In nächtiger Stunde,
Denk’ ich an jenen Schläfer dort
Im Grunde.
In der tiefen Stille jener Tage war plötzlich der unsichtbare Gefährte
meiner ersten Jugend zurückgekehrt. Er redete wieder vernehmbar
in den Nächten, und ich schrieb alles unbedenklich nach, was er
sagte. Ich nannte ihn bei mir den „Anderen“ und meinte mitunter
seine Nähe körperlich zu spüren. Es konnte vorkommen, daß ich des
Nachts bei plötzlichem Erwachen seine Stimme noch nachklingen hörte
mit irgendeiner Traumgabe, hinter der ich dann einen tieferen Sinn
suchte. Aber es blieb alles nur Selbstgespräch und verschönernde
Umgestaltung des eigenen Lebens. Wir Schwabenkinder wußten nicht, wie
man aus Poesie Literatur macht. Nur ein paar meiner Sachen fanden
durch Vermittlung unserer treuen Freunde Hemsen und Vollmer den Weg
in ich weiß nicht mehr welches Dichteralbum. Immerhin war es schon
ein Trost, den Schwerpunkt in sich selber zu fühlen, da jede neue
Verlockung, das Lebenssteuer bequem in andere Hände zu legen, an
einem neuen Nein des Herzens scheiterte. Da war einer, der mir in
sehr schwerer Zeit zart und hilfreich zur Seite gestanden und der
in der Stille sein Leben auf mich eingerichtet hatte. Da er mich
niemals bedrängte, glaubte ich eine wahre und tiefe Dankbarkeit für
ihn zu empfinden. Aber wie schnell nimmt sich das Herz sein Recht
zum Undank, wenn es entdeckt, daß mit den Liebesdiensten erworben
werden soll, was außer jedem Preise steht. So kam der Tag, wo ich zu
meinem eigenen Leid auch diese Erwartung vernichten und ein wertes
Band zerschneiden mußte. Es war immer derselbe gute Geist, der von
innen heraus unheilbare Mißgriffe verhindern wollte, aber er schuf
damit eine Leere um mich her, in der die junge Seele bisweilen an sich
selber irre ward. Der Kreis lebensfroher junger Menschen, der uns in
den letzten Jahren umgeben hatte, war in alle Winde zerstreut, denn in
einer Universitätsstadt wechseln die Gesichter schnell. Neue kamen und
glitten wie ein Schattenspiel vorüber. Dazu die dunkle Pein der Jugend,
keinen Zusammenhang in den Dingen zu sehen und von sich selber nichts
zu wissen. Gestriges war gleich verwischt, das Heute hatte nur eine
halbe Wirklichkeit und fiel jeden Abend wie welke Blätter zu Boden; da
war nur immerdar ein lockendes, versprechendes Morgen, das vor einem
herwich wie der Horizont.
Edgar lebte unter dessen mit Inbrunst den Tag, von dem er keine
Stunde verlieren wollte. Die inneren Hindernisse, die mir immer wieder
den Becher vom Munde zogen, begriff er nicht und sah mein Tun mit
Verwunderung. Er hatte es eilig mit dem Leben, eiliger als wir anderen,
als ahnte er, daß seine Zeit knapper bemessen sei. Doch hatte diese
Lebensgier nichts mit der schalen Genußsucht einer späteren Jugend
gemein: er wollte das Leben heroisch ausschöpfen; auch Kampf und Qual
waren ihm nur andere Formen der Freude und ebenso willkommen. Dabei
war sein Lebensgefühl von solcher Stärke, daß er mir einmal gestand,
so sehr er als Arzt die Erfahrung des Todes habe, könne er sie doch
nicht auf sich selber anwenden, ja er fühle die körperliche Gewißheit
in sich, daß er niemals sterben werde. Diese Worte, so wunderlich
sie klangen, waren mir ganz aus der Seele gesprochen. Dasselbe
unbezwingliche körperliche Hochgefühl der Jugend, dieses wie in einem
Siegestanze Dahingehen und sich als unzerstörbar empfinden war auch
in mir. Wir Geschwister standen uns in den Jahren zu nahe und waren
uns auf manchen Punkten zu ähnlich, um uns in der Dürre des Lebens zu
ersetzen, was beiden fehlte. Wie innig würde er ein kleines, hilfloses,
nur an seinen Augen hängendes Schwesterlein beschützt haben! Wie wohl
hätte mir die reife Männlichkeit eines viel älteren Bruders getan!
So pilgerten wir zwar immerdar nach demselben Mekka der Seele, aber
häufig, wie einst auf unserer Schweizer Fahrt, auf beiden Seiten der
Straße. Jedes gab dem andern die Schuld. Er fühlte seine Liebe als
die leidenschaftlichere und hielt sie deshalb für unerwidert, ohne zu
begreifen, wie schwer es bei seinen auf und ab zuckenden Stimmungen
und der Gewaltsamkeit seines Wesens war, ihn zu begleiten. Einmal
verglich ich uns beide in einem nur für mich bestimmten Gedicht mit dem
Geschwisterpaar der nordischen Sage, das den Reigen von Tag und Nacht
führt und sich bei aller Liebe nie begegnen kann. Mama steckte ihm das
Gedicht zu. Er nahm das Gleichnis auf in einer schmerzlichen Antwort,
worin die Worte standen:
Weißt du denn, welche Geister in mir wohnen?
Kennst du mich, der ein Leben durchgelebt?
Nicht Schatten, nein, lebendige Dämonen
Sind es, in deren Zwang mein Herz erbebt.
Er hatte recht, ich kannte ihn nicht und hielt auch diese Worte
nur für eine poetische Formel. In der Familie beobachtet man eine
allmähliche Wandlung am allerwenigsten. Für mich hatte er immer noch
viel von dem Jünglingsknaben, der mir in Niedernau im eifersüchtigen
Schmerz die Kränze vom Arm gerissen und mich auf dem Rigi durch seine
Wunderlichkeiten gepeinigt hatte, weil er jenem auch äußerlich noch so
ähnlich sah. Daß nach seinem Übergang von der Philologie zur Medizin
der schwärmerische Blick seiner Augen nach und nach einem Ausdruck
durchdringender Bestimmtheit wich, das vollzog sich zu langsam, um
in die Wahrnehmung zu fallen. Ich wußte auch vor allem nichts von
den Herzensstürmen, die schon über ihn hereingebraust waren, und wie
Frauenliebe an ihm gemodelt hatte. Und die dämonischen Plötzlichkeiten,
denen man ausweichen mußte, ließen den darunter verborgenen, straff
gespannten und stetigen Willen nicht in seiner wahren Bedeutung
erscheinen. An die Schnelligkeit seiner wissenschaftlichen Entwicklung
aber war man schon so gewöhnt, daß sich niemand groß verwunderte, ihn
mit einundzwanzig Jahren als Assistenzarzt an der geburtshilflichen
Klinik zu sehen, wo er seine Altersgenossen und zum Teil noch ältere
Studierende zu Schülern hatte.
Wieder bei den Griechen.
Im Jahr, das auf meines Vaters Tod folgte, kam Ernst Mohl von einer
Hofmeisterstelle in der Pfalz noch einmal zur Vollendung seiner Studien
auf kürzere Zeit nach Tübingen zurück. Und jetzt machte dieser Freund
meiner Jugend, der stets für die Bedürfnisse meiner Natur das meiste
Verständnis gezeigt und mich durch seinen Glauben gestützt hatte, mir
ein Geschenk, das mich auf alle Jahre meines Lebens bereichern und
erheben sollte: er unterrichtete mich im Griechischen.
Den Homer in der Ursprache zu lesen, war mein alter Wunsch, allein die
Zeit, die vor uns lag, war knapp, und ich zweifelte, ob es möglich sein
würde, in der Schnelligkeit so weit zu kommen. Der unternehmende Lehrer
aber war seiner Sache sicher. Wir begannen nach kurzer Vorbereitung
mit dem Xenophon, der mir durch seine immer wiederkehrenden Wendungen
schnell einen gewissen Wort- und Formenschatz übermittelte. Während
des Sommers wurden vier Bücher der Anabasis gelesen. Dann unterbrach
eine Reise nach Wien die Studien, die noch kaum zwei Monate gedauert
hatten. Als ich, erfüllt von den Eindrücken der Kaiserstadt, vom
Burgtheater mit der Wolter und Lewinsky und nicht am wenigsten vom
Wurstlprater, zurückkehrte, wurde das Griechische frisch aufgenommen.
Und zwar ging es jetzt ohne weiteres ans Ziel meiner Wünsche, die
Ilias, die mir von den beiden wunderbaren Gedichten immer das
unvergleichlich höhere war. Die Begeisterung für den Inhalt trieb uns
mit Sturmschritten vorwärts. Am ersten Tag wurden fünfundzwanzig Zeilen
gelesen, am nächsten fünfzig, am dritten hundert, und jeden Tag wurde
nun die Zahl verdoppelt, bis wir dahin kamen, in einer jeweiligen
Sitzung einen ganzen Gesang aufzuarbeiten, wenn es auch bis zum Abend
dauerte. Da der Umtrieb im gemeinsamen Wohnzimmer dabei zu störend
war und die sparsame Josephine in dem kalten Frühwinter kein zweites
Zimmer heizen wollte, brachte der eifrige Lehrer zuweilen ein paar
Scheiter aus seinem eigenen Vorrat unter dem Mantel mit, was dann doch
die Strenge der sorgenden Schaffnerin zum Schmelzen brachte, daß sie
uns ein ruhiges Lernstübchen wärmte. Unbeschreiblich war mein Entzücken
am Urtext meiner Lieblingsdichtung. Der treffliche alte Voß hatte
mir ja mit dem Inhalt wohl auch die Ehrwürdigkeit der homerischen
Sprache übermittelt, aber er konnte nur ihr Alter wiedergeben, nicht
ihre Jugend, weil ihm keine junge Sprache zur Verfügung stand. Wie
anders klang das alles nun im Griechischen! Aus jedem Wort und jedem
Partikelchen strömte Jugend herein, eine Jugend, wie es seitdem keine
mehr auf der Welt gegeben hat. Oft war es, wie wenn ein Kind in seiner
bilderhaften Unschuldsprache Dinge redet, in denen sich ein höherer
Sinn spiegelt. Da, wo Hektor die Warnung des ungünstigen Vogelflugs
zurückweist, läßt Voß den Helden antworten:
_Ein_ Wahrzeichen nur gilt: fürs Vaterland tapfer zu kämpfen.
Wacker und gut. Aber wie lautete nun die Stelle bei Homer?
Εἷς οἰωνὸς ἄριστος ἀμύνεσθαι περὶ πάτρης.
(_Ein_ Vogel ist der beste: die Heimat beschirmen.)
Es war, als ob mitten in dem harten deutschen Frostwetter der schöne
griechische Vogel leibhaft zum Fenster hereingeflattert käme, daß ich
vor Überraschung einen Schrei ausstieß. In nicht mehr als dreißig Tagen
wurde die ganze Ilias mein, eine Meisterleistung des Lehrers, die
ihm später niemand glauben wollte. Die Brüder, die mindestens ihre
vier Jahre im Gymnasium hatten schanzen müssen, bevor sie überhaupt
an den Homer kamen, schüttelten ungläubig die Köpfe und ärgerten
sich doch zugleich ein wenig über die von ihnen verbrauchte Zeit;
besonders Alfred rächte sich am Lehrer und an der Schülerin durch
spöttische Bemerkungen. Allein wir ließen uns nicht stören. Wenn es
auch etwas holterpolter durch die Grammatik ging, so war doch der
Lehrer zu gewissenhaft, um meine Findigkeit im Erraten des Sinnes
durchgehen zu lassen; es mußte jede schwierige Form vorgenommen
und genauer untersucht werden, bevor er meine Ungeduld weitereilen
ließ. Daher mir trotz dem von den Brüdern bemängelten Laufschritt
der Geist der Sprache recht wohl aufging, wenn ich auch natürlich in
der Grammatik nicht sattelfest werden konnte wie sie. Aber ein wie
viel größerer Lebensgewinn floß mir aus den karg bemessenen Studien
zu, als ihnen die dauerhaftere Kenntnis der unregelmäßigen Verba und
der sichere Gebrauch des Aorists gewähren konnte. Meine glückseligen
Kindertage kamen mir noch einmal in verstärktem Glanze zurück. Da stand
wieder das unsterbliche Roß des Achilleus, wie es die wallende Mähne
trauernd durch das Joch senkt, während es dem Halbgott sein nahes
Ende verkündigt. Und ich verstand jetzt klarer, was mich am Bilde
dieses Helden von jeher so einzig gefesselt hatte: daß es keine höhere
Verkörperung des Idealismus durch die Poesie gibt als ihn. Sämtliche
Gestalten der Ilias sind nach dem Leben gebildet von dem vielredenden
Nestor bis zu dem rohen Draufgänger Diomedes, von Odysseus ganz zu
schweigen, aus dem der griechische Mensch mit seinem geschichtlichen
Charakter blickt. Achill allein ist nicht aus der Erfahrung, sondern
aus der Seele geholt. In ihm sehen wir, wie das adligste aller Völker
sich den adligsten aller Menschen _dachte_. Die griechische Geschichte
hat nur _einen_ hervorgebracht, der an ihn erinnert: Alexander, in dem
man mitunter die bewußte Angleichung zu spüren glaubt. Als Sohn der
zartesten Göttin verbindet der Heros das Feingefühl mit dem Dämonischen
und erscheint durchweg auf das Gemütsleben gerichtet. Nicht die Taten
des Achilleus will Homer singen, sondern seinen Zorn. Darum wird er
nur gegen das Ende kämpfend eingeführt, während man die andern immer
beim Totschlagen sieht. Indes jene würgen, sitzt er am Meer und spielt
die Leier, aber es ist dafür gesorgt, daß wir nicht vergessen, wie
ohne ihn nichts Rechtes geschehen kann. Jedes Lob der andern wird
eingeschränkt durch den Zusatz „nach dem tadellosen Achilleus“, wie
der König von jedem Zins den Löwenanteil empfängt; nur die Schlauheit
wird ihm abgesprochen: sie gehört der niederen Menschheit, nicht ihrem
Idealbilde an. Er allein von den Helden Homers ist über das Irdische
erhaben und dadurch den Göttern ähnlich. Er bedarf der Nahrung nicht,
wenn seine Seele in ihren Tiefen aufgestürmt ist, während Odysseus als
der hochbegabte, aber innerlich gemeine Mensch keinen Augenblick des
Leibes Notdurft vergißt. Alle die andern gieren als naive Naturmenschen
nach Gewinn, der Sohn der Thetis schätzt Beute und Sühnegeschenke
nur um der Ehre willen und nimmt auch hierin das spätere Ritterideal
voraus. So erscheint auch seine ganze Umgebung durch ihn veredelt,
indem sie sich ihm angleicht, und sie wirft ihren Adel auf ihn zurück.
Patroklos vor allen, „so sanftgesinnt und so tapfer“, ist wie die
schwächere Verdoppelung eines Regenbogens, ihm in allem ähnlich,
aber weniger als er. Für ihn allein geschehen Wunder: von seinem
unbeschützten Haupt lodert die Feuerflamme Athenes, das unsterbliche
Roß gewinnt Sprache, der kunstfertige Gott schmiedet ihm die Waffen im
Schweiße seines Angesichts. Aber all diese Vorrechte genießt er nur,
weil er das Leben, das ihm so hold ist, wegwirft, um seinem Herzen zu
genügen.
Wie weise der Dichter ihn vom Kampfe aufspart bis zuletzt; der Held
wäre gemein, wenn er jetzt nicht, um den Freund zu rächen, über
alle Schranken ginge, daß seine Taten mit denen der anderen in gar
keinen Vergleich mehr gebracht werden können. Sein Kampf mit dem
Stromgott ist ein Stück antiker Romantik inmitten der Sachlichkeit
Homers. Der tobende Ausbruch des Helden muß seine nachfolgende schöne
Menschlichkeit dem Gemüte desto lebendiger machen, während er doch
auch in seinen weichsten Augenblicken noch der Gefährliche bleibt und
selber vor dem Dämon, der ihn fortreißen könnte, warnt. Wie er mit dem
alten Priamos im Zelte sitzt und die zwei Todfeinde über den Jammer
des Kriegs, dessen Opfer sie beide sind und dem sie bei aller Macht
keinen Einhalt zu tun vermögen, zusammen weinen, das ist vielleicht das
Größte, was der Dichtung jemals gelang.
Auch die homerische Landschaft, die so wunderbar an das Raumgefühl
spricht, wirkte mächtig auf die Einbildung. Die Skamanderebene mit
den gemauerten Gruben für die troischen Wäscherinnen, wie ich deren
später in südlichen Landen viele sehen sollte, und dem ehrwürdigen
Male des Ilos, das in eine graue Zeitenferne zurückweist und
dadurch die dargestellte Gegenwart so jung und so lebendig macht,
das nahe Rauschen der Meerflut, aus der die Thetis steigt, die
geheimnisvolle südliche Nacht, die bei dem Schleichgang des Dolon um
die Griechenzelte webt: dies alles wurde zur persönlichen Nähe und
weckte ein unauslöschliches Verlangen nach dem Boden, aus dem jene
ewigen Gesänge gestiegen sind. Damals gaben Lehrer und Schülerin sich
das Wort, wenn einmal beide es im Leben zu etwas gebracht hätten,
zusammen Griechenland und die Inseln zu bereisen. Ein Menschenleben
mußte vergehen, bevor das Gelübde erfüllt werden konnte. Als es endlich
dahin kam, hielt der griechische Boden noch mehr, als er versprochen
hatte, und war zugleich so vertraut, als ob man eine lange vermißte
Heimat wiederfände: aus Landschaft und Kunst blickte mich wie durch
einen verschönernden Spiegel die deutsche Seele mit an. Vor den noch
erhaltenen Werken der großen Zeit ging mir ganz plötzlich das Geheimnis
der Griechenkunst auf: daß sie nicht um der Kunst willen da war,
sondern um der Religion und dem Vaterlande zu dienen und das Band der
Einheit fester zu schlingen. Der griechische Boden predigt mit tausend
Zungen, daß kein Mensch sich geistig außerhalb des eigenen Volkstums
stellen kann. Und die Hellenen, die mir so oft Lehrmeister gewesen
waren, lehrten mich auch, nach einem im Ausland verbrachten Leben
wieder Deutsche zu werden. --
Nach Beendigung der Ilias lasen wir noch in ähnlichem Zeitmaß die
Antigone und Bruchstücke aus den Lyrikern. Aber der „Agamemnon“ des
Äschylos, nach dem mich gleichfalls verlangte, entmutigte mich bald
durch seine Schwierigkeiten, und auch den begonnenen Aristophanischen
„Wolken“ zeigte sich meine Sprachkenntnis nicht gewachsen.
Um die Weihnachtszeit verließ uns Ernst, um nach Rußland zu gehen. Sein
Abschied war ein kleines Fest. Mama, die ihre Rührung nicht zeigen
wollte, zerdrückte ab und zu im Nebenzimmer eine Träne. Der Scheidende
wollte beim Aufbruch ein paar bewegte Worte sagen, aber seine Schülerin
schob ihm, als er den Mund öffnete, schnell ein Stück Kuchen hinein
und stopfte, während er damit rang, ein zweites nach, daß er zwischen
Lachen, Weinen und Kauen nicht mehr zum Sprechen kam. So schied dieser
treueste meiner Jugendfreunde auf Jahrzehnte aus meinem Leben.
Das Griechische wurde danach noch eine Zeitlang unter anderer Leitung,
aber mehr im philologischen Sinne fortgesetzt, wobei die Poesie
hinter der Grammatik zurücktrat. Dagegen gaben Edgar und ich uns das
Wort, inskünftige, solange wir noch beisammen wären, jedes Jahr
die„Antigone“ gemeinsam in der Ursprache zu lesen, wozu es jedoch
nur einmal und bruchstückweise kommen sollte. Mir aber waren und
blieben die Griechen mehr als bloße Wegweiser des Schönen; diese
herrlich strengen, jeder Willkür abholden Lehrmeister wurden mir auch
Erzieher fürs Leben. Sie bildeten mein seelisches Rückgrat, denn in
der unbegrenzten Freiheit, in der ich mir selber Maß und Gesetz suchen
mußte, wäre ich vielleicht ohne sie zerflattert. Sie warnten mich
auch, den Fuß nicht allzu fest auf die Erde zu setzen und das Auge nie
vor den schaurigen Abgründen zu verschließen, an denen die Blumen des
Lebens blühen.
Unzeitgemäßes und was es für Folgen hatte.
Noch einmal ging mir in der Heimat ein neues Leben auf, als ich meiner
guten Mutter die Erlaubnis abgedrungen hatte, die Reitschule der
Universität besuchen zu dürfen. Schon als Kind war ich auf jeden mir
erreichbaren Pferderücken gestiegen, und da sich der Hausarzt meinem
Wunsche anschloß, um mir bei dem seßhaft gewordenen Leben mehr Bewegung
zu verschaffen, wagte sie nicht nein zu sagen. Die Reitschule war als
akademische Anstalt nach damaligen Begriffen dem weiblichen Geschlechte
verschlossen, daher nie ein Frauenfuß die Reitbahn betrat. Auch wurde
mir eingewendet, daß die nur wenig zugerittenen Zuchthengste vom
Landesgestüt in Marbach, die dem studentischen Reitunterricht dienten,
nicht zu Damenpferden geeignet seien. Dies schreckte mich jedoch nicht
ab, und der damalige Universitätsstallmeister Baron Sternenfels, der
ein Mann von Welt war, kam meinen Wünschen aufs artigste entgegen. So
saß ich denn eines Tages im Sattel, und binnen kurzem war es so weit,
daß ich auf meinem friedlichen alten Ebor neben dem feurigen Othello
des Stallmeisters gen Lustnau trabte. Und da der Lehrer mir nicht auf
die Länge so viel Zeit allein widmen konnte, verband er von nun an
meinen Unterricht mit dem der Schüler. Einmal neckte er mich, indem
er mir am unteren Ende der Reitbahn den Platz anwies und dann einen
plötzlichen Kavalleriesturm gegen meine Stellung befahl. Als Roß und
Reiterin ruhig blieben, war er mit meinen Nerven zufrieden. Da sah man
denn des öfteren einen langen Reiterzug durch die Straßen stampfen mit
einem blonden Mägdlein an der Spitze neben dem Stallmeister, ein in
Tübingen nie dagewesener Anblick. Es tat mir leid, meinen Mitbürgern,
die ohnehin an dem Tone unseres Hauses so viel auszusetzen fanden, ein
erneutes Ärgernis geben zu müssen, allein ich konnte doch unmöglich
warten, bis ihre Anschauungen sich so weit gewandelt hatten, daß sie
an einer Dame zu Pferd keinen Anstoß mehr nahmen, was noch Jahrzehnte
dauern sollte. Es wäre auch zu schade gewesen. Jene Morgenfrühen, wo
es durch die schlafende Stadt hinausging in Felder und Wälder, die
noch im Tau funkelten, und wo die Pferde mit Freudengewieher den weit
aufgehenden Raum begrüßten, möchte ich nicht um vieles in meiner
Erinnerung missen; es war ein Gefühl wie von Herrschaft über die Erde.
Im Stall befand sich ein stattlicher Rapphengst, auf den ich wegen
seines schönen, rundgebogenen Halses mit der wallenden Mähne gleich
ein Auge geworfen hatte. Er hieß Shales, war englisches Halbblut mit
sehr gutem Stammbaum, aber persönlich ein launenhafter, tückischer
Gesell, dessen ungute Charaktereigenschaften sich auch auf alle seine
Nachkommen vererbten, daß im Landesgestüt noch lange danach die
Bosheiten des Shalesschen Geschlechts wohlbekannt blieben. Einmal
sperrte er mich, als ich ihm freundlich in seinen Stand ein Stück
Zucker brachte, ein, indem er mir mit den Hinterbeinen den Ausgang
verschloß. Kein Zureden half, auch die Reitknechte waren machtlos, erst
die Kommandostimme seines Gebieters bewog ihn, mich wieder freizugeben.
Ich war jedoch verliebt in den Shales und nahm ihm seine Unarten nicht
übel. Und ich lag immer aufs neue dem Stallmeister in den Ohren,
einmal den Shales für mich satteln zu lassen, was er als zu gefährlich
ablehnte.