Diese Worte trafen mich wie ein Dolchstoß. Ich war so erschüttert und

beschämt, daß ich nicht antworten konnte. Aber ich sah alles ein.

Nicht mehr von den Tänzern gegrüßt werden! Solcher Schmach durfte

sich freilich Lili um meinetwillen nicht aussetzen! Ich gab mich

jedoch dem Schmerze nicht hin, sondern sann auf Abhilfe, denn Lilis

Umgang zu entbehren war mir unmöglich. Auf dem Speicher, in einem der

eisenbeschlagenen Riesenkoffer aus Urvätertagen, lag von aller Welt

vergessen ein schöner Rock aus schwarzem Wollstoff, den einmal Hedwig

Wilhelmi bei der Abreise nach Granada zurückgelassen hatte. Auf dieses

herrenlose Gewandstück setzte ich meine Hoffnung. Als ich heimlich

hineinschlüpfte, hatte es zwar eine Schleppe von nahezu einer Elle,

stand aber sonst rundum eine Handbreit vom Boden ab, denn um so viel

überragte ich bereits seine rechtmäßige Besitzerin. Allein ich hatte

schon mit kundigem Auge eine ausgebogte Sammetblende wahrgenommen,

die den unteren Rand verzierte und sich, falsch aufgesetzt, als

Verlängerung verwerten ließ. In derartigen Fertigkeiten war ich von

klein auf bewandert: Nähen, Zuschneiden, Häkeln, Stricken, alles,

was anderen kleinen Mädchen zu ihrer Pein auferlegt wurde, hatte für

mich den Reiz der verbotenen Frucht. Ich verbarg mich also mit Nadel

und Schere auf dem Speicher und arbeitete stundenlang voll Eifer und

Pünktlichkeit, bis der Rock meiner Länge angepaßt war. Dann warf ich

ihn alsbald über und stolzierte mit der gewaltigen Schleppe, die ich

noch mitverlängert hatte, durch Gang und Wohnräume. Ich machte mich

auf einen häuslichen Sturm gefaßt, aber niemand schien die Verwandlung

zu sehen. Mama lebte in den kargen Stunden, die sie der Pflege der

Kinder und dem Ärger über die Bismarcksche Politik entziehen konnte,

mit den Platonischen Ideen und kümmerte sich nicht um die Länge meiner

Röcke. Dem guten Vater war alles, was sein Töchterchen tat, wohlgetan,

und selbst die tadelsüchtigen Brüder, sonst meine strengsten Richter,

schwiegen mäuschenstille, weil sie ahnten, daß es Lili zuliebe geschah;

die Hexe spukte auch ihnen in den Köpfen. So hatte ich durch einen

kühnen Handstreich die Kluft der Jahre zwischen uns ausgefüllt. Wir

gingen wieder Arm in Arm in den Alleen, ich hatte sogar durch den

Schlepprock etwas vor Lili voraus; die gelben Mützen flogen vor uns

beiden in die Höhe, und die schöne Welt war wieder im Gleichgewicht.

Ohne Übergang war ich aus den kurzen Kinderröcken ins Schleppkleid

gefahren, und ebenso unbedenklich ließ ich nun auch mein Kinderland

hinter mir, um immer weiter in das neue Leben hineinzuschreiten. Die

Röcke blieben lang, wenn auch künftig ohne Schleppe. Und welch eine

Ehre! Auf der Schlittschuhbahn ließ ein fremder Student sich mir

vorstellen, nannte mich Fräulein, schnallte mir die Schlittschuhe an

und führte mich! Abgefallen war alles, was mir sonst den Verkehr mit

Menschen erschwert hatte: meine Fremdheit und Scheu, der Widerwille vor

dem „Sie“, ich hatte nur die eine Sorge, es den Menschen zu verbergen,

daß ich nach Leib und Seele noch ein Kind war, damit sich Lili meiner

nicht zu schämen habe.

Seit jener ersten Begegnung mit dem Frater Corpus vor dem Wandspiegel

in Obereßlingen hatte ich nicht wieder über mein Äußeres nachgedacht.

In Tübingen hing der Spiegel so hoch über dem Kanapee, daß ich mich

nicht darin sehen konnte. Eines Tages stieg ich nun wegen einer

aufgeschnappten schmeichelhaften Bemerkung hinauf und streckte mich,

um einen neugierigen Blick in das Glas zu werfen. Da sah ich, daß das

blasse, geisterhafte Kindergesicht verschwunden war, die Augen traten

nicht mehr als eine Gewalt für sich heraus, die Züge begannen sich

gefälliger zusammenzufügen, und es dünkte mir, daß ein heiterer Schein

davon ausginge. Von da an hüpfte ich des öfteren vom Kanapee in die

Höhe und beobachtete die allmähliche Verwandlung noch unpersönlich wie

das Wachstum meines Rosen- oder Myrtenstöckchens. Ich fühlte keinen

metaphysischen Schauder mehr, der Weggenosse wurde mir etwas Liebes,

Vertrautes, das mein Wesen rein zum Ausdruck brachte, und verwuchs

allmählich mit dem unsichtbaren Schmetterling zu einem einzigen Ich.

Mit Riesenschritten ging es jetzt in die Verweltlichung hinein. Auf

die Freuden der Schlittschuhbahn folgten die der Tanzstunde, die mit

Menuettverbeugungen und dem Auswärtsdrehen der Füße mittels Schienen

begannen. Da mir aber Lili schon die ersten Tanzschritte beigebracht

hatte, wurde ich bald in die höheren Grade aufgenommen und durfte

nun selber mit den Obergymnasisten durch den Saal wirbeln. Der Geist

Lilis schwebte immer mit, auch als sie Tübingen schon verlassen hatte,

und gab der nicht allzu stilgerechten Veranstaltung Anmut und Weihe.

In einem Nebenbau der Alten Aula, zu dem man von der Münzgasse auf

steinernen Stufen hinunterstieg, befand sich ein völlig schmuckloser

Saal mit grob gehobeltem Fußboden, worin die Tanzstunde abgehalten

wurde; das Stimmen der Geigen kündigte sie von weitem an. Diese

quietschenden, unschönen Töne hatten nichtsdestoweniger für das junge

Ohr einen zauberischen Wohllaut, der das Herz schneller schlagen

machte. Die sehr jugendlichen „Herren“, die auf der einen Seite des

Saales beisammen standen, holten sich mit der eben eingelernten

Verbeugung die „Damen“ aus der anderen, und nun galt es im Gedränge

der Paare sich ohne Anstoß um die Säulen winden. Zuweilen ließen

sich auch die Füchse der eleganten Studentenkorporationen zu dem

Lämmerhüpfen herbei; es war aber eine zweifelhafte Ehre, da diese

Herren augenscheinlich an uns Allzujungen die Artigkeiten einübten, die

sie hernach auf den Museumsbällen den reiferen Jahrgängen zu erweisen

hatten.

Lili war unterdessen von ihrer Mutter zurückgeholt worden, aber

ihr Einfluß dauerte fort. Auch erschien sie in kürzeren Abständen

immer wieder in Tübingen und verdrehte bei ihrem jedesmaligen

Aufenthalt viele junge Köpfe. Ihre Mutter wünschte, daß sie sich früh

verheirate, deshalb verlobte sie sich fünfzehnjährig zum erstenmal

mit einem jungen Mann, den sie in unserem Hause kennenlernte. Die

uns befreundete Familie empfing die reizende Braut mit offenen

Armen. Aber ihr Herz hatte nicht mitgesprochen, und bald danach trat

sie den Schwankendgewordenen, dem eine etwas ältere Freundin ein

leidenschaftliches Gefühl entgegenbrachte, bereitwillig an diese ab. Es

war kein Opfer, aber doch für sie bezeichnend, denn bei ihrer großen

Güte und Nachgiebigkeit wäre sie auch imstande gewesen, auf einen

geliebten Mann um einer anderen willen zu verzichten. Das Obergymnasium

war ihr jetzt keine Merkwürdigkeit mehr, wohl aber seine ehemaligen

Zöglinge, die man auf den Studentenbällen wiederfand. Sie hatte sich

ein Verzeichnis ihrer Verehrer angelegt, in dem sie fleißig blätterte,

um keinen zu vergessen. Je nach dem Rang, den der eine oder der andere

vorübergehend in ihrem Herzen einnahm, wurden durch Versetzen der

Namen die Plätze gewechselt, so daß sich ihr kleines Taschenbüchlein

mit den Aufzeichnungen in beständiger Wandlung befand. Nach jedem

Tanzvergnügen ging wieder eine Verschiebung vor sich, aus der sie mir

kein Hehl machte. Ihre kleinen Koketterien waren voll Unbewußtheit,

ohne eine Spur von Berechnung. Ihr gefiel ausnahmslos das ganze

männliche Geschlecht, und sie konnte es nicht begreifen, daß ich mir

schon damals die jungen Ritter sehr genau zu beschauen pflegte. Einem

so liebenswerten Geschlecht wieder zu gefallen, war ihr angeborenes,

innigstes Bestreben, und wem hätte Lili nicht gefallen sollen? Wie

die Ottilie der Wahlverwandtschaften mußte man sie eigens darauf

aufmerksam machen, daß es für ein junges Mädchen nicht schicklich sei,

jungen Männern einen fallengelassenen Gegenstand aufzuheben, denn

ihre unschuldige Verehrung für das stärkere Geschlecht trieb sie in

solchen Fällen, sich eiligst zu bücken oder gar einer weggewirbelten

Studentenmütze voll Eifer nachzuspringen, Dinge, die damals bei der

viel strengeren Etikette zwischen den Geschlechtern weit mehr auffielen

als heute, und die meine Eltern ihr sorgsam abgewöhnten, damit nicht

irgendein Frechling die harmlose Zuvorkommenheit des jungen Mädchens

mißdeute.

Mir bezeigte sie ihre Gegenliebe auf eine besondere Art, indem sie sich

der Stilisierung meines Äußeren bemächtigte. Die armdicken Flechten,

die ich damals noch einfach niederhängend oder mehrfach um den Kopf

geschlungen trug, waren ihr zu kindlich; sie selber ordnete ihr schönes

Haar zu modischen Phantasiegebäuden. Die gleiche Arbeit nahm sie

jetzt mit dem meinigen vor, indem sie bald „gesteckte Locken“, von

ährenartig geflochtenen sogenannten Kornzöpfen umrahmt, auf meinem

Scheitel auftürmte, bald mein Haar in griechische Knoten wand oder

gar neben einer steifen Turmfrisur rechts und links die modischen

„Schmachtlocken“ zurechtdrechselte. Lauter prächtige, aber für mein

Lebensalter zum mindesten stark verfrühte Dinge. Niemand wehrte der

Torheit. Mein Mütterlein, das niemals älter war als ich, ließ uns

beide völlig gewähren und hatte ihre helle Freude an den mit mir

vorgenommen Verwandlungskünsten. Mein Vater schüttelte zwar den Kopf,

aber sein Einspruch beschränkte sich auf die Bemerkung, wie er sein

Kind kenne, werde sie das alles künftig einfacher halten. Es versteht

sich, daß auch mein Anzug unter Lilis Einfluß geriet. Bisher war ich

gekleidet wie die Lilien auf dem Felde. Mein sparsames Mütterlein,

das noch in den ersten Tübinger Jahren die Knabenkleider alle selbst

verfertigte, hatte für Mädchensachen gar kein Geschick, und das war mir

lange Zeit zugute gekommen. Denn ihre Jugendfreundinnen ließen sich’s

nicht nehmen, jahraus, jahrein für ihr Töchterlein tätig zu sein. Da

kam immer von Zeit zu Zeit irgendein Pack mit den schönsten Dingen

für mich an, wie handgestickten russischen Hemden, goldverschnürten

Tuchspenzerchen und anderen Prunkstücken, die jedesmal großen Jubel

erregten. Wie ich nun der Kindheit entwuchs, wurden diese Sendungen

allmählich seltener, und was zu Hause ergänzt werden mußte, konnte vor

Lilis Augen nicht bestehen. Ich hatte sonach keine Wahl, als die eigene

Geschicklichkeit auszubilden, die mich mit der Zeit instand setzte,

den Tand, der jungen Mädchen zum Persönlichkeitsgefühl unerläßlich

ist, selber herzustellen. Aber der ungünstig gesinnten Umwelt konnte

ich es nun einmal auf keine Weise recht machen. Meine harmlosen

kleinen Kunstfertigkeiten, die nichts kosteten als ein bißchen Zeit

und Mühe, wurden mir als sträfliche Verschwendung ausgelegt und

genau so verdammt wie mein Heidentum und mein Latein. Um den wahren

Sinn solcher jugendlichen Putzsucht zu begreifen, muß man selbst

in jenen so unendlich einfachen Zeiten gelebt haben. Damals trugen

all die niedlichen Gegenstände, die man sich selbst erfinden und

zusammenstellen mußte, einen ganz persönlichen Stempel, sie gehörten

zu den wenigen Ausdrucksmöglichkeiten der unreifen suchenden Seele und

wurden auch von den Altersgenossen so aufgefaßt. Denn die Jugend sieht

in allen Dingen Symbole. Gesteht doch der strenge Rousseau, daß er in

jungen Jahren nicht den schönsten Mädchen huldigte, sondern denen,

die den meisten Putz und Schmuck besaßen. Als ich mir einmal in einem

bekannten Putzgeschäft unter all den wohlriechenden Gegenständen ein

weißes Frühlingshütchen mit einem taubehangenen Vergißmeinnichtkranz

aussuchen durfte, da ging ich mit einem erhöhten Lenzgefühl umher,

als trüge ich ein Eichendorffsches Frühlingslied auf dem Haupte. Mein

Mütterlein klagte oft, daß ich seit der Freundschaft mit Lili völlig

verdummt sei und nichts mehr im Kopf hätte als Backfischeitelkeiten. Es

war auch wahrlich kein kleiner Sturz: vor kurzem noch auf den höchsten

jambischen Stelzen, mit einer Gracchentragödie und einem Epos über den

Untergang Karthagos beschäftigt und jetzt nur noch mit Schmuck und

Tand. Ich mußte manches Scheltwort der Brüder hören, und als eines

Tages in der Kinderschule, wo unser Jüngster saß, bei den Sprüchen

Salomonis im Kreise herumgefragt wurde: Was ist eitel? hob unser

kleiner Balde als einziger sein Fingerlein und sagte: Meine Schwester!

-- -- --

Wie glänzt jetzt mein Jugendland aus der Tiefe der Zeiten herauf! Als

ich darin wandelte, war es voll von Kampf und Not, von Angst und Pein.

Meine Brüder füllten es zwar mit Reichtum und Leben, aber nicht minder

mit zuckender, immer brodelnder Unruhe. Die beiden Großen vertrugen

sich noch immer nicht, und es sah aus, als ob ihr häuslicher Krieg,

von dem wir andern mitbluteten, einer tiefen inneren Feindseligkeit

entspränge. Am liebsten machten sie den gedeckten Mittagstisch, dem

leider der Vater seiner Arbeit zuliebe fernblieb (er kam überhaupt erst

gegen Abend nach Hause), zum Zeugen ihrer Kämpfe. Kaum war die Suppe

aufgetragen, so begannen die Plänkeleien, dann fiel ein Stichwort und

plötzlich brach der Sturm los. Es war jedesmal wie ein Naturereignis,

gegen das die Vernunft machtlos war. Mama warf sich dazwischen, ich

desgleichen, und am Ende gingen alle Teile mehr oder minder aufgelöst

aus dem Ringen hervor. Wenn die Schlacht auf ihrem Höhepunkt war, so

erschien Josephine mit dem Kochlöffel unter der Tür, das schöne, ernste

Gesicht in tragische Falten gelegt, und sagte mit dumpfem Ton: Jetzt

hat es wieder den höchsten Grad erreicht. -- Aber nie konnte ich sie

bewegen, mir im Sturme beizustehen. Sie erschien mir in ihrer edlen,

schmerzvollen Haltung wie der Chor in der griechischen Tragödie, der

die Geschicke des Königshauses mit seinen Klagen begleitet, ohne jemals

handelnd einzugreifen. Hatten sich die Kämpfer endlich mit dem letzten

grollenden, aber schon nicht mehr ernst gemeinten: Wart, ich soll dich

vor dem Gymnasium treffen! getrennt, so blieben Josephine und ich

zurück, die tieferregte Mutter zu trösten und zu beschwichtigen. Es

war ja an sich gewiß nichts Unerhörtes, daß zwei halbwüchsige Jungen,

denen die Aufsicht des Vaters fehlte, sich in den Haaren lagen. Aber

Mama war selber ohne Brüder aufgewachsen und wußte nicht, daß das

Raufen zum Knabenleben mitgehört, wenn auch sonst nicht gerade das

Eßzimmer der übliche Schauplatz dafür ist. Ich glaube, sie stand mit

ihrer gewaltigen Phantasie im Bann der attischen Tragödie und bildete

sich ein, das thebanische Brüderpaar geboren zu haben. Josephine, statt

ihr die Übertreibungen der Angst auszureden, verfiel selbst darein und

wiederholte nur immer mit Grabesstimme: Oh, es wird schrecklich enden!

Und ich mit meiner nicht minder erregbaren Phantasie sah den tragischen

Ausgang, den beide weissagten, als schon eingetreten an. Hätte mein

Mütterlein damals in die Zukunft blicken können, wieviel qualvolle

Stunden wären ihr, wieviele Angstträume mir erspart geblieben. Sie

hätte nach dem knabenhaften Zwist ihre zwei Feuerbrände die Spitzen

gegeneinander neigen und vereint als eine schöne stille Fackel der

Bruderliebe fortbrennen sehen, wobei die inneren Verschiedenheiten nur

die Neigung nährten. Diese schöne Lösung war leider noch tief im Schoße

der Zukunft verborgen. Und ich grüßte jeden ersten Morgenstrahl mit dem

stillen Seufzer: Wäre nur auch dieser Tag schon glücklich vorüber und

wir wieder alle heil in unseren Betten.

Es lag in den Erziehungsgrundsätzen meiner Mutter ein edler Irrtum, der

auch in der neueren Pädagogik da und dort auftaucht, aber gleichwohl

ein Irrtum ist und bleibt. Sie wollte alles der eigenen Einsicht des

Kindes und dem guten Beispiel überlassen. Aber die Selbstentäußerung,

wie sie sie pflegte, die schweigende, als selbstverständlich geübte

Zurücksetzung des eigenen Ichs wird nur in den seltensten Fällen

unreife Seelen zur Nacheiferung anspornen. Und durch die bloße

Einsicht, wie klar sie bei gutbegabten Kindern sei, werden wilde Jungen

nicht dahin gebracht, die Urgewalt der Triebe, vor allem den Zorn, zu

bändigen, bevor die Hemmungsvorrichtung ausgebildet ist. Hierin hatte

es ihre Erziehung fehlen lassen. Dem Vater aber wurden alle aufregenden

Vorgänge in der Familie nach Kräften verheimlicht. So stemmten sich

die weiblichen Schultern allein und nutzlos gegen das Temperament der

Knaben und ihre Entwicklungsstürme. Eine glückliche Ablenkung brachten

von Zeit zu Zeit die Wohngäste, vor denen die feindlichen Brüder sich

in einer angeborenen Ritterlichkeit zusammennahmen, wie sie auch

öffentlich nie entzweit und hadernd gesehen wurden. Ein weiterer Grund

für mich, jeden Gast mit Freuden zu begrüßen. Ich wollte gern mein

Bett opfern, damit das Sorgengespenst mir eine Zeitlang fernblieb.

Nachträglich muß ich mich wundern, wie doch über all der Not die

Jugendlust mit so breitgestelltem Fittich schwebte. Vielleicht lernte

ich es gerade deshalb so gut, die Freude zu lieben und jede schöne

Stunde als Geschenk zu betrachten, weil nach dem tragischen Empfinden,

das sich mir im untersten Grund der Seele festsetzte, jeder Tag der

letzte sein konnte. Denn eine stille Angst ließ mich niemals los. Der

Bruderkrieg war nicht der einzige Anlaß. Die wiederkehrenden Anfälle

von Gelenkrheumatismus, die unsern Jüngsten in ihren Folgen zum frühen

Tode führen sollten, waren in ihrer Schwere damals noch nicht erkannt,

aber die Muttersorge lief der ärztlichen Prognose weit voraus, und die

Leidenschaft, mit der sie an ihren Kindern hing, ließ für den Fall,

daß ihr eines entrissen würde, das Schlimmste fürchten. Ohnehin redete

sie immer mit mir von ihrem Tode, denn schon in jungen Jahren glaubte

sie nunmehr so alt zu sein, daß es Anmaßung wäre, noch auf ein viel

längeres Leben zählen zu wollen. Darum hatte mir die Vorstellung von

dem schaurigen Frost, der die Herzen der Waisenkinder umgibt, schon

die frühen Kinderjahre verdüstert. Am Vorabend ihres vierzigsten

Geburtstags, der ihr als die Schwelle des Greisenalters erschien,

schrieb sie einen Abschiedsbrief an ihre Kinder, dessen Anfang ich

über ihre Schulter las und der mir fortan in alle Jugendfreuden einen

tiefen Schatten warf. Ich glaubte nun gleichfalls, daß man mit vierzig

nicht mehr lange leben könne. Sie verbarg ihn im Doppelboden ihrer

Schatulle, aber von dem schwarzen Faden, womit er gebunden war, hing

ein Endchen heraus, und danach mußte ich immer blinzeln, wenn ich

vorüberging. So feurig sie das Leben liebte, so bereit war sie, jeden

Augenblick ins Unbekannte zu gehen, mit dem ihr Geist sich stets

beschäftigte. Und an allem, was in ihr vorging, hatte ich von klein

auf mein Teil. Dabei ahnte sie gar nicht, was ich Grausames litt. Ich

befand mich ja in einem Lebensalter, wo die Seelenkräfte noch viel

schlafen sollten, um sich nicht vor der Zeit zu verzehren. Sie aber

hielt mich seltsamerweise für unempfindlich, weil ich unter all den

hemmungslosen Geistern frühe dazu gekommen war, mir Zwang anzutun,

um das Zünglein der Waage sein zu können. Auch hatte ich allmählich

begonnen, mich leise von ihrer Gedankenwelt, die bisher eine gemeinsame

gewesen war, abzulösen. Es schien mir, als ob ihre Ansichten, die sie

so feurig aussprach, mit der Welt, wie ich sie sah, nicht ganz stimmen

wollten. So einfach waren die Dinge doch wohl nicht, daß es genügte,

zu dieser oder jener Partei zu gehören, um ein Engel oder das gerade

Gegenteil zu sein. Auch das mit den Preußen konnte ich nicht mehr so

recht glauben, besonders nachdem es 1866 vor meinen Augen so glimpflich

abgelaufen war. Vielleicht steckten auch nicht in jedem Liebespaar,

dem der elterliche Segen fehlte, ein Romeo und eine Julia, für die man

unbedingt einstehen mußte. Je älter ich wurde, desto mehr breitete

sich nun der Widerspruch aus und griff allmählich in alle Gebiete des

Lebens über; es hieß aber behutsam sein, denn ihr Temperament war

unberechenbar. Das beste war, sie zum Lachen zu bringen. Wenn sie

zornig oder aufgeregt wurde, so drehte sie sich blitzschnell um sich

selber mit einer ganz südlichen Gebärdensprache, die ich neckend ihren

Kriegstanz nannte. Über einen solchen Scherz konnte sie plötzlich

hellauf lachen, dann war der Zorn verflogen. Sie lachte ja so gerne,

und am liebsten über sich selbst. Nie werde ich wieder ein sonnigeres,

sorgloseres Kinderlachen hören.

Auf ihr Wesen hatte bisher noch nie ein Mensch wirklichen Einfluß

gehabt, auch mein Vater nicht. Sie liebte ihn mit einer Liebe, die

Anbetung und Gottesdienst war. Sie stützte den Ringenden und ersetzte

dem Unverstandenen die gläubige Gemeinde. Diese tragende Kraft mußte

für den um dreizehn Jahre älteren Mann von unschätzbarem Werte sein.

Ich habe mich oft gefragt, wie es wohl gegangen wäre mit einer biederen

schwäbischen Hausfrau bürgerlichen Schlages, die ihm wohl seine

Wirtschaft peinlich genau geführt, ihm aber dafür mit Lebenssorgen in

den Ohren gelegen hätte. Meine Mutter hielt die irdischen Nöte von

vornherein für unzertrennlich vom Dichterlos und war stolz darauf,

sie mit ihm zu teilen. Sie vermittelte den Kindern die Geisteswelt

des schweigsam gewordenen Vaters und erzog uns so zur Verehrung für

ihn, daß selbst der wilde Alfred in seiner Gegenwart lammfromm war.

Aber in ihren Meinungen und Grundsätzen ließ sie sich auch durch

ihn nicht beeinflussen. Er war zu reif, zu ausgeglichen, um auf die

Immerwerdende, Nichtfertigwerdende zu wirken. Bei seiner Neigung, jeder

Persönlichkeit ihre Art zu lassen, hat er wohl auch nie ernsthaft

versucht, den Sinn für die Abstufungen in ihr zu wecken. Diese Aufgabe

fiel einem viel jüngeren, aus ihr selbst geborenen Wesen zu, das sich

an ihr und häufig gegen sie entwickelte und an dessen Entwicklung sie

selber weiterwuchs. Ihr beizubringen, daß es zwischen Schwarz und Weiß

unendliche Zwischentöne gibt, daß nicht jede Erkenntnis in jeder Seele

gute Früchte trägt, daß auch der besten Sache mit Schweigen zuweilen

besser gedient ist als mit Reden, solcherlei Ausgleichspolitik

beschäftigte meinen Kopf schon in einem Alter, wo andere noch mit der

Puppe spielen. So oft das häusliche Gleichgewicht schwankte, mußte ich

es einrenken. Und oft genug, wenn ich glaubte, recht geschickt eine

Klippe umsteuert zu haben, warf noch im letzten Augenblick ihr Ungestüm

meine ganze Berechnung um. Welch ein täglich erneutes Ringen, wieviel

Mißverständnisse und beiderseitiges Herzweh! Über mich ergossen sich

alle Gewitter ihres stürmischen Naturells. Je mehr Leid uns daraus

erwuchs, desto zärtlicher hingen wir zusammen. Aber oft empfand ich es

als eine besondere Härte des Schicksals, daß gerade ich berufen sein

sollte, nur immer Dämme aufzurichten, Grenzen zu ziehen, Vernunft zu

predigen, da doch Lebensalter und eigene Anlage mir nach meiner Meinung

vielmehr das Recht gegeben hätten, selber die Unvernünftige zu sein.

Ein Nothelfer.

Russische Freunde.

Unterdessen feierte auch Edgar seine vita nuova in einem

Freundschaftsverhältnis, das etwas von der Überschwenglichkeit einer

ersten Liebe an sich hatte.

In seiner Klasse, aber in einer höheren Abteilung, saß ein älterer

Mitschüler, Ernst Mohl, ein Pfarrerssohn aus Hildrizhausen, der den

zuerst ergriffenen Kaufmannsberuf gegen den Wunsch seiner Eltern

mit den Gymnasialstudien vertauscht hatte und so unter den jüngeren

Jahrgang geraten war. Diesem schloß sich Edgar mit seinem ganzen Feuer

an. Sie tauschten ihre literarischen und philosophischen Ansichten aus,

teilten sich gegenseitig ihre Gedichte mit, und der einfach erzogene

Pfarrerssohn, der bis dahin still vor sich hin gelebt und nur mit den

frömmsten Familien verkehrt hatte, sah sich plötzlich in einen Wirbel

geistiger Anregung hineingezogen. Auch ich wurde schon in den ersten

Tagen in den neuen Bund eingeschlossen. Denn als die beiden einmal

zusammen durch die Alleen schlenderten, begegnete ihnen ein Trupp

Kameraden, die einen Armvoll Rosen in einem Garten gebrochen hatten,

und man kam überein, die schönen Blumen einem Mädchen zu schicken.

Aber wem? -- Edgars Schwester, entschied Mohl. Er hatte schon vor

der Bekanntschaft mit dem Bruder eines Tages ein blondes Mägdlein

leichtfüßig über die Straße hüpfen sehen und war durch eine Tochter

Philistäas belehrt worden, daß dies das Kurzsche Heidenkind sei. Und

alsbald hatte er in seiner Seele für das Heidenkind und gegen Philistäa

Partei genommen. Die Kameraden stimmten zu, und er wurde beauftragt,

eine Widmung im Namen aller zu schreiben. Er zog sich zurück und

schmiedete alsbald ein formgerechtes, jugendlich überschwengliches

Sonett, in dem er jedoch der Kameraden nicht gedachte, sondern nur

seine eigene Sache vortrug. Blumen und Verse überbrachte mir Edgar. Ich

fühlte mich durch die gereimte Huldigung sehr gehoben; eine solche war

bis jetzt nicht einmal Lili zuteil geworden. Die Verse waren für mich,

was für den Knappen der Ritterschlag.

Aus meinem Jugendland · 第 9 / 19 段