Und im Hintergrunde schrie eine: „Birken ist ein ganz naseweiser Fratz.“

Monika packte ihre Mappe zusammen und sagte: „Kinder, tobt Euch allein

aus. Ich gehe mich ein bißchen erholen, in den Tiergarten. Kommt jemand

mit? Entschuldigt mich, bitte, bei Professor Mellenthin. Es tut mir

sehr leid, die griechische Stunde zu versäumen, aber das Wetter ist zu

schön, und im Tiergarten fängt der Flieder schon an zu blühen.“

Kaltblütig ging sie hinaus, während die drinnen wie ein aufgescheuchter

Spatzenschwarm durcheinander lärmten.

Monika schlenderte durch den Tiergarten, ließ den Zauber der

erblühenden Büsche auf sich wirken, musterte Pferde und Reiter, die

vorüberkamen, und dachte über sich selbst nach.

Sie fühlte sich sehr allein. „Ich bin doch eigentlich ein unglückliches

Zwittergeschöpf,“ philosophierte sie und pfiff betrübt einen

Schmachtwalzer vor sich hin. „Bin ich nun eigentlich ein Kind meiner

Zeit? Dieser Zeit, in der die Frau die engumhegten Bahnen verläßt, in

denen sie jahrtausendelang gewandelt, in der sie kühn hinausstürmt in

die Weite, den Kopf noch ein bißchen benommen von dem grellen Licht,

das so plötzlich auf sie einströmt.

Oder wäre ich auch in jedem anderen Zeitalter möglich?

Diese zwei Naturen in mir, die sich gegenseitig bekämpfen... wie sagt

doch Doktor Rodenberg? Aphrodite und Pallas vertragen sich schlecht

miteinander ...

Die süße Aphrodite lächelt so spöttisch, wenn ich mich zu der

eulentragenden, gelehrten Göttin flüchte, und die stolze Pallas

grinst geradezu, wenn mich all mein Sein zur schönsten Göttin zieht.

Schrecklich, schrecklich!“

So sann Monika vor sich hin, ging aus dem gepfiffenen Walzer in eine

Polka über und hopste nach dem Takt derselben den sonnenbeschienenen

Fußpfad entlang, von den wohlwollenden Blicken zweier alter Herren

gefolgt.

Am nächsten Tage hatte Fräulein Doktor Stark eine private Unterhaltung

mit Monika.

„Mir haben Damen Ihrer Klasse mitgeteilt, daß Sie Ihrer ganzen

Auffassung nach vielleicht nicht geeignet sind...“

Monika unterbrach.

„Fräulein Doktor, ich habe mir einen harmlosen Scherz gemacht.“

„So? -- Nun, jedenfalls interessiert es mich, zu erfahren, welchen

Standpunkt Sie mit Bezug auf Ihre Studien einnehmen. Wie denken Sie

sich Ihren Lebensgang überhaupt?“

„Zunächst will ich hier das Abiturientenexamen machen und dann...“

Monika stockte.

„Welchem Studium wollen Sie sich widmen? Medizin?“

„O pfui!“ schrie Monika los, „Leichen zerschneiden!“

Ihr Gesicht zeigte den Ausdruck höchsten Entsetzens.

„O pfui!“

„Beherrschen Sie sich. Das ist kindisch. Also Philologie?“

„Nein.“

„Jura?“

„Nein.“

Monika besah ihre Fingernägel, und plötzlich kam ihr eine Eingebung.

„Nationalökonomie,“ sagte sie entschlossen.

„So, so,“ die Gestrenge schien besänftigt, „und in welcher Weise

gedenken Sie diese Studien zum Wohle der Frauenwelt anzuwenden?“

„Nationalökonomie,“ sagte Monika noch einmal bedeutungsschwer; sie ließ

diese rettende Planke nicht mehr los.

Daß sie etwas unklare Begriffe über die Bedeutung dieses Wortes hegte,

brauchte Fräulein Doktor ja nicht zu erfahren.

So endete die Unterredung weniger schlimm, als Monika es sich

vorgestellt.

[Illustration]

Wochen und Monate gingen dahin.

Die Baronin Birken erzählte stolz allen ihren Bekannten, daß Monika

studieren solle; sie schrieb es ihren sämtlichen Verwandten.

Frau von Holtz äußerte sich recht mißbilligend über das Studienprojekt.

Sie erwähnte, daß ihre Tochter Marie sie auch schon um die Erlaubnis

zum Studieren gebeten. Dieser „moderne Unsinn“ schien förmlich eine

ansteckende Krankheit zu sein. Sie habe natürlich empört die Erlaubnis

verweigert. Die Ungebundenheit der Studienjahre sei mit der Würde und

dem Anstand eines jungen Mädchens unvereinbar. --

Marie maulte jetzt die ganze Zeit, daß sie ihren Willen nicht

durchsetzen dürfe; sie aber würde unbeirrt ihrer Mutterpflicht genügen

und hoffe, den Verwandten schon in nächster Zeit die Verlobung

Mariechens mitteilen zu können.

„Ach, eine Verlobung!“ Frau von Birken war Feuer und Flamme. „Wer es

wohl sein mag? Und ob es eine gute Partie ist? Nun, wahrscheinlich

doch. Marie als Erbtochter von Sarkow kann Ansprüche machen.“

Die Baronin sprach in den nächsten Tagen nur von dieser Verlobung und

erging sich in den verschiedensten Vermutungen.

Ihr Interesse wurde erst abgelenkt, als sie einen Brief ihrer Schwester

Kläre empfing. Auch dieser Brief war eine Antwort auf Malis Mitteilung,

daß ihre Tochter studieren solle.

Kläre schrieb, sie freue sich, daß nun doch Monikas bessere Instinkte

zum Durchbruch kämen. Das Studium würde ein unübertreffliches Mittel

sein, um Monikas Hang zum Leichtsinn entgegenzuarbeiten.

Was ihre eigene Tochter Bertha anbeträfe, so sei es für die nun auch

höchste Zeit, sich auf das Abiturienten-Examen vorzubereiten, und zwar

in ernsthafterer Weise als bisher. Der Unterricht durch den Vater

zeitigte leider nicht die Früchte, die man berechtigt gewesen wäre,

zu erwarten. Und so sähe sie sich denn genötigt, Bertha nach Berlin

zu schicken, wo dieselbe auch den Gymnasialkursen von Fräulein Doktor

Stark eingereiht werden solle. Sie hoffe dringend, daß sich Berthas

Charakter dort von Grund auf ändere. Leider sei sie einstweilen ein

durchaus unmodernes Mädchen, interessiere sich mehr für den Haushalt

als für die Wissenschaft. Natürlich aber werde sie -- Kläre -- ihren

Mutterpflichten getreulich nachkommen und es zu verhindern wissen, daß

Bertha ein Schablonendasein führe.

„Ach, Berthchen kommt zu uns,“ rief Frau von Birken, indem sie

plötzlich die Lektüre des Briefes unterbrach. „Wie nett! Bertha ist

ein reizendes Mädchen. Ich muß doch gleich mal sehen, ob das gelbe

Fremdenbettstell in Ordnung ist. Martha, schnell den Schlüssel zum

Boden.“

„Rege Dich gar nicht erst auf, Mamachen,“ sagte Monika, die den von

ihrer Mutter achtlos weggeschleuderten Brief inzwischen zu Ende

gelesen. „Bertha kommt nicht zu uns.“

„Ach, warum denn nicht?“

„Hier steht es: sie kommt zum Bruder ihres Vaters, dem Professor

Reckling.“

Frau von Birken war empört.

„Komische Idee von Kläre. Ich als Schwester wäre wohl doch die nächste

dazu, ihre Tochter aufzunehmen. Bertha ist ein nettes Mädchen, ich

hätte sie so verwöhnt...“

„Mehr als mich,“ brummte Monika. „Fremde Kinder behandelst Du immer

besser als uns, Mama.“

„Die ärgern mich auch weniger als Ihr! Nicht ein einziger von Euch ist

gehorsam.“

„Das hat Tante Kläre wohl auch gedacht und unseren Einfluß auf Bertha

gefürchtet,“ sagte Monika. „Mir wird doch immer gesagt, daß ich so

demoralisierend wirke -- de -- mo -- ra -- li -- sie -- rend...,“ sang

sie im Walzertakt und schwang die Mutter in die Runde.

Nach Berthas erstem Besuch bei Birkens war Mali von ihrer Nichte

entzückt. Das machte aber niemandem einen großen Eindruck, da sie sich

für unendlich viele Leute begeisterte.

In diesem Falle hatte sie wirklich keine genügende Ursache, entzückt zu

sein. Bertha besaß nichts irgendwie Hervorragendes.

Sie war ein schlankes, blondes Mädchen mit schmalen Schultern und

ziemlich ausdruckslosen Augen. Ihre geistige Befähigung war knappes

Mittelmaß, ihr Charakter war harmlos freundlich, nur momentan war ihre

Stimmung verbittert durch den Zwang, den die Mutter auf sie ausübte.

Bertha wäre so froh gewesen, wenn man sie das Leben hätte führen

lassen, wie es alle ihre Freundinnen führten: in der Wirtschaft helfen,

ein bißchen Klavier spielen, ein bißchen malen, hübsche Handarbeiten

machen, Bälle besuchen, die Eisbahn, den Tennisklub.

Und dann sich verloben -- ach, himmlisch! -- heiraten, hübsche Kinder

haben mit schön frisierten Haaren und weißen Spitzenkleidern.

Und da kam Mama nun mit der unglücklichen Idee des Studiums.

So oft sie ihrer Tochter auch vorhielt, in welch begnadeter Zeit

sie lebe, daß es ihr gestattet sei, all ihre Geisteskräfte voll

zu entfalten, indes ihre Mutter seinerzeit durch die herrschenden

Anschauungen gezwungen gewesen, dem herrlichen Plane: ganz im Dienste

der Wissenschaft aufzugehen, zu entsagen -- Bertha ließ sich nicht

überzeugen.

Sie gehorchte zwar dem Gebot der Mutter, aber ohne jede innere

Freudigkeit.

In den Kursen -- sie war in denselben Zötus eingereiht worden wie

Monika -- fiel sie durch nichts auf. Eine knappe Mittelmäßigkeit war

die Signatur ihres äußeren und inneren Menschen. Für keines der Fächer,

in denen man Unterricht empfing, hegte sie besonderes Interesse.

Im Gegenteil! Sie mokierte sich geradezu über Monika, die, als man im

Latein und Griechischen die langweiligen Anfangsgründe überwunden, sich

für das klassische Altertum zu begeistern begann. Die Glut, die sie in

Kindertagen entfaltet, wenn Doktor Rodenberg ihr Sagen erzählt, lebte

wieder auf; schattenhafte Träume erwachten zu neuem Leben.

Und nicht nur wie einst sah sie nur die männermordenden Helden, die

erzgeschienten Völkerfürsten, nicht nur wie früher verfolgte sie mit

heißer Freude am Kampfe das Auf- und Niederwogen der Feldschlacht

-- jetzt wurde ihr auch die schöne Sklavin lebendig, die blühende

Briseïs, die sich zitternd willig dem Peliden gibt. Jetzt schwirrten

ihre Gedanken auch um die Götterschönheit der Helena, um die so viel

Tausende starben.

Die toten, heidnischen Sprachen, die Monika anfangs so langweilig

gedünkt, waren ihr nun Zauberschlüssel -- Zauberschlüssel, welche die

Pforten zu märchenschönen Gärten öffneten.

Mit einer wahren Gier stürzte sie sich jetzt aufs Lernen.

Und wie immer bei ihr: wenn sie erst angefangen, sich einer Sache zu

widmen, so tat sie das ungeteilt; sie richtete all ihre Kräfte, all ihr

Sinnen darauf.

Ihre Geisteskräfte schienen zu wachsen in dem scharfen Training, das

sie ihnen zumutete, und sie spornte sich selbst immer mehr an.

Weltgeschichte, Chemie, Physik -- je mehr, je besser! Mit einem wahren

Heißhunger nahm sie alles Gebotene in sich auf und tat weit mehr, als

das Pensum erforderte. Ihre Neigung zu Vergnügungen, zum Flirt, trat

nun völlig zurück.

Sie wollte nichts weiter, als möglichst ungestört über ihren Büchern

brüten. Allein an der Art, wie sie ein Buch aufschlug, wie sie den

Einband mit liebkosenden Fingerspitzen umspannte, als sei es eine

kostbare Frucht, sah man die Wonne, die es ihr bereitete, sich in den

Inhalt zu versenken.

Die Brüder, denen besonders die alten Sprachen unangenehmer Zwang

waren, spotteten, wenn sie Monika über den Homer gebeugt sahen.

„Du wirst noch ’ne richtige verdrehte alte Schachtel werden,“ sagte ihr

Alfred.

Heinrich erklärte ihr Lernen für „im höchsten Grade unweiblich“.

Karl enthielt sich jeder gesprochenen Meinungsäußerung, aber oft

sah er, Butterbrote kauend, seiner Schwester mit entgeistertem

Kopfschütteln zu. Wie es Menschen geben konnte, die gern lernten, war

ihm ein unheimliches Rätsel.

Frau von Birken zeigte sich von Monikas Lerneifer sehr befriedigt, aber

bald trat ein Ereignis ein, das sie verhinderte, auch nur noch einen

Gedanken für Monika zu haben: das geliebte Heinzemännchen wurde krank.

Er litt an sehr schmerzhaften Magenkrämpfen. Was es eigentlich war, war

nicht mit voller Sicherheit zu ermitteln.

Monika behauptete, daß Heinrichs Mostrichkur wahrscheinlich eine

gewisse Rolle spiele. Er hatte nämlich vor einigen Wochen erklärt, daß

als Hauptnahrungsmittel für ihn nur Mostrich in Betracht käme.

Die Baronin, der es völlig unmöglich war, ihrem Lieblingssohne irgend

etwas abzuschlagen, hatte ihn gewähren lassen, und so hatte Heinrich

viele Wochen lang unglaubliche Quantitäten Mostrich vertilgt.

Möglich, daß ihm diese selbsterfundene „Stärkungskur“ schlecht bekommen.

Jedenfalls waren die von Zeit zu Zeit bei ihm auftretenden Magenkrisen

so unsäglich schmerzhaft, daß der Arzt Morphiuminjektionen verordnete.

Frau von Birken überließ sich lauten Verzweiflungsausbrüchen.

Ihr Mann hatte in den letzten Monaten seines Lebens Morphium bekommen,

und diese Tatsache genügte ihr, um Heinzemännchen einem nahen Tode

verfallen zu sehen.

„Aber das sage ich Euch, wenn Heinzemännchen stirbt, dann lege ich mich

gleich mit dazu!“

Sie ließ ihn völlig von der Schule dispensieren und verbrachte ihr

Leben damit, ihm jeden Wunsch von den Augen abzulesen. Sie leistete

gastronomisch geradezu Wunderbares. Die einfache, reizlose Diät, die

der Doktor ihrem Sohne verordnet, leuchtete ihr nicht ein.

„Das ist doch gar nichts Kräftiges! Das sind alles so übermoderne

Anschauungen: Gemüse und Obstsaft! -- Früher hat jeder Doktor

Ungarwein und Beefsteak verordnet -- da kann man sich doch denken, daß

das Kraft gibt. Man muß den Appetit reizen -- das ist die Hauptsache!

-- Heinzemännchen, Du bekommst heute ein Rumsteak mit geschabtem

Meerrettich und Kräuterbutter und einen Sherry -- na, Du wirst ja

sehen.“

Heinrich war mit seiner Krankheit ganz zufrieden.

Er brauchte nicht in die Schule, lebte wie ein Pascha.

Es wurde aufopfernd für ihn gesorgt. Die ganze Zeit gab es Festmenüs.

Seiner geistigen Unterhaltung diente das Leihbibliotheks-Abonnement,

das seine Mutter ihm genommen.

Er las täglich zwei bis drei Bände. Und wenn er zum Lesen keine Lust

hatte, mußten seine Mutter und Alfred Skat mit ihm spielen.

Wenn er wirklich mal Schmerzen hatte, beruhigte ihn das Morphium bald,

und er verfiel dann in einen traumhaften Dusel, der viel Angenehmes

hatte.

Der Hausarzt hatte Frau von Birken eine kleine Quantität Morphium

und eine Pravazspritze dagelassen, um Heinrich, dessen Anfälle sehr

plötzlich eintraten, nicht unnötig lange Schmerzen leiden zu lassen.

Es war jedesmal ein Ereignis, wenn Frau von Birken sich dazu entschloß,

die spitze Nadel in Heinrichs Fleisch zu versenken.

„Heinzemännchen, ich kann es nicht. Es bricht mir das Herz, diese

ganze, lange Nadel hineinzubohren -- das muß Dir ja zu weh tun!“

„Aber mach’ doch endlich,“ stöhnte dann der von Schmerzen gefolterte

Kranke unruhig, „schnell! Ich halte es nicht mehr aus!“

Dann hob ein zitternder Seufzer Frau von Birkens Brust; sie schloß die

Augen, indes ihre wenig geschickten Finger die blanke Spitze in ihres

Sohnes Fleisch bohrten.

An einem Frühherbsttage bekam Heinrich wieder einen sehr heftigen

Anfall.

„Gewiß kommt das von dem Witterungsumschlag!“ tröstete Frau von Birken.

„Ach, Unsinn -- Unsinn,“ murrte der Kranke.

„Vielleicht doch, Liebling. Die ganze Zeit hatten wir so schönes

Wetter, und jetzt auf einmal die Kälte.“

Sie sah durchs Fenster hinaus auf die die Straße flankierenden Bäume,

die der Wind zauste.

Die Blätter wirbelten durch die Luft.

Frau von Birken fröstelte, teils infolge des suggestiven Anblicks,

teils, weil sie, um ihre Schlankheit ins rechte Licht zu setzen, immer

zu dünne Kleidung trug.

Aber auch Monika, die eben aus ihrem Kursus gekommen, protestierte:

„Mama, Du verstehst die Heilkunde wie so’n alter Schäfer! Das kommt

doch nicht von der Witterung! Heinz wird sich eben wieder den Magen

verdorben haben!“

„Geh’, Du bist herzlos! Heinzemännchen ißt wie ein Vögelchen.“

„Wird’s denn nun endlich mit meinem Morphium?“ rief der Kranke

ungeduldig.

„Ja, mein Geliebtes, ja, so schwer wie es mir wird,“ jammerte die

Mutter.

Sie entnahm dem kleinen Etui die auf blauem Samt gebettete Spritze.

Monika verließ das Zimmer. Sie hörte von nebenan, wie ihre Mutter das

Schicksal anklagte, das sie verurteilte, ihrem geliebten Herzenskind

weh zu tun.

Frau von Birken war ganz blaß, als sie einige Augenblicke später aus

dem Zimmer kam.

„Ach, es ist zu schrecklich, der arme, liebe, süße Junge. Gewiß so ein

unglückseliges Erbteil vom Papa. O, mein Heinzemännchen, mein süßes!

Na, jetzt hat er Gott sei Dank wieder vierundzwanzig Stunden Ruhe.“

Aber Frau von Birken irrte sich.

Als sie nach einer Weile Heinrichs Zimmer von neuem betrat, waren seine

Schmerzen kaum gelindert.

„Schnell, Mama, noch mehr Morphium.“

„Ausgeschlossen, mein Liebling. Du weißt doch, daß es ein gefährliches

Gift ist. Eine einzige Spritze, hat der Doktor gesagt.“

Heinrich wendete sich stöhnend auf die Seite und schwieg.

Aber nach einer halben Stunde forderte er energisch noch eine Spritze.

„Gewiß hast Du bei der ersten alles vorbeigeplempert, Mama. Es tut so

rasend weh. Das Morphium hat heute gar nicht gewirkt.“

„Liebling, das geht doch nicht.“

Frau von Birken stockte das Wort auf der Zunge. Ein unartikulierter

Schrei brach von ihres Sohnes Lippen. Sein junger Körper wand sich in

Qualen. Eine neue Krise schien einzusetzen.

„Mama...,“ würgte er hervor. Eine flehende Gebärde... Seine tastende

Hand wies auf die Marmorplatte des Nachttisches, auf dem die kleine

Flasche stand mit der farblos hellen Flüssigkeit.

Da hielt der Mutter Bedenken nicht stand. In fliegender Hast griff sie

von neuem nach dem kleinen Etui.

Noch eine kurze Zeitspanne -- dann schien die gewünschte Wirkung

einzutreten. Die schmerzhafte Spannung aller Glieder ließ nach, die

qualdurchfurchten Gesichtszüge glätteten sich.

Dankbar nickte Heinrich seiner Mutter zu. Zum Sprechen war er zu müde.

Auf Zehenspitzen schlich Frau von Birken ins Nebenzimmer.

„Gott sei Dank, Mone, endlich hat’s gewirkt, das Morphium. Ich habe ihm

noch eine Spritze gegeben, dem armen Liebling. Jetzt hat er wenigstens

Ruhe.“ Dann ging die Baronin in die Küche und unterhielt sich mit

Martha, die, seitdem der junge Herr leidend war, in der Erzählung von

merkwürdigen Krankheitsfällen schwelgte.

Monika, die über einer Mathematik-Aufgabe brütete, wurde aus ihrer

Arbeit gestört durch einen sonderbar röchelnden Ton, der aus dem

Nebenzimmer drang.

Sie ging zu Heinrich hinein. „Laß doch bloß dieses gräßliche

Schnarchen, man kann überhaupt nicht arbeiten dabei.“

Ihr Bruder antwortete nicht.

Und wieder der röchelnde Ton, der sich aus seinem halboffenen Munde

rang.

Pantherkätzchen · 第 15 / 34 题