Wie ein Schlachtruf klang’s. „Feig’! Sein Leben zu verträumen und
verdösen in solch künstlicher Gemütsruhe. Wie ein Sumpf ist das. Ich
aber will raus, raus in die See! Und wenn ich tausend blutige Schmerzen
haben werd’, so werd’ ich auch tausend brennende Freuden haben! Und
werd’ leben, es in allen Adern fühlen, das herrliche, blutrote Leben!“
Ihre Hände hatten sich zu Fäusten geballt. Eine so heiße Welle von
Kraft ging von ihr aus, daß sie zu dem müden Manne hinüberstrahlte,
seine Nerven aufzucken ließ in sekundenlangem Leben.
„Hättest früher kommen sollen, Mone. Bist zwanzig Jahre zu spät geboren
für mich. Viel früher hättest Du kommen sollen.“
Es war ein dumpfer Klang in seiner Stimme.
Und dann breitete er beide Arme aus und drückte sie fest an sich: „Leb’
wohl, Mone. Adieu, Kätzchen. Wenn Du wiederkommst, bin ich wohl nicht
mehr da.“
„Oh!“ schrie sie erschreckt auf.
„Stille. Sehr lange spielt mein Herz wohl nicht mehr mit. Der edle
Alkohol wird ihm zu viel. Stille, Kind! Eines lehren meine weisen
Freunde aus dem Osten: anständig zu sterben...“
Monika war so erschüttert über diesen letzten Besuch bei Doktor
Rodenberg, daß ihr der Abschied von Sarkow nicht so fühlbar wurde, wie
sie geglaubt. Sie wollte von hier aus zu einer Schwester ihrer Mutter,
um dort noch einige Zeit zu bleiben, ehe sie nach Hause zurückkehrte.
Herr und Frau von Holtz nahmen sehr herzlich von ihr Abschied.
Marie begleitete ihre Cousine zur Bahn. Sie hatte sich das selbst
ausbedungen. Es war, als ob sie immer noch Angst hätte, daß Monika
dableiben könne.
„Na, denn komm nur, Du Gefangenwärter,“ rief ihr Monika, die schon im
Schlitten saß, zu.
Die Pferde zogen an. Leicht glitt der Schlitten über den blendenden
Schnee, und die Glocken klingelten hell.
Die einförmige Fahrt wurde durch kein Gespräch unterbrochen. Schweigend
saßen die Cousinen nebeneinander.
Ein paar Kilometer vor Neustadt wurde die tote, weiße Landschaft
lebendig.
Eine Schwadron Dragoner kam daher.
Monikas Züge hellten sich auf. Sie lachte vergnügt den Soldaten zu, die
ihr bewundernde Blicke zuwarfen, indes sie langsam an dem Schlitten
vorbeizogen.
Die Offiziere grüßten.
Als letzter kam Roßberg, der sofort seinen Trakehner anhielt.
„Sie reisen?“ fragte er erstaunt.
„Ja,“ sagte Monika mit einer Schmollmiene, deren Koketterie Marie
innerlich rasen ließ.
„Wie schade!“
„Ja, schade. Aber ich muß fort.“
Er sah ihr mit herzlichem Bedauern in die Augen:
„Kommen Sie bald wieder. Wir werden uns alle sehr freuen.“
Ein Händedruck -- und er sprengte hinter den anderen her.
Monika streifte mit einem Seitenblick das zornrote Gesicht ihrer
Cousine. Eine plötzliche Empörung wallte in ihr auf gegen ihren
unerbittlichen „Gefangenwärter“.
Trotzig warf sie den Kopf ins Genick und pfiff laut vor sich hin:
„Muß i denn -- muß i denn
Zum Städtle ’naus
Und du, mein Schatz, bleibst hier...“
Der Erfolg trat prompter ein, als sie erwartet.
Marie stieß mit geballten Händen einen unartikulierten Zorneslaut durch
die Zähne. Und durch die klare Luft kam deutlich das Echo aus dem Munde
des davongaloppierenden Reiters -- so lockend klang’s:
„Muß i denn, muß i denn
Zum Städtle ’naus --
U -- und -- du -- mein Schatz...“
[Illustration]
4.
„Heinzemännchen...“
Der Angeredete, der, in ein Buch vertieft, in einem roten Plüschsessel
saß, gab ein unwilliges Grunzen von sich.
Aber Frau von Birken ließ nicht locker. „Heinzemännchen, willst Du den
Kalbsbregen mit oder ohne Sardellen gekocht?“
„Mit!“ sagte Heinzemännchen energisch und versank von neuem in sein
Gedichtbuch. Lyrik war seine Passion.
Frau von Birken, deren zierlich schlanker Erscheinung und deren
hübschem Gesicht mit den blühenden Farben man ihre siebenunddreißig
Jahre nicht anmerkte, setzte sich auf die Armlehne des Sessels und
küßte das storre, braune Haar ihres Lieblingssohnes.
„Wieder in Poesie aufgegangen, mein Heinzichen? Was hast Du denn da?
Den Eichendorff. Ach, himmlisch. Und wie Du gleich wieder so was
Schönes herausgefunden hast...“
Sich über das Buch beugend, las sie:
„Denkst du noch jenes Abends, still vor Sehnen --
Als wir das letztemal im Park beisammen?“...
Sie las diese Zeilen mit pathetischer Betonung, indes sie begeistert
den Kopf hin und her bewegte.
Heinzemännchen grunzte. Er war heute in trübsinniger Gemütsstimmung und
gar nicht dazu aufgelegt, seine poetischen Empfindungen mit der Mutter
zu teilen.
„Was hast Du heute eigentlich, mein Einzigstes? Wieder Aerger in der
Schule? Nein? -- Das Mittagessen hat Dir doch geschmeckt? -- Der
Schmorbraten war doch wirklich gut, und die grünen Erbsen so weich. Was
hast Du denn? -- Heinzi, sag’s doch.“
Der Knabe stöhnte tief auf; er klappte schmerzlich die Lider halb über
die braunen Augen und sagte:
„Eine schwere Jugend habe ich -- sehr, sehr schwer.“
„Aber, Liebling, warum? Ich tue Dir doch alles zuliebe.“
„Eine schwere Jugend,“ wiederholte Heinrich, „seit Papas Tode ruht
alles auf meinen Schultern.“
„Heinzchen!“
„Ja, es ist doch aber so. Alles auf meinen Schultern. Denke Dir das
Verantwortungsgefühl, das ich habe! Wie ich auf die andern aufpassen
muß! Karls Leichtsinn gibt mir viel zu denken. Und Monika -- Gott,
Monika ist meine schwerste Sorge.“
„Sie ist doch ein sehr gutes Mädchen, Heinzemännchen.“
„Ja, aber sie hat so gefährliche Anlagen. Das schreibt auch Deine
Schwester Kläre...“
Heinrich zog ein Portefeuille heraus und entnahm diesem einen Brief.
„Ach, an mich...“
„Ja, Mama, ich vergaß, es Dir zu sagen. Aber es ist nichts Eiliges; ich
habe ihn schon gelesen. Eine Charakteristik Monikas...“
Frau von Birken nahm ihrem Sprößling den Brief hastig aus der Hand und
begann zu lesen:
„Liebe Mali,
Deine Bitte, Dir genau mitzuteilen, wie Monika sich hier bei
uns macht, erfülle ich gern. Nach allem, was Du mir von ihr
geschrieben, bin ich nicht ohne Besorgnis gewesen, sie bei uns
aufzunehmen. Leider hat unsere Tochter Bertha schon sowieso nicht
den Ernst, welcher nötig ist, um die wissenschaftliche Laufbahn
einzuschlagen, für welche ich sie bestimmt habe. Bertha findet
einstweilen an kindischen Vergnügungen: Schlittschuhlaufen,
Tanzstunde usw. viel zu viel Vergnügen. -- Sie bereitet sich jetzt
unter Leitung meines Mannes auf das Abiturium vor. Leider weiß
sie das Opfer, das ihr Vater ihr bringt, indem er ihr so viel von
seiner Zeit widmet, die doch durch seinen verantwortungsvollen
Beruf als Oberlehrer schon so sehr in Anspruch genommen ist, nicht
genügend zu würdigen.
Offen gestanden, ich habe sehr gefürchtet, daß Monika, wie Du sie
mir geschildert hast, einen ungünstigen Einfluß auf Bertha ausüben
würde -- um so mehr, als sie gerade aus Sarkow kam.
Du weißt: Deine Schwägerin, Frau von Holtz, nötigt mir nicht gerade
hervorragende Achtung ab. Sie ist so recht eine Frau von der alten
Schule -- ohne jedes Verständnis für die ungeheure Bewegung, die
sich seit Jahrzehnten in der Frauenwelt vollzieht.
Sie erzieht auch ihre Tochter in tadelnswert unmoderner Weise, hat
das dringende Bestreben, Marie bald zu verheiraten, lehrt ihre
Tochter, in der Heirat das Endziel jeden Frauendaseins zu sehen.
Ich weiß das alles von Monika, welche ja leider für ihre Tante
Holtz sehr viel Zuneigung entfaltet.
Entschieden hat Frau von Holtz auf Monika nur verderblich gewirkt.
Als Deine Tochter ankam, schwärmte sie uns vor von dem blauen
Ballkleide, das ihre Tante ihr hatte arbeiten lassen -- denke Dir:
dekolletiert! -- meiner Meinung nach sehr ungeeignet für solch
junges Mädchen.
Ich möchte Dir auch nicht verhehlen, liebe Mali, daß Frau von Holtz
Deiner Monika wie auch ihrer Tochter Marie vor den Bällen das
Gesicht mit Reispuder gepudert hat -- eine Handlungsweise, die sich
zu sehr charakterisiert, als daß ich sie näher bezeichnen möchte.
Erfreulicherweise wird Monika sich nicht dauernd von diesen
frivolen Ratschlägen beeinflussen lassen.
Mit Dank und Verständnis nimmt sie es auf, wenn ich ihr klarmache,
daß es nicht das Lebensziel einer modernen Frau sein darf, hübsch
auszusehen und liebenswürdig zu sein, sondern daß es der innere
Wert ist, der eine Frau zu dem Vollmenschen gestaltet, den unsere
Zeit verlangt.
In unserem Bekanntenkreise gefällt Monika ganz ausgezeichnet.
Gestern kamen mir in unserem Damenklub sehr schmeichelhafte
Aeußerungen über sie zu Ohren. So sagte mir z. B. die Frau Geheime
Baurat Wegener: „Ihre Nichte ist wirklich ein äußerst interessantes
Mädchen.“ Andererseits kann ich Dir nicht verhehlen, liebe Mali,
daß Deine Tochter auch gefährliche Anlagen besitzt...“
„Da hörst Du’s,“ unterbrach Heinzemännchen in bedeutungsschwerem Tone.
Mit ängstlichen Augen las die Baronin weiter.
„Erstens: Monika ist adelsstolz. So oft, wie ich ihr schon
auseinandergesetzt habe, daß nicht ererbter Adel eine Zierde des
Menschen ist, sondern einzig und allein nur der Adel der Bildung --
sie scheint mir nicht überzeugt zu sein.
Auch benutzt sie Briefpapier mit ostentativ großer Krone. Ferner
zeigt sich bei ihr oft ein Hang zur Oberflächlichkeit, der die
Freude an dem sonstigen Hochstand ihres geistigen Niveaus nicht
ungetrübt erscheinen läßt.“
„Sogar sehr oberflächlich,“ bestätigte Heinzemännchen mit
mißbilligendem Kopfnicken -- „gefährliche Eigenschaften hat sie.“
Eine Sorgenfalte grub sich in seine schmale Stirn.
Er hätte sich wohl des weiteren über seine Schwester ausgelassen,
wenn nicht die Tür aufgerissen worden wäre. Karl, der jüngste Bruder,
stürmte herein.
„Mamachen, bitte, eine Stulle mit Wurst.“
„Aber Karl, das ist die elfte heute.“
„Dafür habe ich auch kein Mittag gegessen.“
„Das ist es ja eben. Du verdirbst Dir den Appetit mit dem ewigen
Butterbrotgestopfe. Du kriegst aber auch nicht eine einzige Stulle
mehr,“ schalt die Mutter und verfügte sich mit bewunderungswürdiger
Konsequenz in die Küche, um die verlangte Stulle herzustellen.
Karl zog mit seiner Beute triumphierend ab, und Heinrich versank wieder
in die grünen Waldgründe Eichendorffs.
Frau von Birken aber verblieb einstweilen in der Küche. Sie hatte
sich in ein Gespräch mit Martha, dem hübschen „Mädchen für alles“,
verwickelt.
Die Baronin hegte eine glühende Anteilnahme für das Geschick aller
Dienstboten, die sie je gehabt, sowie überhaupt für alle Angehörigen
der unteren sozialen Schichten, die sie mit dem Sammelnamen: „die armen
Leute“ zu bezeichnen pflegte.
In Sarkow war keine Tagelöhnerfamilie gewesen, in welcher die Baronin
nicht jeden einzelnen Sprößling beschenkt hätte, und hier in Berlin
widmete sie ihr Interesse den Portierfamilien sämtlicher Häuser,
in denen sie schon gewohnt; es waren ihrer eine ganze Anzahl, denn
länger als ein Jahr wohnte Frau von Birken in der Regel nicht in einer
Wohnung. Warum sie so oft wechselte, wußte sie übrigens selbst nicht:
sie war mit der jeweiligen Wohnung immer sehr zufrieden. Aber wenn der
Kündigungstermin näher rückte, wurde sie nervös -- vielleicht würde
eine neue Wohnung doch noch schöner sein?
Es war wohl besser, zu kündigen. Und so schnell würde ja die bisher
innegehabte Wohnung auch nicht vermietet werden: wenn man nichts
Besseres fand, konnte man ja immer noch bleiben. Also, sie kündigte.
Die Folge davon war, daß die jetzige Wohnung oft schon längst einen
Mieter gefunden, wenn Frau von Birken sich noch gar nicht für eine neue
entschieden hatte.
Sie tat das gewöhnlich erst einen Tag vor dem Umzug, zu welch letzterem
dann keine „Ziehleute“ mehr aufzutreiben waren. Ein -- zwei Tage
schwebte die Baronin dann in wahrer Verzweiflung, wußte nicht aus noch
ein. Aber wenn dann der Umzug endlich vor sich gegangen -- meistens
wurde dabei viel zerbrochen und beschädigt -- glätteten sich die Wogen
der Erregung bald. Die neue Wohnung wurde entzückend gefunden, bis im
nächsten Jahre dasselbe Spiel von neuem wieder begann.
Zu ihren Dienstboten verhielt sich Frau von Birken gerade wie zu ihren
Wohnungen: sie fand sie begeisternd, aber sie wechselte sehr gern.
Uebrigens verabschiedete sie sie nie aufs Ungewisse hin.
Mit geradezu rührender Sorgfalt suchte sie ihnen neue Stellungen aus,
erließ diesbezügliche Annoncen und schrieb ihnen Zeugnisse, nach denen
die Mädchen von hervorragenden Eigenschaften geradezu strotzten.
Die jetzige war natürlich auch wieder eine Perle. Und wie nett sie
zu erzählen wußte! Frau von Birken nahm lebhaften Anteil an den
Schwankungen des Liebesverhältnisses, das Martha mit einem Schutzmann
unterhielt. Die Herrin debattierte stundenlang mit dem Mädchen über die
Frage, ob Otto sich zur Heirat entschließen würde oder nicht. Er konnte
doch eine Frau ernähren bei der schönen Anstellung, die er hatte. Aber
ob ihm zu trauen war?
„Nehmen Sie sich nur in acht, Martha.“
Gestern war er also wirklich nicht zu dem verabredeten
Sonntags-Rendezvous gekommen? -- Das war doch entschieden sehr
auffallend. Nun, vielleicht dienstlich verhindert?
„Aber er hätte jedenfalls schreiben können.“
Die beiden waren so in dieses passionierende Gespräch vertieft, daß sie
das Läuten an der Korridortür überhörten.
Erst als Heinrich grämlich hereinrief, daß wohl erst die Klingel
abgerissen werden solle, ehe sich Martha zum Oeffnen entschlösse, lief
die letztere zur Tür.
Frau von Birken hörte ihren erstaunten Aufschrei. Gleich darauf wurde
die Tür aufgerissen -- zwei Arme schlangen sich um den Hals der
Baronin, ein ungestümer Mund preßte sich auf den ihren: Monika.
Die Mutter war zu überrascht, um Worte zu finden, aber Heinrich, der,
seinen Eichendorff fest unter den Arm geklemmt, sich in der Küchentür
sehen ließ, sagte ahnungsbang:
„Du wirst wohl wieder was Nettes angestellt haben, Mone.“
Monika ließ sich den brüderlichen Pessimismus nicht sehr zu Herzen
gehen; sie umarmte den jungen Melancholiker freudestrahlend:
„Heinzemännchen, Du siehst schon wieder so lebensüberdrüssig aus wie
ein asthmatischer Mops. Freust Du Dich denn nicht, daß ich wieder da
bin? Oder belastet schon wieder die Verantwortung für mein Betragen
Deine schwachen Schultern? Heinzemännchen, beruhige Dich -- ich habe
immer noch weder Wechsel gefälscht, noch einen Leutnant entführt.“
Frau von Birken fand nun endlich Worte. „Was hast Du bloß für einen
komischen Umhang um?“ fragte sie und strich erstaunt über die
kapuzinerbraune Umhüllung aus schwerem Loden, welche Monika trug.
„Das? -- Ein Geschenk von Tante Kläre -- ein ausrangiertes von ihr. Sie
sagt: ‚Frauen, die Toiletten-Luxus treiben, sind keine Vollmenschen.‘
-- Da ich aber zu einem solchen erzogen werden sollte...“
„O, Mone, Mone...“
„So bin ich ausgerückt. Hurra, hurra, hurra!“ Monika warf ihre geliebte
Pelzmütze in die Luft. „Martha, was zu essen, aber viel und gut! Ist
was in der Speisekammer? Nein? Na, natürlich -- wie gewöhnlich. Gehen
Sie bloß schnell was holen: Leberwurst und Semmeln und Butter und zwei
Zuckerkringel -- ich bin ganz verhungert.“
Martha eilte fort, und Frau von Birken sagte mißbilligend: „Mone,
wieder so materiell! Gleich in der ersten Minute des Wiedersehens ans
Essen zu denken...“
„Und Du hast in der ersten Minute nur an meinen Umhang gedacht, an
den braunen Umhang. Wir nehmen uns nichts, Mamachen. Du denkst an die
Kleidung, ich ans Essen -- fürs Epikureische sind wir alle beide, Gott
sei Dank.“
„Ach, Mone, Du bist genau wie immer,“ klagte Frau von Birken, indes sie
ihrer Tochter ins Eßzimmer folgte. „Und ich hatte gedacht, Du würdest
Dich geändert haben. Gerade von Tante Kläre habe ich Einfluß auf Dich
erwartet.“
„Ach, es ist komisch, Mamachen, es hat eigentlich niemand Einfluß auf
mich. Ich habe so andere Ansichten. Die würde ich ja gern ändern,
wenn mich irgend jemand durch Argumente überzeugen könnte. Aber was
die andern sagen, das ist nie stichhaltig: das zerfetze ich mit ein
paar Worten. -- Wenn mich irgend jemand überzeugen könnte, mir eine
Direktive geben -- ~mais je ne demande pas mieux~.“
„Nun sage lieber bloß schon gleich, was Du angestellt hast,“ sagte das
geliebte Heinzemännchen trocken.
„Was ich angestellt habe? Ach, gar nichts. Bloß daß sich der Doktor
Schelling in mich verliebt hat.“
„Aha, ein Mann,“ bemerkte Heinrich.
„Na -- sozusagen,“ erwiderte Monika gedehnt. „Er ist kleiner als ich
und schmäler als ich, und außerdem hinkt er auf dem linken Fuß...“
„Mone, Deine Art, auf Aeußerlichkeiten Gewicht zu legen, ist
schrecklich: ich kenne den Doktor Schelling -- ein sehr geistreicher,
feinsinniger Mann...“
„Aber, Mama, wie er aussieht -- direkt verboten!“
„Mone, Du wirst wieder gemütsroh. Wo Du das nur herhast? Wenn ich so
denke: das Gemüt, das +ich+ habe! Bei meinem Gemüt, Mone...“
„Gott sei Dank hab’ ich das nicht geerbt, Mama. Aber um auf den Doktor
Schelling zurückzukommen: der ist Tante Kläres Seelenfreund, Partisan
der Frauenbewegung natürlich. -- Großartig, was sich die beiden jeden
Tag zwischen fünf und sechs zu erzählen haben. Bertha und ich wurden
dann immer mitzugezogen, um zu modernen Mädchen, zu Vollmenschen
heranzureifen; ‚neue Horizonte eröffnen‘, nannte das Doktor Schelling.“
„Und Du hast Dich gewiß unpassend benommen?“
„Aber keine Spur! Reizend war ich, direkt niedlich. Ich habe sogar
Goethe zitiert, den ich doch eigentlich nicht ausstehen kann. Natürlich
Leonore -- natürlich:
‚Ich höre gern, wenn kluge Männer reden,
Daß ich verstehen lerne, wie sie’s meinen...‘“
Frau von Birken atmete erleichtert auf.
„Wahrhaftig, Du warst nicht ungezogen?“
„Aber im Gegenteil! Ich war so artig, daß sich der gute Hinkepot in
mich verliebte. Er hat bei Tante um meine Hand angehalten. Ich wußte
gar nichts davon: mir hat er gar nichts gesagt -- bloß, daß ich schöne
Augen hätte und entzückende Hände und so. --
Aber Tante hat mir, als sie mir seinen Antrag übermittelte, einen
kolossalen Krach gemacht: nur durch meine Koketterie und meinen Hang
zur Frivolität hätte ich den großartigen, ernsthaften Doktor Schelling
zu solch einer Dummheit verleitet -- zu der Dummheit, einen völlig
unerzogenen Backfisch heiraten zu wollen, der überhaupt gar kein
Vollmensch wäre! --
Und als ich dann der Tante sagte, ich dächte gar nicht daran, ihn zu
heiraten, weil er so häßlich wäre und weil ich keinen Bürgerlichen
möchte, da wurde sie erst recht böse und sagte, ich wäre ohne jeglichen
Fond! Na, das wurde mir schließlich zu viel. Das brauche ich mir
nicht gefallen zu lassen. „Ohne jeglichen Fond.“ Da kommt man sich ja
schließlich zu dumm vor. -- Also, da bin ich ausgerückt. Geld hatte ich
bloß sehr wenig. Da bin ich dritter Klasse gefahren. Scheußlich! --
Unterwegs hat mir ein Pferdehändler gesagt, er möchte sich gern mit mir
verloben.“
„Mone!“
„Mamachen, keinen Verzweiflungsausbruch! Ich habe doch gar nichts
getan. Was kann ich dafür, wenn sich Leute in mich verlieben? --
Ah, da kommt Martha mit der Leberwurst. Leberwurst und zum Dessert
Zuckerkringel. Der alte ehrliche Wagner hat doch recht:
‚Es gibt ein Glück, das ohne Reu’!‘“
[Illustration]
Am Abend war die ganze Familie um den großen Tisch im Eßzimmer
versammelt. Sogar Alfred war erschienen, Alfred, der sonst seine Abende
außerhalb des Hauses zubrachte, vage Erklärungen für sein Fernbleiben
gab, die niemand ihm glaubte, seine Mutter am wenigsten.
Sie war von einem beständigen Mißtrauen gegen Alfred erfüllt. Für
diesen ältesten Sohn hatte sie nie viel übrig gehabt -- von seiner
Geburt an nicht.
Warum, war ihr selbst unklar.
Doch Alfreds Verhalten ließ ihren Mangel an Zuneigung oft recht
gerechtfertigt erscheinen; er war alles andere eher als ein guter
Charakter. Er war bei allen, die ihn kannten, seiner Boshaftigkeit
wegen gefürchtet; es gab kaum ein größeres Vergnügen für ihn, als
seine Bekannten gegenseitig aufeinanderzuhetzen. Er lernte ungern, war
faul und genußsüchtig -- dabei unleugbar von glänzender Begabung. Doch
diese Begabung hatte etwas merkwürdig Partielles. In vielen Fächern
leistete er absolut nichts, in anderen war er unübertrefflich. Er war
ein mißtrauischer Charakter, der bei allen anderen Böses witterte,
mitunter aber überraschte er durch einen Zug von Gutmütigkeit.
Auch seine äußere Erscheinung wies kein einheitliches Gepräge auf.
Sein kräftiger Körperbau und seine breiten Schultern ließen auf
einen hochgewachsenen Menschen schließen, aber er erreichte kaum das
Mittelmaß.
Mit seinem Gesicht konnte er dagegen zufrieden sein. In der Tat war
dieses Gesicht sehr schön -- alle Züge von vollendeter Regelmäßigkeit.
Er hatte kalte, blaue Augen und einen üppig geschwungenen, auffallend
roten Mund, dessen Inkarnat noch leuchtender erschien durch den dunkeln
Flaum auf der Oberlippe.
Mit der Mutter stand Alfred in sehr gespannten Beziehungen, mit den
Geschwistern kühl.
Ueber Monikas Kommen heute hatte er anscheinend auch keine Freude
empfunden.
Heinzemännchen dagegen war es angenehm, daß Monika da war. Nun konnte
er ihr wieder Lyrik vorlesen.
Monika ärgerte ihn nicht wie die Mama dadurch, daß sie seine
Deklamationen unterbrach, selbst die Verse vollendete, und noch dazu
mit falschen Versfüßen.
Heute abend kam er zu Monika mit Eichendorff, den er eben „entdeckt“
hatte.
Mit tiefem Gefühl und übertriebener Betonung las er ihr vor, jenes
schönste:
„Denkst du noch jenes Abends, still vor Sehnen,
Als wir das letztemal im Park beisammen?
Wild standen rings des Abendrotes Flammen,
Ich scherzte wild -- du lächeltest durch Tränen.
Ob du die Mutter auch belogst, betrübtest --
Was andre Leute drüber deuten, sagen --
Sonst scheu -- heut’ magst du nicht nach allem fragen,
Mir einzig zeigen nur, wie du mich liebtest...“
„Da siehst Du’s, Heinzemännchen,“ jubelte Monika: „‚Ob du die Mutter
auch belogst, betrübtest -- was andre Leute drüber deuten, sagen‘...
Da siehst Du’s! Das ist alles schnuppe, wenn man liebt. So beim Lesen
findest Du’s sehr schön, und wenn ich in Wirklichkeit so wäre...“
„Laß Dir das nicht einfallen,“ grunzte Heinzemännchen, plötzlich aus
seinen poetischen Himmeln gerissen.
Alfred warf seiner Schwester einen Blick zu. Er sprach kein Wort. Aber
dieser eiskalte Blick war eine schärfere Drohung als seines Bruders
Worte.
Karl kaute unbekümmert weiter an seiner Stulle. Frau von Birken
aber sagte ganz erregt: „Mone, ich bitte Dich, nicht immer solch
exzentrische Redensarten. Laß doch das endlich -- mir zuliebe...“
„Dir zuliebe?“ fragte Monika gedehnt. Sie warf den Kopf ins Genick:
„Ich lebe doch für mich -- nicht bloß Dir zuliebe, Mama. Man ist doch
nicht bloß dazu da, um so zu sein, wie es zufällig gerade der Geschmack
der betreffenden Eltern ist.“
„Nettes Früchtchen,“ sagte Alfred spöttisch zur Mutter.
Und Heinrich sagte strafend:
„Wenn man Dich so anhört, man sollte es rein nicht für möglich halten.“
„Ach, Ihr heuchelt bloß wieder, Jungens. Lebt Ihr denn der
Mama zuliebe? Wenn Alfred für achtzig Mark Schulden macht im
Zigarrengeschäft und Heinrich sich verbotene Bücher kauft und Karl den
ganzen Zucker stibitzt -- na, ich will ja gar nichts gegen Euch reden.
Mir ist das alles egal. Ich bin froh, wenn Ihr mich zufrieden laßt.
Aber das ist nicht zu leugnen, daß Ihr Euch selbst zuliebe lebt! Und
das tun überhaupt alle Menschen!“
„Mone, wie Du das sagen kannst, mir sagen kannst, bei meinem Gemüt!“
entrüstete sich Frau von Birken. „Meine ganze Jugend habe ich Euch
hingeopfert. Immer bin ich im Kinderzimmer gewesen, auch als Ihr zwei
Gouvernanten gleichzeitig hattet: Miß Smith, die liebe Person, und
Mademoiselle Marguerite, das entzückende Mädchen.... Ich -- habe ich
je mir selbst zuliebe gelebt? Habe ich je an mich selbst gedacht? --
Wo gibt es noch eine Mutter, die ihre Kinder so verwöhnt hätte wie
ich, sie so gestopft -- ja geradezu gestopft mit Leckerbissen -- und
mit Euch gespielt hab’ ich und mit Euch gelernt. -- Und das habt Ihr
auch gewußt. Ja, als Ihr klein wart, wart Ihr noch dankbar. Gebrüllt
habt Ihr, wenn ich auf Bälle ging -- Euch an mein Kleid geklammert,
damit ich dableiben solle... Das cremeseidene mit der griechischen
Stickerei hast Du mir direkt entzweigerissen, Mone, als Du fünf Jahre
alt warst, an dem Abend, als ich zum Regimentsball nach Hahndorf
wollte... Und Heinzemännchen wollte sich direkt aus dem Fenster
stürzen, aus der ersten Etage in Sarkow, als wir in großer Gesellschaft
einen Schlittenausflug unternahmen ... Gott, wie heute weiß ich es
noch! Ich war gerade im Begriff, in den Schlitten zu steigen -- einen
grauen Samtmantel hatte ich an mit Chinchillabesatz, und ein kleines
Barett, wie es damals neueste Mode war -- außer mir trug es noch
niemand im ganzen Kreise. -- Und Herr von Schmettwitz bietet mir die
Hand zum Einsteigen -- und plötzlich wird in der ersten Etage ein
Fenster aufgerissen, und auf dem Fensterbrett steht Heinzemännchen und
schreit... schreit, daß mir die Ohren gellen: er spränge runter, wenn
ich ihm nicht verspräche, dazubleiben. -- Ach Gott, den Augenblick
vergesse ich nicht, und wenn ich hundert Jahre alt werde! Ich rufe und
schreie: ja, ja, ich bleibe! -- Aber Heinzchen beugt sich noch weiter
vor. -- Und Euer Papa wie ein Sturmwind die Treppe hinauf und reißt den
Jungen in seine Arme. Hauen wollte er ihn! Aber das habe ich natürlich
nicht erlaubt! Und weil ich doch natürlich den Ausflug nicht versäumen
wollte, habe ich Heinzchen mitgenommen. Ach, wie süß er aussah in
seinem blauen Mäntelchen mit dem echten Persianerkragen... Ja, so
geliebt habt Ihr mich! -- Und jetzt ist das der Dank. Daß Mone solche
Sachen sagt und mich des Egoismus bezichtigt...“
„Aber, Mama, ich habe doch nichts von Dir gesagt, sondern daß die
Menschen im allgemeinen...“
„Dann hättest Du mich wenigstens davon ausnehmen sollen. Wenn Du Euch
so charakterisiert hast, dagegen kann ich ja gar nichts einwenden. Ihr
seid auch alle egoistisch! Nicht einer, der mein Gemüt geerbt hätte!“
Aufseufzend warf die zierliche Frau einen Blick in die Runde,
betrachtete die vier Gestalten mit den breiten Schultern, dem
trotzigen, kurzen Genick -- sah auf die üppigen Münder, hinter denen
die blanken Zähne lauerten, sah in die vier jungen Augenpaare, in
denen der trotzige Spruch geschrieben stand:
„Mir selbst zuliebe!“
Wildpflanzen waren sie alle vier! -- Schon in ihrer zarten Jugend waren
die Birkenschen Kinder bekannt gewesen für ihre Ungezogenheit.
Der Baron hatte die Erziehung seiner Sprößlinge völlig seiner Frau
überlassen: er selbst war vollauf damit beschäftigt gewesen, das
Grandseigneur-Leben zu führen, das er liebte.
Er war seinerzeit als wenig begüterter Junker bei den Hahndorfer
Dragonern eingetreten; trotz seiner geringen Zulage hatte er von allen
Herren des Regiments am elegantesten gelebt.
Er hatte Glück. Gerade als seine Schulden anfingen, bedenklich zu
werden, starb sein Onkel, der kinderlose Besitzer von Sarkow, der einst
ihm, dem Verwaisten, Vormund gewesen und ihm nun Sarkow vererbte.
Er hatte sich sofort zur Reserve überführen lassen. Der Dienst hatte
ihm, der einen starken Hang zur Bequemlichkeit hatte, nie viel
Freude gemacht. Es war mehr die Tradition seiner Familie als innere
Notwendigkeit gewesen, die ihn zum Soldaten gemacht.
So hatte er denn ganz gern den bunten Rock mit dem Frack vertauscht,
den er an lustigen Abenden in Monte Carlo, Spa, Trouville und Biarritz
trug.
Johann Birken war fast zwei Jahre auf Reisen gewesen, ehe er sich
persönlich der Verwaltung seines Gutes widmete.
Er fand Sarkow sehr langweilig -- so langweilig, daß er auf die Idee
verfiel, sich zu verheiraten.
Er verliebte sich bei einem Aufenthalt in der Landeshauptstadt in die
Tochter eines dortigen Universitätsprofessors: die schöne Mali.
„Die schöne Mali“ hieß hauptsächlich darum so, weil ihre Schwestern gar
so häßlich waren.
Vier Schwestern hatte sie, die waren unsinnig gebildet, und es ging
die Sage von ihnen, daß sie ihrem Vater bei den schwierigsten Arbeiten
halfen, daß sie Latein und Griechisch redeten wie ihre Muttersprache.
Von diesem klassisch gebildeten Hintergrund hob sich die schöne Mali
doppelt wirkungsvoll ab.
Statt der philosophischen Gelehrsamkeit besaß sie schöne, dunkle Augen
und einen leichten Sinn.
Neben dem blassen Teint der Schwestern wirkten ihre blühenden Farben
desto schöner; neben der Schwestern knochiger Größe nahm sich ihre
zierliche, geschmeidige Figur doppelt graziös aus -- kurz, man konnte
sich keine vorteilhaftere Folie denken für die schöne Mali.
Baron Birken, der seinen stark ausgeprägten Adelsstolz auf seinen
Reisen, inmitten der internationalen Milieus, zum großen Teile
abgestreift hatte, hielt kurz entschlossen um des Professors schöne
Tochter an.
Achtzehn Jahre war sie alt, hübsch, temperamentvoll, nicht unbemittelt
-- kurz, diese Liebesheirat schien ihm außerdem nicht unvernünftig.
Die Ehe war alles in allem weder glücklich noch unglücklich zu nennen
gewesen.
Der Baron ärgerte sich oft über den Hang zur Unordnung, den seine
Frau hatte; sie besaß ein geradezu hervorragendes Talent, ihre Sachen
durcheinander zu werfen und zu verlegen.
Mitunter fand er Mali auch reichlich kokett und äußerte dann seine
Mißbilligung in harten Worten. Aber ihr jugendlicher Charme, ihre
liebenswürdige Gemütsart versöhnten ihn immer bald wieder.
Mali hatte sich in ihrer Ehe oft „unverstanden“ gefühlt.
Ihr Mann besaß so sehr wenig geistige Bedürfnisse, besaß auch
nicht „so viel Gemüt“, wie sie es gewünscht hätte. In ihren ganzen
Lebensanschauungen gingen die Eheleute sehr auseinander.
Die liberalen Ansichten, die Mali aus ihrem Vaterhause mitgebracht,
stimmten schlecht zu den Meinungen des Gatten, der -- wenn auch nicht
in extremer Weise -- durchaus konservativen Anschauungen huldigte.
Doch gab es Punkte, in welchen die beiden in ihren Gesinnungen durchaus
zusammentrafen: sie hatten beide einen sehr ausgeprägten Sinn für
Gastfreundschaft, liebten Gesellschaften und rauschende Vergnügungen --
Luxus jeder Art.
Da bei ihnen diese Anlagen durch keinerlei Selbstdisziplin gezähmt
wurden, so hatte es nicht lange gedauert, bis ihre wirtschaftlichen
Verhältnisse sich verschlechterten.
Die Jeu-Leidenschaft des Barons beschleunigte den pekuniären Abstieg,
und schließlich hatte Birken froh sein müssen, als ihm sein Schwager,
Herr von Holtz, das total überschuldete Sarkow für einen anständigen
Preis abkaufte.
Mit dem kleinen Kapital, das sich als Ueberschuß ergeben, ging’s
nun der Großstadt zu, dem Schlachtfelde, auf dem die schwankenden
Existenzen siegen oder verderben.
Der Baron Birken war keine Siegernatur gewesen, wenn es arbeiten hieß.
Er gehörte zu den Leuten, denen man alle guten Eigenschaften zubilligt,
solange sie im Besitz von Stellung und Vermögen sind.
Wenn sie auf den Höhen des Lebens stehen, scheinen diese Leute in eine
Waffenrüstung gekleidet, geschützt und umpanzert, bewehrt und bewaffnet
mit gutem Stahl, aber das sind Turnierwaffen, glänzende Nichtigkeiten,
machtlos wie Pappschwerter, wenn es kein Turnier mehr gilt, sondern
eine Schlacht, die Schlacht des hartgrinsenden Lebens.
Was half es Birken, daß er ein ausgezeichneter Reiter war, wenn er sich
um eine Stellung als Versicherungsinspektor bewarb? --
Was halfen ihm seine tadellosen Manieren, als er dem Chef, der den
Posten eines Disponenten zu vergeben hatte, gestehen mußte, daß er von
Buchführung keine Ahnung hatte? --
Was half ihm seine Gentleman-Gesinnung, als er nach „Branchekenntnis“
gefragt wurde bei dem Schuhwarenfabrikanten, der einen gut bezahlten
Vertrauensposten zu vergeben hatte? --
Die blanken Waffen des Barons Birken waren Kinderspielzeug, als die Not
ihn rief. Und er ergab sich, war besiegt, ohne sich gewehrt zu haben,
-- ein gebrochener Mann!
Seine schönen Hände mit den rosigen, manikürten Fingerspitzen waren
nicht von jenen, die zupacken mit tödlich sicherem Griff, waren
nicht von jenen, die sich zu trotzig willensstarken Fäusten ballen.
Schöne Hände waren es, schöne, nutzlose Hände, nur gemacht, um einen
Pferdezügel zwischen den Fingern zu fühlen, ein paar Kartenblätter zu
halten, Goldstücke zu verstreuen.
Und diese schönen Hände lernten es, sich zusammenzukrampfen in Not, in
tatenloser Verzweiflung.
Es stand schlecht um die Familie.
Mali jammerte von früh bis spät. Was sie aber nicht verhinderte, oft
recht glücklich zu sein. Oft trug sie ihr Leichtsinn über Abgründe
hinweg, in denen andere schaudernd versinken.
Wohl strengte sie oft ihre Lungen in geradezu übermäßiger Weise an, um
ihren Mann an seine Pflicht zu erinnern: „Du mußt aufstehn, Johann.
Glaubst Du, Du bekommst eine Stellung, wenn Du jeden Tag bis ein
Uhr im Bett liegst?! Du mußt doch für uns sorgen!! Ich laufe immer
noch mit dem Kleid vom Frühjahr herum, und Alfred und Heinzemännchen
klagen, der Lehrer hätte sie schon zum zweiten Male nach dem Schulgeld
gefragt...... O Gott, wie soll das alles noch enden?“
Eine Antwort war ihr auf diese Frage nicht zuteil geworden. Herr von
Birken war weniger expansiv als seine Frau. Was er gelitten haben
mochte in der ihn demütigenden Rolle des Bittstellers, das wußte
niemand. Das Leben, das er führte, hatte ihn bald mürbe gemacht:
sein willensschwacher Charakter hielt nicht stand, -- sein Charakter
verkümmerte wie ein Baum, den man der Heimatserde entrissen.
Dann kam eine Lebensperiode, die Frau Mali als Aufschwung bezeichnete:
der Baron Johann von Birken-Sarkow hatte eine Stellung als
Sektreisender gefunden. Er war blaß wie Kalk, als er seiner Frau diese
Neuigkeit mitteilte. Seine Zähne waren so fest zusammengekrampft, daß
sich die Worte nur mit Mühe zwischen ihnen Bahn brachen.
Aber das hatte Frau Mali nicht bemerkt. Sie war ganz begeistert, --
eine so berühmte Firma -- -- ein so reichliches Gehalt! --
Gott sei Dank, nun würden die bösen Tage vorüber sein. Mit der kleinen
Rente, die man aus dem Schiffbruch gerettet, ließ es sich doch auch gar
zu schlecht leben.
Aber Mali war, wie so oft, zu hoffnungsfreudig gewesen. Ihr Mann, der
früher immer ärgerlich jeden solchen „Sektfritzen“ abgewiesen, ohne ihn
zu Worte kommen zu lassen, war nicht die geeignete Persönlichkeit, um
nun selber die andern zum Kaufen anzuregen.
Die Firma hielt ihn einige Zeit wegen seines klingenden Namens, seiner
vornehmen Erscheinung, aber schließlich kam der Tag, an welchem sein
Chef ihn darauf aufmerksam machte, daß seine Gesundheit vielleicht
diesem Reiseleben nicht gewachsen sei. Herr von Birken bat darauf um
seine Entlassung.
Und dann ging es schnell abwärts. Eine schwere Nierenkrankheit
ruinierte diesen mächtigen Körper.
Mali entfaltete in der Leidenszeit ihre besten Eigenschaften, mit
aufopfernder Sorgfalt und unermüdlicher Hingabe pflegte sie den
Schwerkranken.
Wieder trat ihre seltsame Charaktereigenschaft zutage: hauptsächlich
die Leute gut zu behandeln, denen es recht schlecht ging.
Ueber den Ernst der Krankheit war sie sich nie ganz klar; sie jammerte
zwar über ihr schweres Los, aber an eine Lebensgefahr dachte sie nicht.
Die Kinder wurden in dieser Zeit etwas vernachlässigt; es blieb
wirklich keine Zeit, um sich mit ihnen zu beschäftigen. Alfred wurde
aus dem Kadettenkorps, in dem er nur wenige Monate zuvor aufgenommen
worden war, zurückgeschickt. Sein störrischer Charakter, sein Mangel an
Autoritätsglauben hatten es den Erziehern ratsam erscheinen lassen,
ihn aus dem Korps zu entfernen.
Zu Hause zeigte er sich verschlossen und seltsam wie immer, dazu
unbotmäßig gegen die Mutter, die ihm ja nie weder Liebe noch Respekt
eingeflößt hatte.
Monika, die bis dahin ein sehr herzliches Verhältnis zur Mutter
gehabt, in regstem Gedankenaustausch mit ihr gestanden, begann nun
geistig eigene Wege zu gehen, schwelgte in Gedankengängen, deren heiße
Phantastik ihrer Entwicklung Gefahren bot.
Heinrich wurde noch verschlossener, als er es schon gewesen, und
Karl bildete seine hervorragende Begabung fürs Lügen noch weiter
aus. Er „schwänzte“ oft mehrmals wöchentlich die Schule, fand immer
neue Entschuldigungsgründe dem Lehrer sowie der Mutter gegenüber,
und blickte bei seinen haarsträubendsten Lügen mit so taubenhaft
unschuldigen Augen und so gleichmäßig rosigen Wangen in die Welt, daß
man ihm immer wieder glaubte.
In dieser Atmosphäre von Krankenstubenluft und wirtschaftlichem
Rückgang begann eine böse Saat aufzukeimen in den vier jungen Seelen.
Zwischen diesem langsam sterbenden Vater, dessen tiefe Apathie mitunter
durch aufflackernde Wutanfälle unterbrochen wurde, und der fahrigen
Mutter mit den ewig mädchenhaften Bewegungen und dem Mangel an
Selbstdisziplin wuchsen diese vier Kinder empor, schossen in Blüte wie
Unkraut.
Es war keine Faust über ihnen, die mit sicherem Griff ihr Leben in
gebahnte Gleise gelenkt hätte. Sie gingen ihre eigenen Wege. Ihre
Wünsche durchsetzend um jeden Preis, begannen sie ihr Leben zu leben
einfach und brutal, jung und genußsüchtig...
[Illustration]
5.
Die ersten Tage nach Monikas Rückkehr konnte sich Frau von Birken nicht
dem großen Einfluß entziehen, den ihre Tochter auf sie ausübte. Keines
ihrer anderen Kinder war von so strahlender Lebenslust erfüllt wie
Monika, keines der anderen hatte eine so amüsante Art.
Trotzdem stand in den Gefühlen der Mutter Heinrich unbedingt obenan.
Monika erhielt den zweiten Platz, in weitem Abstande folgte Karl und in
unmeßbarer Distanz Alfred.
Die Lieblingskinder hatten Vorrechte, die den anderen nie zuteil
wurden. Frau von Birken machte da die merkwürdigsten Unterschiede:
Heinzemännchen bekam ein gutes Frühstück ans Bett, Monika ein
weniger reichhaltiges auch ans Bett, Karl mußte aufstehen, bevor er
frühstückte, und für Alfred wurden überhaupt keine Umstände gemacht.
Seitdem jetzt Monika zurückgekehrt, hatte die Mutter viel Zeit für sie.
Wenn die Jungen vormittags im Gymnasium waren, setzte sich Frau von
Birken oft zu ihrer Tochter ans Bett. Monika war im Gegensatze zu ihrer
Mutter, die sich schon um sieben Uhr früh im Haushalt beschäftigte, nur
schwer zum Aufstehen zu bewegen. Arbeit im Haushalt war ihr vollends
verhaßt.
Frau von Birken hielt ihr diese beiden Punkte ihres Betragens täglich
in tadelnder Weise vor, aber sie erreichte nicht das mindeste damit;
sie wußte auch eigentlich ganz genau, daß das alles in den Wind
gesprochen war. Aber das hielt sie nicht davon ab, Monika jeden Morgen
dieselben Vorwürfe zu machen.
„Was soll bloß aus Dir werden?! Wenn ich ein so großes Mädchen wäre,
ich würde mich schämen, faul im Bette zu liegen, wenn meine Mutter
arbeitet. Ich kann mir überhaupt gar nicht vorstellen, was aus Dir
werden soll. Mit der Schule bist Du jetzt fertig, -- heiraten wirst Du
nicht, -- heutzutage heiratet man kein armes Mädchen. Mehr als eine
ganz kleine Rente das Jahr kann ich Dir nicht mitgeben. Der Papa hat
so wenig hinterlassen; wenn er nicht so hoch versichert gewesen wäre,
könnten wir jetzt Hunger leiden. Und mit dem winzigen Zuschuß, den
ich Dir geben kann, findest Du keinen Mann. Hübsch bist Du auch nicht
besonders -- --“
„Ohh -- -- --,“ flehte Monika, „ohh --“
„Nein, wenn ich denke, wie ich aussah, als ich in Deinem Alter war, --
Du bist gar nicht schlank genug für ein junges Mädchen, -- ich habe
heute noch zehn Zentimeter Taillenweite weniger als Du, und Du bist
auch nicht bescheiden genug für ein junges Mädchen. Nein, ein wirklich
hübsches junges Mädchen muß ganz anders aussehen: große, fragende
Kinderaugen muß es haben.“
„Na, groß sind doch meine Augen genug!“
„Ja, aber keine fragenden Kinderaugen! -- Und ein kleines, kleines
Mündchen muß ein schönes junges Mädchen haben und eine schlanke Taille
und einen bescheidenen Gesichtsausdruck.“
„Nur die Lumpe sind bescheiden!“
„Mone, wende den Goethe bloß nicht immer so entsetzlich falsch an.
Also: hübsch bist Du nicht. Klug, -- ja, das will ich nicht leugnen.
Du bist sehr begabt, Du mußt das Hauptgewicht auf Deine geistige
Ausbildung legen, -- zur Hausfrau hast Du auch kein Talent.“
„Ich möchte Schriftstellerin werden.“
„Kind, Du hast doch einen förmlichen Größenwahn. Sieh mich an: ich bin
doch Deine Mutter, -- na, und bin zwanzig Jahre älter als Du, und mir
ist es nicht einmal gelungen, gedruckt zu werden. Vierzehnmal habe ich
Manuskripte abgeschickt -- und alle, alle habe ich sie zurückbekommen.
Das einzige, was je von mir gedruckt worden ist, ist ein Küchenrezept,
-- -- und da willst Du Schriftstellerin werden?! Wo ich so viel mehr
Gemüt habe als Du --“
„Gemüt ist literarisch gar nicht mehr modern,“ versicherte Monika.
„Ach, man weiß wirklich nicht, was man mit Dir anfangen soll,“ klagte
die Mutter weiter, „um die Jungen ist mir ja nicht angst, das hat der
Papa auch schon immer gesagt: „um meine Söhne ist es mir nicht angst,
aber um Monika.“ -- Ja, mit Mädchen hat man seine liebe Not. Am besten
wäre es vielleicht, Du würdest studieren.“
„Aha, Tante Kläres Prinzipien,“ bemerkte die Tochter.
„Ich will gar nicht leugnen, daß Kläre Einfluß auf mich hat. Sie ist
riesig klug, die klügste von uns Schwestern. Sie weiß ganz genau, was
sie tut, wenn sie ihre eigene Tochter studieren läßt. Und so begabt
wie Bertha bist Du noch lange. Ich bin sogar überzeugt, daß Du noch
leichter lernst.“
„Liebe Mama, soll ich studieren, um zu beweisen, daß ich leichter lerne
als Bertha? Oder hast Du noch einen anderen Grund, um mir zum Studieren
zu raten?“
„Aber, Kind, ich habe Dir doch eben alles lang und breit
auseinandergesetzt: Du hast mehr geistige als körperliche Vorzüge, Du
hast wenig Chance, Dich zu verheiraten. Das Studium sichert Dir eine
geachtete gesellschaftliche Position. ‚Fräulein Doktor‘ ist doch ganz
was anderes, als wenn Du womöglich simple Gouvernante wirst. Irgend was
wirst Du doch tun müssen. Der Papa hätte es ja natürlich nicht gewollt,
-- er hätte es „unstandesgemäß“ gefunden, -- aber ich habe solche
Vorurteile nicht. Ich bin eine moderne Frau! Ich gehe mit der Zeit
mit.“
„Und mit Tante Kläre -- --,“ sagte Monika ironisch.
Die Anregung der Mutter ging ihr lebhaft im Kopf herum.
Zunächst einmal war sie tief gekränkt, daß die Mutter ihr Aeußeres
so ungünstig beurteilt; die anderen Leute fanden sie doch hübsch,
sagten ihr das in unverblümter Weise. Was das Studieren anbetraf, so
war sie nicht etwa abgeneigt, die Wünsche ihrer Mutter zu erfüllen.
Bei ihrem lebhaften Wissensdurst, ihrer Freude am Lernen wäre ihr das
Studienprojekt geradezu ideal erschienen, wenn sie nicht eine lebhafte
Abneigung gegen den Begriff der „Studentin“ gehabt hätte. Sie selbst
kannte gar keine studierende Frau, sondern hatte sich aus Witzblättern
und aus Redensarten, die sie gehört, eine Art Zerrbild der Studentin
geschaffen, die sie sich mit kurz geschnittenen Haaren, männlichen
Allüren und in uneleganter Kleidung vorstellte. Immerhin hatte sie
keine Einrede, als sie eines Tages von ihrer Mutter ersucht wurde, mit
ihr zu Fräulein Doktor Stark zu kommen.
Fräulein Doktor Stark war die Begründerin und Leiterin der
Mädchen-Gymnasial-Kurse, in denen Damen zum Abiturienten-Examen
vorbereitet wurden.
Monika war unsympathisch berührt von dem scharfen Blick der grauen
Augen. Dazu kam der schneidende Tonfall, in welchem das Fräulein Doktor
ihre knappen Fragen stellte.
„Ihr Name?“
„Freiin Monika von Birken.“
„Alter?“
„Sechzehn.“
„Bisheriger Bildungsgang?“
„Ich habe die Töchterschule von Fräulein von Zieritz absolviert.“
„Als ~prima omnium~,“ fiel Frau von Birken ein, mit liebenswürdig
verlegenem Lächeln; sie hatte vor dem gestrengen Fräulein Doktor viel
mehr Angst als Monika.
Fräulein Doktor Stark würdigte die Baronin nicht einmal eines
Seitenblicks.
„Wie denken Sie über die Stellung der Frau im gegenwärtigen Leben?“
inquirierte sie Monika weiter.
Die Angeredete war etwas verblüfft; ihre sonstige Schlagfertigkeit
schien sie im Stiche lassen zu wollen.
„Hm, wir haben es doch schließlich eigentlich in den meisten Sachen
bequemer als die Männer,“ sagte sie.
Fräulein Doktor zuckte empört die Achseln und sagte:
„Eine bedauerliche Unreife! Aber sonst spricht nichts gegen Ihre
Aufnahme in meine Gymnasial-Kurse. Ihre Ansichten werden Sie bei uns
schon ändern.“
[Illustration]
Diese Ueberzeugung der Gestrengen erwies sich als nicht stichhaltig.
Nachdem Monika eine Zeitlang an den Kursen teilgenommen, war ihre
Lebensauffassung immer noch die gleiche.
Infolge ihrer eminent leichten Auffassungsgabe gehörte sie nach kurzer
Zeit zu den besten Schülerinnen, ausgenommen in Mathematik, einer
Wissenschaft, von der sie nie auch nur das geringste verstand.
Alles in allem machten ihr diese Kurse sehr viel weniger Eindruck,
als sie erwartet. Es war eigentlich wie in der Schule von Fräulein
von Zieritz, nur daß man hier mit dem Vatersnamen aufgerufen wurde,
statt wie dort mit dem Vornamen, und daß die Schülerinnen hier
nicht einheitlichen Alters waren, sondern in den verschiedensten
„Jahrgängen“. Und die Damen stammten aus den verschiedensten Milieus.
Neben Fräulein von Roch, der Tochter eines aktiven Generals, mit den
korrekten Manieren der preußischen Offizierstochter, saß Olga Iwanowna
Safiro, eine Russin von vager Herkunft und recht asiatischem Benehmen.
Neben Frau Kramer, einer Frau mit ergrauenden Schläfenhaaren, die zu
Hause zwei halbwüchsige Kinder hatte, saß ein kaum sechzehnjähriges
Mädel, das vor wenigen Wochen noch die Schule besucht.
Neben dem abgerissen gekleideten Mädchen, das sich nicht satt aß, um
Geld für die Kurse aufzubringen, saß die Tochter eines Kommerzienrats,
die einen wahren Juwelierladen zur Schau trug.
Uebrigens waren so ziemlich alle in dieser aus allen Windrichtungen
zusammengewehten Schar von ehrlichem Lerneifer erfüllt. Und fast alle
waren sie durchdrungen von der Idee, daß nun eine neue Zeit für die
Frau hereinbreche.
Vielleicht war Monika die einzige, die das ganze Studieren als eine Art
Spiel auffaßte, die die „Mission“ nicht sehr ernst nahm.
Bei vielen der ernst strebenden Mitschülerinnen erregte ihre Art direkt
Unwillen, um so mehr, als sie hier, wie auch früher in der Schule,
einen ganzen Troß von Verehrerinnen und Anhängerinnen hatte, die jeden
ihrer Witze dankbarst belachten.
Ihre erbittertste Feindin war Magda Kirchstett, ein schlankes,
brünettes Mädchen von sechsundzwanzig Jahren. Von allen in der Klasse
war sie wohl am meisten von der Wichtigkeit dessen, was man hier tat,
durchdrungen. Oft hielt sie flammende Agitationsreden.
„Pioniere sind wir einer neuen Kultur, Schrittmacher für die Tausende
von anderen, die nach uns kommen werden. Wir alle müssen durchdrungen
sein von dem stolzen Gefühl: mit zu den Ersten zu gehören, die sich
frei machen von jahrtausendelanger, alter Schmach. Der Mann hat uns
schlimmer behandelt, als man Tiere behandelt. Er hat uns körperlich und
geistig gemißhandelt und hat uns ausgebeutet in jeder Beziehung, er hat
uns rechtlos gemacht, uns tausendfach gekreuzigt!
Aber der neue Morgen bricht an für unser Geschlecht. Noch sind wir
wenige, aber mit brennendem Eifer schmieden wir die Waffen, mit denen
wir uns befreien werden. Und diese Waffen sind: Fleiß, unermüdliche
Arbeitskraft! Lernen müssen wir -- Wissen erlangen, um unserem
mächtigen Feinde entgegentreten zu können. Waffen brauchen wir! Und die
mächtigste Waffe im Kampfe gegen den Mann ist...“
„Das Küssen!“ schrie Monika.
Magda Kirchstett tat den Mund auf, schnappte nach Atem, aber ehe sie
diese Lähmung der Entrüstung überwunden, war Monika auf die Bank
gestiegen.
„Meine Damen!“ rief sie mit ihrer hellen Kinderstimme, „die besten
Waffen im Kampfe gegen den Mann sind die ältesten Waffen -- dieselben,
die schon unsere verehrten, gänzlich unmodernen und stupiden
Großmütter gebraucht haben: ein bißchen schmeicheln -- nein! -- sehr
viel schmeicheln und lieb sein und küssen! Sie sind ja auch nicht so
schlimm, die Männer, wie Fräulein Kirchstett glaubt. Es gibt doch viele
riesig nette, und es wäre doch gar zu langweilig, wenn es nur Damen auf
der Welt gäbe! Jede von Ihnen, die mal einen Damenkaffee mitgemacht
hat, wird mir beipflichten. Darum schlage ich Ihnen einen Toast auf die
Männer vor. Wir wollen sie leben lassen. Was? Leben lassen -- dreimal
hoch! Hoch! und zum zweitenmale...“
Die Tür öffnete sich.
Herein schnaufte Professor Hermann, der dicke Mathematiklehrer.
„Was ist denn hier los?“
Monika warf ihm einen koketten Blick zu und sagte
kindlich-liebenswürdig:
„Es ist meine Schuld, Herr Professor, ich hatte vor den Damen einige
Theorien erörtert, die allgemeinen Anklang fanden.“
Magda Kirchstett stieß einen Zorneslaut aus; auch viele andere schienen
lebhaft indigniert.
Andere lachten, und der Professor sagte wohlwollend: „Na, wenn es so
allgemein gefallen hat, wird es wohl was sehr Nettes gewesen sein,
Fräulein von Birken.“
Monika setzte sich strahlend, denn so freundlich war der
Mathematiklehrer zu seiner schlechtesten Schülerin selten.
„Es war eben mein steinerweichender Blick, der ihn so liebenswürdig
machte,“ triumphierte Monika nach der Stunde.
Aber sie sollte nicht so billigen Kaufes davonkommen.
Fräulein Kirchstett war nun wieder im Vollbesitz ihres Sprechorgans
und ihrer geistigen Fähigkeiten, und so ergoß sich nun ein Niagara von
Vorwürfen über Monikas schuldiges Haupt.
„Birken, die von Ihnen geäußerten Ansichten decken eine sittliche
Unreife auf, wie man sie bei einer Hörerin unserer Kurse nicht für
möglich halten sollte! Leider bin ich genötigt, Fräulein Doktor Stark
mitzuteilen, daß wir alle Sie für ungeeignet halten, mit uns zu kämpfen
und zu streben. Ja, wir alle...“
Protestierende Zurufe wurden laut.
„Von mir aus kann sie ruhig mitkämpfen,“ sagte die
Kommerzienratstochter friedlich.
„Birken ist überhaupt ein riesig netter Kerl,“ rief eine andere.
Frau Kramer sagte melancholisch: „Ihr Loblied auf die Männer war
wirklich von keiner Sachkenntnis getrübt, Birken.“