Mit heißem Bedauern sah sie jedem verflossenen Tage nach wie einer
schönen Blume, die abblüht, die allzu schnell verwelkt.
Und wie bald war der Tag gekommen, an dem man, an Bord des mächtigen
Asiendampfers stehend, Genua im violetten Dunst der Ferne verschwinden
sah.
Monika war ein bißchen unglücklich darüber, daß man die kleine Villa
und den großen Garten verlassen -- und sehr glücklich darüber, daß es
nun neuen Wundern entgegenging.
„Jetzt wird’s immer noch schöner?! Nicht wahr, Georg?“
„Sicher, Liebling; aber eins: hier auf dem Schiffe wissen nun alle
Leute, wer wir sind, wissen so viele, daß ich als Konsul rübergehe. Du
mußt Dich von nun an zusammennehmen. Für mich allein habe ich Dein
begeisterungsfähiges Wesen immer sehr reizend gefunden, aber als Frau
eines Beamten darfst Du wirklich nicht mehr wie ein eben dem Pensionat
entlaufener Backfisch herumspringen. Für eine Frau unserer Kreise ist
es am angemessensten, man spricht gar nicht von ihr, weder im Guten
noch im Bösen. Korrekt, mein kleiner Schatz, korrekt!“
[Illustration]
Und Monika wurde korrekt. Schneller als sie selbst, schneller als Georg
es für möglich gehalten. Wohl schäumte sie im ersten Jahre ihrer Ehe
noch mitunter auf wie ein junges Pferd, das sich ins Gebiß verbeißt.
Aber Georgs ehern ruhige Art bändigte sie bald.
Was ihrer Mutter, ihren Erzieherinnen nie gelungen, das gelang Georg
Wetterhelm, ohne daß sie je ein hartes Wort von ihm zu hören bekommen
hätte.
Es war wohl überhaupt mehr das Beispiel als seine Worte, das so
tiefgehende Wirkung auf Monika ausübte. Georgs Wesen und Sein war so
ausgeglichen, so in sich gefestigt.
Uebrigens wirkte er, trotz seiner vollendeten Höflichkeit, oft geradezu
lähmend auf Leute, die Anlage zu Extravaganzen, zu Ausgelassenheiten
hatten. Mit ihm „nahm man sich mehr zusammen“ als mit anderen.
Es kam alles so anders, wie die Bekannten vermutet, als sie von Georgs
Verheiratung gehört.
„Die Kleine wird ihn gut unterkriegen,“ hatte das allgemeine
Urteil gelautet, „die mit ihrem sprühenden Temperament, ihrer so
urpersönlichen Art, Menschen und Dinge aufzufassen -- die wird es schon
verstehen, ihn aus dem Gleichgewicht zu bringen.“
Das alles traf nicht ein. Beim Aneinanderreihen dieser beiden
Charaktere trug der Mann den Sieg davon. Immer von neuem rang seine
Art Monika Bewunderung ab. Wohl fand sie oft seine Ansichten borniert,
fand ihn mit Vorurteilen vollgepfropft, aber stets aufs neue wirkte die
Geschlossenheit seines Wesens auf sie, der Zusammenschluß seiner ganzen
Persönlichkeit. Alles stimmte bei ihm so harmonisch zusammen: seine
Abkunft und seine Ansichten, sein Aeußeres und sein Wesen.
Diese Harmonie wirkte auf Monika wohl um so stärker, als ihre
nächsten Verwandten alle etwas Zerfahrenes hatten. Ihr Vater, dem
die Willenskraft gefehlt, die spielerisch kindliche Mutter, die ihre
Kinder, als sie klein gewesen, wie geliebte Puppen behandelt, und die
dann plötzlich mit erschreckten Augen die Heranwachsenden gesehen, die
wild emporgeschossen waren.
Ja, Monika bewunderte ihren Mann, und sie empfand zu weiblich, um sich
ihm nicht zu beugen.
Zuerst waren es Kleinigkeiten, die sie ihm opferte: einen Hut, den
er „zu auffallend“ fand, eine zu kühne Frisur, eine burschikose
Bezeichnung.
Dann ging es weiter: hier eine ihrer Ansichten, die ihm zum Opfer fiel,
dort eine Ueberzeugung!
Allmählich gewann seine Art immer mehr Einfluß auf sie: die mächtigen
Flügel ihrer Phantasie, die sie so oft in goldstrahlende Höhen und
in purpurfinstere Tiefen getragen, begannen sich matter zu regen,
gleichsam gelähmt von der Nüchternheit, die mit ihr Tisch und Bett
teilte.
„Korrekt, mein kleiner Schatz,“ und Monika zog das buntflimmernde Kleid
ihrer Persönlichkeit aus, um die Gesellschaftsrobe einer gut erzogenen
Dame zu tragen.
Sie lernte es, zu lächeln statt zu lachen; sie lernte es, den Schrei
der Begeisterung oder des Abscheus zu unterdrücken, sie lernte es,
Meinungen zu haben, „die niemand verletzen konnten“.
Wohl wollte ihr das manchmal wie ein Verrat an sich selbst bedünken,
aber tat sie es nicht gern... ihrem Glück zuliebe? -- -- --
Als Monika, nachdem sie anderthalb Jahre verheiratet war, zum ersten
Male wieder nach Deutschland kam, konnte ihre Schwiegermutter nicht
umhin, anzuerkennen, daß Monika sich „sehr zu ihrem Vorteil verändert“
habe.
Ihre eigene Mutter war ganz konsterniert über den Wechsel, der mit
ihrer Tochter vorgegangen.
„Daß Sie das fertig bekommen haben,“ sagte die Baronin immer aufs neue
zu ihrem Schwiegersohn.
Die Brüder hatten jeder sein besonderes Urteil über Monikas Wesen.
Alfred, der inzwischen Fähnrich -- „leider bei der Infanterie“ --
geworden war, fand seine Schwester jetzt „auf der Höhe“. Sehr elegant
-- ohne die Koketterie, welche ihn an ihr so geärgert, als sie junges
Mädchen war -- in Haltung und Auftreten große Dame. Heinzemännchen
fand, Monika sei ohne Zweifel „geistig verflacht“. Dichten könne
sie anscheinend überhaupt nicht mehr. Sie zeige kaum noch Rudimente
literarischer Bildung und hätte sogar seinen neuen Lieblingsdichter für
„sentimentalen Unsinn“ erklärt.
Karl urteilte, daß Monika nach wie vor großartig sei. Wo gab es
wieder eine so gute Schwester? Sie beschied ihm kaum je einen Wunsch
abschlägig. Und Karl hatte eine ganze Menge Wünsche.
Das war Birkensches Erbteil: der Hang zur Verschwendung. Als
erschwerenden Umstand hatte er seiner Mutter Leidenschaft fürs
Verschenken geerbt. Im übrigen war er liebenswürdig und freundlich,
faul und lügenhaft. In diesem Alter, in dem sonst Knaben beginnen,
männliche Züge zu zeigen, behielt er etwas Anmutig-Kindliches. Ueber
seinem rosigen Gesicht schimmerten die Haare in tiefem Goldblond. Seine
Augen waren so dunkel, seine Zähne so weiß -- über seinem ganzen Wesen
lag eine friedliche Gottergebenheit.
Ernstere Interessen hatte Karl überhaupt nicht, nur die einfachsten
animalischen Freuden waren für ihn vorhanden: gut essen und gut
trinken, lange schlafen und nichts tun!
Monika hatte gerade für diesen Bruder eine besondere Zuneigung. Doch
auch Alfred und Heinrich waren ihr sehr ans Herz gewachsen, ungeachtet
dessen, daß diese beiden kaum jemals freundlich zu ihr gewesen.
Georg von Wetterhelm hatte mitunter ein tadelndes Wort dafür, daß
seine Frau oft Zeit, Geld und Mühe an ihre Brüder verschwendete. Ihm
waren diese jungen Schwäger, die so völlig anders lebten, als er es im
gleichen Alter getan, nichts weniger als sympathisch.
Auch mit Frau von Birkens kapriziöser Art vermochte er sich niemals
recht zu befreunden. Er sagte über diese angeheirateten Verwandten zwar
nie ein Wort, aber Monika merkte die mangelnde Sympathie zwischen ihrem
Manne und ihren Angehörigen, und das abfällige Urteil über die Ihren,
das sich in Georgs Verhalten dokumentierte, war nicht ohne Einfluß auf
sie, wie nichts ohne Einfluß auf sie blieb, was seine Ueberzeugung war.
Halb unbewußt formte sie sich nach seinem Bilde. Halb unbewußt wurden
ihre Ansichten anders, als sie es gewesen. Und langsam wuchs in ihr
eine Scham gegen die Ungezügeltheit, die sie sonst zur Schau getragen.
Die paar Male, wo sie aufgebraust war, in der ersten Zeit ihrer Ehe,
blieben ihr unvergeßlich in Erinnerung, schmerzten sie wie alte Wunden,
waren wie Niederlagen, deren sie sich schämen mußte.
Ihre eitle und stolze Natur zuckte zusammen, wenn sie daran dachte,
wie bei solchen Gelegenheiten Georgs Gesicht ausgesehen: erstaunt und
peinlich berührt, etwas wie Verachtung um die Mundwinkel.
Auch war das ganze Milieu, in dem Monika lebte, dazu angetan, allzu
persönliche Wallungen zu unterdrücken.
Ein Wirbel von Geselligkeit nahm sie auf, gleich in den ersten Jahren.
Ueberall hatte sie zu repräsentieren, hatte die korrekt liebenswürdige
Frau eines Beamten zu sein, für dessen Zukunft man viel hoffte.
Da blieb für Extravaganzen kein Raum.
Uebrigens das, was Monika so glühend ersehnt: der Aufenthalt in
fremden, bunten Ländern, das hatte weniger Einfluß auf ihr Leben, als
man hätte annehmen dürfen. Es war eigentlich doch nur ein Wechsel des
Schauplatzes, ein Kulissenwechsel -- weiter nichts!
Ob man zusammen mit den Mac Gregors und der Familie de Varency zur
Sphinx von Gizeh ritt durch die ägyptische Wüste -- ob man zusammen mit
Graf Berrier und Frau von Hellingen und dem Rathorstschen Ehepaar von
Brüssel aus einen Wagenausflug nach dem Kolonialmuseum von Tervueren
machte -- ob man in Paris im historischen Palais der Herzogin des
Garviers tanzte -- es war doch nur Wechsel des Dekors für ewig sich
gleichbleibende gesellschaftliche Formen.
Georg Wetterhelm war stolz auf seine Frau. Sie gefiel im allgemeinen
ausgezeichnet. Abgesehen von einigen Damen, die ihre Erfolge
beneideten, war man allgemein von Monika entzückt.
Sogar Fürst Herrlingen, der Vorgesetzte Georgs, welch letzterer
inzwischen zur Diplomatie übernommen worden war, zeigte lebhaftes
Interesse für Frau von Wetterhelm.
Der alte Herr, der sonst im Rufe eines Frauenfeindes stand, plauderte
oft aufs angeregteste mit ihr, hatte im kleinen Komitee von ihr gesagt,
„sie wäre in seinem Leben die erste Frau, mit der man sich vernünftig
unterhalten kann“.
Das „vernünftig unterhalten“ bestand darin, daß er zu ihr eben nicht
sprach, wie er sonst zu Damen redete, sondern Themata anschlug, über
die er mit Männern sprach.
Auch seinem Sarkasmus in der Beurteilung von Welt und Menschen ließ er
ihr gegenüber ungehindert die Zügel schießen.
Monika hatte zwar gar keine boshafte Ader, gar keinen Sinn für
Klatsch, aber sie würdigte die Art, wie dieser Klatsch vorgetragen
wurde, würdigte jede Pointe, jedes treffende Wort -- die ganze Art des
Fürsten, den Extrakt einer Sache zu geben.
Und mit der hervorragenden Schlagfertigkeit, die sie von Jugend
auf im Gespräch gehabt, fand sie immer eine zündende Antwort. Die
Unterhaltungen zwischen ihnen beiden waren wie eine brillante
Florettmensur, glänzende Ausfälle, die ebenso glänzend pariert wurden.
Aeußerlich war Monika jetzt wirklich eine Schönheit zu nennen. Der
unruhige, so oft wechselnde Ausdruck, den sie als Mädchen gehabt, war
einer lächelnden Gleichmäßigkeit gewichen, die trotzige Haltung von
einst einer korrekten Grazie. Und der wilde Schimmer in den Augen war
erloschen; in diesen dunkeln Sternen stand jetzt nichts mehr von heißer
Sehnsucht und von brennender Gier.
Das Leben war jetzt so nett. Georg schaffte ihr all den Luxus und die
Eleganz, die ihr so viel Spaß machten.
Er, der für sich selbst immer so sparsam gewesen, kannte nie ein
Bedenken, wenn es galt, einen Wunsch seiner Frau zu erfüllen.
Ja, er liebte sie, und sie ihn auch so sehr -- und man würde Karriere
machen.
Famos war das Leben!
Was schadete denn das, wenn manchmal in stillen Nächten all ihr wirres
Jugendweh vor ihr auftauchte wie ein verlorenes Paradies?
Alle die klingenden Verse, die Georg als „zu unpassend“ ein für allemal
abgetan, schwirrten ihr dann durch den Kopf.
Und Worte kamen ihr, sie wußte nicht wie:
„Wie liegt das alles mir schon so weit:
Alle die Hirngespinste
Aus meiner verträumten Kinderzeit. --
Vorbei!... Ich weiß nicht mehr, wie das ist,
Wenn man nicht schlafen kann in den Nächten
Und die Kissen des Bettes voll Inbrunst küßt!
In meinen fiebernden Kindertagen
War mir, als müßte mein Schulternpaar
Alles Leid von Himmel und Erde tragen, --
War mir, als müßte mein Leben sein
Wie ein kurzer Tag voll brennender Gluten,
Voll Frühlingssturm und Gewitterschein!
Und des Daseins Rätselfrage klang
Tag und Nacht durch mein Kinderhirn,
Indes die Sehnsucht mein Herzblut trank.
Ich war so krank. -- Und bin so gesund!
Statt der heimlichen, giftigen Träume
Küßt mich das +Leben+ auf den Mund.
Ich weiß jetzt nichts mehr von Traumgefühl,
Weiß nichts von heimlichen Tränen,
Und „Sehnsucht“ finde ich ~ridicule~!
Das Leben ist ja so schön und bunt
Und trägt mich auf starken Armen...“
Ja, famos war das Leben!
Und darauf war gar nichts zu geben, daß sie manchmal doch noch
phantastische Träume hatte. Das waren ja keine Träume wie früher, mit
wachenden Augen gesehen. Jetzt träumte sie nur noch manchmal, wenn sie
schlief.
In einer Frühlingsnacht war es ihr, als höre sie Hunderte und Hunderte
von Vogelstimmen, wilde Vogelstimmen, die schrien und klagten... so
herzzerreißend klang’s... Hunderte und Hunderte von Vögeln waren
um sie herum, ihr goldglänzendes, buntschimmerndes Gefieder war so
zerzaust von Sturm und Wetter. Sie klagten: „Wir sind Deine Lieder,
wir sind Deine Gedanken, all Deine Träume sind wir -- und Du hast uns
hinausgejagt, hast uns vertrieben in die Fremde hinaus, daß wir nun
nicht mehr wissen, wo wir unser Nest bauen sollen. Und wir haben Dir
doch so schön vorgesungen in all Deinen Kinderjahren und in der Zeit,
da Du zum Weibe wurdest. Und hast uns verjagt und hinausgetrieben, und
müssen wir jetzt so elend sterben...“
Sie klagten und schrien... so herzzerreißend klang’s.
Da weinte sie laut auf im Schlafe.
Aber das war ja nur im Schlafe.
Das Leben war ja famos, ja, natürlich war es das -- „famos“.
[Illustration]
11.
Der erste längere Aufenthalt, den Wetterhelms wieder in Deutschland
nahmen, war dem Umstande zuzuschreiben, daß Georg für längere Zeit beim
Auswärtigen Amt in Berlin eingezogen war.
Fünf Jahre waren sie verheiratet, und was Korrektheit der Ansichten
anbetraf, so war Monika die Schülerin, die ihren Lehrer übertraf.
Ein bißchen snob geworden, die schöne Frau von Wetterhelm, die sich nur
mit einem gelinden Schauer erinnern konnte, einst wilde Gedichte in dem
längst dahingeschwundenen „Leuchtturm“ veröffentlicht zu haben.
Auch hatte sie eine dunkle Erinnerung daran, daß sie früher einmal alle
Menschen für gleichberechtigt erachtet hatte -- jetzt hielt sie nur die
Angehörigen verschwindend weniger Berufsarten für „anständig“.
Ja, es kam vor, daß ihr Mann gelegentlich einen leichten Tadel dafür
hatte, daß sie ihre Exklusivität übertrieb. Er sagte dann, er sei ein
modern denkender Mensch und neige sogar zu liberalen Ansichten.
Er wußte selbst nicht, daß dies Redensarten waren, wußte selbst nicht,
daß er im tiefsten Grunde seines Wesens auch nicht das winzigste
Teilchen seines Junkertums der modernen Zeit geopfert.
Aber Monika wußte es, fühlte es.
Sie hatte seine Anschauungen in sich aufgenommen, und sie trieb diese
Ansichten nun auf die Spitze.
Mehr noch als ihr Gatte spöttelte sie jetzt über zur Schau getragene
Gefühlsregungen. Ihr Herz, das einst so warm geschlagen, ihre ganze
heißblütige Persönlichkeit erstarrte langsam, wie ein wilder Bach unter
einer Eisdecke erstarrt. Sie hatte früher so leicht und so schnell
verziehen, hatte immer einen guten Gedanken, ein gutes Wort gehabt für
die Fehler von anderen.
Jetzt aber war sie unnachsichtig, hatte sich das strenge Urteil ihres
Gatten zu eigen gemacht. Seine ganze kühle Art war die ihre geworden.
Wie schnell und wie beschämt hatte sie sich die Freudenausbrüche
abgewöhnt, die sie früher bei allen möglichen Gelegenheiten gehabt.
Georgs eisiges: „ganz nett“, sein in ruhigstem Tone gesprochenes
„herzlich unbedeutend“ schlugen ihre Begeisterung sofort tot. Jetzt
sprach sie es noch überzeugter als er, das „herzlich unbedeutend“.
Mit ihrer Mutter stand sie äußerlich in tadellosen Beziehungen. Aber wo
waren die Zeiten, wo ein inniges Verhältnis zwischen ihnen geherrscht!
Auch den Brüdern war sie entfremdet. Alfred sah sie überhaupt nicht.
Wenn der aus seinem pommerschen Nest mit Urlaub -- oft sogar ohne
Urlaub -- nach Berlin kam, hatte er anderes zu tun, als Familie zu
simpeln. Ueberdies hatte er schärfste Worte für Monikas Hochmut, der er
deutlich genug anmerkte, daß ihr ein Bruder bei der Linien-Infanterie
nicht passe.
Er besuchte Monika höchstens, wenn er sie damit ärgern konnte.
Zum Beispiel einmal, als sie ihn nicht zu einem Frühstück geladen, und
er sich, ob mit Recht oder mit Unrecht, einbildete, sie wolle ihn nicht
bei diesem Essen, bei welchem die anwesenden Militärs ausschließlich
den exklusivsten Gardekavallerie-Regimentern angehörten.
Da erschien Alfred uneingeladen und zeichnete sich durch ein
hinterwäldlerisches Benehmen aus, das er sonst nicht im mindesten besaß.
Es gewährte ihm ein ganz besonderes Vergnügen, zu sehen, wie Monika
sich mühen mußte, ihre Haltung zu bewahren, als er dem Prinzen
Schwarzenfels-Binsingen von den Gardedukorps vorschwärmte, wie
„entzückend modern“ und „wunderbar poetisch“ die Truppe des Theaters
von Treuenbrietzen gespielt, die vor einigen Wochen in seiner kleinen
Garnison gastiert.
Auch stellte er, der tatsächlich ein firmer Reiter war, bei diesem
Frühstück so unsinnige sportliche Betrachtungen an, daß er seinen Zweck
vollkommen erreichte: sämtliche anwesenden Leutnants wunderten sich
darüber, daß diese schicke, erstklassige Frau von Wetterhelm einen „so
üblen“ Bruder besaß.
So weit wie Alfred ging Heinrich nicht. Zu einem Vorgehen durch
Taten entschloß er sich nie, aber auch er war gekränkt von Monikas
Hochmutsteufel. Die Dichter, die sie früher als Gottbegnadete und
Auserwählte des Schicksals angesehen, waren ihr doch jetzt eigentlich
Menschen zweiter Klasse; sie waren oft von so vager Herkunft, hatten
kaum jemals staatserhaltende Prinzipien, und alle die schönen Sachen,
die sie fabulierten, hielten vor strenger Logik nicht stand. Daß
Heinzemännchen ihr wie früher stundenlang Gedichte vorlas, konnte sie
wirklich nicht mehr aushalten.
Freundinnen sah sie keine. Als sie noch junges Mädchen war, hatten
sich ihre Freundschaften immer so gestaltet, daß die andere zu ihr
aufsah, mehr die Rolle einer untergeordneten Begleiterin als die einer
Gleichberechtigten spielte. Jetzt aber hatte sie überhaupt keine Zeit
mehr für Freundschaften.
Mit ihrer Cousine Bertha, die sie sofort aufgesucht, fand sie nicht
mehr den kameradschaftlichen Ton von früher. Monikas Art hatte ja jetzt
etwas Gönnerhaftes, was bei Bertha gänzlich unangebracht war. Denn
Bertha war jetzt ein „modernes Weib“.
Man spürte in ihr nichts mehr von dem warmherzigen, naiven Mädchen,
das sie vor fünf Jahren gewesen, als sie mit Monika zusammen die
Gymnasialkurse besucht. Sie lächelte jetzt verächtlich, wenn sie daran
erinnert wurde, wie sehr sie damals jedes Mädchen beneidete, das sich
verlobte oder gar verheiratete.
O, jetzt war sie weit entfernt davon, sich „unter das Joch des Mannes
zu beugen“. Sie studierte jetzt im fünften Semester Philologie. In
Kleidung und Frisur trug sie eine puritanische Einfachheit zur Schau.
Mitunter wurde sie damit geneckt, wie sehr sie vor fünf Jahren für rosa
Kleider, seidene Unterröcke, gebrannte Stirnlöckchen geschwärmt.
Solche Bemerkungen nahm sie durchaus nicht lächelnd auf, sondern setzte
dann auseinander, daß sie damals eben noch ein ganz urteilsloses
Geschöpf gewesen, daß aber inzwischen ihr Bildungsgang, ihre
Kameradinnen -- alles -- sie dahin aufgeklärt habe, daß eine völlige
Umwertung aller Werte des Frauendaseins zu erfolgen habe!
Ein freier, selbständiger, unabhängiger Mensch müsse die Frau sein,
frei von dem Sklaventum der Ehe! Man sähe ja, was bei den Ehen
herauskam! Z. B. wie unglücklich hätte sich die Ehe von Monikas Cousine
Frau von Hammerhof gestaltet! Ihr Sohn solle ja ganz nett sein, aber
mit dem Gatten stände Marie Hammerhof sich spottschlecht. Das hatte
Bertha von den verschiedensten Seiten gehört.
Und Bertha sei ihrer Mutter jetzt dankbar, daß sie ihr beizeiten den
einzigen Weg des Heils für die Frau gewiesen: die Emanzipation! -- --
-- -- -- Frau von Holtz dagegen, die Marie sozusagen gezwungen, den
ersten besten zu heiraten, bloß weil sie in heiratsfähigem Alter war,
-- die würde ja jetzt genug Zeit und Gelegenheit haben, ihren eigenen
Unverstand zu bedauern.
In der Tat war Maries Ehe eine unglückliche. Das sah Monika, als sie
das Hammerhofsche Ehepaar einmal bei ihrer Mutter traf.
Hammerhofs waren auf der Durchreise nach Ems, wo ihr Sohn, der
vierjährige Kurt, eine Kur gebrauchen sollte. Der Kleine hatte so
zarte Bronchien. „Ein Erbteil von mir,“ sagte Marie mit verbissenem
Gesichtsausdruck. Sie war überschlank geblieben, wie sie es als junges
Mädchen gewesen; auch ihr Wesen war noch das gleiche: ihre brüske
Aufrichtigkeit, ihre herbe Art.
Wohl wußten alle, die sie näher kannten, daß hinter dieser Schroffheit
sich ein tadellos anständiger Charakter, eine pflichtbewußte ernste
Natur verbarg, aber ihre Art, der jede Grazie fehlte, die nichts von
weiblicher Weichheit besaß, ließ es nicht unverständlich erscheinen,
daß ihr Mann nicht gern in seiner Häuslichkeit weilte.
Es gingen auch Gerüchte, daß es mit der ehelichen Treue bei ihm nicht
sehr gut bestellt sei, auch solle er den Freuden des Bechers allzu gern
und allzu häufig zusprechen.
Jedenfalls sagte Marie selbst nie ein Wort darüber, beklagte sich auch
nie.
Für Fremde war entschieden Herr von Hammerhof der Sympathischere
von den beiden. Er hatte so gute Manieren, eine liebenswürdige Art.
In Gesellschaft anderer war er immer höflich und freundlich zu
seiner Frau, wogegen diese ihn mit ausgesuchter Unliebenswürdigkeit
behandelte. Es kam ihr nicht darauf an, ihm auch, wenn Fremde dabei
waren, recht bittere Worte zu sagen; in ihren vorzeitig scharf
gewordenen Zügen prägte sich dann eine schneidende Verachtung aus.
Nur dann wurde sie anders, wenn sie ihr Kind sah, wenn sie ihren Jungen
in den Armen hielt und ihn voll unendlicher Liebe betrachtete. In
dieser hageren Frau, die in ihrer äußeren Erscheinung so gar nichts
Mütterliches hatte, brannte die Mutterliebe in einer schönen und
starken Glut.
Daß Marie bei ihrer schwachen Gesundheit so oft Nächte durchwachte,
wenn der Kleine krank war, das war nichts so Besonderes, das hatte die
Baronin Birken auch unzählige Male getan. Aber daß sie ihrem Kinde
nicht jeden Willen ließ, daß sie Kurt auch strafte, so weh ihr das tat,
daß sie viele seiner Wünsche, die sie ihm so gern gewährt haben würde,
abschlug im Interesse seiner Entwicklung -- das war es, was Maries
Mutterliebe von Frau von Birkens Mutterliebe unterschied.
Es gab kein besser gehaltenes, kein besser erzogenes Kind als Kurt,
aber seine Gesundheit ließ zu wünschen übrig. Dieser Sprößling eines
Ehepaares, das sich nie geliebt, hatte einen traurigen Zug, sogar
sein Lächeln hatte etwas Kümmerliches. Er liebte niemanden als seine
Mutter, verkroch sich oft wie schutzsuchend in ihren Armen, und Maries
herbes Gesicht verklärte sich wundersam, wenn sie sich über das blonde
Köpfchen neigte.
„Mutter sein, -- das ist doch das einzige Glück für eine Frau!“ sagte
sie, als man bei Birkens ihr Kind gebührend bewunderte.
Aber Monika protestierte. „Das einzige Glück? Das wirst Du nicht
aufrechterhalten können. Ein Glück, -- gewiß. Aber das einzige?...
Die Liebe, die man für ein Kind hat, kann doch nie annähernd das Glück
gewähren, das die Liebe zum Gatten gibt.“
Marie lachte höhnisch und erwiderte mit ein paar scharfen Bemerkungen.
Bemerkungen, die Monika nicht widerlegte, denn sie liebte schon lange
keine Diskussionen mehr. Am wenigsten solche, in denen man einen so
scharfen Ton anschlug, wie Marie es tat. Monika stand jetzt auf dem
Standpunkte, daß ihr Leute ohne Ueberzeugungen, wofern sie tadellose
Manieren hatten, lieber waren als wertvollere Naturen, wenn diese sich
rauh gaben.
Dieser Ueberzeugung verlieh sie gelegentlich Worte, worauf Frau von
Birken in überwallender Empörung erwiderte, daß das ein Gipfel von
Snobismus sei, den sie ihrer Tochter nie zugetraut. Erst komme das
Gemüt und nochmals das Gemüt, dann eine ganze Weile gar nichts, dann
der Geist und lange nachher erst Manieren und Formen!
Am schärfsten aber sprach sich Heinzemännchen gegen die neue
Lebensauffassung seiner Schwester aus.
„Du hast früher Wertvolles bewundert, jetzt aber betest Du ärmliche
Nichtigkeiten an! Früher hast Du ungeschliffene Edelsteine geliebt und
jetzt geschliffene Kiesel!... Wie heißt es doch?
Das Leben schleift so oft Kristalle
Zu wunden Kieselsteinen ab -- --“
„Sicher sind mir nette, glatte Kiesel lieber als irgend so ein zackiger
Kristall, an dem man sich wundreißt.“
Da erreichte Heinrichs Empörung den Höhepunkt.
„Also das gibst Du zu, das gibst Du zu?! Du bist eben selbst so ein
glattes Nichts geworden!“
Sie lächelte. Das überlaute, nicht endenwollende Gelächter ihrer
Mädchenjahre hatte sie sich ja schon so lange abgewöhnt.
Sie lächelte. Reizend liebenswürdig und ein bißchen banal war dieses
Lächeln und hatte die Gabe, Heinrich noch mehr in Harnisch zu bringen.
„Ein glattes Nichts!“ wiederholte er zornbebend, „eine Modepuppe bist
Du geworden mit dem „guten Ton“ statt eines Herzens, und Vorurteilen
statt eines Gehirns.“
„Und mit einer allzu großen Langmut, die mich veranlaßt, Dich
anzuhören,“ sagte Monika in vollendeter Haltung. Dann knöpfte sie ihre
langen Handschuhe zu und sagte beim Abschiednehmen ihrer Mutter:
„Du mußt verzeihen, Mama, wenn ich nicht oft mehr komme; auf Heinrichs
Ton steht mir eine entsprechende Antwort nicht mehr zu Gebote.“
Und sie ging, nachdem sie ihrem Bruder sehr höflich die Hand gereicht
und der Mutter einen Kuß auf die Wange gehaucht.
Heinrich sagte nachher ganz erschüttert: „Mama, früher wenn ich ihr
sowas gesagt hätte, hätte sie mir was an den Kopf geworfen, hätte sich
verteidigt, mich widerlegt, -- und, glaube mir, es wäre mir lieber
gewesen, sie hätte mit einem Donnerwetter geantwortet, als so!...
Sie hatte ja früher gefährliche Anlagen, gewiß -- -- sie war eine
Pantherkatze... Aber sie war doch wertvoll und originell. Und jetzt?...
Eine Larve, Mama, eine Gesellschaftspuppe, -- ein Kieselstein -- und
war doch einmal ein Kristall!“
„Ja, sie hat keinen Funken von meinem Gemüt,“ sagte die Baronin
traurig, „aber laß Dich das nicht anfechten, mein süßer Liebling,
ärgere Dich nur nicht darüber! Du siehst schon ganz angegriffen aus,
mein Heinuckelchen!“