„Acht Wochen verheiratet!“ zitierte Monika und kopierte das
Gesicht, das Frau von Roßberg immer machte, wenn sie jemandem diese
welterschütternde Tatsache mitteilte.
Die Leutnants unterdrückten nur mit Mühe einen Heiterkeitsausbruch.
Marie aber wollte eben zu einer kräftigen Entgegnung ansetzen, -- denn
wenn jemand eine ihrer Freundinnen angriff, so faßte sie das noch
schlimmer auf, als wenn es gegen sie selbst ging, -- doch der gewandte
Herckenstedt verhinderte den Ausbruch, indem er in möglichster Eile
weitererzählte, daß noch ein Bild „Tanzstunde“ geplant gewesen sei
und das seit Methusalem rühmlichst bekannte: „Der Blumen Erwachen!“
-- -- Aber alles das habe dem stolzen Sinn von Frau von Teufel nicht
genügt. Nun ja, wenn man ein ganzes Jahr bei der Garde gestanden, wie
die Etatsmäßige! Und so sei die Aufführung der lebenden Bilder auf
unbestimmte Zeit verschoben worden.
„Bis einem von uns mal was Geniales einfällt,“ sagte Seeburg betrübt.
„Und dabei hätten wir bald die schönste Gelegenheit: nächsten Monat hat
der Kommandeur Geburtstag,“ jammerte Hellrich, der es anscheinend nicht
verwinden konnte, sich nicht in seiner griechischen Schönheit zeigen zu
dürfen.
„Aber das ist doch nicht so schwer, einen guten Einfall zu haben,“ rief
Monika. „Ich werde schon was finden.“
„Schnell fertig ist die Jugend mit dem Wort,“ begutachtete Seeburg
zweifelnd. Aber Hellrich zeigte sich vertrauensvoller. „Ich bin
überzeugt, daß Sie was Großartiges zustande bringen, Baronesse. Sie
haben so was in den Augen, -- ich finde da nicht gleich das richtige
Wort dafür, -- wissen Sie, eben so was Besonderes.“
„Ich fürchte, Monika überschätzt ihre Fähigkeiten,“ sagte Frau von
Holtz, die es für geraten hielt, die Bäume nicht in den Himmel wachsen
zu lassen.
Aber nun protestierten alle drei Leutnants.
Und als die Herren abfuhren, war es beschlossene Sache: sie würden der
„Teufelin“ Mitteilung machen, daß Fräulein von Birken sich anheischig
mache, etwas ganz Apartes für die Aufführung zum Geburtstage des
Kommandeurs zu erfinden.
„Da hast Du Dich ja schön in die Nesseln gesetzt,“ sagte Marie
schadenfroh, als das lustige Glockengeklingel des Krümpers in der Ferne
verstummt.
„Warum?“ fragte Monika kampfbereit.
„Weil Du einen netten Kohl zusammenschreiben wirst.“
„Abwarten!“ sagte Monika lakonisch.
Nachdem sie beim Onkel Aktenbogen und Bleistift erbeutet, legte sie
sich auf den Teppich und begann eifrig zu kritzeln.
Am nächsten Morgen legte sie Frau von Holtz ihr Machwerk vor, die es
mit lebhaftem Mißtrauen in die literarischen Fähigkeiten ihrer Nichte
las.
Wider ihren Willen fand sie es sehr nett. Aber sie traute ihrem Urteil
nicht. Sie las sonst nie etwas anderes als Zeitungen, fand Poesien
überspannt und war sich ehrlich bewußt, „von all diesen Sachen nichts
zu verstehen“.
Marie lehnte ab, Monikas Erzeugnis zu lesen, obwohl sie vor Neugierde
darauf brannte. Aber Monika sollte sich ja nicht einbilden, daß sie für
ihre Dummheiten etwas übrig habe.
Mit stiller Verzweiflung sah die Dichterin, daß Tante auch nicht die
mindesten Anstalten machte, das Opus nach Hahndorf abzuschicken. Und
nachdem sie drei Tage in gräßlicher Nervenspannung verbracht, griff sie
zu einem heroischen Mittel: sie packte ihr Werk ein und adressierte es
selbst nach Hahndorf. Nicht etwa an die Teufelin. Vor der hatte sie zu
großen Respekt. „Leutnant Graf Herckenstedt“ stand auf dem Kuvert und
auf das Manuskript hatte sie gekritzelt: „Wie Sie sehen, habe ich mein
Versprechen gehalten. Hoffentlich gefällt’s!“
Sie paßte den Briefträger ab und händigte ihm selbst das umfangreiche
Kuvert ein. Als er umständlich die Adresse gelesen, grinste er
freundlich und grinste noch freundlicher, als Monika ihm ein kleines
Trinkgeld in die Hand gedrückt.
Als einige Tage später Frau von Teufel zur Höll und Frau von Roßberg
zum Besuch vorsprachen, war der jungen Autorin doch recht unbehaglich
zumute.
Aber ihre Besorgnisse hielten nicht lange vor, da die Teufelin ihr
gleich beim Eintreten förmlich freundlich zugelächelt und dann Frau von
Holtz versicherte, daß „ihre liebe Nichte wirklich eine ganz reizende
Idee gehabt“.
Frau von Holtz schwebte im Unklaren, wußte nicht recht, wie sie sich zu
der ganzen Sache stellen sollte, aber sie wurde auch gar nicht gefragt.
Frau von Teufel vertiefte sich sofort in ein detailliertes Gespräch mit
Monika, Marie zog mit ihrer Freundin in ihre Privatgemächer, und Frau
von Holtz blieb nichts weiter zu tun, als Tee zu bestellen.
Als dann dieser Tee und ein riesenhafter Napfkuchen die Parteien um den
runden Tisch versammelt hatte, bat Frau von Teufel Monika, ihr Werk nun
vorzulesen, damit man gemeinsam den Eindruck beurteilen könne.
Monika begann. Aber die Teufelin, der niemals etwas schnell genug ging,
kam von ihrer Idee zurück. „Nein, jetzt nicht vorlesen. Ich werde
einen Extrakt des Stückes geben, und dann wollen wir uns erst über die
Rollenbesetzung einig werden. Also -- --“
Eine kleine Kunstpause.
Marie bemühte sich krampfhaft, ihr Interesse zu verbergen, indem sie
mit unbeweglicher Miene aus den Fransen der Tischdecke Zöpfchen flocht.
„Also die Szene zeigt zwei Leutnants. Der eine von ihnen, seit
kurzer Zeit glücklich verheiratet, redet dem andern zu, sich endlich
auch Hymens Rosenfesseln anlegen zu lassen. Der Freund versichert,
daß er durchaus nicht abgeneigt wäre, daß ihm aber die Wahl arges
Kopfzerbrechen mache. Hierauf verabschiedet sich der Freund. Der
Junggeselle bleibt allein und schläft ein.“
Marie stieß einen höhnischen Laut aus, worauf Monika sich in Positur
setzte wie ein junger Kampfhahn. Sie fragte: „Sag’ mal, warum soll der
Leutnant nicht einschlafen?“
„Hierauf erscheint die Phantasie und sagt dem Schlafenden, sie
wolle ihm die jungen Damen zeigen, unter denen er wählen könne. Die
Phantasie hebt ihren Zauberstab, und es erscheinen, begrenzt von
einem Bilderrahmen, nacheinander die Typen der weiblichen Wesen, die
den Leutnant mit ihrer Hand beglücken möchten: Sportdame, Salondame,
Studentin. Sie alle lassen unseren Helden kalt. Aber als zum Schlusse
das ganz unmodern erzogene, altmodisch-holdselige Mädchen erscheint,
das bei Mama kochen lernt und in ihrem kleinen Herzen eine große Liebe
für diesen Leutnant trägt, da wählt er sie zu seiner Lebensgefährtin.“
Einen Augenblick Stillschweigen.
„Der Sieg der Tugend,“ sagte Monika mit bescheiden niedergeschlagenen
Augen.
Frau von Holtz, der die Tendenz des Werkes erst jetzt so recht aufging,
zog Monika liebevoll zu sich heran und bat ihr im stillen vieles ab.
Wie nett und moralisch das liebe Kind das doch gedichtet hatte.
Marie versuchte ihre verächtliche Miene beizubehalten.
Frau von Roßberg grinste und sagte: „Den Helden muß natürlich mein Mann
spielen.“
Die Etatsmäßige, die diese Aeußerung vorlaut fand, warf ihr einen
verweisenden Blick zu.
Aber im Verlaufe der Beratung ergab sich, daß tatsächlich Roßberg
den Helden spielen mußte, da er der einzige Herr war, der etwas
theatralisches Talent besaß.
„Und ich bin das junge Mädchen, mit dem er sich verlobt,“ sagte Frau
von Roßberg.
„Wir haben ja darüber noch gar nichts bestimmt,“ warf Frau von Teufel
ein.
„Aber er küßt sie doch.“
„Theaterkuß!“ entschied die Teufelin. „Also bisher hätten wir: Ehemann:
Herr von Hellrich, -- der Junggeselle: Leutnant von Roßberg. Die
Phantasie, -- ja um alles in der Welt, wen könnten wir als Phantasie
wählen?“