„Na, das ist doch ganz klar. Im Falle Heinrich stirbt...“
Monika stieß den Bruder heftig vor die Brust und rannte ins
Nebenzimmer; sie klammerte sich mit beiden Händen an das Fußende des
Gitterbettes, betrachtete mit irren Augen den Bewußtlosen und die Frau,
die da am Bette kniete, die Mutter, die vielleicht sein Leben auf dem
Gewissen hatte... aus Liebe... aus Liebe...
Und plötzlich strömte es Monika siedendheiß durch die Adern: ein wilder
Trotz packte sie gegen diese dunkle und furchtbare Macht, die über dem
blassen Jünglingshaupt schwebte, ein wütendes Sichauflehnen gegen das
Schicksal, das blind und täppisch und erbarmungslos ein Uebermaß von
Mutterliebe so entsetzlich ahnden zu wollen schien.
Ihre Hände krampften sich um des Bettes schmale Stäbe; mit weit
aufgerissenen Augen starrte sie in den Tod... Es war ein sonderbares
Klingen in ihren Ohren. Wohl hörte sie, daß die Mutter auf den Arzt
einsprach, aber sie verstand nicht mehr, was sie sagte.
Der kleine Arzt wehrte die Baronin ab.
„Nein, noch eine Koffein-Einspritzung ist unmöglich.“
Dann setzte er zögernd hinzu:
„Vielleicht lassen Sie jetzt nochmal fragen, ob Ihr Hausarzt zu Hause
ist?“
Von neuem eilte Martha davon.
Und von neuem ging Frau von Birken durch alle Phasen der Hoffnung, der
Verzweiflung, der Enttäuschung, neuer Hoffnung...
„Er bewegt die Lippen, er will sprechen -- ich sehe es... Heinrich, ein
Wort, ein einziges...“
Sie war so fassungslos in die martervollen Abgründe ihres Schmerzes
versenkt, daß sie nichts von dem sah, was sich nun begab.
Der Doktor verkündete mit seiner mürrischen Stimme: „Er schlägt die
Augen auf.“
Sie faßte es nicht, begriff es nicht, als Heinrich nun zu sprechen
versuchte; als er sprach mit deutlicher, ein wenig traumschwerer Stimme:
„Was... ist... denn...“
Bis endlich das gemarterte Mutterhirn die selige Wirklichkeit erfaßte.
Mit einem erschütternden Freudenschrei warf sich die Mutter über den
Geretteten:
„Mein Glück... mein einziges...“
[Illustration]
6.
Dieses Ereignis klang in Monika nach mit einer bedeutungsvollen
Schwere, die es für keinen der anderen gehabt.
Schon der Tod ihres Vaters hatte ihr einen erschütternden Eindruck
gemacht.
Aber jener Tod war nichts Ueberraschendes, war nur die Folge einer
langen Kette gewesen, geschmiedet aus leidensvollen Tagen und
schlaflosen Nächten.
Des Vaters mächtiger Körper war nicht zusammengebrochen wie ein Baum,
den der Blitzstrahl trifft, nein! Die Krankheit hatte langsam ihr Werk
getan; alle die vielen Tage und Nächte waren wie Ameisen gewesen, die
fleißig und hastig Stück um Stück Gesundheit und Leben davontrugen.
Monikas Vater war ein alter Mann gewesen, als seine Augen brachen; alt,
trotzdem er kaum fünfundvierzig erreicht.
Seine Haare waren wie Schnee.
Seine Augen waren wie verblaßt -- ganz stumpf. Man hatte den Tod kommen
sehen, wochenlang -- viele Monate lang. --
Jetzt aber war es anders gewesen.
Jetzt war der Tod heruntergestürzt -- wie ein Habicht aus blauer Höhe
niederstößt auf sein Opfer. Wohl hatte man ihm seine Beute im letzten
Moment noch abgejagt, aber allzunahe hatte man das Schwirren seiner
starken Flügel gehört. --
Monika sah jetzt im Wachen und im Traum ihres Bruders regungsloses
Gesicht, das starre Weiß der Augäpfel unter halbgeschlossenen Lidern.
Wie oft hatte sie gehört von Leuten, die jung gestorben waren. Aber das
hatte ihr nie Eindruck gemacht. Was sie von anderen hörte, blieb ihr
immer ganz gleichgültig. Sie erfaßte eine Sache erst dann, wenn sie sie
erlebte.