Herzlichst

Ihr Gerd Gerdsen.

* * * * *

Tanz.

Pan bläst. Lass uns tanzen, du und ich. Auf der Sommerwiese, in der

Morgensonne lass uns tanzen, wo die weichen Winde sich deines wehenden

Blondhaares freuen werden.

Komm auf die Wiese!

Blumen werden sich unter unsere Füsse drängen und aufgescheuchte

Schmetterlinge unsern Tanz umtanzen, weisse und gelbe Schmetterlinge,

leuchtend in der Helligkeit des wachsenden Lichtes. Pan lockt.

Wir wollen tanzen zu diesen Tönen. Und die Wiese tanzt, und der Wald

tanzt, die schwarzen Fichten mit dem roten Morgenkleid aus Sonne und die

bräutlichen Birken mit den jungfräulichen Gewändern aus Silberseide.

Und die weissen Lämmer auf der blauen Himmelswiese werden hüpfen,

umeinander hüpfen, leichtwolliges Sommervolk, zu der Flöte des Hirten.

Und die Sonne wird tanzen, die lachende Sonne, dass ihre Strahlen

auseinander wirbeln, uns umwirbeln, ein flimmernder, blitzender,

glitzernder Schleier, in dem wir uns im Kreise drehen, du und ich in

unserer nackten Schönheit und in unserer nackten Freude.

Komm, komm! Pan bläst.

Die Bocksfüsse übereinandergeschlagen, hockt er im Fichtenschatten,

Zottelbart, Waldschreck den Furchtsamen.

Wir aber tanzen vor ihm, nackt, über Blumen, zwei weisse Schmetterlinge,

trunken in Lust, trunken in nackter Lust.

2.

Lieber Gerdsen!

Herzlichen Dank für Ihren liebenswürdigen Brief. Ja, schreiben Sie, Ihr

Plan ist vorzüglich. Ich stelle mich Ihnen ganz zur Verfügung,

Eigentlich Pan-Roman, wie ich es meinte, wird es vielleicht nicht. Aber

einerlei. Sie haben recht: ab von dem Realismus Ihres letzten Romans.

Sie wissen, wie sehr ich ihn schätze, hochwerte, diesen Realismus:

künstlerisch, aufrichtig, schlicht, ohne weitere Absichten als die des

treuen Bildners und Darstellers. Und dann der Humor, den Sie haben, und

ohne den es nicht gehen würde. Aber selbst dieser Humor macht diese

misera plebs, diese Kellerleute, Käsekrämer und Ladenmädchen nicht auf

die Dauer geniessbar. Lassen Sie diese Nullen, die kein Genie zu Zahlen

machen kann. Natur! Natur! Aristokratie!! Höhenmenschen. Was wollen Sie

Dünger karren, statt uns Edelgewächse zu ziehen.

Könnt ich's nur, wie Sie. Aber bei mir ist alles nur Wollen,

ohnmächtiges Wollen. So muss ich mich denn mit der Natur begnügen, dem

einzigen, was Ersatz für mangelnde Produktivität gibt, die Natur, die

uns erhebt, indem sie uns vernichtet. Die grosse Natur, die Herrscherin,

die Zerstörerin, die am grössten ist, wenn sie tötet. Das ist es, was

ich an der Natur so liebe: ihre Grausamkeit! Oder besser ihre

Gleichgültigkeit! ihre völlige Verachtung des Menschen!

Das Meer! Nordsee! Sylt! Skagen! Nach Skagen müssen wir mal zusammen.

Hier ist es mir zu friedlich. Diese ewigen Wald- und Kornlandschaften,

diese sanften Hügel. Alles riecht hier nach Arbeit, nach Schweiss. Unser

täglich Brot gib uns heute. Amen.

Ich will die Natur gross, frei, und den freien Menschen darin, nicht den

Sklaven. Brot, Speck und Gotteswort. Und über allem der Gendarm.

Und doch kann ich hier nicht wegfinden, liege hier so in einer Art

Halbschlaf, der alle Energie lahmt und keine Entschlüsse aufkommen

lässt, Hans der Träumer!

Nette, liebe, einfache Leute hier, fromm und bieder. _Landvolk_! Nicht

dieser ekelhafte Stadtpöbel, keine öde Sozialdemokraterei, diese

Weltanschauung aus Frechheit, Hunger, Halbbildung und Borniertheit

zusammengeschweisst. Eine Weltanschauung, die riecht.

Ich gehe mit dem Plan um, Einsiedler zu werden. Ich brauche nicht viel;

was ich von meiner Grosstante geerbt habe, reicht aus für zehn, zwanzig

Jahre; so lange wird die Maschine wohl aushalten. Hält sie länger vor

als das Öl, so muss man sie zerschlagen. Das ist das beste am Leben,

dass wir's wegwerfen können.

Sie kennen mein Ideal: einige Jahre Blockhauseinsamkeit am Meer,

zwischen den Schären Norwegens, am Amazonas oder irgendwo insulares

Südseeparadies. Und ein Weib, das Chopin spielt und Saint Saëns. Danse

macabre. Und draussen orgelt der Sturm und die Möven schreien, oder die

Affen.

Schreiben sie bald, meine Adresse ist bis auf weiteres die hiesige.

Ihr Randers.

3.

Acht Tage war Randers schon in diesem Waldwinkel, statt an die See zu

gehen, wie es seine Absicht war. Wenn ihm jemand vorhergesagt hätte, er

würde eine ganze Woche zwischen Feld und Wald in einem einsamen

Schulhause leben, würde er ihn ausgelacht haben. Er war kein Idylliker.

Er liebte weite Horizonte, Grösse, Erhabenheit in der Natur. Er liebte

das Meer.

Was hielt ihn nur hier fest unter dem langgestreckten Ziegeldach des

niedrigen Schulhauses mit dem kleinen bäuerischen Vorgarten voll greller

Astern und plumper Georginen? Das sah ja von der Landstrasse aus ganz

traulich und anheimelnd aus. Aber auf die Dauer war doch alles so eng,

kleinlich, so muffig. Dazu die zwei langen Blitzableiter auf dem Dach,

die dem ganzen so einen offiziellen Anstrich gaben: Dies ist eine

Schule.

Und dann die Familie des Lehrers!

Doch die gefiel ihm, er hatte wirklich nichts gegen sie. Gute, brave,

einfache Leute, und voller Aufmerksamkeit gegen ihren Sommergast. Sie

hatten einen solchen gesucht. Er hatte es unterwegs im Provinzboten

gelesen. Dann war er ihnen gleich vor die Tür gefahren. Auf ein paar

Tage. Sie hatten ihn erst auf so kurze Zeit nicht aufnehmen wollen. Aber

er versprach zu räumen, wenn sie das Quartier besser vermieten könnten.

Mit weicher Neugier hatten sie ihn ausgefragt. Nicht auf einmal, aber so

nach und nach. Sie mussten doch wissen, was er eigentlich war.

Ja, was war er? Eigentlich nichts.

Aber das hätten sie nicht verstanden, er fühlte instinktiv, dass diese

Leute von seiner Jugend irgend eine nützliche Tätigkeit verlangen

würden. Freilich, er war ihnen ja keine Rechenschaft schuldig. Aber es

genierte ihn doch. Und so wollte er sich denn als Journalist vorstellen,

besann sich aber und sagte Schriftsteller.

"Sie schreiben wohl für Blätter?"

"Ja, für Blätter."

Alle sahn ihn mit unverhohlener Neugier an, nicht ohne Misstrauen. Und

der Lehrer sagte nochmal:

"So, f--ff--für die Blätter."

Er hatte eine ungelenke Zunge. Er umging das Stottern, indem er die

widerspenstigen Laute vorsichtig anfasste und bedächtig zögernd wieder

entliess.

Randers hatte schon am dritten Tag den Koffer wieder packen wollen,

hatte es einen Tag aufgeschoben, weil es gerade regnete, einen andern,

weil es zu heiss war und er sich müde und unlustig fühlte. Und nun war

er immer noch hier, hatte sich unmerklich eingewöhnt und liess es gehen,

wie es ging.

Tagsüber lag er auf dem Rücken im Waldmoos, eingelullt von dem leisen

Rauschen des Buchenlaubes, dem einzigen Geräusch, das ihm einigermassen

den eintönigen Gesang des Meeres ersetzen konnte, oder er drängte sich

mit seiner langen, hageren Figur durch das dichte Unterholz, auf

schmalen, verwilderten Fusssteigen, wo es ihm besser gefiel als unter

den hohen Buchen, die er freilich nirgends so prächtig gefunden hatte

wie hier, ausgenommen natürlich in Dänemark, seinem geliebten Dänemark.

Aber das niedere Dickicht hatte es ihm angetan. So ganz eingeschlossen

in der grünen Wildnis, die ihn in Kopfhöhe überdachte, in unmittelbarer

Berührung mit diesem Gewirr von Zweigen und Blattwerk, so ganz in dieser

grünen Enge eingeschlossen war es ihm erst wohl.

Einmal in diesen acht Tagen hatte ihn seine Sehnsucht an die Ostsee

geführt, die ein paar Stunden von hier ihre schläfrigen Wellen auf den

Sand des flachen, langweiligen Strandes warf.

Da hatte er ein Bad genommen und hatte dann fast zwei Stunden lang auf

dem Rücken im warmen Sand gelegen, die kühle Seeluft geatmet, Verse

gemacht und an ein kleines Mädchen in rotem Wollkleid gedacht. Gedanken,

die nicht tief herkamen, die aber hartnäckig waren.

Es war eigentlich nur das rote Wollkleid gewesen, das ihn beschäftigt

hatte. Diese grelle, rote Farbe, die wie ein Fleck auf allem lag, wohin

er sah, auf dem Wasser, auf dem gelben Sand, und in der hellen

zitternden Luft tanzte.

Ja, ja, das kam noch auf das bewusste Konto. Hallucinationen. Er hatte

auch gar zu wüst gelebt, den ganzen Winter. Aber er sollte ja auch nur

darüber hinweg kommen. So ein Abschied für immer ist keine Kleinigkeit.

Und es hatte doch tiefer bei ihm gesessen. Schliesslich geht's auf die

Nerven. Erst dies Verhältnis, dann der Alkohol, Kopfschmerz,

Schlaflosigkeit, Gespenster. Es war nicht mehr zum aushalten gewesen. Er

hatte zuletzt mit dem Arzt sprechen müssen. Der untersuchte ihn

gründlich; kerngesund. Aber hier oben, mein Lieber, diese Knoten auf dem

Kopf da. Sehen sie sich vor. Etwas weniger Spirituosen. Es ist weiter

nichts als das. Gehen Sie ein paar Wochen an die See. Immer draussen.

Oder machen Sie eine Fusstour. Aber wie gesagt: höchstens zwei Glas!

Das war's, was ihn seinen Koffer hatte packen lassen. Der Arzt hatte

recht, es ging wirklich nicht so weiter, wollte er noch ein paar Jahre

leben. Und das wollte er. Sein Leben lag doch noch vor ihm, das Leben,

das seiner Natur gemäss wäre. Und das war ja sein einziges Streben, sich

mal ausleben zu können, ein paar Jahre nur, ganz souverän, keinem willig

und gehorsam als nur den Geboten seiner Natur. Und dazu bedurfte er der

Gesundheit. Es käme ja sonst nicht darauf an, ein paar Jahre früher oder

später abzutreten. Aber nur jetzt noch nicht, jetzt, wo er endlich die

Mittel hatte, sich sein Leben nach seinen Wünschen einzurichten. Zehn

Jahre würde sein kleines Kapital ausreichen, zehn Jahre ungebundenen

Sichauslebens. Die wollte er geniessen. Und dann? Er war nicht der Mann

sich mit dem zu beschäftigen, was nach zehn Jahren sein könnte.

4.

Randers sass in halbliegender Stellung auf der Bank unter den alten

Buchen, die dem Schulhause gegenüber ihre hohen teilweise abgestorbenen

Kronen allen Winden aussetzten. Diese Buchen, einen geräumigen Rundplatz

einfassend, bildeten gleichsam das Portal zu dem Unterholz, das sich an

dem ausgefahrenen Landweg hinzog und sich in einer Tiefe von einer

Viertelstunde Wegs vor dem hügeligen Hochwald lagerte.

Die Moosdecke dieses Platzes war schadhaft und zeigte Spuren von

Kinderspielen. Um die Bank herum war jede Vegetation von den Füssen

niedergetreten. Das nackte Erdreich bildete eine harte Tenne. Da lagen

Papierfetzen und allerlei Abfall umher, der anzeigte, dass die

weiblichen Mitglieder der Lehrerfamilie hier oft ihren Aufenthalt nahmen

und einen Teil der häuslichen Tätigkeit hierherverlegten.

Randers ärgerte sich über diese Verunzierung des hübschen Waldplatzes,

diese "Besudelung der Natur" mit menschlichem Krimskram. Einen

grellbunten Fetzen eines schottischen Kleiderstoffes, der ihn besonders

erboste, hatte er wütend mit der Spitze seines Spazierstockes hinter

sich geschleudert. Er wehte lustig, ein bunter Wimpel, in den Zweigen

eines jungen weissstämmigen Birkenbäumchens. Randers hätte das Fähnlein

gerne da heruntergeholt, aber es war ihm zu mühsam, darum aufzustehen.

Er hatte gelesen, oder vielmehr zu lesen versucht: Storms "Waldwinkel".

Aber die unruhigen Schatten des leicht bewegten Laubes, die auf den

Blättern des Buches einen Zittertanz aufführten und die Buchstaben mit

hineinrissen, und das leise Laubgelispel um ihn her störten ihn. Auch

das Schwärmen der Bienen belästigte ihn. Es war ein ununterbrochenes

Summen um ihn. Aus den Stöcken des Lehrers kamen sie, über die Blumen

des Gartens und die Honigträger am Grabenrand der Landstrasse her, nach

dem breiten Waldsteig, wo Bienensaug, Brombeerblüte und hundert andere

süsse Schüsseln lockten.

Und dann war noch ein andres, was ihn ablenkte. Seine Gedanken kehrten

immer wieder zu Gerd Gerdsens Brief zurück, den er heute morgen

beantwortet hatte.

Ja das könnte etwas werden! Das würde ihm Spass machen. Spass? Nein,

durchaus ernst wollte er es nehmen. Was gab es da nicht alles zu

berichten und zu--beichten. Er geriet in ein Grübeln über sich und sein

Schicksal, und ging hier einen Weg zurück und da einen anderen, um auf

die Anfänge dieser und jener Richtung in seinem Charakter zu stossen.

Und die Wege führten ihn zurück in die Kindheit, in das kleine

Fischerdorf an der Ostsee. Er sah das väterliche Pfarrhaus vor sich, mit

den wilden Rosen um Tür und Fenster, mit dem kleinen Blumengarten vorn

und dem grossen Küchengarten hinten, der an den Deich stiess. Er sah das

bunte, rote Laub der Weinlaube, die weissen und lila Sterne der Astern,

den ganzen farbigen Herbstgarten.

Warum er nur die Heimat immer im Herbstschmuck sah? Weil da die Äpfel

reif waren? Oder waren es nicht die Äpfel, sondern nur die Aussicht auf

die See, die er auf dem luftigen Sitz im Apfelbaum genoss, was ihm diese

Erinnerung so wert machte?

Die Kronen der alten krummästigen Bäume ragten über den niedrigen Deich

hinüber, und es war lustig, da oben zu sitzen und mit den Blicken den

Segeln draussen zu folgen. Aber lustiger noch war es auf der alten

Pappel, lustiger und höher. Wie er das erstemal da hinauf geklettert war

und so hoch über der Erde, ganz den Blicken entzogen, auf die weite See

hinaussah, war ihm zum ersten Mal das Gefühl romantischer Einsamkeit mit

süssen Schauern aufgegangen.

Wie oft hatte er da oben gesessen und sich seinen Träumen überlassen,

Träumen, die ihn hinaustrugen auf das weite Meer, in fremde Länder, auf

einsame Inseln, durch Sturm und Gefahren.

Ja, da oben war er zu dem geworden, was er war, da oben hatte er diese

Liebe zur Freiheit eingesogen, den Drang, sich abzusondern, immer in

Pappelhöhe über der Menge. Was konnte er von da oben nicht alles

übersehen! Den kleinen Fischerhafen, die kleine Flotte der

Fischerkutter. Er kannte jedes Fahrzeug, jedes Segel. Da lag auch des

alten Jönksen Boot, des alten Schweden, von dem er den ersten Schluck

Branntwein bekam, und da lag, wenn er sich auf seinem hohen Sitz

umdrehte, die Hütte des alten Jönksen, nur durch zwei andere Hütten vom

Pastorat getrennt. Man konnte von dem hinteren Pfarrgarten über die

kleinen Nachbargärten hinweg in Jönksens Garten sehen, wo immer Wäsche

hing, Wäsche, für die Randers ein besonderes Interesse hatte, denn sie

war von Inge Jönksen da hingehängt. Inge, die fünfzehnjährige Inge

Jönksen! Das war seine erste Liebe gewesen.

Ach, die Romantik dieser ersten Liebe, die ihre junge Brust dem Meerwind

bot, und sich auf den Wellen schaukelte, oder klopfenden Herzens hinter

dem Zaun des väterlichen Gartens stand und hinüberlugte, wo Inges

blonder Zopf schwankte und ihre braunen Arme sich hoben und senkten und

grobe blaue Wollhemden, dicke graue Strümpfe, und verwaschene Schürzen,

alles vielfach gepflickt und gestopft, über die Wäscheleine klammerten.

Aber am schönsten war es doch, wenn sie zusammen in ihres Vaters Boot

hinausfuhren und sich unter das braune Segel duckten, wenn der Alte den

Kurs änderte und das breite Tuch klatschend herumschlug. Wie lustig das

war! Wie die Inge lachen konnte! Und wobei gibt es wohl mehr zu lachen,

als wenn zwei junge Menschenkinder, die sich gerne haben, gezwungen

werden, schnell die Köpfe zusammenzustecken. "Achtung! Kopf weg!"

O, was konnte er Gerd Gerdsen alles von Inge und dieser schönen Zeit

erzählen. Daraus konnte der allein einen rechtschaffenen Roman zimmern.

Wie lebendig stand alles vor ihm, die ganze Idylle seiner glücklichen

Jugend in dem kleinen Fischerhafen. Er wollte das festhalten für Gerd

Gerdsen, heute nachmittag noch. Und er wollte alles unterstreichen für

den Chronisten seines Lebens, was einen Keim trug zu seiner späteren

Entwickelung. Die See mit ihrem Einfluss, das fromme, aber nicht strenge

Leben im Elternhaus, das ungebundene Treiben mit den Dorfkindern, die

Pappel; ja die vor allem! Merkwürdig, er sah immer diese Pappel vor

sich, als wäre sie der Mittelpunkt seiner ganzen Jugendzeit, der Mast,

um den sich dieses ganze lustige Karussell drehte.

Und dann die Schnapsflasche des alten Jönksen. Brrr! Er erinnerte sich

noch des ersten Schluckes und seiner höllischen Wirkung. Auch diese

Schnapsflasche durfte er seinem Chronisten nicht unterschlagen, sie

gehörte mit zu den "Quellen". Und darauf kam es ja an, alle Quellen

bloss zu legen, aus denen sein Leben sich speiste, alle Bäche und

Bächlein, die zusammenflossen zu dem einen rätselhaften Gewässer voller

Klippen und Untiefen, das sich der Charakter des Doktors der Philosophie

Henning Randers nannte.

Ja, es sollte dem Freund nicht an Daten und Dokumenten fehlen. Er wollte

ihm sitzen geduldig und nackt, ohne Schleier. Und dann würde es etwas

werden, wovor jeder die Augen aufreissen würde, und er selbst wollte mit

einer wehmütigen Lust vor seinem Bilde stehn, und mit einer diabolischen

Freude über diese Selbstprostituierung.

Dieser Gedanke machte ihn mit einmal lebendig. Er steckte das Buch zu

sich und ging mit dem Ausdruck eines Menschen, der in einer wichtigen

Sache einen guten Entschluss gefasst hat, leicht und schnell den Waldweg

hinauf. Einen Augenblick zögerte er beim ersten Jägersteig, der in das

Buschwerk abbog und dessen dunkle Öffnung ihn so einladend ansah, aber

er blieb diesmal auf dem breiten Weg, dem Holz, und Wildfuhren tiefe

Furchen eingegraben hatten.

Der Weg war sonnig. Das niedre Seitenholz warf seinen Schatten um diese

vorgerückte Morgenstunde kaum einen Fuss breit. Da gab es Bienensaug und

gelben Löwenzahn, und roten und weissen Klee, und Männertreu und wilde

Stiefmütterchen. Hin und wieder an feuchten Grabenstellen

Vergissmeinnicht, in grossen Mengen bei einander. Und überall am

Waldrand hin Farren und Feldschachtelhalm. Und überall Bienen und

Schmetterlinge.

Um einen Brombeerstrauch, der an seinem schattigen Platz etwas

zurückgeblieben war und fast noch ganz in Blüte stand, gaukelte ein

Schwarm Kohlweisslinge, darunter zwei himmelblaue Zwergfalter. Randers

blieb stehen und sah eine Weile diesen leuchtenden, flimmernden,

lautlosen Schmetterlingsspielen zu. Es unterhielt ihn, belustigte ihn,

wie sich Schmetterlinge und Bienen die süssen Tropfen streitig machten.

Es war ein ähnliches Behagen, wie das, womit er zusah, wenn sich zwei

Jungen balgten. Wer ist der stärkere? Ha! Bravo! Der sitzt! Recht so,

zeig's ihm!

So stand er und sah lächelnd in diese Flügelschlacht.

Es war ein beständiges Kommen und Fliehen und das Gezitter und Gefächel

aller dieser weissen Flügel über den weissen Blüten in der hellen

weissen Sonne blendete ihn zuletzt.

Es war ganz still. Man hörte nichts als das anheimelnde Summen der

Bienen. Hin und wieder das Geräusch knackender Zweige, wenn ein

Tannenzapfen zu Boden fiel, oder ein Taubengurren, und von den

entfernten Weiden her das gedämpfte Brüllen der Rinder.

5.

Am Lohteich traf Randers auf Claus Mumm, den Holzfäller.

Der Lohteich war ein kleiner Waldsee, ganz von hohen Buchen umgeben,

deren weitüberhängende Zweige sich nach den weissen Wasserrosen zu

sehnen schienen, die in ihrem Schatten auf dem stillen Wasserspiegel

schwammen. Im Schilfgürtel standen ein paar hohe gelbe Schwertlilien,

leuchtend in dem saftigen Grün um sie her.

Randers kämpfte mit der Lust eine besonders prächtige Lilie zu pflücken,

als Claus Mumm heranschlürfte und seine Aufmerksamkeit ablenkte.

Der Alte ging gebückt unter einer Last dürren Zweigholzes und gestützt

auf einem derben Knüppel, den er irgendwo aufgelesen haben mochte. Er

rückte mit der Hand etwas an seiner grauen Wollmütze und sah mit scheuem

Blick aus den kleinen, trüben, rotumränderten Augen zu Randers auf. Ein

stummer unterwürfiger Gruss, in dem viel Druck lag. Der Alte seufzte

unter mehr als unter der Last des seinem mürben Rücken aufgeladenen

Holzes.

"Dag Mumm, wo geit?"

Der Alte blieb stehen.

"Na, woans is dat? hebben Se noch nix hürt?"

"Ne Herr! He sitt ja nu erst."

Er sah kaum auf beim Sprechen, seine Stimme klang engbrüstig, pfeifend.

Eine traurige, gedrückte Stimme, die zu den scheuen, traurigen, kranken

Augen passte.

"Hebben Se denn Hoffnung?" fragte Randers

Ein kurzer Aufblick der müden Augen war die ganze Antwort. Dann setzten

sich die alten Beine in schlürfende Bewegung. Es lag etwas

Hoffnungsloses in diesem stummen Abbrechen.

"Adjüs Mumm," rief Randers ihm nach. "Laten Se man den Mood nicht

sinken."

Petersen, der Lehrer, hatte ihm von dem Alten erzählt, dessen einziger

Sohn wegen Mordes in Untersuchungshaft sass. Es war nur eine halbe

Erzählung geworden, durch Dazwischenkunft anderer gestört. Nachher waren

sie nicht wieder darauf zurückgekommen. Jetzt war Randersens Neugier

durch diese Begegnung wieder rege geworden. Den Alten selbst hatte er

nicht ausfragen mögen.

Es war ein Mädchenmord, an der eigenen Geliebten begangen, die

unverständliche Tat eines überall beliebten, unbescholtenen Burschen.

Ein Rätsel. Um eine ältere Verpflichtung gegen eine andere, die ein Kind

von ihm trug, erfüllen zu können, hatte er den Mord begangen. Warum

tötete er nicht die ungeliebte, unbequeme Mahnerin?

Randers dachte sich in die Seele dieses einfachen Knechtes hinein. Der

Fall interessierte ihn. Es war etwas für seinen psychologischen

Spürsinn. Und nun kombinierte er sich so eine Bauernpsyche nach seinem

Bilde, und es lag ihm alles so klar auf der Hand, und er wollte eine

Novelle daraus machen, er oder Gerd Gerdsen. So eine moderne

Bauernnovelle für die Feinschmecker.

Er lachte bitter auf bei dem Gedanken. Da wollte er mal wieder etwas.

Was wollte er nicht alles. Er würde auch diesmal nicht über den Plan

hinauskommen, er der grosse Woller und Nichtskönner. Aber einerlei,

vielleicht glückte es diesmal. Hier war ein bestimmter Fall, hier lagen

Tatsachen vor, Dokumente. Petersen musste noch mal heran. Der erzählte

so nett umständlich, mit allem Drum und Dran, was einen andern zur

Verzweiflung bringen musste, aber für den Psychologen gerade das rechte

war, weil es ihm Fäden in die Hand gab.

Auf hügeligen Wegen hatte Randers allmählich auch den Hochwald

durchquert. Der schmale Waldstieg mündete durch einen Wallausschnitt in

einen sanftabfallenden Landweg. Reifender Roggen dehnte sich weit aus,

ein gelbes, unbewegtes Feld, dahinter ein Schlag noch graugrünen Hafers,

dann, aus einer Talmulde heraus, Strohdächer, ein ganzes Dorf. Ganz

hinten Wald, lang ausgestreckt.

Randers erkletterte den buschigen Wall, um besser Rundschau halten zu

können.

"Ob man weiter geht?" sagte er laut.

Eine heisse Luft lag über den Feldern, ein flimmernder Dunst. Der Himmel

spannte sich wolkenlos darüber.

Randers stand regungslos und sah in die sonnige Landschaft hinein, wie

hypnotisiert von dem Meer von Licht da draussen.

"Die Sonne bei der Arbeit," sprach er halblaut. "Die Sonne beim

Brutgeschäft. Diese grosse Muttertätigkeit." Es lag ein leiser

Widerwille im Ton.

"Diese ewige Zeugung, dieses unendliche Gebären. Sinnlos, zwecklos.

Wozu? Diese ekelhafte Geilheit der Natur."

Nein, er wollte da nicht hinein in diese Bruthitze. Er wollte zurück in

den Wald. Da draussen war ein Schweissduft über der üppigen

Kornlandschaft. Mühseliges Sichabrackern ums tägliche Brot.

Im Wald roch er wenigstens den Menschen nicht.

Er wandte sich ab und sprang mit geschlossenen Beinen, etwas steif von

dem Wall herunter, dass das trockene Bodenlaub unter seinen Füssen

aufraschelte und die dürren Zweigabfälle knackten.

Er ging ziellos durchs Unterholz und traf auf einen Himbeerstand.

Er erinnerte sich, dass Schullehrers Christine ihm von einem solchen

gesprochen hatte. In der Nähe des Lohteiches sollte er sein.

Es war ein ganzes Himbeerfeld, mehr ein kleiner Himbeerwald. Busch an

Busch, voller roter, reifer Früchte. Er naschte. Er gab nicht viel um

dergleichen Schmaus. Aber er konnte die Dinger doch nicht hängen sehen,

ohne zu pflücken, wahllos, wie sie ihm am nächsten hingen.

Dann bekam er es satt und legte sich auf den Rücken. Der Boden war

stellenweise glatt und sauber, zum Ruhelager wohl geeignet. Es standen

nur wenige grosse Bäume hier, und er hatte einen freien Blick auf ein

grosses Stück Himmel. Es hing nur ein einziges Wölkchen da oben, wie

vergessen. Eine weisse, duftige Feder, zierlich geschweift, ein Flaum.

6.

Randers lag im Schatten, die Arme unter dem Genick verschränkt, und

starrte in die Sonne hinaus. Und da waren gleich wieder die roten

Flocken, tanzten vor seinen Augen. Das rote Röckchen von Schullehrers

Christine.

Sie hatte gestern hier Himbeeren geholt. Ob sie heute wieder pflücken

würde? Und er sah sie vor sich, in ihrem roten, etwas kurzen Kleid, aus

dem die Fünfzehnjährige herausgewachsen war, mit ihren zwei schweren,

schwarzen Zöpfen, und der adretten, etwas kecken Haltung, frisch,

kernig, gesund.

Sie war ihm gleich aufgefallen, und er mochte das hübsche Ding leiden.

Das Kind! Und er hatte es sie unverhohlen merken lassen, indem er sie

mit etwas onkelhafter Güte behandelte.

Aber neulich, vor drei Tagen, als sie in später Abendstunde neben ihm

vor der Haustür stand, ein Gewitter hatte sie länger wach gehalten, da

hatte sie so eigen mit ihren grossen schwarzbraunen Augen zu ihm

aufgesehn und auf seine Reden immer nur verschämte wortkarge Gegenrede

gewusst.

Auch jetzt sah er diese grossen, dunklen Kinderaugen mit diesem

wunderlichen halb scheuen halb fragenden Ausdruck so aus dem Leeren auf

sich gerichtet. Dann schoss das andere so zusammen, und zuletzt hätte er

sie zeichnen können, so deutlich sah er sie vor sich: das rote Röckchen

mit dem verschämten Flicken unten am Saum, die etwas grossen Füsse in

den Holzpantoffeln, die grauen, groben Strümpfe um die vollen festen

Waden.

Als er so an sie dachte, kam sie, kam wie gerufen. Er erstaunte nicht

mal darüber. Nur ein flüchtiges Lächeln, ein leises vergnügtes

Schmunzeln ging über sein Gesicht, und den Kopf ein wenig erhoben, um

besser sehen zu können, nickte er wie zur Bestätigung eines

unausgesprochenen Gedankens.

Sie war ohne Hut, ganz wie sie im Hause, in der Wirtschaft ging, aber in

Stiefeln, statt in Pantoffeln. Sie trug einen grossen, braunen

Henkelkrug, aus dem sie naschte. Sie mochte schon unterwegs Beeren

gepflückt haben, sie standen überall reichlich, freilich nirgend so wie

hier.

Sie sah ihn nicht und fing gleich an zu pflücken.

Ob er sie anrief? Es machte ihm Spass, sie so heimlich zu beobachten.

Alle Augenblicke warf sie eine der vollen Flechten über die Schulter

zurück. Immer, wenn sie sich tiefer bückte, fiel wieder eine nach vorne.

Zuletzt liess sie sie hängen, wie sie wollten.

Er lag ganz still und freute sich des Augenblicks, wo sie ihn gewahr

würde und einen Schrecken bekäme. Aber seine Geduld wurde auf eine harte

Probe gestellt. Die Kleine suchte gründlich Busch für Busch ab und

entfernte sich dabei immer mehr von ihm. Zuletzt hielt er's nicht mehr

aus und klatschte laut in die Hände.

Erschrocken fuhr sie mit dem Kopf herum, sah nach allen Seiten, mit

grossen neugierigen Augen, aber durchaus nicht ängstlich. Sie war

augenscheinlich das einsame Umherstreifen gewohnt und kannte keine

Furcht.

Wenn nun ein andrer hier läge?

Sie war doch schon in dem Alter.

Und dann gingen ihm flüchtig allerlei Gedanken an Mord und Verbrechen

durch den Kopf und die Geschichte mit dem jungen Mumm.

Er klatschte noch einmal, richtete sich halb auf und lachte ihr hell ins

Gesicht.

"Nein, aber Gott doch, was haben Sie mich erschreckt," rief sie, lachte

aber vergnügt über den Spass und kam gleich zu ihm hin.

"Sehen Sie mal, so viele."

Sie hielt ihm mit kindlicher Freude den schon halbgefüllten Topf hin. Er

fuhr mit der Hand hinein, so dass sie mit einem kleinen Aufschrei das

Gefäss zurückzog.

"Die gehn ja alle kaputt," schalt sie.

Dann liess sie sich ungeniert vor ihm aufs Knie nieder und hielt ihm den

Topf bequem, leicht schüttelnd, dass ihm die losen Beeren in die

geöffneten Hände rollten.

"Noch'n paar," drängte sie, aber er wollte nicht mehr.

"Nun setz dich erst mal'n bisschen hierher," sagte er.

Sie war gerade aufgestanden und sah ihn etwas verschämt an. Aber sie

lachte dabei, und ihre Augen verrieten, dass sie wohl Lust hätte. Er

rückte ein wenig beiseite, und diese stumme Aufforderung genügte. Sie

setzte sich zu ihm in schrittweiter Entfernung, fing auch frischweg an

zu plaudern, kindlich ungeniert: wie heiss es heute wäre, und ob er

schon lange hier läge, und ob er über den Fuchsberg gekommen wäre oder

am Lohteich längs.

Als sie den Fuchsberg nannte, wollte er fragen, wo der sei, er hatte ihn

neulich vergeblich gesucht. Aber die Erwähnung des Lohteichs brachte ihn

wieder davon ab und auf den alten Mumm.

"Sag mal," fragte er, "was ist das eigentlich mit dem Mumm für eine

Mordgeschichte?"

"Nicht wahr, wie schrecklich?" sagte sie.

"Der hat seine Braut ermordet, was?"

"Ja, die eine."

"Die eine?" fragte er.

Er musste lachen.

"Hat er denn mehr gehabt?"

Sie wurde ganz rot, halb aus Verlegenheit, weil sie aus seinem Lachen

entnahm, dass sie wohl eine Dummheit gesagt hatte, halb aus Scham, der

Sache wegen.

"Ist das hier passiert, in diesem Holz?" fragte er.

"Etwas weiter längs."

Sie zeigte mit der Hand nach links:

"Im Schreiberholz; wissen Sie?"

Er wusste.

"Ob sie ihm nun wohl was tun?" meinte sie.

"Wenn er es getan hat."

"Möchten Sie das wohl sehen?"

"Möchtest du das?"

Sie besann sich einen Augenblick, während ihre Augen sich vergrösserten.

"Gitt e gitt," rief sie affektiert und wandte sich wie vor etwas

Entsetzlichem ab. Aber ihre Augen straften sie Lügen. Er merkte es wohl.

Aber das "Gitt e gitt" kam so komisch heraus, dass er lachen musste.

Sie lachte ganz lustig mit, aus Lust am Lachen. Das war ihm gerade

recht. Was sprach er auch mit ihr von Mord und Hinrichtung. War das eine

Unterhaltung für sie?

Er wälzte sich mit einer Schwenkung näher und lag jetzt auf dem Bauche,

die Ellenbogen aufgestützt und, die Hände gefaltet.

Sie hatte einen Himbeerfleck auf der Schürze, und er machte sie darauf

aufmerksam.

Sie verzog den Mund etwas.

"Das macht nichts."

"Und genascht hast du auch," fuhr er fort. "Da sieht man's."

Er zeigte mit dem Finger nach einem Fruchtfleck auf ihrer linken Backe.

Sie bog sich zurück und schlug nach seiner Hand.

"Wo?" fragte sie und machte einen vergeblichen Schielversuch nach dem

Fleck. Er tupfte nochmal mit dem Finger nach ihrem Gesicht, und da sie

es nicht dulden wollte, fing er ihre Hände ein, hielt sie mit einer Hand

umklammert, richtete sich halb auf und berührte etwas unsanft mit dem

Zeigefinger die Stelle auf ihrer runden, weichen Wange.

Sie kreischte auf und rang mit ihm.

"Du Racker."

Er hatte wirklich Mühe sie zu halten. Er lag auf den Knieen vor ihr. Auf

einmal riss er sie fest an sich und küsste sie.

Sie schrie auf und schnellte zurück, als er sie los liess. Sie war mehr

erschrocken als gekränkt, und sah mit einem etwas dümmlichen Lachen auf

ihre Schürze.

Ihre Schulmädchenhaftigkeit machte ihn vor sich selbst lächerlich. Wie

kam er dazu, dieses Kind zu küssen. Er fühlte das Bedürfnis, sich vor

sich selbst zu entschuldigen.

"Siehst du, das ist die Strafe," sagte er aufstehend.

"Wofür?" fragte sie patzig.

"Für das Naschen."

"Ach Sie!"

Sie machte eine eigensinnige Schulterbewegung und rieb mit dem

Schürzenzipfel, den sie unbedenklich mit der Zunge befeuchtete, den

Fruchtflecken auf ihrer Backe.

"Na, adieu Kind," sagte er und reichte ihr die Hand. "Nun pflück auch

fleissig."

"Wollen Sie schon gehen?"

Er sah in ihren Blicken, dass sie gerne gesehen hätte, wenn er noch bei

ihr bliebe. Aber er nickte ihr freundlich zu und ging.

Verdutzt sah sie ihm nach. Enttäuschung malte sich auf dem hübschen

Kindergesicht, Unmut und Übellaunigkeit. Und die Spitze des rechten

Daumens zwischen die festen weissen Zähne geklemmt, stand sie noch eine

ganze Weile fast regungslos und sah mit grossen Augen in die Richtung,

wo er verschwand.

7.

Mutter Petersen stand vor der Haustür und trieb Randers mit

Händeklatschen zur Eile an. Er hatte sich verspätet, sie warteten schon

auf ihn, die Suppe stand auf dem Tisch.

Während des Tischgebetes, das jeder leise vor sich hinsprach, sah er in

seinen Teller. Er hatte schon lange kein Tischgebet mehr gesprochen. Es

war ihm schon im Elternhause, wo es die Reihe herumging, zu einer leeren

Form geworden.

"Liebster Jesu! sei unser Gast

Und segne, was du bescheret hast

Amen!"

Gesegnete Mahlzeit! Auch so eine Redensart.

Später war es ihm geradezu gegen den Geschmack. Es war ihm würdelos,

unanständig, der unpassendste Augenblick, Gottes Wort oder nur seinen

Namen in den Mund zu nehmen, wenn in diesem Mund schon das Wasser

zusammenlief nach dem Braten, und der dampfende Kohl die Nase kitzelte.

Aber anfangs hatte es ihn doch angeheimelt, das erste Mal und einige

Tage lang, als sie hier alle die Köpfe senkten und andachtsvoll auf die

gefalteten Hände in den Schoss sahen, bevor sie mit dem Löffel in die

Suppe fuhren. Das war so patriarchalisch, schlicht und einfältig. Er

tauchte in diese einfältige Frömmigkeit mit unter, es kam ein Gefühl des

Geborgenseins und des Vertrauens über ihn, wie im Elternhaus, und er

empfand einen grossen Respekt vor diesen einfachen Leuten. Aber zuletzt

war es ihm doch wieder komisch vorgekommen, dieses beinahe

marionettenhafte stumme Beten.

Er hatte verstohlen beobachtet. Der Schullehrer machte es einfach,

still, fast demütig. Es lag eine gewisse Würde in seinem Tun. Aber

Mutter Petersen machte es mit einer gewissen Ostentation, ruckweise, mit

strammen, kurzen Bewegungen, gleichsam taktmässig, im Paradeschritt vor

ihrem Herrn und Heiland. War sie fertig, griff sie sofort munter zum

Löffel, während ihr Eheherr auch darin eine gemessene Würde bewahrte,

langsam, zögernd nach dem Löffel langte, als schäme er sich, Profanes

und Heiliges so unvermittelt an einander zu koppeln.

Christine machte es nach Kinderart, gründlich, als sagte sie alle Gebete

her, die sie wusste. Aber ihre Augen gingen dabei verstohlen von einem

zum andern, und nie hörte sie vor den Eltern zu beten auf.

Heute sass sie verlegen vor ihrem Teller.

Randers wusste warum.

"Es war sehr jungshaft von dir," dachte er. "Wie konntest du dieses

Gänschen da küssen." Er schämte sich.

Nach Tisch lag er wieder auf der Bank unter den Buchen. Da lag er

lange, erst im Halbschlaf, die Stimmen der Schulkinder hörend und das

Geklapper ihrer Holzpantoffeln. Der Lehrer klatschte in die Hände, das

Signal, womit er den Anfang der Schulstunde verkündete und die Säumigen

von der Landstrasse und dem Spielplatz hinter dem Schulhause in die

Klasse rief. Randers versuchte etwas zu lesen, fiel aber wieder in den

dumpfen Zustand zwischen Wachen und Träumen zurück, bis er sich

gewaltsam aufraffte und die Müdigkeit abschüttelte.

Er steckte sich eine Cigarre an und begann in sein Notizbuch zu

kritzeln, Verse, die er den ganzen Morgen mit sich herumgetragen:

Umzwitschert rings von muntern Vogelscharen,

Steht mir vor Augen einer Laube Blühen,

Und vor dem Tische unter goldnen Haaren

Seh flutentief ein Auge ich erglühen.

Was trieb es mich, mit Glück und Stern zu sparen

Und mich zu weihen törichtem Bemühen?

Nun schüre ich in Aschen, die vor Jahren

Geglüht, und seh sie in die Winde sprühen.

Er hatte wieder die Sicilianenwut. Eine ganze Reihe von diesen Dingern

hatte er in der letzten Woche hingekritzelt, mit Blei, in kaum lesbarer

Schrift. Es stand alles bunt durcheinander! Einfälle über Kunst und

Literatur, Schuldenberechnungen, Wäschenotizen, und allerlei

gleichgültige Aufzeichnungen für den Tag. Manchmal war ein kräftiges

Urteil quer darüber geschrieben, wie: Unsinn! Blödsinn! Gewäsch!

Randers hatte eigentlich Notizen für Gerd Gerdsen machen wollen an

diesem Nachmittag. Aufzeichnungen aus seiner Jugendzeit. Aber er wollte

es nun lieber bis morgen lassen. Es träumte sich so nett hier.

Vom SchülhauseSchulhauselangen abgerissene Töne eines Kirchenliedes,

helle Kinderstimmen, und ab und an der harte, heisere Bass des Lehrers.

8.

Abends kam ein Gewitter. Es war schnell heraufgezogen. Aus der alten

Wetterecke hinter dem Schulhause und dem Lehreracker, wo die Wildkoppel

und das Fürstenholz in einem stumpfen Winkel zusammenstiessen, kam es

her, eine schwarze Wand, die sich gleichmässig vorschob. Eben hatte noch

die Sonne hinter dem Fürstenberg ein rotes Feuer angezündet, und jetzt

war alles finster. Eine unheimliche Stille. Kein Blatt rührte sich.

Alles war wie verstummt und erstarrt vor Angst. Dann ein dumpfes

Grollen, einmal, langhinrollend, dann Tropfen, zögernd, schwer

auffallend, gleichsam versuchsweise.

Randers lag in seinem Zimmer auf dem Sofa und sah durch das offene

Fenster auf die dunkle Landstrasse. Draussen zerrte der Schullehrer

seine beiden Kühe hinter sich her. Die Ketten klirrten und die schweren

Holzpflöcke schleiften über den Kies des Gartens.

Dann kam der erste Blitz und ein heller, knatternder Donner. Und die

Holunderbüsche im Garten legten sich fast ganz auf die Seite und die

Fensterflügel rüttelten in den Angeln und eine Tür schlug zu.

Und dann rauschte der Regen herab. War das ein Platschen und Klatschen,

und Spritzen und Tropfen, von allen Zweigen, von der Dachrinne, vom

Gesimse. Drüben warf der Wind die Kronen der hohen Buchen hin und her.

"Wie ein Schiff im Sturm," sagte Randers. Und er sah dieses Schiff, sah

es ganz deutlich. Es war ein grosser Dampfer. Die Wellen stürzten aufs

Deck. Die Masten krachten, er sah die entsetzten Passagiere, hörte ihr

Schreien. Und er sah den Kampf um die Rettungsgürtel.

Aber das alles verlor sich, verwirrte sich ihm in ein undeutliches

Gewimmel. Klar sah er nur den Kapitän auf der Brücke. Der ist blass bis

unter die Mütze, die mit dem Sturmband unterm Kinn befestigt ist. Aber

wie aus Erz steht der Mann da, festgeklammert mit der Eisenfaust an dem

Geländer der Kommandobrücke. Jetzt beugt er sich nieder. Er kritzelt

etwas auf ein Blatt Papier, reicht es dem Lotsen. Der winkt ihm mit

heftigen, überredenden Gebärden. Er schüttelt den Kopf, er will nicht

weichen. Nicht vom Platz!

"Der Held! Der Held der!"

Randers rief es ganz laut. Er glühte vor Aufregung. Könnte er da oben

stehen. Sein Leben dafür!

Bis zum letzten Atemzuge da oben, einen letzten Gruss an Weib und Kind,

und hinein in den brüllenden, schäumenden, herrlichen Mannestod.

Randers sass aufrecht auf dem Sofa und starrte wie geistesabwesend in

die Blitze und auf die sturmgepeitschten Bäume, als Mutter Petersen ins

Zimmer stürzte und um Christine jammerte. Sie sei nach Schönfelde

gegangen, um etwas vom Krämer zu holen. Nun sei sie gewiss bei dem

Unwetter unterwegs.

"So'n Gör is ja zu dumm!"

Randers sprang auf, er wollte der Kleinen entgegen. Mutter Petersen

wollte das nicht dulden.

"Nein, mein Mann soll. Aber wo is er nur? Er wird bei's Vieh sein!"

Aber Randers war schon draussen. Sie lief ihm nach, ob er denn keinen

Schirm mitnehmen wolle. Aber er hörte nicht, er lief nur immer darauf

los.

Was hatte er auch da auf dem Sofa zu liegen. Warum war er nicht gleich

hinausgelaufen?

Er atmete in tiefen Zügen die feuchte Luft, liess sich den Regen auf die

feuchten Wangen klatschen und den Wind um die Ohren sausen.

Welch ein, Ächzen und Knarren und Sausen und Donnern in den alten Buchen

und Eichen, Ja, das war Musik, die er liebte. Er vergass vor lauter

Lustgefühl beinah, weshalb er eigentlich hier bei dem Unwetter die

Landstrasse entlang lief, beinahe wirklich lief, als gälte es ein

Unglück zu verhüten. Er stürmte nur immer gerade aus und dachte nichts

anderes als: wie köstlich, wie ganz köstlich!

Bis er auf Christine traf. Na, ja, das war's ja! Die Kleine war also

doch unterwegs. Aber sie hatte sich unter ein Nussgebüsch geflüchtet.

Sie hatte den roten Rock von hinten über den Kopf genommen, und vorne

aufgehoben und ihre Krämerpakete hineingewickelt, um sie vor dem Regen

zu schützen. So machte sie eine wunderliche Figur in dem groben, grauen

Wollunterröckchen, Ihr erhitztes Gesicht lugte nur eben aus der

künstlichen Kapuze hervor, so sehr hatte sie sich eingemummelt.

Ihre grossen schwarzen Augen blitzten auf, als sie Randers gewahrte.

"Nein, aber, wo wollen Sie denn hin in diesem Wetter? Sie werden ja

ganz nass!"

"Ich will dich holen, sie ängstigen sich schon um dich."

"Was 'n Unsinn!"

Er stand neben ihr, triefend.

Was nun? Er hätte doch lieber einen Schirm mitnehmen sollen. Jetzt

wurden zwei nass. Aber sie hatte doch Begleitung, Schutz. Wovor? Sie sah

nicht aus, als ob sie sich fürchtete.

Sie sagte nichts weiter, sie schien noch immer in der Erinnerung an die

kleine Geschichte vom Vormittag verlegen zu sein.

"Wir können hier doch nicht stehen bleiben," meinte er.

"Aber es regnet ja noch so."

Da fiel ihm ein, dass er sie mit unter seinen Regenrock nehmen könnte;

sie reichte ihm gerade bis zur Achselhöhle. Das kam ihm so lustig vor.

Er sagte es ihr. Sie wollte nicht, sie zierte sich, obwohl sie Lust dazu

hatte. Das sah er ihr an.

"Dummes Zeug! komm! Du wirst ja bis auf die Haut nass. So. Nimm meinen

Arm."

Sie wehrte auch nicht länger ab, sondern lachte herzlich über diesen

Spass.

"Aber Sie machen so lange Schritte," sagte sie, bemüht, mit ihm Takt zu

halten.

Er passte sich ihren Trippelschritten an, und so stapften sie etwas

unsicher unter einem Mantel auf der nassen Landstrasse hin. Sie sprach

vom Wetter, wie schrecklich es regnete, wie schön die Blitze seien, und

wenn ein besonders lauter, krachender Donner folgte, meinte sie: das hat

gewiss eingeschlagen.

Ihm war es wunderlich zu Mut mit dem jungen Ding allein auf der

stürmischen Landstrasse. Er hatte der Bequemlichkeit wegen seinen

rechten Arm um ihren Nacken gelegt. Er fühlte jede Bewegung des jungen,

lebenswarmen Körpers. Eine keusche Zärtlichkeit überkam ihn. Er war

jetzt ihr Beschützer.

"Geht's so? Gehst du auch trocken?"

"Wunderschön!"

Er führte sie vorsichtig um jede Pfütze herum, so dass sie über seine

ängstliche Vorsorge lachte.

"Ich hab doch schon nasse Füsse."

"Das geht aber nicht."

"Das macht mir nichts."

Ihr hübsches Gesichtchen lachte aus seinem schwarzen Gummimantel heraus.

"Kiek! Seh ich nicht gelungen aus?"

Ob sie gar nicht mehr an den Kuss dachte?

So brachte er sie leidlich trocken nach Haus.

Nachher konnte er nicht einschlafen, trotzdem die Fenster offen standen

und die kühle, nach dem Gewitter erquicklich erfrischte Luft ins Zimmer

Hessen.

Ihm war sonderbar schwül zu Mute.

Als er endlich einschlief, ängsteten ihn wirre Träume.

Er sieht immer Christinens schwarze Augen mit einem seltsamen Ausdruck

auf sich gerichtet. Immer starren sie ihn an, zum Verrücktwerden! Er

schlägt danach, er stürzt sich auf sie. Er packt sie am Hals, sie

lächelt, er würgt sie wie wahnsinnig und empfindet dabei eine namenlose

Angst.

Und dann ist es nicht Christine, die er gewürgt hat, sondern die graue

Dame vom Steg, sein Gespenst! Sie liegt ganz blass vor ihm, mit

geschlossenen Augen, wie eine Wachspuppe. Er dreht sie um wie einen

leblosen Gegenstand; sie hat lederne Beine und lederne Arme. Es ist die

Puppe seiner Schwester.

Und dazu blitzt es unaufhörlich.

Und dann tritt jemand zu ihm und sagt ihm, er müsse jetzt nach oben

kommen, es wäre höchste Zeit, das Schiff würde gleich sinken. Und er

stürzt nach oben, stösst die Knie an den harten messingbeschlagenen

Stufen der schmalen Kajütentreppe. Und oben steht der Kapitän auf der

Kommandobrücke und schreit ihm etwas zu, schreit wie wild und zeigt

immer mit hastigen Stössen nach seinen Händen. Randers sieht seine

Hände an, die sind ganz rot, ganz rot von Blut. Er erschrickt. Nun

stecken sie dich ein.

Und das alte blöde Gesicht Vater Mumms taucht vor ihm auf und sieht ihn

mit den halberloschenen Augen so traurig und vorwurfsvoll an.

Und eine entsetzliche Angst packt ihn, eine wahnsinnige Angst. Er will

fliehen und kann nicht. Jemand hält seine Beine umklammert.

In Schweiss gebadet wachte Randers auf, Der Mond stand noch fast auf

derselben Stelle über dem Buchenportal. Randers konnte nicht lange

geschlafen haben, keine Viertelstunde.

Diese wüsten Träume. Wie sich das alles durcheinanderwirrte!

Und nun gar dieser Mord! Welche wahnsinnige, boshafte Freude hatte er

dabei empfunden, als er diesen weissen Hals würgte, dass diese dummen,

glotzenden schwarzen Augen weit aus ihren Höhlen traten.

Ihm schauderte. Lag das wirklich in ihm? Können Träume etwas in uns

hineintragen, holen sie nicht nur aus uns heraus?

War es nur die Mummsche Geschichte, die diesen Traum auslöste?

Auslöste?

Also mussten Mordgelüste in ihm verborgen sein!

Er meinte nicht auslösen, er meinte es anders. Es war natürlich nichts

als ein Erinnerungsbild. Aber er hatte doch etwas empfunden dabei, und

so intensiv wie kaum je beim Wachen.

Es liegt in uns allen, wir haben alle diese Mordgelüste in uns. Und er

glaubte jetzt auch zu verstehen, warum der junge Mumm seine Geliebte

ermordet hatte. Wenigstens verstand er die Möglichkeit, wenn auch noch

nicht das Motiv.

Und er lag und grübelte weiter nach, verbohrte sich hartnäckig darin.

Und zuletzt kam es ihm doch wieder zu rätselhaft vor.

Oder konnte Liebe in plötzliche Mordlust umschlagen? Ja, gewiss! Ein

ganz bestimmtes Gefühl bejahte das in ihm. Aber die Fäden bloss legen,

wie sich das zusammenspinnt. Die allmählichen Übergänge. Es geschieht da

nichts sprungweise.

Ein Weib aus Liebe zu Tode peinigen!

Er schlief zuletzt wieder ein über diese Grübeleien.

9.

Am folgenden Tage waren alle Wege aufgeweicht. Auf der Landstrasse

standen grosse Pfützen, und im Garten, gerade vor der Haustür, hatte

sich ein kleiner See gebildet.

Als Randers, halb angezogen, durchs offene Fenster die erquickende

Morgenluft einatmete, sah er Christine vor diesem See stehen und ihren

Holzpantoffel mit der Spitze des Fusses wie einen Kahn übers Wasser

lenken. Sie war ganz vertieft in diese kindliche Unterhaltung, so dass

sie das Kommen der Mutter nicht hörte. Auf einmal hatte sie eine

kräftige Ohrfeige weg. Es war Randers, als hätte er sie selbst bekommen.

"Verdammte Deern, das sag ich aber Vater. Das is doch rein zu arg!"

Randers trat bei diesen Scheltworten vom Fenster zurück. Dann hörte er

Weinen und das Klappern sich entfernender Holzpantoffel.

Wie konnte man ein so grosses Mädchen noch schlagen. Er war erbost

darüber.

Am Kaffeetisch war er wortkarg vor Ärger. Christine nahm nicht teil am

Frühstück, sie erhielt ihre Milch und ihr Brot wie immer in der Küche.

Nachher traf er sie auf dem Hofplatz. Sie stand hochaufgeschürzt, mit

blossen Armen, und scheuerte die Milcheimer mit einem kurzen Reisbesen.

Sie war heiss von der Arbeit und ihre Backen glühten. Sie grüsste ihn

sehr verlegen und sah kaum auf von ihrer Arbeit.

Er hatte den wunderlichen Gedanken, auf welche Backe sie wohl den

Schlag empfangen hätte.

Ein richtiges Ohrfeigengesicht, dachte er.

Sie kam ihm so "tumpig" vor, wie sie so verschämt dastand. Und er

empfand gar nichts für sie.

Den Vormittag benutzte er zum Briefschreiben. So sehr er das feuchte

Wetter liebte, diese Wege waren ihm doch zu kotig. Vielleicht war's am

Nachmittag besser, wenn die Sonne ihre Arbeit getan hatte. Sie stand

hell am Himmel und trank die Feuchtigkeit der Luft. Ein leichter Dampf

lag über dem Lehrersacker, über der Waldwiese, die mit einem Zipfel den

Landweg berührte, und über der feuchten, schwarzen Gartenerde, den

Reseda-, Astern- und Stiefmütterchenbeeten.

10.

(Tagebuchblätter.)

Heute an Gerdsen geschrieben, wegen des Romans. Eigentlich eine

schnurrige Idee.

* * * * *

Mit Petersen beim Lehrer in Süssen gewesen. Unterwegs der jungen

Komtesse von Rixdorf begegnet. Lenkte selbst ihre Ponies. Sah leider

nur ihren Rücken.

Wer auch so fahren könnte!

In Süssen Kaffee und Kuchen. Junge, leidlich hübsche Frau, sauber,

appetitlich.

War auch ein "Gemeinderat" da, ein Ziegeleibesitzer und Hufner, ein

gutmütiger Riese. Streit über das neue Gesangbuch. Die Lehrer waren

dafür.

Der Süssener war für die neuen, frischeren Melodieen. Er spielte ein

paar auf dem Klavier. Eine klang wie ein Jägerlied. Der Koloss polterte

dagegen. Die Bauern wollten kein neues Gesangbuch, wollten sich das alte

nicht nehmen lassen. Es ist so lange gut gewesen, in Freud und Leid, ist

ein Stück ihrer Seele geworden. Woraus ihre Eltern und Grosseltern und

Urgrosseltern Trost und Erbauung geholt, auf einmal sollte das nicht

mehr gelten?

"Ne min Gesangbook lat ik mi nich nehmen. Ik lat mi nich vörschriewen,

wat ik singen und beeden schall. Doran lat ik mi nich rögen. Dat is min

Religion. Wat wär dat för'n Religion, de man so quantswies alle fif Johr

mal ännert warden künnt! Häw ik recht?"

Ich hatte den Mann lieb in seinem beschränkten Eifer. Ja, daran soll man

nicht rühren, oder es fällt alles zusammen. So was muss alt sein,

ehrwürdig, durch jahrhundertlange Tradition geheiligt. Das Neue ist den

Leuten nichts. Bibel und Gesangbuch müssen auch äusserlich alt sein,

abgegriffen, blank von vielem Gebrauch, stockfleckig und gesättigt mit

dem Parfüm von Familien- und Krankenstuben.

* * * * *

Bin ich nicht eigentlich ein Erzreaktionär? Adel und Kirche. Obgleich

ich im tiefsten Grunde (lüge nicht, Randers!) an diese frommen Dinge

nicht glaube. Aber man ist heute so hübsch isoliert damit, so hübsch in

der Minorität. Und Minorität ist vornehm, ist aristokratisch. Majorität

ist der Pöbel.

Ich könnte aus Opposition gegen den Pöbel in das letzte Kloster gehen.

In andern Zeiten würde ich wahrscheinlich Freigeist sein, aus

Opposition, aus angeborenem Bedürfnis, mich von der Masse abzusondern,

aus aristokratischen Instinkten. Ich könnte Demokrat werden aus

Aristokratismus. Unsinn! Na!

* * * * *

Heute Nacht von Berta geträumt. Ich habe sie doch lieb gehabt. Es war

nicht nur, weil sie sich schick zu kleiden wusste und ein so damenhaftes

Benehmen hatte. Sie war so durch und durch anständig und so rührend in

ihrem tapfern Kampf. Eine junge, hübsche Direktrice mit kärglichem

Gehalt, ohne Familienanschluss, in einer Stadt wie Hamburg. Man weiss,

was das sagen will. Und sie war in einem jüdischen Geschäft angestellt.

Nicht, dass sie jemals geklagt hätte. Im Gegenteil. Aber ich habe nun

mal diese Animosität gegen Israel. Sie lachte mich oft deswegen aus.

Sie war eine vornehme Natur und ein Labsal nach all diesen Paulas und

Ellas und Friedas, bei denen ich meine Gefühle für das Weib "an den Mann

zu bringen" suchte.

Sie hatte sogar Mässigkeitseinfluss auf mich. Es war meine

Temperenzlerperiode. Aber da ich sie nicht heiraten konnte, verlangte

sie zuletzt Schluss. Entweder, oder! Und ich konnte sie nicht heiraten.

Es wäre ein Hungerleben geworden. Eine der Ehen, die nichts sind, als

ein langsameres oder schnelleres, aber immer sicheres und qualvolles

Hinsiechen der Liebe.

Sie sah das ein. Ohne Vorwurf, ohne Klage reiste sie ab. Ein Charakter,

eine vornehme Seele. Eine Aristokratin!

Dieses Denkmal hast du verdient, Berta!

* * * * *

Wie wohl fühl ich mich allmählich in diesen einfachen Verhältnissen

hier, und täglich wird mir klar, was mir in der Stadt wie ein Strick um

den Hals lag und schnürte und schnürte. Es ist die ganze widerliche Lüge

jenes Lebens und Treibens.

Hier ist alles auf Wahrheit gegründet, auf Natur. Nichts ohne Zweck, und

der Zweck ehrwürdig, weil notwendig und natürlich. Hier hat jeder noch

ein Verhältnis zu seiner Arbeit, ist mit ihr verwachsen. Was hat der

Kaufmann, der Krämer, für ein Verhältnis zu seiner Ware? Sie ist ihm nur

Mittel Geld zu machen; bringt ihm die schlechte mehr ein, ist sie ihm

lieber als die gute.

Und diese ganze Vermittlergesellschaft, die ihr Brot durch Laufen und

Schwatzen verdient. Diese ganze, hohle, windige Gesellschaft. Wie lob

ich mir den Handwerker, der mit seiner Arbeit, seinem Topf, seinem

Schmiedewerk, seinem Stuhl, ein Stück seines Ichs hingibt, des

erhaltenen Lohnes würdig! Da hängt Schweiss daran, Liebe, Freude, Ehre.

Und hier der Bauer! Welche Tüchtigkeit, welche Natürlichkeit, welche

innere urheilige Notwendigkeit in all seinem Tun. Der Adel der Arbeit!

Und dann sind hier keine Juden.

Juden und Sozialdemokraten, die haben jetzt das grosse Wort.

Scheidewasser! Zersetzende Elemente. Ohne Produktivität. Wäre Gott ein

Jude, wäre die Welt nicht. Ein Jude kann kein Gott sein. Der Jude hat

Witz, ein Gott nie. Ein witziger Gott! Ein göttlicher Witz! Widerspruch

in sich.

* * * * *

Ihr verdreht dem Volk nur die Köpfe. Bildung in die Menge bringen! Eure

Art "Bildung". Die Menge kann immer nur halbgebildet sein, und

Halbbildung ist gar keine Bildung, ist schlimmer als Unbildung. Die

Halbbildung glaubt alles zu verstehen, ist dünkelhaft. Und sind wir

nicht ganz zerfressen von dieser "Bildung". Überall, in Literatur Kunst,

Gesellschaft? Jeder schwätzt über jedes! Wo ist Ehrfurcht, Schweigen,

Bewunderung, Freude?

Alles, das Höchste und Grösste wird auf das Allerweltsniveau von Müller

und Schultze herabgeschwätzt, und der Ladenjüngling spricht von Darwin

und Ibsen mit derselben Zungengeläufigkeit wie von der neuesten Mode und

dem grossen Preis von Hamburg.

Wie kocht es in mir, hör ich so ein Dämchen über die neueste Richtung

räsonieren, oder so einen Krämerkommis über die moderne Malerei. Rede

einmal so dumm weg über ihre Ware, ihre Stiefel, ihre Seidenstrümpfe,

gleich verklagen sie dich beim Staatsanwalt, dass du sie diskreditierst,

ihr Geschäftchen schädigst. Aber die Kunst, die Literatur, die sind

vogelfrei, da kann jeder Hans Narr seinen Mist darauf werfen, dem

Dichter, dem Maler, dem Musiker seinen guten Namen nehmen, seinen Ruf,

sein Brot.

Der Mann im Nebel · 第 6 / 17 题