mich dringend, nur heute nicht auszureiten: sie habe mich soeben
im Traum auf einem durchgegangenen schwarzen Pferde gesehen, in
wildem Galopp auf der Landstraße hinrasend. Ich beteuerte ihr, daß
sie völlig ruhig sein dürfe, weil der einzige Rappe, der in Betracht
käme, mir noch ganz kürzlich rundweg verweigert worden sei. Das
ängstliche Mutterherz wollte sich schwer zufriedengeben und blickte
mir vom Fenster nach, solange ich mit der Gerte in der Hand, das
lange Reitkleid über den Arm geschlagen -- man trug damals noch die
tief herabwallenden Reitkleider, die zwar sehr schön, aber auch sehr
gefährlich waren --, die Kronengasse hinunterschritt. Im Reitstall fand
ich einen der rotröckigen Knechte, der noch halbverschlafen zu meiner
höchsten Überraschung soeben dem Shales den Damensattel auflegte.
Er erzählte, in aller Frühe, noch beim Laternenschein, sei der Herr
Baron herübergekommen und habe ihm so befohlen. -- Heut können wir was
erleben, brummte der Mann, der mit sichtlichem Widerstreben gehorchte,
das Vieh ist hartmäulig und kommt ja fast immer ohne seinen Reiter
heim. Blitzschnell schoß mir Mamas Traum durch den Kopf, doch das
Wohlgefallen an dem stolzen Anblick des Tieres drängte das Bedenken
zurück. Beim Ausritt hieß der Stallmeister mich in der Nachhut bleiben,
allein der Shales setzte sich gewaltsam an die Spitze, und ich spürte
gleich, daß ich ihn nicht im Zügel hatte. Auf der Straße hielt er
sich noch gesittet, aber kaum waren wir in der Nähe des Waldhörnle
auf Wiesengrund gekommen, der auch die anderen Pferde aufregte, so
war es mit der Mäßigung des Shales vorbei, er brach quer über die
Wiese los, erflog die Böschung und rannte mit mir auf der Landstraße
unaufhaltsam gegen die Stadt zurück. Ich hörte noch den Befehl des
Stallmeisters: Alle zurückbleiben! dann war ich schon weit hinweg. Kein
Zügel wirkte das geringste, doch ich saß zum Glück fest und ließ den
Shales in Gottes Namen rennen. Es war jetzt genau das Bild, das meine
Mutter zwei Stunden zuvor im Traum gesehen hatte. Wir waren schon nahe
an den Bahnschranken, wo die Sache kritisch werden konnte, da hörte
ich endlich die Hufe des Othello hinter mir donnern, was den Shales
natürlich zu vermehrtem Laufe antrieb. Aber jetzt wurde er von einer
Männerfaust gepackt und in den Zügeln gerüttelt und bekam von dem
Gertenknauf des Barons einen Hieb um den andern auf seine arme Nase,
bis ihm das Blut herunterlief und er endlich Vernunft annahm. Zu Hause
schwieg ich von dem Vorfall, jedoch der Zügel hatte mir den dicken
Lederhandschuh buchstäblich durchgesägt und in die Hand eingeschnitten,
auch war mein linker Arm von der Anspannung so verschwollen, daß er
vierzehn Tage lang unbrauchbar blieb; so kam Mama allmählich doch
hinter die Sache. Es war nicht das einzige Mal, daß sie Dinge träumte,
die unmittelbar danach geschahen. Diese Anlage zu Wahrträumen hatte sie
auch auf mich vererbt, nur daß ihr der Traum den kommenden Vorgang klar
erzählte, während er ihn mir in ein mehr oder minder durchsichtiges
Symbol zu verschleiern liebte, das sich erst beim Erwachen enthüllte.
Bald nach dem Abenteuer mit dem Shales wurde zu meinem Leid Baron
Sternenfels von einem Herzschlag jählings hinweggenommen. Sein
Nachfolger, Rittmeister Haffner, war ein gemütlich derber alter
Schnauzbart, dessen Ton von dem ritterlich vornehmen seines Vorgängers
wesentlich abstach, der aber einen prächtigen eigenen Stall mitbrachte.
Er war außer sich über die unlenksamen Zuchthengste, die jedesmal in
den Frühjahrsmonaten bei ihrem eigentlichen Beruf auf den „Platten“
wieder ganz verwilderten, auf denen er daher den Studenten keine
feinere Reitkunst beibringen konnte. Seine Verzweiflung darüber pflegte
sich in drastischer Weise zu äußern. Diese Hunde von Hengsten, schrie
er einmal, blau vor Wut, als wieder alles durcheinander ging -- und die
Esel, die auf den Hunden sitzen, es ist eine Schweinewirtschaft!
Zoologie schwach, bemerkte ein neben mit reitender Mediziner.
Ich ritt nun die feingeschulten Tiere seines eigenen Stalles, was
freilich eine ganz andere Sache war. Er besaß zwei edle arabische
Hengste, den Schimmel Soliman, der für mich bestimmt wurde, und
Abdel Kerim, den Goldfuchsen, den er zuerst ganz allein ritt, weil
das Tier für schwierig galt und in der Tat unter seinem Herrn, den
es nicht zu lieben schien, immer unruhig ging. Es hatte ebensolchen
„Schwanenhals“ wie der Shales und dazu die feurige Anmut seiner edlen
Rasse. Mein Wunsch, auch einmal den Fuchsen besteigen zu dürfen, wurde
anfänglich als unerfüllbar abgelehnt. Aber schließlich geschah doch,
was ich wollte, und diesmal wurde mein Vertrauen nicht getäuscht.
Der Araber war ein ritterlicher Charakter und völlig verschieden von
dem undankbaren Shales. Er ging so gern unter der leichteren Last
und der weicheren Hand, daß er fortan mein Leibroß wurde und sich
willig auch von mir das Gebiß anlegen ließ. Das kluge Tier zeigte ein
sichtliches Verantwortlichkeitsgefühl, sobald der lange Reitrock an
ihm niederwallte, und machte niemals mit mir die geringsten Mätzchen.
Es horchte sogar auf unser Gespräch, denn wenn ich halblaut den
Stallmeister um die Erlaubnis zum Galoppieren bat, setzte es sich
sogleich, ohne die Hilfen abzuwarten, in Galopp. Immer willig trug mich
Abdel Kerim steile Waldeshänge hinauf und hinab bis in die Ausläufer
des Schwarzwalds hinüber, bald durch seichte Wasserläufe patschend,
bald über Wiesen hinfliegend, und wenn er sehr gut gelaunt war, so gab
er im Schritt eigentümliche summende Töne von sich, die wie Gesang
klangen. Wer nie die Welt von einem Pferderücken aus gesehen hat, der
weiß nichts von dem Rausch des Raums, der die Sinne ergreift und sich
mit dem aufsteigenden Dampf des Pferdekörpers zu einem halb göttlichen,
halb tierischen Wonnegefühl mischt. Mein neuer Lehrer ritt fast immer
mit mir allein, was mich in der Kunst sehr förderte. Er war stolz auf
seine einzige Schülerin und liebte es besonders, mich bei der Rückkehr
nach der Stadt in so kurzem Galopp ansprengen zu lassen, daß sein
Soliman daneben Schritt gehen konnte. Die Mähne meines prachtvollen
Tieres wehte dabei hochauf und flog wie Goldstaub durch die Luft, die
Hufe dröhnten und blitzten. Dieses Kunststück erschien den wackeren
Bürgersleuten als eine gewollte Herausforderung und trug mir das grimme
Mißfallen des damaligen Stadtoberhauptes ein. Unser Hauswirt, der
wackere Pole Genschowsky, der mein besonderer Freund war, hatte alle
Not, im Gemeinderat unsere Familie gegen die Maßregelungen in Schutz
zu nehmen, mit denen der Hochmögende mir von Amts wegen das Reiten
zu verleiden suchte. Die Gassenjugend war mir gleichfalls feindlich;
diese kleinen Unholde gehören ja immer zu den stärksten Verfechtern des
Vorurteils. Als ich später nach vieljähriger Abwesenheit wieder einmal
aus der Fremde kam, betrachtete ich mit einer Art von Rührung die
neuen, in der Straße spielenden Blondköpfe, weil von diesen wenigstens
keiner je mit Steinen nach mir geworfen hatte. Einen Seelentrost aber
trug ich davon, als eines Tages im Mühlgäßchen ein einfacher Mann
mich ansprach, um mir zu sagen, er sei ein alter Unteroffizier der
Kavallerie und er fühle sich gedrungen, mir wegen meiner Zügelführung
seine Hochachtung auszusprechen. Das fachmännische Lob tröstete mich
über viele Kränkungen.
Mein Griechischlernen hatte die Gemüter auch nicht milder gegen mich
gestimmt. Ich hätte diesen Schatz ja gerne als tiefstes Geheimnis
gehütet, wäre das bei dem Temperament meiner Mutter möglich gewesen.
Unwissenheit galt damals noch als besondere Zierde der deutschen
Jungfrau, die noch ganz unter dem Banne des Gretchenideals stand; an
keinerlei geistigen Dingen durfte sie irgendwelchen Anteil äußern,
und große Namen mußten ihr so ungeläufig sein, daß sie mit der Zunge
darüber stolperte. Schon Hamlet kannte den Pfiff: „Ihr stellt euch
aus Eitelkeit unwissend, gebt Gottes Ebenbildern verhunzte Namen.“
Wenn Frauenlyrik an die Öffentlichkeit trat, so mußte sie ganz zahm
und hausbacken sein oder in formlose Empfindelei zerfließen. Heyse
und Bodenstedt bemühten sich damals vergeblich, ein paar Gedichte von
mir in ich weiß nicht mehr welchen Almanach zu bringen. Der Verleger
verweigerte die Aufnahme, er fand die Sprache für ein junges Mädchen
zu kraftvoll. Da war es denn schließlich auch kein Wunder, wenn die
gute Stadt Tübingen sich dagegen auflehnte, daß es in ihren Mauern eine
Familie gab, die ihre einzige Tochter unter geistigen und körperlichen
Übungen aufwachsen ließ wie ein Fürstenkind der italienischen
Renaissance oder sagen wir schlechtweg: wie ein junges Mädchen des
damals noch ungeborenen 20. Jahrhunderts.
Ein Tropfen brachte endlich die Schale zum Überfließen. Wenn ich
in den heißen Sommern so Tag für Tag die Brüder zu dem großen
Schwimmbecken, genannt die Badschüssel, eilen sah, während die Damen
sich mit den engen Badehüttchen am Neckar begnügen mußten, ohne
Gelegenheit, das Schwimmen zu erlernen, stieg in mir nach und nach
der umstürzlerische Gedanke auf, den Senat zu bitten, daß wenigstens
an _einem_ Tag der Woche, und wäre es auch nur für _eine_ Stunde, das
Schwimmbad den Männern verschlossen und dem weiblichen Geschlecht
zur Verfügung gestellt werde. Der städtische Schwimm- und Turnlehrer
und eine liebenswürdige junge Professorsgattin von auswärts waren
meine Mitschuldigen. Den beiden schadete es in der öffentlichen
Meinung weiter nichts, die ganze Entrüstung wandte sich gegen mich
als die Anstifterin des unsittlichen Vorschlags. Wie, man wollte die
Phantasie der männlichen Jugend beim Baden durch die Vorstellung
vergiften, daß in diesem selben Wasserbecken sich kurz zuvor junge
Mädchenleiber getummelt hatten? Und wenn gar einer oder der andere
sich im Gebüsch verstecken würde, um heimlich dem Schwimmunterricht
der Damen zuzusehen? Der Untergang aller guten Sitten stand vor der
Tür, wenn mir gestattet wurde, dem Unwesen des Reitens, dem man nicht
hatte steuern können, das noch ärgere des Schwimmens hinzuzufügen.
Eine würdige Matrone übernahm es, mir im Namen sämtlicher Mütter und
sämtlicher Töchter ihr Quousque tandem, Catilina! -- zu deutsch: Wo
hinaus mit dir, du Schädling am Gemeinwesen? -- zuzurufen. Es war
einer der schicksalsvollen Augenblicke, wo ein kleiner Anstoß eine
lange verzögerte Absicht zum Durchbruch bringt. Sie hatte noch nicht
ausgesprochen, so stand in mir der Entschluß fest, nunmehr Tübingen auf
ganz zu verlassen.
Es war hohe und höchste Zeit, daß einmal ein entscheidender
Lebensschritt geschah, von dem bisher nur die Wärme des mütterlichen
Nestes den flügge gewordenen Vogel zurückgehalten hatte. Ein Puff war
dazu nötig, und ich danke es der wackeren Kleinstädterin von Herzen,
daß sie ihn mir gab. Ich hatte ja doch allerlei gelernt, Sprachen
und anderes, womit ich auswärts ebensogut und besser vorwärts kommen
konnte als daheim. Wohin ich wollte, wußte ich gleichfalls, denn ich
hatte schon bei wiederholten Besuchen in München den Boden abgetastet
und die Hoffnung geschöpft, dort Fuß fassen zu können. Daß Erwin mir
dorthin vorangegangen war als Zögling der Akademie der bildenden
Künste, erleichterte meiner Mutter die Trennung, denn sie konnte die
Geschwister eins in des anderen Obhut empfehlen. Auch ich riß mich
getrosten Mutes los, weil sie mich als Stütze in häuslichen Stürmen
nicht mehr brauchte. Es gab deren keine mehr. Edgar und Alfred,
die ehemals feindlichen Brüder, begannen jetzt in ihre lebenslange
Freundschaft hineinzuwachsen. Und an unseres Balde Krankenbett waren
die beiden Mediziner nützlicher als ich.
Der arme, so liebenswürdig angelegte Junge, der in der Pause zwischen
den Krankheitsstürmen ängstlich geschont und gehütet werden mußte,
hatte rein gar nichts von seinem jungen Leben als die aufopfernde Liebe
seiner Mutter. Diese nahm er mit der Naivität des Kranken ganz für sich
in Beschlag. Wenn er nicht selber lesen konnte, worin er unermüdlich
war, so mußte sie ihm Tage und halbe Nächte lang vorlesen oder
Geschichten erzählen. Zuweilen durfte ich sie ablösen. Ich vereinfachte
dann das Verfahren, indem ich das Buch, das er zu kennen verlangte,
rasch durchflog und ihm den Inhalt erzählte. Eines Tages wünschte er,
daß ich ihm Bret Hartes Goldene Träume, eine im „Novellenschatz des
Auslands“ erschienene Goldgräbergeschichte, vorlese. Da mir die Zeit
dazu gebrach, gab ich vor, das Buch schon zu kennen, und erzählte ihm
schlankweg ein Märchen von goldenen Träumen, das ich aus dem Stegreif
erfand. Dieses Märchen machte ihm so viel Vergnügen, daß ich es immer
aufs neue erzählen und schließlich mit denselben Worten für ihn
niederschreiben mußte. Es war das erstemal, daß ich in Prosa schrieb;
ich hatte bisher geglaubt, mich nur metrisch ausdrücken zu können. Ohne
des kranken Bruders innige Freude an den „Goldenen Träumen“, die den
Anfang meines späteren Märchenbuchs bildeten, wäre ich vielleicht nie
auf diesen Weg gekommen.
Auf dem Friedhof war unterdessen das Denkmal nach meinen Wünschen
aufgerichtet worden: inmitten einer schönen Tannengruppe stand auf
hohem Sockel die trauernde Muse, die mit ihrem Lorbeer so viel
Unverstandensein zu vergüten suchte. Auf der Vorderseite des Sockels
blieb zunächst noch ein Raum frei, den Erwin später, als er Bildhauer
geworden war, mit einem Reliefbildnis unseres Vaters in Terrakotta
ausfüllte. Das Denkmal hatte zusamt den Nebenausgaben die tausend
Gulden meines ersten großen Honorars verschlungen, und ich ging mit
leeren Händen, aber mit der unverwüstlichen Zuversicht der Jugend in
mein neues Leben hinein.
Einer der letzten Abende in Tübingen bleibt mir unvergeßlich. Eine
Freundin von auswärts, die ihr Herz an Edgar verloren hatte und,
vor einer entsagungsvollen Verlobung stehend, ihn noch einmal sehen
wollte, war mit dabei. Wir gingen zu dreien im Walde von Bebenhausen
spazieren. Von der Stimmung der beiden, die sich unter Scherzworten
Tieferes sagten, worauf ich nicht sonderlich achtete, ging eine
seltsame Verzauberung aus. Mich brachten sie durch Vorspiegelung von
einem unsagbar geheimnisvollen Etwas, das unter diesen Bäumen warte,
dahin, daß ich mit offenen Augen träumte und mich immer tiefer in den
Wald verschleppen ließ. Auf einer mondumflossenen Lichtung sollte mein
Lieblingsroß grasen, es würde sich, wenn ich käme, neigen, um mich
aufsteigen zu lassen und mich ins Reich der Wunder zu tragen. Eine
Stimmung wob durch die Blätter wie auf Böcklins Schweigen im Walde.
Rufe ihn, sagten sie. Abdel Kerim! Abdel Kerim! rief ich und eilte mit
ausgestreckten Armen vorwärts. Die beiden lachten hinter mir her wie
toll, ich glaube, sie küßten sich hinter meinem Rücken, die Schelme.
München.
Es waren freundliche Sterne, die das junge Mädchen nach München
führten. Ich fand von vornherein herzlichen Anschluß an zwei
Familien, die mich zuvor schon als Gast beherbergt hatten, die des
berühmten Rechtslehrers v. Brinz, eines köstlich frischen, tatfrohen
Österreichers, und seiner seelenvollen Gattin, die uns von Tübingen
her nahestanden, sowie an das Ludwig Bareißsche Haus, jenes Urbild
altschwäbischer Gastlichkeit, das um jene Zeit unsern alten Freund
Ludwig Pfau als Dauergast beherbergte. Dieser erwies mir nun den
Liebesdienst, mich in die Münchner Schriftsteller- und Künstlerkreise
einzuführen, vor allem in das Haus des Komponisten Robert v. Hornstein,
dessen entzückende Frau mich alsbald unter ihre Fittiche nahm. Baronin
Hornstein war eine feenhafte Persönlichkeit, in der sich Schönheit,
Anmut, Seelengüte, Mutterwitz mit dem leichtbeweglichen rheinischen
Naturell zu einer unvergleichlichen Mischung vereinigten. Wer diese
Frau gesehen hatte, der konnte desselben Tages nicht mehr traurig
sein; sie hielt immerdar ein unsichtbares Füllhorn in der Hand, aus
dem der Segen auf alles, was ihr nahetrat, strömte. Sie kam gleich, zu
sehen, wie ich untergebracht sei, und da ihr mein Ofen kein Zutrauen
einflößte, schickte sie mir einen aus ihrem eigenen Haushalt. Zuneigung
ist eine Sache, die sich auf magnetischem Wege mitteilt, sie füllt
die Luft und braucht nicht ausgesprochen zu werden. So ging es mir
mit Charlotte v. Hornstein. Ich wußte sogleich, daß ich dieser Frau
unbedingt vertrauen durfte und daß ich sie nie wieder aus meinem
Leben verlieren würde. Sie erwies mir die Auszeichnung, mich gleich
als ständigen Gast zu ihrem berühmten Sonntagskaffee einzuladen, wo
ich als einziges junges Mädchen unter lauter reiferen Frauen und den
Spitzen der Münchener Künstler- und Gelehrtenwelt saß. Der Hausherr
war äußerlich das völlige Widerspiel seiner eleganten, glänzenden
Gattin. Klein, unansehnlich, von wenig gepflegtem Anzug, schweigend,
wenn er nicht etwas Besonderes zu sagen hatte, zog er doch mit
seinem köstlichen Humor und seiner geistreichen Urwüchsigkeit stets
die Lacher auf seine Seite. Er schwäbelte ein wenig und hatte bei
seiner Abstammung von einem alten reichsfreiherrlichen Geschlecht
den allerdemokratischsten Hang im Blute, der ihn zwang, von Zeit zu
Zeit für ein paar Tage wie ein Handwerksbursch auf die Wanderung zu
gehen und sich unter dem Volke umherzutreiben. Solche Naturhaftigkeit
und Freude an allem Ursprünglichen bei altadeligem Geblüt und großer
seelischer Verfeinerung heimelte mich von meiner Mutter her an, und ich
schloß mit ihm noch eine Sonderfreundschaft, wie in der Folge mit allen
Gliedern seiner Familie.
Noch eine andere der gefeierten Münchner Frauen nahm sich des jungen,
alleinstehenden Mädchens mit Wärme an, die durch selbständiges Denken
und männliche Charaktereigenschaften sowie durch ihre strenge Schönheit
ausgezeichnete Rosalie Braun-Artaria, die mir auch einen ernsteren
geistigen Austausch bot und deren Freundschaft mich gleichfalls
durchs Leben begleiten sollte. Damit war der Eingang in die sonst so
abgeschlossene Münchner Gesellschaft gefunden, und manches glänzende
Haus öffnete mir seine gastlichen Pforten. Aber auch wenn es anders
gewesen wäre, der bloße Umstand, daß ich keinen kleinstädtischen
Mißverständnissen mehr ausgesetzt und nur noch für mein eigenes Tun
und Lassen verantwortlich war, ließ mich aufatmen. Nur was ich mir
von Kindheit an so innig ersehnt hatte, das volle „Dazugehören“,
fand ich auch in München nicht. War’s die Folge der langen Verkennung
und Anfeindung, war’s, daß ich mich jetzt als einzige Werdende unter
lauter Gereiften, Fertigen befand, oder war’s mir angeboren? Ich
konnte mich nur als liebevoll empfangenen Gast, nicht als Mitglied des
erlesenen Kreises empfinden, und das Gefühl des Fremdseins, das immer
und überall mit mir ging, verließ mich auch in München nicht. Was der
empfindsamen Kindesseele Leides zugefügt worden ist, das hinterläßt
eine Narbenschrift, die schwer verlöscht. Und ich brauchte auch noch
größeren Raum, um zu wachsen.
Daß Paul Heyses von edelstem künstlerischem Geschmack regiertes Haus,
wo die junge, sehr schöne, von ihm angebetete Frau anmutig thronte,
mir gleichfalls gastlich offen stand, ergab sich aus seiner engen
Freundschaft mit meinem verstorbenen Vater von selbst. Heyse, in seiner
lange bewahrten Jugendlichkeit selber noch ein schöner und gewinnend
liebenswürdiger Mann, herrschte widerspruchslos in der Gesellschaft
wie in der Literatur, wo sich ja sein Einfluß bis in die Schreibart
herunter bemerkbar machte. Als ein Meister der Rede hatte er mit
seiner hohen Kultur und seinem ganz norddeutsch gerichteten Witz,
der in hundert Fassetten funkelte und auch das Wortspiel bis herab
zum Kalauer nicht verschmähte, in jedem Gespräch die Oberhand, wobei
er doch nie die vornehme Verbindlichkeit außer acht ließ, die ihn zu
einer wahrhaft fürstlichen Erscheinung machte. Dieser spielerischen
Grazie, die das Wort als Selbstzweck behandelte, waren die süddeutschen
Zungen nicht gewachsen. Zwar im schlagenden Einfall war ihm Franz
Lenbach, im leichten gesellschaftlichen Geplänkel die Baronin Hornstein
ebenbürtig. Aber bei schärferen Redekämpfen fand sich niemand, der
ihm die Stange hielt, und es war ein Schauspiel, Heyse in solchen
Augenblicken zu sehen. Einer so bestechenden Dichterpersönlichkeit
konnte eine begeisterte weibliche Gemeinde nicht fehlen, die ihm stets
unbedingt beipflichtete und sich geistig ganz nach ihm gemodelt hatte.
An der Tochter seines Freundes, der er bisher aus der Ferne eine Art
literarischer Vormund gewesen war, fand er aber im persönlichen Verkehr
ein unlenksames Mündel. Zwar seinen Rat, keine Gedichte drucken zu
lassen, ehe ein ausgereifter Band beisammen wäre, habe ich weislich
befolgt und ihm zeitlebens gedankt. Im übrigen aber wehrte ich mich
gewaltig gegen sein Übergewicht. Was er meinem Vater gewesen, in
dessen verdüstertes Leben er den letzten tröstlichen Abendschimmer
goß, konnte mich nur mit tiefer Dankbarkeit erfüllen, und ich war
ja zur Verehrung für ihn geradezu erzogen worden. Auf beide Eltern
hatte er einen unerhörten, bestrickenden und sie selbst beglückenden
Zauber geübt: andere Freunde, die meine Mutter mit ihrem Überschwang
necken wollten, sprachen von ihm nur als von „Ihme“. Allein wenn
er mit meinem Vater zu Fuß durch die alten Städtlein und Dörflein
Württembergs wanderte, voll feurigen Eingehens auf den älteren Freund
und voll Freude an jeder Äußerung des Volkstums, so war er ein
anderer als in seiner eigenen Umwelt, die fast einem Hofe glich, wo
der Ton ein gedämpfterer war, wo alle Natur wie stilisiert erschien
und das Leben sich nur in einwandfreiester Gestalt zu zeigen wagte.
Heyse war ja zeitlebens auf den Höhen der Menschheit gewandelt, und
sein tiefes Ordnungs- und Schönheitsbedürfnis zwang ihn, von dem
dämonischen Untergrund alles Daseins, der Elend und Schuld gebiert,
die Augen abzuwenden, dem Vernunftwidrigen aus dem Wege zu gehen.
Er stand sogar solchen Verwicklungen, wie er sie in seinen Werken
darzustellen liebte, im bürgerlichen Leben schroff gegenüber, wie
mir übrigens ähnliches auch von Ibsen erzählt worden ist. Ging doch
sein Sinn für das Herkommen so weit, daß er es richtig fand, seine
eigenen Romane, die damals für sehr frei und den ganz Zurückgebliebenen
sogar für unmoralisch galten, jungen Mädchen lieber nicht in die
Hand zu geben. Von dem allem war der Geist, in dem ich aufgezogen
worden, fast das gerade Gegenteil, und unsere Gespräche endeten daher
meistens in ein kleines Scharmützel. So war ihm auch mein romantischer
Napoleonkultus höchlich zuwider, und er konnte sich bis zum Zorn, ja
bis zur Ableugnung der titanischen Größe dagegen ereifern. Zwischen
Gleichaltrigen hätten die Gegensätze zu einem fruchtbaren Austausch
geführt, allein meiner Jugend stand ein Fertiger gegenüber, der sich
die Welt auf seine Art ausgelegt und sein Weltbild der näheren und
ferneren Umgebung, ja man kann wohl sagen, einer ganzen literarischen
Epoche seines Vaterlandes aufgezwungen hatte. Ich fühlte es auch
bald selber, daß mein anfänglich ganz unbefangener Widerspruch wie
Undankbarkeit erscheinen konnte -- und beginnt nicht jede Entwicklung
mit einer Auflehnung und einem Undank? -- Darum hielt ich es nun,
wo ich nicht mitgehen konnte, für passender, zu schweigen, aber das
verletzliche Gewissen ließ mich dieses Verstummen als Unaufrichtigkeit
empfinden und machte mich alsdann beklommen. So hatte ich von seiner
Gegenwart häufig nicht den Vollgenuß, den mir sonst der Anblick einer
so sieghaften Persönlichkeit bereitet hätte. Ganz wundervoll war Heyses
Auftreten bei gesellschaftlichen Empfängen; ich dachte oft, daß hinter
dem Dichter eigentlich ein hoher Diplomat stecke, und wahrlich, wenn
solche nicht angelernte, sondern aus dem Innersten fließende Würde und
Höflichkeit in Deutschland eine verbreitetere wäre, so stände es besser
um das Ansehen der Deutschen in der Welt.
Grundverschieden von Heyse und doch ihm aufs innigste befreundet war
mein engerer Landsmann, der von allen geliebte Dichter Wilhelm Hertz.
Ein Stück edelsten Schwabentums, wurzelecht wie ein Erzschwabe, aber
ins Weltschwabentum erweitert und erhöht. Die Uhlandsche Geisteswelt
war in ihm wiedergeboren, nur ohne den Zug ins Altbürgerliche und ohne
politische Richtung, ganz aufs Schöne gewendet. Jene edle Grenzmark der
Poesie und Wissenschaft, in der man so tiefe, befreite Atemzüge tun
konnte. Wo er erschien, da strömte seine untersetzte Gestalt mit dem
keineswegs schönen, aber männlichen Gesicht eine Ruhe und Sicherheit
aus, die wie unmittelbar aus dem Erdboden kam; man mußte sich fragen,
ob er nicht in einem fernen Vorleben ein Baum gewesen sei, so einer mit
tiefen Wurzeln und breitem Wipfel, und ob er nicht dunkle Erinnerungen
an den Erdenschoß bewahre. In einer beglückenden wissenschaftlichen
und dichterischen Tätigkeit und einer ungemein harmonischen Ehe lebend,
erschien er als der Glückliche schlechtweg, bei dessen Anblick auch
andere zufrieden wurden. Er war zugleich ein künstlerischer Genießer
des Lebens, der aus jeder Gabe Gottes ihren vollen Wert zu ziehen
wußte und der einen edlen Tropfen Weins auf der Zunge zergehen ließ
wie einen Vers von Goethe. Wenn Hertz seine dunkle Stimme erhob, um
sein Wort langsam und nachdrücklich ohne alles persönliche Schimmern in
die Erörterung zu werfen, so war es, als hätten jetzt die Dinge selbst
gesprochen und ihr wahres Wesen enthüllt, so daß gar keine Zweifel
übrig blieben. Vor allem bewunderte ich den Gerechtigkeitssinn, mit dem
er sich dem so leicht einreißenden Spott über Abwesende widersetzte.
Er widersprach nur ungern und schonend; lieber erzählte er dann einen
rühmlichen Zug aus dem Leben des Betroffenen, der diesen über jeden
Angriff hinaushob. Hertz war mir ein glänzender Beweis, wieviel
mehr Geist dazu gehört, die Vorzüge der Menschen zu sehen als ihre
Fehler. Welch ein Meister der Geselligkeit er war, erfuhr ich freilich
erst bei meinen späteren Aufenthalten, wenn ich an den Hertzschen
Teenachmittagen teilnehmen durfte, die mir stets als Musterbeispiel
edelster geistiger Bewirtung vorschwebten. Da war kein Ungefähr im
Zusammenstellen der Gäste, alle verstanden und ergänzten sich, und nie
ging die Zahl über die klassischen Neune hinaus. Der Hausherr hielt das
Gespräch unmerklich in der Hand, daß es nicht zersplitterte und daß
jeder der Geladenen sich nach seiner persönlichen Art entfalten konnte,
während die Hausfrau ihn geräuschlos in den Pflichten des Wirtes
unterstützte. Da wurde die Luft so hell und rein, und die verschiedenen
Stimmen klangen wie ein Konzert ineinander, daß für einen Augenblick
die Welt ganz Harmonie war. Und das müßte ja der Zweck jeder edleren
Geselligkeit sein. Zum Schlusse erschien dann immer noch eine Flasche
Sekt, und die Gäste trennten sich auf dem Höhepunkt der Stimmung, die
noch tagelang nachklang.