Wenige Tage später saß ich mit den Eltern in Schwärzloch, der lieben

alten Waldwirtschaft, wo Frau Lächler, die philosophische Wirtin,

uns ihre Sauermilch mit dem berühmten Schwarzbrot vorsetzte. Da

erschien Edgar mit seinem neuen Freund und stellte ihn vor, einen

großgewachsenen, aber noch sehr schüchternen Jüngling, dem mit seinen

siebzehn Jahren schon der Vollbart sproßte. Der Neuling war innerlich

sehr erschüttert von dem, was er getan hatte, und sah sein Unterfangen

nachträglich als eine Ungeheuerlichkeit an. Aber die Dreizehnjährige

dankte gesetzt und damenhaft für die Blumen und nahm die Begleitverse

als Formsache und Ritterstil auf, wonach die Befangenheit sich

allmählich löste. Wir waren damals gerade aus dem großen kalten Haus

an der Steinlach in die neue Wohnung in der inneren Stadt gezogen,

die mit ihrer sonnigen Vorderseite drei Stock hoch auf den schönen

altertümlichen Marktplatz hinuntersah und zugleich auf der Rückseite,

wo die Haustür lag, das zweite Stockwerk über der finsteren Kronengasse

bildete. Dort besuchte uns der neue Freund, nachdem er die erste

Beklommenheit überwunden hatte, bald fast täglich. Der zarte und doch

so schroffe Edgar mit dem leichtentzündlichen Geblüt und dem schmalen,

vergeistigten Gesicht, aus dem große blaue Augen weltfremd leuchteten,

sah in dem riesenstarken, immer gelassenen Freunde sein unentbehrliches

Widerspiel. Wenn dieser sich kaum verabschiedet hatte, so hielt er es

schon nicht mehr ohne ihn aus und griff zur Mütze, um ihm nachzueilen.

Als Ernst die Vakanz im väterlichen Pfarrhaus verbrachte, war der

leidenschaftliche Knabe so unglücklich über die Trennung, daß der

Freund auf den abenteuerlichsten Schleichwegen ohne Wissen seiner

Eltern, die an diesem Verkehr keine Freude hatten, ein Wiedersehen wie

ein verbotenes Liebesstelldichein bewerkstelligen mußte. Und weil das

kurze Beisammensein Edgars liebebedürftiger Seele kein Genüge tat, nahm

jener ihn gar als Gast in sein Pfarrhaus mit, freilich in heimlichen

Ängsten, wie seine Eltern sich zu der Überraschung stellen würden. Aber

so ein altschwäbisches Pfarrhaus wußte, was es dem Herkommen schuldig

war, und ließ sich nicht lumpen, wenn ein Gast erschien, ob er ihres

Geistes Kind war oder nicht. Man buk und schmorte, der Pfarrer holte

seinen klassischen Schulsack, die Pfarrerin ihren Mutterwitz hervor,

um die Unterhaltung zu würzen. Und da nun die Vakanz zu Ende ging,

wurde anderen Tags die bessere von den zwei Pfarrkutschen angespannt,

der „lederne Deckelwagen“, in dem nach bäuerlicher Ausdrucksweise vier

„Herrenkerle“ Platz haben, und die Gäste nach altem Brauch bis in die

Mitte des Schönbuchs zurückgeführt. Aber trotz der ihm erwiesenen Ehre

hatte das schwärmerische Knabengemüt keinen Augenblick Ruhe, solange

es den Freund mit andern teilen mußte. Ich hab’ den ganzen Tag über

Heimweh nach dir, klagte er, wenn sie einmal allein waren, und legte

seine zarte Wange an die bärtige des Freundes. Denn die Stärke seines

Innenlebens machte dem Friedelosen selbst das Glück zur Qual.

Ernst trat allmählich im Hause ganz in die Stellung eines Mitbruders

ein. Er half den jüngeren Knaben bei ihren Schulaufgaben, mich

begleitete er in die Tanzstunde hin und zurück, obgleich der Ort nur

über der Straße lag, und sah geduldig zu, bis ich des Herumhüpfens müde

war, wenn es auch noch so spät wurde, denn er selber tanzte nicht.

Er tat mir brüderlich zuliebe, was er nur konnte. Wenn Edgar seine

immer zuckende Reizbarkeit an mir auslassen wollte oder Alfred mir

seine Verachtung der Weiblichkeit allzu deutlich zu verstehen gab, so

stellte er sich dazwischen und schaffte mir Luft. Zum Dank für diese

Liebesdienste betreute ihn Mama mit ihrer ganzen überschwellenden Güte

und wurde eine zweite Mutter für ihn, wobei sie freilich in ihrer

stürmischen Art auch ab und zu in seine Lebenshaltung eingriff und

den Abstand zwischen der freiheitlichen Richtung des Sohnes und dem

bürgerlich hergebrachten Gesichtskreis der Eltern nach Kräften zu

erweitern suchte.

An dem jungen Freunde fand ich jetzt einen Nothelfer in den häuslichen

Stürmen, der mir bessere Dienste leistete als die Wohngäste, die doch

nur auf kurze Zeit erschienen. Mit der Zeit vergrößerte sich auch

der Kreis. Söhne befreundeter Familien, die zur Hochschule kamen,

wurden in unserem Hause eingeführt, darunter das Frohgemüt unseres

Eugen Stockmayer, der einer unserer Getreuesten werden sollte, und

der gleichnamige Enkel des alten Dichters Karl Mayer, eine feine

und eigenartige Erscheinung. Es fanden sich vorübergehend zwei

Träger großer Namen ein, der schöne junge Friedrich Strauß, von

seinem Vater dem meinigen empfohlen, und Robert Vischer, von dem

seinen persönlich bei uns eingeführt. Da war ferner der treue Arthur

Müllberger, der Theoretiker des Sozialismus und Schüler Proudhons,

nebst einem gleichgesinnten französischen Freunde, dem ich später

seiner Bedeutung wegen ein eigenes Kapitel widmen muß. Man machte

gemeinsame Ausflüge oder saß des Abends beisammen und spielte, und

ich durfte für Stunden ein gedankenloses junges Tierchen werden

wie andere. Eine unbeschreibliche Harmlosigkeit waltete damals im

Verkehr der Jugend. Man liebte noch die Gesellschaftsspiele, bei

denen Scharfsinn, Witz und Geistesschnelle geübt werden mußten. Auch

Rätselraten war eine beliebte Unterhaltung. Ernst Mohl verfaßte

komische Gedichte in allen möglichen fremdländischen Dichtweisen,

worin meine Tänzer durchgehechelt wurden. Edgar hatte eine frühe

Meisterschaft über Wort und Reim, die wahrhaft verblüffend war und die

ihm immer zu Gebote stand. Er wetteiferte nun mit Ernst in lustigen

Travestien bekannter Dichtungen, worin er auch unser Mütterlein mit

ihrer Garibaldischwärmerei und ihren republikanischen Freundschaften

nicht verschonte. Dazwischen gab es ernste Wortgefechte literarischer

und anderer Art, wobei man jedoch vorsichtig sein mußte, denn der

reizbare Edgar, der alles persönlich nahm, konnte bei solchen Anlässen

plötzlich in Brand geraten. Er pflegte je nach der augenblicklichen

Stimmung Dichter auf den Thron zu heben oder schmählich abzusetzen,

selbst die größten nicht ausgenommen. Da war es denn schwer, nicht zu

widersprechen, und widersprach ich, so prasselte er auf. Bei seiner

Unausgeglichenheit und seinem steten Auf und Ab hätte ihn nur eine

Windfahne befriedigen können, und eine solche hätte er von Grund aus

verachtet. Der ruhige Freund hatte immer zu begütigen und abzulenken.

Dafür wandte sich ein andermal der Groll gegen ihn, wenn er sich z.

B. einfallen ließ, eine Lanze für Platen zu brechen, den wir nicht

leiden konnten und wir anderer Meinung waren. In solchen Fällen schien

dem erregbaren Jünglingsknaben die abweichende Meinung geradezu einen

seelischen oder mindestens einen geistigen Mangel auszudrücken, und

er konnte so wild werden, daß man für die Freundschaft fürchten

mußte. Der große, gewichtige Freund aber hob dann den kleineren,

zarten vom Boden auf, schaukelte ihn auf seinen starken Armen hin und

her oder streichelte ihn mit seiner Riesenfaust die Backe, bis er

das Fauchen aufgab und wieder gut war. Mein Vater kam ab und zu von

seinem Arbeitsstübchen im Giebelstock herunter und warf ein paar Worte

ins Gespräch. Mama saß am liebsten auf einem Schemel, ganz in sich

zusammengerollt wie ein kleines Bündelchen, aus dem die Augen mit einem

fast unmöglichen diamantenartigen Glanze strahlten. Vor Schlafengehen

pflegte sie schnell noch aufzuspringen und die Treppen hinunter in die

Konditorei zu huschen. Von dort brachte sie jedem ein Brottörtchen

mit Schokoladenguß mit. Ja -- und du? hieß es dann. Sie behauptete

jedesmal, das ihrige schon im Laden verzehrt zu haben, aber alle

wußten, daß dem nicht so war! Sie liebte vom Gebäck nur das feinste,

und diese Törtchen waren besonders fein. Deshalb aß sie nie eins,

sondern gönnte sich den Genuß, der für sie ein größerer war, es andere

essen zu sehen.

Mein Latein war unterdessen da liegen geblieben, wo der allzu

gewissenhafte Haierle es gelassen hatte. Nun erbot sich Ernst Mohl als

angehender Philologe, den Unterricht wieder aufzunehmen. Es war auch

eine Eigentümlichkeit jener Tage, daß all die jungen Menschenkinder

sich immer gegenseitig aus Freundschaft unterrichteten. Die Mama

war entzückt von diesem Vorschlag, aber das Töchterlein keineswegs.

Ich bildete mir nämlich ein, daß einzig das Lateinische, das damals

bei Mädchen für eine Unnatur galt, an meinem Mißverhältnis zur

Welt schuldig sei. Zudem war mir das Römervolk mit seiner starren,

nüchternen Vernünftigkeit und seiner grausamen Zweckmäßigkeit

unerfreulich, somit liebte ich auch ihre Sprache nicht, deren schöne

Treffsicherheit und durchsichtige Klarheit ich noch nicht würdigen

konnte. Und gar auf ihre Literatur, die mir lauter Flickwerk schien,

sah ich von der Höhe meines Homer tief herunter. Um dieses Volkes, um

dieser Sprache willen sollte ich mich von Buben mit Steinen werfen

und von den Mädchen verklatschen lassen! Wären es noch die Griechen

gewesen! Die ganze Kinderei meiner jetzt erreichten vierzehn Jahre

kam über mich, und es gab für meine aufgeregte Einbildung keine

Grenzen mehr. Das Latein war der Vampyr, der mir am Leben fraß! Die

Römer hatten nur in der Welt herumgesiegt und Geschichte geschrieben,

damit ich in Tübingen ein unglücklicher Mensch würde! Und der Freund,

der sich mir zugeschworen hatte, gab sich zum Helfershelfer her! Es

war gräßlich. Ich versteckte mich auf dem Speicher bei den großen

Koffern. Dort standen zwei mannshohe Riesensäcke, von Josephine mit

unbenützten Bettstücken und anderem Hausrat vollgepfropft. Hinter

diesen suchte ich Sicherheit, bis die Gefahr vorüber wäre. Aber als

Mama auf der Suche nach mir den Speicher heraufgestürmt kam, da verriet

mich wie weiland den König Enzio ein Schopf, der zwischen den Säcken

hervorglänzte, und ich wurde an den Zöpfen die Treppe hinabgezerrt.

Ich schluchzte und grollte in mich hinein und nahm erst vor der Tür

wieder Haltung an, aber eine ungnädige. Doch der junge Lehrer verstand

es, mir des Tacitus Germania so schmackhaft zu machen, daß ich schon

auf der ersten Seite meinen Unmut fahren ließ. Ich fühlte mich

auch als Deutsche geschmeichelt, daß mir der alte Römer über meine

Vorfahren so viel Verbindliches zu sagen hatte, und fand danach sein

Volk minder abstoßend. Ich übersetzte die ganze Germania, schrieb

sie schön ins Reine und überreichte sie meiner Mutter, die nun wieder

ganz mit mir zufrieden war. Sie berichtete dem alten Freund Bacmeister

in Reutlingen meine Leistung, und dieser verehrte mir in kollegialer

Anerkennung je ein Druckstück seiner eben erschienenen Tacitus- und

Sallustübersetzungen.

Und zur Belohnung führte mich Mama auf den ersten Ball nach Niedernau.

Niedernau! Könnte ich dem Wort nur etwas von dem Zauber einhauchen,

den es in Mädchenohren besaß. Man denke sich ein bescheidenes,

lieblich-ernstes Schwarzwaldtal, von Tannen umstanden, von einem

Bächlein durchflossen; daselbst ein anspruchsloses Kurhaus mit einem

großen Tanzsaal, der an sich kein Schaustück war, der sich aber zur

Sommerzeit an den Nachmittagsstunden der Sonn- und Donnerstage in

ein Stück Jugendparadies verwandelte. Junge Mädchen in den duftigen

Sommerkleidern damaliger Mode aus Mull oder Jakonett, die den

Trägerinnen das Ansehen von Wiesenblumen gaben, Studenten in Couleur,

geduldige Mütter an den Wänden, Geigenschrillen, Tanzgewirbel; niemand

fragte, wie hoch das Thermometer stand. Der Kotillon ging meist in ein

förmliches Rasen aus, denn bei der Überzahl der Herren mußten viele

ohne Tänzerinnen bleiben und hielten sich dann beim Kehraus schadlos.

Jeder Tänzer hing seiner Dame einen Mooskranz um den Arm, und an der

Zahl der Kränze sah man, wie oft sie aus der Tour geholt worden war.

Die heimgeschleppten Kränze hing man dann zu Hause als Trophäen auf.

Kontertänze wurden zuweilen im Freien auf dem Rasen getanzt, was noch

hübscher war, und in der Zwischenzeit gingen die Paare auf den nahen

Waldwegen spazieren. Auf der Heimfahrt schlossen sich einzelne Tänzer

den Familien an, das waren solche, die im Trunk enthaltsam gewesen.

Die anderen vollführten im Eisenbahnwagen ein dämonisches Singen und

Grölen, was zwar nicht sehr rücksichtsvoll gegen die Damen war, aber

doch nicht als gröbliche Verletzung des Anstands aufgefaßt wurde, da

man von der studentischen Jugend an vieles gewöhnt war. Mein erster

Balltag in Niedernau fiel gerade auf Mamas Geburtstag. Als wir am Abend

kränzebeladen und freudensatt -- denn sie genoß meine Jugendfreuden

fast mehr als ich selber -- nach Hause fuhren, holten uns Ernst und

Edgar am Bahnhof ab. Sie hatten zuvor das Haus mit bunten Laternen

behängt und auf dem Geburtstagstisch lustige poetische Gaben eigenen

Erzeugnisses ausgebreitet, in denen die kindliche Seele der Empfängerin

schwelgte. Auch mir wurde ein Heldengedicht im Nibelungenstil

aus Ernsts Feder überreicht, das die ungeheuerlichen Reckentaten

bekannter studentischer Persönlichkeiten für ihre Ballschönen besang,

eine grotesk-heroische Fortsetzung eben genossener Ballfreuden, zum

Nachklang der Geigen in meinem Ohr gestimmt. Noch drolliger war ein

späteres Gedicht in Makamenform, das zwei Angehöriger feindlicher

Korporationen, in die Namen Kampfwart der Schöne und Siegwolf

durchsichtig vermummt, einen fürchterlichen Einzelkampf ausfechten

ließ, wobei der unbezwingliche Siegwolf mit der blauweißroten Schärpe

doch gefällt wurde und der schöne Kampfwart neben der wallenden

schwarzrotgoldenen Fahne als Sieger stand. Alle diese Helden führten

fortan neben ihrem wirklichen noch ein mythisches Dasein, denn der

Verfasser setzte seine Gesänge eine geraume Weile fort.

Die überschwengliche Freundschaft der beiden Jünglinge erstieg

allmählich einen Gipfel, auf dem sie sich nach dem Gesetz des Irdischen

nicht lange halten konnte. Ihre schönsten Stunden verlebten sie noch

auf einer Schwarzwaldreise, zu der sie sich in der nachfolgenden

Sommervakanz zusammenfanden. Der ältere Freund, der jetzt schon

Student war, hatte sich die Mittel dazu ganz insgeheim buchstäblich

am Munde abgespart, sonst wäre die Genehmigung seiner Eltern nicht zu

erlangen gewesen. Sie stiegen zuerst in dem uns befreundeten Hopfschen

Pfarrhaus in Pfalzgrafenweiler ab und wanderten anderen Tags der

Hornisgrinde zu. Bei sinkender Nacht an schwelenden Meilern vorüber,

an deren Glut, die er für Irrlichter hielt, Edgar sich hineinspringend

die Sohlen versengte, gerieten sie todmüde vor eine Waldherberge,

die ganz dem Hexenhaus des Märchens glich. Auf ihr Klopfen zog ein

altes Weib, das einsam dort hauste, nach vielen mißtrauischen Fragen

über ihre Zahl und Körpergröße die Falltür auf und ließ die zwei

jugendlichen Wanderer eintreten. Während sie ihnen beim Schein ihrer

Stallaterne einen herrlichen Pfannkuchen buk, mußten die beiden sich im

Dunkeln behelfen und wurden hernach ohne Umstände in eine unheimliche

Rumpelkammer hinaufgeführt, wo ein großes Bett stand, und dort wieder

im Dunkeln gelassen. Gerade über dem Bett befand sich eine breite

offene Luke, von der man nicht wußte, wohin sie ging: sie konnte

Räubern zum Einlaß dienen. Die Phantasie der beiden war so aufgeregt

von dem sonderbaren Empfang, daß sie mit jeder Möglichkeit rechneten.

Edgar, der unter dem Eindruck des Walthariliedes stand, sagte: Jetzt

sind wir in derselben Lage wie Walther und Hildegund am Wasgenstein.

Wir wollen es machen wie sie und uns in die Nachtwachen teilen,

damit uns kein Feind überrasche. Übernimm du die erste Nachtwache

und wecke mich, wenn es Zeit ist, damit ich die zweite halte. Der

andere versprach’s. Dann umschlangen sie sich kampf- und todbereit und

entschliefen beide auf der Stelle. Als der Morgen mit Vogelgesang und

Tannenduft durchs Fenster sah, erwachten sie ungemordet und rüsteten

sich zum Weitermarsch. Die Hexe labte sie mit köstlicher Milch und

Schwarzbrot. Den Tee, den mein besorgtes Mütterlein ihnen zum Frühstück

mitgegeben hatte, stellte die Alte als Salat zubereitet daneben mit

der verwunderten Bemerkung: Daß ihr schon am frühen Morgen dürres Gras

essen mögt! -- Dann brachen sie auf, erreichten unter großen Strapazen

am anderen Abend Kehl, wo sie nüchtern, wie sie noch vom Morgen her

waren, sich nicht einmal die Zeit ließen, zu rasten und sich zu

stärken, so unaufhaltsam zog sie’s nach Straßburg, der „wunderschönen

Stadt“. Allein beide hatten noch gar nicht gelernt, mit Nutzen zu

reisen, so durchrannten sie nur planlos die Straßen, staunten zum

Münster hinauf, erhielten auf ihr mühsam zusammengeleimtes Französisch

allenthalben zu ihrer Verwunderung deutsche Antworten und trugen von

dem kurzen Besuche nichts davon als das Bedauern, diese urdeutsche

Stadt in fremden Händen zu wissen. In der Dunkelheit kehrten sie über

die lange Rheinbrücke, die jetzt endlos schien, nach Kehl zurück;

der Rheinstrom rauschte dumpf, die Müdigkeit wurde entnervend, jeder

Begegnende, dessen Schritte ihnen im Finstern entgegenhallten, schien

Böses im Schilde zu führen, und der zarte Knabe sagte zu dem starken

Freund: Wenn man nicht ein Mann wäre, könnte man sich fürchten.

Auf dem Heimweg machten sie noch in Renchen Halt und erkundigten sich

im Auftrag unseres Vaters, der sich um jene Zeit wieder mit Studien

zum Simplizissimus beschäftigte, auf dem dortigen Friedhof nach dem

Grabe des Verfassers. Allein der Name Grimmelshausen war dort gänzlich

unbekannt. Sie waren aber trotz der geringen Ausbeute, die sie von

der Reise heimbrachten, doch beide sehr stolz auf die gemachten

Erfahrungen, wenn auch Edgar nach seiner Weise kein Wörtlein davon über

die Lippen brachte und selbst dem Freunde nicht gestattete, alles zu

erzählen. Und unser leichtblütiges Mütterlein sagte befriedigt: Ja,

jetzt habt ihr etwas erlebt, jetzt seid ihr Männer geworden.

Aber gerade auf dieser Reise war den Freunden doch die große innere

Verschiedenheit ihrer Naturen aufgegangen, und Edgar mit seinen oft

aus höchstem Seelenschwung entspringenden Eigenheiten hatte es

dem anderen nicht leicht gemacht. Ernst kleidete aus Hildrizhausen

seine Beschwerden in einen humoristischen Brief, der alle einzelnen

Vorkommnisse der Reise aufzählte und große Heiterkeit erregte. Auch

Freund Hopf, der bald danach aus seinem Pfalzgrafenweiler herüberkam,

half über die Reiseabenteuer lachen. An diesen Besuch knüpft sich

noch eine niedliche Erinnerung. Wir saßen dem Gaste zu Ehren alle bei

einer Flasche Wein in des Vaters Studierzimmer beisammen, was selten

geschah. Da erhob Edgar sein Glas gegen mich und sagte: Tibi, Illo!

-- Was, illo? rief Hopf strafend. Es kann nicht illo heißen, du bist

mir ein sauberer Lateiner. Der treffliche Mann war ein großer Freund

der Jugend, aber bei seiner ausgesprochen pädagogischen Anlage neigte

er sehr zum Bessern und zum Belehren. Dafür hatte ihm Edgar nun eine

kleine Falle gestellt. Der Vater blickte erwartungsvoll auf den Sohn,

dessen Latinität außer allem Zweifel stand. Illo ist kein Latein, sagte

dieser schmunzelnd. So nannte sich meine Schwester, als sie klein war

und ihren Namen noch nicht aussprechen konnte, und bei mir heißt sie

noch heute so. Es war der kindliche Kosename, den er mir gab, wenn er

gut aufgelegt war.

Die einseitige Leidenschaftlichkeit seines Wesens trieb es jetzt

in dem Freundschaftsbund, der sein Glück gewesen war, allmählich

zur Katastrophe. Mißverständnisse, störende Einmischungen Dritter

hatten schon den ersten Glanz getrübt. Er verstand es niemals,

sich seiner Freunde „schonend zu erfreuen“, denn er verlangte eine

Ausschließlichkeit und ein Ineinanderfließen, die nicht von dieser Welt

sind. Wenn das Bild, das er sich von dem andern machte, irgendwo mit

der Wirklichkeit nicht stimmen wollte, so zerriß es ihm das Herz. Bald

fand er sich in dem Freunde nicht mehr zurecht, der sich Menschen und

Dingen anpaßte, wie sie ihm in den Wurf kamen, und das Leben von der

guten Seite nahm. Nun kamen immer mehr Schmerzen und Enttäuschungen.

Ernst ließ sich beikommen, mit zwei älteren norddeutschen Studenten zu

verkehren, bei denen er in der Stammesverschiedenheit seinen geistigen

Gesichtskreis zu erweitern hoffte. Ob nun Eifersucht im Spiele war oder

Edgar gerade jene Persönlichkeiten des Freundes nicht würdig hielt, er

fühlte sich verletzt und forderte, daß Ernst den neuen Umgang aufgebe.

Das konnte dieser nicht gewähren und suchte sich durch gütliches

Zureden und ausweichenden Scherz aus der Klemme zu ziehen. Aber er

machte dadurch das Übel ärger, denn bei Edgar war es bitterer Ernst. Er

kam noch einmal auf sein Zimmer und ersuchte den Freund nachdrücklich,

zwischen ihm und jenen zu wählen. Als dieser erklärte, daß er nicht

wählen könne und wolle, antwortete er verzweiflungsvoll: Dann _hast_ du

gewählt! und ging mit einem vernichtenden Blick aus dem Zimmer.

Es war eine furchtbare Krisis in seinem Jünglingsleben. Obwohl völlig

im Unrecht, glaubte er doch ganz und gar im Rechte zu sein, weil

er sich der größeren Stärke seines Gefühls bewußt war. Der andere

sah nicht, was in dieser tiefernsten, immer aufs höchste gespannten

Seele vorging. Wir aber, die ihn besser kannten, verstanden es und

fürchteten für sein Gleichgewicht. In seinen ekstatisch blickenden und

doch so willensfesten Augen lag damals etwas Wertherisches. Es war

jene kritische Übergangszeit im Leben des begabten Jünglings, bevor

Frauenliebe ihn auf den Erdboden zurückholt. Mama hatte entdeckt, daß

er in einem verschlossenen Kästchen unter allerlei Heiligtümern ein

Fläschchen Morphium bewahrte, über das sie sich heftig ängstigte.

Es diente wohl nur zur Prüfung des Selbsterhaltungstriebs wie jener

Dolch, mit dem Goethe spielte. Ich weiß nicht mehr, auf welche Weise

es mir gelang, den Schrein heimlich zu öffnen; ich goß das Fläschchen

aus und füllte es mit einer ganz gleichgefärbten, aber unschuldigen

Flüssigkeit. Er merkte nichts und hat nie von dem Tausch erfahren. Die

Erschütterung ging auch bald vorüber, aber sie hatte auf sein ganzes

Leben eine Nachwirkung. Er verschloß fortan das Zärtlichkeitsbedürfnis,

dessen er sich schämte, in tiefster Brust und wurde in der Form so

schroff und herb, daß auch seine Angehörigen den Weg nicht mehr so

recht zu seinem Innern fanden. Er wollte fortan keinen Herzensfreund

mehr. Als er dann selber Student wurde, suchte er sich nur solche

Gefährten aus, unter denen er unbedingt herrschen konnte. Und er wählte

seinen Umgang nicht ohne eine gewisse Absicht so, daß es den ehemals

Geliebten verletzen mußte, weil dieser sich sagen durfte, daß er selber

mehr geboten hatte. Und nicht einmal in reifen Mannesjahren fanden sie

mehr den Weg zueinander, obschon sie beiderseits den Versuch einer

Wiederannäherung unternahmen und keiner dafür das Opfer einer weiten

Reise scheute. Die Zeit macht keine Mißverständnisse des Herzens gut;

sie häuft nur Massen darüber auf und verschüttet mit dem Groll auch die

Liebe.

Ich war es, die am meisten von Edgars Anlage zu leiden hatte, seitdem

der Freund nicht mehr als Blitzableiter dazwischen stand. Er verlangte

jetzt unter anderm plötzlich, daß ich nicht mehr tanze, weil der

Gedanke, daß der erste beste mit einer Verbeugung an seine Schwester

herantreten und mit ihr herumwirbeln könne, ihm unerträglich sei. Daß

ich die Sache nicht mit seinen Augen sehen wollte, schmerzte ihn tief,

und nun schrieb er eine Flugschrift gegen das Tanzen, die er drucken

ließ. Als er uns einmal in Niedernau abholen sollte, riß er mir beim

Heraustreten aus dem Ballsaal die Kränze vom Arm und warf sie vom

Brücklein in den Waldbach. Dabei standen ihm die Tränen in den Augen,

daß er mir trotz meines Unmuts leid tat. Aber ich konnte es nicht

hindern, daß wir uns innerlich voneinander entfernten. Ohne daß ich es

wußte und wollte, wurde er, der bisher stets die Hauptperson gewesen,

jetzt durch mich an die zweite Stelle gedrängt. Ich war mit vierzehn

Jahren nahezu ausgewachsen und wurde auch von den reiferen Männern

unseres Kreises für voll genommen, während er als fünfzehnjähriger

Gymnasiast noch kaum beachtet daneben stand. Das alles floß dem

Leichtverletzten zu einem unbestimmten Gefühl von Kränkung zusammen,

und er ging neben der Schwester, die sich ihm halb entwand und ihm

halb von den andern entzogen wurde, mit einer starken, aber heimlich

zürnenden Liebe her, deren Äußerungen alles eher als wohltuend waren.

Aus meinem Jugendland · 第 10 / 19 段