Monika erwiderte darauf nichts; sie preßte ihre Fingernägel in
die Handflächen, daß sie ins Fleisch drangen, suchte durch diesen
körperlichen Schmerz den seelischen zu übertäuben, der in ihr stürmte.
„Ich hatte die Absicht, Ihnen noch Adieu sagen zu kommen,“ sagte
Wetterhelm.
Aber gleich darauf veränderte sich der kühle Ton seiner Stimme: „Nein,
es ist nicht wahr. Ich wollte nicht mehr kommen. Ich wollte Sie nicht
mehr sehen...“
Da hob sie den Kopf zu ihm empor. Die Tränen, die schon so lange in
ihren Augen gezittert, rannen nun an ihren langen, tiefdunkeln Wimpern
herab, rannen in großen Perlen über die weich gerundeten Wangen.
Und bei diesem Anblick brach in Georg von Wetterhelm sein
„Lebensprogramm“ zusammen.
Nicht denken jetzt... nur dieses süße, unglückliche Gesichtchen
küssen... dieses schöne, warmherzige Geschöpf in die Arme nehmen... und
ihre glühende Jugend fühlen... und ihre glühende Liebe...
„Liebling!“
Er riß sie in die Arme, hielt sie fest umfangen wie mit Eisenklammern,
hielt sie fest an sein Herz gepreßt und küßte immer wieder die bebenden
roten Lippen, die so herzbewegend stammelten: „Geh’ nicht fort... ach,
geh’ doch nicht fort...“
„Nicht ohne Dich, mein Lieb!“
„Ist’s wahr?“ Das war wie ein Jubelschrei.
Mit beiden Armen umschlang sie seinen Hals, trank mit geschlossenen
Augen seinen Atem, der herb und frisch duftete wie die Frühlingserde
ringsumher.
[Illustration]
9.
„Ja, gewiß, alles was Sie mir hier über Ihre Vermögenslage, Ihre
Aussichten dargelegt haben, ist glänzend, Herr von Wetterhelm,“ sagte
die Baronin Birken. „Ich könnte mir für meine Tochter gar keine bessere
Partie wünschen -- aber die Sache liegt doch nicht so einfach. Ich kann
nicht lügen, wissen Sie, die Wahrheit über alles! Und darum sage ich
Ihnen: ich kann Ihnen nur abraten, Monika zu heiraten!“
Der Konsul, den sonst so leicht nichts in Erstaunen setzte, konnte sich
nicht enthalten, ein etwas verblüfftes Gesicht zu machen.
„Darf ich bitten, mir diese Worte zu erklären, gnädige Frau?“
„Gern... Wissen Sie, Monika ist wirklich gar nicht fürs Heiraten
geeignet. Sie besucht das Mädchengymnasium und will studieren. Und für
Frauen, die sich der Wissenschaft widmen, ist doch die Ehe eigentlich
nichts.“
„Wenn das der einzige Grund ist...“
Der sarkastische Zug um Wetterhelms Lippen vertiefte sich.
„O nein, nichts weniger als der einzige. Ein Dutzend Gründe sind es...
die Wahrheit über alles!... Erstensmal: Monika kann nicht kochen, aber
tatsächlich keine Ahnung davon!“
„Die Dokumente, die ich Ihnen vorlegte, gnädige Frau, sollten Sie
überzeugt haben, daß ich in der Lage bin, meiner Frau eine Köchin zu
halten, sogar eine sehr gute.“
„O ja, natürlich, aber selbst die beste Köchin wird nie das leisten,
was eine kulinarisch gebildete Frau des Hauses leistet.“
„Ich bin, was das Essen anbetrifft, sehr anspruchslos.“
„Außerdem: Monika hält keine Ordnung. Alles wirft sie durcheinander und
verlegt sie! Nicht einen Knopf näht sie sich allein an!“
Wetterhelm sah tiefsinnig auf einen Knopf, der halb abgerissen an der
Bluse der Sprecherin baumelte, und sagte: „Ich werde ihr eine Zofe
halten, die genau so gut ist wie die Köchin.“
Frau von Birken seufzte: „Ach, Monika hat so gefährliche Anlagen. Sie
ist so eigenwillig. Sie macht sich über alles eigene Gedanken; sie
respektiert nichts! Nicht mal mich als Mutter! Nicht mal Goethe. Und
immer muß sie ihren Willen durchsetzen! Monika ist ein Engel, wenn man
ihr den Willen tut, aber den muß man ihr tun!“
„Darin wird sie sich wohl ein wenig ändern,“ sagte Wetterhelm, mit
demselben Gleichmut, den er bisher zur Schau getragen.
„Sie ändert sich nicht, sie ist jetzt siebzehn Jahre und war immer so.“
„Mit siebzehn ändert man sich noch oft.“
Da Frau von Birken dieser Aeußerung nicht recht was entgegenzusetzen
wußte, sagte sie: „Erlauben Sie, daß ich meinen Sohn rufe...“
Heinzemännchen erschien.
Er trug den neuen, unendlich langen Gehrock und sah sehr sorgenvoll aus.
Wetterhelm zog die Augenbrauen hoch. Wollte man ihm in der Tat zumuten,
seine Werbung bei diesem Obersekundaner anzubringen?
Aber schon wurde die Tür aufgerissen. Monika kam herein, flog auf
Wetterhelm zu und küßte ihn stürmisch auf den Mund.
„Was habt Ihr denn bloß so lange zu verhandeln?“ rief sie der wie
erstarrt dasitzenden Mutter zu. „Ich kann doch nicht so lange draußen
bleiben, wenn Georg da ist!“
Und sie küßte ihn von neuem.
„Jetzt kann ich allerdings nichts mehr einwenden,“ sagte Frau von
Birken hilflos.
Heinzemännchen seufzte auf. War’s die Erleichterung darüber, daß die
Verantwortung für Monika von jetzt ab auf stärkeren Schultern ruhen
sollte als auf den seinen? --
Die Verlobungszeit sollte nur zwei Monate dauern. Frau von Birken fand
das zwar geradezu ungebührlich kurz, aber es lag so gar kein Grund zum
Warten vor. Im Gegenteil! Der Konsul erwartete bald seine Berufung auf
einen überseeischen Posten und wollte selbstverständlich schon vorher
heiraten.
Monikas Glück wurde oft ein wenig getrübt durch die Behandlung, die
man ihr zu Hause angedeihen ließ. Ihre Mutter, mit der sie jetzt die
ganze Zeit zusammen war -- seit ihrer Verlobung besuchte sie die Kurse
nicht mehr -- war nicht im mindesten anders zu ihr als sonst. Keine
Spur einer anderen Stimmung war zu merken, nichts von der zärtlichen
Ergriffenheit, die andere Mütter haben, wenn ihre einzige Tochter so
bald schon fürs Leben das Haus verläßt. Frau von Birken nörgelte sogar
mehr als sonst an Monika herum, sogar bei Sachen, von denen es nicht
recht ersichtlich war, warum sie sie tadelnswert fand.
Auch Alfred und Heinrich trugen jetzt, trotz der nahen, dauernden
Trennung von ihrer Schwester, kein liebenswürdigeres Wesen ihr
gegenüber zur Schau als sonst. Nur Karl, der ja auch sonst lieb und
nett gewesen, entfaltete eine außergewöhnliche Hochachtung. Monika
hatte ihm durch ihre Verlobung sehr imponiert, und er raubte jetzt mit
doppelter Begeisterung aus Mamas oder Heinzemännchens Portemonnaie ein
paar Nickel, um ihr irgendeine Kleinigkeit „zum Freuen“ zu kaufen.
Monikas Liebe zu ihrem Bräutigam war in dieser kurzen Zeit noch
gewachsen, aber das hinderte sie nicht, genau zu wissen, daß sie kein
volles Verständnis bei ihm fand. Wenn sie Gedanken äußerte, zu denen
sie sich nach heißem Ringen durchgekämpft, tat er das oft ab mit einem
lächelnden: „Du bist sehr jung, Liebling!“
Und an Sachen, die Monika in Entzücken versetzten, konnte er oft „beim
besten Willen nichts finden“! Zum Beispiel an dem Gratulationsbrief von
Monikas ehemaliger Amme. Was war denn an diesem albernen, ungeschickten
Schriftstück, daß es bei Monika lachende und weinende Begeisterung
hervorrief?
Die Liese schrieb:
„Liebstes Monchen,
da komme ich nun und wünsche Dir Gottes reichsten Segen auf alle
Zeit, indem, daß ich es mir ja auch nicht von Dir denken konnte,
daß Du, wie die olle Trübnersch gesagt hat, studieren sollst wie
ein Doktor.
Weil das ja doch zu sündhaft und häßlich wär’ für ein
Frauensmensch, wie denn auch das Sprichwort sagt:
„Den Mädchen, die pfeifen, den Hühnern, die kräh’n, den’ soll der
Teufel den Hals umdreh’n.“
Aber natürlich habe ich es nicht geglaubt, mein trautstes Monchen,
und die olle Trübnersch ist ein Lügenmaul, das sage ich dreist, und
wenn sie jeden Tag bei die Muckersch in die kleine Kapelle geht.
Na, denn hoffe ich, mein trautstes Monchen, daß es ein Forscher
ist, sowie dem Fräulein Marie ihr Mann, der gnädige Herr von
Hammerhof, der ist ja nu wohl viel zu hübsch für die lange Stange.
--
Mein Fritzchen wird auch mal so einer, der läuft schon jetzt mit
die Mädchen rum und ist noch keine fünf Jahre alt.
Die Ollsche, was die Tante vom Grün ist, ist ja nu gestorben, und
wir haben ein sehr schönes Begräbnis gemacht, Fladen, Branntwein
und alles.
Mit meinem Grün is es nicht mehr so recht, zu alt, Monchen, zu alt.
Er hat das Reißen in alle Knochen, aber sonst ist es ja ein sehr
guter Mann.
Zu Deine Hochzeit schicke ich Dir die Myrte, selbst gezogen, was Du
im vorigen Winter bei mir gesehen hast.
Und nu grüße Deinen Bräutigam und sage ihm, er kriegt was Schönes,
da er Dir heiratet.