Erstes Buch

1.

Liebster Doktor!

Wie vermisse ich Sie, Sie Ausreisser. Nach wie vor führt mich mein

Berufsweg zweimal in der Woche an Ihrem alten Heim vorüber, und ich

werfe betrübte Blicke nach dem Eckfenster hinauf. Wie schön war's da

oben: ich auf Ihrem breiten etwas eingesessenen Sofa, Sie mir gegenüber

auf dem Stuhl, zwischen uns auf dem bücherbeladenen Tisch eine Tasse

Kaffee, ein Glas Bier oder ein Aquavit. Und dann ging's los, über

Literatur, Kunst und tausend Sachen.

Und Ihre alte Wirtin, die Frau Obersteuerkontrolleurswitwe, der man

diesen imponierenden Titel nicht ansah, mit ihrem roten Gesicht, ihrer

etwas waschfrauenmässigen Hausuniform und ihrer hastigen, stossenden

Sprechweise.

Und das einzige Likörglas, das kleine blaue Henkelglas, worin sie einer

ganzen Korona Aquavit kredenzte, von Mund zu Mund:

"Is nich'n hübsches Glas? Is aus Travemünde. Hab ich selbst mitgebracht.

Hübsches Glas. Ist es nich? Aus Travemünde. Hab'n Schwester da, wissen

Sie. Ja, 'n Schwester."

Sie lässt bestens grüssen. Sie hat jetzt ihre beiden Zimmer an einen

Zöllner vermietet, einen jungen "soliden" Menschen. Sie wissen, die Frau

Kontrolleur gibt viel auf das Solide.

Na, in Punkto Solidität. Unsolide waren wir nicht. Aber der Zöllner wird

uns über sein.

Ich vegetiere nun schon eine ganze Zeit lang so hin. Kein Vers, keine

Zeile. Lyrisch alles tot. Was Sie über meinen letzten Roman schrieben,

hat mich sehr erfreut. Ja, es steckt viel Beobachtung darin. Aber es ist

doch nichts mit diesem nüchternen Realismus. Ich möchte nun endlich mal

schreiben, was Sie meinen Pan-Roman nennen.

Mich auch mal lyrisch ausgeben. Stimmung. Psychologie. Alles mögliche.

Solche Dreiecksnatur, Sie brauchten den Ausdruck einmal, so ein Porträt

von Ihnen, Liebwertester, ein Individuum, das sich zwischen den drei

Punkten Weib, Kunst und Natur aufreibt, seine Ringkämpfe mit sich

aufführt. Ihre gefährlichen Anlagen potenziert, so dass ein Ungeheuer

daraus wird.

Aber geben Sie mir einen freundschaftlichen Stoss, dass ich kopfüber in

die Tinte schiesse, sonst wird's doch wieder nichts damit, und es

bleibt alles beim guten--Willen darf ich's gar nicht mal nennen, denn

wie gesagt, es sind tote Tage bei mir, Nebeldruck, Müdigkeit,

Stumpfsinn, wie immer, wenn ich eine Arbeit hinter mir habe und eine

neue sich erst heimlich vorbereitet wie das Saatkorn unter der

Wintererde.

Pan, ja Pan! Sie sitzen nun mitten drin, haben alles, was ich ersehne,

liegen auf dem Rücken und hören die Mittagsmusik des bocksbeinigen

Gottes, während ich hier Staub schlucke, Federn kaue und Kindergeschrei

anhöre.

Hier etwas, was ich aus dem Papierkorb für Sie wieder ausgrub, weil es

gerade hierherpasst. Etwas Böcklin-Nietzsche mit einem Stich ins

Scheerbartsche. Nichts Urgeborenes, also der Vernichtung gehörig.

Der Mann im Nebel · 第 5 / 17 题