Und sie wagen sich an alles, diese "Gebildeten!"

Es gibt überhaupt gar keine Bildung mehr. Es gibt nur Vielwisser,

Halbwisser und--Alleswisser natürlich. Ausserdem die Dummheit. Und nur

unter den "Dummen" trifft man ab und an mal ein paar Gebildete.

* * * * *

Gestern rote Grütze, heute rote Grütze, morgen rote Grütze, rote Grütze

in alle Ewigkeit. Amen!

Das Leben geht hier seinen höllisch gleichmässigen Gang.

* * * * *

"Wat schall all dat Lihren, Herr. Wenn se sik man för't Füer wohren und

sik man in acht nähmen, dat se nich int' Water lopen, wat brukt se mehr

to weten. All könt wie doch nich klook waren."

Hest recht, oll Jürs. Wat schall all dat Lihren.

* * * * *

Petersen bat mich, keine Pfennige wieder in die "Grabbel" zu werfen.

"Das v--v--verdirbt die Kinder nur."

Er hat recht. Aber ich hatte diabolisches Vergnügen daran, wie sie sich

balgten, übereinanderkollerten, Buben und Mädel im Staub der

Landstrasse. Wie die Hunde um einen Knochen.

Vor zwei Jahren--ich warf mal Bonbons vom Wagen herab, unter die

Dorfjugend. Köstlich! Aus dem Staub, dem Schmutz in den Mund. Brrr!

Müssen wir nicht alle unsere kleinen Freuden und Süssigkeiten aus dem

Schmutz klauben? Und die grösste Süssigkeit (?), die Liebe, ist sie

nicht eine Sumpfpflanze?--

Gott muss keinen Ekel kennen.

* * * * *

Petersen fragte mich heute zum drittenmal, ob ich noch nicht auf dem

Aussichtsturm gewesen sei, auf dem Fürstenberg. Aber zum Teufel, ich

will da nicht hinauf. Ich hasse Aussichtstürme und jede Art Kletterei,

um möglichst viel auf einmal zu sehen.

Wenn es noch ein Leuchtturm wäre. Oder meine alte Pappel zu Hause.

Aber da ist es nicht der Aussicht wegen, weshalb ich da hinaufsteige.

Die Poesie des Leuchtturms, wenn draussen der Sturm tobt und die Vögel

gegen die Laterne stossen. Was soll ich hier sehen? Wald und Feld und

wieder Wald und Feld, Kühe, Schnitter, Erntewagen. Immer dasselbe. Von

einem Knick zum andern. Und das ganze läuft nur darauf hinaus, dass man

so weit sehen kann, so weit, bis nach Lübeck hin. Und dann die Herzen

und Pfeile, und die Müllers und Lehmanns. Vielleicht noch gar ein

Fremdenbuch mit albernen Versen.

* * * * *

Ich sehne mich ein Bad zu nehmen, in der offenen See. Darüber geht doch

nichts. Nackt dem Element hingeben. Direktestes Naturgefühl, Einsgefühl

mit der Natur!

* * * * *

Diese dumme Küsserei! Es kam so über mich. Und so tolpatschig, wie nur

ich bei solchen Sachen bin. Eine ganz unschuldige Regung der

Zärtlichkeit.

Mancher küsst im Vorbeigehen jedes Mädel, das ihm gerade gefällt, und

sie lachen beide und denken sich weiter nichts dabei. Es ist alles so

naiv, harmlos, wie Blumenpflücken. Bei mir wird immer eine Haupt- und

Staatsaktion daraus. Ich bin zu schwerfällig, nicht leichtherzig, nicht

leichtsinnig genug.

Meine onkelhaftesten Regungen und Handlungen unterliegen der

Missdeutung.

Hätte ich übrigens geahnt, dass die Kleine auf einen Kuss so

reagierte--und ihr Platz auf der Schulbank ist noch warm.

* * * * *

Ich kann übrigens jetzt an sie denken, ohne dass mir diese roten Flecken

vor den Augen schimmern. Sollte das doch tiefer gelegen haben? Eine

etwas umständliche Art, mich zum Kuss zu bringen. Die Natur wählt sonst

kürzere Wege, um zu ihrem Willen zu kommen.

* * * * *

Heute Nacht wieder diese wüsten Träume. Es rührt doch daher. Naturam

expellas furca ...

Ich habe zu lange gefastet!

Übrigens die Mummsche Geschichte--alles schon dagewesen! Er wollte sie

keinem andern mehr gönnen. Es war genug, dass er mit der andern

unglücklich war. Auch das noch ertragen, die Geliebte im Besitz eines

anderen zu wissen, eines Glücklicheren, das ging über sein Vermögen.

Es ist doch etwas Herrliches um solche Kraft und Leidenschaft! Wir

zahmen, moralischen Schwächlinge resignieren lieber, ehe wir auch nur

einen Tropfen Blutes vergiessen.

O, nur einmal einer solchen Leidenschaft fähig sein: Aber das wird uns

nur einmal im Traum beschert.

Meine graue Dame vom Steg habe ich hoffentlich für immer abgewürgt.

Diese Empfindung, als ich ihren Hals zwischen meinen Fingern hatte. Ein

Kuss ist nur ein Glas Wasser dagegen, und jede andere Art Wollust.

Armer Mumm!

Man muss den Gespenstern nur über den Hals kommen, allen Arten

Gespenstern. Sie sind schliesslich alle nur Puppen, mit Sägespänen

ausgestopft, und wenn man sie um den Leib fasst, quietschen sie.

* * * * *

Übrigens zur Notiz für Gerdsen:

Ich sah bei einem Übergang über einen schmalen Wassergraben eine Dame

auf dem Steg stehen. Ganz in Grau gekleidet. Sie starrte ins Wasser ohne

mich zu bemerken. Es war ein trüber, nebliger Novembernachmittag. Das

Bild prägte sich mir wunderlicher Weise so ein, dass es mich schlafend

und wachend verfolgte. Seltsamste Hallucination. Oft, in aufgeregtem

Zustand, oder in Traumstimmung, zur Dämmerzeit sah ich sie manchmal vor

mir, zum greifen; ich habe mich in das Gespenst verliebt, mit einer Art

Gräberliebe, Gruselliebe.

Sie hatte mich übrigens lange nicht besucht. Heute Nacht war sie wieder

da.

Ob sie nun tot ist?

11.

Randers ging am Nachmittag mit dem Lehrer zum Aussichtsturm. Petersen

liess ihm keine Ruhe mit dem "verdammten" Turm.

Der Waldhüter, der seine Wohnung am Fusse des alten runden Granitbaues

hatte, bewahrte die Schlüssel. Der Mann stand vor der Tür und klopfte

einer zierlichen schwarzen Stute schmeichelnd den schlanken Hals. Ein

hochbeiniger Fuchshengst legte seine Nase auf den Hals der Gefährtin und

schnupperte, als wünsche er an den Liebkosungen teilzunehmen.

"Der Graf ist oben," sagte Petersen.

"Darf man denn hinauf?" fragte Randers.

"Ei gewiss!"

Randers brannte vor Neugier, den Grafen kennen zu lernen. Der

Damensattel auf der Stute kündigte auch die Anwesenheit der Komtesse an.

Randers nahm unwillkürlich eine strammere Haltung an, knöpfte seinen

Rock zu und rückte nervös an seinem Kneifer.

"Wollen Sie mich bitte vorstellen," bat er.

"Liebenswürdiger Mann, gar nicht hoch--m--m--mütig," sagte Petersen.

Oben trafen sie einen Herrn von ungefähr fünfzig Jahren, in leichtem

hellen Reitanzug. Er betrachtete durch einen kleinen Feldstecher die

Landschaft und wandte sich nur lässig, kaum das Glas von den Augen

absetzend, der Treppe zu, als Randers und sein Begleiter die Plattform

betraten.

"Aristokrat vom Scheitel bis zur Sohle," dachte Randers und musterte die

schlanke, vornehme Gestalt des Grafen mit neugierigen und befriedigten

Blicken.

Wo mochte aber die Dame sein? Die Stute trug doch einen Damensattel!

Die letzte kuppelartige Krönung des Turmes, zugleich die Bedachung der

Treppe, überragte die Plattform noch etwas und mochte die Komtesse

verdecken. Oder war sie überhaupt nicht mit hinaufgestiegen?

Der Lehrer trat mit einem tiefen Bückling an den Grafen heran.

"Guten Tag, Herr Graf. Wundervoller Blick heute."

Er kam ohne Anstoss über die Anrede hinweg.

"Ah, Sie sind es, mein Lieber."

Der Graf reichte ihm die Hand und machte Randers eine leichte

Verbeugung.

"Die Aussicht ist keineswegs wundervoll heute," sagte er. "Die

Feuchtigkeit, der Dunst in der Luft."

"Ja, ja, zu f--feucht, Herr Graf, zu dicke Luft," beeilte sich Petersen

zuzustimmen.

"Mein Name ist Randers," schnarrte sein Begleiter und verbeugte sich

gegen den Grafen.

"Herr Dr. Randers," wiederholte Petersen hastig, als hätte er ein

wichtiges Versäumnis gut zu machen.

"Sehr angenehm. Zum Besuch hier in unserer Gegend? Ich meine gehört zu

haben, Ihr Gast, lieber Petersen, nicht wahr?"

"Sehr schön, sehr schön," fuhr er mit einer gewissen, gleichgültigen

Lebhaftigkeit fort.

"Wie gefällt es Ihnen bei uns? Schönes fruchtbares Land."

Er zeigte mit einer ausholenden Armbewegung auf das Panorama. Er wartete

keine Antwort ab, sondern nahm das Glas wieder vor die Augen und sah den

Horizont ab.

Diese kurze, zwar freundliche, aber doch abweisende Art gefiel Randers;

so war es recht, so war es aristokratisch, immer zehn Schritt vom Leibe,

immer reserviert.

Aber wo blieb denn die Dame?

Er blickte sich beständig um, ging einige Schritte weiter, aber umsonst.

Wahrscheinlich ging sie immer vor ihm auf, in derselben Richtung.

Am besten ist es, du bleibst stehen, dachte er. Ist sie hier oben, wird

sie schon zum Vorschein kommen.

Aber Petersen zupfte ihn am Arm.

"Sehen Sie dort die Ostsee dahinten?"

"Ja," sagte Randers, sah aber nichts.

"Und das ist Ploen, sehen Sie? Nein, hier, grad über meinen Stock."

"Ja, ja, ich sehe," log Randers.

Was war ihm Ploen! Er wollte die Komtesse sehen. Die Stute hatte doch

einen Damensattel.

"Papa!" rief mit einmal eine volle, tiefe Mädchenstimme. Eine schlanke

Gestalt in enganliegendem schwarzen Reitkleid kam um den Kuppelaufsatz

herum, stutzte, als sie Randers sah, und machte Kehrt.

"Die Komtesse," belehrte Petersen.

Randers ging sogleich anders herum. Er wollte sie sehen.

Was hatte dieses Mädchen für eine Stimme!

Die Komtesse stand neben ihrem Vater und schien etwas sagen zu wollen,

aber durch Randers gestört, sah sie auf, ihm gerad ins Gesicht. Ein

flüchtiger, musternder Blick.

Randers zog den Hut sehr tief und sah fragend den Grafen an.

Wirst du mich vorstellen?

Aber der Graf stellte ihn nicht vor, die Komtesse trat einen Schritt

zurück: bitte, wenn's beliebt, mein Herr. Die Passage ist frei.

Er musste wirklich vorübergehen, musste wieder um den Turm herumgehen

und sich von Petersen die Lübecker Türme zeigen lassen. Nicht ein Wort

war ihm eingefallen, womit er eine Unterhaltung hätte anknüpfen können.

Da er dem Grafen vorgestellt war, hätte er es ungezwungen wagen dürfen.

Aber was sollte er diesen Augen gegenüber sagen? Augen, die zu dieser

Stimme passten, Augen mit demselben vollen, tiefen Klang. Augen wie ein

norwegisches Berglied.

"Sie hat eine norwegische Stimme und norwegische Augen," sagte er zu

Petersen.

Der Lehrer sah ihn verständnislos an und lächelte:

"Norwegische Augen?"

"Ja, Fjordaugen," erklärte Randers.

In diesem Augenblick ging die Komtesse mit den norwegischen Augen und

der norwegischen Stimme an ihnen vorüber. Der Graf folgte und nickte,

seinen Hut lüftend, freundlich Abschied.

Und Randers hörte die Schleppe des schwarzen Reitkleides die Steinstufen

hinabrauschen, hörte von unten herauf noch einmal kurz ihre volle,

riefetiefeme, ein Lachen, und horchte angestrengt nach dem Hufschlag

der Pferde. Aber der weiche Waldboden verschlang den Laut. Nur einmal

klang ein kurzes, helles Hufgeklapper herauf. Es mussten da irgend wo

Steine liegen.

Randers stand, weit über die Brüstung gelehnt, und sah hinab. Er konnte

nichts als das leise, schwankende Laubdach der hohen Buchen sehen. Er

konnte nicht mal den Weg verfolgen, den sie jetzt ritt. Er wusste nur,

da unten irgendwo unter diesem rauschenden, lispelnden, wogenden, grünen

Zelt leuchten zwei schöne, tiefe klare Augen.

Fjordaugen!

Aber vier schnelle Füsse führen sie in die Ferne. Dort hinten, weit

hinten, hinter den Hügeln lag Rixdorf.

Aber nein, diese Augen blieben ja, blieben ja bei ihm. Ihre Augen liess

sie ihm. Er sah sie immer dicht vor sich. Grosse stahlblaue Augen. Von

einer fast schwarzen Tiefe, aber mit einem grüngoldigen Leuchten

darüber.

Fjordaugen!

Steil steigen die finstern Felsen auf, aber zu ihren Füssen liegt das

Wasser in wundervoller Klarheit und Tiefe. Der Himmel mischt sein Blau

mit dem Schwarz der Felsenschatten. Eine Möwenschwinge zuckt hell

darüber hin.

Und eine so wundervolle Stille in dieser versteckten Bucht!

Ein märchenhaftes Grauen überfällt ihn.

Das kleine Boot gleitet ganz langsam durch die klare Flut, durch den

Himmel. Es war wie ein Schweben zwischen Meer und Himmel, oder wie

zwischen zwei Himmeln. Oben, unten dieselbe Tiefe, dieselbe Höhe,

unergründlich, aber klar, ruhig, ganz friedlich, als gäbe es keine

Stürme.

Und jetzt plötzlich von oben herab, sanft herunterschwebend, ein Lied.

Der Gesang einer Hirtin, einer Sennerin. Tiefe feierliche Klänge, tief

und feierlich wie das ruhige Meer.

"Es w--w--wird w--wohl Zeit," meinte Petersen.

Randers schreckte auf.

"Ja, ja," sagte er hastig.

Unten musste Randers durchaus etwas trinken.

Er hatte Durst. Der Waldhüter hatte Schenkrecht. Es gab freilich nur

Schnaps und Bier.

Randers bestellte beides, für drei Personen. Sie stiessen an. Randers

trank hastig.

"Sünd woll lang nich hier wesen," fragte Petersen den Waldhüter.

"Ne, dat is't erste Mal in düssen Sommer. Süss kömen se öfter mal."

"Ist es weit bis Rixdorf?" fragte Randers.

"Anderthalb Stunden," sagte Petersen.

"Zu Pferde?"

"Ne, zu Fuss, wenn der Herr stramm geht," sagte der Waldhüter.

Randers wollte noch ein Glas trinken, und die andern mussten ihm

Bescheid tun.

Nach dem dritten Glas sagte er:

"Verdammt hübsches Frauenzimmer! Noch jung, was?"

"Na, wo olt mag se sin?" fragte der Waldhüter den Lehrer. "So negentein,

twintig."

"Ne, wo wull du hen? Dre und twintig is se gewiss all."

"Ach, noch 'n Glas, Herr Wirt," bat Randers. Petersen lachte ihn an, und

Randers lachte Petersen an. Er war ganz rot, ganz erhitzt.

"Das ist doch das Wahre," sagte er, das frische, schäumende Glas prüfend

gegen das Licht haltend. "Vornehm, souverän, aristokratisch."

Er nahm eine hochmütige Miene an und näselte wie ein Gardeleutnant.

"Äh, ich lach auf die Welt!"

Der Waldhüter sah ihn belustigt an: Wat büst du för een?

"Nein, im Ernst, meinen Sie nicht auch, Herr Lehrer," eiferte Randers.

"Da ist doch noch Rasse, Edelzucht von Geschlechtern her."

"Ja, es hat was f--f--f--für sich," stotterte Petersen.

Randers sah tiefsinnig ins Glas, und der Waldhüter sah ihn an, wie

einen, dem nicht zu trauen ist.

"Sagen Sie selbst, meine Herren," rief Randers wieder aufschnellend,

"hab ich nicht recht?"

"Ach wat," brummte der Waldhüter ärgerlich. "So'n Lüe möten sin, un

anner Lüe möten ok sin. Vor uns Herrgott sind wie all gliek."

"Ja, lieber Herr, das ist ja ganz recht," rief Randers. "Das ist ja aber

eine Sache für sich."

"Ja Mau, du v--v--versteihst den Herrn f--f--f--falsch," legte sich der

Lehrer ins Mittel.

"Dat mag sin, ik meen aber man. Ik bün man 'n schlichten eenfachen Kirl,

dat heet, min Geschäft häw ik ook liert, da kann mi nüms nich watt in

seggen. Aber dat meen ik man, so 'n Lüe--na ja, du versteihst mi,

Petersen."

Randers sah finster vor sich nieder, nahm seinen Kneifer ab und putzte

an ihm herum.

"Zweimalhundertausend Mark jährlich zu verzehren," stiess er nach einer

Pause heraus. "So viel muss man haben, um anständig leben zu können."

Nun lachte der Waldhüter aus vollem Hals.

"Tweemalhunnertdusend Mark! Das is nich veel, dat is man grad, um de

Botter dorbi to hebben."

Randers lachte mit, und Petersen machte vergebliche Versuche, zu Wort

zu kommen.

"Herr Doktor!" rief er, "Herr Doktor! W--w--wissen Sie--Herr

Doktor--w--w--w--". Aber er kam nicht zustande damit.

Als aber das Gelächter sich etwas gelegt hatte, fing er noch einmal an:

"Herr Doktor, wissen Sie, was ich m--m--mir dann kaufte? Die W--w--welt

kaufte ich m--mir! Die W--welt, Herr Doktor!"

* * * * *

Der Mann im Nebel · 第 7 / 17 题