Georg.“

Monikas Hand, die den Brief gehalten, sank schwer herunter. Ihr wirrer

Blick traf zufällig auf den Spiegel, vor dem sie gestanden. Und dieser

Blick wurde allmählich bewußt, erkannte das Spiegelbild, und wie ein

grenzenloses Erstaunen ging es ihr durch den Kopf: „Herrgott, kann man

denn überhaupt so blaß sein?!“

Einige Sekunden lang irrte ihr Sinn noch herum wie ein Vogel, den die

Kugel traf, der ängstlich flattert mit zuckenden Flügelschlägen und

dann plötzlich, sich des Schmerzes bewußt werdend, aufschreit und

niederstürzt.

Und dann Nacht...

Eine tiefpurpurne Finsternis, aus der sich die Sinne nur langsam und

qualvoll allmählich wieder zum Bewußtsein ringen.

Das... das war doch nicht möglich! Das war doch nicht denkbar... nein,

nicht auszudenken, daß diese Liebe, die strahlende Sonne, die ihr

ganzes Leben erleuchten und erwärmen sollte, nur ein Irrlicht war, das

eine flüchtige Sekunde aufschimmerte und dann versank...

Nein, nicht möglich! Und doch? Was stand da in dem Briefe? In dem

Briefe, der ihren Fingern entglitten war, den sie nun vom Boden

emporriß und von neuem las?

Und noch einmal...

Und wieder...

Sie verwundete sich an jedem Worte mit der wahnsinnigen Schmerzensgier

einer Märtyrerin, die sich immer von neuem Dolchspitzen in ihr

schauderndes Fleisch bohrt.

Und dann -- wie eine Eingebung -- leuchtete in dem wirren Toben ihrer

Empfindungen plötzlich ein Gedanke auf, wie das klare Licht eines

Leuchtturms im Dunkel einer sturm- und wogendurchtobten Nacht:

Handeln jetzt! Nicht tatenlos zusehn, wie ihr Glück zerbrach!

Ihre Pupillen erweiterten sich, brannten wie schwarze Flammen in ihrem

tieferblaßten Gesicht.

Ihre Hände ballten sich zusammen, krampften sich zu Fäusten, als wollte

sie das Glück festhalten, -- das Glück!

Handeln jetzt! Zu ihm!

Wie stand es doch in diesem Brief, von dem jetzt jedes Wort in ihrem

Gehirn eingegraben stand wie mit ehernen Lettern?

„Daß ich dem Zauber Deiner Gegenwart doch nicht widerstehn kann“.

Dem Zauber... meiner... Gegenwart...

Mit Gedankenschnelle hatte sie den Hut in die Haare gedrückt.

Und die Treppe hinunter.

Sie hielt die nächste Auto-Droschke an, rief dem Chauffeur die Adresse

zu.

Das Auto glitt über den Asphalt, ziemlich langsam, denn ein grauer

Regen rieselte leise über Berlin, hüllte die Riesenstadt in einen

dünnen Tropfenschleier.

An Monikas Augen glitten die steinernen Häusermassen vorbei, das

Gelbrot der Gaslaternen und das bläulich-schimmernde Licht der

elektrischen Lampen leuchtete in kurzen Zwischenräumen immer wieder auf.

Leute kamen vorüber... Automobilhupen tönten, Hufschlag, -- -- das

schrille Klingeln der elektrischen Bahnen.

Monika sah und hörte das alles, aber es kam ihr nichts ins Bewußtsein.

Sie fühlte auch keinen Schmerz.

Sie sah und hörte und fühlte nichts als ihr Ziel: das Glück

wiederhaben... das Glück...

Das Auto hielt, sie stieg aus, bezahlte den Chauffeur und ging die

Treppe hinauf zu der Wohnung von Georg von Wetterhelm.

Der Diener vermochte trotz seiner Wohlgeschultheit nicht seine

Ueberraschung zu verbergen. Er stotterte, daß der gnädige Herr

ausgegangen sei.

„Wann kommt er zurück?“

„Ich weiß nicht, gnädiges Fräulein.“

„Gleichgültig. Ich werde ihn hier erwarten.“

Sie schritt den Korridor entlang und öffnete die Tür zu Georgs

Arbeitszimmer. Sie kannte den Weg von dem Male her, als Georg sie und

die Mama und die Brüder zum Tee eingeladen.

Mit was für anderen Gefühlen als heute hatte sie da in dem Gemache

gestanden, dessen strenge, vornehme Einrichtung so überaus gut zu

Georgs Wesen und Sein paßte.

Sie setzte sich in den grünen Ledersessel und wies kurz den Diener

zurück, der eintrat, um Licht zu machen.

Sie starrte mit brennenden Augen in das Dunkel ringsum, das nur matt

erhellt war von dem Schein der Straßenlaternen, der von draußen durch

die Gardinen fiel.

Sie überlegte nicht, was sie Georg sagen wollte, wenn er kam, sie

dachte nur: das Glück wiederhaben ... das Glück...

Leise, leise schlug der Regen an die Scheiben. Sie hörte jede Sekunde

das Ticken der großen Standuhr, hörte jede Viertelstunde ihr dumpfes

Schlagen.

Sie wußte nicht, wieviel Zeit verstrichen war. Ihr war es, als sei sie

schon endlos in dieser weichen Dunkelheit. Da hörte sie einen Schlüssel

in der Korridortüre.

Schritte näherten sich dem Zimmer -- dann das Knipsen am Schalter des

elektrischen Lichts -- eine grelle Helligkeit, die das Dunkel zerriß,

-- -- und Georgs Aufschrei:

„Du hier?“

Sein Gesicht war ihr nie so ehern erschienen wie jetzt.

„Du hättest das nicht tun dürfen, Monika! Warum machst Du’s uns beiden

so schwer?“

„Georg...,“ würgte sie hervor.

„Kind, es ist mir so schon schwer genug geworden. Aber es ist besser

so für uns beide. Ich werde mich nie in Deine Art fügen lernen, und Du

Dich in meine auch nicht!“

Sie trat näher zu ihm heran.

„Aber ich will ja alles, was Du willst! Ich will ja werden, wie Du

willst... glaub’ mir das! In alles kann ich mich fügen... unserem

Glück zuliebe!“

Ihre Stimme, die fast versagt hatte, wurde fester; wie ein Feuer, das

zuerst nur zögernd knistert und hie und da einen Funken aufleuchten

läßt, bis es allmählich zur Glut wird, und zur flammenden Lohe dann

-- so wuchs ihre Rede. Wuchs über sie empor und über ihn, wurde das

Hohelied von der Liebe -- von der Liebe, die stark ist wie das Leben,

stark ist wie der Tod -- --!

Sie wußte selbst nicht, woher ihr die Worte kamen. Sie wußte nicht,

woher sie den Mut und die Kraft nahm, ihm all das zu sagen, den letzten

Schleier von ihrem Seelenleben zu ziehen, ihn alle Höhen und alle

Tiefen der Liebe schauen zu lassen, der Liebe, die sie zu ihm trug...

Das waren nicht bloß Worte, die da auf ihn eindrangen und an sein

kühles Herz klopften. Das war, als ob Monikas ganzes Sein sich auflöste

in einen Strom, der zu ihm hinüberdrang, glühend und besiegend ...

Wie von selbst breiteten sich seine Arme auseinander und schlossen sich

um das Mädchen, das sich mit einem unartikulierten Laut an seine Brust

warf.

„Georg, -- -- Georg -- -- hast Du mich lieb?“

„Zu sehr, mein kleiner Schatz, zu sehr -- --“

Er preßte seine Lippen auf ihren Hals und wie ein Stöhnen klang’s: „Ich

komme ja doch nicht mehr von Dir los.“

Da hob sie den Kopf, und ihr Gesicht glühte von Liebe und glühte von

Güte, von holdseliger, weiblicher Güte:

„Und Du sollst das nicht bereuen, mein Lieb! Ich will mich ja bessern,

will mich ja nach Deinen Wünschen formen, -- in allem... unserem Glück

zuliebe...!“

[Illustration]

10.

Eine scharfe Brise kräuselte des Mittelländischen Meeres blaues

Wasser, aber der große Dampfer zog ruhig und sicher weiter seine

tiefaufwühlende Furche.

Es waren wenig Passagiere auf Deck. Außer ein paar Engländern, die

mit hochgeklapptem Rockkragen, die Mütze tief in der Stirn und die

Stummelpfeife zwischen den Zähnen herumspazierten, nur Georg von

Wetterhelm mit seiner Frau.

Monika hatte den Sturmriemen ihrer Mütze heruntergezogen und ließ sich

den Wind ins Gesicht wehen. Sie sah so strahlend glücklich aus, daß des

Konsuls harte Züge ein Schimmer von Zärtlichkeit überflog.

„Du bist schon ein liebes Kerlchen, Mone! -- Wie viele Frauen würden

jammern über das schlechte Wetter, das wir bisher hatten.“

„Aber, Georg, das Wetter war doch großartig.“

Er lächelte. „Na, Liebchen, seit den zwölf Tagen, die wir verheiratet

sind, ist noch kein Tag ohne Regen gewesen. -- Schade! Ich hatte mir

diese Seereise so nett gedacht.“

„Aber sie ist doch entzückend! Weißt Du, es soll so viele Leute

geben, die in der Phantasie wer weiß wie sehr genießen und von der

Wirklichkeit enttäuscht sind! Das ist doch zu dumm... Ich habe es mir

ja gewiß immer wunderschön gedacht, mit Dir verheiratet zu sein, aber

daß es so über alle Begriffe schön ist, das habe ich nicht gewußt!“

Er zog sie an sich und küßte das junge Gesicht, auf dem der kühle Hauch

des Meeres lag.

„Und zu denken, daß dieses Glück nicht aufhört, Georg, -- daß ich jetzt

immer bei Dir sein darf, immer... und mit Dir zusammen die herrliche

Welt sehn soll -- -- -- --“

Ein tief erzitternder Atemzug hob ihre Brust, als könne sie das

Uebermaß von Glück nicht fassen.

Der Konsul hatte sich seine Hochzeitsreise „vernünftig gelegt“. Er war

nach Bombay berufen, hatte noch sechs Wochen Urlaub; in Genua wollte

man eine Zeit Aufenthalt nehmen, von da nach Rom und Neapel und von da

aus zu Schiff weiter.

Die Schiffsreise Hamburg-Genua war durch schlechtes Wetter getrübt

worden. Als aber der Dampfer sich dem langgestreckten Hafen von Genua

näherte, zerriß der Wolkenschleier am Himmel, und eine strahlende

Sonne überflammte Genua ~la superba~, das sich im mächtigen Halbkreis

auf den steil ins Meer abfallenden Bergen erhob. Die stolze, uralte

Hafenstadt mit dem Gewirr ihrer Gassen und Märkte, mit ihren ragenden

Marmorpalästen war ganz in Sonne getaucht und in Sommer. Maiblüten über

grauen Mauern bedeckten vielhundertjährigen Marmor mit jungem Leben.

Wenn Monika mit ihrem Gatten durch diese Stadt schritt, wenn sie

mit ihm die Treppe zum Dogenpalast betrat oder im Palazzo Rosso vor

einem Reiterbildnis von van Dyck stand oder vor Veroneses „Judith und

Holofernes“, wenn sie im Boot zu dem Molo Duca di Galliera fuhr, von wo

aus man die trotzige Stadt und das trotzige Gebirge in seiner ganzen

wilden Schönheit sah, dann fühlte sie: das ist ein Höhepunkt!

Und sie hätte dann der Zeit wie einem allzu feurigen Renner zuschreien

mögen: „Halt an!“ Es konnte ja nicht mehr schöner werden!

Und doch wurde es noch schöner. Als sie die kleine Villa fanden, droben

in San Lorenzo.

Auf einer Spazierfahrt hatten sie sie gesehn, hatten sie, angelockt

durch das Vermietungsplakat, besichtigt, und Monika hatte erklärt, daß

sie gern auf Rom, Neapel und alle übrigen Städte des gesegneten Italien

verzichten wolle, wenn Georg für den Monat, der ihnen noch an Urlaub

blieb, dieses kleine Haus mieten wolle mit seiner großen Terrasse, mit

seinem herrlichen Garten über dem Meer.

Georg hatte gezögert. Eigentlich gehörte es zu seinem „Programm“,

seiner jungen Frau die Kunstschätze Italiens zu zeigen, aber Monika

hatte so herzbewegend gebeten und das Haus war so hübsch, daß er

einwilligte. Ueber die Mangelhaftigkeit der italienischen Dienstboten,

die man für den Monat nahm, kam er zwar nicht so leicht hinweg, -- auch

sonst gab es manches zu tadeln, -- aber alles in allem fühlte auch er:

meines Lebens schönste Zeit!

Sein kühles Herz blühte auf in der heißen Liebe, mit der seine Frau ihn

umgab. Seine nüchternen Sinne wurden angeregt durch ihre sprühende Art,

ihre stürmische Begeisterung.

Jeder Tag war eine Kette von Wundern.

Jeder Morgen kam wie ein junger Sieger.

„Helios!“ sagte Monika, „der junge Sonnengott, der auf seinem goldenen

Wagen einherkutschiert, die Zügel zwischen den Fäusten. Die mächtigen

Pferde schäumen in ihr goldenes Gebiß und bäumen sich hochauf...

Aber das tut ihm nichts... Er ist der Sonnengott, er ist der Sieger!

Und da fährt er nun durch den Azur und verschwendet Sonne, vergeudet

Sonne. Ach, in unserm armen Deutschland müssen wir einen halben Winter

damit haushalten, was der hier an einem Maimorgen ausgibt! -- --

Jetzt verstehe ich erst den Sonnenkultus, verstehe alle die Völker,

die Perser und Lydier und Phrygier und Griechen und Römer, die sich

anbetend niederwerfen vor dem Leuchtenden da droben!“

Sie streckte die Arme hoch, in einer spontanen Gebärde, zur Sonne

empor. -- --

Dann ging man wohl mitunter an den Bergabhängen entlang, die hinunter

nach Genua führten. Von den Kräutern, die an den Felsabhängen standen,

ging ein herber und süßer Duft aus. Die Sonne drang mit Gewalt in sie

hinein, in alle diese spröden amethystfarbenen und silbergrauen und

weißen Kräuter mit den stacheligen Blättern; sie drang in sie hinein

und sog ihnen den Duft aus den Kelchen. Und neben der harten Bergwelt,

neben all diesem Gewucher von Minze, Ginster und Heidekraut lockte die

weiche, sinnliche Pracht der Rosen.

Und Olivenbäume bedeckten in unzähligen Mengen alle Berge, alle

Schluchten; ihre Milliarden schmaler Blätter schoben sich wie

silbergraue Schleier vor die Aussicht, und durch diese Blätternetze

hindurch sah man das Meer, das blaue Juwel. Auf den Segeln der

träumerisch dahingleitenden Schiffe blitzte die Sonne wie in einem

Brennspiegel. -- --

Oder war es noch schöner, wenn die Sonne schon untergegangen?

Der Himmel zeigte dann noch purpurrote Streifen. Die tönten sich ab in

Violett, das in Veilchenblau überging, und, tiefer hin immer blasser

werdend, zeigte der Himmel da, wo er mit dem Meere zusammenstieß,

denselben durchsichtig blaßblauen Ton wie das Wasser, verschmolz in

eins mit ihm in zärtlicher Umarmung.

Die riesigen Fischernetze waren lang über den Strand hingebreitet,

sorgsam auseinandergezogen, daß man das Gitterwerk ihrer Maschen

sah, -- ihre tief rotbraune Farbe gab einen düsteren Ton in diesem

Zusammenklingen von leuchtenden und hellen Farben.

„O dieses Rotbraun, -- -- das ist so richtig eine Farbe für

Mordwerkzeuge,“ sagte Monika, „wie geronnenes Blut sieht es aus, so

richtig eine Farbe für diese Netze, in denen sich Tag für Tag Hunderte

und Tausende von lebendigen Fischen verstricken, um so qualvoll zu

sterben.“

Durch den flammenden Horizont taumelte im Zickzackflug eine Fledermaus,

gefolgt von dem werbenden Männchen.

Unten auf der Straße, die sich hart am Meere dahinzog wie ein endloses

weißes Band, glitten auf Gummirädern ein paar Automobile vorüber. Ein

paar Sekunden lang zerriß der gellende Schrei der Hupe den Abendfrieden

-- dann waren sie vorüber.

Von dem alten Glockenturm herunter klang das Ave.

Und der brennende Horizont wurde blasser, wurde farblos wie eine Blume,

die verblüht.

Langsam sank die Nacht über die Erde.

Der Mond, der während des Sonnenunterganges blaß am Himmel gestanden,

leuchtete plötzlich auf. In dieser Beleuchtung war der Garten ein

anderer, als er am Tage gewesen. Die Stämme der Palmen mit ihren

dunkeln Schuppen sahen aus wie die höckrigen Panzer bösartiger Reptile.

In den blanken Blättern des Tulpenbaums spiegelte sich das Mondlicht

am gleißendsten. Jedes dieser dunkeln Blätter war wie ein Spiegel aus

Metall. Und die Stauden der weißen Levkoien, die so hoch und breit

waren, daß sie wie Büsche erschienen, trugen ihre Last von ungezählten

Blüten wie Millionen Silbersternchen. Die Heliotropbüsche blieben

dunkel; ihre Blüten, die am Tage von einem süßlichen Violett waren,

nahmen nichts von Licht in sich auf. Sie schienen nun schwarz, fast

farblos, aber sie dufteten nur um so stärker und sandten ganze Wogen

von Wohlgeruch in die Luft.

Und Mondlicht über dem allen, verschwenderische Wellen von Mondlicht

über der See, über dem Garten, -- in allen Räumen des Hauses. Das

Schlafzimmer mit seinen weißen Möbeln gleißte wie Silber.

Und Monika war es, als ob die schweigende Welt ringsum einen Hymnus

anstimmte, einen Jubelhymnus auf ihr Glück. Diese überirdischen

Tonwellen drangen auf sie ein, durchschauerten sie mit einer

schmerzhaften Intensität. Fester preßte sie sich in Georgs Arme. Ein

Schluchzen hob ihre Brust.

„Was ist Dir?“ fragte er erstaunt.

„Zu glücklich bin ich!“

„Das ist doch keine Ursache zum Weinen.“

„Doch! Denn ich sage mir: schöner kann es doch nun aber ganz sicher

nicht mehr werden! Noch höher hinauf geht es nicht. Kommt nun ein

Abstieg? -- -- Ich muß an ein paar Verse denken:

‚Sag’ nicht, daß Du mich liebst.

Ich weiß, das Schönste auf Erden,

Die Liebe und der Frühling,

Es muß zuschanden werden -- --‘“

Sie sah in diesem Augenblick den Abgrund, der alles verschlang, sah

der Vergänglichkeit weitgeöffneten Höllenschlund, -- und mit einer

schutzsuchenden und verzweifelten Gebärde klammerte sie die Arme

fester um Georgs Hals.

„Mone, Du bist überreizt. Sicher heut zu lange in der Sonne gewesen. Du

bist doch sonst nicht so sentimental.“

Da sanken ihre Arme herab: also er verstand gar nicht? „Sentimental“

nannte er ihr trotziges Aufbäumen gegen den Verfall. „Sentimental“

diese schauernde Angst der blutroten Lebenswärme gegen die grausame

Zeit, die unablässig, unaufhaltsam fortschritt, sie vorwärtsführte in

das graue Alter und in den eisigen Tod...

Sie hatte geglaubt, daß die große Liebe, die über ihnen beiden war,

all ihre Nerven aufeinander abgestimmt hätte, wie wohl, wenn man

einen Ton auf dem Klavier anschlägt, die Tonwelle sich durch die Luft

weiterpflanzt und das Kristall eines Glases in Schwingungen versetzt,

daß es mitklingt in reinster Harmonie.

Und so war es nicht?! Den Erschütterungen ihres Innern setzte er ein

banales Nichtverstehen gegenüber?

Das war die erste Enttäuschung ihres Liebesglücks.

Sie war zu jung, um lange bei diesem Gedanken zu verweilen. Der nächste

Tag schon brachte neue Freuden. „Schön, schön wie die Wirklichkeit,“

sagte Monika.

Pantherkätzchen · 第 24 / 34 题