begannen nun mir überflüssige kleine Aufmerksamkeiten zu erweisen, die
Edgar schroff ablehnte, weil er selbst seiner Ritterpflicht genügte.
Das trieb die andern zu vermehrter Beflissenheit, und als er sich
einmal der Fahrscheine wegen aus dem Abteil entfernen mußte, machten
sich jene mit Neckereien ob des eifersüchtigen jungen Herrn an mich
heran. Ich antwortete mit so viel Würde, als meine Backfischjahre
erschwingen konnten, dieser junge Herr sei mein Bruder. Die aber
lachten noch anzüglicher und meinten, solche Brüder kenne man schon.
Nun war das Aufgebrachtsein an mir, und als wir allein weiterfuhren,
machte ich dem schon zuvor Verstimmten Vorstellungen über sein
Betragen. Daraus entspann sich der zweite Zank, der so bitter wurde,
daß das eine rechts, das andere links zum Fenster hinausblickte, ohne
die Landschaft in sich aufzunehmen, denn beiden fraß die vermeintlich
erlittene Unbill am Herzen. Und so ging es immer weiter. Luzern,
der Vierwaldstättersee mit Axenstein und Tellsplatte, das ganze
Seepanorama auf Hin- und Rückfahrt huschte nur wie ein Schattenspiel
vorüber. Dann begannen wir zu Fuße den Rigi zu erklimmen, denn die
Benützung der Bergbahn erschien uns als etwas unwürdig Weichliches.
Auf halber Höhe ließ ich mir jedoch von einem zurückkehrenden Treiber
ein Pferd aufreden, mehr aus Reitlust, als um mir den Weg zu ersparen;
Edgar, der mit seinem zarten und zähen Körperbau ein unermüdlicher
Fußgänger war, ging nebenher. Bei sinkender Dunkelheit kamen wir auf
dem lichterstrahlenden Kulm an, der mir wie ein Feenschloß in der
Bergeinsamkeit erschien. Ich weiß nicht, für wen man uns dort ansah.
Man gab uns prunkvolle Zimmer, groß wie Säle und strotzend von Samt
und Gold. Natürlich gefiel es uns da recht gut, und nach dem Preise zu
fragen, hielten wir für krämerhaft. Das Abendessen ließ gleichfalls
nichts zu wünschen übrig, das schönste aber war doch der Vorgenuß des
kommenden Tages. Rigi Regina, wie hast du uns betrogen! Um vier Uhr
weckte uns freilich das Alphorn, und wir eilten, hastig in Tücher
gewickelt, mit anderen bleichen Schemen nach einer Plattform, um die
Majestät der Sonne zu grüßen und die Reiche der Welt zu unseren Füßen
zu sehen. Aber da gab es nichts als ein graues wallendes Nebelmeer.
Die Erde schien noch gar nicht aus dem Chaos geboren und schaudernd
schlichen wir in unsere Betten zurück.
Da es nach dem Frühstück noch nicht besser war, verlor Edgar die
Geduld, und es hieß aufbrechen. Ich packte meine Sächelchen zusammen,
um sie in seine Reisetasche zu legen, da fand ich ihn eben im Begriff
ein prächtiges blaues Samtkissen mit reicher Goldstickerei zum Fenster
hinauszuwerfen, das auf einen grasigen Abhang ging. Nach dem Grunde
dieser Tätigkeit befragt, reichte er mir nur stumm die Rechnung. Diese
übertraf alle meine Befürchtungen: die eine Nacht hatte fast den ganzen
Rest des Reisegelds verschlungen.
Nur noch den silbernen Leuchter, sagte er, dann sind wir quitt. -- Ich
sah ihn stürzen, sinken, damit war das Gleichgewicht hergestellt, und
wir schritten stolz hinaus.
Inzwischen begann die Sonne doch noch Meister zu werden, und außen im
Freien stand eine Gesellschaft von angelsächsischem Ansehen beisammen,
die mit ihren Gläsern nach auftauchenden Bergspitzen fischte. Und wie
bestellt, um Edgars Mißmut zum Kochen zu bringen, trat einer der Herren
aus der Gruppe heraus und bot mir in englischer Sprache sein Fernglas
an, weil eben die Berner Alpen aus dem Nebel träten; ich selber besaß
nämlich keines. Bevor ich aber danach greifen oder Dank sagen konnte,
hatte mich mein erzürnter Gefährte gewaltsam weggerissen und lief,
mich an der Hand nachziehend, wie eine Dampfmaschine bergab. Natürlich
kam nun bei mir die Milch der frommen Denkart wieder stark ins Gären,
denn ich stellte mir das Lachen der Zurückgebliebenen vor. Ihm aber
saßen neben der Anglophobie vermutlich auch noch die weggeworfenen
Kostbarkeiten auf den Fersen, daß er so eilte. Der Wunderanblick, der
sich aus dem Nebel rang, führte dann wieder die Versöhnung herbei. Aber
nicht auf lange. Denn schon sehe ich die beiden Kindsköpfe wieder,
wie sie aufs neue beleidigt und stumm den langen Weg durch den
Straßenstaub der Ebene pilgern, er hüben und sie drüben.
Unsere Kasse, die Edgar führte, war so geschröpft, daß wir die nächste
Nacht nur noch in einer Kutscherkneipe verbringen konnten. Aber der
Vater hatte uns eingeschärft, uns nichts abgehen zu lassen, er habe
einen Bekannten in Zürich beauftragt, eine kleine Summe bereitzuhalten
für den Fall, daß uns auf der Rückreise das Geld ausgehen sollte. Wir
machten uns also keine Sorge, denn bis Zürich brauchten wir nur noch
die Fahrkarte, nachdem wir unsere Bedürfnisse schon sehr eingeschränkt
hatten.
Aber in Zürich, als der Zuschuß abgeholt werden sollte, erklärte Edgar,
daß ich den Gang allein tun müsse, denn er seinerseits finde solch
ein plötzliches Auftauchen und Geldheischen landstreichermäßig und
bettelhaft. Ich fiel aus den Wolken; von dieser Seite hatte ich die
Sache nie angesehen, obwohl auch mir bei dem Unternehmen nicht recht
wohl war. So ließ ich mich alsbald von der Verkehrtheit anstecken und
fühlte mich nur verletzt, daß mir etwas zugemutet werden sollte, was
er seiner unwürdig fand. Er rechnete mir nun vor, daß unser Geld zur
bloßen Heimreise gerade noch ausreichen würde, wir müßten uns aber
durch den heutigen und den ganzen folgenden Tag -- von Zürich bis
Tübingen -- durchhungern. Und das täte _er_, wenn er allein wäre,
um seine Würde zu wahren. Natürlich wollte ich nun nicht hinter
ihm zurückstehen und erklärte mich gleichfalls zu der Hungerprobe
bereit. Gehoben durch diesen Entschluß durchwanderten wir die Stadt,
betrachteten uns den See und wollten dann abends noch bis Schaffhausen
fahren. Mama hatte uns jedoch bei der Abreise aufgetragen, in Zürich
auch ihren Jugendfreund Johannes Scherr zu besuchen und ihm ihre Grüße
zu bestellen. Dieser Gang sollte also rasch noch erledigt werden. Aber
vor der Haustür fiel es meinem schon wieder verdrießlichen Gefährten
ein, daß er von Johannes Scherr ein Buch gelesen hatte, dessen
hanebüchene Derbheit ihm stark mißfiel. Und nun wollte er auch nicht
mehr zu Scherr. Aber diesmal bestand ich auf meinem Kopf. Wenn ich
mich recht erinnere, ließ ich ihn unten warten und stand allein vor
dem Berühmten. Ich richtete aber nur kurz die mütterlichen Grüße aus
und hatte es eilig, mich wieder zu empfehlen, weil ich des Bruders
siedende Ungeduld fürchtete. Dies half jedoch nichts, denn als es
sich auf dem Bahnhof zeigte, daß die Züge gar nicht mit dem Fahrplan
stimmten, war ich doch wieder die Schuldige. Er war gereizt, weil er
müde und hungrig war. Ich war aber gleichfalls müde und hungrig und
sah nicht ein, weshalb ich nun auch noch den ungerechten Mißmut des
anderen Teils über mich ergehen lassen sollte. Wer mir gesagt hätte,
daß es ein künftiger Helfer und Wohltäter seiner Mitmenschen war, der
in solche Launenhaftigkeit verkappt mir gegenübersaß! So schwiegen wir
abermals und sahen beleidigt zum Fenster hinaus. Erst die wilde Pracht
des Rheinfalls führte uns wieder zusammen. Und als wir im „Rappen“ zu
Schaffhausen um ein bescheidenes Nachtlager einig geworden waren und
dann entdeckten, daß unsere Mittel uns noch eine kleine Abendmahlzeit
gestatteten, war die Welt wieder einmal vollkommen.
In der Frühe bedurfte es einer Ausflucht, um dem uns angebotenen, ach
so verlockenden Morgenkaffee nebst Honigbrötchen zu entgehen, denn der
große Fasttag mußte jetzt wirklich beginnen. Aber auf den Hohentwiel,
der an unserem Wege lag, wollten wir doch nicht verzichten, schon des
Ekkehard wegen, den damals die deutsche Jugend mit Begier verschlang.
Wir stiegen also, nüchtern wie wir waren, in Singen aus und wanderten
durch den Wald, der uns mit so mancherlei Beeren erquickte, nach der
Felsenburg. Doch o weh, das Eingangstor war verschlossen und sollte
sich nur nach Erlegung von 25 Rappen für die Person öffnen. Solche
Summen hatten wir nicht mehr aufzuwenden. Wir schlugen uns in die
Büsche, überkletterten geschichtete Felsenplatten und sprangen über
die Mauer in den Hof hinab. Dabei machte ich die Erfahrung, wie es
denen zumute ist, die außerhalb des Gesetzes leben. In der Menge der
zahlenden Besucher verborgen sandten wir suchende Blicke nach dem
Bodensee, der sich nur schwach im Dunst abzeichnete; auch die Geister
Hadewigs und ihres verliebten Mönchs ließen sich nicht blicken. Und das
Herzklopfen, bis man endlich unter den Augen des Wächters glücklich
zum Tor hinausgeschritten war! In solchen Augenblicken bestraft
sich’s, wenn man nicht geübt ist, auf unrechten Wegen zu wandeln. --
Noch war ein langer Tag vor uns; um nichts zu versäumen, erklommen
wir unverdrossen auch noch den steilen Basaltkegel des Hohenkrähen,
der uns gleichfalls den Lohn unserer Mühen schuldig blieb. Jetzt aber
meldete sich der Hunger immer unwiderstehlicher. Darum beschlossen wir
von Singen bis zum nächsten Statiönchen zu Fuße zu wandern, um vom
Fahrgeld ein Stück Brot für jedes abzusparen. Wir marschierten wacker
zu, trotz Staub und Hitze und den zwei vorangegangenen Besteigungen
und fühlten uns an diesem Tage zum erstenmal vollkommen friedlich und
einig. Auf dem Bahnhof erkannten wir, daß uns noch Zeit genug zur
Ankunft des Schnellzugs blieb, und wir verständigten uns alsobald,
noch bis zur nächsten Station weiterzumarschieren, um durch unserer
Füße Arbeit zum Brot auch noch ein Stück Käse zu verdienen. Als dort
die Fahrkarten gelöst waren, konnte Edgar mir noch ein ganzes Häuflein
Münzen für meine Einkäufe in die Hand schütten, denn es gehörte auch
zu seinen Eigenheiten, daß er selber niemals einen Kaufladen betrat.
Ich trug zwei duftende Laibchen Weißbrot und eine stattliche Schnitte
Emmentaler davon. Mit Stolz brachte ich sie dem Bruder, der sich
abseits der Landstraße unter einem Birnbaum niedergelassen und einen
Haufen herrlicher Birnen vor sich aufgestapelt hatte. Ich fragte nicht,
mit welchem Rechte. Wir setzten uns in tiefer, freudiger Eintracht
nebeneinander und genossen die köstlichste Mahlzeit und das reinste
Glück, das uns auf der ganzen Reise beschert war.
Oh, und der Kalbsbraten, mit dem die gute Josephine uns abends in
Tübingen empfing. Es war, als ob sie alle unsere Leiden geahnt hätte,
die treue Seele. Der Vater sagte nur, als er uns so verhungert sah, mit
gerührtem Lächeln: Ihr dummen Kinder! Der bleibendste Wert dieser Reise
war vielleicht der, daß mein Kamerad in den drei Tagen so viel von
seinen knabenhaften Wunderlichkeiten ausgeschüttet hatte, daß er nun
allmählich zu werden begann, wofür er sich bisher mit Unrecht gehalten
hatte -- ein Mann.
Besuch in Frankreich.
Anderthalb Jahre nach dem Sturz der Kommune mahnte Mutter Vaillant
meine Eltern an ihr altes Versprechen. Sie lebte jetzt ganz allein in
Vierzon. Ihr fils adoré, wie sie ihn nannte, war verbannt und zum Tode
verurteilt, mit ihrer Tochter war sie zerfallen, weil diese sich von
dem Bruder seiner politischen Haltung wegen losgesagt hatte. Unter
solchen Umständen mochte mein Vater der einsamen Frau ihren alten
Wunsch nicht abschlagen. Ich selber war begierig, eine neue Welt
kennenzulernen, das Land der schönen Form und der verfeinerten Sitte.
So überwand er seine Bedenken und gab mir Urlaub. Unterwegs brachte ich
einen Tag in Straßburg bei der jung verheirateten Lili zu, mit der ich
das Münster bestieg und den Rhein begrüßte. Daß man zu einer Zeit, wo
noch ein deutsches Heer auf französischem Boden stand, ein blutjunges
deutsches Mädchen ohne Sorge allein in die Mitte Frankreichs reisen
lassen konnte, ist, in heutige französische Empfindung übersetzt, nicht
mehr vorstellbar. Damals ging alles glatt. War es Zufall oder gab es
zu jener Zeit wirklich eine französische Ritterlichkeit -- ich bekam
weder in Paris noch in der Provinz, noch auf der Reise selbst je ein
unfreundliches Gesicht zu sehen noch ein verletzendes Wort zu hören.
Die furchtbare Erbitterung des Bürgerkriegs schien den Groll gegen den
fremden Sieger verlöscht zu haben. Aber so viele Franzosen mit mir über
den Krieg sprachen, alle schlossen mit dem unausweichlichen Kehrreim:
Nous ne sommes pas vaincus, nous sommes vendus. Daß vor allem Bazaine
sie für ein Blutgeld verkauft habe, lag als tröstlicher Balsam auf der
Wunde des Selbstgefühls, deren Schmerz dem Durchschnittsfranzosen noch
gar nicht so tief ins Bewußtsein gedrungen war.
In Paris wurde ich im Hause eines französischen Offiziers a. D.,
der mit einer Stuttgarterin, einer Jugendfreundin meiner Mutter,
verheiratet war, mit offenen Armen aufgenommen. Die schon ältere Frau
flog mir auf der Treppe mit einem Freudenruf um den Hals, so sehr
überwältigte sie meine Ähnlichkeit mit der von ihr verehrten Großmutter
Brunnow. Die Familie lebte bescheiden in einer Art von Puppenstuben
mit Tapetentüren unter Möbeln, die der Hausherr selbst geschreinert
hatte, alles von der putzigsten Nettigkeit; das Orangenblütenwasser,
das mir jeden Abend ans Bett gestellt wurde, ist mir in duftender
Erinnerung. Der Herr des Hauses mit seinem Bändchen im Knopfloch führte
mich nach der Sitte des französischen Militärs ritterlich am linken
Arm spazieren. Er glich nach Aussehen und Denkart ganz dem Bilde,
das man sich von dem alten napoleonischen Soldaten macht, und da ich
mich im Invalidendom für Napoleon begeisterte, war er sehr zufrieden
mit mir. Ich besah mir die „Ruinen von Paris“, zusammengekehrte
Trümmerhaufen des Stadthauses, der Tuilerien, der Finanz usw., die
den letzten Verzweiflungskämpfen der Kommune zum Opfer gefallen
waren. Man erzählte mir von den Petroleusen, die wahrscheinlich als
historisches Seitenstück zu den Trikoteusen hexenartig im Hirn der
Pariser spukten. Diese Furien sollten die Häuser entlang gehuscht
sein und blitzschnell in jede Kellerluke ihr Petroleum gegossen und
Zündhölzer nachgeworfen haben, wodurch ganze Straßen ein Raub der
Flammen geworden seien. Wie viele unglückliche Frauen, die kein anderes
Verbrechen begangen hatten, als ihre Petroleumkanne heimzutragen,
mögen bei den Treibjagden der blinden Rachewut zum Opfer gefallen
sein! Greuel waren von der einen und von der anderen Seite geschehen,
vor denen die Bartholomäusnacht verbleicht, aber die Stadt strahlte
von Lebenslust und auf den Boulevards flutete eine heitere Menge in
dem eigenen leichten Schritt, der dort alles beflügelt; nur wenn bei
nichtigem Anlaß ein Zusammenrennen entstand, so war’s wie Nachzittern
vulkanischen Bodens. Als ich einmal fragte, wohin ein Trupp Soldaten
mit Trommelschlag so eilig marschiere, wurde mir geantwortet: Nach
der Ebene von Satory, es ist das Exekutionspeloton. Die Hinrichtungen
waren längst vorüber, aber in der Phantasie der Bevölkerung dauerten
sie noch fort. Von Deutschenhaß erlebte ich in Paris nur ein einziges
Beispiel an einem Halbdeutschen, dem vierzehnjährigen Kadetten, Sohn
meiner Gastfreunde, der mir mit funkelnden Augen ankündigte, er werde
bald in Berlin einziehen, um Rache für Sedan zu nehmen. Als er den
üblen Eindruck seiner Rede sah, versprach er großmütig, die Frauen und
Kinder zu schonen. Man zeigte mir einen Laib Belagerungsbrot, der zu
drei Vierteln aus gemahlenem Stroh und Sand bestehen sollte und der
sich anfühlte wie eine Versteinerung. Auch wurde davon gesprochen,
wie fein man in gewissen Garküchen verstanden habe, die Ratten
zuzubereiten. Das alles war nun längst Geschichte geworden bei dem
schnell lebenden Volke. Über die deutschen Soldaten hörte ich kaum eine
Klage; nur auf Mr. de Bismarck war man schlecht zu sprechen. Liest man
die französischen Schriftsteller der späteren Jahrzehnte, etwa die
feingemeißelten Geschichten Guy de Maupassants, so sieht man, mit welch
hoher Kunst dem französischen Volke das Gift des Hasses nachträglich
eingeimpft worden ist.
Mein erster Tag in Vierzon bleibt mir unvergeßlich. Ein Diener des
Hauses Vaillant, der alte Père Réguillard, holte mich mit meinem Gepäck
am Bahnhof ab. Ich war zwischen Paris und Vierzon, wo kein Schnellzug
ging, zweiter Klasse gefahren, und freute mich, mir für das ersparte
Reisegeld ein anderes Vergnügen zu gönnen. Nun erfuhr ich durch Frau
Vaillant, die der Diener gleich davon in Kenntnis setzte, daß dies ein
Mißgriff gewesen, der in Vierzon keinenfalls bekannt werden durfte,
und sie bat mich, über den dunklen Punkt Schweigen zu bewahren. Ich
versprach’s, denn ich nahm an, daß niemand so töricht sein werde,
mich zu fragen. Die dem Hause Vaillant befreundeten Damen hatten das
junge deutsche Mädchen mit brennender Neugier erwartet. So früh es der
Anstand erlaubte, erschienen Mesdames Poupardin, Mutter und Tochter,
mit einer Freundin, um mich in Augenschein zu nehmen; sie drehten
mich hin und her, schoben mich eine der anderen zu, prüften Haltung,
Haartracht und Anzug und entschieden über mich weg mit Verwunderung:
Mais elle est bien; elle est très bien -- bis doch schließlich eine
entdeckte, die Falbel meines Rockes könnte besser gezogen sein. Das
schmeichelhafte Endergebnis war, daß ich nichts Deutsches an mir hätte
und daß ich würdig wäre, eine Französin zu sein! Es war gut gemeint
und die höchste Ehre, die sie zu vergeben hatten. Als das vorüber war,
erfolgte die verhängnisvolle Frage: Vous êtes venue en première? Da
ich weder lügen noch der mütterlichen Freundin einen Schmerz antun
wollte, fiel ich darauf, mich zu stellen, als ob mein Französisch
auf diesem Punkt versage, und überließ es ihr zu antworten, daß ich
selbstverständlich Erster gereist sei.
Diesem Einstand entsprachen alle ferneren Eindrücke, die ich von dem
Leben in der französischen Provinz bekam.
Frau Vaillant bewohnte ein Landhaus mit schöngepflegtem Garten und
einem Anwesen, das der Küche Hühner, Kaninchen, Gemüse, Salat und ein
Obst von unerhörter Güte und Größe lieferte. Ihr die Riesenbirnen für
den Winter aufhängen zu helfen, war eine wahre Lust. Sie enthüllte sich
als eine vortreffliche und peinlich genaue Hausfrau, deren ganzes
Streben in der Wirtschaftlichkeit aufging, ohne daß es nach außen den
Anschein hatte. Nichts entging ihrem wachsamen Auge. Morgens um acht
Uhr stellte sie schon mit eigenen behandschuhten Händen den pot au feu
auf den Herd. Wenn er bis abends sechs Uhr, wo man zu Tische ging,
so leise fortbrodelte, gab es ein Gericht, für das jedes Wort zu arm
ist. Ich wurde in die mit heiligem Ernst behandelten Geheimnisse der
französischen Gaumenlust eingeweiht, sah ihr die Bereitung allerhand
schmackhafter Tunken ab, lernte, daß die Hammelkeule mit einer Ahnung
von Knoblauch in den Ofen gehen und stets in Begleitung von Bohnen auf
den Tisch kommen muß. Die zwei Mahlzeiten bildeten die wichtigsten
Ereignisse des Tages, auch wenn sie für uns beide allein aufgetragen
wurden. Wenn ich an das luftige französische Weißbrot zurückdenke, so
begreife ich die Klage der Franzosen über das unsrige, von der schon
Goethe weiß. Der Anstand forderte, daß man zu jedem Stück Fleisch ein
mindestens gleich großes Stück Brot zum Munde führte, das auf der Zunge
schmolz. Ich faßte eine ebenso tiefe Bewunderung für die französische
Küche, wie mich die Abwesenheit aller anderen Belange bei der
Gesellschaft in Erstaunen setzte. Die feinen Weine, die auf den Tisch
kamen, und das nie fehlende Gläschen Likör waren das einzig Geistige,
was es in Vierzon gab.
Die wenigen Familien, mit denen Frau Vaillant Verkehr pflog,
Gutsbesitzer, Fabrikanten und dergleichen, drückten offenbar über ihres
Sohnes politische Stellung ein Auge zu, trotz dem Todesurteil, das
über ihm hing; so stark wirken Besitz und Wohlstand auf die Gemüter.
Wenigstens kann ich nicht annehmen, daß sie alle im Herzen heimliche
„Communards“ waren. In wunderlich rührender Weise war das Mutterherz
bestrebt, ihm dieses Wohlwollen, nach dem er nicht fragte, zu erhalten.
Wenn ein Brief aus London kam, so erschienen die Damen voller Neugier,
dann las ihnen Frau Vaillant vor meinen staunenden Ohren Grüße und
Verbindlichkeiten vor, die eifrigst erwidert wurden, die aber nie aus
Vaillants streng wahrhaftiger Feder geflossen sein konnten. Waren dann
die Besucherinnen fort, so gab sie mir die Briefe in die Hand, und
es zeigte sich dann, daß die Grüße an ihren deutschen Gast gerichtet
waren. Sehr merkwürdig erschien es mir, daß Frau Vaillant ihr feines
Französisch nicht orthographisch schreiben konnte und sich daher ihre
Briefe von mir durchsehen und berichtigen ließ.
Die Zeit stand in Vierzon ganz still. Ich lebte hinter den verzauberten
Obst- und Blumenspalieren wie ein Dornröschen. Zu jedem Ausgang
über die Straße bedurfte es einer Begleitung, was mir das Ausgehen
ganz verleidete; ich habe daher von Vierzon-Ville fast gar keine,
von der äußerst reizvollen Landschaft mit dem stillen, umbuschten
Flüßchen, wo die Damen überraschenderweise im Freien badeten, nur eine
schwache Erinnerung bewahrt. In Vierzon-Village, wohin man häuslicher
Bestellungen halber fuhr, lernte ich auch die französischen Bauern mit
ihren ausgehöhlten Holzschuhen und ihren blütenweißen Betthimmeln, mit
ihrem breitem Wohlstand und ihrem engen Rechengeist kennen.
Die wohlwollende, mütterlich gesinnte Frau tat ihr möglichstes, wie
sie es ansah, um zwischen meinen von Hause mitgebrachten Begriffen
und denen ihrer Umgebung zu vermitteln. Wie schwer ihr dies innerlich
fallen mußte -- denn sie stand ja selber zumeist auf dem Standpunkt
ihrer Landsleute --, konnte ich damals kaum übersehen. Von einem
gewissen jungen Mädchen hieß es, daß man nicht mit ihr umgehen könne,
weil sie ihren Vater nach Italien begleitet und ein halbes Jahr in
Venedig und Rom gelebt habe, welche Städte für besonders sittenlos
galten, und ich hörte den Vater schwer tadeln, daß durch seinen
Unbedacht der Tochter für immer die Heiratsaussichten verbaut seien.
Mit einer lebhaften jung verheirateten Frau wurde mir gleichfalls der
Verkehr beschränkt im Hinweis auf ihre sittliche Vergangenheit. Ich
war nicht wenig erstaunt zu hören, worin dieser Makel bestand: sie
habe vor ihrer Ehe mit jungen Herren Briefe gewechselt, und diese
Verwirrung wirke noch ungünstig auf die ärztliche Praxis ihres jetzigen
Mannes nach. Auf meinen Einwand, daß ich ja gleichfalls mit den jungen
Freunden meiner Familie in Briefwechsel stehe und daß sie selbst mich
ermahne, ihrem Sohn nach London zu schreiben, wurde mir die einsichtige
Antwort, bei einer Deutschen sei es etwas anderes. Am schroffsten
spalteten sich die Meinungen bei einem tragischen Fall, der sich in der
Stadt ereignete. Ein junger Mann hatte in der Notwehr einen anderen
erstochen und wurde -- ungerechterweise, wie alle sagten -- zu dreißig
Jahren Kerker verurteilt. Jedoch die allgemeine Klage galt nicht seinem
Los, sondern dem seiner Schwester, die verlobt war und die nun einsam
verblühen müsse, weil ja doch dem Bräutigam unter diesen Umständen gar
nichts übrig bleibe, als sich zurückzuziehen. Was mich entsetzte, war
nicht die Handlungsweise des Verlobten, die in jedem Land vorkommen
konnte, sondern die felsenfeste Überzeugung der Gesellschaft, daß ein
anderes Verhalten überhaupt nicht möglich sei. Freilich bedachte ich
im jugendlichen Eifer nicht, daß in Frankreich Verlobungen unter ganz
anderen Voraussetzungen geschlossen werden als bei uns, daher jene mich
so wenig verstanden wie ich sie und über die unpraktischen Zumutungen
des deutschen Idealismus bedenklich die Köpfe schüttelten. Die Luft
wurde mir in Vierzon enger und enger. In einer deutschen Landstadt
vom gleichen Umfang wäre ja der Geist im ganzen auch kein freierer
gewesen, aber es hätte doch eine Reihe merkwürdiger, von der Umgebung
abstechender Sonderlinge die Eintönigkeit unterbrochen. Von diesen
Provinzlern entfernte sich keiner um Haaresbreite von der Linie des
Nachbarn. Das waren nun meine Erfahrungen mit der französischen Kultur.
Und so sah die Welt aus, der der revolutionäre, kommunistische Vaillant
entstammte.
Eine etwas frischere Luft kam durch den Besuch einer angenehmen
jungen Pariserin ins Haus, der Frau eines gleichfalls nach London
geflüchteten „Communards“. (Nebenbei gesagt war Communard ein halbes
Schimpfwort, sie selber nannten sich Communeux.) Madame Martin war
Modistin und machte sich durch Anfertigung allerliebster Hütchen
um die Hausbewohnerinnen verdient. Mutter Vaillant brachte den
Anschauungen des Sohnes das Opfer, daß sie die junge Frau ganz als
gleiche behandelte, und diese war auch an Takt und äußerer Bildung
den Damen von Vierzon mindestens ebenbürtig. Auf Ausgängen wurde ich
aber doch noch lieber einer ältlichen Engländerin anvertraut, einer
ehemaligen Gouvernante, die ihre Ferien im Hause verbrachte und mir
auf Frau Vaillants Wunsch ein wenig Klavierunterricht gab, -- es war
nämlich eine der Eigenheiten meiner Mutter, daß sie zu meinem größten
Schmerz die Musik gänzlich aus dem Lehrplan ausgeschlossen hatte. So
war ich der Miß dankbar, obgleich sie als Deutschenfeindin mir nicht
sonderlich wohlwollte. Viel lieber war ihr Mademoiselle Poupardin;
diese begleitete sie mit Hingebung auf dem Klavier, wenn sie des Abends
herüberkam und die damals sehr beliebte herzbrechende Romanze sang:
On dit que l’on te marie,
Tu sais que j’en vais mourir --