.
Mone ist immer so gut gewesen, bloß ihr Mann hat sie so hart und so
kalt gemacht -- --“
Sie konnte nicht weiter lesen. Brennende Tränen verdunkelten ihren
Blick und stürzten ihr aus den Augen. Das waren die heißesten Tränen,
die sie je geweint. Es war ihr, als verbrennten sie ihr die Haut, indes
sie ihr über die Wangen rollten.
Das Schluchzen schüttelte sie wie ein Sturm. Sie hörte gar nicht, daß
die Tür des Nebenzimmers geöffnet wurde.
Georg trat auf seine Frau zu. Er sagte bewegt:
„Liebling, gib Dich diesem Schmerz nicht so hin.“
„Warum nicht?“ fuhr sie auf. „Warum soll ich mich diesem Schmerz nicht
hingeben? Mein Bruder starb, und... durch unsere Schuld.“
„Durch unsere Schuld? -- Das sind Hirngespinste, Monika. Er suchte den
Tod, weil er keinen sittlichen Halt hatte. Er war ein Kind, das sein
kostbarstes Gut -- das Leben -- verschleuderte und wegwarf wie andere
Kinder eine Glaskugel.“
„Er starb, weil Du hartherzig warst und ich es mit Dir.“
Er strich ihr begütigend übers Haar. Sein Gesicht wurde um eine
Schattierung blasser, als sie bei dieser Berührung zurückzuckte.
„Liebling, Deine Nerven sind jetzt zu angegriffen. Das ist die Ursache,
daß Du etwas so Unzutreffendes sagst. Wir waren nicht hartherzig. Kein
vernünftiger Mensch konnte dem Jungen ohne weiteres die Bitte gewähren
-- das habe ich Dir auseinandergesetzt.“
„Ja, das hast Du!“
Sie hatte sich erhoben, eine Zornesflamme sprühte aus ihren Augen.
„Ja, das hast Du. Und ich war dumm und charakterlos genug, um wieder
eine von Deinen hartherzigen Ansichten zu der meinen zu machen! -- -- O
Gott, der Junge, der arme, liebe Kerl!“
Sie schluchzte laut auf.
Und von neuem näherte sich ihr Georg: „Mein geliebter Schatz, beruhige
Dich doch.“
Und von neuem wich sie seiner Berührung aus, und ihre Tränen versiegten
in dem roten Zorn, der wieder in ihr emporloderte.
„Ich will mich nicht beruhigen. Ich will heulen vor Schmerz, wenn mir
danach zumute ist! Ich will nicht alles in mir ersticken lassen unter
dem Panzer, den Du Dir anlegst, dem Panzer von Sitte, Pflicht und
Korrektheit. -- -- Da, lies, was mein Bruder geschrieben hat in seiner
Todesstunde, und sein Herzblut ist drüberhin gespritzt: ‚Mone ist immer
so gut gewesen, bloß ihr Mann hat sie so hart und so kalt gemacht
-- --‘“
„Und diese Worte eines unglücklichen, schlecht erzogenen und
irregeleiteten jungen Menschen -- --“
„Haben mir gezeigt, wie es um mich bestellt ist!“ unterbrach Monika.
„Ja, jedes Wort davon ist wahr! Ich habe unserer Ehe zuliebe meine
ganze Persönlichkeit geopfert. Alles Beste in mir habe ich gewaltsam
unterdrückt, jeden Funken von Begeisterung, von Warmherzigkeit erstickt
unter einer Eisdecke von Vorurteilen! -- -- Fort will ich, -- fort von
Dir, der Du alles, was in mir ursprünglich ist, tötest. Ich will wieder
ich selbst sein!“
Georg von Wetterhelm war blaß bis in die Lippen.
„Monika, Dein Schmerz macht Dich ungerecht! Ich will Dir heute
verzeihen, -- heute -- alles.“
„Ich brauche Deine Verzeihung nicht. Ich will fort, -- fort um jeden
Preis!“
Ein sonderbar erstickter Ton rang sich aus seiner Kehle. Ein Augenblick
war’s -- dann klang seine Stimme fest wie je: „Ich kann Dich mit Gewalt
nicht halten.“
„Ich lasse mich auch nicht halten!“
Zwei wilde Flammen brannten in ihren Augen.
Das war nicht mehr die sanfte und korrekte Gattin, die fünf Jahre lang
Georg von Wetterhelms Herzensfreude gewesen, -- die sich fünf Jahre
lang gezügelt hatte ihrem Glück zuliebe. Das war wieder das unbändige
Geschöpf von einst, das jeder Gefühlsregung nachgab, jede Empfindung
auskostete bis zum äußersten, bis zum letzten schalen Tropfen.
Und auch diesen Becher leerte sie bis zur Neige: nicht genug Vorwürfe
gab es für den, der ihr bis dahin das Liebste war auf der Welt.
„Ich habe erkannt, welch eiskalter Egoist Du bist! Warum gabst Du Karl
das Geld nicht?“
„Es war nicht des Geldes wegen -- --“
„Das weiß ich! Und gerade das ist das furchtbarste: Deiner Prinzipien
wegen tatest Du es nicht! Deiner starren, hartherzigen Prinzipien
wegen! Die sind das einzige, was Du liebst! Du hast auch mich nie
geliebt. Du hast mich geheiratet, weil +ich Dich+ liebte! Du wolltest
Dein frierendes Herz erwärmen an meiner Glut!“
„Monika!“
Georg Wetterhelm preßte die harten Lippen aufeinander. Er sprach kein
einziges Wort mehr... zu seinem Glück, das von ihm ging.
[Illustration]
12.
Ein altes, winkliges Haus in einer von Zürichs Straßen. Ausgetretene
Treppenstufen, schiefe Türen, an denen Dutzende von Visitenkarten mit
Reißnägeln angeheftet waren. „~Stud. jur.~ Freiherr von Neuern, ~stud.
med.~ Hans Fischer, ~stud. med.~ Pietro Liguro, ~stud. med.~ Olga
Nikolajewna Murawska, ~stud. phil.~ Bertha Reckling.“
Vier Treppen hoch hauste Bertha, die seit einem Semester in Zürich
studierte, zusammen mit der Studentin der Medizin Murawska.
Die Wohnung bestand aus drei Stübchen und einer kleinen Küche. Die
letztere wurde wenig benutzt, da die Mädchen ihre Mahlzeiten in
einem Restaurant einnahmen und sich zu Hause nur das erste Frühstück
bereiteten. Bertha hatte zwar zuerst vorgeschlagen, hier zu kochen,
aber sie hatte es bald aufgesteckt. Es war gar zu unbequem. Allein
das Feuermachen erforderte so viel Zeit und Mühe, und es war so
umständlich, die Vorräte die vier Treppen hinaufzuschleppen.
Außerdem war Olga Nikolajewna den kulinarischen Bestrebungen Berthas
durchaus feindlich gesinnt.
Sie behauptete: viel Essen wirke schädlich auf die Gehirntätigkeit. Nur
die Deutschen äßen so viel, und Bertha würde es nie zu etwas bringen,
wenn sie sich nicht auch angewöhne, des öfteren nur von Tee und
Zigaretten zu leben.
Auch „Ordnung halten“ erklärte Olga Nikolajewna für eine von Berthas
schädlichen Angewohnheiten. Dieses ewige Wegräumen war schrecklich!
Jedenfalls bäte sie, ihre Sachen nicht anzutasten. Die lägen so, wie
sie müßten.
Und Bertha schenkte diesen Ausführungen ein williges Ohr. Sie nahm ja
so leicht die Anschauungen ihrer Umgebung an. So wie sie früher auf die
Ansichten ihrer deutschen Kolleginnen geschworen, die aus dem naiven,
jungen Mädchen eine Frauenrechtlerin gemacht, ebenso ließ sie sich
jetzt die Ansichten des internationalen Kreises aufpfropfen, der ihren
Verkehr bildete.
Es waren gar verschiedenartige Leute, die sich da oft in ihrem
kleinen Wohnzimmer zusammenfanden. Viel Platz war nicht auf dem roten
Kattunsofa und den paar wackligen Rohrstühlen. Aber es standen eine
Anzahl umgestülpter Kisten bereit, die als Sitzgelegenheiten dienten.
Die Bewirtung beschränkte sich auf Tee. Rauchmaterial brachte jeder
selber mit.
Oft verschwamm das Stübchen in einem wahren Schwaden von Rauchwolken.
Und man diskutierte über die neuesten Heilmethoden, über philosophische
Systeme, über uralte und ewig ungelöste Menschheitsfragen.
Es hatte sich ein ganz bestimmter Kreis herausgebildet, Stammgäste,
die immer wiederkamen: Dimitri Iwanowitsch Lagin, ein Landsmann von
Olga, der einen düsteren Märtyrerkopf und schmutzige Fingernägel
besaß; Hans Fischer, ein sehr jugendlicher Mediziner, der ein Schüler
von Berthas Vater gewesen und Bertha den gleichen angstvollen Respekt
entgegenbrachte wie dereinst seinem Ordinarius; Marie Kramer, eine
freundliche dicke Blondine, die nun schon im achten Semester studierte
und immer noch unglaublich erstaunt darüber war, daß sie es fertig
gebracht, „ihre Angehörigen zu verlassen, ihrer inneren Stimme zu
folgen“.
Und Melitta Göritz war da, ein schlankes, sehr brünettes Mädchen, das
ein sehr verschlossenes Wesen hatte und von dem überhaupt niemand etwas
Näheres wußte.
Dann noch ein norwegisches Ehepaar: die Steens. Merkwürdigerweise
hatten die beiden äußerlich Aehnlichkeit miteinander. Sie waren beide
sehr groß, sehr schlank, hatten weißblonde Haare und blaue, ein wenig
vorstehende Augen, die an Fischaugen erinnerten.
Sie studierten beide Philosophie. Sie behandelten andere Leute
überaus höflich und nett, sich gegenseitig aber mit ausgesuchter
Unliebenswürdigkeit. Sie warfen sich Grobheiten an den Kopf,
schimpften sich auf norwegisch und trennten sich nie, wie ein Pärchen
Wellensittiche, ob aus Liebe oder Haß, blieb unerfindlich.
Auch Edith von Gräbert kam oft, eine norddeutsche Offizierstochter
in der zweiten Hälfte der zwanziger Jahre, die Lehrerin an einer
Töchterschule gewesen, dann aber ihren Hang zur Medizin entdeckt.
Diese alle saßen, wie so oft, an einem Maiabend in dem kleinen
Wohnzimmer, als die Korridorklingel kurz und heftig in Bewegung gesetzt
wurde.
„Das ist gewiß Pietro,“ rief Edith von Gräbert lebhaft; sie hatte eine
ausgesprochene Vorliebe für den jungen Italiener.
Bertha, die Hausherrin, ging, um zu öffnen.
Die Gäste hörten ihren überraschten Ausruf, und gleich darauf trat
sie wieder ein, begleitet von einer jungen Dame, deren Erscheinung
Sensation erregte.
„Wie kommt der Glanz in diese niedre Hütte?“ murmelte Edith, nachdem
sie einen taxierenden Blick auf die elegante Toilette des Ankömmlings
geworfen.
Sigrid Steen stieß ihrem Gatten den Ellenbogen in den Magen, da er
ihrer Meinung nach den fremden Gast bewundernd angestarrt. Dimitri
Iwanowitsch setzte sein Pincenez auf und nahm es nicht wieder ab,
obwohl er es sonst, um seine sehr angegriffenen Augen zu schonen, nur
zum Schreiben und Lesen trug.
Hans Fischer starrte die schöne Dame so verzückt an wie ein Kind eine
einladende süße Speise -- kurz es herrschte allgemeine Gemütsbewegung.
„Meine Cousine Frau von Wetterhelm,“ stellte Bertha vor. In ihrer
Bestürztheit vergaß sie, nun die Namen der anderen Leute zu nennen.
Und diese alle saßen stumm wie die Oelgötzen; von allen diesen Leuten,
die so gut und so viel reden konnten, wenn eine sie interessierende
wissenschaftliche Frage aufgerollt war, fand keiner Worte, sobald es
sich um eine leichte gesellschaftliche Unterhaltung handelte.
Monikas mondaine Gewandtheit half vorläufig über das peinliche
Stillschweigen hinweg. Aber eine rechte Stimmung kam an diesem Abend
nicht mehr auf. Die Gäste fühlten sich durch die elegante Fremde
geniert und gingen sehr viel früher als gewöhnlich.
Monika hoffte nun mit ihrer Cousine allein sprechen zu können, aber auf
dem roten Kattunsofa saß Olga Nikolajewna und rührte sich nicht. Als
Bertha einen schüchternen Versuch machte, sie zum Verlassen des Zimmers
zu bewegen, erwiderte sie ganz erstaunt:
„Aber wir haben doch bloß dieses Sofa!“ Wußte Bertha denn immer noch
nicht, daß ihr Stühle unbequem waren?!
So verfügten sich denn die beiden Cousinen in Berthas Schlafzimmer,
das mit seinen winzigen Abmessungen, mit seiner schmalen, eisernen
Bettstelle einen sehr ärmlichen Eindruck machte.
Monika setzte sich auf einen Rohrstuhl am Fenster und Bertha ließ sich
aufs Bett sinken; sie war noch immer unter dem Eindruck der großen
Ueberraschung.
Monika hier! Und sie kam zu ihr die vier wackligen Treppen hinauf! All
das kam ihr ganz unwahrscheinlich vor.
Freilich vermutete sie nicht so Entscheidendes, wie sie gleich darauf
zu hören bekam.
Also Monika war fort von ihrem Mann! Für immer fort?!
Bertha fühlte bei dieser Nachricht erstaunlicherweise nicht die
freudige Genugtuung, die sie bei ihren extremen Grundsätzen eigentlich
hätte haben müssen. Nein, sie empfand nicht: „Gott sei Dank wieder
eine, die das unwürdige Ehejoch von sich abschüttelt!“ -- sondern
in diesem Augenblick überwog Berthas frühere Natur: „Wie töricht von
Monika, ihrem Mann davonzulaufen!“
Gut, daß, ehe sie diese Worte geäußert, ihr ihre neuerworbenen
Grundsätze einfielen. Und so sagte sie denn, sie sei weit entfernt
davon, Monikas Schritt zu mißbilligen. Sich durchsetzen, seine eigene
Persönlichkeit zu bewahren, das sei das Höchste für ein denkendes
menschliches Wesen, und die Zeiten, da man die Frauen nicht zu den
denkenden menschlichen Wesen gerechnet, seien ja erfreulicherweise
vorüber!
Es sei sehr vernünftig von Mone, daß sie gleich hierher gekommen zu
ihr, die ihr sehr gern mit ihrem Rate zur Seite stehen wolle.
„Es ist jedenfalls sehr nett von Dir, daß Du Dich hier meiner annehmen
willst,“ sagte Monika. Sie war nicht so sicher wie sonst.
Allein, zum ersten Male war sie allein gefahren, den weiten Weg von
Berlin nach Zürich, und aus des Zuges Räderrollen hatte sie eine so
traurige Melodie gehört: Fort von ihm! Jeden Augenblick weiter fort von
ihm, der mein Glück gewesen...
Sie hatte sich dann selbst sentimental gescholten. Da sie nun mal
eingesehen hatte, daß ihres Bleibens nicht länger bei ihm war, war
alles abgetan! Mußte alles abgetan sein!
Ein neues Leben!
Und ein bescheidenes Leben.
Sie wollte versuchen, mit der knappen Zulage auszukommen, die ihre
Mutter ihr geben konnte.
Darüber hatte es noch eine Meinungsverschiedenheit gegeben mit Georg,
der ihr einen Scheck über eine hohe Summe mitgegeben.
„Ich will kein Geld von Dir!“ hatte sie gesagt.
„Du mußt es nehmen, Monika. So lange wie Du meine Frau bist, kannst
Du nicht wie eine Zigeunerin durch die Welt laufen. Wie denkst Du Dir
überhaupt Dein späteres Leben pekuniär?“
„Ich will mir unbedingt selbständig meinen Lebensunterhalt verdienen,
sei es schriftstellerisch oder daß ich studiere. Ich weiß es noch
nicht.... Das alles ist noch so dunkel....“
„Und Du willst nicht bei mir bleiben -- statt so ins Ungewisse in die
Welt hinauszugehen --?“
„Nein!“ antwortete sie hart.
Es empörte sie, daß er diese Frage so an sie gestellt hatte, so als ob
ein materielles Interesse je hätte mitsprechen können, sie zu fesseln.
Ja, wenn er vor ihr niedergestürzt wäre, wenn er ihr in heißer Qual
entgegengerufen: „Bleib’, ich kann nicht leben ohne Dich!“, dann hätte
sie wohl nicht den Mut gefunden, fortzugehen auf Nimmerwiedersehen.
Aber so sprach Georg von Wetterhelm nicht. Nach dem „Nein“, das sie
ihm entgegengerufen, hatte er nur noch streng sachlich mit ihr die
einzuleitende Scheidung besprochen, die wegen böswilliger Verlassung
ihrerseits erfolgen werde. Sie würde eine Aufforderung erhalten, zu ihm
zurückzukehren, und wenn sie dieser nicht Folge leiste, so erfolge ein
Jahr nachher die gerichtliche Scheidung.
Und sie war gegangen auf Nimmerwiedersehn.
Als sie die erste Müdigkeit nach der langen Eisenbahnfahrt überwunden,
hatte ein Gefühl von Energie sie durchflutet. Ein Bad, ein Glas Sherry,
ein elegantes Kleid, und sie war zu Bertha gefahren.
Diese war entschieden so hilfsbereit gewesen, wie man es nur irgend
erwarten konnte. Man hatte so manches verabredet.
Monika sollte eine Wohnung im selben Hause wie Bertha nehmen, sowohl
ihres schmalen Geldbeutels wegen, als damit sie Anschluß habe.
Dann sollte sie erst mal in einigen Kollegs hospitieren, um sich dann
endgültig zu entscheiden.
Es würden in ihrem Wissen eine Menge Lücken auszufüllen sein. Aber das
schreckte sie nicht, sie hatte ja immer so gern gelernt.
War es denn etwas anderes, was sie schreckte? Was war dieses sonderbare
Gefühl, das ihr das Herz zusammenpreßte?
Sie hatte doch nun die Freiheit, konnte doch nun ihre Persönlichkeit so
entfalten, wie sie es immer gewünscht.
Nun war doch der sehnlichste Traum ihrer Jugendjahre in Erfüllung
gegangen: frei! -- --
Und ein neues Leben jetzt!
Nicht mehr an die grauen Augen denken, die sie zu sehr geliebt, -- an
die grauen Augen, die so verächtlich erstaunt geblickt, wenn sie sich
„inkorrekt“ benommen oder „wild“.
Und nicht mehr an seine Hände denken, jene schönen, harten Hände, die
sie so sicher und gebieterisch dahingeführt auf schnurgerader, grauer
Strecke, während auf allen Seitenwegen und Fußpfaden so viel üppig
schönes Blumengerank wucherte.
Nicht mehr an ihn denken!
Schade nur, daß sie so oft, so unendlich oft an ihn erinnert wurde.
Sie sah jetzt erst, wie sehr Georg ihr die kleinlichen Sorgen des
Lebens aus dem Wege geräumt, wie sehr er jede Unannehmlichkeit von ihr
ferngehalten. -- -- --
Sie sah jetzt erst, was es hieß, sich selbst um die Alltagssorgen
bekümmern zu müssen. --
Mit einem Gefühl der Erleichterung begrüßte sie den Tag, an dem sie zu
Bertha übersiedelte. Sie hatte in Berthas Wohnung angrenzende Zimmer
bekommen, die bisher ein Kandidat der Medizin bewohnt.
Diese Zimmer trugen das ärmliche Gepräge, das dem ganzen Hause
anhaftete, und Monika konnte sich eines kleinen Schauders nicht
erwehren, als sie ihre Wohnung des näheren besichtigte.
Sie schwankte sogar einen Augenblick, ob sie nicht diese Baracke im
Stiche lassen solle, um sich ein eleganteres Quartier zu nehmen. Sie
hatte ja den Scheck da....
Aber sofort wies sie diesen Gedanken von sich. Nein, nein, sie wollte
mit dem Zuschuß von Mama auskommen, so wenig das auch war.
Und Georg brauchte gar keine Angst zu haben, daß sein Name dadurch
kompromittiert werde, wenn sie hier in so ärmlichen Verhältnissen
hauste. Sie nannte sich mit ihrem Mädchennamen. Die Abneigung vor ihrer
neuen Umgebung mußte eben heruntergewürgt werden! --
Sie fand sich nicht schnell in dieses neue Leben hinein, beim besten
Willen nicht!
Sie fühlte sich nicht zu Hause in dieser häßlichen Wohnung.
Unzählige Male am Tage trat sie hinaus auf den kleinen Balkon vor ihrem
Zimmer.
Zwischen ein paar altersgrauen Dächern erblickte man die grüne Limmat,
Schwärme von schneeweißen Möwen schwirrten über den Strom; sie sah dem
unruhigen Spiel ihrer Flügel zu, die sie bald hoch zum Himmel, bald
tief hinab zum Wasser trugen.
Und eine unklare Sehnsucht war in ihr, die ihr das Herz zusammendrückte.
Aufseufzend trat sie zurück ins Zimmer, in dem dann vielleicht gerade
Olga Nikolajewna, Zigaretten paffend, auf dem Sofa lag.
Monika hatte versucht, die allzu häufigen Besuche der Russin
abzuwehren, aber diese hatte ihr in ihrem harten Deutsch erwidert:
„Aber Ihr Sofa ist weicher.“
Sie hielt diese Tatsache für völlig ausreichend, um von dem erwähnten
Möbelstück Besitz zu nehmen.
Als Monika sich bei Bertha beklagte, hatte diese ihr mißbilligend
gesagt:
„Aber sei doch nicht so unkameradschaftlich. Wir sind hier alle für
Gütergemeinschaft.“
Daß das keine leere Redensart war, lernte Monika bald genug einsehen.
Man betrachtete auch ihre Sachen als Gemeingut. Olga Nikolajewna goß
sich den Inhalt von Monikas Parfümflaschen über Bluse und Haar. Bertha
benutzte, ohne je um Erlaubnis zu fragen, Monikas Nähutensilien und
ihre Bücher.
Alle die „Stammgäste“ kamen, ohne dazu aufgefordert zu sein, jetzt auch
in Monikas Zimmer hinüber.
Die anfängliche Scheu, die sie vor der Fremden gehabt, war sehr bald
einer kollegialen Vertraulichkeit gewichen.
Am häufigsten wurde sie von Edith von Gräbert besucht.
Diese hatte ein großes, mit Mißgunst gemischtes Interesse an Monika.
Für alles an ihr: ihre Art, sich zu bewegen, sich anzuziehen, zu
lächeln....
Es war, als ob Edith von ihr zu lernen suche, sich nach ihrem Vorbild
modele.
Entschieden war das ein verfehltes Beginnen, denn die beiden waren
äußerlich so voneinander verschieden, daß alles, was zu Monikas Wesen
paßte, für Edith deplaciert war.
Bildete doch schon Monikas weiches Gesicht einen entschiedenen
Gegensatz zu Ediths herben Zügen, die übrigens durchaus ebenmäßig
geformt waren.
Sie war überhaupt nicht ohne Reiz. Sie hatte eine große, gutgewachsene
Figur.
Aber etwas unnennbar Hartes lag in all ihren Linien, sowohl in denen
des Körpers wie in denen des Gesichts.
Ihre hellen Augen blickten klug und spöttisch unter blonden Brauen,
ihre Gesichtsfarbe war von einer auffallenden Zartheit, und diese
zarte, helle Haut begann schon ein wenig das Stigma des Welkens zu
tragen. Die Augenlider waren schon etwas zerknittert, wie weiße
Rosenblätter, die am Verblühen sind.
Edith war von einer Offenheit, die an Zynismus grenzte. Sie erzählte
Monika, ohne daß diese im mindesten danach gefragt hätte, die intimsten
Einzelheiten aus ihrem Leben; sie sprach von der unglücklichen Ehe, die
ihre Eltern geführt. Sie verhehlte nichts, beschönigte nichts von allen
traurigen Fällen, die sie oder ihre Familienangehörigen getroffen.
Monika machte mitunter Einwendungen, sagte ihr geradeheraus:
„Das sind doch interne Angelegenheiten, über die spricht man doch
nicht.“
Aber Edith zeigte dann in höhnischem Lachen ihre großen, weißen Zähne:
„Ach, den Schnickschnack habe ich mir abgewöhnt. Ich habe früher auch
mal so gedacht wie Sie -- o, sicher sogar sehr viel strenger gedacht
als Sie. Es ist noch gar nicht so lange her. Da war ich Lehrerin an
der Schule von Fräulein Cersfeld und gab für hundert Mark monatlich
ungezogenen Mädels Französisch und Geographie, auch Religion und
andere schöne Sachen. Von acht bis eins täglich dauerte der Scherz.
Fünf Minuten nach eins ging ich nach Hause, wo ich gerade rechtzeitig
ankam, um einer lärmenden Szene zwischen Mama und Papa beizuwohnen.
Nachmittags dann Hefte korrigieren und abends um halb zehn in die
Klappe. Ach, ein Leben.... Sieben und ein halbes Jahr ist das so
gegangen. Dann...“
Sie unterbrach sich.
„Ach, ist ja alles Unsinn,“ fuhr sie mit veränderter Stimme fort. „Wozu
von Vergangenheiten reden! Ich fühle mich sehr wohl, seitdem mir das
Familienleben Wurst ist! Es lebt sich doch sehr nett in dem ollen,
ehrlichen Zürich.“
„Ja...,“ sagte Monika, und ihr Blick irrte sehnsüchtig hinaus durchs
Fenster auf den grünen Strom, über dem die weißen Möwen taumelten.
Die Vorlesungen, die Monika belegt, interessierten sie teilweise sehr,
aber sie gewöhnte sich nicht an das Zusammensein mit so vielen anderen.
Es saßen da in den Hörsälen Leute aus aller Herren Ländern, junge und
alte, Frauen und Männer.
Alle diese Gehirne arbeiteten, dachten, waren wie Maschinen mit
surrendem Räderwerk.
Und sie alle, die starken und die schwachen, die schnell arbeitenden
und die trägen Gehirne, sie alle holten sich hier Nahrung,
Heizmaterial, Funken von der großen Flamme des Wissens, das die Welt
erhellt.
Wohl empfand Monika die Größe, die darin lag, aber das half ihr nicht
darüber hinweg, daß ihr das Zusammengepferchtsein mit allen diesen
unbekannten Menschen auf die Nerven fiel.
Sie wurde das Gefühl nicht los, daß sie denen allen hier überlegen war.
Vor ihrem Verstand war dieses Gefühl nicht stichhaltig.
Die Tatsache, daß sie eine sehr viel raffiniertere Körperpflege trieb
als die alle hier, schuf ihr doch keine Ueberlegenheit?
Und daß sie weltgewandter war, abgeschliffener, -- das alles hatte doch
hier keinen ernsthaften Wert.
Sie war eben wohl immer noch von Vorurteilen befangen; zu sehr hatte
Georg ihre frühere Wesensart umgewandelt. Aber das würde sich schon
geben mit der Zeit.
Mit der Zeit...
Sie, die früher so oft der Zeit zugerufen: „Halt an!“, hätte ihr jetzt
Sporen geben mögen wie einem schlechten Gaul.
Nur schnell vorwärts! Nur Zeit legen zwischen sich und das Glück!
Und Tage kamen und gingen... Wochen... und Monate... Und noch immer
war sie nervös, schreckte zusammen, wenn es klingelte, und ging immer
wieder auf den Balkon und starrte hinüber auf den Strom und auf die
weißen Möwen.
Sie sprach mit niemandem über das, was sie innerlich bewegte.
Den vielen Fragen von Edith von Gräbert setzte sie eine kühle
Reserviertheit entgegen.
Uebrigens war Edith die einzige, die neugierig war.
Bertha fragte sie nie etwas. Nicht aus Diskretion, sondern weil sie zu
sehr mit sich selbst beschäftigt war; sie steckte in ihrem Studium wie
in einem Kleide, das ihr nach allen Richtungen hin zu groß war, und das
sie sich wichtigtuerisch bemühte auszufüllen.
Mit dem Wesen, das sie früher gewesen, hatte sie kaum noch einen
Zusammenhang. Das bewies sie deutlich, als ihre Mutter ihr eines Tages
schrieb.
Sie brachte Monika den Brief hinüber mit der Aufforderung zu lesen.
Frau Reckling schrieb, daß sie heute mit einer großen Bitte an ihre
Tochter herantrete, einer Bitte, die wohl geeignet sei, eine Umwälzung
in Berthas Existenz hervorzurufen.
Die Untersuchung, die Berthas Vater bei einem berühmten Berliner
Augenarzt habe vornehmen lassen, hätte leider die Diagnose des
Hausarztes vollkommen bestätigt: es sei eine Netzhautablösung, die in
nicht zu ferner Zeit zu völliger Blindheit führen müsse.
Natürlich könne der Vater seinen verantwortungsvollen Posten als
Gymnasialdirektor nun nicht mehr ausfüllen.
Man würde sich nach Harzburg, dem Heimatstädtchen des Direktors,
zurückziehen.
Und Bertha müsse kommen! Der Mutter Gicht habe solche Fortschritte
gemacht, daß ihr die Hände oft gelähmt seien, unfähig zu jeder
Tätigkeit. Die Mutter wäre ja tief unglücklich, daß Berthas
hoffnungsreiches Studium abgebrochen werden solle, aber wer solle um
den erblindenden Vater bemüht sein, wer die Tätigkeit ersetzen, die der
Mutter gelähmte Hände nicht mehr tun konnten? Bertha solle kommen! Die
einzige Tochter würde der Eltern Stütze sein.
„Meine Mutter scheint ja vollkommen durchgedreht zu sein!“ sagte
Bertha. „Sie sollen sich doch eine Gesellschafterin nehmen. Es laufen
ja genug junge Mädchen aus anständiger Familie herum, die für freie
Station und ein Taschengeld den Beruf der Tochter des Hauses geradezu
großartig ausfüllen! Wenn Mama ein Haustöchterchen haben wollte... ich
hatte alle Anlage dazu! Dann brauchte sie mich nicht mit Gewalt auf
diesen Weg zu führen. Auf dem bin ich und bleibe ich! Das kann niemand
von mir verlangen, daß all die langen Jahre Studium, all meine Mühe
und mein Fleiß umsonst gewesen sein sollen. Daß ich jetzt kurz vor dem
Examen abspringen soll, ist wahrhaftig eine Zumutung!“
In diesem Sinne schrieb sie an die Mutter. Und postwendend traf die
Antwort ein: ein Jammerschrei über Berthas Lieblosigkeit, die ihre
kranken Eltern der Hilfe einer bezahlten Fremden überlassen wolle!
Bertha könne doch nicht so ganz jedes weibliche Fühlen verloren haben!
„Hätte sie sich früher überlegen sollen, meine gute Mama. Was soll denn
das heißen: weibliches Fühlen?! Das soll weiter gar nichts heißen,
als: sich selbst aufgeben zum Nutzen für andere! Wo bleibt da die
Gleichberechtigung?! Wer verlangt von einem jungen Manne, der studiert,
daß er nach Hause kommt, sein Studium aufgibt, um seine Eltern zu
pflegen?! Wenn ich dasselbe leisten kann, was ein männlicher Student
leistet, dann muß ich auch ebenso behandelt werden, dann kann ich
denselben Respekt vor meiner Persönlichkeit verlangen! Und den verlange
ich!... Mir tut die Krankheit meiner Eltern gewiß von ganzem Herzen
und von ganzer Seele leid, aber mich selber ihnen opfern -- -- nun und
nimmer! Sie werden schon eine nette Gesellschafterin finden. Ich lasse
mich jedenfalls auf gar keine weiteren Unterhandlungen ein, und wenn
sie mir die Zulage sperren, ist es noch so! Ich habe mein Eigenes von
der Großmama. Die brave, alte Dame hatte geglaubt, ich würde meine
Brautausstattung davon kaufen. Sie war noch so unmodern!“
Monika war peinlich berührt von Berthas Standpunkt. Wie herzlos das
klang... wie gefühlsroh ... Und doch... war sie selbst denn etwa
aufopferungsfähiger? Hatte sie nicht, um ihre Persönlichkeit zu
wahren, ihren Mann verlassen, der so viel liebevoller zu ihr gewesen
als Berthas Eltern zu ihrer Tochter?...
O gewiß, Bertha hatte ganz recht, so zu handeln! Aber ein unangenehmes
Gefühl wurde Monika nicht los. Und Georg Wetterhelms Schwester fiel ihr
ein, ihre Schwägerin Brigitte, deren Aufopferung sie verlacht, gleich
bei jenem ersten Besuche auf Gerbitz, als sie Braut war. -- --
Erinnerungen überfluteten sie wie große Wogen, die auf sie zukamen,
über sie hinweggingen, ihren Widerstand ertränkten, daß sie in die Knie
sank, daß sich in heißem Schluchzen ein Name von ihren Lippen rang:
„Georg.“
Nur einen Augenblick. Dann hatte sie die Herrschaft über sich
zurückgewonnen.
Das war ja nur Nervosität gewesen, sicherlich!
Nur die Schuld der häßlichen, ärmlichen Umgebung. Oder die Schuld der
allzu abstrakten Wissenschaft....
O, nur weg von hier, fort von Zürich. Es war nichts mit dem Studieren.
Die ganze Umgebung hier, all die Leute mit den schlechten Manieren
-- das alles war nicht zu ertragen, wenn man fünf Jahre lang Georg
Wetterhelms Frau gewesen war.
Sie wollte fort. Irgendwo in die große bunte Welt, all die Schönheit
genießen, die da aufgeschlagen lag wie ein Märchenbuch mit schönen
Bildern.
Und all diese Schönheit wollte sie beschreiben, sich ganz der Kunst
widmen, die der leuchtende Stern ihrer Kindheit gewesen. Sie wollte
denken und dichten, sie wollte glücklich sein! Ja sie war überzeugt,
daß sie dann glücklich werden mußte!
Noch am selben Tage teilte sie Bertha ihren Entschluß mit.
Diese war überrascht, nahm die Sache aber nicht sehr wichtig. Dagegen
empfing Edith von Gräbert einen großen Eindruck von der Neuigkeit, daß
Monika fort wolle.
Wo denn hin? Nach Luzern zuerst? -- Da käme sie mit.
Monika war überrascht von diesem Angebot; sie stand sich nicht so
freundschaftlich mit Edith, als daß es gerechtfertigt gewesen wäre.
Immerhin war gegen das, was Edith sagte, nicht viel einzuwenden: sie
war ermüdet, überanstrengt, mußte mal ausspannen. Sie würde sich sehr
glücklich schätzen, wenn sie sich Monika anschließen dürfe.
Da stimmte Monika zu, nicht gerade begeistert, aber es war ihr doch
nicht unlieb, daß sie nun nicht so allein sein würde....
[Illustration]
13.
Der „Seepalast“ in Luzern war auch eine riesige Fremden-Karawanserei
wie das Hotel, in dem Monika zuerst in Zürich abgestiegen, aber
er war von einem modernen, vornehm abgetönten Luxus, den Zürich
nicht aufzuweisen gehabt. Im Hochparterre lagen drei riesenhafte
Gesellschaftssäle nebeneinander. Und verschwiegene Schreibzimmer mit
grünen Lederpolstern, ein Lesesaal, in dem alle großen Zeitungen des
Erdballs auflagen, öffneten sich im Anschluß an eine ungeheure Halle,
die die Hotelgäste zu den verschiedensten Tages- und Nachtzeiten
versammelt sah.
An jedes Schlafzimmer schloß sich ein Badezimmer mit Marmorwanne und
blitzenden Dusche-Apparaten.
Monika atmete auf.
Endlich wieder eine anständige Umgebung, endlich ein Hotel wie die, in
denen sie mit Georg geweilt.
Georg... schon wieder Georg....
Nein, sie wollte nicht mehr an ihn denken. Lieber sich Vergessenheit
trinken an all der Schönheit, die man vom Balkon ihres kleinen Zimmers
im vierten Stock aus sah.
Edith störte nicht.
Die saß unten im Lesesaal und angelte nach Bekanntschaften.
Und Monika blieb allein droben auf dem Balkon und schaute auf den
Vierwaldstätter See. Der hatte am Tage die Farbe eines kostbaren
Smaragds.
Starre, zackige Felsen umkränzten ihn, und über dem allen wölbte sich
kornblumenblau der Sommerhimmel, von dem sich die schwarzen Rauchsäulen
der Dampfer abzeichneten, die über den See fuhren.
Rechts lag der Hafen von Luzern. Die Menschenmengen, die sich dort
drängten, sahen von hier aus wie Ameisenscharen.
Sie saß und träumte.
Sie ging nach den Mahlzeiten gleich immer wieder in ihr Zimmer hinauf.
Edith war darüber tief enttäuscht.
Sie hatte darauf gerechnet, sich überall mit Monika zusammen zu zeigen,
und nun mußte sie allein herumlaufen.
Die Bekanntschaften, die sie machte, genügten ihr durchaus nicht.
Die wirklich eleganten Hotelgäste hatten kein Interesse für dieses
weder auffallend schöne noch elegante Fräulein von Gräbert.
Eines Tages wurde Monikas Einsamkeit durch einen überraschenden Besuch
gestört.
Ihre Cousine Marie von Hammerhof ließ sich melden.
Marie hatte nie sehr freundliche Gefühle für Monika gehabt, und sie
erschien mehr auf den Wunsch ihrer Tante Birken als aus eigener
Initiative.
Sie erzählte, daß sie mit ihrem Sohne zum Sommeraufenthalt in Gersau
sei und bei der Durchreise in Berlin Monikas Mutter habe versprechen
müssen, sie hier aufzusuchen.
Uebrigens zeigte sich Marie freundlicher als sonst.
„Mir hat das direkt imponiert, wie Du Deinem Manne so einfach auf und
davon gelaufen bist,“ sagte sie. „Ganz recht hast Du gehabt! Die Männer
taugen alle nichts!“
„Daß er nichts taugt, ist unzutreffend,“ sagte Monika. „Im Gegenteil!
Georg taugt sogar sehr viel. Aber ich habe eingesehen, daß er meine
Persönlichkeit zerbrach, mich umformte -- --“
„Das versuchen sie ja alle,“ sagte Marie wegwerfend. „Die Männer fühlen
sich nun mal alle gottähnlich und empfinden uns als ‚das schwache
Werkzeug‘. Ich habe nicht einen... nein, Dutzende von Ehemännern
sagen hören, daß ihre Frau nach der Heirat „sich doch unendlich
herausgemacht“ habe, sowohl seelisch wie körperlich. Wie gesagt,
versuchen tun sie die Umformung alle, nur sie haben nicht alle Glück
damit! Mein Mann hat mich nicht geändert.“
Die hagere Frauengestalt reckte sich hochauf, ein triumphierendes
Lächeln huschte über ihre scharfen Züge.
„Ich bin geblieben, wie ich war, nichts habe ich ihm von meiner Seele
gegeben, nichts von meinem eigentlichen Selbst.“
„Und bist Du glücklich geworden?“
„Nein, das Glücklichsein muß wohl eine Kunst sein. Ich habe sie nie
rausgehabt!... Vielleicht kommt es daher, daß ich den falschen Weg
gegangen bin. Mag Gott es der Mama verzeihen, daß sie mich damals
bestimmte, diesen Mann zu heiraten, den ich nicht liebte, nicht haßte,
-- denn damals haßte ich ihn doch nicht -- aber der mir fremd war, ganz
fremd.“
„Und hat dann nicht Eure junge Ehe eine Brücke geschlagen zwischen Euch
beiden?“
„Er blieb mir immer fremd... Und dann habe ich ihn hassen gelernt, wie
man eben jemand haßt, an den man gegen seinen Willen sein Leben lang
geschmiedet ist. Ein Leben lang -- ein ganzes Leben -- --“
Sie war blaß geworden, so als ob sie die ungeheure Tragweite dieses
Gedankens in dem Augenblicke jetzt erst restlos erfaßt hätte.
„Du kannst ja weggehn,“ sagte Monika und fügte tonlos hinzu: „Weggehn,
wie ich es tat“...
„Nein, nicht wie Du, denn ich bin Mutter. Könnte ich leben ohne mein
Kind?! Und der Junge bliebe meinem Mann, das ist gar keine Frage. Wenn
ich Wilhelm verlasse, werde ich doch als der schuldige Teil erkannt.
Glaubst Du, ich könnte ohne meinen Jungen leben? Er braucht mich doch!
Und ich brauche ihn nötiger als die Luft zum Leben. Keinen Tag kann ich
ohne ihn sein... Und immer, immer die Angst, die schreckliche Angst:
bleibt er mir? Er ist sehr zart. Die Bronchien besonders. Jetzt war ich
auch wieder in Ems mit ihm; Gersau ist uns zur Nachkur empfohlen.“
„Ist er mit herübergekommen?“
„Ja, er ist mit der Bonne im Garten. Ich habe ihn unten gelassen, weil
ich mit Dir noch über manches sprechen muß. Weißt Du, Mone, mich geht’s
ja eigentlich nichts an, aber wenn Du irgendeinen Einfluß auf Deine
Mama hast, solltest Du sie veranlassen, daß sie Heinrich nicht jeden
Unfug nachsieht.“
„Was für Unfug?“
„Na, seit er wieder bei Deiner Mutter wohnt, benimmt er sich genau so,
als hätte er noch seine Studentenbude. Seine Freundinnen und Freunde
gehen bei ihm ein und aus, wie in einem Taubenschlag! Er veranstaltet
Symposien mit violettem Seidenpapier um die Glühbirnen rum -- „wegen
des magischen Effekts“, sagt er! Bis vier Uhr morgens scheinen diese
Gastmähler zu dauern. Als ich neulich bei Tante war und telephonieren
wollte, sagte sie mir: das ginge nicht, denn in das Zimmer, wo
das Telephon stände, könne ich nicht hinein, da säße gerade eine
Schauspielerin, die auf Heinzemännchen warte, und offiziell dürfe sie
als Mutter doch nichts davon wissen. Ich möchte doch bei dem Bäcker an
der Ecke telephonieren, das sei ein sehr freundlicher Mann, der würde
gewiß nichts dagegen haben.“
„Echt!“
„Ja, sage mal, ich finde, daß die Würde Deiner Mutter es erfordert, daß
Heinrich wieder allein wohnt.“
„Nein, das geht nicht,“ sagte Monika, „Mama kann nicht allein wohnen...
Das weiß ich aus den Briefen, die sie mir bald nach Karls Tode schrieb.
Verzweifelt war sie, vollkommen wie verirrt. Was nun mit ihr werden
solle? Ihre Kinder brauchten sie nicht, schienen sie alle nicht zu
brauchen. Und das stimmte: wir brauchten sie alle nicht. Alfred in
der fernen Garnison, Heinrich in seinem Studentenquartier, ich in die
Welt verflogen -- und Karl in seinem Grabe. -- -- Und sie schrieb,
sie müsse jemand haben, für den sie sorgen könne. So allein könne sie
nicht leben. Sie müsse einen von uns haben, um ihn zu betreuen, für den
sie sich mühen könne... Da habe ich an Heinrich geschrieben und habe
Gott gedankt, als er ja sagte und wieder zu Mama zog. Daß er sich so
benimmt, ist ja nicht schön, aber es ist besser, als daß Mama allein
bleibt! Denn dann kommt sie sich vor wie Spreu, ein Halm, dem man die
Fruchtkörner wegnahm und der nun wertlos ist... Also Heinzemännchen
soll ruhig weiter lila Symposien geben. Ich bin froh, daß die Mama ihn
hat.“
„Na, wie Du denkst. Ich empfand es jedenfalls als Pflicht, mit Dir
darüber zu sprechen,“ sagte Marie spitz.
Schweigen.
Dann sagte nach einer Weile Marie:
„Uebrigens, im Falle man fragen darf, was wird denn nun eigentlich aus
Dir?“
„Das muß die Zukunft lehren.“
„Nicht die Vergangenheit?“
„Wie meinst Du das?“
„Na, Mone, nimm’s mir nicht übel, aber ein rasend koketter Racker
warst Du immer! Wenn ich noch daran denke, wie Du Roßberg den Kopf
verdrehtest. Und dabei hat Roßberg Trudchen wirklich glühend geliebt.
Es geht ihnen übrigens gut, sie haben jetzt das fünfte Kind bekommen...
Na, also, kokett warst Du damals schon als halbwüchsige Göre. Ich meine
immer: hat Dein Entschluß nicht doch noch eine andere Ursache als die,
die Du erzählst? Ist da nicht irgendeine neue Passion von Dir im Spiel?“
„Pfui! -- ich habe Dir die reine Wahrheit gesagt. Wie mißtrauisch Du
bist!“
„Noch immer nicht mißtrauisch genug! Die paar Male, wo ich in meinem
Leben vertraute, bin ich auch noch betrogen und belogen worden.
Besonders von meinem Manne, immer von ihm -- ach, Du weißt ja nicht,
wie viele hunderte von Malen ich mir gesagt habe: Fort von ihm, fort
aus der Ehe überhaupt. Die ist wie ein Kampf bis aufs letzte! Die
Ehen, die ich gesehen habe und die einen harmonischen Eindruck machten,
waren immer so, daß der eine Teil der willenlose Sklave des anderen
war. Dann ging’s! O, dann ja! -- Oft trägt die Frau das Joch, oft auch
der Mann!... Und diese sogenannte glückliche Ehe habe ich mir nicht
schaffen können. Zur Sklavin war ich nicht feige, nicht charakterlos
genug, zur Herrin hatte ich kein Talent.“
„Und ich?“ schoß es Monika durch den Kopf, „was war ich in meiner
glücklichen Ehe? Herrin? -- Nein. Georg war nie ein Weiberknecht. Also
Sklavin? Nur das?“
Und Marie sprach weiter. Sie, die sonst so Kühle und Wortkarge, war
heute von ungewohnter Mitteilsamkeit.
Es war, als hätten Monikas veränderte Lebensumstände die Schranke
niedergerissen, die immer zwischen den Cousinen bestanden.
Es war, als ob Marie, nun sie zum erstenmal ihr starres Schweigen
brach, den Trost empfände, der für die meisten Frauen im Sichmitteilen
liegt.
Immer weiter ging ihre Rede....
Alles, was Wilhelm ihr angetan in diesen langen Jahren, alles, was
sie bisher stumm und allein getragen, strömte sie aus, daß Monika
zurückbebte vor dieser trüben Flut.
„Ich hasse ihn! Du weißt nicht, wie sehr ich ihn hasse! Kaum ein Tag
vergeht, kaum eine Nacht, wo ich mir nicht sage: nur fort!... Nicht
eine Sekunde länger bleibe ich -- --“
Sie brach kurz ab, denn es wurde an die Tür geklopft.
Und diese öffnete sich.
Ein zarter, blonder Junge in einem gestickten Russenkittelchen lief auf
die Mutter zu, während das Kinderfräulein verlegen an der Tür stehen
blieb.
„Mama, ich hab’ nicht länger warten wollen, Mama..“
Da beugte sich die früh verblühte Frau tief über das Kind, und qualvoll
innig kam es von ihren Lippen:
„Mein einziges Glück...“
[Illustration]
Nach diesem Besuche vergrub sich Monika wieder in ihre Einsamkeit. Die
Tage strichen gleichförmig dahin.
Einmal riß ein Brief ihrer Mutter sie aus der Ruhe.
Die Baronin schrieb ganz verzweifelt. Es täte ihr schrecklich leid,
Monika so furchtbare Sachen mitteilen zu müssen, aber sie habe
niemanden, dem sie ihr Herz ausschütten könne.
Heinzemännchen wolle von der ganzen Angelegenheit nicht mehr sprechen
hören.
Er sei zu böse auf Alfred... Um Alfred handle es sich nämlich. Er habe,
trotzdem er einmal schon an einer ähnlichen Geschichte haarscharf
vorübergekommen, seinen Burschen mit dem Reitpeitschengriff so über den
Kopf geschlagen, daß dieser eine erhebliche Verletzung davongetragen
habe.
Woher Alfred diese entsetzliche Brutalität habe, sei ihr rätselhaft.
Der selige Papa sei doch sehr gutmütig gewesen, und sie selber, -- nun,
Monika wisse ja allein, was für ein Gemüt die Mutter habe.
Alexander Wetterhelm wolle, der angeheirateten Verwandtschaft zuliebe,
nochmal versuchen, die Sache mit Alfred irgendwie zu vertuschen, obwohl
es ihm selber an den Kragen ginge, wenn es herauskäme.
Aber weg vom Regiment müsse Alfred so schnell wie möglich -- das sei
Bedingung!
Er wolle nun zur Schutztruppe, und obwohl es ihr schrecklich sei, eines
ihrer Kinder so weit weg zu lassen, müsse sie doch sagen, es sei wohl
das beste!
Hier in Deutschland würde Alfred der Familie bloß Schande machen, --
das sei keine Frage.
Monika schrieb sofort und bat ihre Mutter in dringendsten Worten,
Alfred das Afrika-Projekt auszureden.
Wenn’s nicht anders ginge, solle er Sektreisender werden oder
Versicherungsagent. Nur nicht in die Tropen, wo schon manch gesunder
Mensch sein seelisches Gleichgewicht verlor und Alfreds spezielle
Anlagen zu einer Katastrophe führen mußten.
Der Mutter Antwort lautete: Monika sehe gewiß zu pessimistisch!
Wenn die Leute nichts taugten, schicke man sie doch immer nach Afrika
oder nach Amerika.
Da würden sie zu brauchbaren Menschen gemacht!