„Das wirst Du gleich hören,“ sagte die Cousine in unheilverkündendem
Tone.
Dann schwieg sie wieder, stand da, lang und hager, und sah mit
vernichtendem Blicke auf das rosige Mädel herab, das vor Schreck
unfähig war, sich weiter auszuziehen.
Beklemmendes Stillschweigen. Nur im Ofen knisterte es leise.
„Na?“ fragte schließlich Monika halb schüchtern, halb trotzig.
„Sagt Dir Dein Gewissen nicht, warum ich komme?“
Monika sah sie erstaunt an, blickte dann im Zimmer umher und wartete.
Aber anscheinend regte sich ihr Gewissen nicht.
Und so beantwortete sie die Frage ihrer Cousine mit einem „Nein“, dem
man die Ehrlichkeit anhörte.
„So?... Na, dann werde ich Dir mal zu Hilfe kommen. Also: ich habe
alles gesehen.“
„Was denn gesehen?“ fragte Monika.
Eine heiße Röte überflammte ihr Gesicht.
„Ich bin Dir nachgegangen, als Du Herrn von Roßberg aus dem Tanzlokal
locktest.“
Das Falsche der Anschuldigung gab Monika ihren Mut zurück.
„Is ja gar nicht wahr.“
Die hagere Cousine reckte sich noch gerader auf, wuchs förmlich in
ihrer sittlichen Entrüstung.
„Und dann habe ich gesehen, daß er Dich geküßt hat.“
„Na, dann mache doch ihm Vorwürfe und nicht mir.“
„Nur Dich trifft die Schuld. Ich weiß, wie Roßberg Trudchen liebt.
Deine unpassende Koketterie ist an allem schuld, und Du solltest Dich
schämen.“
Und Monika schämte sich, ehrlich und glühend. Das süße Triumphgefühl,
das sie gehabt: „Mein erster Kuß...“, die naive Zärtlichkeit, die sie
in jenem Augenblick für den hübschen Leutnant empfunden -- das alles
wurde jetzt durch Maries grobe Worte vernichtet; es war, als ob eine
zarte Blüte mit harten, roten Fingern zerpflückt wurde.
Ein Frösteln überflog Monika. Sie verteidigte sich nicht.
Sie stand regungslos da, einen starren Ausdruck in dem erblaßten
Gesicht.
Maries Sicherheit aber stieg durch Monikas Haltung ins Ungemessene.
„Ja, ja, schäme Dich nur. Endlich machst Du das Armesündergesicht, das
für Dich paßt... Ich habe Dir jedenfalls nur eins zu sagen: Du wirst
übermorgen von hier wegfahren. Finde irgendeinen Vorwand -- was, ist
mir ganz gleichgültig. Aber weg mußt Du! Ich habe keine Lust, mich
meiner eigenen Cousine zu schämen!“
„Aber ich kann doch nicht so ohne weiteres...“
„Arrangiere das! Wenn Du übermorgen nicht fährst, benachrichtige ich
Trudchen Roßberg von Deinem Benehmen und sage Mama, was ich gesehen
habe.“
Monika unterbrach kurz. „Ich werde fahren,“ sagte sie tonlos. „Sag’s
Deiner Mama nicht. Die hab’ ich so lieb.“
„Ah, Du bist Dir also ganz genau bewußt, wie Deine Handlungsweise war!“
Da richtete sich Monika auf aus ihrer zusammengebrochenen Haltung.
„Meine Handlungsweise? -- Als ob ich überhaupt dabei eine
Handlungsweise gehabt hätte! Ich habe -- ich -- ach, das war eben so
ein Augenblick -- aber +Deine+ Handlungsweise, mir so nachzuspüren...“
„Bitte, keine Kritik,“ unterbrach Marie sie schneidend, „das wäre doch
ein bißchen gar zu einfach für die leichtsinnigen Leute, wenn die nicht
leichtsinnigen ... ihnen nicht nachspüren dürften!“
[Illustration]
Durch die dumpfe Stube der Liese klingt ein Weinen.
„Ach, daß Du schon weggehst, Monchen...“
„Na, Liese, besuchst uns mal in Berlin.“
„Wird nich gehen, mein Trautstes. Wer soll denn für den Grün sorgen,
für den Fritzchen, fürs Vieh und für die Ollsche?“
„Laß Dich doch vertreten!“
„Wird nich geh’n, Monchen. Fürs Vieh haben die andern nu schon gar kein
Herz.“
Dicke Tränen rollen ihr über das durchfurchte Gesicht.
„Und grüß mir die Mamachen recht scheen. Und wenn sie wieder ein Paket
schickt: der Kaffee war’s letztemal großartig -- der Zucker auch --
die vier Pfundchen waren ja bald weg -- aber scheen war er -- und denn
ja nich wieder Nachtjacken, ich hab’ all genug -- aber einen scheenen
Unterrock mit een Volang.“
„Wird bestellt, Liese.“
„Und wenn Du wiederkommst, Monchen, komm mit ’nen recht forschen
Bräutigam, das ist doch das scheenste auf der Welt...“
Der Abschied von Doktor Rodenberg gestaltete sich weniger tränenschwer.
Er empfing Monika sogar ein wenig sarkastisch.
„Na, lange nicht geseh’n. Die Hahndorfer Blauröcke lassen Dir wohl
keine Zeit?... Was? Abschied nehmen? Du wolltest doch bis zum März
bleiben.“