Sie lenkte also ein, in mürrischer Weise, -- aber ihr Stolz war
gebrochen. Sie gab klein bei. Nur „Heckenröschen“ sollte die Mama ihr
nicht antun.
Man einigte sich also auf Akazienblüten.
Und dann -- endlich! -- wurde an Monika gedacht.
Das war leichtere Arbeit. Sie zeigte sich von allem entzückt; was man
ihr vorschlug, fand sie alles „großartig“ und „feenhaft“ und strahlte
vor Seligkeit, als Frau von Holtz sich dann für hellblau entschieden,
rund ausgeschnitten, als Garnierung Kirschblütenzweige.
„Und auch ins Haar? Auch ins Haar Kirschblüten?!“ fragte Monika
flehend.
„Ja.“
Sie verstummte vor Begeisterung.
Und in Frau von Holtz stieg es wie ein bitteres Gefühl auf: wenn doch
Marie etwas von Monikas warmherzigem Wesen gehabt hätte, von ihrer
glücklichen Gemütsart, ihrer Dankbarkeit.
Und am Tage des Balles war es wieder ein Vergleich, der sich der Mutter
aufdrängte, als sie die beiden in ihrem Staat sah.
Marie, deren Hagerkeit das duftige Kleid nicht milderte, mit dem
straff frisierten Haar, von dem die Akazienblüten steif abstanden, und
daneben Monika, die in ihrem Ballstaat eine ganz andere schien. Die
wenig hübschen Kleider, die sie sonst trug, hatten ihrer blühenden
Jugend Eintrag getan. Das Hellblau ihres neuen Kleides hob ihren
prächtigen Teint hervor, -- der runde Ausschnitt enthüllte vollendet
schöne Schultern und Arme und darüber lachte das selige Kindergesicht,
gutmütig strahlend, lebensdurstig, durstig nach Glück!!
Der Ball wurde für Monika ein Erfolg.
An und für sich war es für die Hahndorfer Dragoner ein Ereignis,
wenn ein „neues“ junges Mädchen auftauchte. Waren doch nur zwei
unverheiratete Damen im Regiment: die Kommandeurstöchter, und mit denen
tanzte man nun glücklich den dritten Winter, und außerdem waren sie
nichts weniger als hübsch.
Möglich, daß jede von ihnen an sich ganz nett gewirkt haben würde, aber
man sah sie immer zusammen -- und zusammen sahen sie geradezu komisch
aus. Violette -- sie hieß tatsächlich Violette -- ihre verstorbene
Mutter hatte ein ~faible~ für poetische Namen gehabt -- gab an Größe
dem längsten Leutnant des Regiments nichts nach, und an Breite übertraf
sie ihn bedeutend. Sie hatte große, runde blaue Augen, einen Helm von
goldblondem Haar und wäre als Urbild einer germanischen Heldenjungfrau
gar nicht übel gewesen, wenn man nicht beständig Erika neben ihr
gesehen hätte.
Erika war so ziemlich das Kleinste und Zierlichste, was man sich
vorstellen konnte, ein wahres Porzellanpüppchen! Dazu eine Fülle
dunkelsten Haares und zwei ausdrucksvoll dunkle Augen in einem
Spitzmausgesichtchen.
Sie ließ ihre Schwester ungeschlacht erscheinen und dabei sah sie neben
dieser Schwester „nach gar nichts“ aus, -- kurz, sie beeinträchtigten
sich gegenseitig auf das schärfste.
Die Leutnants pendelten ratlos zwischen ihnen hin und her, und das
Resultat war, daß immer noch keine von ihnen verlobt war, obwohl ihr
Vater keinen innigeren Wunsch hegte.
Außer den beiden waren an jungen Mädchen nur noch einige
Gutsbesitzerstöchter aus der Umgegend erschienen, die keine besonderen
Attraktionen boten. Und nun eine „Neue“! -- Und noch dazu die Tochter
eines alten Herrn vom Regiment, des „fidelen Birken“, von dessen Taten
man genug gehört. Und noch dazu Monika, die in den ersten fünf Minuten
mehr gute Witze gemacht als sonst ein halbes Dutzend junger Mädchen
zusammen.
Nachdem sie in möglichster Eile den Damen ihren Knix gemacht, widmete
sie sich völlig den Leutnants und entfesselte durch ihre Konversation
derartige Lachstürme, daß man im Reiche der Mütter bedenklich die Köpfe
zusammensteckte.
Die jungen Frauen fanden den „Kiekindiewelt“ empörend, die jungen
Mädchen erklärten sie für „schamlos kokett“.
Monika aber ließ sich die unverhohlene Mißbilligung, die ihr von
weiblicher Seite zuteil wurde, nicht anfechten. Sie benahm sich
übermütig froh. Ihr war zumute wie in einem Rausch; mit all ihrer
unverbrauchten Begeisterung genoß sie diese Stunden, genoß den
hohen Saal mit dem strahlenden Licht, die flirtenden Leutnants, die
Bewunderung, die aus so viel Männeraugen sprach, und den Tanz, den
Tanz, in dem sie selig dahinglitt.
Schade, daß diesem Rausch so bald eine Ernüchterung folgte!
Schon im Schlitten, der die Familie Holtz nach Hause fuhr, begann Marie
die Schale ihres Zornes über Monika auszuschütten. Sie sparte nicht mit
den schärfsten Ausdrücken, und Frau von Holtz tat ihr nicht wie sonst
Einhalt, sondern schwieg verstimmt.
Nur der Onkel, der, bevor er sich zum Whist niedergesetzt, eine Weile
dem Tanze zugesehn, wiegte gutmütig den Kopf und murmelte schlaftrunken
vor sich hin:
„Die Marjell, -- genau wie die Mali! Kokett -- kokett.“
Die anderthalb Stunden Fahrt wurden für Monika ein Martyrium.
Sie seufzte hörbar und erleichtert auf, als endlich, endlich der
Schlitten zu Hause hielt. Der Schnee knirschte scharf unter den
Schlittenkufen. Und ehe noch die Pferde ganz zum Stehen gebracht waren,
setzte Monika mit mächtigem Schwunge hinaus und rannte, ohne jemand
gute Nacht zu sagen, die Treppe hinauf in ihr Zimmer.
Eine eisige Kälte empfing sie; die taperige Auguste hatte wohl wieder
mal vergessen, nachzulegen.
Aber Monika störte die Kälte nicht. Rann doch ihr Blut so brennend
heiß durch die Adern! Sie stellte sich vor den Spiegel und hielt die
Lampe hoch. Also so -- -- so hübsch war sie! Die brennenden Wangen --
die flammenden Lippen -- die dunkeln Augen, über die sich die Lider
mit den langen, schwarzen Wimpern langsam bewegten, wie wenn müde
Schmetterlinge mit den Flügeln schlagen. Und darunter die blendend
weiße Haut des Halses und der Schultern -- -- --.
Monika hätte vor Glück schreien mögen, wie neulich, als sie durch den
Schnee rannte.