Ein paar Bürstenstriche: „Ist es so gut?“

„Aber Kind, da ist ja kaum was geändert, viel glatter, bitte.“

„Also so?“

„Noch immer nicht richtig.“

Statt einer Antwort feuerte sie die Bürste auf die Erde. Georg erhob

sich. Er war sehr blaß geworden, und ehe noch Frau von Birken zu einer

Strafpredigt ansetzen konnte, sagte er: „Das war Deiner unwürdig,

Monika!“

Nun fiel die Mutter ein, aber alles, was die auch vorbrachte, hatte

keine Wirkung auf Monika, gegenüber den paar Worten aus Georgs Munde.

Sie kämpfte einige Augenblicke mit sich, dann aber ging sie auf ihren

Verlobten zu und sagte:

„Du hast ganz recht, Georg, und ich bitte Dich um Verzeihung.“

Ihre Frisur war wirklich von korrektester Einfachheit, als man in

Gerbitz eintraf.

Zwei Stunden war man Eisenbahn gefahren, dann eine Stunde in

altmodischer Kalesche durch märkischen Sand, dann kam man an dem

grauen Herrenhause an.

Frau von Wetterhelm und ihre Tochter Brigitte begrüßten die Gäste.

Georgs Mutter war eine imposant große Erscheinung, in der Mitte der

sechzig. Ihr Gesicht zeigte einen leidenden Ausdruck. War es doch

Krankheit gewesen, die der Anlaß dazu war, daß der Sohn ihr jetzt erst

seine Braut zuführte.

Georg hatte innerlich gefürchtet, daß seine zukünftige Schwiegermutter

den Damen seiner Familie wenig gefallen würde; ihr wenig seriöses

Wesen, das Fehlen mütterlicher Würde in ihrem Aeußeren und ihr

Benehmen würde wahrscheinlich von seinen überaus korrekten Angehörigen

gemißbilligt werden.

Zu seinem Erstaunen verstand sich Frau von Birken mit den Damen sehr

gut. Schon nach kurzer Zeit war man eifrig in das wichtige Thema

vertieft, welcher Zeitpunkt für das Einlegen von Johannisbeeren der

geeignetste sei.

Dies und eine Reihe ähnlicher Gesprächsthemata schlugen eine Brücke

zwischen Monikas und zwischen Georgs Mutter. Als dann gar die

Dienstbotenfrage aufs Tapet kam, erwärmte sich selbst Brigitte, deren

hagere Altjungfernfigur im schmucklos schwarzen Kleide wie aus Holz

geschnitzt erschien.

Monika trug bei diesen Unterhaltungen eine geradezu unhöfliche

Unaufmerksamkeit zur Schau. Das lag ihr nicht... das alles hier lag

ihr nicht... Die Einrichtung, die bei aller Wohlhabenheit geschmacklos

puritanisch war, diese große, strenge Frau, zu der sie nun „Mama“ sagen

sollte, die unschöne Schwester... das alles verstimmte sie.

Sie war ganz verärgert, besonders, als Georg ihre Bitte, ihr den Park

zu zeigen, abgeschlagen hatte.

„Wir gehen nachher alle zusammen,“ sagte er.

Bei dem Rundgang, den man nach dem Frühstück machte, wurde Monikas

Benehmen von den Wetterhelmschen Damen innerlich „lächerlich kindisch“

gefunden; sie geriet in Ekstase vor den jungen Lämmern mit ihren

kurzlockigen Fellchen, sie kniete nieder, um sie an sich zu drücken;

sie war im Schweinestall außer sich vor Freude über die Ferkel mit

ihren rosa Körpern und den Ringelschwänzchen; sie hielt den Tieren

Reden, besonders dem Hofhund, der gleich eine große Sympathie für sie

an den Tag legte:

„O, was für ein guter Hund... Du bist ja sehr häßlich, mein armer

Kerl, und so gelb wie Eidotter bist Du, und aus gar keiner feinen

Familie... Nein, nicht mal Rasse hast Du... Aber Du bist doch gut, mein

Dickerchen! Ach, was für’n guter Hund! Und gut sein ist ja auch was

wert, wenn auch nicht so viel wie schön sein!“

Da intervenierte Frau von Birken, sie legte die größtmögliche Strenge,

deren sie fähig war, in ihren Ton:

„Monika, genug des Unsinns! Wir wissen ja, daß Du nur scherzest, aber

man soll auch im Scherz nicht sagen, daß Schönheit mehr ist als Güte!

Die Güte ist das Weltprinzip...“

Brigitte drückte der Baronin ostentativ die Hand.

„Aber Mama,“ rief Monika, schnell wie aus der Pistole geschossen,

„aber Mama! Du hast doch wohl schon Naturgeschichte gelesen und

Weltgeschichte und Entwicklungstheorien? Das Weltprinzip ist doch die

Grausamkeit, der ewige Kampf...“

„Lassen wir das doch,“ schnitt Georg ab; ein unmutiger Ausdruck lag

über seinem Gesicht, ihm war nicht entgangen, daß sich in den Zügen

seiner Mutter schärfste Mißbilligung bei Monikas Worten aussprach, daß

die Züge seiner Schwester förmlich vereisten in schroffster Ablehnung.

Dann ging man nach der Fohlenkoppel hinüber, wo Monika versuchte, auf

die Fohlen hinaufzuturnen.

„Zu schön ist’s auf dem Lande,“ sagte sie zu ihrem Bräutigam, als sie

ihn endlich „ein bißchen für sich“ hatte. „Die Tage von Sarkow, meine

Kinderjahre, sind mir so unvergeßlich. Am liebsten möchte ich mit Dir

auf ein Gut ziehen, Georg.“

„Mir liegt das nicht,“ erwiderte der Konsul. „Gewiß ist Landwirt sein

auch ein schöner Beruf, in dem man seinem Vaterlande nützen kann, aber

ich kann in meinem Berufe Größeres wirken, Besseres für Deutschland

tun.“

Monika stürzte sich mit Feuereifer auf diese neue Anregung.

„Ja, da hast Du auch ganz recht! Ich werde mal eine tadellose

Botschafterin!“

„Na, na, man immer sachte mit den jungen Pferden.“

„Und wir bekommen einen historischen Palazzo als Dienstwohnung, weißt

Du, sowas in Spätrenaissance, und ich gebe jeden Abend Empfänge, wo

lauter Fürsten und Genies sind, ~crème de la crème~, weißt Du?...

Und ich trage ein himmelblaues, silbergesticktes Kleid und furchtbar

viel Orden in Brillanten. Als Botschafterin bekomme ich doch Orden,

nicht wahr? Und ich trage ein Perlcollier für eine Million. Das muß

ich von meiner Schwiegermutter geerbt haben. ‚Das Kollier meiner

Schwiegermutter‘ finde ich sehr stilvoll.“

„Ach, Kind, hör’ bloß mit dem Unsinn auf. Und nimm Dich zusammen vor

Mama und Brigitte. Korrekt, mein kleiner Schatz, korrekt!“

Beim Mittagessen wirkte diese Ermahnung noch so nach, daß sie wie ein

braves Schulkind dasaß.

Aber nach Tisch, als sich die Damen zum Nachmittagsschlaf zurückgezogen

und Monika mit ihrem Bräutigam durch den Park ging, verjagte die

goldene Aprilsonne bald ihre mühsam bewahrte Gemessenheit.

Konnte man denn ruhig bleiben, wenn die Blattknospen gar so ungestüm

aus ihren Hüllen drängten, wenn die Hyazinthen auf den Frühbeeten mit

tiefen Farben prangten wie Edelstein: rubinrot, diamantenweiß und blau

wie Saphir! Ach -- und alle diese Blütenglocken sandten süße Duftwogen

in die herbe deutsche Luft. In den Aesten lärmten und lockten die

Vögel, schrien, weil der Frühling da war und die Liebe...

Konnte man denn ruhig bleiben, wenn man einen so süßen, geliebten,

schönen, guten Bräutigam hatte?

Das fragte Monika Georg von Wetterhelm.

Und er lachte zärtlich, immer aufs neue besiegt von ihrem wilden

Charme. --

Die Vesperstunde vereinigte alle wieder um den runden Tisch im Eßzimmer.

Frau von Wetterhelm war Monika gegenüber aus ihrer ursprünglichen

Freundlichkeit in eine gewisse Reserviertheit übergegangen. Sie fand:

es war eigentlich eine fabelhafte Idee von Georg, ein so unbändiges,

junges Ding heiraten zu wollen. Seiner sonstigen Wesensart war das

so unähnlich, er war doch immer ein so tadellos vernünftiger Mensch

gewesen.

„Georg hat mir nie Sorgen gemacht,“ erzählte sie an diesem Nachmittag.

Ja, er war immer ein lieber, vernünftiger Sohn gewesen, körperlich und

geistig gut beanlagt. Er war nie krank gewesen, er war immer unter

den besten Schülern seiner Klasse. Alles in seinem Leben war wie am

Schnürchen gegangen. Das Abiturium, die späteren Examina, die Ernennung

zum Leutnant der Reserve, sein Avancement bei den Garde-Ulanen. Und

seine Beamtenkarriere würde eine glänzende sein, das sagten alle, und

sie hoffe nur, Monika würde ihren zukünftigen Gatten „voll und ganz zu

würdigen verstehen“!

„Na und ob!“ schmetterte Monika so überzeugt heraus, daß alle drei

Damen ihr verweisende Blicke zusandten.

„Hoffentlich habe ich mit meiner Schwiegertochter ebenso viel Glück wie

mit meinen Kindern,“ fuhr Frau von Wetterhelm nicht ohne eine gewisse

Anzüglichkeit fort, „ja, auch Brigitte hat mir nur Freude gemacht.“

Monika warf einen erstaunten Blick auf die schwarzgekleidete, hagere

Dame, welche sie im stillen „die hölzerne Jungfrau“ getauft hatte.

„Ja, Brigitte ist immer tätig und häuslich gewesen,“ lobte die Herrin

des Hauses weiter. „Mein lieber Mann starb ja so früh -- Georg kam

naturgemäß bald aus dem Hause -- da war Brigitte das Einzige, was mir

blieb. -- Wie hat sie mich gepflegt in meinen vielen Krankheiten.

Brigitte ist die geborene Krankenschwester! Und sie hat es nie übers

Herz gebracht, mich zu verlassen, auch damals nicht, vor nunmehr

zwanzig Jahren, als Herr von Lodringen um sie anhielt.“

„Aber Mama!“ Ein schwaches Rot war in Brigittes welke Wangen gestiegen,

mit einer nervösen Gebärde strich sie sich über den glatten,

graublonden Scheitel.

„Meine liebe Tochter, warum sollte ich nicht von Deiner aufopfernden

Kindesliebe sprechen, von Deinem edlen Pflichtgefühl? Unsere kleine

Monika kann daraus nur Gutes lernen! Ja, also als Lodringen um Brigitte

anhielt, wies sie ihn ab, obwohl sie ihn sehr gern hatte und obwohl er

eine durchaus passende Partie war. Wies ihn ab, weil sie mich nicht

verlassen wollte.“

Brigitte sagte nichts. Ein Seufzer hob ihre Brust.

„Ach...,“ rief Monika, ungläubig erstaunt.

Frau von Wetterhelm fuhr fort: „Lodringen stand in Westfalen, und ich

konnte natürlich nicht daran denken, mit in jene Garnison zu ziehen.

Was hätte dann hier aus dem Gute werden sollen? Und so blieb Brigitte

bei mir, mein aufopferndes Kind, als die Stütze meines Alters...“

Frau von Birken hatte vor Rührung Tränen in den Augen.

„Wie entzückend, wie heroisch geradezu, sein eigenes Lebensglück

hinzugeben, um der Mutter Trost sein zu können! Diese echt weibliche

Entsagung! Da siehst Du, Monika, was für junge Mädchen es auf Gottes

Welt gibt!“

„Aber das ist doch ein maßloser Unsinn,“ rief Monika heftig, mit

sprühenden Augen; in ihrer Erregung bemerkte sie nichts von dem

förmlich lähmenden Entsetzen, das ihr Ausruf bei der Tafelrunde

hervorgerufen.

„Ja, ein offenbarer Unsinn,“ stürmte sie weiter, „ein lebendiges,

warmes Liebes- und Lebensglück zu opfern aus töchterlichem

Pflichtbewußtsein! Man lebt doch nicht für seine Mutter!“

Sie brach ab, erschreckt über das Verhalten ihres Bräutigams, der zu

seiner Mutter getreten war. Er beugte sein erblaßtes Gesicht über die

alte Frau und sagte, indem er wie beschwörend seine Hand auf ihren Arm

legte:

„Hör’ nicht hin, Mama, sie meint es nicht so. Sie ist noch so sehr

jung.“

Die böse Stimmung, die dieser Zwischenfall hervorgerufen, hielt an. Die

Wetterhelmschen Damen brachten kaum ein Wort mehr über die Lippen.

Gut, daß Frau von Birkens Redefluß auch bei dieser Gelegenheit nicht

versiegte. Ihre Begabung, über die nichtigsten Dinge sehr viel zu

reden, war ihrem zukünftigen Schwiegersohne zum erstenmale eine Freude.

So herrschte wenigstens nicht dauernd Stillschweigen.

Mit dem Abendzuge fuhr man fort. Auf der Rückfahrt berührte Wetterhelm

mit keinem Worte den Vorfall, der ihm tiefgehenden Eindruck gemacht.

Bei seiner langsam denkenden Art wollte er erst mit sich selbst ins

Reine kommen, ehe er mit Monika sprach.

Die fühlte zwar, daß sie auf Georgs Angehörige keinen allzu günstigen

Eindruck gemacht, aber sie nahm das ganze nicht wichtig.

Sie wurde auch dadurch abgelenkt, daß sie zu Hause die Korrekturbogen

ihres neuen Gedichtzyklus fand.

Dieser Zyklus, der eine Ueberraschung für ihren Bräutigam sein sollte,

war für die nächste Nummer des „Leuchtturm“ bestimmt.

„An Georg“ hieß die Ueberschrift dieser sechs Gedichte, deren eines

das andere an klingenden Worten und leidenschaftlichen Empfindungen

übertraf.

Monika war von ihrem eigenen Werke erschüttert, als sie die

Korrekturbogen las. Ihr schienen diese Gedichte wie sechs voll erblühte

Rosen, farbenflammend, duftsprühend... und die Dornen, die sonst Rosen

tragen, hatte sie ihnen abgebrochen mit zärtlichen Fingern. Dornenlose

Rosen waren’s nun, lauter Liebe und Leidenschaft und heißes, heißes

Glück!

Eine heftige Ungeduld erfaßte sie plötzlich, Georg schon jetzt diese

Verse zu senden. Nicht, wie sie sich vorgenommen, erst am nächsten

Mittwoch, wenn das neue Heft des Leuchtturms erschienen war.

Sie schrieb ein paar Zeilen, kuvertierte diese und die Druckbogen und

schrieb mit ihrer weitausladenden, arroganten Handschrift die Adresse

ihres Verlobten.

Dann rannte sie fort, um den Brief selbst in den Kasten zu tragen; sie

ließ Briefe an Georg nie durch jemand anders besorgen.

Sie schlief nicht viel in dieser Nacht; immer wieder mußte sie daran

denken, wie Georg sich wohl freuen würde, wenn er diese glühenden

Liebesgeständnisse las und durch ihre Zeilen erfuhr, daß er es nicht

allein war, der diese Gedichte las, sondern daß Tausende von anderen

Menschen, von mitfühlenden, mitvibrierenden anderen Menschen es lesen

würden -- -- --

„An Georg“.

Nun, bald würde sie ja wissen, wie sehr er sich gefreut. Er kam ja

morgen zum Abendbrot -- -- nein, nicht morgen. Heute! Es hatte ja eben

schon zwei geschlagen durch die stille Nacht.

Erst als es hell wurde, schlief Monika ein.

Der Tag ging hin, wie jetzt alle Tage hingingen: in Erwartung ihres

Bräutigams.

Als sie sich eben für den Abend umgezogen hatte, kam Georgs Diener

mit einem Briefe von ihm, den er Auftrag hatte, dem gnädigen Fräulein

selbst zu übergeben.

Monika schloß sich mit dem Schreiben ins Schlafzimmer ein; sie wußte,

daß man sie sonst doch nicht bei der Lektüre ungestört ließ.

Und sie las:

„Liebe Monika,

es wird mir unendlich schwer, Dir diese Zeilen zu schreiben. Ich

habe schwer mit mir gekämpft seit gestern abend. Nach reiflicher

Ueberlegung aber halte ich es nun doch für besser, Dir zu sagen:

wir passen nicht zueinander. Ich bin weit entfernt davon, die

wundervollen Geistes- und Körpereigenschaften zu verkennen, mit

denen die Natur Dich überschüttet hat. Aber Du hast Grundsätze,

Anschauungen, Prinzipien, die für +meine+ Frau unmöglich sind!

Ich habe das zuerst alles für Kindereien gehalten, aber wie Du

gestern meiner alten Mutter ins Gesicht hinein erklärtest, daß das

hohe Liebeswerk, das meine Schwester an ihr getan, „barer Unsinn“

sei, das gab mir einen Choc, den ich nicht überwinden kann.

Dann kam Dein Brief -- -- -- Die Verse sind gewiß sehr schön

und talentvoll, aber für ein junges Mädchen wenig passend. Die

Tatsache, daß Du sie veröffentlichen willst, entspringt einem mir

geradezu unbegreiflichen Mangel an Zartgefühl.

Wie kann man so intime Empfindungen der großen Menge preisgeben,

sie der höhnischen Kritik jedes Uebelwollenden aussetzen. Wie

kann man Gefühle, die in das tiefste Dunkel Deines Mädchenherzens

gehören, an das grelle Licht der Oeffentlichkeit zerren?! -- --

Aber genug von alledem!

Mit tiefem Schmerze reiße ich mich los von Dir in der Erkenntnis,

daß unsere beiden Naturen zu grundverschieden sind, um je in eine

harmonische Ehe zu verschmelzen.

Ich sage Dir brieflich Lebewohl, weil ich weiß, daß ich dem Zauber

Deiner Gegenwart doch nicht widerstehn kann. Du bist die Erste,

bei der mein Gefühl stärker war als mein Verstand. Ich weiß und

fühle, daß diese Schwäche Dir gegenüber für mein ganzes künftiges

Leben eine Gefahr bedeutet, eine Gefahr hauptsächlich darum, weil

Du Deinen ganzen Anschauungen nach mich oft zu Handlungen und

Unterlassungen wirst veranlassen wollen, die meiner innersten Natur

widerstreben.

Lebe wohl, mein geliebter kleiner Schatz.

Pantherkätzchen · 第 23 / 34 题