„Kann ich mir lebhaft vorstellen, Kindchen. Also schon fort?“
„Ach, und ich habe Sie so wenig gesehen, Doktor. Wie schade! So vieles
wollte ich Sie fragen. Das ist so komisch mit mir! Ich möchte lernen,
daß mir der Kopf raucht, alle schönen und alle großen Dinge möchte
ich lernen -- graben in den herrlichen und fruchtbaren Schächten der
Weltgeschichte -- die Pflanzen belauschen in ihrem Werden und Vergehen
-- den Tieren nachspüren, allen Tieren, bis hinab zu denen, die fast
noch Pflanzen sind. Ach, lernen, immer mehr lernen! -- Und dann wieder
-- dann lass’ ich alles im Stich, wenn ich bloß ein blaues Tüllkleid
anprobieren soll und... und lass’ es gern im Stich! Und auf dem
Ball lache ich mit den Herren und finde alles gelehrte Zeug geradezu
blödsinnig. Und... und bin auch dann so rasend glücklich! Ich weiß
nicht, ich verstehe mich selbst nicht...“
Sie brach ab.
Der Doktor nahm ihr rosiges Gesicht in seine beiden Hände. Er
betrachtete lächelnd die schönen Augen, den naiv-genußsüchtigen,
hochgewölbten Mund.
„Kind, wenn Du nicht so hübsch wärst, hätte aus Dir wahrhaftig was
werden können,“ sagte er schließlich.
„Aber das Hübschsein ist doch kein Hinderungsgrund für geistige
Bedeutung?“ fragte Monika kampfbereit.
„Doch Kind. Verträgt sich nicht miteinander. Das wirst Du schon noch
sehen. Aphrodite und Pallas Athene haben sich nie leiden mögen.“
„Und welcher soll ich folgen?“ fragte Monika ihn mit dem ganzen
inbrünstigen Vertrauen ihrer Kinderjahre.
Er lachte kurz auf.
„Du hast Dir einen schlechten Ratgeber ausgesucht. Ich hab’ mir selbst
nicht raten können.“
Es war ein so bitterer Ton in seiner Stimme, daß Monika einen
Augenblick sich selbst vergaß, einen Augenblick den jugendlichen
Egoismus, der sich selbst das Interessanteste ist, beiseite ließ.
Ein heißes Mitgefühl blitzte in ihren Augen auf.
„Ja, Doktor, es ist doch eigentlich sonderbar, daß Sie Ihr Leben hier
so vertrauern. So rasend klug wie Sie sind und gebildet! Sie könnten
doch eine Rolle spielen, könnten in großem Maßstabe wirken für die
Allgemeinheit!“
Er lächelte höhnisch.
„Wenn mir die Allgemeinheit bloß nicht so verdammt gleichgültig wäre!“
„Oh!“
„Sieh mal, Kind, ich hab’ in meinen Brausejahren ja auch die Welt aus
den Angeln heben wollen. Und zum Arzt war ich gewiß nicht gemacht.
Ohnmächtig hingeschlagen bin ich, als ich das erstemal in den
Seziersaal kam. Alles in mir hat sich aufgebäumt gegen den Anblick von
Gebresten und Tod. Zu meiner Mutter bin ich hingestürzt: ‚Umsatteln!
Ich will nicht Medizin studieren. Literaturhistoriker.‘ --
Na, die Antwort hättest Du hören sollen! Arzt werden sei ein
Brotstudium, und das habe sie als Witfrau doch wohl um mich verdient,
daß ich sie in absehbarer Zeit ernähre. Na, schön, ich habe
nachgegeben. Man gewöhnt sich ja auch. Aber man sieht bei diesem Beruf
zu sehr, was für ein armseliges Ding der Mensch ist! Und um nicht
verrückt zu werden über all den gräßlichen Bildern, hab’ ich mich in
die Philosophie geflüchtet, habe mich in die seltsamen, narkotischen
Philosophien des Ostens vertieft: China und Indien.“
Er starrte träumerisch geradeaus.