verkittet. Wenn dieser, nun gleichfalls im Herzen vereinsamt, Mama oder
mich am Fenster stehen sah, so zog es ihn, wie schroff er von Edgar
abgestoßen war, unausweichlich den alten Weg. Auch unsere Lateinstunden
gingen weiter. Wir lasen jetzt zusammen den Sallust, wobei ich mich
für die trotzige Verbrechergestalt des Catilina lebhaft erwärmte.
Das freute Edgar, der die gleiche Vorliebe hatte, und so fühlten wir
endlich wieder einmal unsere innere Ähnlichkeit. Wenn aber Lili in
Tübingen auftauchte, so vergaß ich Catilina und das ganze Römervolk
nebst seiner Grammatik und hatte wieder für nichts Sinn als für Tand
und Bälle und Studentenwesen. Einmal hatte sie mir einen allerliebsten
weißen Tarlatanhut mit schwarzen Samtbändchen mitgebracht, wie sie
selber einen trug. Dergleichen war aber in Tübingen noch nicht gesehen
worden und das Hütchen erweckte auf meinem Kopf wieder einen sittlichen
Unwillen. Als wir nun eines Tages mit unseren Tarlatanhüten und den
schwesterlich gleichen grün und weiß gestreiften Waschkleidchen
zusammen ausgingen und uns dabei sehr niedlich vorkamen, brach eine
Rotte Schuljungen, die eben den Schulberg herabkamen, heulend und
Steine werfend auf uns ein, daß wir die Pfleggasse hinauf uns in einen
Bäckerladen flüchteten, der schnell geschlossen werden mußte. Die
Gassenjugend bombardierte die Tür mit wütenden Steinwürfen, und wir
wurden wohl eine Viertelstunde lang von der wohlwollenden Bäckersfrau
in den hintersten Räumen versteckt gehalten, ehe wir uns wieder
hinaustrauen durften. Von da an gingen wir nur noch unter männlichem
Schutz in unseren Tarlatanhütchen aus, bis die Töchter Philistäas
anfingen, sie nachzumachen und die Mode sich verbreitete.
Auch Hedwig Wilhelmi wetterleuchtete wieder durch mein Leben. Sie
entzückte als maître de plaisir, indem sie Ausflüge und andere
Lustbarkeiten veranstaltete, wobei sie selber auch auf ihre Rechnung
kam, denn während die Jugend tanzte und tollte, gesellten sich die
älteren Studenten zu der reifen, fesselnden Frau, um mit ihr zu
rauchen und sich im Wortgefecht, das ihr Bedürfnis war, zu üben.
Es ging nach damaligem Brauch bei solchen Ausflügen sehr genügsam
zu: eine Sauermilch oder ein Glas Bier, bei Tanzvergnügungen ein
Stück Kuchen war alles, was man sich leistete; die Wirtshäuser waren
auf mehr kaum eingerichtet. Dann setzte man sich auf dem Heimweg
Glühwürmchen ins Haar, und mit dieser phantastisch leuchtenden Krone
wanderte man singend durch den Wald nach Hause. Die wilden jüngeren
Brüder betrugen sich, wenn sie dabei sein durften, tadellos. Nur
daß Erwin gelegentlich gegen eine verbotene Zigarre irgendeinem
aufschlußbedürftigen Studenten unser geheimgehaltenes Ausflugsziel
verriet, daher wir nie begriffen, weshalb gewisse Gesichter so häufig
da auftauchten, wo man sich ihrer nicht versehen konnte. Alfred, noch
immer unversöhnt mit dem weiblichen Geschlecht, mochte sich’s doch
nicht ganz versagen, dabei zu sein. Er folgte meist auf zwanzig Schritt
Entfernung durch die Straßen, und war so gezwungen alles einzusammeln,
was Philistäa gegen die beiden Tarlatanhüte, gegen Hedwigs Zigarre oder
Mamas nachlässigen Anzug einzuwenden hatten. Das warf er uns dann alles
beim Nachhausekommen mit triumphierendem Ingrimm an den Kopf.
Späterhin brachte Hedwig ihre Berta mit, die eine richtige südliche
Schönheit zu werden versprach. Die Kleine, die seit den Windeln
an gesellschaftliches Leben gewöhnt und an Weltkenntnis uns allen
überlegen war, bildete mit Lili und mir ein unzertrennliches Kleeblatt.
Sie weihte uns in die Regeln des Stiergefechts ein, und mir brachte
sie einmal nebst anderen Erzeugnissen Spaniens einen wunderbaren
grünseidenen Fächer mit, auf dessen Elfenbeinstäbchen die Bildnisse der
berühmtesten Stierkämpfer gemalt waren. Sie nannte alle mit Namen und
erzählte von ihren galanten Beziehungen zu der vornehmen Damenwelt von
Madrid und Granada. Wir drei Mädchen schlossen uns im Zimmer ein, um
mit Kastagnetten Fandango zu tanzen, und die Brüder hatten das Zusehen
-- aber nur durchs Schlüsselloch!
*
Während die Ausbildung der Brüder völlig planmäßig vor sich ging,
wurde die meinige durch jeden Luftzug dahin oder dorthin geweht. Im
Gasthof zur Traube wohnte damals eine russische Dame, Frau Danjewsky
aus Kiew, die sich ihrer beiden Söhne wegen in der Universitätsstadt
aufhielt. Sie sah mich eines Tages über die Straße gehen, fand, daß
ich auffallend ihrem im gleichen Alter verstorbenen Töchterchen
gliche, und ließ mir sagen, daß sie mich gern kennen möchte. Und
wenn sie mich ein wenig im Russischen unterrichten dürfte, so wäre
ihr das eine besondere Freude, weil sie sich vorstellen könnte, ihre
Tochter sei wieder da. Ich mußte jede Gelegenheit, etwas lernen zu
können, als einen Glücksfall wahrnehmen, weil ja doch alle höheren
Bildungsstätten der Frau mit eisernen Riegeln versperrt waren; so
stellte ich mich erwartungsvoll und etwas beklommen von dieser Neuheit
im Gasthof ein. Ich fand eine ernste Frau in mittleren Jahren, die
mich sehr herzlich mit einem Veilchenstrauß begrüßte und die nun für
die nächste Zeit mein hauptsächlichster Umgang wurde. Sie brachte mir
zuerst die Buchstaben bei, die sich um vieles leichter erwiesen als
sie aussahen, und gleichzeitig ließ sie mich schon einen Kindervers
von Mischka, dem Bären, aufsagen, um meine Zunge an die Aussprache
zu gewöhnen. Dann tauchten wir, umqualmt vom Rauch ihrer Zigaretten,
in die unergründlichen Tiefen der russischen Grammatik, und als hier
nur die ersten Schwierigkeiten überwunden waren, ging sie schon dazu
über, mit mir ihren vielgeliebten Puschkin zu lesen, den sie für einen
ganz großen Unsterblichen hielt. Ich hütete mich ihr zu sagen, daß
mir die breit hinrollenden Verse etwas leer erschienen, und tat ihr
den Gefallen, die ganzen berühmten Eingangsstrophen zum „Kupfernen
Reiter“, bei denen das Russenherz höher schlägt, auswendig zu lernen.
Besonderes Vergnügen aber machte es ihr, daß ich mich gleich mit
meinem winzigen Wortschatz in die Unterhaltung wagte, wenn um mich her
russisch gesprochen wurde. Die arme Frau hatte viel häuslichen Kummer:
ihr älterer Sohn Wsjewolod, Wolodja genannt, befand sich zurzeit in der
Irrenanstalt von Kennenburg; der jüngere, Sergius oder Serjoscha, der
das Obergymnasium besuchte, ein frühreifes Großstadtkind, schien ihr
auch keine große Freude machen zu wollen. Der Unterricht, den sie mir
gab, gewährte ihr selber eine wohltätige Ablenkung. Sie befreundete
sich warm mit meiner Mutter und zog auch mehrere ihrer studierenden
Landsleute in unser Haus. Als sie Tübingen verließ, legte sie meinen
Unterricht in die Hände eines älteren baltischen Studenten, der mit
mir den russischen Geschichtschreiber Karamsin vornahm und mich damit
in die Urgeschichte Rußlands, beginnend bei den Warägern, einführte.
Scheidend trat er sein Amt einem des Sanskrit beflissenen Georgier aus
Tiflis ab, der unter der akademischen Jugend ein besonderes Ansehen
als Wagenlenker und Rossebändiger genoß, weil er als kleiner Junge
nach dem Brauch seines Landes halbe Nächte auf dem Rücken der Pferde
geschlafen hatte. Dieser Sohn der Wildnis mit dem blauschwarzen
Haar und dem asiatischen Lächeln wurde nun mein dritter Lehrer im
Russischen. Als auch er abreiste, trat er seine Stelle einem anderen
Georgier ab, der nur kurz geblieben sein muß, da mir sein Bild nicht
in der Erinnerung haftet. Nach dem Abgang dieses letzten war ich
glücklich so weit, mir selbst forthelfen zu können. Ich führte mit den
geschiedenen Freunden noch längere Zeit einen russischen Briefwechsel,
wobei ich ebenso unbedenklich wie im Sprechen und zunächst noch ohne
Hilfe eines Wörterbuchs (ein solches gestatteten mir meine Mittel
erst später) meine Sätze baute -- häufig zur großen Heiterkeit der
Empfänger. So hatte eine ganze Reihe von Menschen, um die ich nicht
das geringste Verdienst besaß, mir freiwillig ihre Zeit geopfert, um
mir zur Kenntnis einer Sprache zu verhelfen, die ich zunächst nur
zum Spiele trieb, die mir aber bald zugute kommen sollte, da ich mit
Übersetzungen aus dem Russischen ein Neuland anbrechen konnte. Dafür
blieben die russischen Studenten in unserem Hause gern gesehen, sie
hatten eine gewandte Art, sich anzupassen, und brachten etwas von der
Weite der Steppe und des Meeres mit. Daß sie sich auf Schritt und Tritt
von wirklichen oder angeblichen russischen Spitzeln verfolgt sahen
und daß sie, obwohl politisch völlig harmlos, doch der Angeberei sich
durch Geldopfer entziehen mußten, gab uns auch gleich ein Schmäcklein
von den russischen Zuständen. Einige Jahre später konnte ich dann
die russischen Studien noch einmal in einem mir befreundeten Hause
aufnehmen, wo das Familienhaupt, Direktor Dorn, der mit den Seinen
lange in Rußland gelebt hatte, mich und seine liebenswürdige Tochter
Elise, von uns das Dornröschen genannt, im Russischen übte.
Ein französischer Revolutionär.
Jugendeseleien.
Zu Ende der sechziger Jahre verkehrte bei uns ein Franzose, Dr.
Edouard Vaillant, der als späterer Minister der Kommune bestimmt
war, in der Geschichte seines Vaterlandes eine Rolle zu spielen. Daß
ich diesen Mann kannte, hat mir den Geist der großen französischen
Revolution näher gebracht als alle Geschichtsstudien: der starre
doktrinäre Robespierre und der tiefglühende, unheimliche Saint-Just
schienen in seiner Person beisammen, aber in veredelter Ausgabe.
1867 war er zum erstenmal nach Tübingen gekommen, um seine in Paris
betriebenen medizinischen Studien, denen technische vorangegangen
waren, zu vervollständigen, und hatte sich mit einer Empfehlung Ludwig
Pfaus, der ihn von Paris her kannte, bei uns eingeführt. Er war
damals siebenundzwanzig Jahre alt und hatte bereits promoviert. Schon
Vaillants Äußeres bezeichnete den ganzen Menschen: mittelgroße, hagere
Gestalt, bleiches Gesicht mit buschigem, schwarzem Haar, Züge, die
bis zur Verzerrung unharmonisch waren, und dunkle, flackernde Augen,
in denen der Fanatismus brannte. Im Betragen jedoch gewinnend durch
Bescheidenheit, feine Erziehung und persönliches Wohlwollen. Keine
Spur von gallischer Eitelkeit, aber auch nichts von der vielgerühmten
Grazie seiner Landsleute. Das Sprechen leidenschaftlich, aber abstrakt
und farblos. Ich ging ja noch in Kinderschuhen, als Vaillant unser Haus
zum erstenmal betrat, aber auch für Kinderaugen war diese Erscheinung
völlig durchsichtig, und ich glaube nicht, daß sein späteres Leben
an dem Bild, das ich von ihm bewahre, viel geändert hat. Aus dem
Städtchen Vierzon im Departement Cher gebürtig und selber jener
besitzenden Bourgeoisie, die er so sehr haßte, entstammend, widmete
Vaillant von früher Jugend seine Kräfte und Mittel der Sache des
Proletariats. Er gehörte der Blanquistischen Richtung an und hatte
schon im Jahre 1864 in London die erste Internationale mitbegründen
helfen. Vom Staatssozialismus, der nach Reformen strebt, wollte er
nichts wissen; sein A und O war der soziale Umsturz. Die Revolution
von 1793 hatte nach ihm ihr Werk nur halb getan: Sie sollte durch
das Proletariat erneuert und mit Niederhaltung der bevorrechteten
Klassen zum republikanischen Sozialstaat durchgeführt werden. Der
Proletarier war für ihn der einzig wahre Mensch; ich besitze noch ein
Jugendbild von ihm, worauf er selbst in der Arbeiterbluse dargestellt
ist. Auch die ausgebreiteten Kenntnisse, die er sich erwarb -- er
trieb neben seinem Fach auch deutsche Philosophie, besonders Hegel,
und sozialwirtschaftliche Studien --, hatten vor allem den Zweck, der
Partei zu dienen.
Meine Mutter nahm bei ihrer Hinneigung zu französischem Wesen und
ihrem feurigen Glauben an die drei magischen Formeln der Revolution
den stillen, ernsten Vaillant mit großer Herzlichkeit auf, und dieser
verbrachte manche Stunde in unserem Hause. Zumeist in Gesellschaft
seines Gesinnungs- und Studiengenossen, des geistig strebsamen,
charaktervollen Artur Mülberger, der zum eisernen Bestand unseres
kleinen Kreises mitgehörte. Es war ein äußerlich und innerlich sehr
ungleiches Freundespaar. Dem blonden, seelenruhigen Schwaben war der
Sozialismus eine wissenschaftliche Aufgabe, der heißblütige Franzose,
zu jedem Äußersten bereit, wartete nur auf den Augenblick zur Tat. Mein
Vater, dem sein Amt und die literarische Arbeit ohnehin wenig Zeit
für Geselligkeit ließen, schätzte in dem französischen Hausfreund
die Reinheit und geradezu katonische Ehrenhaftigkeit des Charakters,
aber innere Berührungspunkte hatte er keine mit ihm. Denn es gebrach
Vaillant bei völliger Abwesenheit der Phantasie an jeder Spur einer
künstlerischen Ader, die Welt des Schönen war ihm verschlossen, er sah
alle Dinge durch die Brille seiner radikalen Dogmatik an. Überhaupt
hing ein Schleier zwischen ihm und dem Leben. Einmal begegnete er
auf der Straße meinem Vater, als dieser gerade zu seinem herzkranken
Jüngsten heimging, und schüttelte ihm erfreut die Hand mit der
Mitteilung, daß er unmittelbar von einem Pockenkranken komme...
Für Deutschland hegte Vaillant damals eine Bewunderung ähnlich der
des Tacitus für unsere Voreltern. Die Einfachheit des äußeren Lebens
hatte es dem Bedürfnislosen angetan. Daß die Geselligkeit sich zumeist
in der freien Natur abspielte, gab ihm einen Schmack Rousseauscher
Ursprünglichkeit. Aber Jugendfreuden kannte er nicht. Auch auf den
Ausflügen blieb er immer ernst und gemessen. Er philosophierte mit
meiner Mutter oder spielte aus Gefälligkeit mit meinen jüngeren
Brüdern, doch er lachte nie. Einmal traf ihn bei solcher Gelegenheit
im Schwarzwaldbad Imnau der Balken einer Drehschaukel so schwer an
die Stirn, daß er ohnmächtig wurde und mit vielen Nadeln genäht
werden mußte. Da war der Röteste aller Jakobiner voller Zartheit nur
bemüht, meiner Mutter und mir den Anblick der Wunde zu entziehen. Ganz
besonders sagte ihm der freie und unschuldige Verkehr der Geschlechter
zu. Daß ein junges Mädchen ohne schützende Korridortür in einem
Hause wohnen konnte, dessen Unterstock ein die halbe Nacht hindurch
belebtes Studentencafé war, setzte ihn in das größte Erstaunen. Er
sprach mit bitterem Schmerz von der sittlichen Verkommenheit des
Empire, und auch über die Rasseeigenschaften seiner Landsleute äußerte
er sich ganz unumwunden. Ich erinnere mich, wie er einmal von ihrer
sinnlich-grausamen Anlage sagte, der Gallier habe statt des Blutes
Vitriol in den Adern.
Die große Verehrung, die er für meine Eltern empfand, gab ihm sogar
den Wunsch ein, sich der Familie noch näher zu verbinden, denn er
übertrug mit der Zeit sein Freundschaftsgefühl für die Mutter auch
auf die heranwachsende Tochter. Aber dem Kinde war seine düstere
Einseitigkeit zu fremd und unheimlich, auch hatte er bei aller Vorliebe
für das deutsche Leben nicht begriffen, daß in Deutschland der Weg
ins Herz der Tochter nicht über die Eltern geht. Seine humorlose
Überzeugungstreue, die ganz barocke Formen annehmen konnte, gab steten
Anlaß zu einem kleinen scherzhaften Kriege. So erheiterte er mich
einmal durch den Rat, nicht auf dem Pferd, sondern lieber auf dem Esel
zu reiten, weil das Pferd das Aristokratentier sei. Aber er hielt es
meiner Jugend zugute, daß ich für seine Theorien nicht zu gewinnen
war, und versicherte, ich sei dennoch très révolutionnaire, weil er
sah, wie mich das Spießbürgertum meiner freien Erziehung wegen aufs
Korn genommen hatte. Révolutionnaire war in seinem Munde das höchste
Lob. Er hetzte das arme Wort zu Tode, indem er es auf alle möglichen
und unmöglichen Dinge anwandte, daher wurde es für uns Jüngere ein
Neckwort, und sein Ringen mit der deutschen Sprache nannte ich la
grammaire révolutionnaire. Er beherrschte das Deutsche vollkommen, nur
Artikel und Aussprache blieben ihm unerringbar. Meinen so leichten
Vornamen lernte er niemals sprechen, sondern nannte mich immer auf
altfranzösisch: Mademoiselle Yseult.
Im folgenden Jahre kam auch seine Mutter nach Tübingen und schloß einen
Freundschaftsbund mit der meinigen trotz der Grundverschiedenheit
der Lebensauffassungen, die beiden nicht ins Bewußtsein trat. Die
treffliche Dame wurzelte mit all ihren Neigungen und Gewohnheiten in
dem wohlhabenden Bourgeoistum, dem der Sohn den Untergang geschworen
hatte. Aber aus vergötternder Mutterliebe zwang sie sich so zu
denken wie er dachte und alles zu bewundern, was ihm gefiel. Auch
dem einfachen Tübinger Leben suchte die an alle Verfeinerungen
gewöhnte Frau Geschmack abzugewinnen, so fern ihrem wahren Wesen die
Rousseauschen Ideale standen. Mir brachte sie die größte Herzlichkeit
entgegen und wollte mich gleich ganz unter ihre Fittiche nehmen. Bei
der Abreise drang sie in meine Eltern, mich ihr zur Ausbildung nach
Frankreich mitzugeben. Mein Vater sprach aber ein ganz entschiedenes
Nein, weil ich mit meinen vierzehn Jahren viel zu jung sei, um in so
fremde Verhältnisse einzutreten. Meine Mutter vertröstete sie auf ein
späteres Jahr. Und während der Sohn sich mit Mülberger nach Wien begab
um weiter zu studieren, wurde der Verkehr durch den Briefwechsel der
beiden Mütter aufrechterhalten.
Im Spätjahr 1869 kam Vaillant zum zweitenmal nach Tübingen. Er war
voller Hoffnung auf das Netz der revolutionären Propaganda, das
ganz Frankreich durchzog, und prophezeite den nahen Umsturz. Damals
gab es in Württemberg noch keine eigentliche Arbeiterbewegung,
aber der Sozialismus lag doch schon in der Luft. Ein kleiner Kreis
von Studierenden schloß sich um Vaillant zusammen; man hielt den
„Volksstaat“, wollte die soziale Frage lösen und sang in den
feuchteren Abendstunden die Marseillaise oder den Girondistenchor. Es
dauerte bei den meisten nicht lange, denn die deutsche Sozialdemokratie
hatte damals noch nicht so viel Geist, Talent und Bildung in sich
aufgesogen, daß es feineren oder vielseitigeren Naturen leicht auf
die Dauer dabei wohl sein konnte. Aber einen mittelbaren Einfluß auf
die spätere Gestaltung der Partei hat Vaillants Tübinger Aufenthalt
doch ausgeübt, da infolge persönlicher Beziehungen, die letzten Endes
auf ihn zurückgehen, Albert Dulk der Vorkämpfer der sozialistischen
Gedanken in Württemberg wurde. Seine Tochter Anna lernte nämlich in
dem Tübinger Kreise einen jungen österreichischen Sozialisten aus dem
besseren Arbeiterstand kennen, der in den Wiener Hochverratsprozeß
von Oberwinder und Genossen verwickelt gewesen, und verlobte sich
heimlich mit ihm. Ich kann sie noch sehen, wie sie eines Tages mit
ihren wallenden Locken und schwärmerischen Blauaugen vor mich trat,
in jeder Hand eine brennende Kerze, vielleicht um mich besser zu
erleuchten, und mir ihres Herzens Will’ und Meinung kundtat. Sie
begann auch alsbald mit ihrer höheren Bildung an dem jungen Mann zu
modeln und zu schleifen und hatte das bewegliche Wiener Blut schnell
so weit, daß sie ihn ihrem Vater zuführen konnte. Dieser sträubte
sich gewaltig, sowohl gegen die Heirat wie gegen die Partei, aber der
künftige Schwiegersohn überschüttete ihn mit sozialistischer Literatur,
und unter ihren endlosen Redekämpfen ereignete sich der seltsame
Fall, daß die beiden Streiter sich gegenseitig bekehrten: der junge
mäßigte seine Anschauungen und zog sich mehr von der Bewegung zurück,
der alte trat ihr mit dem ganzen Feuer seiner Natur bei und wurde der
Paulus der neuen Gemeinde, der er bis an sein Lebensende durch alle
Nöte, Anfechtungen und Verfolgungen treu blieb. An einer Blockhütte im
Schurwald bei Eßlingen, wo er in seinen letzten Lebensjahren wochenlang
tiefeinsam zu hausen pflegte, hat ihm die dankbare Partei sein Denkmal
errichtet.
In dem kleinen Tübinger Kreise wurden jetzt an Stelle der bisherigen
humanistischen Fragen mit Leidenschaft die Schriften von Proudhon,
Marx, Lasalle und Bebel erörtert. Als es einmal bei einer solchen
Sitzung ganz besonders jakobinisch zuging, fragte ich: Werden in dem
neuen Sozialstaat auch Frauen hingerichtet, wenn sie anderer Meinung
sind? Worauf die deutsche Jugend einstimmig antwortete: Die Frauen
werden stets verehrt, sie mögen denken, wie sie wollen. Vaillant
dagegen erklärte mit unerschütterlichem Ernst: Freilich müssen Frauen
hingerichtet werden; sie sind von allen Gegnern die gefährlichsten, --
was die mitanwesende Hedwig Wilhelmi zu stürmischem Beifall hinriß,
weil er unser Geschlecht doch höher zu stellen scheine als die andern.
Man fühlte ihm an, daß er imstande war, blutigen Ernst zu machen.
-- -- -- Inzwischen wurde trotz der Weltkatastrophe, die ich täglich
mit Feuerzungen ankündigen hörte, weiter getanzt und Schlittschuh
gelaufen und das Recht der Jugend auf Gedankenlosigkeit ausgenützt.
Den Ballstaat sandte Lili oder vielmehr ihre Mutter fix und fertig aus
dem geschmackvolleren Mainz. Da kamen in großen Pappschachteln Dinge,
die in Tübingen nicht zu haben waren: ein rosa Tarlatankleid von solch
hauchartiger Leichtigkeit, daß erst sechs Spinnwebröcke übereinander
den gewünschten Farbenton ergaben, der davon die durchsichtigste
Zartheit erhielt; dazu ein voller Rosenkranz für die Haare. Ein
andermal war es ein Kleid aus weißen Tarlatanwolken mit schmalem grünem
Atlasband durchzogen nebst einem Schilfzweig und Wasserrosen. Diese
Herrlichkeiten konnten nur eine Nacht leben und kosteten so gut wie
gar nichts. An den Ansprüchen des 20. Jahrhunderts gemessen, wären
sie bescheiden bis zur Armseligkeit, sie kleideten aber jugendliche
Gestalten feenhaft, und wenn man am Abend angezogen dastand, lief die
ganze Nachbarschaft zusammen, um das Wunder anzustaunen. Für minder
feierliche Anlässe trug man weiße Mullkleider mit Falbeln oder den so
gern gesehenen blumigen Jakonett, der gleichfalls der Jugend reizend
stand. Der Schnitt war der heutigen Mode sehr ähnlich, indem man den
Umfang der nunmehr verewigten Krinoline durch Weite des Rockes und
Fülle der Falten ersetzte.