entbehrte nicht einer gewissen Komik, daß ich das feindliche Land
mutterseelenallein durchreist hatte und nun an Ort und Stelle den
Nachbarn zuliebe betreut werden mußte wie ein Kind. In der englischen
Gesellschaft konnte ich einen Besuch in dem nahen Bourges unternehmen.
Die Miß entledigte sich ihrer Aufgabe aber nicht in Frau Vaillants
Sinne, denn auf dem Weg vom Bahnhof ins Stadtinnere ließ sie mich
plötzlich stehen, um sich in einen Trupp vorbeiziehender Rekruten
zu stürzen, die sie mit feuriger Ansprache zur schleunigsten
Wiedereroberung von Elsaß-Lothringen aufforderte. Sie erweckte, soviel
ich sah, wenig Begeisterung, wahrscheinlich wurde ihr angelsächsisches
Französisch gar nicht recht verstanden. Die eingetretene Stauung
benützte ich, um in eine krumme Querstraße zu verschwinden. Ich fragte
mich allein nach der uralten Kathedrale durch, die ich mir vom Küster
zeigen ließ. Auch dort waren die Petroleusen gewesen und hatten, wie
der Mann erzählte, schon die ganzen Mauern mit Petroleum begossen,
nur der rasche Sturz der Kommune hinderte sie, ihr Streichholz
anzustecken. Zu schicklicher Besuchsstunde gab ich dann im Hause
eines jungverheirateten Arztes meine Einführungskarte ab, wo man Frau
Vaillants Bitte, mir die Stadt zu zeigen, sehr artig entgegenkam. Da
sich unter den Merkwürdigkeiten, die man mir aufgeschrieben hatte,
auch eine Militäranstalt befand, hielt es der Herr des Hauses geraten,
zuvor dort anfragen zu lassen, worauf die überraschende Gegenfrage
kam, wie das junge Fräulein aussehe. Auf die Antwort: groß, schlank,
blond, wurde die Erlaubnis verweigert, weil dies das Signalement der
verkleideten preußischen Offiziere sei. Als wir dann später in der
schönen Kastanienallee, die die Stadt umzieht, einem der Herren jener
Anstalt begegneten, konnte dieser nicht umhin, über die angewandte
Vorsicht zu lächeln und erbot sich, mir den Eintritt doch noch zu
erwirken. Aber ich lehnte dankend ab und habe somit nie erfahren, was
für Genüsse mich dort erwartet hätten.
Natürlich horchte ich immer hoch auf, wenn in Vierzon von den
Erinnerungen der Kommune die Rede war. Hatte man mir in Paris von
den Bluttaten der rasenden Menge erzählt, so hörte ich jetzt von
den zehnmal größeren Schrecken, die die regulären Truppen und der
elegante Pöbel verübten. Daß man die fünf Maitage, wo das Blut in einem
ununterbrochenen Strom aus der Kaserne Lobau in die Seine rann und
dort als roter Streifen weiterfloß, miterlebt haben und mit solcher
Seelenruhe über die geschehenen Dinge reden konnte, überraschte mich.
Sie waren nach vierzehn Monaten schon ferne Vergangenheit geworden.
Von den Communardprofilen, die da vor mir auftauchten, ist mir
besonders der verbummelte Student Raoul Rigault, Vaillants ehemaliger
Studiengenosse vom Quartier Latin, in Erinnerung geblieben, der böse
Geist der Kommune, der als Polizeipräfekt ihren Namen mit so viel Blut
besudelt hat. Nur sein mutiges Ende konnte zu seinen Gunsten gebucht
werden. Über den meisten dieser Gestalten hing neben der Tragik ein
eigentümlicher Zug von Leichtsinn, ganz entsprechend dem Charakter
eines Volkes, das leicht tötet und leicht stirbt. In einem Schubfach
fand ich die Visitenkarte des unglücklichen jungen Genieoffiziers Louis
Nathanael Rossel, der in mißglückter Nachahmung eines berühmten Musters
sich an die Spitze der Revolutionstruppen gestellt hatte und den kurzen
Traum seines Ehrgeizes unter den Kugeln seiner ehemaligen Kameraden
in der Ebene von Satory büßte. Frau Vaillant war nicht gut auf ihn zu
sprechen, sie konnte ihm seine reumütige Umkehr zu der alten Trikolore
nicht verzeihen, deren Wiedererscheinen auf den Mauern von Paris er mit
Jubel begrüßt haben wollte. Ich aber fühlte das tragische Geschick des
Soldaten mit, der sein eigenes Todesurteil als gerecht erkannte, und
erbat mir seine Karte zum Andenken.
Als meine Zeit in Vierzon zu Ende ging, war es bei aller
Erkenntlichkeit für die empfangene Güte doch ein Aufatmen. Abderas und
Schildas gibt es auch im lieben Deutschland, schrieb mir mein Vater
in seinem letzten Briefe nach Vierzon, und zwar, wie dir jetzt klar
ist, immer noch erträglichere. -- Es ist schwer, besonders für die
Jugend, die Eindrücke eines fremden Landes nicht zu verallgemeinern.
Da ich die geistigen Kreise gar nicht kennengelernt hatte, verließ ich
Frankreich mit der Überzeugung, daß in jedem französischen Hirn nur ein
einziger Gedanke in festgeprägter Form Platz habe: im gros bourgeois
die Freuden der Tafel, im Soldaten die Gloire, im Republikaner die
Republik. Diese Menschen schienen mir samt und sonders so eintönig, von
so widerspruchsloser innerer Logik wie die Charaktere im französischen
Drama, die am Ende glatt aufgehen wie ein Rechenexempel. Bei der
Abreise überreichte mir ein feiner alter Aristokrat, der mit der
Revolution liebäugelte, ein Gedicht, worin germanisches Goldhaar,
Tyrannenblut und Völkerverbrüderung auf eine nicht ganz klare Weise
zusammengebracht waren. Damit schied ich von Vierzon, diesmal natürlich
in der ersten Klasse. Ich hatte dann noch Gelegenheit, mich vierzehn
Tage bei Landsleuten in der bezaubernden Lichtstadt aufzuhalten, aber
mit der französischen Gesellschaft kam ich in keine Berührung mehr.
Persönlich habe ich Vaillant nicht wiedergesehen. Er kehrte später
infolge der Amnestie von 1880 nach Frankreich zurück und wurde zuerst
in den Pariser Gemeinderat und dann in die Deputiertenkammer gewählt.
Wir waren unterdessen nach Italien übergesiedelt. In Abständen,
die natürlich mit der Zeit immer länger wurden, tauschte er noch
Briefe mit meiner Mutter, und auch als die unmittelbaren Beziehungen
allmählich einschliefen, blieb das freundliche Andenken beiderseits
erhalten.
In Vaillants letzten Lebensjahren stand er Jaurès besonders
nahe. Beider Wirken ging ja darauf aus, durch die internationale
Arbeiterorganisation Kriege für immer unmöglich zu machen. Vaillant war
nunmehr der Patriarch der Partei, die, wie G. Hervè sich ausdrückte,
in Jaurès ihr denkendes Hirn, in dem andern ihr unsträfliches Gewissen
verehrte. Père Vaillant nannten ihn alle. Es soll ein ehrwürdiger
Anblick gewesen sein, wenn der alte Mann mit dem wehenden Silberbart
und -haar bei öffentlichen Arbeiterumzügen die Fahne vortrug. Im Jahre
1907 kam er noch einmal nach Deutschland und verließ es im Groll, weil
er auf dem Parteitag in Stuttgart die deutschen Sozialdemokraten nicht
für den Generalstreik und Aufstand im Kriegsfall gewinnen konnte. Als
der Weltbrand ausbrach, erwartete ich, daß er sich der nationalen
Erbitterung entgegenstemmen würde. Jedoch das Gegenteil geschah. Er
tat selber, was er seinen deutschen Parteifreunden so sehr verargte:
er stellte sich mit seinem ganzen Gewicht auf die Seite der Regierung.
Er ging aber noch viel weiter, denn er predigte den Völkerhaß. Die
Formel vom preußischen Militarismus beherrschte ihn ganz; er hatte ja
stets auf Formeln geschworen. Als er zum zweitenmal in seinem Leben
deutsche Heere auf Frankreichs Boden stehen sah, da trübte sich seine
geistige Verfassung. Er glaubte jede Ungeheuerlichkeit und war unter
denen, die immer am lautesten nach japanischer Hilfe riefen. Ja, er
ließ sich zu der irrsinnigen Anklage hinreißen, deutsche Sendlinge
hätten Jaurès ermordet. Ich schrieb ihm damals einen offenen Brief,
den ich ihm in vier Abschriften über neutrale Länder zusandte und der
später in deutscher und französischer Sprache gedruckt wurde. Ich nehme
an, daß er ihn erhalten hat. Antwort kam keine. Was sollte er auch
sagen? Mir war es vor allem darauf angekommen, ihm klarzumachen, daß
das deutsche Volk heute noch dasselbe ist, für das er einmal so warm
empfunden hatte, und ferner, daß die Hoffnungen unserer Feinde auf den
kleindeutschen Partikularismus von ehedem trüglich sind. Wenn Vaillant
einmal haßte, so war es bei ihm nur natürlich, daß sein Haß über alle
Grenzen ging. Es ist mir gleichwohl nicht möglich, des Toten anders
als mit Pietät zu gedenken. Leicht mag ihm seine neue Wendung auch
nicht geworden sein. Der Jammer über den Krieg unterwühlte sein Leben.
Man sah ihn in den Wandelgängen der Kammer hohläugig, abgezehrt, mit
stieren Augen umherschleichen, und im Dezember 1915 starb er zu Paris
herzgebrochen nach kurzer Krankheit.
Bedrängnisse.
Unter den jungen Leuten, die bei uns aus und ein gingen, hatte meine
Mutter einen, den ich mit seinem Vornamen Hartmuth nennen will, mit
ganz ungewöhnlicher Wärme ins Herz geschlossen, weil seine gediegenen
Charaktereigenschaften und eine tiefe und dauernde Neigung für mich
ihr mein Lebensglück zu verbürgen schienen. Und sie gestattete ihm,
sich als zukünftigen Schwiegersohn zu betrachten, ohne sich meiner
Zustimmung versichert zu haben. Das jubelnde Mutterherz fiel aus
allen Himmeln, als sie sah, daß wieder einmal unsere Empfindungen
meilenweit auseinandergingen. Und nun geschah das Merkwürdige und fast
Unglaubliche, daß die feurige Kämpferin für alle persönliche Freiheit
und Selbstbestimmung in die ihrer so heißgeliebten Tochter eingreifen
und gewaltsam über ihr Geschick bestimmen wollte. Das Wohlgefallen,
das dieser junge Mann ihr einflößte, brachte sie nämlich zu der
seltsamen Annahme, daß ich eigentlich seine Neigung erwiderte und es
nur nicht Wort haben wollte aus irgendeinem kindischen Eigensinn.
Niemals war sie zu überzeugen, daß sie sich täuschte. Ich konnte keine
Gründe für mein inneres Widerstreben anführen, und daß die Regungen
des Herzens keine Gründe brauchen, wollte die leidenschaftliche Frau
nicht einsehen. Daraus war ein peinvolles Ringen zwischen Mutter und
Tochter hervorgegangen, das über fünf Jahre unter dem größten Herzeleid
für beide Teile fortdauern sollte. Ich verargte es dem Manne, daß
er diese Not mit ansah und sich doch auf die Mutter stützte, statt
freiwillig zurückzutreten. Seine Entschuldigung war: er glaubte
gleichfalls, ich liebte ihn und wüßte es nicht! So fest hatte meine
Mutter, deren Suggestionskraft unwiderstehlich war, sich und ihm diese
Absonderlichkeit eingeredet. Und ich hatte Augenblicke, wo ich in ihrem
Banne nahe daran war, es selbst zu glauben. In seiner Abwesenheit,
brieflich, war ich ihm auch durchaus gewogen, nur seine persönliche
Gegenwart stellte mich jedesmal vor die Unmöglichkeit einer Annäherung.
In einer schwachen Stunde hatte sie mir aber das Versprechen entrungen,
wenigstens kein endgültiges Nein zu sagen, sondern die Entscheidung
in Anbetracht meiner allzugroßen Jugend der Zukunft zu überlassen.
Das war ja für den Augenblick das bequemere, da es mich vorübergehend
der Bedrängnis enthob. Und auch er war es zufrieden, denn jeder Teil
hoffte, der andere würde durch die Zeit zur Einsicht kommen. Aber die
Unklarheit rächte sich schwer an beiden: für mich verlängerte sie
den Kampf und verdarb mir die schönsten Jahre, für ihn hatte sie die
Folge, daß er ein schönes, ihm von anderer Seite entgegengebrachtes
Gefühl übersah und so sein wahres Lebensglück verfehlte. Daß er später
gleichwohl ohne Bitterkeit mir zugetan blieb, war das beste Zeugnis,
das er seinem inneren Wert ausstellen konnte.
Da Mama glaubte, daß der viele Verkehr mit männlicher Jugend mich
seelisch zersplittere und mich verhindere, eine Wahl zu treffen,
erlaubte sie mir keine Ballbesuche mehr und hielt jetzt solche jungen
Leute, die ihrem Schützling gefährlich werden konnten, vom Hause fern.
Hartmuth wollte und wollte nicht begreifen. Er tauchte auf, wo ich
ihn nicht erwarten konnte, und wenn ich mich auf eine Festlichkeit
freute, so fand ich ihn schon mir zum Ritter bestellt, daß das
Vergnügen zum Zwang wurde. Beim Vater hätte ich ja sogleich Schutz
gefunden, aber ihn durfte ich um seiner Ruhe willen nichts von diesen
Kämpfen ahnen lassen. Es wurden beständig kleine Verschwörungen gegen
mich angezettelt, an denen sich auch Dritte beteiligten. Um mich zu
bekehren, schrieb mir der schweigsame Ludwig Pfau einmal einen Brief
von sechzehn Seiten, voll der aufreizendsten Derbheiten, die natürlich
ihren Zweck erst recht verfehlten. Der revolutionäre Denker Pfau hielt
es auf diesem Punkte mit dem rückständigen Männerschlag, für den das
Weib nur als Geschlechtswesen vorhanden war und der ihr ein seelisches
und geistiges Eigenleben aus tiefster Überzeugung absprach. Ich meine
ihn noch zu hören, wie er mir einmal mit kopfschüttelnder Mißbilligung
in seinem breiten Dialekt sagte: Weiber, Weiber -- ihr send net für de
Geischt g’schaffe. Bei diesem Standpunkt erschien ihm das Zurückweichen
vor einer so treuen Neigung als Versündigung am ganzen männlichen
Geschlecht, die er nicht ungerügt lassen zu dürfen glaubte. Solche
rauheren Angriffe fanden mich stets gerüstet, aber der Schmerz meiner
vulkanischen Mutter, die Sorge beider Eltern um meine Zukunft, die ich
nicht erleichtern konnte, zerrissen mir das Herz. Und so oft Mutter,
Onkels, Tanten, Freunde und Freundinnen mich fragten: Warum kannst
du denn nicht? Hatte ich keine andere Antwort als: Ich kann nicht.
Wie hätte ich mich anderen verständlich machen sollen, da ich mich
selber nicht verstand. Hartmuth galt für einen stattlichen Mann, und
ich wußte manche, die stolz und glücklich an seiner Seite geschritten
wäre. Mir aber ging seine ganze Art und Weise wider den Strich. Es
waren nur Äußerlichkeiten, scheinbar ganz unwesentliche Dinge, die so
allverhindernd auf mich wirkten; daß sie der treffende körperliche
Ausdruck für eine der meinen gänzlich fremde Geistesrichtung waren,
empfand ich nur dunkel, ohne es in Worte fassen zu können. Es war dies
die einzige Form, wie mein guter Genius mich vor einem verhängnisvollen
Irrtum zu warnen vermochte, denn ich lebte noch viel zu unbewußt, um
mir selber klar zu sagen, daß die Welt Hartmuths nimmermehr die meine
sein konnte, und daß meine Entwicklung andere, weitere Kreise zu
durchlaufen hatte. Auch sein vieles Hofmeistern und daß er mir all die
Besonderheiten, die er an mir zu lieben glaubte, so schnell wie möglich
abgewöhnen wollte, um mich recht bürgerlich hausbacken zu haben, gab
meinem Bewußtsein nicht die sichere Waffe, die ich gebraucht hätte. Und
die Zusammenstöße mit der Mutter fürchtete ich mehr als alles auf der
Welt. Ich war also immer mehr auf der Flucht vor ihm, als daß ich mich
zu einer Entscheidung gestellt hätte, bei der alle gegen mich waren.
Diese seelische Unreife verursachte die Verschleppung, die ihm und mir
so nachteilig wurde.
Einmal befand ich mich in Stuttgart als Gast bei nahen Verwandten und
besuchte dort meine Freundin Anna Dulk, die sich in einer der meinigen
gerade entgegengesetzten Lage befand, da sie soeben ihre Verlobung
gegen den väterlichen Willen durchgesetzt hatte. Kaum war ich in ihrer
Wohnung in der Olgastraße angekommen, so fuhr ein Wagen vor, und
gleich darauf erscholl Hartmuths Stimme im Flur. Ich hatte gerade noch
Zeit, mit einem Sprung in den Garderoberaum zu verschwinden, da stand
er schon im Zimmer und teilte der verdutzten Anna mit, daß er nach
abgelegtem letztem Examen einen festlichen Tag in der Residenz feiern
wolle und daß er zu diesem Zweck einen Wagen gemietet habe, um mich
mit Zustimmung meiner Mutter zu einer längeren Spazierfahrt abzuholen.
Da er aber voraussehe, daß ich mich weigern würde, mit ihm allein
zu fahren, bitte er um ihre Begleitung und Beihilfe zu seinem Plan.
Er habe auch unterwegs meinen gleichfalls in Stuttgart befindlichen
Bruder Alfred aufgetrieben und in den Wagen gesetzt, damit mir gar kein
Vorwand bleibe, mich der Gesellschaft zu entziehen. -- Was beginnen?
Schlankweg heraustreten, ihm vor dieser Zeugin erklären, daß ich
nicht den Schein einer Fessel tragen wollte, die ich in Wirklichkeit
mir nicht anzulegen gesonnen war, dazu fehlte mir die nötige
Schroffheit. Ich stand hinter der halboffenen Tür, von dem Besucher
ungesehen, und hatte die erschrockene Anna im Gesicht, so daß ich sie
durch Zeichen bedeuten konnte, den Ankömmling so lange wie möglich
hier festzuhalten. Dann schlüpfte ich hinaus und im Flug die Treppe
hinunter, an dem vorgefahrenen Wagen vorbei, aus dem Alfred mich laut
begrüßen wollte. Ich legte den Finger auf den Mund und glitt wie ein
Schatten die Straße hinab. Mich zu verstecken, wagte ich nicht, denn
ich kannte Hartmuths Beharrlichkeit, der imstande war, sich vor der
Haustür meiner Verwandten aufzupflanzen und meine Rückkehr abzuwarten,
sollte es auch Stunden dauern. Ich fand also keinen besseren Rat als
heimzustürzen -- den weiten Weg nach der Silberburgstraße zu Fuß, denn
Fahrgelegenheiten gab es damals keine -- und schleunigst zu erkranken.
Annas Einverständnis ließ mich den nötigen Vorsprung erhoffen. Ich
kam auch richtig früher als der Zweispänner an, stürmte atemlos durch
das Familienzimmer nach dem Schlafgemach, warf die Kleider ab und
verkroch mich ins Bett. Bestürzt folgte mir die gute Tante, um zu
hören, was vorgehe, aber sie erfuhr nichts, als daß ich von einem
plötzlichen Unwohlsein mit Schlafsucht befallen sei und bäte, mich
ein paar Stunden ungestört schlummern zu lassen und unter keinen
Umständen zu wecken. Ich entschlief auch schon im Sprechen, und es war
höchste Zeit, denn eben klingelte es, und Anna erschien, um mich zu
der Spazierfahrt abzuholen. Mit dem Bescheid von meiner rätselhaften
Erkrankung zog sie ab, kehrte aber gleich darauf mit den beiden anderen
Insassen des Wagens zurück. Daß Alfred mir brüderliche Treue hielt und
schwieg, wurde ihm von mir hoch angerechnet. Der andere aber verlangte
in seiner doppelten Eigenschaft als Begünstigter der Mutter und als
angehender Arzt die Patientin zu sehen. Unter dem Druck der Tante
erschien diese im Familienzimmer, blaß und leidend und bereit, gleich
wieder einzuschlafen. Es war an meiner Unpäßlichkeit nicht zu zweifeln,
denn von dem anhaltenden Rasen ging der Puls in Sprüngen. Wäre aber
Hartmuth ein besserer Seelenkenner gewesen, so hätte er aus Annas
verwirrter Miene die Wahrheit ablesen müssen. Nach allerlei Vermutungen
zogen die drei sich endlich zurück und setzten ihre Lustfahrt ohne mich
fort. Sobald das Rollen des Wagens verhallt war, sprang ich genesen
auf und gestand den ganzen Hergang. Der gute Onkel, der eine heitere
poetische Ader hatte, verfaßte ein launiges Gedicht über die mißglückte
Entführung und sandte es Mama als Pflaster auf die Wunde.
Das schlimmste war, daß ich überhaupt nicht wußte, was ich mit mir
selber wollte. Unterkriechen wie die andern, geborgen sein um jeden
Preis oder als vermögensloses Mädchen allen Stürmen preisgegeben, mit
lauter brotlosen Künsten ausgestattet und gar nicht für den Lebenskampf
erzogen? -- Kein Wunder, daß es älteren Freunden um mich bange wurde.
Es gab damals für ein Mädchen keinen Weg ins Leben als durch die Ehe
und -- in wunderseltenen Fällen -- durch die Kunst. Aber die Gabe, an
deren verfrühte Äußerungen die Meinigen so feurig geglaubt hatten,
schien mir wieder entzogen zu sein. Wenn ich in das Meer nebelhafter
Bilder, das immer um mich wogte, hineingreifen wollte, um sie zu
formen, so faßte ich in Luft. Mein Mütterlein meinte, ich hätte nur
da weitermachen dürfen, wo ich nach Lilis Erscheinen stehengeblieben
war. Aber damals hatte ich in kindlichem Trieb Vorhandenes nachgemacht
und mit fremden Mitteln gewirtschaftet. Jetzt, wo ich aus Eigenem
gestalten wollte, stand ich mit leeren Händen da. Und der unstillbare
Drang nach starkem Erleben war zugleich auch der unbewußte Trieb, den
Schatten Lebensblut geben zu können. Immer deutlicher fühlte ich, daß
der Boden Tübingens mir überhaupt für meine Entwicklung nichts mehr
zu bieten hatte. Das weibliche Geschlecht war ja damals so gestellt,
daß es nur vom Leben selber lernen konnte. Meine Studien, ganz mir
selber überlassen, gingen die Zickzackwege des Zufalls. Gesellige
Freuden begannen schal zu schmecken, und ich war meist nur mit dem
Körper anwesend. Meine ganze Anlage zog eine Scheidewand zwischen
mir und der Außenwelt. Menschen und Dinge des Alltags hatten gar
keine Wesenhaftigkeit für mich, wenn ich mich nicht gerade an ihren
Ecken und Kanten stieß. Es quälte mich, wenn in meiner Gegenwart die
bürgerlichen Umstände anderer, ihre Verwandtschaften und dergleichen
erörtert wurden. Dauerte es lange, so meinte ich mich innerlich dabei
aufzulösen. Ich wußte am liebsten nicht einmal genau, wo unsere
Freunde wohnten, daß ihr Kommen und Gehen wie aus unbekannten Reichen
war. Diesen Zug hatte seltsamerweise auch mein Vater in seiner Jugend
gehabt, wie ich aus einer Niederschrift von ihm ersah. Aber es war
freilich schwer, ihn dem jungen Mädchen nicht für Lieblosigkeit
auszulegen, während er nur dem Triebe entsprang, die stillose Enge der
Umwelt durch die Vorstellung aufzuheben.
Ich weiß kein Volk, das ein Wort für Sehnsucht hätte, außer den
Deutschen. Das désir und desiderio der Romanen ist wohl stärker an
Leidenschaft, aber es hat nicht das Auflösende, Halbverschmachtete
unseres Sehnens. Sie alle kennen das Heimweh, aber von dem Weh nach
einer ungekannten schöneren Heimat wissen sie nichts. Woher sollte
den Südländern, die an Natur und Kunst besitzen, was jeden Wunsch zum
voraus erfüllt, die Sehnsucht nach einem schöneren Land, nach einem
Wunschland kommen? Des Deutschen ewige Sehnsucht ist nichts anderes
als seine unglückliche, nie gestillte Liebe zur Form. „Du bist Orplid,
mein Land, das _ferne_ leuchtet.“ Dieses Ungenügen an der Wirklichkeit
ist der Ursprung aller Romantik. Wo das Leben wie ein breiter Strom
zwischen schönen Ufern daherbraust, gibt es keine. Dann ist die
Wirklichkeit mächtiger als jeder Traum.
Mein liebes Schwabenland, von seinen Kindern nur das „Ländle“ genannt
(die Neigung des Schwaben zum Verkleinerungswort hat in der Gestalt
eben dieses Ländles ihre tiefe Begründung), ist ein Gebilde eigener
Art, gleichsam eine Musterkarte aller Länder. Es sieht aus, als hätte
der Schöpfer, bevor er die Erde entwarf, ein Modell davon im kleinen
hergestellt, worauf er jede Form andeutete, die er hernach im großen
ausführen wollte: Berge, Flußläufe, Ebenen, Wasserflächen, alles ist
vorhanden, aber in kleinerem Maßstab und in stetem Wechsel. Immer steht
man wieder vor einem anderen Bild. Diese Vielartigkeit hat nichts
Zwingendes, Stilgebendes wie einfache Größe von ausgesprochener Art,
die allein da ist und alles andere ausschließt. Vorstellungen werden
angeregt, aber nicht erfüllt. Daher lag und liegt vielen Schwaben die
Unruhe von Hause aus im Blut. Wer vom Gipfel des Hohenstaufen blickt,
der meint mit einem Male ein Stück mittelalterlicher Geschichte zu
verstehen: die Weite, die sich auftut, lockt über die niederen Kuppen
weg in fernere südliche Weiten, die Anmut der Landschaft erregt,
aber sie befriedigt nicht, sie erweckt ein unruhiges Verlangen nach
höherer, ernsterer Schönheit, den Drang gen Süden. Solch ein Drang
nach Ausdehnung und Erfüllung war auch in mir. Ich ersehnte mir die
große Linie und die herrschende Form: statt der Alb die Alpen, statt
kleiner Heidestrecken die Pußta oder die Savanne, statt dem Bodensee
den Ozean. Da war ferner ein Geist bürgerlicher Nutzbarkeit über
die ganze Natur verbreitet, gegen den ich mich innerlich auflehnte.
Diese reichen, aber in winzige Gütchen verteilten Kornfelder, diese
endlosen Fruchtbaumreihen, heute ein so rührender Anblick! ließen mich
unbefriedigt. Ich war krank nach dem Zwecklos Schönen, nach Wüste und
Urwald oder nach der strengen monumentalen Landschaft des Südens mit
architektonisch angelegten Gärten und Terrassen aufs Meer. Darum
bedrängte ich meinen guten Vater, mich in der Vakanz nur bis Venedig zu
führen. Ich glaubte, es müsse auch ihn glücklich machen, der doch so
ganz anders geartet war, der in der Jugend ein Unrecht an der Heimat zu
begehen meinte, wenn er nur ihre Grenzen verließ. Aber er konnte mir
keinen Wunsch abschlagen. Es wird mir nichts übrig bleiben, als dem
Kinde den Willen zu tun, sagte er ergeben zu meiner Mutter. -- Doch es
sollte nicht mehr so weit kommen, und schon die Geldverhältnisse hätten
es verwehrt.