Seiten frondierende Maler, Poet und Artillerieoberst Heinrich Reder,
ein begabter, eigenwilliger Mann, der sich wegen gesellschaftlicher
Unstimmigkeiten von seiner ehemaligen Tafelrunde, dem
Heyse-Hornstein-Kreis, in einen Schmollwinkel zurückgezogen hatte, zu
dem ich aber wegen seiner Freundschaft mit unserer spanischen Freundin
den Zugang fand.
So war es also mit der gesellschaftlichen Anlehnung trefflich
bestellt, und im übrigen hieß es abwarten. Ich hatte nach einigen
Erfahrungen an Münchner Zimmervermieterinnen mit Erwin eine kleine
leere Wohnung zu ebener Erde an der Ecke der Karls- und Luisenstraße
bezogen, die wir selber einrichteten. Das Essen ließen wir uns aus
einer nahen Wirtschaft holen, es kostete damals nur fünfzig Pfennig
für die Person, war aber auch danach. Gelegentlich kam von Hause
eine Schachtel mit einem großen, von Josephine geschmorten Braten,
der uns auf mehrere Tage sättigte. Als ich mir in der Au eine durch
Frau von Hornstein empfohlene Zugeherin besorgen wollte, erlebte ich
gleich zum Einstand ein sehr bezeichnendes Stück Münchner Volkstum.
Im tiefen Schnee der Straße kam mir eine Jammergestalt laut klagend
entgegen, mit Schlappen an den Füßen, im allerdünnsten Kattunröckchen
und ebensolcher Bluse, Kopf und Hals bloß. Sie rief mich an, ob ich
kein Dienstmädchen brauchen könne, sie sei in schrecklicher Not und
wolle mir gewiß treu sein, wenn ich mich ihrer annehme. Ich konnte zwar
die Leidensgeschichte, die sie mir erzählte, nicht nachprüfen, nahm
aber an, daß es meine Pflicht sei, sie zu retten. Also ließ ich die
Gutempfohlene fahren und dingte die Zugelaufene, der ich außerdem noch
zehn Mark Vorschuß geben mußte, um ihren von der früheren Herrschaft
-- ich weiß nicht weshalb -- zurückbehaltenen Koffer auszulösen. Sie
schrieb mir ihren Namen auf einen Zettel, das war meine Sicherheit.
Natürlich wurde ich von den befreundeten Damen weidlich ausgelacht,
ich ließ mich jedoch nicht irremachen, und siehe, am bestimmten Tage
stellte sich das Mädchen, ein spindeldürres, scheinbar gelbsüchtiges
und auszehrendes Geschöpf, in anständiger Kleidung bei mir ein. Ich
brachte sie bei einer benachbarten Kramerin unter, die ihr gleichfalls
Arbeit gab, und sie bediente mich längere Zeit gewissenhaft und
anhänglich. Sie war jedoch eine geborene Streunerin und wurde des
trockenen Tones bald satt, also verschwand sie eines Nachts geräuschlos
durch das Fenster, um, wie die Kramerin sagte, „mit den Maurern zu
gehen“; sie hielt es scheint’s mit dieser ganzen Berufsklasse. Aber
scheidend hatte sie noch für mich gesorgt, indem sie den Bäcker, die
Milchfrau und andere Lieferanten beauftragte, mir morgens den Bedarf,
den sie sonst abholte, vor die Tür zu stellen, ein Charakterzug, der
mich mit ihrem Leichtsinn versöhnte.
In Erwartung meiner ersten Unterrichtsstunden brauchte ich nicht
müßig zu gehen, sondern übersetzte in buchhändlerischem Auftrag ein
französisches Werk. Allmählich fanden sich auch einige Schülerinnen
ein. Die erste war eine baltische Baronin, die ich im Italienischen
zu unterrichten hatte, eine Dame von sehr großem Stil, die deshalb
zu meinem Erstaunen von der Gesellschaft für eine bedeutende
Persönlichkeit angesehen wurde, nach deren häufigen Migränen man mich
stets mit eifrigem Anteil befragte. Da sie mich oft weit über die
Stunde hinaus festhielt, um sich über alles Erdenkliche auszusprechen,
sah ich unter den schönen Verkehrsformen in eine geistig ganz
unfruchtbare und schablonenhafte Natur hinein. Es war das erstemal, daß
mir dieses Mißverständnis der Gesellschaft begegnete, daher es meiner
Indianerseele als merkwürdig auffiel.
Bei weitem anziehender war eine geistig regsame und selbständige
Schwedin, die sich bei mir im Deutschen üben wollte und die mir den
Unterricht leicht machte, da ich mir nur von ihr den „Faust“ und
die „Iphigenie“ vorlesen zu lassen und mit ihr über das Gelesene zu
sprechen brauchte, wobei ich die Freude hatte, ihre Augen immer höher
aufglänzen zu sehen. Sie bat sich von vornherein aus, daß ich sie im
falschen Gebrauch der Artikel nicht stören dürfe, weil sie aus einer
Familie stamme, in der bei hohem Bildungsstand niemand je mit dem Der,
Die, Das zurechtgekommen sei. Ich war es zufrieden; die deutschen
Sprachschnitzer meiner Schülerinnen klangen mir immer so drollig,
daß es mir leid tat, sie schulmeisterlich berichtigen zu sollen.
Noch besser verstand ich mich mit einer gleichaltrigen Amerikanerin,
die sich ganz allein in Europa aufhielt, einem Geschöpf von kecker,
knabenhafter Anmut, jungfrisch und so voraussetzungslos, als wäre sie
eben aus dem Ozean gestiegen. Auch diese Liebenswürdige wollte, wie sie
mir anvertraute, nichts als „ein Gespräch höheren Stils in deutscher
Sprache führen lernen“, und der Unterricht bestand bei ihr wie bei der
Schwedin darin, daß sie auf meinem Kanapee saß, um über Literatur und
Verwandtes zu plaudern. Als sie entdeckte, daß auch ich ihre Lieblinge
Burns und Byron liebte, war ihre Freude groß. Ich lernte ebenso von ihr
wie sie von mir, denn ich horchte auf die Äußerungen amerikanischen
Seelenlebens, das mir noch nie zuvor so nahe getreten war. Ich hatte
dabei zum erstenmal den Eindruck, der sich mir bei späteren Beziehungen
zu Amerikanern stets wiederholte und vertiefte, daß der amerikanische
Denkapparat viel einfacher eingerichtet sei als der unsrige und unsere
verwickelteren Gedankengänge gar nicht mit uns gehen könne, daher
unsere halb scherzhaften Paradoxen und unsere übertragenen Wendungen
oft ganz naiv tatsächlich und buchstäblich genommen werden. Solch
ein amerikanisches Gehirn erschien mir als ein jungfräulicher Grund,
noch nicht durch die Denkarbeit früherer Geschlechter durchwühlt und
vorbereitet und deshalb im geistigen Verkehr mit der kulturälteren
deutschen Welt Mißverständnissen ausgesetzt.
Erwin, der die Malklasse besuchte, war mir ein guter Kamerad. Zwar
kam er gern des Abends etwas spät nach Hause, wobei ich ihn zu
erwarten pflegte, aber ich gönnte ihm die Freiheit und wußte ja auch
hinlänglich, daß Ermahnungen in solchen Fällen nichts fruchteten.
Dafür kam er auch einmal in die Lage, mich erwarten zu müssen, als ich
ohne Hausschlüssel ausblieb, was ihm ein großer Triumph war. Ich hatte
mich von Hornsteins überreden lassen, den Abend mit ihnen auf einem
weitentlegenen Keller zu verbringen, weil ich das Münchner Kellerleben
noch nicht kannte. Es wurde spät und später, ich konnte nicht mehr
allein nach Hause und mußte ausharren bis zum Schluß. Zwei Herren,
darunter Wilhelm Hertz, hatten denselben Heimweg, sie brachten mich
vor meine Tür, aber jetzt war guter Rat teuer; wie hineingelangen?
Hertz schlug mir einen Einbruch durch mein eigenes Fenster vor,
wofür er seinen Rücken als Aufsteigschemel anbot; er meinte, einer
geübten Reiterin müsse das Auskunftsmittel passen. Aber meine schönen
Milchtöpfe, die auf dem inneren Fensterbrett standen, schon halb
gestockt, die Hoffnung des morgigen Abends? Während ich noch zauderte,
wurden sie plötzlich von innen leise weggestellt, und Erwins Kopf
erschien, von allen mit Zuruf begrüßt. Es war der ganz unverhoffte
Fall eingetreten, daß der Bruder früher als die Schwester aus dem
Wirtshause gekommen war und einmal seinerseits auf die Heimkehr der
Nachtschwärmerin warten mußte.
Aber schöner als die schönste Geselligkeit war es doch, des Abends
ganz allein im stillen Zimmer zu sitzen. Da kam ein Besuch, der
von allen der willkommenste war, der unsichtbare „Andere“. Seit
meinem Märchen für den kranken Bruder traute ich mir nun wirklich
etwas zu, ich nahm also einen stärkeren Anlauf und versuchte es
mit einer Novelle. Eine romantische Liebesgeschichte mit Treue in
der Untreue nebst einer Anzahl nach der lebendigen Mustersammlung
gemalter Nebenfiguren war leicht erfunden, Zeit und Gegend, in die
ich sie verlegte, gaben Gelegenheit zu abenteuerlichen Begebnissen
und zu weiten Landschaftsbildern nach meinem Herzen. Im Feuer des
Gestaltens gönnte ich mir nicht einmal mehr die nötige Zeit zum Essen
und Schlafen, aus Furcht, ich könnte etwa über Nacht wegsterben und
mein Werk unvollendet hinterlassen. Jeden Morgen fühlte ich eine ganz
besondere Genugtuung, noch am Leben zu sein und mich sogleich wieder an
den Schreibtisch setzen zu können, um zu erfahren, wie die Geschichte
weiterging. Denn dies wußte ich selber nicht, ließ es mir vielmehr
von jenem Unsichtbaren gewissermaßen in die Feder diktieren. Es ging
mit Windeseile, ganze Stöße beschriebenes Papier türmten sich auf,
und wenn auf dem kleinen Tisch der Raum zu eng wurde, so schob ich,
ohne aufzusehen, die Blätter über den Rand hinunter auf den Boden, um
ja keine der kostbaren Minuten, wo die Esse glühte, zu verlieren. Im
Schreiben verliebte ich mich selber in meinen Helden, in dem ich ein
Stück dämonisches Übermenschentum hatte schildern wollen, und als er
tot und die Geschichte zu Ende war, legte ich den Kopf auf den Tisch
und weinte selige, befreite Tränen. Es war drei Uhr nachts am dritten
Tag, nachdem ich zu schreiben begonnen hatte. Nun konnte ich endlich
beruhigt zu Bette gehen.
Es ist schön, ein Geisteskind in die Welt zu setzen, aber wenn es
hernach da ist und seine Geschicke auf die unsern einzuwirken beginnen,
bekommt die Sache ein anderes Gesicht. Durch gewogene Freundesherzen,
denen ich mich anvertraut hatte und die an der hervorgesprudelten
Erzählung ein Wohlgefallen fanden, erfuhr Paul Heyse davon. Zu meinem
größten Schrecken erschien er gleich in meiner Wohnung und begehrte
als väterlicher Freund und Zensor, der über mein literarisches Heil
zu wachen habe, die Novelle zu lesen. Ich verweigerte sie, denn ich
wußte, daß ich von andern nichts lernen konnte, sondern abwarten mußte,
was mir das Leben selber zu sagen hatte. Aber schon war er auf dem
Schreibtisch der aufgestapelten Blätter ansichtig geworden, hatte sie
blitzschnell, bevor ich es hindern konnte, in die Tasche gesteckt und
suchte trotz meinem Widerspruch mit seinem Raub lachend das Weite.
Mir schwante Böses, als ich des andern Tags durch einen Zettel zu
ihm gerufen wurde, aber auf eine Strafpredigt wie die, womit ich
empfangen wurde, war ich nicht gefaßt. Hätte er mir doch lieber den Rat
gegeben, das Erzeugnis einzusiegeln und erst nach Jahresfrist wieder zu
eröffnen, gewiß wäre mir hernach seine Unreife von selber aufgegangen,
und die Handschrift wäre vermutlich ins Feuer gewandert. Allein er
griff mich von der moralischen Seite statt von der künstlerischen
an, indem er sich über die sittliche Anbrüchigkeit meines Helden wie
über eine wirkliche Person entrüstete und die Behauptung vertrat,
ein so gewissenloser Mann könne einer reinen Frauenseele keine
Leidenschaft einflößen, wovon sich leicht aus Geschichte und Leben
das Gegenteil erhärten ließ. Hier war gewiß der Brennpunkt all
unserer Meinungsverschiedenheiten: er sah das Leben vernunftgemäß an
und verlangte auch von der Dichtung widerspruchslose, gesetzmäßig
aufzulösende Charaktere, während für mich zur inneren Wahrheit die
Widersprüche mit gehörten. Niemand verstand es, wärmer und herzlicher
zu loben als Heyse, wo er innerlich einstimmte; umgekehrtenfalls
konnte er aber unverhältnismäßig schroff werden, wie ich ihn diesmal
sah. Wir stritten heftiger als je, und das kalte Sturzbad mitten in
die ersten Schöpferfreuden hinein griff mich mehr an, als ich zeigen
mochte. Aber heimlich dachte ich doch, erfundene Gestalten, die solchen
Sturm entfesselten, könnten nicht ganz talentlos gemacht sein. Und
nun geschah es in der Folge, daß die Novelle gedruckt wurde zu einer
Zeit, wo ich schon darüber hinausgewachsen war und ihre Schwächen
einsah, daß sie bei den Lesern mehr Anklang fand, als mir lieb war,
und zu meinem größten Verdruß während einiger Jahre bald da, bald
dort nachgedruckt wurde, ohne daß ich es zu hindern vermochte. Da ich
vor lauter Ernüchterung nicht einmal mehr die Korrekturbogen gelesen,
sondern sie schleunigst verkrümelt hatte, ging das Ding nun auch noch
mit den irrsinnigsten, Fehlern behaftet durch den Blätterwald. Nur
der Umstand, daß ich damals schon in Italien lebte und daß von all den
Menschen, die mir in den Straßen von Florenz begegneten, wohl niemand
die Mißgeburt gelesen hatte, tröstete mich über den unerwünschten
Erfolg.
Sobald die Münchner Sonne wärmer schien, war es mein erstes, mir zur
Lust und den Tübinger Moralbegriffen zum Trotz Schwimmunterricht
zu nehmen in der Würm. München besaß natürlich in dem durch einen
Stellwagen mit der Stadt verbundenen Ungererbad schon seine
Damenschwimmschule. Nach dreien Malen war es geschehen: ich konnte
meine Schwimmblasen wegwerfen und mich vom Wasser tragen lassen; welch
ein Hochgefühl! Aber noch ahnte ich nicht, wozu das binnen kurzem gut
sein sollte.
Eines Tages stand Edgar wie aus der Pistole geschossen vor mir: er kam,
von meinen Briefen angezogen, sich nach einem Wirkungskreis in München
umzusehen. Die leidigen Verhältnisse wiesen ihn, der durchaus für eine
glänzende wissenschaftliche Laufbahn geboren war, in die Praxis, aber
die Heimat hatte keine Verwendung für ihn. Stuttgart war überfüllt mit
Ärzten, zum Landarzt paßte er nicht, in eine Kleinstadt noch weniger;
auch legte man ihm seiner sozialistischen Gesinnung wegen überall
Schwierigkeiten in den Weg. Zwei Tage hielt er sich in München auf,
besuchte Kliniken und Ärzte, und ich gab mich schon der Hoffnung hin,
ihn gleichfalls festwachsen zu sehen. Aber der dritte Tag machte diese
Erwartung zunichte, er erklärte, daß München kein Platz für ihn sei. Ob
die Umstände wirklich so ungünstig lagen oder ob der Drang nach einem
ferneren, lockenderen Ziele ihn weitertrieb, weiß ich nicht. Edgar war
kein Mann von langsamen Entschlüssen: ehe ich mich’s versah, hatte er
sich schon verabschiedet und fuhr Italien zu.
Das war im Frühjahr gewesen. Bevor der Sommer ins Land kam, hatte er
sich ohne irgendwelchen Vorschub noch Gönnerschaft in Florenz eine
ärztliche Stellung gegründet, und es war bereits beschlossene Sache,
daß ihm Mama mit Balde, dem man durch ein südliches Klima das Leben zu
fristen hoffte, dorthin nachfolgen sollte. Die Sorge für den Kranken
hatte schon bestimmend auf die Wahl des Aufenthalts eingewirkt. Jetzt
verband er sich mit der Mutter, um auch mich zum Anschluß zu bewegen.
Dieser Vorschlag war wie ein Blitz, der in eine plötzlich erhellte
wundersame Gegend blicken läßt, und nahm mir fast den Atem. Es ging ja
gegen alle bürgerliche Vernunft, das wertvolle kaum Errungene schon
nach drei Vierteljahren um etwas völlig Unbekanntes zu vertauschen.
Allein die großen Entscheidungen des Lebens werden nicht durch die
Vernunft getroffen, sondern durch das Dämonische in uns, das unsere
Bedürfnisse besser kennt als wir selber. Ich habe sein Walten niemals
bereut. Es entzog mich der damaligen deutschen Kulturphase, die keine
schöne war, und ließ mich mein Weltbild ungetrübt aus dem eigenen
Innern gestalten. Freilich forderte es einen hohen Preis dafür,
indem es mich all der unberechenbaren Vorteile beraubte, die der
Zusammenschluß mit anderen gewährt. Ich hatte meinen künstlerischen
Weg nun ganz allein, ohne Vorschub noch Anlehnung irgendwelcher Art,
zu machen. Meine neuen Freunde schüttelten natürlich die Köpfe und
hielten mir alle Bedenken vor, die mir schon selber aufgestiegen
waren. Aber Edgar schrieb von den alten Palästen am Arno, von der
Etruskerstadt Fiesole und von Sommern an dem nahen Meere. Das war
es, was am stärksten zog; nicht die Kunst Italiens, von der ich noch
wenig wußte, nicht die herrlichen Städtebilder, die man ja nicht wie
heute schon aus ungezählten Abbildungen kannte, auch nicht im dunkeln
Laub die Goldorangen beherrschten so meine Träume wie das blaue,
unendliche Meer. Ich meinte, erst am Meere könne mein innerer Mensch
sich vollenden. Der Wunsch, wieder mit den Meinigen vereint zu sein,
und literarische Aufträge, die mich hoffen ließen, auch dort meine
Selbständigkeit begründen zu können, zogen die Waage vollends nach
dieser Seite herunter. Als ich der hoffenden und wartenden Mutter
mein Ja geschrieben hatte und den Brief in einen Briefkasten der
Briennerstraße werfen wollte, zuckte meine Hand noch einmal zurück. Ein
plötzlicher Zweifel hatte mich befallen, und ich beschloß, die Frage
noch einmal in die Hand des Schicksals zurückzulegen. Ich zählte die
Fenster des Hauses auf Ja und Nein. Der Spruch hieß ja, der Brief fiel
in den Kasten und ein großer Jubel erfüllte meine ganze Seele.
Bevor ich schied, erwarteten mich noch vierzehn köstliche Sommertage,
die ich bei Hornsteins in Ambach am Starnberger See verbringen durfte.
Des Morgens auf Feld und Wiesen entstanden kleine Lieder, die der
Hausherr alsbald in Musik setzte und die des Abends schon von der
gleichfalls als Gast anwesenden gefeierten Sängerin Aglaja Orgeniy
am Klavier gesungen wurden. Die ganze übrige Zeit lag ich im See und
genoß voraus die Wonne, daß ich künftig im Meere schwimmen würde! Ich
erinnere mich, wie einmal Ludwig II. in seiner glänzenden Karosse
schnell wie ein Traumgedanke an unserem Badestrand vorüberrollte und
wie die jungen Mädchen gleich Wasservögelchen in die Höhe fuhren, um
ihm aus den Fluten ihren Knicks zu machen. Eine selige Losgebundenheit
und überschwengliche Erwartung verzauberte mir die ganze Welt, und das
neue Glück, dem ich entgegenging, verschönte das gegenwärtige, das ich
verlassen sollte.
Letzte Tage in der Heimat.
Während meiner letzten Münchner Wochen rüstete sich Tübingen zur
Vierhundertjahrfeier der Gründung seiner Universität durch den Herzog
Eberhard von Württemberg, und die akademische Bürgerschaft plante einen
großen historischen Festzug, bei dem von vornherein auf meine Teilnahme
gerechnet war. Auf dem prunkvollsten der Wagen, der den Stifter der
Universität samt seinen Räten trug, sollte ganz vorn die Muse als
Lenkerin des Gespannes stehen, und dieser Teil des Festplans, der bei
den steilen, holprigen Gassen Tübingens zu anderen Eignungen auch
sportliche Sicherheit erforderte, war in der Tat ohne meine Mitwirkung
nicht auszuführen. Meine Mutter übermittelte mir brieflich die Bitte
der Professoren- und Studentenschaft, daß ich zu der Feier nach
Tübingen komme und die Rolle der Muse übernehme. Ich verspürte zuerst
wenig Neigung dazu, denn ich betrachtete meinen Abgang aus Tübingen
infolge der mißlungenen Werbearbeit für das Damenschwimmen doch als
eine Art Scherbengericht, und es wurde mir einigermaßen coriolanisch
zumute, daß mich nun die Vaterstadt in der Not durch meine Volumnia
zurückrief. Der plötzliche Entschluß, mit nach Italien zu übersiedeln,
machte jedoch meine vorherige Rückkehr nach Hause notwendig. Und kaum
war ich in Tübingen, so erschien im Auftrag des Ausschusses Professor
Leibniz, der akademische Zeichenlehrer, der, wie ich glaube, die
künstlerischen Entwürfe für den Festzug gemacht hatte, und stellte mir
vor, daß ich doch nicht die Unschuldigen mit den Schuldigen bestrafen
und um weniger Übelgesinnter willen den schönsten Teil des Festzuges
zunichte machen dürfe, bis ich mich umstimmen ließ und ja sagte.
Die Gewandung lieferte das Stuttgarter Hoftheater, das auch an dem
großen Tage eine Garderobiere herüberschickte, um mich anzukleiden.
Ihre Auffassung von einem griechischen Gewand war allerdings von der
meinigen so verschieden, daß mir die weiße Tunika noch am Leibe völlig
aufgetrennt und umgeheftet werden mußte. Der breite Messinggürtel mit
den künstlichen Edelsteinen hatte zu meinem bleichen Schrecken eine
lange Schnebbe! Da blieb nichts übrig, als ihn umzukehren und die
Schnebbe nach oben zu richten, was, wenn auch nicht einer antiken, doch
allenfalls einer Renaissancemuse ähnlich sah. Das geschah unter dem
Widerspruch der Garderobiere, die versicherte, alle Iphigenien trügen
einen Schnebbenleib. Ein langer blauer Peplos, der an den Schultern
befestigt wurde, verdeckte, was noch stilwidrig war, und die Haare
schmückte ein Kranz von Lorbeer. So angetan erstieg die Muse ihren
Vorderplatz auf dem hochgetürmten Wagen und ergriff die Rosenzügel.
Vier gewaltige Grauschimmel, von Pagen geführt, zogen das schwere
Fuhrwerk. Auf dem Hochsitz hinter mir thronte der Fürst mit seinem
Gefolge, eine jugendliche Schülergruppe kauerte zu meinen Füßen. Die
Muse war die einzige, die völlig frei stand, und es bedurfte in der
Tat aller Aufmerksamkeit, in der hügeligen Stadt das Gleichgewicht zu
bewahren, besonders als es die damals noch jäh abfallende Neckarstraße
hinunterging. So kam es, daß ich am Ende von dem berühmten Festzug,
an dem mir eine Hauptrolle zugefallen war, nichts gesehen hatte als
die Rücken meiner Apfelschimmel und die herzoglichen Herolde und
Bannerträger, die vor meinem Wagen ritten. Den Rest des Zuges mit
der Gruppe der drei Flüsse Tübingens und mit all den geschichtlichen
Persönlichkeiten, den Gelehrten, Schülern, Rittern, Pagen, Mönchen,
Landleuten, Flößern und so weiter lernte ich erst später aus
Beschreibungen und einer rohen Zeichnung kennen; Momentaufnahmen gab
es damals noch keine. Auch mitten im Festjubel blieb das Philistertum
sich selber gleich, denn kaum hatte ich den Fuß auf den Boden gesetzt,
so beeilten sich geschäftige Zungen, mir neue Bosheiten zuzutragen.
Aber am Nachmittag erschien die Ästhetik selbst in Gestalt Friedrich
Vischers, um mir ihren warmen Glückwunsch und Beifall zu überbringen.
Während draußen die Festfreude weiterlärmte, die gegen Abend in laute
Trunkenheit ausartete, saß er bei Mutter und Tochter und erzählte als
guter Kenner Italiens mit Begeisterung von den Dingen, die uns dort
erwarteten.