Monika rüttelte ihn am Arm: „Heinrich!“

Und plötzlich durchzuckte sie ein fassungsloser Schreck. Eiskalt

rieselte ihr das Entsetzen den Rücken hinunter. Dieses regungslos

starre Gesicht, in welchem kein Muskel gezuckt, als sie „Heinrich“

gerufen, diese nur halbgeschlossenen Augenlider, die das Weiß der nach

oben gedrehten Augäpfel erkennen ließen, das war kein Schlaf, das war

Bewußtlosigkeit!

Sie rannte in die Küche, stammelte ein angstbebendes: „Mama, komm

schnell!“ und zog die Mutter mit sich fort.

Frau von Birken stürzte auf ihren Sohn zu.

„Heinrich!“

Aber trotz der heftigen Berührung gab er kein Lebenszeichen von sich.

Die weißen Augäpfel stierten gespenstisch unter den Lidern hervor.

Die Mutter schrie auf, ein herzzerreißend gellender Schrei:

„Heinrich!“

„Aber er lebt ja noch,“ beruhigte Martha, die neugierig aus der Küche

herzugelaufen war, „er ist noch ganz warm.“

„Martha, pfui, um Gottes willen, reden Sie nicht so!“ schrie die

Baronin.

Und Monika sagte:

„Halten Sie den Mund, und bleiben Sie hier im Zimmer -- ich gehe den

Arzt holen.“

Sie eilte die Treppe hinunter.

Die Adern schlugen ihr wie Hämmer, eine wahnsinnige Angst um den Bruder

hatte sie erfaßt. Sie eilte, als hinge Heinrichs Leben an Sekunden.

Keuchend langte sie bei ihrem Hausarzt an; das öffnende Mädchen sagte,

daß er nicht zu Hause sei, erst spät abends zurückerwartet werde.

Ohne ein Wort der Erwiderung machte Monika Kehrt, eilte die Treppen

hinunter und die Straße entlang. Fieberhaft forschte sie nach dem

Schilde eines Arztes.

Bei noch zweien klingelte sie umsonst. Der dritte, ein jugendlicher,

elend aussehender junger Mann war auf ihr inständiges Bitten bereit,

gleich mit ihr zu gehen.

Frau von Birken empfing den Arzt wie einen Heilsbringer.

„Schnell, Doktor, erwecken Sie meinen Sohn, schnell, um Gottes willen,“

flehte sie.

„Ja, nun lassen Sie mich doch erst mal sehen,“ wehrte der Arzt ab,

indem er seinen Ueberzieher auszog.

Dann trat er zu Heinrichs Bett, hob die Augenlider des Bewußtlosen

empor.

Die Pupillen waren zu winzigen Pünktchen verengert, reagierten

überhaupt nicht auf das Einfallen des Lichts.

Das erstaunte Gesicht des Arztes ließ Monika zu einer Erklärung

schreiten:

„Mein Bruder hat zu viel Morphium bekommen, Herr Doktor.“

„Ah, also eine Vergiftung.“

„Was? Eine Vergiftung? Herr Doktor, wie können Sie sowas sagen,“

jammerte in den höchsten Tönen des Entsetzens die Baronin, „wie sollte

denn Heinrich zu einer Vergiftung gekommen sein?“

Der Arzt wandte sich ohne weiteres zu Monika, die so kurz wie möglich

von Heinrichs Leiden sprach, von dem Morphium, das der Arzt verordnet.

„Und das hat er in Ihren Händen gelassen?“ verwunderte sich der kleine

Arzt.

Er ließ sich die Flasche zeigen, betrachtete sie kopfschüttelnd.

„Aber, Herr Doktor, eilen Sie sich, mein Kind stirbt!“ schrie die

Mutter.

„Ich muß mich doch erst informieren,“ sagte der junge Mann mürrisch,

immer noch über die Flasche gebeugt.

Dann zog er seinen Notizblock hervor und schrieb mit einer Langsamkeit,

welche Frau von Birken dem Wahnsinn nahe brachte, mehrere Medikamente

auf, die Martha sofort aus der Apotheke holen sollte.

Das Mädchen eilte weg, und Karl, der eben aus der Nachmittagsschule

gekommen war, begleitete sie; ihm war es zu unheimlich, im Hause zu

bleiben.

Die Minuten dehnten sich zu Ewigkeiten.

Ein atemraubendes Schweigen herrschte in dem Zimmer, nur von Zeit zu

Zeit unterbrochen durch das furchtbare Röcheln, das sich aus Heinrichs

Munde rang.

Frau von Birken hatte den Kopf des Bewußtlosen an ihre Brust gebetet

und bedeckte seine bläulichen Lippen, seine fühllosen Hände mit heißen

Küssen.

„Mein Glück, mein geliebtes Kind, sprich doch nur ein Wort, ein

einziges, einziges Wort. Liebling ... Heinrich...“

In ihren sonst so heiter liebenswürdigen Augen flammte ein tragisches

Feuer.

Dann versank sie in verzweifeltes Schweigen.

Monikas Nerven hielten das nicht mehr aus. Jede Faser in ihr war zum

Zerreißen gespannt; eine Jagd von Gedanken stürzte durch ihren Kopf,

wirr, zusammenhanglos.

Sie schritt taumelnd hinaus, öffnete die Korridortür, um die Treppe

hinabzuspähen.

Kam denn Martha immer noch nicht?

Es war, als ob die Zeit stille stände, als ob Bleigewichte an den

Minuten hingen.

Monika verlor vollkommen den Begriff der Zeit.

Als das Dienstmädchen kam, Karl ängstlich dicht neben ihr, wußte sie

nicht, ob Minuten oder Stunden verflossen waren.

Sie nahm Martha die Sachen aus der Hand und eilte mit diesen ins

Krankenzimmer.

„Herr Doktor, tun Sie ihm nicht weh,“ jammerte die Mutter, als der Arzt

Heinrich eine Koffein-Einspritzung machte.

Der Angeredete zuckte ungeduldig die Achseln und setzte sich dann

wieder in seinen Sessel.

„Aber er wacht ja immer noch nicht auf!“ rief die Mutter.

„Warten Sie’s doch ab.“

„Aber tun Sie doch was, Herr Doktor, tun Sie doch etwas,“ rief Frau von

Birken.

„Wir können jetzt die Senfpflaster auflegen,“ wandte sich der Arzt an

Monika. Diese griff nach einem Paket, das man aus der Apotheke geholt.

Der Doktor legte Heinrich vier Senfpflaster auf.

„O Gott, das muß ihn ja brennen. Heinz verträgt Senfpflaster überhaupt

nicht,“ klagte Frau von Birken. „Heinrich..!“ brach sie dann plötzlich

wieder los. In ihrer sonst so unbedeutenden, kleinen Stimme war ein

tiefer Unterton, ein tierischer Schmerzensschrei, der Wehlaut der

Mutter um ihr sterbendes Junges.

„Herr Doktor, er will sprechen. Er will sprechen! Ich sehe es... es

läuft wie ein Zucken über sein Gesicht... Er will sprechen, will

klagen... und er kann es nicht... oh.. wie er leidet... er hört und

fühlt alles... er will sprechen und kann es nicht...“

Sie brüllte laut auf.

Monika, die blaß bis in die Lippen geworden war, trat auf den Arzt zu.

„Können Sie der Mama nicht ein Mittel geben, um...“

„Ach, Unsinn, das ist alles ganz nebensächlich. Erst müssen wir den

jungen Mann da mal aufkriegen.“

Er trat von neuem zu dem Kranken, nahm ihm die Senfpflaster ab.

„Merkwürdig, keine Spur von Rötung.“

Die Mutter schrie auf.

„Frau Baronin, er ist noch ganz warm,“ tröstete Martha, die

unaufgefordert wieder ins Zimmer gekommen war.

„Geben Sie jetzt mal den Kampferspiritus.“

Und wieder begann der Arzt die Brust des Regungslosen zu reiben.

Aber immer noch kein Lebenszeichen.

Der Doktor machte nun ein bedenkliches Gesicht.

„Wir werden nochmal Koffein nehmen,“ sagte er kopfschüttelnd.

Und wieder bohrte er die scharfe Nadel in das blasse Fleisch.

Atemraubende Minuten der Erwartung.

Sie alle waren so nervös geworden, daß sie zusammenschreckten, als die

Zimmertür sich öffnete.

Alfred trat ins Zimmer. Er richtete ein paar Fragen an den Doktor, die

dieser kaum beantwortete. Dann nahm er Monika am Arm und ging mit ihr

ins Nebenzimmer.

„Karl hat mir alles erzählt,“ sagte er seiner Schwester, „nun paß

gut auf: wenn mit Heinrich irgend etwas passiert, dann weißt Du

nichts davon, daß Mama noch ein zweitesmal Morphium gegeben hat. Das

Dienstmädchen muß auch instruiert werden.“

Pantherkätzchen · 第 16 / 34 题