Monika schlief nicht viel in dieser Nacht. Aber trotzdem war sie am
Morgen die einzige, die frisch in die Welt schaute.
Frau von Holtz hatte Migräne.
Ihr Gatte sah verkatert aus, ihm bekam das lange Aufbleiben gar nicht.
Marie machte einen überaus angegriffenen Eindruck, schlich, wie immer
nach Bällen, mit hochgezogenen Schultern in vornübergebeugter Haltung
herum und hüstelte, was ihre Eltern mit lebhafter Besorgnis erfüllte.
Frau von Holtz vergaß die eigenen Schmerzen, um Marie beständig zu
Hustenbonbons zu nötigen, und Herr von Holtz rührte unter beständigem
Schimpfen auf die „verfluchte Tanzerei“ ein Eigelb mit Zucker, das
Marie unweigerlich sofort zu essen hatte.
Am Nachmittag, als man um den Kaffeetisch versammelt war, kam Besuch:
die Leutnants von Seeburg, von Hellrich und Graf Herckenstedt kamen im
Krümperschlitten an und erlaubten sich „gehorsamst zu fragen, wie den
Damen der gestrige Ball bekommen“.
Da die Herren sonst nie solche Lendemainvisiten gemacht, war Marie in
bitterböser Laune, und mit der bei ihr üblichen Unverfrorenheit brachte
sie ihre Gefühle zum Ausdruck.
Frau von Holtz mußte mehrmals vermittelnd eingreifen, wenn ihr
unliebliches Töchterlein wieder eine gar zu scharfe Bemerkung gemacht.
Von seiten Monikas war keine Schroffheit zu fürchten. Im Gegenteil!
Da hatte man nur in der entgegengesetzten Richtung einen Dämpfer
aufzusetzen.
Wie sie jetzt den Herckenstedt wieder anstrahlte!
„Ja, getanzt haben Sie am allerbesten, Graf. Sie sind natürlich Kadiser
gewesen? Die tanzen alle gut.“
„Monika, man sagt „Kadett“. Deine Art, die Worte zu verstümmeln
-- -- -- --“
„Ach, Tantchen, das kommt doch nicht so genau darauf an unter uns
Leutnants -- --“
Frau von Holtz fand keine Entgegnung. Es widerstrebte ihr, in Gegenwart
eines Besuches unaufhörlich zu tadeln. Andererseits war ihr die
burschikos-kokette Art ihrer Nichte entsetzlich.
Sie selbst war immer sehr zurückhaltend gewesen, sehr prüde, und ihre
Tochter hatte diese Eigenschaft in verdreifachtem Maße geerbt.
Und zwischen ihnen beiden saß nun Monika und kokettierte mit einer
Unbefangenheit, die geradezu verblüffend wirkte.
Mit einer für ihr Alter durchaus unangemessenen Sicherheit dirigierte
sie die Unterhaltung, die den Leutnants zwar sehr ungewohnt, aber dafür
desto interessanter war.
Marie äußerte dazu in sehr sicherem Tone Ansichten, die sich gerade
nicht durch Geistesschärfe auszeichneten.
Frau von Holtz aber, die mit ihrem ganzen Sein und Wesen in den realen
Forderungen des Alltags wurzelte, war ehrlich ärgerlich.
Mit einem scharfen Ruck lenkte sie das leichte Gespräch in andere
Bahnen. Sie fragte, was man in Hahndorf diesen Winter noch für
Vergnügungen vorhabe.
„Ja, hoffentlich werden nun bald die lebenden Bilder kommen, deren wir
diesmal verlustig gegangen sind,“ sagte Seeburg.
Und Hellrich erklärte Monika, es sei ewig schade darum, denn in seinem
Kostüm als Griechenjüngling hätte er berauschend ausgesehen, und
dann hätte sie ihn sicher nicht so grausam behandelt wie in seiner
preußischen Dragoner-Uniform.
„Und warum ist mir nun eigentlich dieser Genuß entrissen worden?“
fragte Monika.
„Ja, Baroneß, das liegt nur an Frau von Teufel zur Höll’ -- --“
„Die Teufelin,“ schob Monika verständnisinnig ein.
„Die ist nämlich höllisch --“
„Natürlich!“
„-- anspruchsvoll, und so hat sie behauptet, unseren lebenden Bildern
fehle der Clou.“
„Und dabei war es so reizend,“ klagte Herckenstedt.
„Ich als Griechenjüngling,“ betonte Hellrich.
„Ja, mit Erika von Holl als Partnerin in einem „griechischen
Frühlingsidyll“. -- Und Fräulein Violette von Holl als Werthers Lotte
und Roßberg als Werther --“
„Das ist der hübsche Adjutant?“ fragte Monika eifrig.
„Der hübsche? Dieser Ehekrüppel?“ erwiderte Herckenstedt entrüstet.