verstehen, unter welchen Himmelszeichen dort ein junges Mädchen
heranwuchs und was solche Festlichkeiten für sie bedeuteten. Keine
Prinzessin kann mehr verwöhnt werden. Tübingen besaß gegen tausend
Studenten, lauter junge Leute in der Lebenszeit, für die das andere
Geschlecht die größte Rolle spielt. Und all die in der kleinen
Stadt zusammengesperrten Jugendgefühle hatten sich auf wenige
Dutzend junger Mädchen zu verteilen, unter denen sich wieder eine
kleine Zahl Auserwählter befand. Diese lebten wie junge Göttinnen
in einem beständigen Gewölke zu ihnen aufsteigender Weihrauchdüfte:
Blumensendungen, Serenaden, geschriebene Huldigungen in Vers und Prosa
bildeten das Semester hindurch eine lange Kette und wiederholten
sich im nächsten von anderer Hand. Es brauchte entweder einen sehr
festen oder einen ganz alltäglichen Kopf, um nicht ein wenig aus dem
Gleichgewicht zu kommen, oder Brüder, die durch ihre Spottlust die
Eitelkeit niederhielten. Neben den wenigen befreundeten Gesichtern,
die man immer gern wiederfand, drängte sich auf jedem Ball ein Haufe
neuer Erscheinungen heran, die oft gar nicht mehr als einzelne, sondern
nur als Zahl wirkten. Die leichten weißen oder rosa Ballschühchen
waren meist schon zertanzt, bevor der Kotillon begann, daß man zu
dem mitgebrachten Ersatzpaar greifen mußte. So berauschend solche
Ballabende waren, darin aufgehen wie andere Mädchen konnte ich nicht.
Ich war ja stets die Jüngste, da meine Jahre mir eigentlich den
Ballbesuch noch gar nicht gestattet hätten. Gleichwohl war immer einer
in mir, der ganz gelassen zusah und die Sache als bloßes Schauspiel
betrachtete. Und mein Vater, der niemals mitging, aber alles richtig
sah, brachte die Gedanken dieses einen in Worte, indem er warnenden
Freunden sagte: Laßt sie, je früher sie die Torheiten mitmacht, je
eher wird sie damit fertig sein. Er behielt recht, denn als ich in das
eigentliche ballfähige Alter trat, lag die ganze süße Jugendeselei
schon hinter mir.
Von irgendeinem Zukunftsplan war keine Rede. Oft wurde ich von
Bekannten gefragt, warum ich nicht zur Bühne ginge, wohin mich äußere
Anlagen zu weisen schienen. Es war dies mein liebster, heimlichster
Traum. Aber alle Hilfsmittel fehlten; ich hatte noch nicht einmal
Gelegenheit gehabt, ein besseres Theater zu sehen als die Tübinger
Sommerschmiere. Und die ängstlichen Abmahnungen welterfahrener
Freunde fielen meinem Vater schwer aufs Herz, der wohl wußte, daß
ich nicht die hürnene Haut besaß, die stichfest macht im Ränkespiel
des Künstlerlebens. Eines Tages fand mich Edgar, wie ich auf den Rat
einer theaterkundigen Freundin bemüht war, mich zunächst im deutlichen
Sprechen zu üben, und da er glaubte, ich gedächte mit so übertriebener
Lautbildung vor die Zuschauer zu treten, überschüttete er mich nach
seiner Art mit Spott und Tadel und war durch keine Erklärung von
seinem Irrtum abzubringen. Unter seinen fortgesetzten Angriffen,
die teils dem besagten Mißverständnis, teils seinen wunderlichen
Launen entsprangen und gegen die mir niemand beistand, verlor ich
allmählich Lust und Mut. So fand ich bei der eigenen Hilflosigkeit
und der zersplitternden Vielspältigkeit unseres Daseins nicht einmal
mehr den rechten Willen, geschweige einen Weg, die ersten Schritte zu
tun. Zwischen Tanz und Eislauf hielten mich die Übersetzungen für
den „Ausländischen Novellenschatz“ beschäftigt, die mir die beiden
Herausgeber, mein Vater und Paul Heyse, anvertraut hatten. Da ich schon
vom zwölften Jahr an für den Druck übersetzte, war meine Feder sehr
geübt, und das Nadelgeld, das daraus floß, entlastete meine Eltern
von allen Sonderausgaben für die Tochter. Als mein Vater sah, daß er
mir auch kleine schonende Kürzungen und Übergänge, die gelegentlich
an den Texten nötig wurden, getrost überlassen konnte, war er sehr
zufrieden mit mir. Durch Heyses Vermittlung erhielt ich nun auch einen
zweibändigen italienischen Roman zum Verdeutschen und Zusammenziehen,
die prächtigen „Erinnerungen eines Achtzigjährigen“ von Ippolito Nievo.
Ich kam aber nur sehr langsam vorwärts, da ich noch lange keinen
eigenen Raum hatte und im gemeinsamen Familienzimmer schreiben mußte,
wo auch die Besuche empfangen wurden und wo ich häufig zwischen dem
Gespräch und der Arbeit geteilt saß. -- Meine größte Schwierigkeit aber
war und blieb das Verhältnis zu der abgöttisch geliebten Mutter. Ihre
damaligen Lebensanschauungen, ganz aus der Theorie geboren, schwebten
ja so hoch über der Erde, daß sie die Bedingungen unseres Planeten
übersahen: sie vertrugen sich weder mit dem natürlichen Gefühl eines
heranreifenden Mädchens noch mit deren Stellung zur Außenwelt. Sie
darauf hinweisen hieß den Zwiespalt verschärfen, denn ihre Kämpferseele
fand, daß man nicht frühe genug für seine Überzeugungen streiten und
leiden könne, und bedachte dabei nicht, daß es ja vielfach gar nicht
die meinigen waren.
So hatte ich glücklich das sechzehnte Jahr erreicht. Aber das große,
außerordentliche, jenes unfaßbare „Es“ wollte nicht kommen. Es blieb
nichts übrig, als in Phantasie und Dichtung nach dem Stoffe zu
suchen, den das eigene Leben nicht zu bieten hatte. Auch für andere
gab es in der Enge des Daseins keine rechte Grenze zwischen Wunsch
und Wirklichkeit. Als mir einmal eine bildhübsche Altersgenossin
geheimnisvoll anvertraute, daß ihr bei der Parade in Stuttgart ihr
Lieblingsdichter Theodor Körner erschienen und ihr zu Pferde bis an die
Haustür gefolgt sei, hütete ich mich wohl zu erwidern, es werde eben
ein Offizier der Garnison dem Sängerhelden ähnlich sehen, sondern ließ
die Sache dahingestellt, da ich ja doch täglich auch auf ein Wunder
wartete. Sollten denn nicht um der Sechzehnjährigen willen, wenn sie
gar so niedlich sind, die Längstverstorbenen aus den Gräbern steigen?
Was mich betrifft, so suchte ich mir meine Schwärmereien natürlich
unter den Griechen. Es war ja das Schöne, daß gar kein Bücherstaub
auf ihren Häuptern lag, weil Mama uns von klein auf gewöhnt hatte,
mit ihnen wie mit Lebendigen zu verkehren. Man ging in ihre Welt, wie
man in ein anderes Stockwerk tritt; so konnte man sie auch nach einer
Ballnacht gleich wieder finden. Mit der Zeitrechnung ließ ich mich
ohnehin nicht ein. Alles Vergangene war mir noch vorhanden und nur wie
zufällig abwesend. Wenn ich des Nachts im Bette noch mit dem Nachhall
der Tanzmusik in den Ohren ein Kapitel im Plutarch las, so war das
keine Literatur, sondern ein Wiedersehen mit alten Freunden. Vor allem
schien es mir, als hätte ich den Alkibiades persönlich gekannt. Denn
je weniger das Auge im damaligen Schwabenland durch Glanz und Grazie
der Persönlichkeit verwöhnt wurde, desto größeren Wert gewannen diese
Eigenschaften. Die Haltung und das Lächeln, womit in Platons Gastmahl
der bändergeschmückte Alkibiades in Begleitung der Flötenspielerin
über die Schwelle tritt, standen mir so deutlich vor Augen, daß ich
Jahre später vor der antiken Gruppe des auf den Ampelos gestützten
Dionysos in den Uffizien zu Florenz beinahe ausgerufen hätte: Das ist
er ja! Genau so angeheitert und mit so genialer Leichtfertigkeit sah
ich den Athener über jene Schwelle treten. Wenn ich nun von dieser
Gestalt sprach, geschah es mit einem Ausdruck allerpersönlichsten
Wohlgefallens, wodurch ich treue Freundesherzen, die mit dem
Alkibiades keine Ähnlichkeit hatten, sehr vor den Kopf stieß. Einer
von ihnen gestand mir noch nach vielen Jahren, daß er eine Zeitlang
bitter eifersüchtig auf den schönen Athener gewesen sei. Der Sinn
für die äußere Erscheinung war in meiner damaligen Umwelt sehr wenig
entwickelt. Über die Schönheit menschlicher Körperformen herrschte die
größte Unsicherheit; es fiel mir später in Italien sehr auf, wie genau
das südliche Volk darüber Bescheid weiß. Auch wurde nur die weibliche
Schönheit bewundert, bei Männern galt sie eher für einen Makel und
nahezu für unvereinbar mit mannhaften Eigenschaften. Vernachlässigung
des eigenen Körpers wurde mit Bewußtsein, wenn nicht gar mit sittlichem
Stolz geübt. Was Wunder, daß ich, die von den Griechen herkam, den
Wert der Schönheit noch übertrieb und Adel der Erscheinung für das
Allerwesentlichste ansah, für das Gefäß und Siegel der Vollkommenheit!
1870.
Wir befanden uns mitten im Sommer 70. In Niedernau wurde eifrig
getanzt. Hedwig Wilhelmi war mit ihrer jetzt zwölfjährigen Berta aus
Granada gekommen und bewohnte ein Haus in der Gartenstraße, verbrachte
aber fast ihre ganze Zeit mit uns. Auch Lili hielt sich unter den
Fittichen ihrer Mutter wieder in Tübingen auf. Sie stand jetzt im
achtzehnten Jahr und ihre Mädchentage waren gezählt, denn dies war
die äußerste Frist, die ihre Mutter ihr gestellt hatte, um ihre Wahl
fürs Leben zu treffen; die selbst noch schöne und begehrte Frau war
im Begriff sich wieder zu verheiraten und wollte zuvor die Tochter
glücklich versorgt wissen. Unter Lilis Verehrern war einer, der sich
schon in ihrem dreizehnten Jahr, als sie mit dem Pelzmützchen und der
wippenden Krinoline zur Schlittschuhbahn ging, in den Kopf gesetzt
hatte, die junge Grazie dereinst heimzuführen. Lili hatte sich
all die Jahre leise gewehrt, weil der Sanften, Willenlosen bei dem
starken Willen und der rücksichtslosen Tatkraft des Freiers etwas
bänglich zumute war, aber dieselben Eigenschaften gaben der Mutter
die Überzeugung, daß er der rechte sei, das Glück ihrer Tochter zu
bauen. So war Lili eines Tages Braut, ohne recht zu wissen, wie,
und die Hand, in die sie diesmal die ihre legte, faßte mit festem
Griffe zu, der nicht mehr losließ. Sie fand sich mit ihrer gelassenen
Liebenswürdigkeit auch in diese neue Lage. Bei der öffentlichen
Verlobung, die in der „Neckarmüllerei“ mit Champagner gefeiert wurde,
bat sie sich aus, noch einmal zwischen ihren zwei Herzensschwestern,
mir und der kleinen Berta, sitzen zu dürfen. Es war ein letztes
Anklammern an die Mädchenzeit, das der Bräutigam verstand und schonte.
Unter der festlichen Laube gab sie mir die letzte Anleitung in der
Lebenskunst. Champagnertrinken gehöre zur Weltbildung, hatte sie mir
öfters zu verstehen gegeben, das sei so recht das Tüpfelchen aufs i.
Ich schämte mich also, noch keinen getrunken zu haben. Aber nach dem
ersten Glas wurden mir zu meiner Verwunderung die Augendeckel schwer,
und als Lili mir zur Auffrischung das zweite eingoß, begannen die
Gegenstände zu verschwimmen. Die kleine Berta war im gleichen Fall,
daher Lili, die zugab, etwas Ähnliches zu empfinden, uns nunmehr eine
Gehprobe anriet. Wir zwei Jüngeren standen auf, die schöne Braut, die
sich den ganzen Tag nicht von uns trennen wollte, schloß sich an und
wir verließen unter dem Widerspruch der Herren das Fest, um vorsichtig
und würdevoll, nur auf unser Gleichgewicht bedacht, einen einsamen
Kiesweg abzuschreiten. Aber zur Fortsetzung des Banketts hatte keine
von den dreien Lust, wir entflatterten also dem Garten und suchten
Hedwigs nahe Wohnung auf, um die unerwartete Wirkung des Champagners zu
verschlafen. Die Mütter sandten uns Edgar zur Begleitung nach, der sich
diebisch freute, die drei Jungfräulein in diesem lasterhaften Zustand
zu sehen. Als er aber auch die Treppe mit ersteigen wollte, wurde er
von drei plötzlich verwandelten Mänaden mit Polstern, Kissen und was
uns in die Hände fiel, beworfen, daß er sich schleunigst zurückzog. Wir
lachten und tollten hinter ihm her, und der Ernst der Verlobungsfeier
dämmerte uns nur noch im fernen Hintergrund. Lili bewahrte auch in
dieser etwas fragwürdigen Verfassung ihre Anmut. Sie setzte sich ans
Klavier und hieß uns beide tanzen, als uns ein jählings aufgestiegenes
Sommergewitter, das wir nicht beachtet hatten, durchs offene Fenster
mit walnußgroßen Eisstücken überfiel. Ich warf noch zur Antwort und
Opferspende ein Trinkglas hinaus; danach aber fanden wir es rätlich,
eine jede einen stillen Schlummerwinkel aufzusuchen.
Der Abend sank bereits, als Lili frisch ausgeschlafen mich aus
den Kissen zog. Die Schöne war schon wieder schön gekämmt und
zurechtgemacht und hatte sich jetzt augenscheinlich mit der Bedeutung
des Tages abgefunden. Sie ordnete auch mir noch einmal die Haare
mit all der Liebe und Sorgfalt, die sie sonst darauf zu verwenden
pflegte. Dann kehrten wir, von den Müttern abgeholt, zu dem Brautfest
zurück, das unterdessen im gedeckten Raume ohne Braut weitergegangen
war. Der Bräutigam nahm endlich sein schönes Eigentum in Empfang und
entführte sie in die dämmernden Gartenwege am Neckar, die schon wieder
aufgetrocknet waren. Das Fest löste sich auf, neue Gäste kamen in die
Neckarmüllerei, die nicht zu den Geladenen gehörten. Wenn ich nicht
irre, war auch der ernste Vaillant darunter. An einem Nebentisch wurde
wieder politisiert. Einer erhob sich und sagte mit Emphase: Meine
Herren, das Jahr achtundvierzig pocht mit ehernem Finger an die Türe --
dabei klopfte er mit dem Fingerknöchel auf die Tischplatte -- ich sage:
das Jahr achtzehnhundertachtundvierzig -- aber an die Tür pochte etwas
völlig andres, denn gleich darauf verbreitete sich die Nachricht von
der Emser Depesche.
Lilis Brauttag beschloß auch für mich den Reigen der Jugendfeste,
in die wie ein Blitzstrahl die Kriegserklärung Frankreichs schlug.
Die männliche Jugend eilte zu den Fahnen. Unser französischer
Hausfreund war genötigt, Deutschland zu verlassen. Frau Wilhelmi
mit ihrem Töchterchen begleitete ihn nach Genf, wo er zunächst noch
weiterstudieren wollte. Auch die Andersdenkenden verfolgten seine
Wege mit Spannung. Vaillant zweifelte keinen Augenblick, daß nunmehr
die Stunden des Empire gezählt seien, denn er rechnete bestimmt auf
eine französische Niederlage. Aber er liebte dieses Frankreich ebenso
glühend, wie er seine Laster haßte, und es war Patriotismus, daß
er den deutschen Waffen den Sieg wünschte, weil sein Vaterland nur
durch schwere Schläge, durch eine harte Erziehung gesunden könne.
Napoleons Abdankung rief ihn auf französischen Boden. Allein die
Republik Gambettas war nicht die seinige. Während der Belagerung von
Paris half er mit Feuereifer die Erhebung vom 18. März vorbereiten und
wurde vom Zentralausschuß in die Kommune gewählt, die an gebildeten
Mitgliedern keinen Überfluß hatte. Von nun an war Vaillants Name
in allen europäischen Zeitungen zu finden. Er wurde zuerst an die
Spitze der inneren Angelegenheiten, dann an die des Unterrichtswesens
berufen. Welche Rolle er in der Kommune gespielt hat, ist aus
den widersprechenden Zeugnissen schwer zu erkennen. Daß er die
Erschießung der Geiseln und andere Gewalttaten guthieß, kann ich bei
seinem Fanatismus kaum bezweifeln. Er setzte mit einem Federstrich
dreiundzwanzig Beamte der Nationalbibliothek ab, mit deren gänzlicher
Neubildung er den ehrwürdigen Gelehrten Elie Reclus betraute; das
ist so ziemlich das einzige, was von seiner Verwaltungstätigkeit
berichtet wird. Seine Parteigenossen warfen ihm vor, daß ihm die
deutsche Philosophie den Tatsachensinn benebelt habe, und ich will
gern glauben, daß der Mann der Theorie sich als Organisator wenig
bewährte, aber Hegel war gewiß unschuldig daran. Übrigens waren die
Vorwürfe gegenseitig, denn er seinerseits nannte bei einer Abstimmung
die Kommune ein Parlament von Schwätzern, das heute zunichte mache,
was es gestern geschaffen. Gleichwohl hielt er es für seine Pflicht,
als einer ihrer Führer bis zum Ende auszuharren, und beim Einzug der
Versailler kämpfte er auf den Barrikaden mit. Als seine Sache verloren
war, gelang es ihm, durch die Einschließungslinie zu entkommen und sich
als Eseltreiber verkleidet über die Pyrenäen auf spanischen Boden zu
retten, von wo er nach England ging. In den Zeitungen hieß es mehrmals,
daß ein falscher Vaillant erschossen worden sei. Es wurde auch wirklich
einer, der ihm ähnlich sah, ergriffen und nach Versailles geschleppt,
aber durch die Dazwischenkunft A. Dumas’, der ihn kannte, gerettet. In
Frankreich war das Märchen verbreitet, die preußischen Truppen hätten
Vaillant freundwillig durchgelassen wegen seiner guten Beziehungen zu
Deutschland.
Die Weltereignisse trieben auch in unser abseits gelegenes Haus ihre
Wellen. Mein Vater war feurig deutsch gesinnt und hatte den Anschluß
an Preußen trotz 66 mit Begeisterung begrüßt; in der Gründung des
Reiches sah er eine lebenslange Sehnsucht erfüllt. Meine Mutter aber
konnte ihre Empfindungsweise nicht umschalten, sie beharrte mit
einseitiger Treue in der revolutionären Dogmatik ihrer Jugend. Mit dem
französischen Geist war sie ja ebenso durch ihre adlige Erziehung wie
durch ihre 48er Vergangenheit verwachsen. Ein Krieg gegen Frankreich,
das sie liebte und von dem sie als erstem die Verwirklichung ihrer
Freiheitsideale erhoffte, schien ihr eine Ungeheuerlichkeit. Niemand
hat gläubiger an dem Lehrsatz festgehalten, daß Frankreich der berufene
Soldat der Freiheit sei. Gegen Preußen bewahrte sie ihren alten Groll
und für Bismarcks Größe war sie ein für allemal unempfindlich. Diese
Dinge mit ihr zu erörtern wäre zwecklos gewesen, mein Vater wußte, daß
sie unbekehrbar war. Ihre tiefe Liebe und seine weise Mäßigung ließen
es zu keinem Zwiespalt kommen, doch über das, was die Allgemeinheit am
stärksten bewegte, konnte zwischen ihnen nicht gesprochen werden.
Edgar befand sich im Alter der höchsten Ideologie und stand unter
Vaillants und Mülbergers Einfluß. Das vaterländische Ideal war ihm
zu eng, er glaubte an die Marxsche Internationale. Der edle Irrtum,
der mit Überspringung der nächsten Stufe ein höheres ferneres
Ziel vorausnehmen und sich auf den vielleicht nach Jahrhunderten
eintretenden Zustand einer entwickelteren Menschheit einstellen
will, ist ja gerade für die deutsche Seele so bezeichnend. Die
Sozialdemokratie sah er nicht wie sie damals war, sondern wie er
hoffte, daß sie werden würde, und umgab sich mit Gestalten, die zu
seiner eigenen vornehm-zarten Persönlichkeit im stärksten Gegensatz
standen. In seiner Großmut verschlug es ihm nichts, daß er sich durch
seinen Anschluß an die Partei der Ausgestoßenen um die schönsten
Möglichkeiten seiner späteren Laufbahn brachte. Denn für die
bürgerlichen Kreise war damals die Sozialdemokratie der leibhaftige
Gottseibeiuns. Das erfuhr einer unserer jungen Freunde, den seine
Mutter, eine fromme Pfarrerswitwe, himmelhoch bat, doch während des
gewittrigen Sommers keinen „Volksstaat“ in der Wohnung aufzustapeln,
damit der Blitz nicht ins Haus schlage.
Bei der politischen Spaltung in der Familie war es gut, daß wenigstens
die Tochter ganz unpolitisch war und, indem sie zu keiner Seite neigte,
verbindend zwischen allen stand. Nur daß Straßburg wieder unser war,
die vom deutschen Volkslied immer festgehaltene Stadt, empfand ich mit
dem Vater als ausgleichende Gerechtigkeit, aber die ungeheure Bedeutung
des endlich geeinigten Vaterlandes ging mir noch nicht auf. Und gar
zu wissen, welches die beste Staatsform sei, konnte ich mir wirklich
nicht anmaßen. Hätten nur die Landsleute sich jetzt zu der höheren
Kulturform bekehren wollen, nach der meine Seele dürstete. Aber dazu
schien keine Hoffnung. Man hörte Stimmen, die zu der Bärenhaut des
Urteutonentums zurückverlangten. Daß die feine Kultur Frankreichs,
für die ich zur Ehrfurcht erzogen war, wenn ich auch nicht begehrte,
Bürgerin dieses Landes zu werden, von solchen geschmäht wurde, die sie
gar nicht kannten, verletzte mein Gefühl. Die „Wacht am Rhein“, von
bierheiseren Bürgerstimmen am sicheren Wirtshaustisch gesungen, war
ein Ohren- und ein Seelenschmerz. Ich konnte also nicht vaterländisch
empfinden. Deutschland stand ja gewaltig und siegreich da und bedurfte
nicht wie heute der Liebe aller seiner Kinder. Die deutsche Kultur
war mir die Welt Goethes, ein heilig gehaltenes, nirgends sichtbares
Ideal, das ich tief im Herzen trug und in die fernsten Fernen mitnehmen
konnte. Sie hatte mit dem, was mich umgab, nichts zu tun, sie bedeutete
höchstes Menschentum, an keine Scholle gebunden. Daher tat die Mutter
meinem Verständnis eine zu große Ehre an, wenn sie mich zuweilen in
der Hitze bismarckisch schalt. Noch weniger freilich hoffte ich für
mein Kulturideal von der Richtung, die Edgar eingeschlagen hatte; so
ging jedes im Hause seinen eigenen Weg. Weil nun aber unsere Mitbürger
sich von Anfang an gewöhnt hatten, alles, was ihnen an unserer
Familie mißliebig war, der Tochter anzukreiden, so wurde ich auch
für die politischen Ansichten von Mutter und Brüdern verantwortlich
gemacht, mit denen ich selber im Widerspruch stand, und es gab damals
in Tübingen erwachsene Leute, die allen Ernstes die Sechzehnjährige
für eine staatsgefährliche kleine Persönlichkeit ansahen, der man
geheimnisvolle politische Umtriebe zutraute. -- Nur einmal, beim
Friedensschluß, schlugen alle Herzen in der Familie zusammen und im
Einklang mit dem Allgemeinen: in der tannengeschmückten Straße durfte
auch ich meine Blumen in den festlichen Einzug der Krieger werfen.
Rigi Regina.
Eines schönen Sommertages wurde mir die beglückende Eröffnung gemacht,
daß ich in der Vakanz mit Edgar, der jetzt ein ganz grünes Studentlein
war, den Rigi besteigen dürfe. Ich war zwar dank meinem Zusammenlernen
mit Lili in der Geographie so schwach geblieben, daß ich nicht einmal
genau wußte, wo dieser Berg zu suchen sei, allein durch die Worte
Rigi Regina, die ich in irgendeinem Gedicht gelesen hatte, war er zu
einem Berg der Wunder geworden. Ich erschrak jedoch bis ins Herz,
als es sich enthüllte, daß mir noch ein anderer Begleiter zugedacht
war, ein reiferer Mann, dessen Werbung um die kaum Erwachsene zwar
dem Mutterstolz schmeichelte, aber bei der Tochter auf entschiedene
Abwehr stieß. Er sollte uns zwei Weltunerfahrenen als Mentor dienen und
dabei die Gelegenheit wahrnehmen, sich von seiner günstigsten Seite zu
zeigen. Ich begriff aber gleich, daß die gemeinsame Schweizerreise nur
als Vorspiel einer längeren, lebenslangen gedacht sei, und war sofort
bereit, unter diesen Bedingungen zu verzichten, so hart es mich ankam,
die schon sehnlich ausgebreiteten Flügel wieder zusammenzufalten. Ein
Sturm brach los, der erste ganz schwere, den ich mit meiner Mutter zu
bestehen hatte, und solche Stürme waren keine Kleinigkeit; aber ich
blieb fest und die Arme mußte mit Schmerzen das ganze Gewebe wieder
aufdröseln. Mich zur Strafe um die Reise zu bringen, vermochte sie
schließlich doch nicht, also ließ sie mich nach ein paar durchweinten
Tagen allein mit dem Bruder in die mit doppelt freudigem Aufatmen
begrüßte Freiheit ziehen. Daß ich mir das Reisegeld durch meine
Übersetzungen selbst erschrieben hatte, vermehrte das Hochgefühl. Rigi
Regina!
Den Reiseplan machte Edgar, und mit der ihm eigenen Herrsch- und
Eifersucht gestattete er mir kaum, einen Blick mit auf die Karte zu
werfen. Doch waren wir einig, vor allem möglichst weit zu kommen,
denn uns beide beherrschte derselbe Raumhunger. Nur hatten wir nicht
mit unserer eigenen Kinderei gerechnet. In früheren rauheren Zeiten
pflegten Eltern ihre Kinder bei denkwürdigen öffentlichen Ereignissen
durch eine plötzliche Ohrfeige zu überraschen, damit der Eindruck
unauslöschlich hafte. Nach demselben Gesetz der Mnemotechnik haben
sich mir die Etappen dieser ersten Ausfahrt in die Welt nur durch die
ausgestandenen Verdrießlichkeiten eingeprägt.
Sobald wir in der Bahn saßen, begann die Not. Ich hatte einige Zeit
das Englische getrieben und war so weit, daß ich mich unbefangen in
dieser Sprache ausdrücken konnte. Das fiel nun mit einemmal meinem
brüderlichen Beschützer schwer auf die Seele. Er meinte, sämtliche in
der Schweiz reisenden Söhne Albions warteten nur auf seine Schwester,
um sich ihr in den Weg zu stellen, und da er diese Nation nicht liebte,
verlangte er im voraus ein bindendes Versprechen, daß ich mit keinem
Engländer ein Wort reden würde. Ich sagte, ich hätte gehört, daß
Engländer auf der Reise niemals Unbekannte ansprechen, aber das genügte
ihm nicht, er bestand auf einem Ehrenwort, das ich zu seinem bitteren
Schmerz verweigerte. So vergällten wir uns die erste Reisestunde mit
dem ersten Zank.