Das brennende Mitleid, das sie für den Bruder gefühlt, verschwand,
sobald sie sah, daß Heinrich mit einem Tage Kopfschmerzen davonkam.
Aber der Eindruck blieb. Es blieb die wahnsinnige Angst: nicht sterben,
ehe ich gelebt, ehe ich alles Süße gekostet, was das Leben zu schenken
hat.
Und es kam der Zweifel, der nagende Zweifel: tue ich recht, wenn ich
mich vergrabe in tote Gelehrsamkeit -- wenn ich mein Leben verstreichen
lasse mit dem Erlernen von Systemen, von Theorien?
Mein Gehirn arbeitet -- meine Geisteskräfte werden stärker durch Uebung
und Erziehung, aber abstrakte Wissenschaft ist nicht das Leben.
Manchmal war es ihr, als ob sie ihr Gehirn haßte, das alle anderen
Regungen zu verschlingen drohte.
Sie bemühte sich nun, nicht mehr an all die Themata zu denken, die sie
in den letzten Monaten so sehr absorbiert hatten.
Mit kindischem Trotze suchte sie alle streng geistigen Regungen in sich
zu ertöten.
Dafür ließ sie jetzt ihrer Phantasie die Zügel schießen. Und es war,
als ob diese Phantasie, die während der Lernperiode geschlummert, nun
mit doppelten Kräften aufwachte; lächelnd nahm die Phantasie Monika
bei der Hand und führte sie vielgestaltige Irrwege, auf denen viele
schöne Giftblüten wucherten, wildflammende Blüten, die berauschend und
betäubend dufteten.
Und Monika spann sich in ihre Phantasien wie die fleißige Seidenraupe,
die sich mit ihrem Köpfchen in ein silberschimmerndes, dichtes Gewebe
einspinnt.
Der Tadel der Lehrer -- die Ermahnungen der Mutter blieben umsonst.
Monika nahm am täglichen Leben wenig Anteil, war zerstreut und faul.
Niemand konnte ergründen, was für Gedanken hinter der niedrigen, weißen
Stirn rege waren. Mit der gleichen, fast unheimlichen Konzentration,
mit der sie sich erst auf das Lernen gestürzt, widmete sie sich jetzt
ihren uferlosen Phantasien. Kein fremder Einfluß vermochte sie dieser
Manie zu entreißen -- nur sie sich selbst.
Und diese Stunde kam.
Ein Gedanke -- sie wußte nicht woher -- eine schaudernde
Selbsterkenntnis: auch das ist nicht Leben! Nicht nur die Wissenschaft
stahl mir die Wirklichkeit, auch meine Träumereien haben nichts mit
Wirklichkeit zu tun. Diese Träumereien, die sich alle darum drehen,
wie das wohl sein könnte, nicht, wie es wirklich ist!
Ich aber möchte das Leben, wie es ist!
Aber was sehe ich denn vom Leben, was weiß ich denn davon? Wir Töchter
aus guter Familie werden gehalten wie die Kanarienvögel im Käfig. --
Ach... Leben...
Oft wünschte sie sich jemand, der ihr hätte raten, ihr hätte helfen
können in dem brausenden Zwiespalt von Gefühlen.
Aber es war niemand da. Sie blieb ganz allein. Allein in der frühen
Reife des Körpers und des Geistes.
Und ihr Trotz erstarkte in dieser Einsamkeit, ihr Trotz: allein
dazustehen und allein zu bleiben. --
In den Unterrichtsstunden verschlechterte sie sich sehr. Und das
wurde noch schlimmer, als der Winter begann und sich ihr hier und da
Gelegenheit bot, Tanzfestlichkeiten mitzumachen.
Die Baronin jammerte zwar gottsjämmerlich, wie schrecklich das sei,
daß sie in ihrem jugendlichen Alter schon als Ballmutter figurieren
müsse -- außerdem seien die Kosten für diese Vergnügungen gar nicht zu
erschwingen -- aber im Grunde genommen ging sie gern hin.
Der Verlauf war jedesmal derselbe: wenn so eine Einladung ins Haus kam,
erklärte Frau von Birken feierlich, daß man sie unter keinen Umständen
annehmen würde.
Monika begann sich dann zu entrüsten:
„Du gehst ja doch.“
„Ich denke nicht daran! Wir können das gar nicht bei unseren Mitteln.
Außerdem müßte ich ein neues Kleid haben.“
„Ach, es geht ja noch mit dem alten, Mamachen, bitte, bitte, wir wollen
doch hingehen.“
„Unter keinen Umständen!“ sagte Frau von Birken streng. Sie genoß
dann förmlich die Situation. Sie erschien sich in diesen Augenblicken
bedeutender als sonst, in dem Bewußtsein, daß Monika von ihr abhängig
war, daß sie bitten mußte mit kleinen, schmeichelnden Worten.
„Nein, Du hast so eine Freude gar nicht verdient.“
„Mama!“ -- Die weißen Zähne gruben sich tief in die schwellende
Unterlippe. Heiß flammte der Trotz in den dunkeln Augen auf. Nein, sie
würde kein Wort mehr sagen, nicht mehr bitten -- nicht mehr bitten!
Und dann schwirrte vor ihren Augen des Ballsaals blendendes Gewoge,
dann klang in ihren Ohren die Tanzmusik, unwiderstehlich süß,
unerträglich lockend...
Und langsam quoll es ihr von den widerstrebenden Lippen: „Bitte...
bitte...“
„+Ich+ denke ja gar nicht daran -- ich bin Mutter, ich habe zu
bestimmen -- wir gehen nicht hin!“
Dann kam es wohl vor, daß Monika sich in einem maßlosen Wutausbruch auf
der Erde wand und sich die Haare raufte; lange ließ Frau von Birken
ihre Tochter nicht in dieser Verfassung; sie besänftigte sie in den
zärtlichsten Schmeicheltönen:
„Monchen, ich bitte Dich, das war ja nicht so ernst gemeint
-- natürlich gehen wir hin! Und ich schenke Dir mein blaues
Emaille-Medaillon mit den kleinen Brillanten. Beruhige Dich doch bloß,
Liebling. Wir gehen ja zu dem Balle. Ja, gewiß...“
Und Monika, noch Tränen in den Augen, lächelte matt und glücklich wie
eine Rekonvaleszentin.
So trieb Monikas ungezähmter Wille weiter seine wuchernden Triebe, von
keines verständigen Gärtners Hand gepflegt, bald gezaust und bald
gestreichelt von Mutterhänden, die unverständiger waren, als es manche
Kinderhände sind.
[Illustration]
Und man ging zum Balle...
Und wenn man nach Hause kam, lag Monika mit schlagenden Pulsen
schlaflos im Bett mit wirrem Hirn und irritierten Nerven.
Wohl hatte ihr der Ball all die Freude gebracht, die sie von ihm
erwartet. Aber es war ein Augenblicksrausch gewesen; beim Nachdenken
hielt er nicht stand. Was war’s denn auch schließlich: ein bißchen
Musik und Licht und gute Tänzer...
In diesem unbefriedigten Dasein, das ihr weder Ziel noch Zweck zu haben
schien, glaubte sie dann plötzlich einen Leitstern zu entdecken: die
Kunst! Mit glühender Begeisterung dichtete sie. Die Worte, die Verse
strömten ihr zu mit einer Leichtigkeit, über die sie selbst verwundert
war. Oft war ihr, als sei es gar nicht sie selbst, die das alles
dächte, sondern als schwebe über ihr ein Unsichtbarer, der ihr ins Ohr
sprach, was sie schreiben sollte. Alles war dann wie verändert: die
Teppiche, auf denen sie ging, waren weicher als sonst, die Bäume auf
der Straße waren riesenhaft gewachsen -- die eine Rose, die in einem
Glase vor ihr stand, war ein Rosenfeld von Millionen Blüten.
Sie war dann selig. Selig bis in die Fingerspitzen hinein. So lange,
bis sie begeisterungsbebend ihrer Mutter und Heinzemännchen die Verse
vorlas.
Frau von Birken fand die Gedichte teilweise sehr schön, aber furchtbar
unpassend -- ein junges Mädchen dürfe überhaupt keine Liebesgedichte
machen.
Und Heinzemännchen rang die Hände und beschwor Monika, über den
Frühling zu dichten und über den Sommer, oder über den Herbst, oder
über den Winter -- andere Themata seien für Lyrik unmöglich.
Monika aber faßte eines Tages einen kühnen Entschluß: sie wollte der
Welt die Proben ihres Talentes nicht länger vorenthalten.
Und -- die Kunstgeschichtsstunde schwänzend -- begab sie sich eines
Tages mit ängstlichem Herzklopfen in die Redaktion des „Leuchtturms“,
einer neu erscheinenden Zeitschrift, in der sich junge Lyriker
verschiedener Schattierungen tummelten.
Der „Leuchtturm“ war kein phantastisch prunkender Bau, wie Monika
ihn sich vorgestellt. Drei Zimmer im Parterre eines Berliner
Hinterhauses bildeten den Leuchtturm. Der Kontorist, der im Vorraum
zum Allerheiligsten auf einem Drehschemel saß und trübsinnig vor sich
hinstarrte, wurde durch Monikas Eintritt angenehm gestört. Eine so
junge Dame hatte er in diesen Räumen noch nicht gesehen.
„Ist der Herr Redakteur zu sprechen?“
„Doktor Waldmann kommt erst in einer Stunde.“
„Ach, so lange kann ich nicht warten: wollen Sie ihm, bitte, dieses
geben...“
Monika legte hastig ein Kuvert auf den Tisch.
„Steht Ihr Name und Ihre Adresse auch drin?“ fragte der Kontorist.
„Nein -- ich komme wieder.“
Monika rannte davon wie gejagt.
Sie konnte sich viele Tage lang nicht entschließen, nach dem Schicksal
ihrer Geisteskinder zu fragen. Aber endlich faßte sie Mut.
Es war ein gar unangenehmes Gefühl, so vor den prüfenden,
pincenezbewehrten Augen des Doktor Waldmann dazustehen.
„Mit wem habe ich die Ehre?“ fragte er.
„Ach, der Name tut ja nichts zur Sache,“ sagte Monika heiß errötend.
„Ich wollte nur wissen, ob mein Gedichtzyklus ‚Libellen‘ zu brauchen
ist?“
„Sehr talentvoll, mein gnädiges Fräulein,“ sagte der Redakteur
wohlwollend, „wir wollen in der nächsten Nummer mit der
Veröffentlichung anfangen.“
„O...“ Monika schrie beinahe vor Freude.
„Und wohin soll ich das Honorar senden lassen?“
„Auch Honorar?“ Ihre Begeisterung erreichte jetzt den höchstmöglichen
Grad.
„Bitte, schicken Sie mir gar nichts,“ sagte sie stotternd. „Ich komme
es mir gelegentlich selbst abholen.“
„Soll mich freuen. Zwischen vier und sechs Uhr finden Sie mich meistens
hier.“
Ein Händedruck, und sie eilte fort.
Kaum war sie zu Hause angelangt, als sie ihr sorgsam gehütetes
Geheimnis verkündete.
Ihre Mutter war eine Beute der widerstrebendsten Empfindungen.
Einerseits fand sie es maßlos unpassend, daß Monika allein auf eine
Redaktion gegangen, andererseits imponierte ihr die Tatsache, daß ihre
Tochter wirklich „gedruckt werden sollte“, kolossal. Hatte doch Frau
von Birken mit vierzehn Manuskripten vergebens darum gekämpft.
Monikas Brüder erklärten die Neuigkeit für Schwindel: „Monika will bloß
bemänteln, daß sie über eine Stunde zu spät aus dem Kursus kommt.“
Aber der nächste Leuchtturm brachte tatsächlich die „Libellen“, und
Monika stürzte daraufhin in die Redaktion, allwo sie fünfzehn Mark
Honorar empfing. Sie benutzte sie schleunigst dazu, sich lauter Sachen
anzuschaffen, die ihr verboten waren: eine Schachtel Zigaretten, den
neuen Roman eines naturalistischen Schriftstellers und eine Flasche
Chypre-Parfum.
Sie hatte auf der Redaktion wieder ihren Namen nicht genannt und tat
es auch weiterhin nicht. Sie versäumte jetzt manchmal ein oder zwei
Stunden in den Gymnasialkursen, war während dieser Zeit heimlich auf
der Redaktion des Leuchtturms; da war immer der eine oder andere
Zeichner, Schriftsteller oder Redakteur, mit dem sie aufs angeregteste
plauderte.
Der ihr bisher unbekannte freie Ton der Unterhaltung begeisterte sie.
Sie lauschte gespannt, wenn die Herren sich gegenseitig neckten oder
ihre Abenteuer zum besten gaben; sie genierten sich nicht in Gegenwart
dieses netten, „anonymen“ Mädchens.
Die Komplimente, die sie Monika machten, waren anderer Art als die, die
sie bisher von den Leutnants gehört. Aber es waren doch Komplimente!
Das genügte ihr.
Frau von Birken ahnte nichts von den kleinen Eskapaden ihrer Tochter.
Sie gebärdete sich oft trostlos, wenn wieder ein neues Gedicht von
Monika im Leuchtturm erschien.
„Ich würde die Verse entzückend finden, wenn sie nicht von meiner
eigenen Tochter wären,“ sagte sie. „O Gott, daß ich so etwas
Unpassendes an Dir erleben muß!“
Aber alles in allem war Monika doch in ihrer Achtung gestiegen, seitdem
sie sich zur „Schriftstellerin“ entfaltete.
Das hinderte aber nicht, daß eine Verlobung doch Frau von Birken
bedeutend mehr impressionierte. Sie sprach tagelang von nichts anderem
als von der goldumränderten Karte, die ins Haus gekommen:
„Die Verlobung ihrer einzigen Tochter Marie mit dem Leutnant der
Reserve im Dragoner-Regiment Kronprinz, Gutsbesitzer Wilhelm von
Hammerhof auf Hammerhof beehren sich ergebenst anzuzeigen
von Holtz-Sarkow und Frau,
geborene Freiin von Birken.“
„Nein, was die Marie für ein Glück macht!“ rief Frau von Birken ein
über das anderemal.
„Du weißt doch noch gar nicht, ob das ein Glück wird.“
„Aber, Mone -- das wird es schon! Ein so reizendes Mädchen wie Marie!
Und er ist doch ein vornehmer, tadelloser Mann.“
„Kennst Du ihn?“
„Nein, aber ich bin sicher, daß er eine glänzende Partie ist. Du kannst
nicht darüber urteilen, Mone, denn Du wirst sicher nie heiraten. Für
ein Mädchen, das studiert und außerdem schriftstellert, paßt das ja
auch gar nicht.“
Monika zog ein Gesicht: sie schien nicht sehr damit einverstanden zu
sein.
Einige Wochen nachher kam Frau von Holtz mit dem Brautpaare nach
Berlin, um Einkäufe zu machen.
Der Bräutigam war ein gut aussehender Mensch, höflich und freundlich,
Geist und Bildung gesunder Durchschnitt.
„Eine so passende Partie!“ Die zukünftige Schwiegermutter strahlte,
war viel entzückter als Marie selbst. Sie erzählte ihrer Schwägerin:
„Denke Dir, Marie wollte eigentlich noch gar nicht heiraten, kam auf
ihr verrücktes Studierprojekt zurück, erklärte mir, vorläufig triebe
sie nichts gebieterisch zu einer Heirat, und so wolle sie einstweilen
warten, wolle ihre Freiheit nicht verlieren. -- Na, ich habe ihr
den neumodischen Unsinn schon ausgetrieben! -- Es wäre doch auch
zu unsinnig gewesen, Hammerhof auszuschlagen. Unsere Güter grenzen
aneinander, Marie ist zwanzig Jahre alt, gerade das richtige Alter
zum Heiraten! Wenn die Mädchen nicht früh heiraten, bekommen sie alle
so sonderbare Ideen bei den überspannten Zeitströmungen, die jetzt
herrschen.“
„Ja, aber wenn sie ihren Bräutigam nicht glühend liebt?“ sagte die
Baronin Birken bedenklich.
„Mein Gott, Mali, Du wirst schon wieder romantisch. Was soll das
vorstellen: ‚glühend liebt‘? Ich habe meinen Mann, als wir verlobt
waren, auch nicht glühend geliebt, und wir führen die harmonischste
Ehe, die man sich vorstellen kann. Ich finde: ein Mädchen aus unseren
Kreisen hat überhaupt nicht glühend zu lieben! Wirst Du Dir denn Deine
Romantik nie abgewöhnen, Mali?“
„Ich hoffe, nein!“ sagte die Baronin stolz. „Ich bin froh, daß ich
meine jugendliche Begeisterung habe, und ein echtes Gemüt bleibt ewig
jung!“ --
Was Begeisterung anbetraf, so entfaltete Frau von Birken ein
vollgemessenes Quantum in den nächsten Tagen; sie fand alles
begeisternd: die Theatervorstellungen, die Einkäufe und Bestellungen,
alles...
Die Einkäufe waren übrigens ein Zankapfel zwischen Marie und ihrer
Mutter. Frau von Holtz versuchte -- autoritativ wie immer -- ihren ganz
persönlichen Geschmack zur Geltung zu bringen, und Marie fand mitunter
ein scharfes Wort: „Schließlich, ich soll doch die Sachen haben und
nicht Du, Mama. Da ist doch mein Geschmack eigentlich wichtiger.“
Frau von Holtz klagte dann über die schreckliche, neue Zeit, in der
die Töchter gar nicht mehr den richtigen Respekt entfalteten und sich
anmaßten, eigene Meinungen zu haben. Hatte sie selbst einst ihrer
Mutter Vorschriften zu machen gewagt, als diese ihr die Aussteuer
gekauft? Mit ehrfurchtsvollem Danke hatte sie alles entgegengenommen --
und dabei sei der gelbe Salon mehr als unpraktisch ausgesucht gewesen!
Auch Monika fand Maries Benehmen als Braut zu tadeln.
„Ich würde mich anders benehmen, wenn ich verlobt wäre,“ sagte sie zu
ihrer Mutter. „Der Marie merkt man gar nicht an, daß sie glücklich ist.
Ich glaube, die paßt gar nicht für die Ehe!“
„Was, die Marie soll nicht für die Ehe passen?“ entrüstete sich Frau
von Birken, „so ein reizendes Mädchen! Und die schönen Handarbeiten,
die sie macht, und kocht tadellos; sogar Früchte einkochen kann sie
ganz allein.“
Am tiefsten berührt von der ganzen Verlobung war unstreitig Bertha,
die das Brautpaar bei Birkens kennen gelernt hatte: sie fand Monika
gegenüber nicht Worte genug, um Maries Glück zu rühmen.
„Denke doch, verlobt sein mit solch nettem Menschen, lauter schöne
Sachen bekommen und sich küssen dürfen... und dann nachher die Trauung,
so im weißen Schleppkleide, schleierumwogt vor Gottes Altar -- ach,
entzückend! Und dann nachher junge Frau! Es gibt doch wohl nichts
Schöneres als jung verheiratet zu sein. Und süße Kinder haben... Und
nun zu denken, daß mir das alles nicht blühen wird -- nein, sprich
nicht dagegen! Wer soll denn eine Frau heiraten, die studiert? Ich sage
Dir: wenn ich die Person wüßte, die das Frauenstudium erfunden hat, die
brauchte sich nicht zu gratulieren!“
Monika lachte. „Ach, die studierten Frauen können doch gerade so gut
heiraten wie die anderen!“
Aber Bertha war nicht zu überzeugen.
Nach zehntägigem Aufenthalt reiste Frau von Holtz mit dem Brautpaar
zurück.
Die Hochzeit sollte in wenigen Monaten stattfinden, und die angehende
Schwiegermutter fühlte sich ganz in ihrem Element bei all den
Vorbereitungen, die nun Platz griffen. Mine Petermann verließ
Sarkow überhaupt nicht mehr; die schwarze Taille über dem mächtigen
Busen dick mit Stecknadeln gespickt, brütete sie unermüdlich über
den Modeblättern, probierte und verwarf, probierte von neuem und
begeisterte sich -- und begeisterte Frau von Holtz mit den glühenden
Schilderungen der Meisterstücke von Toiletten, die sie im Begriff war,
anzufertigen.
Zwischen Mutter und Tochter entbrannten dieselben
Meinungsverschiedenheiten wie bei der Auswahl der Möbel; jede suchte
ihren eigenen Geschmack durchzusetzen. Die Mutter siegte auf der ganzen
Linie, aber die Folge davon war, daß Marie nun ohne Freude die Anproben
über sich ergehen ließ.
Es war überhaupt nichts von strahlendem Glück an ihr zu merken. Zu
ihren Freundinnen aus Neustadt und Hahndorf sagte sie zwar mit einer
gewissen Wichtigkeit: „Mein Bräutigam...“, aber wenn dieser kam, so
empfing ihn kein übermäßig freundliches Gesicht.
Er machte sich übrigens nicht viel Gedanken darüber, zumal er selbst
keine leidenschaftliche Verliebtheit für seine Braut entfaltete.
Sie war eben eine „so passende Partie“, paßte, was Familie, Alter,
Vermögen anbetraf, vortrefflich zu ihm; ihre äußere Erscheinung
genügte den Ansprüchen, die er an seine zukünftige Gattin stellte. Die
Reserviertheit, die sie zur Schau trug, störte ihn nicht. Marie war mit
Gefühlsäußerungen immer so zurückhaltend gewesen, daß Frau von Holtz
ganz entsetzt war, als sie sie eines Tages in heißen Tränen fand.
Sie war in ihrer Tochter Wohnzimmer gekommen, um ihr eine eben
eingetroffene Auswahlsendung von weißen Seidenstoffen zu zeigen.
Da fand sie Marie mit dem Oberkörper auf der Tischplatte liegend, die
Hände vor die Augen gepreßt. Ein krampfhaftes Weinen ließ die schmalen
Schultern erzittern.
„Marie!“
Das tränenüberströmte Gesicht hob sich empor:
„Mama, laß mich Dir sagen, ich will Wilhelm nicht heiraten, ich will
nicht.“
„Was? -- Was ist denn? -- Warum...“
„Ich liebe ihn nicht.“
„Liebstes Kind, das kommt in der Ehe. Vernunftheiraten werden immer die
glücklichsten Ehen.“
„Mama, ich will nicht heiraten, noch nicht! Es ist langweilig hier so
allein mit Euch, aber ich will gern hierbleiben, tausendmal lieber
hierbleiben, als mit einem fremden Manne fortgehen. Er ist mir ja
so fremd! In meinem Innern spricht nichts für ihn. Und nun soll ich
Tag und Nacht mit einem Fremden sein, soll ihm mein ganzes Leben
schenken...“
Frau von Holtz war erblaßt vor Erregung.
„Ich erkenne Dich nicht mehr wieder, Marie. Du wirst hysterisch. Was
ist das nur auf einmal? Dich hat niemand zu der Verlobung gezwungen!“
„Nein, gezwungen nicht. Nur zugeredet habt Ihr mir. Und ich war zuerst
ja ganz einverstanden. Aber jetzt, wo der Hochzeitstag näher und näher
rückt, habe ich mich zu der Ueberzeugung durchgerungen: Ich kann ihn
nicht heiraten!“
„Marie, besinne Dich auf Dich selbst! Du kannst doch jetzt Deinen
Entschluß nicht ändern. Du hast Wilhelm Dein Wort gegeben -- Du kannst
ihm das nicht antun, Dein Wort zu brechen, so ohne jede Ursache, ohne
jeden Grund! -- Und wie stehst Du nachher da? Ein Mädchen, dessen
Verlobung zurückgeht, wird immer scheel angesehen. Nein, was würden
die Leute nur sagen, jetzt, wo schon die ganze Aussteuer fast fertig
ist!“
„Ich will nicht,“ schluchzte Marie, „ich will nicht.“
Und die Mutter redete weiter, abwechselnd drohend und bittend; sie
wendete ihre ganze Kraft auf, um das, was sie als eine nervöse Laune
ihrer Tochter empfand, zu besiegen; sie bat und beschwor, drohte und
befahl.
Dann schwieg sie erschöpft und starrte angstvoll auf Marie, die immer
noch das Gesicht in den Händen verbarg.
Und endlich hob die Tochter das Haupt.
Und mit einem Zucken ihrer schmalen Schultern, dieser Bewegung, die sie
immer machte, wenn der Mutter Willen den ihren besiegte, sagte sie müde:
„Also ja -- ich werde mein Wort halten. Aber vergiß diese Stunde hier
nicht... vergiß sie nie, Mama...“
[Illustration]
7.
„Monika..!“ -- Monika hörte nicht. Sie hatte ihren „Katalogtag“. Sie
behauptete, daß Kataloge studieren so ziemlich einer der größten
Genüsse sei, dem man sich hingeben könne.
Oft sagte ihr solch ein Preisverzeichnis mehr als ein Roman. Sie
schwelgte geradezu in Katalogen, durchlief eine ganze Skala von
Empfindungen von wunschlos anbetender Bewunderung bis zum heißgierigen
Habenwollen.
Das Preisverzeichnis einer Delikatessenwarenhandlung versetzte sie in
Entzückungszustände. Die angepriesenen Sachen waren wie eines Baumes
Aeste und Aestchen, auf denen sich ihre Phantasie, blankäugig und
behend wie ein Eichhörnchen, hin und her schwang.
Sie las: „Hummern, lebende Helgoländer und norwegische...“ Da sah sie
die sonderbaren Schaltiere vor sich, mit ihren komischen, gestielten
Augen, mit dem harten Panzer über dem weichen Fleisch, dessen saftige
Frische sie förmlich auf der Zunge fühlte.
Und sie fühlte die scharfe, salzige Luft der Nordmeere, der grauen,
kalten Meere, die um starre Felsen und Klippen rauschen. Das war
dasselbe ewige Meer, das einst die Drachenschiffe getragen --
dasselbe, das jetzt Panzerkreuzer und Torpedos trug, und das heute
die komplizierten Wunderschöpfungen der Technik in böser Laune gerade
so zerschlug und zerbrach, wie es einst die ungefügen Holzplanken
zerschlagen.
Und sie las weiter: „~India green turtle meat, sundried~.“ -- Da fing
ihr Herz an, ganz laut zu schlagen.
Und sie las weiter: „~India green turtle meat~,“ so heiß, daß sie
nicht mehr wohltat, sondern zerstörte, dort war sie ein vernichtend
flammender Feuerball in einem unerhört blauen Himmel, schüttete
Strahlengarben über das Land voll Prunk und Schmutz -- über die
schmalgliedrigen dunkeln Hindus mit den schmachtenden, sanften Augen --
über die stolzen, blonden Engländer, die hier die Herren waren. Und
das geknechtete und mißhandelte Land war doch so oft stärker als sie,
gab ihnen heimlich und böse lächelnd die Keime von Fieber, von Pest und
Tod. --
Und weiter: „Truffes de Périgord“. Monikas Näschen schnupperte, als
fühle sie den unvergleichlichen Duft der schwarzen Erdfrucht.
„Trüffeln“ bedeutete ihr förmlich ein Programm. Pikante Würze mit einem
lockenden Dufthauch darüber. --
Und „Périgord“, Frankreichs lachende Gefilde. Graue Edelschlösser auf
sanften Hügelabhängen, umwogt von einem Meer von Blütenbäumen. -- Und
drinnen im Schloß ein Liebeshof -- schöne Ritter und schöne Damen in
Gold und Seide, zur feierlichen Beratung versammelt über der Liebe
wichtige Fragen.
Ueber alle herrschend die schöne Frau des Hauses, deren Urteil sich
alle beugen, Edeldamen und Troubadours! Und der Troubadours Bester kam
ihr in den Sinn, Bertrand de Born, „der mit einem Lied entflammte --
Périgord und Ventadorn ...“
Der hochmütige Troubadour, der, ein Siegerlächeln um die blutroten,
üppigen Lippen, sich gerühmt, „daß ihm nie mehr als die Hälfte --
seines Geistes nötig sei!“
O dieser Mann, der Sieger, strotzend von Kräften des Körpers und
des Geistes wie ein Blütenbaum im Mai, ein Meister des Liedes, ein
Gewaltiger der Sprache, der Männergehirne und Mädchenherzen mit süßen
und bitteren Worten lockte und bezwang...
Dieser Gedanke fand in Monika eine so starke Resonanz, daß sie ziemlich
abwesend über einige Seiten hinweglas, die sie sonst mit Entzücken
erfüllt haben würden.
Die Preisverzeichnisse von Konfektionsgeschäften, von Wäschefirmen
waren kaum weniger dazu angetan, ihr ein schwelgerisches Genießen zu
verschaffen.
Bei den Hemdeinsätzen aus Brüsseler und Brügger Spitzen dachte sie an
die belgische Spitzenfabrikation, sah kleine flandrische Städtchen,
saubere Häuschen mit blitzblanken Spiegelscheiben, den „Spion“ am
Fenster -- das Glockenspiel klingt vom Beffroi.
Im Beginenkloster des toten Brügge klöppelten blasse Nonnenhände
die zarten Gebilde aus dünnen Fäden. -- Und es gab Spitzen, die
wurden in Kellern gearbeitet, die Luft mußte feucht sein, damit beim
tausendfältigen, kunstvollen Durcheinanderwirren der Faden nicht brach,
der -- dünn wie Spinnengewebe -- durch die Hände der bleichsüchtig
armseligen Mädchen lief, welche Stunde um Stunde klöppelten, ohne
aufzusehen. Die Mädchen hatten gewiß so kraftlos ausgesehen wie
Kellerblumen; mit blutlosen Fingern hatten sie die Spitzen gearbeitet,
die dazu bestimmt waren, die Wäsche und die Kleider leichtsinniger
Schönen zu zieren, die bunt und glänzend wie Paradiesvögel oder Pfauen
durchs Leben geschritten.
Und dann die Verzeichnisse der Parfumfabriken. Die waren vielleicht
doch das Schönste von allen. Ach, das Duften, das berauschende Duften,
das aus des Büchelchens Seiten stieg.
„White rose“ -- herb und süß. Kaum erschlossene Rosenkelche,
mondlichtüberflutet in einem Park von Englands Schlössern. -- Eine
blonde Herzogin, die sich aus dem Festgewühl hinabschleicht in den
Park, der feucht ist vom Tau der Nacht. -- Und nach einer kleinen
Weile verschwindet droben aus dem lichter- und gästeerfüllten Saale ein
schlanker Kavalier. Die weißen Rosen duften so süß. --
Und dann „Chypre“. Aufreizend und schwül, der Duft für eine Frau, die
launisch ist und süß und grausam wie die Göttin der Insel Cypern selbst.
„Ambra“! Der Orient wird lebendig, das Gewühl der Märkte und Basare,
die wollüstigen und blutdürstigen Geschichten der tausend Nächte
und der einen Nacht. Ueppige Prinzessinnen, die schönen Gesichter
schleierverhüllt, schlanke Wüstensöhne, die starben aus Liebe.
„Goldregen“ und „Flieder“, „Ylang-Ylang“ und „Coeur de Jeannette“,
„Cuire de Russie“ und „Tuberosen“ -- alles wurde eine Geschichte. --
Ganz geistesabwesend sah Monika dann aus, wenn man zu ihr sprach, wenn
ihre Mutter wieder einmal sagte:
„Nimm Dir doch endlich was Vernünftiges vor! Wie kann man sich nur in
solch langweilige Kataloge vertiefen?“
Und wenn Alfred behauptete:
„Ich habe ja schon viel von Stumpfsinn gesehen, aber etwas derartiges,
wie sich hinsetzen und solche Verzeichnisse lesen, das hab’ ich noch
nicht gesehen!“
Die Brüder waren überhaupt Monikas größtes Kreuz; sogar auf
gesellschaftlichen Veranstaltungen war sie vor ihnen nicht sicher. War
es etwa nötig, daß sie mit zu dem Wohltätigkeitsbasar „Am Posilipp“
kamen?
Zuerst war die Mutter geneigt gewesen, Monikas Protest: „Gymnasiasten
gehörten überhaupt noch nicht auf solche Feste!“, anzuerkennen.
Aber Alfred hatte die Worte seiner Schwester mit einem Höllenlachen
aufgenommen.
„Das könnte Dir wohl so passen, mein Kind, dort ohne unsere Aufsicht
rumzukokettieren?“
Und Heinzemännchen hatte erklärt, daß, da doch nun mal seit Papas Tode
die ganze Verantwortung auf seinen Schultern läge, er nicht gestatten
könne, daß Monika ohne ihn diesen Basar mitmache. Außerdem wünsche er
sich von „dem italienischen Stimmungszauber dort lyrisch anregen zu
lassen“.
So war denn, Karl ausgenommen, die ganze Familie „Am Posilipp“. So
hatte der „Frauenverein zum Wohle von Lungenkranken“ sein diesjähriges
Fest getauft. Von allen möglichen und unmöglichen Standorten herunter
wehten die weiß-rot-grünen Flaggen Italiens mit dem Wappen des Hauses
Savoyen.
An den Wänden roh hingeworfene Dekorationen und Bemalungen, die jetzt
das elektrische Licht verklärend und verschönend übergoß.
Ein buntes, wirres Durcheinander von gut und schlecht angezogenen
Leuten, von Gesellschaftstoiletten und italienschen Kostümen und auch
von anderen Volkstrachten.
Mit der Nationalität schien man es nicht so genau zu nehmen.
Die Damen in den Verkaufsbuden waren in jedem Alter und in jedem
Typ vorhanden. Die einzelnen Buden waren hübsch arrangiert. Die
feilgebotenen Gegenstände, wie immer bei solchen Gelegenheiten,
geschmacklose Ware.
Jede ~dame patronesse~ hatte außer den Gehilfinnen in ihrer Bude noch
eine Anzahl „fliegender Verkäuferinnen“, junge Mädchen, die wie Bienen
emsig und unerschrocken den Saal durchschwirrten, ihren Vorrat an
Blumen, Lotterielosen, Zigaretten den Herren anboten und dann von Zeit
zu Zeit an ihre Verkaufsstände zurückkehrten, zwar nicht wie die Bienen
mit Blütenstaub, sondern mit Mammon beschwert.
Monika gehörte zu den „Fliegenden“ von Frau von Wetterhelms Blumenstand.
Frau von Wetterhelm war auf allen Wohltätigkeitsveranstaltungen
bekannt wie ein bunter Hund. Sie kam, sie war da und unterzeichnete im
„Festausschuß des Ehrenkomitees“: „Frau Oberst von Wetterhelm“. Das
„geborene Krause“ ließ sie weg.
Das „Frau Oberst“ war eigentlich eigenes Patent.
Sie war von Wetterhelm geschieden worden, als dieser noch Leutnant
war. Der hatte dann bald darauf zum zweitenmal geheiratet, hatte aus
dieser zweiten Ehe fünf Kinder und bekümmerte sich nicht im mindesten
um das Schicksal seiner ersten Gattin, an der er -- wie der bekannte
Villenkäufer -- nur zwei Freuden erlebt hatte: den Tag, an dem er sie
bekam, und den Tag, an dem er sie losward!
Auch sie hatte nie mehr versucht, seinen Lebensweg zu kreuzen, aber sie
avancierte mit! Sobald sie erfuhr, daß ihrem Gatten eine höhere Charge
zuteil geworden, ließ sie sich neue Visitenkarten drucken. So war
der „Frau Oberleutnant von Wetterhelm“ im Laufe der Jahre eine „Frau
Hauptmann“ gefolgt; jetzt war sie bei „Frau Oberst“ angelangt.
Da sie eine auskömmliche Rente hatte und sich um ihren Lebensunterhalt
nicht zu sorgen brauchte, so verbrachte sie ihre Zeit mit Besuchemachen
und Teilnahme an Wohltätigkeitsfesten. Bei diesen war sie, wie gesagt,
gar nicht zu vermeiden, und ebensowenig war es möglich, ihr die
Blumenbude zu entreißen. „Blumen sind das Poetischste!“ sagte sie, „und
gerade ich mit den so unendlich schweren Lebensschicksalen, -- ich
müßte ja verzweifeln, wenn ich mich nicht in die Poesie flüchten würde!
-- -- Das verstehen Sie? Nicht wahr, das müssen Sie verstehn?! -- --“
So behielt sie die Poesie und die Blumenbude und machte gewöhnlich
recht gute Geschäfte, da sie es verstand, reizvolle, hübsche Mädchen
und Frauen als Gehilfinnen zu werben.
Als sie vor wenigen Wochen in einer befreundeten Familie Monika kennen
gelernt, hatte sie dieselbe sofort für den Posilipp dingfest gemacht.
Und Monika war begeistert. Konnte es denn überhaupt etwas Schöneres
geben, als so losgelöst zu sein vom Zwange des Alltags? Ganz ungetrübt
war ja ihr Glück nicht wegen der Anwesenheit der Brüder.
Alfred hatte sein brüderliches Ueberwachungsamt zwar gleich im Stich
gelassen, als eine blonde Neapolitanerin ihm zugelächelt.
Heinzemännchen aber nahm seine Verpflichtung ernster.
Mit unermüdlicher Ausdauer lief er hinter seiner leichtfüßigen
Schwester her und holte Mama zur Verstärkung, wenn Monika wieder einmal
allzulange Dialoge mit einem blumenkaufenden Leutnant führte.
Natürlich stachelte diese Ueberwachung Monikas Trotz erst recht; sie
ärgerte sich in eine förmliche Empörung hinein! Also nicht mal hier
konnte man ihr Ruhe lassen! War sie denn wirklich so viel schlimmer als
alle die anderen jungen Mädchen, die sich hier ungestört ihres Lebens
freuten?!
Was hatte sie denn schließlich begangen? Die paar Flirts, die paarmal,
wo sie verliebt gewesen war, was sich hauptsächlich auf das Dichten
guter Verse beschränkt hatte -- --
Eine heiße Zornwelle flutete in ihr empor. Nun erst recht! Wollen doch
mal sehn, ob wir nicht Heinzemännchen, dem Tugendbold, ein Schnippchen
schlagen können?!
Mit Blitzesschnelle hatte sie sich in das Leinwandzelt von Fräulein von
Toring, die als Wahrsagerin fungierte, geflüchtet. Durch einen Spalt
beobachtete sie Heinrichs ratloses Gesicht; er hatte nicht bemerkt,
wohin sie so plötzlich entschwunden. Sein bestürzter Ausdruck war so
komisch, daß Monika sich nur mit Mühe enthielt, laut aufzulachen.
Dann sah sie ihre Mutter zu Heinrich herantreten, der er dann
anscheinend einen Kriegsplan entwickelte; gleich darauf schwenkte er
nach links ab, während Frau von Birken das Terrain nach rechts absuchte.
Diesen Augenblick benutzte Monika, um aus dem Zelt zu rasen, die Treppe
hinauf, die in den ersten Rang führte, wo all die Logen waren; dort
würde man sich gut verstecken können.
Wie ein Pfeil schoß sie hinauf, bog um die Ecke und prallte so heftig
an einen Herrn an, daß nur dessen schnelles Zufassen sie vor einem
Falle bewahrte.
„Na, wohin so eilig?“ fragte er lächelnd.
Monika war zu atemlos, um zu antworten; sie blickte stumm den Fragenden
an.
Er war ein Kavalier in der Mitte der dreißiger Jahre, ein vollendeter
Typus des norddeutschen Aristokraten. Er war groß, auf breiten
Schultern saß ein stolz getragener Hals, ein schmaler Kopf. Er hatte
die hochsattelige Nase der vornehmen Rassen, kühle graue Augen, einen
bürstenförmig kurzgeschnittenen Schnurrbart über dem harten Mund. Er
betrachtete mit Interesse das glühende, schöne Mädchen. „Vor wem sind
Sie denn auf der Flucht? Vor welchem Argus?“
„Argus stimmt auffallend,“ lachte Monika.
„Hier finden Sie ein tadelloses Versteck.“ Er öffnete die Tür einer der
Logen, die leer war.
Monika ließ sich auf einen der Stühle nieder.
„Erst mal atmen!“ sagte sie.
Ihr schlug das Herz zum Zerspringen, von dem schnellen Laufen sowohl
als auch wegen der ungewohnten Situation: allein mit diesem schönen
Unbekannten, auf drei Seiten von schirmenden Logenwänden umschlossen
und vor sich den Blick auf des Ballsaals tobendes Gewühl da unten.
Ihre anfängliche Befangenheit schwand schnell bei der überlegen
sicheren Art, mit der ihr Begleiter das Gespräch führte. Bald vergaß in
angeregtester Konversation Monika ihre Verkäuferinnenpflichten.
Mit hellem Lachen nahm sie die scharfen Urteile auf, die ihr Begleiter
über die Leute da unten im Ballsaal fällte.
Er kannte eine Menge Menschen; er nannte die Herren, die sich beflissen
um die Sektbude der Frau Geheimen Kommerzienrat von Dresdener
drängten und nannte ihr auch die Summen, mit denen diese Herren den
adelsfreundlichen Kommerzienrat angepumpt.
Das rosa Mullkleid der Gräfin Himmlingen-Wolfsfeld war wahrhaftig
jugendlicher als das ihrer jüngsten Enkelin, die im Nebensaale
verkaufte.
Die jungen Mädchen, welche eben in einer Rotte von etwa einem Dutzend
auf den Prinzen Balduin losstürzten, den seine riesenhafte Gestalt und
der Hausorden des Hauses Hohenzollern weithin kenntlich machten, glich
einer Horde von Haifischen, „ja, den Haifischen bei Saint-Thomé“.
„Haben Sie die selbst gesehn?“ fragte Monika interessiert.
„Ja, bei Saint-Thomé am Aequator. Das Wasser ist dort so sonderbar
durchsichtig wie Glas. Bei fünfzehn Meter Tiefe sieht man noch den
Grund, sieht all das Tierzeug, besonders viel Haifische. Und wenn
einer von uns an Bord unserer Jacht bei den Schießübungen, die wir
aus Langerweile anstellten -- wir schossen auf die Haie in der Tiefe
-- dann so eine Bestie traf, dann stürzten die anderen Haie mit
unnennbarer Gier über ihn her. Grad’ wie dort unsere jungen Damen über
den Prinzen Balduin.“
Monika lachte diesmal nicht.
„So klar ist das Wasser dort?“ fragte sie.
Ihre Stimme hatte plötzlich etwas Träumerisches bekommen.
„O Gott, so tief kann man da hinuntersehn -- --? Wie durch Glas? Wie
durch Kristall? -- Und all die Geheimnisse der Tiefe sind plötzlich
aufgetan? Man sieht die grünen Algen und die Korallenbäume, rosa und
weiß, tausendfach verästelt. Und die Quallen, jene sonderbaren Wesen,
die halb Blumen sind und halb Tiere, treiben dahin und leuchten wie
Opale und Amethysten -- --“ Ihre Augen schauten sehnsüchtig vor sich
hin.
„Sie dichten ja,“ sagte er erstaunt, lebhaft interessiert von dem
Geist, der in diesem jungen Gesichte war und den Ausdruck dieser Züge
so oft wechseln ließ.
„Sind Sie zu Jagdausflügen in die Tropen gegangen?“
Monikas Phantasie ließ sie in ihrem Begleiter einen Nabob vermuten,
einen Globetrotter, der nur der Haifische wegen nach Saint-Thomé fuhr.
Er lächelte ein wenig sarkastisch. „Nein, mein gnädiges Fräulein, ich
war dienstlich drüben, als Vize-Konsul.“
„Ach wie interessant! Und wie schön gefährlich es drüben sein muß. Sind
Sie oft krank gewesen? -- Malaria?“
Er lachte. „Nein, ich muß Sie enttäuschen. Es war nicht der Rede wert.
Ueber achtunddreißig Grad hat es mein Thermometer nicht gebracht! Wir
alle in der Familie sind so widerstandsfähig!“
Unwillkürlich reckte er seinen schönen, kräftigen Körper noch höher
empor.
Sie warf ihm einen bewundernden Blick zu, sagte aber trotzdem: „Ich
denke es mir eigentlich nett, hohes Fieber zu haben und schöne
Fieberphantasien!“
„Ihre Anschauung ist ebenso originell wie unzutreffend. Fieber ist
natürlich häßlich wie jede Krankheit, häßlich wie alles, was den
Menschen aus dem seelischen oder körperlichen Gleichgewicht bringt.“
„O, Gleichgewicht ist so langweilig!“ sagte Monika. Ihre Augen und
Zähne blitzten; sie fühlte ein starkes Bewußtsein von Kraft sie
überfluten, wie immer, wenn sie sich gegen die Norm auflehnte. Und
wie immer verbiß sie sich in den einmal gefaßten Gedanken, drehte
und wendete ihn, zeigte ihn in verschiedenen Beleuchtungen wie einen
Edelstein, auf dessen Schleiffläche man das Licht fallen läßt.
Sie sagte: „Das Gleichgewicht? Schrecklich ist das! Das schließt ja
von vornherein alles aus, um das es sich lohnt zu leben: jeden Rausch
schließt es aus, jedes Wunder schließt es aus.“
Der sarkastische Zug um seine Mundwinkel vertiefte sich.
„Glauben Sie an Wunder?“
„Ja.“
Sie war hinreißend schön in diesem Augenblick; ihre Züge waren wie
verklärt vom heißen Glauben der Jugend, dem nichts unmöglich scheint,
nichts unerreichbar. Der sich Wunder schafft mitten im grauen Alltag.
„Möglich, daß Sie beneidenswert sind,“ sagte er. „Ich habe nie an
Wunder geglaubt, ich bin ein nüchterner Mensch, an allzuviel Phantasie
leidet meine ganze Familie nicht.“
Dann ging das Gespräch weiter. Monikas elektrische Art ließ den Mann
mehr aus seiner norddeutschen Reserve heraustreten, als er sonst wohl
tat. Er fühlte sich angeregt wie selten, im Banne dieser dunkeln Augen,
dieses lachenden, roten Mundes, der frühreif geistreiche und kindisch
dumme Sachen durcheinanderplauderte.
Er hätte gern gewußt, welchen sozialen Kreisen Monika angehörte; ihr
Wesen und ihre Bildung ließen auf beste Herkunft schließen, aber
zwischendurch äußerte sie mal plötzlich eine Frivolität oder eine recht
naturalistische Auffassung, die nicht zu dieser Vermutung passen wollte.
Jedenfalls war sein Ton dadurch freier zu ihr, als er es gewesen wäre,
wenn er ihr in einer Privatgesellschaft vorgestellt worden.
Er überlegte gerade, ob er sie um ein Rendezvous bitten solle, als die
Logentür heftig aufgerissen wurde.
Monika fuhr mit einem halblauten Schreckensschrei zusammen; sie
vermutete einen Racheengel in der Gestalt von Heinzemännchen, der
sie zwar nicht mit flammendem Schwerte, aber mit der Drohung von der
„verletzten Familienehre“ aus diesem Paradiese vertreiben würde. Aber
es war nur ein Artillerieleutnant mit liebebedürftigem Gemüt, der sich,
eine üppige, schwarzgelockte Pseudo-Italienerin am Arme, in diese
Logen-Einsamkeit zu flüchten suchte. Enttäuscht klappte er die Tür
gleich wieder zu.
Man blieb von neuem allein, aber in Monika regte sich nun doch das
Gewissen; sie raffte den Korb mit den Rosen auf, der die ganze Zeit
ihr zu Füßen gestanden, und bezichtigte sich selbst einer schreienden
Herzlosigkeit gegenüber den unglücklichen Lungenkranken. Da sitze sie
nun seit einer guten halben Stunde hier, statt ihre Blumen zu verkaufen.
„Bitte, bitte, bleiben Sie doch,“ bat er, „ist es denn wirklich ein
größeres Vergnügen, sich da drunten abzuhetzen und allen möglichen
Leuten Rosen anzubieten?“
„O, sicher ist es hübscher hier,“ sagte Monika mit naiver
Offenherzigkeit, „aber meine Rosen -- --“
„Ich kaufe sie Ihnen alle ab, dann bekommen die Lungenkranken auch ihr
Scherflein, und Sie brauchen sich nicht anzustrengen, sondern bleiben
noch ein bißchen hier und erzählen mir von den Wundern, an die Sie
glauben!“
Monika war unschlüssig. Sie wußte nicht, ob der vorgeschlagene Handel
korrekt war. Aber sie ließ es geschehen, daß der Unbekannte ihr die
Rosen aus dem Körbchen nahm und eine Banknote dafür hineinschob.
Und sie blieb mit schlechtem Gewissen, in Angst vor Strafe, -- aber sie
blieb. Und fühlte sich selig wie noch nie im Leben! Es war ihr förmlich
ein körperliches Wohlgefühl, in diese kalten, grauen Augen zu sehn,
diese scharfe, ans Befehlen gewöhnte Stimme zu hören.
Noch eine Viertelstunde..... und noch eine.... Aber endlich rang sie
sich es doch ab, wieder hinunterzuwollen an die Stätte der Pflicht, den
Verkaufsstand ihrer ~dame patronesse~.
„Wirklich, -- wirklich, ich muß jetzt weg.“
Sie stand vor ihm, in so offenbarer Betrübnis, diesem Beieinandersein
ein Ende machen zu müssen, daß ihm ganz warm ums Herz wurde.
„Wie schade,“ sagte er, „wie sehr schade. Wollen Sie mir nicht
wenigstens noch etwas verkaufen zum Wohl der Armen?“
„Aber ich habe Ihnen ja alle meine Blumen gegeben,“ sagte sie erstaunt.
„Nein, nein, da ist noch eine Rose, die ich gern pflücken möchte, die
schönste Blume von allen...“
Er sah so verlangend auf ihren Mund, -- und eine heiße Glutwelle der
Scham und des Entzückens überflutete Monikas Gesicht, tauchte es in
Glut bis in die kleinen Ohren hinein.
In holdester Verlegenheit stand sie vor ihm. Kein Laut kam über ihre
Lippen. Und auf diese Lippen legte sich mit warmem Druck sein Mund.
-- -- -- --
Eine Sekunde später stürmte Monika davon, die Treppe hinunter; wie
gehetzt kam sie in Frau von Wetterhelms Bude an, die sie im Verlaufe
des Festes nicht mehr verließ. Sie sei zu müde, um noch einmal die Säle
zu durchkreuzen.
Am liebsten wäre sie überhaupt fortgelaufen, hätte sich irgendwo in
die Einsamkeit vergraben, um all die geheimnisvolle Seligkeit in sich
nachbeben zu lassen, die sie bei dem Kusse des Unbekannten empfunden.
O, fort von hier aus diesem Lärm und Gewoge. Allein sein.. die Augen
zumachen.... und in Gedanken die kühlen, grauen Augen noch einmal vor
sich sehen.
Aber natürlich mußte sie dableiben. Frau von Wetterhelm hätte ihrer
neuesten Akquisition einen so frühzeitigen Abschied nie erlaubt.
Außerdem war weder Mama noch einer ihrer Brüder zu erblicken. Wer weiß,
wo die sie jetzt suchten!
So stand denn Monika da in der Blumenbude, umgeben von all dem bunten,
üppigen Blumenflor. Wie traumverloren sah sie in das Gewühl der Gäste.
Aber trotz dieser Teilnahmslosigkeit wirkte sie entschieden anziehend;
immer neue Besucher traten an ihren Tisch. Und Frau von Wetterhelm
bedachte jeden der Kaufenden mit ihrem wohlwollenden Lächeln. -- --
Dann fing die Feststimmung langsam an abzuflauen. Die verkaufenden
Damen wurden müde, ganze Scharen von Besuchern drängten schon nach dem
Ausgang.
Die Musikkapellen, die noch vor wenigen Stunden so überzeugt schmelzend
das „~Bella Napoli~“ gebracht, ließen in ihrem Spiele eine gewisse
Ermüdung merken. Auf die Feststimmung begann sich die beginnende
Abspannung zu legen, das lähmende Bewußtsein des überschrittenen
Höhepunktes.
Monikas reizbare Nerven empfanden diese Stimmung; wie ein Aschenflor
legte es sich über ihr eben noch so heißes Empfinden. Mit nervösen
Händen wühlte sie in den halbwelken Blumen, die vor ihr lagen, atmete
den ersterbenden Duft ein, der all diesen kühlen Blütenkelchen entstieg.
Plötzlich zuckte sie zusammen. Unter den Leuten, die dem Ausgang
zustrebten, hatte sie die hohe Gestalt ihres Freundes aus der Loge
erkannt.
Spontan wich sie bis ganz in den Hintergrund des Verkaufsstandes
zurück, eine Beute der widerstrebendsten Empfindungen. Sie wollte
nicht, daß er sie bemerke -- und trotzdem war eine herzklopfende Angst
in ihr: „wenn er jetzt fortgeht, ohne mich zu sehen, dann seh’ ich ihn
nie mehr wieder.“
Da schlug die scharfe Stimme von Frau von Wetterhelm an ihr Ohr.
„Vetter Georg, -- Vetter Georg!“ rief sie mit einer so lauten
Ungeniertheit, daß sich ein halbes Dutzend Köpfe nach ihr umdrehten.
Und dann -- war es Wirklichkeit? Der Unbekannte trat heran und beugte
sich über die Hand von Frau von Wetterhelm. Sie begrüßte ihn mit einem
wahren Wortschwall.
„Welche Freude, Sie endlich mal wiederzusehen, Vetter Georg. Ich hörte
schon, daß Sie jetzt hier in der Wilhelmstraße arbeiten. Aber zu mir
haben Sie den Weg natürlich noch nicht gefunden.“
„Aber gnädigste Cousine,“ wehrte er ab, „ich bin erst seit so kurzer
Zeit hier -- --“
Plötzlich fiel sein Blick auf Monika, die sich ganz in einer Ecke
versteckt hatte.
„Darf ich bitten, mich vorzustellen?“
„Aber mit dem größten Vergnügen. Fräulein von Birken, darf ich Ihnen
den Konsul von Wetterhelm präsentieren -- --“
Monika erwiderte die tiefe Verbeugung des Konsuls mit einem sehr
verlegenen Kopfnicken. Ihre sonstige Schlagfertigkeit war wie weggeweht.
Die ~dame patronesse~ wunderte sich innerlich nicht wenig, mit welcher
Einsilbigkeit das sonst so sprühende Mädchen auf die Unterhaltung des
Konsuls einging. Kein Wunder, daß sich der so bald verabschiedete.
„Er ist ein so interessanter Mensch,“ sagte sie nachher zu Monika,
„ich höre ihn gar zu gern, obwohl er leider ein bißchen spöttisch ist.
Ob ich nahe verwandt mit ihm bin? -- Oh nein, er ist im vierten oder
fünften Grade mit meinem gewesenen Mann verwandt. -- -- Er ist ein ganz
hervorragender Mensch; ich glaube, er hat eine glänzende Karriere vor
sich. Ich muß doch mal sehen, ob ich nicht eine passende Frau für ihn
finde.“
Frau von Wetterhelm versank in Nachdenken und musterte innerlich ihren
Bekanntenkreis. Es war die größte Leidenschaft ihres Lebens, Heiraten
zu stiften.
„Vielleicht die Komtesse Lerk-Eichenbruch,“ sagte sie nach einer Weile
gedankenverloren. „Gott, natürlich wird sie sehr diffizil in ihrer
Wahl sein. Sie ist die einzige Tochter vom Gesandten und eine geradezu
blendende Schönheit, -- aber Vetter Georg kann auch was verlangen! Bei
den Aussichten, die er hat -- und ein selbständiges Vermögen von seinem
verstorbenen Vater hat er auch. -- Uralter Name und solch auffallend
gut aussehender Mensch wie er ist. Nicht?“
Monika antwortete nicht. Ihre kleinen, weißen Hände zerrissen nervös
die welken, roten Rosen.
[Illustration]
8.
Die Folge dieses Wohltätigkeitsabends war für Monika erstens mal, daß
sie ein Gedicht verfaßte, in welchem sehr viel von kalten Augen und
heißen Lippen die Rede war.
Sie brachte das Gedicht selbst in die Redaktion des Leuchtturms und
Doktor Waldmanns Kritik war verblüffend:
„Sie haben bisher mit Tinte geschrieben, gnädiges Fräulein, aber dieses
Gedicht ist mit Herzblut geschrieben!“ -- ein Urteil, das Monika zwar
schmeichelte, sie aber doch zu einem lauten Gelächter veranlaßte.
Uebrigens wurden von jetzt ab ihre Besuche auf dem Leuchtturm
seltener; unwillkürlich verglich sie immer wieder das ungezwungene und
ungezügelte Wesen der dortigen Kunstjünger mit dem strafferen Wesen
des Herrn von Wetterhelm. Der leuchtete von jetzt ab in ihren Gedanken
als Stern. Aber dem „Die Sterne, die begehrt man nicht“ hatte sie nie
gehuldigt. Im Gegenteil! -- sie begehrte gerade die Sterne, -- waren
nicht jene fernen Himmelsblumen tausendmal lockender als die Blumen am
Wegrand? -- Wenn sie nur gewußt hätte, wie sie ihren Stern wiedersehen
könne!
Bei den zwei Bällen, die Monika bald nach dem Basar mitmachte,
behandelte sie ihre Tänzer schlecht. Sogar zu den Leutnants, denen
sie sonst einen entschiedenen Vorzug vor dem Zivil einräumte, war sie
ungnädig, -- alles zu höheren Ehren ihres Sterns!
Wie unendlich freudig überrascht war sie, als sie ein paar Tage darauf
diesen unerreichbaren Stern in höchsteigener Person ihr entgegenkommen
sah, als sie aus dem Kursus kam.
Sie ging mit ihrer Cousine Bertha, die, als Herr von Wetterhelm grüßend
vorbeigeschritten, aufs höchste interessiert fragte: „Was ist denn das
für ein schneidiger Mensch?“
„Was Du immer für Ausdrücke hast,“ sagte Monika unwirsch. Sie war
ärgerlich, daß sie mit Bertha zusammen ging. Vielleicht hätte ihr Stern
mit ihr gesprochen, wenn sie allein gewesen wäre.
Und diese Hoffnung veranlaßte sie, sich in den nächsten Tagen beim
Nachhausewege streng zu isolieren. Nach dem Schlusse des Unterrichts
trödelte sie herum, brauchte unglaubliche Zeit, um ihre Mappe zu
packen, und legte es darauf an, als letzte das Schulgebäude zu
verlassen.
Vier, fünf Tage ging das so. Eine nervöse Erwartung spannte während der
ganzen Zeit ihre Nerven an, machte sie unzufrieden und melancholisch
wie nie zuvor. Aber dann kam doch ein Tag, an dem ihr wieder ihr Glück
lächelte und ihr Stern.
Herr von Wetterhelm kam langsam daher, begrüßte sie gemessen. Es lag
nicht in seiner Art, Empfindungen zu zeigen, und seine Beherrschtheit
wirkte abkühlend auf Monika, deren ganzes Wesen aufgeflammt war, als
sie den Ersehnten erblickt.
„Nun, wohl nicht sehr lange mehr bis zum Doktorexamen?“ neckte er
lächelnd.
„Woher wissen Sie überhaupt, daß ich studieren will?“
„Von meiner Cousine Wetterhelm.“
„Haben Sie die denn nun endlich mit dem Besuch beglückt, um den sie
bat?“
„Ja, ich mußte schon.“
„Sie scheinen alte Damen nicht zu lieben?“
„Das können Sie nicht verlangen! Alte Damen müssen schon sehr
geistreich oder sehr liebenswürdig sein, um sich ihr Alter verzeihen zu
lassen.“
„O je, sind Sie scharf!“
„Desto besser! Wir Deutschen sind überhaupt viel zu wenig scharf. Der
Michel hat nun mal eine Anlage zur Träumerei, zum Philosophieren.“
„Und ist’s denn nicht etwas wunderbar Schönes ums Philosophieren?“
„O, wenn man es mit Maß tut... Aber es artet leicht aus. Alles mit Maß!“
„Da sind Sie schon wieder bei Ihrer Theorie von der weisen Mäßigung.
‚Die goldene Mittelstraße‘ nennt man’s, nicht wahr? Aber die ist
doch unnatürlich! Die will doch die Natur selber nicht! Mäßigt sich
denn etwa die Natur? -- Die hat doch den Blitz und Sturm und Toben,
zerschellende Weltkörper und ein Uebermaß von Blüten...“
„Wir dürfen aber nicht nur die Natur sprechen lassen. Wir müssen uns an
ihre jüngere und gesittetere Schwester halten: an die Kultur!... Was
sollte denn sonst aus unseren Institutionen werden, aus unserem Volke,
aus unserem Staat?“
„Unser Volk... unser Staat! Als ob das wichtig wäre!... Was spielt denn
das für eine Rolle in der Entwicklungsgeschichte? Ein Menschengeist
kann sich doch nicht an politische Grenzen halten, kann es doch nicht
wichtig finden, was aus dem Staat wird! Der floriert eben... oder geht
zugrunde.. wie andere Staaten auch.“
„Feuerköpfchen, Sie sind doch noch sehr jung,“ lächelte der Konsul.
Aber lächelnde Ironie vertrug Monika nicht. Sie machte eine ihrer
Lieblingsgesten: warf den Kopf ins Genick: „Diese Kritik ist keine
Widerlegung meiner Ansichten; daß diese keine Berechtigung haben,
werden Sie doch wohl nicht zu behaupten wagen.“
„Ich lasse jedem seine Ansichten,“ sagte er sehr kühl. „Was mich
anbetrifft, so bin +ich+ jedenfalls von der Notwendigkeit eines
nationalen Bewußtseins für den Menschen vollkommen überzeugt. Ich fühle
mich als Deutscher, wie meine Vorfahren es taten. Ich diene mit allen
Kräften meinem Vaterlande, denn das ist meine Pflicht -- und meine gern
erfüllte Pflicht!“
„Pflicht!“ sagte Monika und legte die ganze bodenlose Verachtung, die
sie für diesen Begriff empfand, in ihre kindliche Stimme.
„Ja, Pflicht, das Herbste und Köstlichste, was es gibt!“ sagte er. Sein
schmales, rassiges Gesicht versteinerte förmlich, seine harten Züge
schienen wie aus Erz gegossen.
„Ich finde: man sollte seinen Neigungen folgen, nicht seiner Pflicht.
Die weite Bahn, die sich dann vor einem auftut, ist...“
„Eine schiefe Ebene.“
Sie suchte krampfhaft nach einer ebenbürtigen Entgegnung, die
sie diesen drei Worten, die wie drei Dolchstiche waren, hätte
entgegensetzen können. Aber ehe sie etwas gefunden, hatte sich der
Ernst ihres Begleiters gemildert, ein liebenswürdiges Lächeln teilte
seine schmalen Lippen.
„Aber sagen Sie, gnädiges Fräulein, ist es nicht wirklich zu
unvernünftig, daß wir mit abstrakten Erörterungen dieses Wiedersehen
feiern, über das ich mich so freue.“
„Ich mich ja auch...,“ sagte sie, plötzlich ganz weich und lieb. Und
wie ein Hauch kam es in verräterisch scheuem Tone von ihren Lippen:
„So sehr freue ich mich...“
Dann gingen sie langsam weiter. Monika machte einen großen Umweg, um
nach Hause zurückzukehren.
Ob sich die Mutter inzwischen beunruhigte, war ihr ja so gleichgültig!
Die Schelte, die sie heute wegen der großen Verspätung bekam, machte
ihr keinen besondern Eindruck. Wohl war es ihr unangenehm, aber
schließlich: es war unwichtig, kam nicht auf gegen das Glücksgefühl,
das sie durchflutete! Sie hatte ihn wiedergesehen!
Ob er wohl ihretwegen vors Gymnasium gekommen war?... Oder war es sein
Weg?... War es nur ein Zufall?... Ein Gefühl von Enttäuschung wollte
bei diesem Gedanken in ihr aufsteigen, aber das kämpfte sie nieder.
„Nein, nein, er kam meinetwegen! Und wenn er nicht meinetwegen kam,
dann will ich’s wenigstens glauben -- dann ist es gerade so süß!“...
In den Unterrichtsstunden zeichnete sie sich von jetzt ab durch völlige
Geistesabwesenheit aus. Ihre Liebe verschlang jedes andere Gefühl,
jeden anderen Gedanken. Wie lächerlich winzig erschienen ihr die
Neigungen, die sie früher gehabt, gegenüber dem übermächtigen Gefühl,
das sie jetzt durchflutete.
Uebrigens wußte sie gar nicht, was sie eigentlich an Wetterhelm
so liebte. Gewiß: er war ein schöner, vornehmer Mann, aber seinen
Anschauungen vermochte sie so gar keinen Geschmack abzugewinnen. Und
seine ewige Gemessenheit störte sie geradezu.
Weit entfernt, sie mit Komplimenten zu überschütten, wie es andere so
oft getan, blieb er gleichmäßig kühl. Auch das nächstemal, als sie ihn
traf -- sieben lange Tage hatte sie umsonst darauf gehofft -- und er
wieder neben ihr herschritt.
„Lange nicht gesehen,“ sagte Monika mit erkünsteltem Gleichmut.
„Ich hatte dienstlich viel zu tun.“
„Bleiben Sie noch lange in Berlin?“
„O nein, ich hoffe bald einen vernünftigen überseeischen Posten zu
bekommen, recht bald.“
„So...?“
„Recht bald“ hatte er gesagt... also: ihn hielt nichts in Berlin... gar
nichts!
Aufsteigende Tränen verdunkelten Monikas Blick. Sie sprach kein Wort.
Also, er „hoffte“ recht bald wegzugehen -- dann war ihr überhaupt alles
gleichgültig!
Alles... und wenn die Welt einstürzte...
Und sogar das war ihr gleichgültig, daß plötzlich, kaum auf fünfzehn
Schritt Entfernung, Heinzemännchen daherkam!
Der zuckte überrascht zusammen, als er des Paares ansichtig wurde, dann
drehte er, ohne gegrüßt zu haben, um und rannte spornstreichs den Weg
nach Hause zurück, den er eben gekommen...
Natürlich würde er nun „petzen“.
Aber mochte er nur -- es war ja alles, alles gleichgültig, wenn Georg
von Wetterhelm jetzt fortging und sie ihn nicht mehr wiedersah!
Es war, als ob jeder Tropfen Blut in ihr erstarrte.
„Was Sie für kalte Hände haben,“ sagte beim Abschiedshändedruck der
Konsul. In seiner Stimme klang dabei eine heimliche Zärtlichkeit.
Aber das merkte sie gar nicht mehr in der eisigen Hoffnungslosigkeit,
die über sie gekommen.
[Illustration]
Der Empfang zu Hause war noch schlimmer, als Monika ihn sich gedacht.
Die Baronin rang die Hände. Hatte sie das um Monika verdient? Daß
Monika sich von einem Herrn begleiten ließ, von einem ihr gänzlich
unbekannten Herrn, von dem Heinzemännchen überhaupt nicht wußte, wer er
sei!
„Es war mein Mathematiklehrer, Professor Herrmann war’s,“ sagte Monika
kalt.
Aber wie ein Racheengel richtete sich Heinzemännchen in seiner ganzen,
schlaksigen Höhe auf. „Das war kein Mathematiklehrer -- das war ein
Gentleman!“ sprach er mit Donnerstimme. „Und soll ich Dir sagen, was
das Ganze war? Das war ein Rendezvous!“
Er ließ sich schwer auf einen Stuhl fallen.
„Monika,“ sagte er, und seine Stimme kickste über, „hast Du denn gar
nicht an mich gedacht?“
„O nein,“ sagte Monika höflich.
„Hast Du nicht daran gedacht, daß seit Papas Tode die ganze
Verantwortung auf meinen Schultern ruht? Daß Du mir das antun kannst,
Monika...“
„O, mein Geliebtes,“ rief Frau von Birken, indes sie ihren Sohn an sich
zog, „rege Dich nicht auf, mein Geliebtes! Es kann Dir schaden!...
Aber recht hast Du, das kann ich nicht anders sagen!... Monika, es ist
unerhört von Dir! Dies Betragen geht über alle Grenzen hinaus... Du
bist ein verlorenes Geschöpf, Monika!... Von einem Herrn läßt Du Dich
begleiten auf dem Nachhausewege, statt von Deiner Cousine Bertha!...
Die würde ihrer Mutter so etwas nicht antun!... Warum habe ich von
allen Müttern gerade das Unglück? Aufgeopfert habe ich mich für Euch,
mein ganzes Leben hindurch, und das ist nun der Dank!... Monika, wie
kannst Du Dich so benehmen? Wo hast Du je ein solches Beispiel vor
Augen gehabt? Habe ich je so etwas getan?“
Monika zuckte mit den Achseln.
„Was? Du zuckst mit den Schultern? Willst Du damit sagen, daß ich je so
etwas getan hätte?... Monika, nie hättest Du mir das antun können, wenn
Du auch nur einen Funken von meinem Gemüt geerbt hättest...“
Sie unterbrach sich, denn ihre Tochter war aufgestanden, ging wortlos
aus dem Zimmer; gleich darauf hörte man, wie sie sich im Schlafzimmer
einschloß.
Ein fassungsloser Schmerz schüttelte ihren jungen Körper: sie hatte
selbst nicht gewußt, mit welch elementarer Leidenschaft sie jenen
schönen, kühlen Mann liebte. Immer wieder rang sich ihre Vernunft
dazu durch, ihr zu sagen: Du kennst ihn ja kaum... Was kann er dir
sein?... Was geht es dich an, ob er abreist?... Aber wenn sie an sein
Fortgehen dachte, krampfte sich ihr Herz immer von neuem in rasendem
Schmerz zusammen; immer von neuem zuckte sie in gewaltsam unterdrücktem
Schluchzen.
Und nichts tun zu können, um das Glück zu erzwingen! -- Nichts tun zu
dürfen, um das Glück festzuhalten -- nichts!
Uralte Satzung und auch ihr eigenes weibliches Gefühl verdammten sie zu
stummem Warten.
Warten!... Nichts weiter!... Hoffend und fürchtend warten, ob das Glück
kommt in seiner Sonnenpracht -- oder ob es am Horizont ihres Lebens nur
ferne vorüberleuchten würde, wie ein fallender Stern.
Sie litt so sehr unter diesem nagenden Zweifel, daß ihr sonstiger
Uebermut wie weggeweht erschien.
Herr von Wetterhelm, der sie nach einigen Tagen wieder in der Nähe des
Gymnasiums erwartete, fand sie verändert, blasser als sonst, einen
schmerzlichen Zug um den schönen Mund, ihr ganzes Wesen von einem Hauch
von Nervosität durchtränkt, den es sonst nicht gehabt.
Auf seine Fragen antwortete sie ausweichend. Er gab sich wärmer als
sonst. Dieses tragische Gesichtchen erweckte Beschützergefühle in ihm.
„Soll ich morgen um dieselbe Zeit wieder hier sein?“ fragte er.
Sie zögerte mit der Antwort. Dann endlich:
„Mein Bruder hat mich neulich mit Ihnen gesehen, und ich habe Schelte
bekommen.“
Eine Blutwelle stieg ihm ins Gesicht. „Das ist auch ganz richtig.
Es ist auch nicht korrekt von mir. Ich wollte Sie schon sowieso um
die Erlaubnis bitten, bei Ihrer Mutter Besuch machen zu dürfen. Wann
empfängt sie?“
„O, Mama hat gar keinen ~jour~,“ sagte Monika verlegen. Sie fand
die Aussicht, ihren Freund bei sich zu Hause begrüßen zu können,
durchaus nicht beglückend... Da war Mama und die Jungen, die so auf
sie aufpaßten. Und man würde nie über ein vernünftiges Thema sprechen
können... Und jeder Blick würde beobachtet werden... Und dann: zu
Hause war es gar nicht mehr elegant. Man war sehr zurückgegangen seit
den Sarkower Tagen. Nicht mal einen Diener hatte man, bloß so ein
dummes „Mädchen für alles“... Gewiß würde der Haushalt den Konsul sehr
enttäuschen. Wer weiß, wie verwöhnt er war!...
So schwieg sie, statt eine Antwort zu geben.
Und schauderte doch zusammen vor Glück, als er sagte:
„Ich komme übermorgen um eins.“
[Illustration]
Zu Hause gelang es ihr, den bevorstehenden Besuch als ganz
gleichgültige, gesellschaftliche Förmlichkeit hinzustellen. Sie sagte,
daß Frau von Wetterhelm ihr diesen Vetter auf dem Basar vorgestellt,
sie habe ihn neulich zufällig auf der Straße getroffen, und er habe
gesagt, daß er diesen Sonntag Besuch machen wolle.
Die Baronin war von dem Besucher nicht sehr entzückt. Er war ihr zu
förmlich gewesen. Eine knappe Viertelstunde hatte er im Salon gesessen,
und während dieser Viertelstunde hatte Frau von Birken das unangenehme
Gefühl, daß er auf die abgestoßene Ecke des schwarzen Tisches sah, und
wenn er mal die Augen wo anders hinwendete, so blickte er entschieden
suchend auf den fehlenden Henkel der blauen Sèvresvase.
Monika hatte still wie eine Puppe auf ihrem Stuhl gesessen und kaum die
Augen aufgeschlagen. Sie war im Banne der brüderlichen Ueberwachung.
Alfred, der sonst an Sonntagen spurlos verschwand, war zu Hause
geblieben, und Heinzemännchen, der einen endlos langen schwarzen
Gehrock trug, den er sich angeschafft hatte, um würdiger und älter zu
erscheinen, bewachte sie wie ein Höllendrache. Kurz: Monika war ehrlich
unglücklich, als Wetterhelm sich verabschiedet.
Sie spähte hinter den heruntergelassenen Stores hindurch, um ihn noch
einmal zu sehen. War’s Einbildung -- oder ging er wirklich nicht ganz
so straff wie sonst -- den Kopf wie gedankenverloren ein wenig gesenkt?
In der Tat war es ein intensives Nachdenken, das Georg Wetterhelm
erfüllte, ein Zwiespalt von Gedanken und Gefühlen.
Sein Leben war bisher in so glatten Bahnen verlaufen, er hatte nach
dem Programm gelebt, das er sich selbst von seinem Leben entworfen.
Er hatte seine Examina gut bestanden, war Rittmeister der Reserve
bei den Garde-Ulanen; seine Gesundheit war ausgezeichnet, seine
Vermögensverhältnisse rangiert. Er hatte gute Zukunftsaussichten,
hoffte, später in die Diplomatie übernommen zu werden. Er hatte die
Absicht, seine Konnexionen durch eine passende Heirat zu verstärken.
Und nun sollte sein Lebensplan aus der Ordnung gebracht werden durch so
einen süßen Wildfang, durch dieses hübsche, geistreiche, ungebärdige
Persönchen, das neulich auf dem Basar sein kühles Wesen ganz mit
Glut erfüllt. Sie hatte ihm einen Eindruck gemacht, wie er sich kaum
erinnerte, ihn je empfangen zu haben. Und doch entsprach sie auch nicht
im mindesten dem Bilde, das er sich in Gedanken von seiner zukünftigen
Lebensgefährtin gemacht. Er fand sie zu jung, zu ungezügelt, mit einem
bedenklichen Hang, eigene Wege zu gehen.
Er hatte sich das alles gleich nach ihrer ersten Begegnung gesagt, aber
die Wirkung, die sie auf ihn gehabt, war eine zu mächtige gewesen.
Vorläufig war noch kein Wort gefallen, das ihn an sie band -- noch kein
Wort, das überhaupt seine Gefühle verraten hätte. Aber sich selbst
hatte Wetterhelm längst gestanden, daß er sie liebte.
Freilich... ob es nicht besser war, dieser Liebe nicht nachzugeben?
Abreisen und den Weg zu gehen, den er sich vorgezeichnet...
Schließlich, es war ja zu dumm, daß ein nettes Mädel einfach seine
ganzen Zukunftspläne verändern sollte! Er war doch kein törichter
junger Mensch mehr, sondern ein zielbewußter, ernster Mann.
Und dieser Besuch, den er eben gemacht, war nicht dazu angetan gewesen,
seine Heiratspläne zu fördern. Gegen den Namen war ja nicht das
mindeste einzuwenden. Die Birkens waren Uradel wie die Wetterhelms.
Aber dieser Birkensche Haushalt, den er eben kennen gelernt, hatte
so gar nichts mit der Durchschnitts-Lebensführung einer deutschen
Aristokratenfamilie zu tun!
Monikas Mutter schien recht freien Anschauungen zu huldigen, was
sich schon aus der Art erhellte, in der die halbwüchsigen Söhne die
Konversation führten. Und auch die Idee mit Monikas Studium lag
Wetterhelm gar nicht.
Nein, eine solche Heirat würde ein dummer Streich sein. Und sehenden
Auges einen dummen Streich machen, das tat man nicht, wenn man Georg
Wetterhelm war.
Also zusammennehmen! Nicht mehr an die beiden strahlenden Augen denken,
die so aufleuchteten, wenn sie ihn sahen! Nicht mehr an die helle,
kindliche Stimme denken, die mit so heißer Begeisterung reden konnte!
Die ganze Episode mußte abgetan und vergessen sein.
Und der Konsul richtete sich auf, so straff wie sonst: Die Episode war
aus und vorbei.
Und darum war es ganz überflüssig, daß Monika es immer so absolut
darauf anlegte, als Letzte aus dem Kursus zu kommen und ganz allein zu
gehen. Sie sah die hohe Gestalt des Ersehnten nicht mehr.
Sie war unglücklich wie nie zuvor. Nachdem sie neulich erst so
verzweifelt gewesen, war ihr dieser nochmalige Sturz in die
Hoffnungslosigkeit zu viel! Ihre Nerven begannen ernstlich zu leiden.
Sie, die so sehr daran gewöhnt war, ihren Willen durchzusetzen, mußte
nun tatlos und machtlos die Zeit verstreichen sehen.
Sie hegte die abenteuerlichsten Gedanken, wie sie sich dem Geliebten
nähern könne. Aber es blieb bei Gedanken! Die Rücksichtslosigkeit, die
sie sonst entfaltete, wenn es galt, ihren Willen durchzusetzen, ließ
sie völlig im Stich.
Zum ersten Male wurde Monika schüchtern. Das Burschikos-Jungenhafte,
das sie oft gehabt, wich einer verträumten Schwermut.
Zum ersten Male war eine große Sehnsucht über ihr und ließ ihre Nerven
erzittern wie Harfensaiten unter tastenden Fingern. Wieder und wieder
durchlebte sie im Geiste jede Sekunde, in der Georg Wetterhelm sie
angeblickt oder mit ihr gesprochen. Sie durchlebte immer wieder die
selige Freude, die sie gehabt, wenn in seine kalten, grauen Augen ein
wärmerer Schimmer gekommen. Sie sehnte sich nach ihm, sehnte sich jede
Minute und jede Sekunde.
Und fühlte nichts mehr als diese Sehnsucht.
Als ihre Mutter Wetterhelm eine Woche nach seinem Besuche zum Tee
gebeten, war eine höfliche Absage erfolgt. Und ans Gymnasium kam er
auch nicht mehr. Es war aus! Zwei Wochen waren nun schon verstrichen.
Vielleicht war er gar nicht mehr in Berlin.
Eine verzehrende Angst packte Monika bei diesem Gedanken. Dann kam
ihr die Idee: vielleicht wußte das Frau von Wetterhelm, ihre ~dame
patronesse~ vom letzten Basar. Zu der mußte sie hin. Dies konnte sie
auch ganz unauffällig, denn sie hätte ihr schon längst mal wieder einen
Besuch machen müssen.
Frau von Wetterhelm war zu Hause und empfing Monika in ihrem, mit
japanischem Krimskrams überladenen Boudoir. Sie war überaus freundlich.
Wirklich zu nett, daß man zu so einer langweiligen, alten Frau käme,
wie sie doch eine wäre!... Nein: keine Widerrede... Sie wisse, daß
sie langweilig sei, habe doch nun mal keinen Geist aufzubieten, was
entschieden die Schuld ihres Großvaters mütterlicherseits sei, der
wirklich ganz auffallend unbegabt gewesen sein solle. -- Aber wenn sie
selber auch leider dumm sei, so wisse sie doch Geist bei anderen zu
schätzen, und darum sei ihr Monika besonders herzlich willkommen! Denn
Monika sei hervorragend geistreich! Allein die Tatsache, daß sie das
Mädchengymnasium besuche, spräche Bände! Außerdem habe ihr Vetter Georg
Monika auch direkt „geistvoll“ gefunden.
„Sehen Sie Ihren Vetter öfters?“ fragte Monika mit gewaltsam gespielter
Gleichgültigkeit.
„Leider nein. Eine langweilige, alte Frau wie ich kann das ja auch
nicht verlangen! Aber gerade heute erwarte ich Georg. Er muß bald
kommen. Ich hörte nämlich, daß er demnächst abreist, und da schrieb
ich ihm, daß er mich besuchen solle in wichtiger Angelegenheit! Ihnen,
meine liebe, kleine Freundin, kann ich’s ja sagen, Sie sind ja diskret.
Ich will mit Georg über eine junge Dame reden, die wirklich eine
fabelhaft gute Partie ist! Es handelt sich um...“
„O bitte, keinen Namen,“ unterbrach Monika hastig, „das sind so interne
Angelegenheiten, gnädige Frau. Ich möchte wirklich nicht...“
„Aber ich bitte Sie, ich sag’s Ihnen ja gern.“
„Ueberdies muß ich fort. Ich bin mit Mama bei unserer Schneiderin
verabredet.“
Sie hatte sich erhoben, ihr zitterten die Hände. Nur fort! Nur ihn
nicht treffen, der sie verschmähte! Der Zeit fand, hierher zu kommen,
und den Weg zu ihr vergessen hatte! Nur fort!
Nach hastigem Abschied eilte sie die Treppen hinunter, der Haustür zu.
Da wurde diese von außen geöffnet. Georg Wetterhelm trat ein.
Monika vermochte einen Aufschrei nicht zu unterdrücken. Aber sie faßte
sich rasch. Er sollte nicht glauben, daß sie gewußt, daß er heute
hierherkam. Daß sie etwa darum hier sei!
So tauschten sie denn ein paar konventionelle Redensarten, dann hielt
sie ihm abschiednehmend die Hand hin. Aber er sagte: „Ich begleite Sie
ein Stück.“
Er rief den Portier und trug ihm eine Entschuldigung an Frau von
Wetterhelm auf; selbst in diesem Augenblicke, wo das Zusammentreffen
mit Monika ihn so erschütterte, ließ er eine Höflichkeitspflicht nicht
außer acht.
Sie gingen nebeneinander her, auf einem Fußpfade im Tiergarten, dessen
Bäume und Sträucher ein erstes knospendes Grün zeigten. Der feuchte und
herbe Duft des Vorfrühlings lag in der Luft und stieg aus der feuchten
Erde.
Monika war das Herz so schwer; sie sprach gar nicht, ging, den Blick
geradeaus gerichtet, neben ihrem Begleiter, der heute auch auffallend
wortkarg war.