Eine weitere sehr ausgeprägte Persönlichkeit war der nach allen

Seiten frondierende Maler, Poet und Artillerieoberst Heinrich Reder,

ein begabter, eigenwilliger Mann, der sich wegen gesellschaftlicher

Unstimmigkeiten von seiner ehemaligen Tafelrunde, dem

Heyse-Hornstein-Kreis, in einen Schmollwinkel zurückgezogen hatte, zu

dem ich aber wegen seiner Freundschaft mit unserer spanischen Freundin

den Zugang fand.

So war es also mit der gesellschaftlichen Anlehnung trefflich

bestellt, und im übrigen hieß es abwarten. Ich hatte nach einigen

Erfahrungen an Münchner Zimmervermieterinnen mit Erwin eine kleine

leere Wohnung zu ebener Erde an der Ecke der Karls- und Luisenstraße

bezogen, die wir selber einrichteten. Das Essen ließen wir uns aus

einer nahen Wirtschaft holen, es kostete damals nur fünfzig Pfennig

für die Person, war aber auch danach. Gelegentlich kam von Hause

eine Schachtel mit einem großen, von Josephine geschmorten Braten,

der uns auf mehrere Tage sättigte. Als ich mir in der Au eine durch

Frau von Hornstein empfohlene Zugeherin besorgen wollte, erlebte ich

gleich zum Einstand ein sehr bezeichnendes Stück Münchner Volkstum.

Im tiefen Schnee der Straße kam mir eine Jammergestalt laut klagend

entgegen, mit Schlappen an den Füßen, im allerdünnsten Kattunröckchen

und ebensolcher Bluse, Kopf und Hals bloß. Sie rief mich an, ob ich

kein Dienstmädchen brauchen könne, sie sei in schrecklicher Not und

wolle mir gewiß treu sein, wenn ich mich ihrer annehme. Ich konnte zwar

die Leidensgeschichte, die sie mir erzählte, nicht nachprüfen, nahm

aber an, daß es meine Pflicht sei, sie zu retten. Also ließ ich die

Gutempfohlene fahren und dingte die Zugelaufene, der ich außerdem noch

zehn Mark Vorschuß geben mußte, um ihren von der früheren Herrschaft

-- ich weiß nicht weshalb -- zurückbehaltenen Koffer auszulösen. Sie

schrieb mir ihren Namen auf einen Zettel, das war meine Sicherheit.

Natürlich wurde ich von den befreundeten Damen weidlich ausgelacht,

ich ließ mich jedoch nicht irremachen, und siehe, am bestimmten Tage

stellte sich das Mädchen, ein spindeldürres, scheinbar gelbsüchtiges

und auszehrendes Geschöpf, in anständiger Kleidung bei mir ein. Ich

brachte sie bei einer benachbarten Kramerin unter, die ihr gleichfalls

Arbeit gab, und sie bediente mich längere Zeit gewissenhaft und

anhänglich. Sie war jedoch eine geborene Streunerin und wurde des

trockenen Tones bald satt, also verschwand sie eines Nachts geräuschlos

durch das Fenster, um, wie die Kramerin sagte, „mit den Maurern zu

gehen“; sie hielt es scheint’s mit dieser ganzen Berufsklasse. Aber

scheidend hatte sie noch für mich gesorgt, indem sie den Bäcker, die

Milchfrau und andere Lieferanten beauftragte, mir morgens den Bedarf,

den sie sonst abholte, vor die Tür zu stellen, ein Charakterzug, der

mich mit ihrem Leichtsinn versöhnte.

In Erwartung meiner ersten Unterrichtsstunden brauchte ich nicht

müßig zu gehen, sondern übersetzte in buchhändlerischem Auftrag ein

französisches Werk. Allmählich fanden sich auch einige Schülerinnen

ein. Die erste war eine baltische Baronin, die ich im Italienischen

zu unterrichten hatte, eine Dame von sehr großem Stil, die deshalb

zu meinem Erstaunen von der Gesellschaft für eine bedeutende

Persönlichkeit angesehen wurde, nach deren häufigen Migränen man mich

stets mit eifrigem Anteil befragte. Da sie mich oft weit über die

Stunde hinaus festhielt, um sich über alles Erdenkliche auszusprechen,

sah ich unter den schönen Verkehrsformen in eine geistig ganz

unfruchtbare und schablonenhafte Natur hinein. Es war das erstemal, daß

mir dieses Mißverständnis der Gesellschaft begegnete, daher es meiner

Indianerseele als merkwürdig auffiel.

Bei weitem anziehender war eine geistig regsame und selbständige

Schwedin, die sich bei mir im Deutschen üben wollte und die mir den

Unterricht leicht machte, da ich mir nur von ihr den „Faust“ und

die „Iphigenie“ vorlesen zu lassen und mit ihr über das Gelesene zu

sprechen brauchte, wobei ich die Freude hatte, ihre Augen immer höher

aufglänzen zu sehen. Sie bat sich von vornherein aus, daß ich sie im

falschen Gebrauch der Artikel nicht stören dürfe, weil sie aus einer

Familie stamme, in der bei hohem Bildungsstand niemand je mit dem Der,

Die, Das zurechtgekommen sei. Ich war es zufrieden; die deutschen

Sprachschnitzer meiner Schülerinnen klangen mir immer so drollig,

daß es mir leid tat, sie schulmeisterlich berichtigen zu sollen.

Noch besser verstand ich mich mit einer gleichaltrigen Amerikanerin,

die sich ganz allein in Europa aufhielt, einem Geschöpf von kecker,

knabenhafter Anmut, jungfrisch und so voraussetzungslos, als wäre sie

eben aus dem Ozean gestiegen. Auch diese Liebenswürdige wollte, wie sie

mir anvertraute, nichts als „ein Gespräch höheren Stils in deutscher

Sprache führen lernen“, und der Unterricht bestand bei ihr wie bei der

Schwedin darin, daß sie auf meinem Kanapee saß, um über Literatur und

Verwandtes zu plaudern. Als sie entdeckte, daß auch ich ihre Lieblinge

Burns und Byron liebte, war ihre Freude groß. Ich lernte ebenso von ihr

wie sie von mir, denn ich horchte auf die Äußerungen amerikanischen

Seelenlebens, das mir noch nie zuvor so nahe getreten war. Ich hatte

dabei zum erstenmal den Eindruck, der sich mir bei späteren Beziehungen

zu Amerikanern stets wiederholte und vertiefte, daß der amerikanische

Denkapparat viel einfacher eingerichtet sei als der unsrige und unsere

verwickelteren Gedankengänge gar nicht mit uns gehen könne, daher

unsere halb scherzhaften Paradoxen und unsere übertragenen Wendungen

oft ganz naiv tatsächlich und buchstäblich genommen werden. Solch

ein amerikanisches Gehirn erschien mir als ein jungfräulicher Grund,

noch nicht durch die Denkarbeit früherer Geschlechter durchwühlt und

vorbereitet und deshalb im geistigen Verkehr mit der kulturälteren

deutschen Welt Mißverständnissen ausgesetzt.

Erwin, der die Malklasse besuchte, war mir ein guter Kamerad. Zwar

kam er gern des Abends etwas spät nach Hause, wobei ich ihn zu

erwarten pflegte, aber ich gönnte ihm die Freiheit und wußte ja auch

hinlänglich, daß Ermahnungen in solchen Fällen nichts fruchteten.

Dafür kam er auch einmal in die Lage, mich erwarten zu müssen, als ich

ohne Hausschlüssel ausblieb, was ihm ein großer Triumph war. Ich hatte

mich von Hornsteins überreden lassen, den Abend mit ihnen auf einem

weitentlegenen Keller zu verbringen, weil ich das Münchner Kellerleben

noch nicht kannte. Es wurde spät und später, ich konnte nicht mehr

allein nach Hause und mußte ausharren bis zum Schluß. Zwei Herren,

darunter Wilhelm Hertz, hatten denselben Heimweg, sie brachten mich

vor meine Tür, aber jetzt war guter Rat teuer; wie hineingelangen?

Hertz schlug mir einen Einbruch durch mein eigenes Fenster vor,

wofür er seinen Rücken als Aufsteigschemel anbot; er meinte, einer

geübten Reiterin müsse das Auskunftsmittel passen. Aber meine schönen

Milchtöpfe, die auf dem inneren Fensterbrett standen, schon halb

gestockt, die Hoffnung des morgigen Abends? Während ich noch zauderte,

wurden sie plötzlich von innen leise weggestellt, und Erwins Kopf

erschien, von allen mit Zuruf begrüßt. Es war der ganz unverhoffte

Fall eingetreten, daß der Bruder früher als die Schwester aus dem

Wirtshause gekommen war und einmal seinerseits auf die Heimkehr der

Nachtschwärmerin warten mußte.

Aber schöner als die schönste Geselligkeit war es doch, des Abends

ganz allein im stillen Zimmer zu sitzen. Da kam ein Besuch, der

von allen der willkommenste war, der unsichtbare „Andere“. Seit

meinem Märchen für den kranken Bruder traute ich mir nun wirklich

etwas zu, ich nahm also einen stärkeren Anlauf und versuchte es

mit einer Novelle. Eine romantische Liebesgeschichte mit Treue in

der Untreue nebst einer Anzahl nach der lebendigen Mustersammlung

gemalter Nebenfiguren war leicht erfunden, Zeit und Gegend, in die

ich sie verlegte, gaben Gelegenheit zu abenteuerlichen Begebnissen

und zu weiten Landschaftsbildern nach meinem Herzen. Im Feuer des

Gestaltens gönnte ich mir nicht einmal mehr die nötige Zeit zum Essen

und Schlafen, aus Furcht, ich könnte etwa über Nacht wegsterben und

mein Werk unvollendet hinterlassen. Jeden Morgen fühlte ich eine ganz

besondere Genugtuung, noch am Leben zu sein und mich sogleich wieder an

den Schreibtisch setzen zu können, um zu erfahren, wie die Geschichte

weiterging. Denn dies wußte ich selber nicht, ließ es mir vielmehr

von jenem Unsichtbaren gewissermaßen in die Feder diktieren. Es ging

mit Windeseile, ganze Stöße beschriebenes Papier türmten sich auf,

und wenn auf dem kleinen Tisch der Raum zu eng wurde, so schob ich,

ohne aufzusehen, die Blätter über den Rand hinunter auf den Boden, um

ja keine der kostbaren Minuten, wo die Esse glühte, zu verlieren. Im

Schreiben verliebte ich mich selber in meinen Helden, in dem ich ein

Stück dämonisches Übermenschentum hatte schildern wollen, und als er

tot und die Geschichte zu Ende war, legte ich den Kopf auf den Tisch

und weinte selige, befreite Tränen. Es war drei Uhr nachts am dritten

Tag, nachdem ich zu schreiben begonnen hatte. Nun konnte ich endlich

beruhigt zu Bette gehen.

Es ist schön, ein Geisteskind in die Welt zu setzen, aber wenn es

hernach da ist und seine Geschicke auf die unsern einzuwirken beginnen,

bekommt die Sache ein anderes Gesicht. Durch gewogene Freundesherzen,

denen ich mich anvertraut hatte und die an der hervorgesprudelten

Erzählung ein Wohlgefallen fanden, erfuhr Paul Heyse davon. Zu meinem

größten Schrecken erschien er gleich in meiner Wohnung und begehrte

als väterlicher Freund und Zensor, der über mein literarisches Heil

zu wachen habe, die Novelle zu lesen. Ich verweigerte sie, denn ich

wußte, daß ich von andern nichts lernen konnte, sondern abwarten mußte,

was mir das Leben selber zu sagen hatte. Aber schon war er auf dem

Schreibtisch der aufgestapelten Blätter ansichtig geworden, hatte sie

blitzschnell, bevor ich es hindern konnte, in die Tasche gesteckt und

suchte trotz meinem Widerspruch mit seinem Raub lachend das Weite.

Mir schwante Böses, als ich des andern Tags durch einen Zettel zu

ihm gerufen wurde, aber auf eine Strafpredigt wie die, womit ich

empfangen wurde, war ich nicht gefaßt. Hätte er mir doch lieber den Rat

gegeben, das Erzeugnis einzusiegeln und erst nach Jahresfrist wieder zu

eröffnen, gewiß wäre mir hernach seine Unreife von selber aufgegangen,

und die Handschrift wäre vermutlich ins Feuer gewandert. Allein er

griff mich von der moralischen Seite statt von der künstlerischen

an, indem er sich über die sittliche Anbrüchigkeit meines Helden wie

über eine wirkliche Person entrüstete und die Behauptung vertrat,

ein so gewissenloser Mann könne einer reinen Frauenseele keine

Leidenschaft einflößen, wovon sich leicht aus Geschichte und Leben

das Gegenteil erhärten ließ. Hier war gewiß der Brennpunkt all

unserer Meinungsverschiedenheiten: er sah das Leben vernunftgemäß an

und verlangte auch von der Dichtung widerspruchslose, gesetzmäßig

aufzulösende Charaktere, während für mich zur inneren Wahrheit die

Widersprüche mit gehörten. Niemand verstand es, wärmer und herzlicher

zu loben als Heyse, wo er innerlich einstimmte; umgekehrtenfalls

konnte er aber unverhältnismäßig schroff werden, wie ich ihn diesmal

sah. Wir stritten heftiger als je, und das kalte Sturzbad mitten in

die ersten Schöpferfreuden hinein griff mich mehr an, als ich zeigen

mochte. Aber heimlich dachte ich doch, erfundene Gestalten, die solchen

Sturm entfesselten, könnten nicht ganz talentlos gemacht sein. Und

nun geschah es in der Folge, daß die Novelle gedruckt wurde zu einer

Zeit, wo ich schon darüber hinausgewachsen war und ihre Schwächen

einsah, daß sie bei den Lesern mehr Anklang fand, als mir lieb war,

und zu meinem größten Verdruß während einiger Jahre bald da, bald

dort nachgedruckt wurde, ohne daß ich es zu hindern vermochte. Da ich

vor lauter Ernüchterung nicht einmal mehr die Korrekturbogen gelesen,

sondern sie schleunigst verkrümelt hatte, ging das Ding nun auch noch

mit den irrsinnigsten, Fehlern behaftet durch den Blätterwald. Nur

der Umstand, daß ich damals schon in Italien lebte und daß von all den

Menschen, die mir in den Straßen von Florenz begegneten, wohl niemand

die Mißgeburt gelesen hatte, tröstete mich über den unerwünschten

Erfolg.

Sobald die Münchner Sonne wärmer schien, war es mein erstes, mir zur

Lust und den Tübinger Moralbegriffen zum Trotz Schwimmunterricht

zu nehmen in der Würm. München besaß natürlich in dem durch einen

Stellwagen mit der Stadt verbundenen Ungererbad schon seine

Damenschwimmschule. Nach dreien Malen war es geschehen: ich konnte

meine Schwimmblasen wegwerfen und mich vom Wasser tragen lassen; welch

ein Hochgefühl! Aber noch ahnte ich nicht, wozu das binnen kurzem gut

sein sollte.

Eines Tages stand Edgar wie aus der Pistole geschossen vor mir: er kam,

von meinen Briefen angezogen, sich nach einem Wirkungskreis in München

umzusehen. Die leidigen Verhältnisse wiesen ihn, der durchaus für eine

glänzende wissenschaftliche Laufbahn geboren war, in die Praxis, aber

die Heimat hatte keine Verwendung für ihn. Stuttgart war überfüllt mit

Ärzten, zum Landarzt paßte er nicht, in eine Kleinstadt noch weniger;

auch legte man ihm seiner sozialistischen Gesinnung wegen überall

Schwierigkeiten in den Weg. Zwei Tage hielt er sich in München auf,

besuchte Kliniken und Ärzte, und ich gab mich schon der Hoffnung hin,

ihn gleichfalls festwachsen zu sehen. Aber der dritte Tag machte diese

Erwartung zunichte, er erklärte, daß München kein Platz für ihn sei. Ob

die Umstände wirklich so ungünstig lagen oder ob der Drang nach einem

ferneren, lockenderen Ziele ihn weitertrieb, weiß ich nicht. Edgar war

kein Mann von langsamen Entschlüssen: ehe ich mich’s versah, hatte er

sich schon verabschiedet und fuhr Italien zu.

Das war im Frühjahr gewesen. Bevor der Sommer ins Land kam, hatte er

sich ohne irgendwelchen Vorschub noch Gönnerschaft in Florenz eine

ärztliche Stellung gegründet, und es war bereits beschlossene Sache,

daß ihm Mama mit Balde, dem man durch ein südliches Klima das Leben zu

fristen hoffte, dorthin nachfolgen sollte. Die Sorge für den Kranken

hatte schon bestimmend auf die Wahl des Aufenthalts eingewirkt. Jetzt

verband er sich mit der Mutter, um auch mich zum Anschluß zu bewegen.

Dieser Vorschlag war wie ein Blitz, der in eine plötzlich erhellte

wundersame Gegend blicken läßt, und nahm mir fast den Atem. Es ging ja

gegen alle bürgerliche Vernunft, das wertvolle kaum Errungene schon

nach drei Vierteljahren um etwas völlig Unbekanntes zu vertauschen.

Allein die großen Entscheidungen des Lebens werden nicht durch die

Vernunft getroffen, sondern durch das Dämonische in uns, das unsere

Bedürfnisse besser kennt als wir selber. Ich habe sein Walten niemals

bereut. Es entzog mich der damaligen deutschen Kulturphase, die keine

schöne war, und ließ mich mein Weltbild ungetrübt aus dem eigenen

Innern gestalten. Freilich forderte es einen hohen Preis dafür,

indem es mich all der unberechenbaren Vorteile beraubte, die der

Zusammenschluß mit anderen gewährt. Ich hatte meinen künstlerischen

Weg nun ganz allein, ohne Vorschub noch Anlehnung irgendwelcher Art,

zu machen. Meine neuen Freunde schüttelten natürlich die Köpfe und

hielten mir alle Bedenken vor, die mir schon selber aufgestiegen

waren. Aber Edgar schrieb von den alten Palästen am Arno, von der

Etruskerstadt Fiesole und von Sommern an dem nahen Meere. Das war

es, was am stärksten zog; nicht die Kunst Italiens, von der ich noch

wenig wußte, nicht die herrlichen Städtebilder, die man ja nicht wie

heute schon aus ungezählten Abbildungen kannte, auch nicht im dunkeln

Laub die Goldorangen beherrschten so meine Träume wie das blaue,

unendliche Meer. Ich meinte, erst am Meere könne mein innerer Mensch

sich vollenden. Der Wunsch, wieder mit den Meinigen vereint zu sein,

und literarische Aufträge, die mich hoffen ließen, auch dort meine

Selbständigkeit begründen zu können, zogen die Waage vollends nach

dieser Seite herunter. Als ich der hoffenden und wartenden Mutter

mein Ja geschrieben hatte und den Brief in einen Briefkasten der

Briennerstraße werfen wollte, zuckte meine Hand noch einmal zurück. Ein

plötzlicher Zweifel hatte mich befallen, und ich beschloß, die Frage

noch einmal in die Hand des Schicksals zurückzulegen. Ich zählte die

Fenster des Hauses auf Ja und Nein. Der Spruch hieß ja, der Brief fiel

in den Kasten und ein großer Jubel erfüllte meine ganze Seele.

Bevor ich schied, erwarteten mich noch vierzehn köstliche Sommertage,

die ich bei Hornsteins in Ambach am Starnberger See verbringen durfte.

Des Morgens auf Feld und Wiesen entstanden kleine Lieder, die der

Hausherr alsbald in Musik setzte und die des Abends schon von der

gleichfalls als Gast anwesenden gefeierten Sängerin Aglaja Orgeniy

am Klavier gesungen wurden. Die ganze übrige Zeit lag ich im See und

genoß voraus die Wonne, daß ich künftig im Meere schwimmen würde! Ich

erinnere mich, wie einmal Ludwig II. in seiner glänzenden Karosse

schnell wie ein Traumgedanke an unserem Badestrand vorüberrollte und

wie die jungen Mädchen gleich Wasservögelchen in die Höhe fuhren, um

ihm aus den Fluten ihren Knicks zu machen. Eine selige Losgebundenheit

und überschwengliche Erwartung verzauberte mir die ganze Welt, und das

neue Glück, dem ich entgegenging, verschönte das gegenwärtige, das ich

verlassen sollte.

Letzte Tage in der Heimat.

Während meiner letzten Münchner Wochen rüstete sich Tübingen zur

Vierhundertjahrfeier der Gründung seiner Universität durch den Herzog

Eberhard von Württemberg, und die akademische Bürgerschaft plante einen

großen historischen Festzug, bei dem von vornherein auf meine Teilnahme

gerechnet war. Auf dem prunkvollsten der Wagen, der den Stifter der

Universität samt seinen Räten trug, sollte ganz vorn die Muse als

Lenkerin des Gespannes stehen, und dieser Teil des Festplans, der bei

den steilen, holprigen Gassen Tübingens zu anderen Eignungen auch

sportliche Sicherheit erforderte, war in der Tat ohne meine Mitwirkung

nicht auszuführen. Meine Mutter übermittelte mir brieflich die Bitte

der Professoren- und Studentenschaft, daß ich zu der Feier nach

Tübingen komme und die Rolle der Muse übernehme. Ich verspürte zuerst

wenig Neigung dazu, denn ich betrachtete meinen Abgang aus Tübingen

infolge der mißlungenen Werbearbeit für das Damenschwimmen doch als

eine Art Scherbengericht, und es wurde mir einigermaßen coriolanisch

zumute, daß mich nun die Vaterstadt in der Not durch meine Volumnia

zurückrief. Der plötzliche Entschluß, mit nach Italien zu übersiedeln,

machte jedoch meine vorherige Rückkehr nach Hause notwendig. Und kaum

war ich in Tübingen, so erschien im Auftrag des Ausschusses Professor

Leibniz, der akademische Zeichenlehrer, der, wie ich glaube, die

künstlerischen Entwürfe für den Festzug gemacht hatte, und stellte mir

vor, daß ich doch nicht die Unschuldigen mit den Schuldigen bestrafen

und um weniger Übelgesinnter willen den schönsten Teil des Festzuges

zunichte machen dürfe, bis ich mich umstimmen ließ und ja sagte.

Die Gewandung lieferte das Stuttgarter Hoftheater, das auch an dem

großen Tage eine Garderobiere herüberschickte, um mich anzukleiden.

Ihre Auffassung von einem griechischen Gewand war allerdings von der

meinigen so verschieden, daß mir die weiße Tunika noch am Leibe völlig

aufgetrennt und umgeheftet werden mußte. Der breite Messinggürtel mit

den künstlichen Edelsteinen hatte zu meinem bleichen Schrecken eine

lange Schnebbe! Da blieb nichts übrig, als ihn umzukehren und die

Schnebbe nach oben zu richten, was, wenn auch nicht einer antiken, doch

allenfalls einer Renaissancemuse ähnlich sah. Das geschah unter dem

Widerspruch der Garderobiere, die versicherte, alle Iphigenien trügen

einen Schnebbenleib. Ein langer blauer Peplos, der an den Schultern

befestigt wurde, verdeckte, was noch stilwidrig war, und die Haare

schmückte ein Kranz von Lorbeer. So angetan erstieg die Muse ihren

Vorderplatz auf dem hochgetürmten Wagen und ergriff die Rosenzügel.

Vier gewaltige Grauschimmel, von Pagen geführt, zogen das schwere

Fuhrwerk. Auf dem Hochsitz hinter mir thronte der Fürst mit seinem

Gefolge, eine jugendliche Schülergruppe kauerte zu meinen Füßen. Die

Muse war die einzige, die völlig frei stand, und es bedurfte in der

Tat aller Aufmerksamkeit, in der hügeligen Stadt das Gleichgewicht zu

bewahren, besonders als es die damals noch jäh abfallende Neckarstraße

hinunterging. So kam es, daß ich am Ende von dem berühmten Festzug,

an dem mir eine Hauptrolle zugefallen war, nichts gesehen hatte als

die Rücken meiner Apfelschimmel und die herzoglichen Herolde und

Bannerträger, die vor meinem Wagen ritten. Den Rest des Zuges mit

der Gruppe der drei Flüsse Tübingens und mit all den geschichtlichen

Persönlichkeiten, den Gelehrten, Schülern, Rittern, Pagen, Mönchen,

Landleuten, Flößern und so weiter lernte ich erst später aus

Beschreibungen und einer rohen Zeichnung kennen; Momentaufnahmen gab

es damals noch keine. Auch mitten im Festjubel blieb das Philistertum

sich selber gleich, denn kaum hatte ich den Fuß auf den Boden gesetzt,

so beeilten sich geschäftige Zungen, mir neue Bosheiten zuzutragen.

Aber am Nachmittag erschien die Ästhetik selbst in Gestalt Friedrich

Vischers, um mir ihren warmen Glückwunsch und Beifall zu überbringen.

Während draußen die Festfreude weiterlärmte, die gegen Abend in laute

Trunkenheit ausartete, saß er bei Mutter und Tochter und erzählte als

guter Kenner Italiens mit Begeisterung von den Dingen, die uns dort

erwarteten.

Aus meinem Jugendland · 第 18 / 19 段