Um so enttäuschter war sie, als sie im Salon nur Damen fand.
„Ach, Monika, ich ließ Dich schon herbitten,“ sagte die Tante -- und
dann zu der neben ihr sitzenden Dame gewendet: „Meine Nichte Monika
Birken.“
„Ah, Baroneß Birken,“ sagte die hagere, ältliche Dame mit einer
offiziersmäßig scharfen Stimme, „ich habe Ihren Papa gut gekannt.“
Und ohne eine Entgegnung Monikas abzuwarten, wandte sie sich wieder zu
Frau von Holtz, die ihrer Nichte einen Wink gab.
Gehorsam ging Monika zum Erker, in dem ihre Cousine mit einer jungen
Frau saß.
Marie machte sie bekannt. Es war die Frau des Regimentsadjutanten von
Roßberg. Sie war lang, schlank und häßlich. Im übrigen seit acht Wochen
verheiratet, wie sie Monika in den ersten fünf Minuten erzählte.
„Wonnegrinsend“ erzählte, konstatierte Monika in ihrem Innern und sah
wie gebannt auf die langen Vorderzähne, welche die junge Frau beim
Lachen enthüllte.
Marie behandelte ihre Freundin mit ostentativer Verehrung, Hochachtung
und Zuneigung.
Monika war ganz erstaunt über die Gefühlstöne, welche die sonst so
bittere Cousine anschlug.
„Du weißt nicht, wie ich mich nach Dir gebangt habe, Trudchen. Es war
trostlos einsam.“
„Nun, Du hattest ja Gesellschaft an Deinem Cousinchen,“ sagte die junge
Frau höflich.
Marie zog ein Gesicht, beredter als tausend Worte.
Und Monika sagte mit der ihr eigenen fröhlichen Unbefangenheit:
„Meine Cousine kann mich nämlich nicht ausstehn, Frau von Roßberg.“
„Ach, rede doch nicht so,“ sagte Marie ohne jede Ueberzeugung, und dann
zu ihrer Freundin gewendet:
„Mone ist doch gar nicht in einem Alter mit mir, Trudchen. Noch keine
sechzehn und noch gar nicht in die Gesellschaft eingeführt -- --“
„Aber zu unserem Balle kommen Sie doch wohl mit, Fräulein von Birken?“
„Welcher Ball?“
Marie fuhr dazwischen. „Ich glaube nicht, daß Mone hier schon ausgehn
soll.“
„Ein Ball in Hahndorf?“ fragte Monika aufleuchtend.
„Ja, unser erster Regimentsball diesen Winter. Frau von Teufel zur Höll
wollte mit Ihrer Tante etwas besprechen wegen lebender Bilder, und da
bin ich mitgefahren, um Mariechen zu sehn.“
„Frau von Teufel zur Höll?“ wiederholte Monika begeistert und mit so
wenig gedämpfter Stimme, daß Marie sie ärgerlich in den Arm kniff.
„Ja, die Dame, die dort mit Ihrer Tante spricht, die Gattin unseres
Etatsmäßigen.“
„Ach, welch schöner Name, welch fabelhaft schneidiger Name,“
wiederholte Monika ganz begeistert. „Von Teufel zur Höll, -- --
so möchte ich mal heißen. Hat Ihr Etatsmäßiger nicht irgend einen
unverheirateten Bruder?“
Frau von Roßberg brach in Lachen aus, in das albern klingende,
grinsende Lachen, das ihr eigentümlich war.
Frau von Teufel zur Höll rief herüber: „Nun, die Jugend amüsiert sich
wieder mal ausgezeichnet. Da werden wohl Pläne für unsere lebenden
Bilder entworfen. Entwickeln Sie nur recht viel Erfindungsgabe, meine
Damen. Wir möchten diesmal etwas ganz Apartes bringen.“
Monika näherte sich, förmlich wie von einer magischen Gewalt gezogen,
der Sprecherin. In ihren Augen stand eine so intensive Anteilnahme, daß
Frau von Teufels eisiger Gesichtsausdruck einem halben Lächeln Platz
machte:
„Na, das Tanzfieber fängt wohl jetzt schon an?“ sagte sie.
„Darf ich denn mit?“ fragte Monika.
Ungläubig klang’s und doch lag schon ein Jubel darin.
Frau von Holtz neigte lächelnd den schönfrisierten, weißhaarigen Kopf.
Da flog Monika auf ihre Tante zu und umarmte sie in so kindlich
echtem Jubel, daß sogar Frau von Teufel zur Höll -- im Regiment
selbstverständlich „die Teufelin“ genannt -- ihr darob nicht böse sein
konnte.
Monika hatte sich noch nicht beruhigt, als die Damen gegangen waren. Im
Gegenteil: ihre Freude äußerte sich in Ausbrüchen, die ihre Cousine als
„geradezu indianerhaft“ bezeichnete. Aber urplötzlich schlug der Jubel
ins Gegenteil um. Mit tragischem Gesichtchen erinnerte sich Monika,
daß sie „nichts, aber absolut nichts“ anzuziehen habe. Frau von Holtz
beruhigte sie: selbstverständlich würde für sie ein Kleid geschneidert
werden und Marie müsse auch ein neues haben. „Morgen früh kommt Mine
Petermann,“ fügte sie verheißungsvoll hinzu.
Und am nächsten Morgen um zehn Uhr war Mine Petermann da, -- die
unförmlich dicke Gestalt in ein prallsitzendes, schwarzes Kleid
gezwängt, -- auf dem mächtigen Busen eine ganze Armee von Stecknadeln,
-- um die Taille eine grüne Schnur, an der die Schere hing, und unterm
Arm eine ganze Ladung Mode-Journale.
Auch Stoffmuster hatte Mine schon da, war in aller Herrgottsfrühe schon
nach Neustadt hin- und zurückgestiefelt und hatte sich bei Kaufmann
Kleinmichel Proben vom „Neuesten, Schönsten und Modernsten“ geben
lassen.
Ja, die Mine war eine rührige Person, -- nicht umsonst beehrte die
ganze Nachbarschaft sie seit zwanzig Jahren mit ihrer Kundschaft.
Das war ein gar wichtiges Fragen und Beraten, was nun begann.
Mine war vor dem Beginn erst im Vorzimmer mit einem Glase Portwein und
zwei Buttersemmeln mit Leberwurst gestärkt worden, was erfahrungsgemäß
ihre Inspiration sehr anzuregen pflegte.
Sie ging auch gleich mit einem wahren Feuereifer an die Arbeit,
erklärte, für das gnädige Fräulein Marie sei „Empire“ wie geschaffen.
Begeistert tippte sie mit ihrem zerstochenen Zeigefinger auf ein
Modell: ein verführerisches Dämchen zeigte dort ihre Reize in
einem überaus anschmiegenden Empirekleide aus nilgrüner Seide mit
Perlenstickerei.
Frau von Holtz wiegte bedenklich den Kopf, enthielt sich aber
einstweilen jeder Meinungsäußerung, wogegen Marie, kaum daß sie einen
Blick auf das Modebild geworfen, ihre lebhafteste Abwehr zu erkennen
gab. Sie erklärte diese Mode „für direkt schamlos“ und „hätte Fräulein
Petermann mehr Geschmack zugetraut“!
Das dicke, alte Fräulein zog ein beleidigtes Gesicht, zeigte aber doch
pflichtgemäß alle Abbildungen, die vorhanden waren. Vor Maries Augen
fand nichts Gnade. Und ihre Miene entwölkte sich auch nicht, als nun
Frau von Holtz selbständige Anregungen gab, und mit der ganzen Liebe
einer Mutter sich mühte, etwas recht Vorteilhaftes für ihr Kind zu
finden.
„Ich denke, Mariechen, als Farbe rosa. In rosa siehst Du nicht so blaß
aus. Und ums Décolleté einen Chiffon-Volant, oder lieber zwei, das
macht Dich schön breit in den Schultern.“
„Ich will aber nichts vortäuschen.“
„Aber, Kind, was für Ausdrücke.“
„Ich glaube, Marie möchte am liebsten mit ’nem Trotteurrock und ’ner
Bluse mit ’nem Stehkragen zum Ball gehn,“ rief Monika, die die Cousine
oft mit ihrer Vorliebe für die etwas nüchterne Kleidung neckte.
„Du kannst Dir Deine Naseweisheiten sparen,“ rief Marie, und auch
Frau von Holtz warf ihr einen ernst verweisenden Blick zu: ihr war
die momentane Situation zu ernst, um sie durch Witze unterbrechen zu
lassen. „Also, glaube mir, Mariechen, oben die Volants und den Rock
unten weit ausfallend, eine recht steife Balayeuse unten hinein -- --“
„Ach, mach’s nur, wie Du willst,“ sagte die Tochter übellaunig. Ihre
Miene heiterte sich auch nicht auf, als Fräulein Petermann ihr Maß
nahm. Die dicke Dame erklärte, das gnädige Fräulein habe seit letztem
Winter um zwei Zentimeter Brustumfang zugenommen. Frau von Holtz
zeigte sich über diese Neuigkeit sehr erfreut, aber Marie sah die Mine
nur verachtungsvoll an und sagte dann: „Denken Sie sich doch mal was
Neues aus, Mine -- denn das mit dem Brustumfang behaupten Sie ja doch
jedesmal!“
Mine überhörte mit parlamentarischer Gewandtheit die Bemerkung und
diskutierte eifrig mit Frau von Holtz über die Blumen, die zu der rosa
Toilette getragen werden sollten. „Heckenröschen“ fand beiderseits
Billigung, aber Marie schrie förmlich vor Empörung.
„Heckenröschen, -- warum nicht lieber Gänseblümchen?! Schrecklich! Ich
will überhaupt keine Blumen.“
Allgemeines Entsetzen folgte diesem Ausspruche.
Besonders Frau von Holtz war völlig zerschmettert.
„Marie, ein junges Mädchen ohne Blumen auf dem Ball?! Wenn Du mir das
antust -- --“
„Ich kann doch nu mal all das Grünzeug nicht leiden! Und es paßt auch
gar nicht zu mir.“
Frau von Holtz erhob sich, jeder Zoll gekränkte Königin.
„Dann gehen wir nicht auf diesen Ball. Fräulein Petermann, Sie sind
entlassen.“
Monika wurde blaß bis in die Lippen.
Und auch die herbe Marie bekam einen hörbaren Schreck. Das wurde Ernst!