Auch Mama begriff meine Abneigung gegen die heimische Enge nicht,

denn da sie die Schranken der Erde überhaupt nicht sah, war für sie

die Weite überall. Und mein beständiges Verlangen nach edler Form

begriff sie noch weniger. Sie genoß zwar den Anblick schöner Menschen

aufs innigste, wie sie sich auch der eigenen adligen Leibesform, die

niemals weder massig noch knöchern werden sollte, mit Behagen bewußt

war, aber die Formlosigkeit war ihr nicht wie mir ein Augenschmerz. Und

alle andern verstanden mich noch weniger; es schien niemand etwas zu

vermissen.

Doch einen gab es in Tübingen, der mich verstand und den ich oft in der

Stille besuchte, wenn wir auch nicht miteinander reden konnten. Sein

Denkmal stand im Botanischen Garten, es prahlte laut und stimmungslos

mit einem Genius, der einen blechernen Stern auf dem Haupte trug,

deshalb ging ich im Bogen daran vorüber nach dem Friedhof. Dort, nahe

der unteren Mauer, lag sein Grab. Man mußte die tief herabhängenden

Schleier der Trauerweide aufheben, dann war man in grüngoldener

Dämmerung mit dem Schläfer allein. Ein schmaler Stein stand schief

eingesunken an dem ungepflegten, damals halb vergessenen Ort. Er trug

den Namen Friedrich Hölderlin und auf der andern Seite den Vers:

Im heiligsten der Stürme falle

Zusammen meine Kerkerwand usw.

(Ein Vers, der noch aus seiner Frühzeit stammt, da er „wortreicher und

leerer war“. Man hätte Tieferes und Eigeneres für seine Grabschrift

finden können.)

Mit ihm redete ich von den Griechen. Nur seine immerwährende Schwermut

und Trauer um jene Lebendigen teilte ich nicht. Sie waren ja doch da,

wer konnte sie uns nehmen? Ich vergaß nur, daß für ihn die schwäbische,

ja die deutsche Heimat noch viel, viel enger gewesen, daß, je weiter

man zeitlich zurückging, desto größer die Formlosigkeit war und all die

Dinge, die sein schönheitverlangendes Gemüt so unsäglich beschwerten

und verletzten. Hätte er lachen können, ein befreiendes Lachen, er

wäre vielleicht nicht so frühe untergegangen. Aber er wäre auch nicht

jener Einzige geworden und seine Stimme käme nicht wie ein Klang aus

anderen Welten zu uns herüber.

Der Brand und die Flamme.

Hat der Mann ein Seelenleben?

Ich weiß nicht, ob die kleinen Episoden, die ich hier erzählen will,

nicht vielmehr in die Zeit nach meines Vaters Tode fallen. Mein

Gedächtnis schiebt sie an dieser Stelle ein, weil mir nachträglich

alles Heitere _vor_ jenem dunklen Tage zu liegen scheint.

In der Kronengasse, schrägüber von unserer Wohnung, lag eine

Studentenwirtschaft, die Flammerei genannt, wo Edgar und zuweilen auch

die jüngeren Brüder die Abende verbrachten. Daß es dabei munter und

witzig herging, mußte ich den Beteiligten glauben, als Unbeteiligte

sah ich aber immer nur den unfrohen Ausklang der fröhlichen Stunden.

Zwar trieben sie es gewiß nicht schlimmer als die andern Musensöhne

auch, nur daß jene der Mehrzahl nach nicht unter den Augen ihrer

Mütter lebten. Die meinige konnte sich an das Nachtschwärmen ihrer

Söhne nicht gewöhnen und wollte niemals schlafen gehen, bevor sie

alle daheim in ihren Betten wußte, wenn es auch noch so spät wurde.

Hatte ich sie endlich doch dahin gebracht, daß sie sich niederlegte,

so horchte sie schlaflos, bis sie Edgars Tritt auf der Treppe vernahm,

denn ihm, für den sie von klein auf am meisten gezittert hatte, galten

vor allem ihre Ängste. Im Nu war sie aus dem Bette und auf dem offenen

Gang, ich ebenso schnell, in einen Überwurf gehüllt, an ihrer Seite,

um den aufgrollenden Sturm zu beschwören. Dabei verdiente ich mir,

wie es den Friedensstiftern zu gehen pflegt, bei keinem der beiden

Teile Dank, da der eine nur den gestörten schönen Abend, der andere

nur die in Sorge durchwachten Stunden sehen wollte. Mamas Raschheit

endete gewöhnlich damit, daß der ebenso rasche Sohn alsbald wieder

in die Nacht hinausstürmte und erst zum Morgenkaffee nach Hause kam.

Mir lag es dann ob, das aufgeregte Mutterherz zu beschwichtigen, sie

ins Bett zurückzuführen und bei ihr zu sitzen, bis sie sich in Schlaf

gegrämt hatte. Die wunderbare Frau, die bei der Gedankentiefe eines

Philosophen nicht mehr weltliche Klugheit als ein Kind besaß, wollte

sich niemals überzeugen lassen, daß die Stunde, wo ein Student in

erhöhter Stimmung aus dem Wirtshaus kommt, nicht die geeignete ist,

ihn vom Wirtshausgehen zu bekehren. Leichter hatten es die jüngeren

Brüder, besonders Erwin, der die Kunstschule von Rottenburg besuchte

und in den studentischen Kreisen seiner Zeichenkünste und seines

heiteren mimischen Talentes wegen ein gern gesehener Gast war. Wenn

sich einmal die mütterlichen Vorwürfe über ihn ergossen, so nahm er die

kleine leichte Frau singend in den Arm und tanzte mit ihr, bis ihr Wort

und Atem ausgingen und ihr Unmut sich in Lachen löste.

Eines Tages bat er mich für einen Streich, den er vorhatte, um mein

hübsches hellgraues Straßenkleid. Ich half ihm selber in den Anzug,

bemühte mich, seine schlanke Länge mittels eingestopfter Taschentücher

etwas ins Weibliche zu runden, gab ihm noch Anleitung, gesittet in

den Röcken zu gehen und entließ ihn mit meinem Segen. Der Bengel

sah bildhübsch aus, begann aber auch gleich, seine Augen auf eine

Weise im Kopf zu drehen, daß mir Arges schwante. Edgar stellte ihn

in der Flammerei als eine von auswärts gekommene Base vor, niemand

erkannte ihn, und die schöne, geschmeidige Erscheinung erregte

natürlich das stärkste Aufsehen, denn es war unerhört, daß ein junges

Mädchen aus guter Familie des Abends unter den Studenten saß. Das

Dämchen kokettierte gewaltig, zechte, rauchte, ließ sich mit jedem

einzelnen heimlich ein und gab Betulichkeiten betulich zurück. Ein

hübscher, etwas leichtsinniger Philologe jedoch sah sich für den

Meistbegünstigten an und fing ernstlich Feuer. Seine Huldigungen wurden

so stürmisch, daß Edgar es geraten fand, die gefährliche Verwandte,

durch deren Betragen er sich nachgerade etwas bloßgestellt fühlte,

geräuschlos verschwinden zu lassen. Der erregte Anbeter stürzte ihr

auf die Straße nach und rannte die ganze Stadt nach dem Gegenstand

seiner Flamme ab, während der Schalk schon still daheim im Bette lag.

Er behielt jedoch meine Kleider und fuhr dann und wann wieder hinein,

um schnell irgendwo aufzutauchen und spurlos zu verschwinden, worüber

der Suchende in immer größere Leidenschaft geriet. Edgar warnte ihn

vor der Kokette, deren Besuch man ihrer unziemlichen Haltung wegen

habe abkürzen müssen; der andere behauptete dagegen, sie sei noch in

der Stadt und werde grausamerweise vor ihm, der es doch ehrlich meine,

versteckt. Edgar mußte schließlich dem Jammer ein Ende machen und

erklären, daß das schöne bacchantische Kind sein jüngerer Bruder sei.

Der Gefoppte kam wie von Sinnen, weinte, sprach vom Totschießen, fand

aber am Ende seinen Trost darin, das zierliche Bürschchen, das ihn an

der Nase geführt hatte, wärmstens ins Herz zu schließen. Ich erhielt

nun endlich auch mein Kleid zurück, mußte es aber wegschenken, denn

nachdem es solche Orgien gesehen hatte, mochte ich es nicht mehr an

meinem Leibe fühlen.

Die Zusammenkünfte in der Flammerei gingen immer weiter und die Ängste

meiner guten Mutter ebenfalls. Sie sah es deshalb gern, wenn auch

unsere jungen Hausfreunde die Flammerei besuchten, denn von jedem

hoffte sie, er würde einen günstigen Einfluß üben und die Sitzung

abkürzen. Aber jene verfielen alsobald dem Genius loci und blieben

ebenfalls sitzen. Darum entzog sie ihnen ihre Gunst und sah immer in

dem zuletztgekommenen Verführten den Verführer. Nicht anders ging

es unserem Freunde Ernst Mohl. Eines Abends, da die Wirkungen der

Flammerei an den jungen Herren gar zu deutlich hervortraten, schloß der

ältere Freund sich ihnen als getreuer Eckard auf dem Heimweg an, um

den häuslichen Zusammenstoß abzuschwächen. Als sie miteinander nicht

eben geräuschlos zur Tür hereinkamen, wollte Mama gleich mit Vorwürfen

gegen den vermeintlichen Anstifter losbrechen, aber ich kam zuvor,

indem ich selber das Strafgericht übernahm und schließlich den Reuigen

verurteilte, des anderen Morgens um neun Uhr mit einem Bußgedicht über

das Thema „Der Brand und die Flamme“ anzutreten.

Dadurch bekam der Auftritt unerwartet eine heitere Wendung. Während

jener bußfertig die Strafe auf sich nahm und das Gedicht im

Katzenjammer zu schmieden versprach, gewannen die Hauptschuldigen Muße,

sich friedlich in ihre Betten zu verziehen.

Richtig stellte sich der Gemaßregelte des anderen Tages zur bestimmten

Stunde ein und brachte sein Gedicht, das also lautete:

Der Brand und die Flamme

Daß ich, dieweil ich in der Flamme

Mir antrank einen kleinen Brand,

Obgleich ich sehr noch auf dem Damme,

Dir meine Schwäche eingestand,

Das hat in dir des Zornes Flamme

Zu solchem Übermaß entfacht,

Daß du, Herzlose und Grausame,

Mir eine Strafe zugedacht:

Ich solle gleich nach Hause gehen,

Ausschlafen von der Kneiperei,

Und dann in Versen dir gestehen,

Wie sehr ich zu verdammen sei.

Ich werde -- ehrlich es zu sagen,

Ist Rache ebenso wie Pflicht --

Noch manchen aus der Flamme tragen:

Die Ente läßt das Schwimmen nicht.

Freilich, die Ente am Schwimmen zu hindern, hätte es ein Wunder

gebraucht. Der Trunk galt damals noch beim deutschen Mann in viel

höherem Maß als heute für einen Ausweis von Männlichkeit und war

zugleich von einer Art Weihe umgeben, denn man glaubte noch das Weben

altgermanischen Heldengeistes beim Humpen zu verspüren. Dieses deutsche

Erbübel drückte dem ganzen Leben seinen Stempel auf und trug viel zu

der gesellschaftlichen Formlosigkeit bei, weil es die Geschlechter

trennte. Ältere Herren hielten es meist in Damengesellschaft nicht

aus; kam solch ein männlicher Gast in die Familie, so erging in kurzem

an den Hausherrn die Frage: Wollen wir _streben_? Darauf erhoben sie

sich und strebten -- natürlich nach dem Wirtshaus. Dort wurden erst

die tieferen Gespräche entbunden, die kein weibliches Ohr vernahm als

das der Kellnerin. Wie durfte man nun erwarten, brausende Jünglinge

von einer Sitte fernzuhalten, die von ihren Lehrern und Vorbildern mit

Inbrunst geübt und von den Dichtern als einer der höchsten Lebenswerte

besungen wurde? Auf diesem Punkte konnte man sich nie verstehen. Ich

war natürlich den Wirtshäusern, die mich so viele schlaflose Nächte

kosteten, spinnefeind, und wenn man auf gemeinsamen Spaziergängen in

eine Wirtschaft geriet, wo die männliche Jugend sich alsbald festhakte,

so saß ich nach kurzem wie auf Kohlen. Edgar klagte, daß ich den

Komment nicht erfaßt hätte, und suchte mich aus dem Hafis und Anakreon

von der Poesie der Schenke zu überzeugen. Aber vergeblich: auf einer

Holzbank vor dem Bierglas zu sitzen, gehörte für mich zu den schwersten

Geduldsproben, und selbst dem grünen Blätterdach der Roßkastanie

wurde ich gram, so schön seine lenzlichen Blütenkerzen waren, weil

dieser Baum sich in meiner Vorstellung mit dem Sonntagspublikum der

Wirtsgärten und dem Gegröl der Kegelbahn unzertrennlich verband. Da

gegen den germanischen Durst in keiner Weise aufzukommen war und ich

die Erfahrung machte, daß auch diejenigen unserer jungen Freunde,

die mir die ritterlichste Ergebenheit bezeigten, sobald sie zwischen

meiner Seelenruhe und dem Wirtshaus zu wählen hatten, dem Wirtshaus

den Vorzug gaben, und kein Vorsatz, kein Versprechen stark genug war,

sie zu binden, wurde ich allmählich am männlichen Geschlecht völlig

irre. Und in meiner Verzweiflung setzte ich mich eines Tages nieder,

um eine Untersuchung zu schreiben über die Frage: „Hat der Mann ein

Seelenleben? Oder ist er nur ein Gefäß zur Aufnahme von Flüssigkeit?“

Ich brachte es aber nicht weiter als bis zur Überschrift, denn ich kam

über das Für und Wider nicht ins klare.

Als ich einmal nach Jahrzehnten, kurz bevor Edgars arbeitsreiches Leben

vorzeitig schloß, mit ihm in Florenz beisammen saß und wir der alten

Zeiten gedachten, bekannte ich ihm, mit welchem literarischem Vorsatz

ich mich dazumal in Tübingen getragen hatte und wieso ich über die

Beweise für das Seelenleben des Mannes nicht schlüssig geworden war. Da

strich er sich schmunzelnd über den Bart und sagte: Ich glaube jetzt

die Frage dahin entscheiden zu können, daß der Mann unbestreitbar ein

Seelenleben hat, daß ihn aber dieses nicht hindert, auch ein Gefäß zur

Aufnahme von Flüssigkeit zu sein. -- Sprach’s und leerte mit Andacht

sein Glas Chianti.

Der 10. Oktober.

Während die Geister der Jugend im stärksten Brausen waren und noch kaum

irgendwo die Linien einer künftigen Entwicklung hervortraten, neigte

sich das Leben des Vaters still und unbemerkt zum plötzlichen Ende. Ich

sollte ihn verlieren, ohne der Schätze, die er zu geben hatte, anders

als durch die Luft, die ihn umwehte, teilhaft geworden zu sein. Einen

zärtlicheren Vater hat es nie gegeben. Er liebte alle seine Kinder mit

gleicher Stärke, ich aber war ihm mehr als bloß ein heißgeliebtes Kind,

er glänzte auf, wenn ich nur ins Zimmer trat, denn in der einzigen

Tochter sah seine abgöttische Zärtlichkeit die Harmonie der Dinge

selbst, den Beginn der Ordnung im Chaos. Bei seiner hohen Schätzung

des weiblichen Geschlechtes sprach er mit mir gar nicht wie der Vater

mit seinem Kinde, sondern wie ein Ritter mit der Dame seines Herzens.

Aber gerade das hatte zur Folge, daß ich geistig nicht so viel von

ihm empfangen konnte, wie es für beide Teile wohltuend gewesen wäre.

Bei ihm gesellte sich zu einer angeborenen Zurückhaltung, die der fast

mimosenhaften Zartheit seiner Seele entsprach, die Scheu, der inneren

Entwicklung vorzugreifen, daher ich meistens nur ahnte, aber es nicht

aus seinem Munde wußte, wie er selber die Dinge ansah. Diese Scheu

wirkte nun aber hemmend auf mich zurück, daß ich nicht wagte, ihm von

dem zu reden, was eigentlich in mir vorging. So fand ich auch nicht den

Mut, mit ihm über seine Werke zu sprechen, die mir doch längst vertraut

waren, und wie wohl hätte dem Unverstandenen diese Teilnahme getan!

Die Schweigsamkeit, die ich von jeher an ihm kannte, ließ mich den Weg

nicht finden, und den Brüdern ging es, wie sie mir später gestanden,

ebenso. Immer verschob ich, was ich ihm gerne sagen wollte, bis es

plötzlich zu spät war. Er selber war ja ohne Familie aufgewachsen und

hatte sich erst in vorgerückteren Jahren, nach einer Jugend voll Kampf

und Entbehrung, verheiratet; so trat er schwer mehr aus der inneren

Einsamkeit heraus. Und das drängende junge Wachstum überwucherte nun

fast den edlen Stamm. Vor allem stand der Altersunterschied von vierzig

Jahren einem so unmittelbaren Austausch wie mit der Mutter entgegen.

Manches Wort von ihm, das wie ein Lichtstrahl auf die Dinge fiel,

würde mir erst im späteren Leben richtig aufgegangen sein, hätte das

ungetreue Gedächtnis mehr davon bewahrt. So fragte ich ihn einmal über

das Hohelied: Was meint nur Salomo, wenn er sagt: Du bist schön wie der

Mond und schrecklich wie Heeresspitzen? Da lächelte der Dichter: Dem

Liebenden ist der Anblick der Geliebten immer furchterregend. Das klang

mir ganz sibyllinisch, weil ich die Macht, von der die Rede war, selber

noch nicht erfahren hatte.

Daß ich ihn verlieren könnte, trat mir nie so recht deutlich vor die

Seele, benommen, wie ich war, von der steten Sorge um die Mutter. Es

kamen ja jetzt die Tage, wo sie ganz in der Pflege ihres herzkranken

Jüngsten aufging, sich nicht mehr schlafen legte und niemals von ihrer

geliebten Pflicht abgelöst sein wollte. Sie alterte und wurde bleich

wie ein Schemen; freilich genügte dann ein Wort, das in ihrem Innern

zündete, sie augenblicks zu verwandeln und zu verjüngen. Der Vater

aber stand noch hoch und aufrecht, mit den ersten Schneeflocken in

Haar und Bart und dem immer wieder hervorbrechenden Glanz der Augen.

Der heiße Sommer 1873 brachte eine ängstigende Erscheinung. Geistige

Anstrengung und ein leichter Sonnenstich hatten eine Überreizung des

Gehirns verursacht, die ihn rastlos umtrieb. In diesem Zustand wollte

er nur mich um sich haben, weil er bei mir die Ruhe fand, die seinen

Nerven nottat. Täglich machten wir damals zusammen lange, stürmende

Gänge über Felder und Wiesen, die ihn zu erfrischen schienen. Dabei

erlebte ich einmal einen heftigen Schrecken, als auf dem Heimweg unter

dem Museum ein stark angetrunkener Korpsstudent mir mit glasigen Augen

allzu frech ins Gesicht starrte und mein Vater auf ihn zutrat, wie um

ihn zu zermalmen; zum Glück rissen die Kommilitonen den Berauschten

weg. Mit Eintritt der kühleren Jahreszeit schien sich das Leiden zu

bessern. Aber ich erinnere mich noch gut, daß die Bangigkeit nicht

mehr aus meiner Seele wich, Angstträume suchten mich heim, ich fühlte

in allen Nerven das Heranrücken eines Unglücks, wußte aber nicht, von

welcher Seite es erwarten, denn der Sorgen waren so viele. Da kam der

verhängnisvolle 10. Oktober, der uns den Vater unvorbereitet und ohne

Abschied hinwegnahm.

Ich weiß nicht, ob es Seelen gibt, die imstande sind, einen jähen,

unermeßlichen Verlust, besonders wenn es der erste ist, augenblicklich

mit seiner ganzen Schwere ins Bewußtsein aufzunehmen. Wenn ich

später Menschen in solchen Fällen sogleich in ein verzweifeltes

Weinen ausbrechen sah, so blieb es mir immer ungewiß, ob dies nicht

eher eine Abwehrbewegung gegen die Erkenntnis oder gar ein unbewußt

vollzogenes Herkommen sei. Ich jedenfalls konnte, auf der Straße von

der Schreckensbotschaft überrascht, das Geschehene im vollen Sinn

des Wortes nicht _fassen_, und dieses Unvermögen verursachte eine

schaurige Leere, die quälender war als der wildeste Schmerz. Beim

atemlosen Heimstürzen gingen die Stimmen des Tages weiter in meinem

Ohr, die jähe Lähmung des Gefühls war durch das Wort „tot“, das ich mir

innerlich zurief, ohne einen Sinn darin zu finden, nicht zu heben. Und

das friedevolle, aber zu Stein gewordene Haupt in den Kissen, leicht

zur Seite geneigt, als wollte es die Welt nicht mehr sehen, machte mir

das Rätsel des Todes nur noch rätselhafter. Ein Märtyrerantlitz, in

dem das tiefe Lebensleid durch überirdische Hoheit nicht ausgelöscht,

aber überwunden war. Kein Nachglanz einer Freude lag darauf, nur das

Erlösungswort: Es ist vollbracht. Ich lernte nun plötzlich sein Wesen,

das ich bisher nur bruchstückweise im Licht der Stunde gesehen hatte,

als ein Ganzes zu überschauen und begriff den nie ausgesprochenen

Schmerz um die unverstandenen Werke seines Genius und den noch größeren

um die nicht geschaffenen, die durch den Druck des Lebens in ihm

ertötet worden waren. Und sein Alleinstehen inmitten einer liebenden,

aber für ihn zu lauten Familie. Es fehlte die Seele, die nur für ihn

gelebt und ihm in wunschloser Hingabe durch ihr Eingehen vergütet

hätte. Seiner Gattin war unter den zerreibenden Mutterpflichten und

dem heroischen Kampfe gegen die Not die Zeit für ihn immer knapper

geworden. Ich war zu jung und von innen und außen zu sehr bedrängt für

das, was er bedurft hätte: ein stilles Hand in Hand durch feierliche

Abendlande Gehen. Und jetzt kam alles Erkennen zu spät. Wie oft hatte

ich schon geträumt, ich hätte eines meiner Lieben verloren, und als

der Morgen durchs Fenster sah, war alles wieder gut. Daß es jetzt nie

wieder gut werden konnte, mußte erst Tag für Tag neu erlebt werden.

In dieser jähen Wende lernte ich meine Mutter von einer völlig

neuen Seite kennen, die sie aber späterhin bei allen schweren

Schicksalsschlägen hervorgekehrt hat: die leidenschaftliche Frau, die

jedes Unglück Jahre voraus beweinte, stand jedesmal, wenn es wirklich

eintraf, in der erhabensten Fassung da. Am Morgen nach unseres Vaters

Tode fand ich sie, wie sie im Wohnzimmer, das sie sorglicher als sonst

aufgeräumt hatte, dem Kanarienvogel das Wasser wechselte. Du sollst

nicht mit uns leiden müssen, armes Tierchen, hörte ich sie sagen.

War’s heldenhafte Selbstüberwindung oder vermochte auch sie den Tod

nicht zu erfassen? Ich konnte es nie ergründen. Eine Gehobenheit lag

über ihrem ganzen Wesen, die mich den schwersten Rückschlag fürchten

ließ. Es kam keiner. Sie faßte sich ganz fest in die Zügel. Mit einem

Blick übersah sie unsere unsäglich schwierige Lage und ihre Pflicht,

das Ganze zusammenzuhalten. Jetzt zeigte sich erst recht die sittliche

Macht ihrer Natur in der Wirkung auf ihre Umgebung, da die wilden

Jungen trotz der Erziehungsfehler, die sie begangen hatte, nicht um

Haaresbreite von dem engen Wege abwichen, auf dem es nun weiterzugehen

galt. Die Jüngeren mußten im Heranwachsen auf all das verzichten, was

sie den Ältesten hatte genießen sehen. Sie taten es, ohne zu murren. Es

war ja das Selbstverständliche, aber das Selbstverständliche ist nicht

immer das, worauf man mit Sicherheit zählen kann.

Das Alltagsleben renkte sich wieder ein. Aber eine Stille lag jetzt

über dem Hause, in der die Stimme des Toten lauter zu den Seinigen

redete, als es je die des Lebenden getan hatte. Paul Heyse, der

ihm in seinem letzten Jahrzehnt nahe Verbundene, nahm sich mit

Freundestreue des geistigen Nachlasses, dem wir noch nicht gewachsen

waren, an und gab schon im folgenden Jahr die gesammelten Werke

heraus. Man hatte Korrekturen zu lesen, Texte zu vergleichen und

Stoff für die Lebensbeschreibung herbeizuschaffen. Im Sommer 1874

übersandte sein alter Freund Mörike nach einer ergreifenden Begegnung

mit mir in Stuttgart und einem darauffolgenden Besuch, den Mama

und ich ihm in Bebenhausen machten, unseres Vaters Jugendbriefe,

die zusammen mit denen Mörikes einen köstlichen, später von J.

Bächtold bei der Herausgabe nicht völlig gehobenen Schatz bildeten.

Dazwischen kamen neue Erschütterungen durch die wiederkehrenden

schweren Krankheitsanfälle, die unseren Jüngsten mit steigender Gefahr

heimsuchten. Die beiden Mediziner Edgar und Alfred konnten schon mit

ärztlicher Hilfe beispringen und teilten die Nachtwachen mit der

angstgequälten Mutter. Ich saß fast die ganze Zeit am zweiten Bande

meiner Nievoübersetzung. Über den Ertrag war im voraus bestimmt. Der

leere, schon einsinkende Hügel auf dem Friedhof, wo unsere Blumengrüße

von der Sonne gedörrt und vom Regen zerklatscht wurden, sah mich bei

jedem Besuch wie ein stiller Vorwurf an. Eine Zeitlang wartete ich, ob

sich nicht die Heimat jetzt ihres verkannten großen Sohnes erinnern

und ihm den späten Dank an seinem Grabe abtragen würde. Als aber alles

still blieb, trat ich selbst mit einem Bildhauer in Unterhandlung. Und

nun sollte das Denkmal auch so feierlich wie nur möglich sein, kein

bloßer behauener Stein, sondern ein Stück atmender Kunst. Man einigte

sich über die Kopie einer lebensgroßen antiken Muse in Sandstein

auf hohem Sockel. Der geforderte sehr hohe Preis stand außer allem

Verhältnis zu meiner Lebenslage, aber gerade das empfand ich wohltuend.

Solch ein Totenopfer für den Abgeschiedenen, der sich nicht mehr daran

freuen konnte, der mit einem Zehntel dieser Hingabe im Leben glücklich

gewesen wäre, mochte wohl einer kühlen Vernunft widerstreiten, aber

der erschütterten Seele war es ein Bedürfnis. Und auch die Vernunft

wollte sich der materialistischen Zeitströmung zum Trotz nicht völlig

überzeugen, daß zwischen dem Gestorbenen und uns kein Band mehr möglich

sei; aus Träumen kam es oft wie ein tröstliches Zeichen. Schritte

führten in das dunkle Land hinein, denen man einmal ruhig nachgehen

konnte. Vielleicht daß sich dann von drüben eine Hand entgegenstreckte,

deren Berührung wieder Schutz gab. Aber das, was hier noch übrig

war und da unten lag in der unendlichen Vereinsamung des Grabes,

ängstete die Vorstellung. Denn die Wohltat der Verbrennung, die er

sich ersehnt hatte, gestatteten die Satzungen seiner Zeit noch nicht.

Die Winterkälte der zufrierenden Erde wurde etwas Entsetzliches.

Jeder Schritt auf der Eisbahn, die sonst das Winterparadies gewesen,

schien fühllos über die verlassenen Toten wegzugleiten. Und jeder kalte

Windstoß fuhr mit einem schaurigen Griff ins Herz:

Die weißen Flocken fallen dicht

Auf Dach und Mauern;

Ich drück ins’ Kissen mein Gesicht

Mit Schauern.

An einen Schläfer denk’ ich, hart

Im steinigen Bette.

Sein Pfühl ist kalt, von Eise starrt

Die Stätte.

Im engen Schreine hingestreckt,

Ruht er verborgen,

Kein Lichtstrahl wärmt ihn mehr, ihn weckt

Kein Morgen.

Und um sein kaltes Kissen, weh,

Die Winde blasen,

Mit weißem Linnen deckt der Schnee

Den Rasen.

Aus meinem Jugendland · 第 15 / 19 段