allmählich aus sich selbst ein heilsames Gegengift erzeugt: ich
begann selber zu schreiben, was die Ängste wundersam beschwichtigte.
Der derbe, volkstümliche Stil des Faustschen Puppenspiels hatte
mir’s angetan und drängte mich, ein Drama in der gleichen Stilart
zu verfassen. Ich wählte mir einen Helden aus der vaterländischen
Geschichte, Herzog Ulrich von Württemberg, nicht als hochherzigen
Verbannten, wie ihn Hauff verherrlicht hat, sondern vor seinem Sturz
in der Tyrannenlaune. Woher ich das geschichtliche Rüstzeug erhielt,
weiß ich nicht mehr, vermutlich beschaffte es der gute Papa aus der
ihm unterstellten Universitätsbibliothek. Ulrichs Ehezwist mit der
zungenschnellen Sabine von Bayern und die Liebe zu der schönen, sanften
Ursula Thumbin, der Gemahlin seines Stallmeisters Hans von Hutten,
gab die Fabel des Stückes ab. Daß ein später Nachfahr des Thumbschen
Geschlechtes, der Baron Alfred Thumb, ein Jugendfreund und ehemaliger
Verehrer meiner Mutter, nach dem mein Bruder Alfred benannt war, uns
häufig besuchte und uns auf sein Schlößchen in Unterboihingen einlud,
hatte auf meine Muse begeisternd miteingewirkt. Natürlich durfte der
von der Fama umhergetragene Fußfall des stolzen Herzogs vor seinem
Vasallen, den er vergeblich mit ausgebreiteten Armen anflehte, zu
gestatten, „daß er seine eheliche Hausfrau liebhaben möge, denn er
könn’ und wöll’ und mög’s nit lassen“, in meinem Stück nicht fehlen.
Ich ließ sogar in meiner Einfalt den Landesvater einen Frauentausch
vorschlagen, der von dem Hutten mit Hohn zurückgewiesen wird.
Und da nun dieser, nachdem er den kitzligen Vorgang stadtkundig
gemacht, so unvorsichtig ist, dem tiefgekränkten Gebieter ungewappnet
zur Jagd im Schönbuch zu folgen, überfällt und erschlägt ihn der
Furchtbare im einsamen Forst und hängt höchsteigenhändig den Toten
an eine Eiche, wie in der Geschichte Württembergs mit kleinen
Abweichungen zu lesen. Am Schluß mußte noch Ulrich von Hutten als
Vetter des Erschlagenen und als Genius einer neuen Zeit auftreten und
dem Despoten seinen feierlichen Bannfluch zuschleudern: Tu Suevici
nominis macula! usw., was sich in dem Humanistenlatein sehr stilgemäß
ausnahm. Die Handlung ging Schlag auf Schlag und war durch eine
ungemein drastische Sprache noch mehr belebt; Herzog und Stallmeister
bewarfen sich mit Hohnreden wie die homerischen Helden. So kam es, daß
das Stück bei den sonst sehr kritischen Brüdern eine günstige Aufnahme
fand, und da man in den Weihnachtsferien war, wo sie Zeit hatten, sich
mit meiner Muse zu beschäftigen, wurde beschlossen, es aufzuführen. Die
gute Fina beschaffte einen Vorhang, durch den man einen Bühnenraum vom
Wohnzimmer abteilen konnte, der Weihnachtsbaum mußte symbolisch den
ganzen Schönbuch vorstellen und war zugleich bestimmt, als Eiche den
gehenkten Ritter zu tragen. Damit es nicht an einem Waldhintergrund
fehle, malte ich noch mit grüner Farbe einen Laubbaum von unbekannter
Familienzugehörigkeit auf die Rückwand unseres Kleiderschranks. Es
waren köstliche Tage der gespanntesten Erwartung. Aber schon bei der
Probe ereignete sich ein störender Zwischenfall. Edgar hatte den Herzog
übernommen, ich spielte den gehenkten Ritter, und in der ersten
Szene ging alles leidlich, als aber der bewußte Fußfall an die Reihe
kommen sollte, weigerte sich der Darsteller des Ulrich und fand die
vorgeschriebene Handlung unter seiner Würde. Wer ihn damals kannte,
den seltsamen, jedem Gefühlsausdruck widerstrebenden, gänzlich spröden
Knaben, der mußte einsehen, daß er nicht zum Schauspieler geboren war
und daß man ihm nicht zumuten durfte, vor der Schwester zu knien, auch
nicht, wenn sie in Rittertracht steckte. Merkwürdig war nur, daß er
sich nicht schon beim Lesen verwahrt hatte. Leider war die Verfasserin
dieser Einsicht noch nicht fähig; vom Feuer ihrer Schmiede glühend
wollte sie die Änderungen, die er vorschlug, nicht zugestehen, sie
schienen ihr nicht nur gegen die geschichtliche Echtheit, sondern
auch gegen die Psychologie zu streiten, denn wenn der Herzog keinen
Fußfall getan hatte, so brauchte er auch keine Selbsterniedrigung an
dem Vasallen zu rächen, dieser konnte keinen Vertrauensbruch begangen
haben und damit fiel zugleich sein verhängnisvoller Leichtsinn weg, dem
beleidigten Herrn allein ins Gehölze zu folgen. Da ich nicht nachgeben
zu können glaubte, bat er sich aus, wenigstens jetzt in der Probe
verschont zu bleiben; hernach bei der Aufführung wolle er schon alles
recht machen.
Der große Tag kam heran, vor dem Vorhang saßen erwartungsvoll die
Zuhörer, darunter mit bedenklicher Miene sogar das sonst bei unseren
Spielen selten anwesende Familienhaupt, augenscheinlich mit einer
bangen Ahnung kämpfend. Nicht ohne Grund, denn als der Vorhang aufgehen
sollte, erhob sich hinter der Szene ein Wortwechsel, der nicht zum
Stück gehörte und der bald in Weinen und Schluchzen überging. Edgar
hatte mir nämlich vor dem Heraustreten zugeflüstert: Daß du’s weißt,
ich tue den Fußfall doch nicht. Ich war in Verzweiflung; ich flehte ihn
an, mein Stück nicht durch seine Halsstarrigkeit zu Fall zu bringen,
ich wollte ja gern zehn Fußfälle vor ihm tun für diesen einen; umsonst,
er blieb bei seiner Weigerung. Die Aufführung mußte abgesagt werden;
die Kulissen wurden weggeräumt, und die Eltern hatten alle Mühe, zwei
fassungslose Kinder zu trösten, indem der Vater sein schluchzendes
Töchterlein, die Mutter den tief erschütterten Sohn in die Arme nahm.
Aber die tragische Muse, die nun einmal herabgestiegen war, ließ sich
so leicht nicht wieder verscheuchen, sie nahm vielmehr einen höheren
Schwung, indem sie die Prosarede und den Stil des Kasperltheaters
aufgab, um sich den klassischen Stoffen und dem heroischen Jambus
zuzuwenden. Zunächst machte ich Mama die Freude, Voltaires „Merope“,
die ihr unter seinen Dramen am besten gefiel, zu ihrem Geburtstag in
deutsche Blankverse zu übersetzen. Als ich mit der Arbeit fertig war,
gab mir die dabei erworbene metrische Gelenkigkeit die Lust zu einem
eigenen Versuche ein, denn warum sollte immer Mr. de Voltaire zwischen
mir und meinen Helden stehen? Dem ersten Messenischen Krieg, der gerade
in der Geschichtsstunde an der Reihe war, entnahm ich meinen Stoff: Die
Tochter des Aristodemus. Freilich ein etwas heikler Gegenstand für ein
zwölfjähriges Mädchen. Aber ich führte das Stück durch alle fünf Akte
hindurch glücklich zum Schluß, wobei ich über den verfänglichen Punkt
glatt hinwegkam, vermutlich hatte ich ihn selber nicht ganz verstanden.
Mama, die ich zur Vertrauten machte, jubelte über diese Leistung.
Mein messenischer Patriotismus und der gegen Sparta gerichtete
Groll, in dem sie so etwas wie eine antipreußische Spitze zu fühlen
glaubte, entzückten sie. Aber nun war es mit meinem Seelenfrieden
vorbei. Temperamentvoll, wie sie in allem war, bemächtigte sie sich
meines Schatzes und ließ ihn von Hand zu Hand gehen, ohne nach
meiner Empfindung zu fragen. Ich besaß keine verschließbare Lade,
in die ich ihn hätte retten können, wie der glücklichere Edgar,
an dessen heimlich geschmiedeten Versen sich niemand vergriff. Es
ging mir mit der Tragödie wie mit den Gedichten. In welche Schublade
ich das Heft verstecken mochte, es wurde immer wieder ausgegraben,
und der geschmeichelte Mutterstolz, die Neckereien der Brüder, die
neugierigen Fragen fremder Besucher schufen mir mein eigenes Machwerk
zum Plagedämon um. Denn ob Lob oder Tadel, man konnte mich nicht
tiefer kränken, als indem man überhaupt von seinem Dasein wußte. Und
keine Seele betrat das Haus, die nicht davon erfuhr. Ich stand wie
in einem Regenguß, der mich bis auf die Haut durchnäßte. Es gab dann
Tränen und Vorwürfe, die nicht das geringste fruchteten. Nur der Vater
verstand mich, er fuhr mir lächelnd mit der Hand über die Stirn und
sagte nichts; wie war ich ihm für sein Zartgefühl dankbar! Noch nach
Jahresfrist -- man weiß, was die Länge eines Kinderjahres besagen will
-- war die unglückliche Messenierin nicht vergessen. Ich erinnere
mich eines Vormittags, wo ein fremdes Ehepaar nach meinen Eltern
fragte. Gleich darauf kam mein Mütterlein hergeflogen (ihr Gehen war
immer wie ein Fliegen) und rief triumphierend zur Tür herein: Moritz
Hartmann ist da! Wir hatten diesen Namen oft von ihr gehört als den
eines Dichters und Freiheitsmannes, dem sie in ihrem Herzen einen
Altar errichtet hatte. Die Reimchronik des Pfaffen Maurizius führte
sie häufig im Munde. Auch von der sprichwörtlichen Liebenswürdigkeit
des österreichischen Poeten war schon die Rede gewesen. Alle teilten
ihre Freude, daß er so unerwartet nach Tübingen gekommen war. Nur mir
mit meiner griechischen Tragödie auf dem Gewissen schwante Arges.
Und richtig war noch keine Viertelstunde vergangen, so wurde ich ins
Besuchszimmer gerufen. Da stand der berühmte Gast schon im Aufbruch
vor dem Kanapee, ein Mann von wenig ansehnlichem Wuchs -- an der
Seite meines hochgewachsenen Vaters erschien er fast klein --, aber
gutgeschnittenem Gesicht mit schwarzem Bart und Haar; neben ihm eine
lächelnde Frau, deren Erscheinung einen Eindruck von stiller Harmonie
und Güte hinterließ. Und richtig galt sein erstes Begrüßungswort meinem
Trauerspiel. Er hatte aber nichts von der schulmeisterlichen oder
ironischen Überlegenheit, mit der sonst Erwachsene in solchen Fällen
Kinder behandeln; nur ein ganz kleiner Schalk ging durch seine Miene,
als er fragte:
Was ist denn der Titel des Stücks? Darf ich raten? Es heißt gewiß: Der
gemordete Backfisch.
Mein Mütterlein, das die Antwort nie abwarten konnte, rief schnell
dazwischen: Es heißt „Die Tochter des Aristodemus“.
Da ging ein liebenswürdiges Lächeln über das Gesicht des Dichters, daß
ich mit einem Ruck um Jahre gescheiter ward und ohne allen Unmut sagen
konnte: Sie haben es getroffen, es ist wirklich der gemordete Backfisch.
Dagegen griff es meiner Mutter ans Herz, daß ihr Parteifreund Ludwig
Pfau mir beim Lesen meiner Versuche kopfschüttelnd das Schicksal
der Wunderkinder prophezeite, die ihre verfrühten tauben Blüten mit
lebenslänglicher Unfruchtbarkeit büßen. Er war wohl der einzige
Mensch, der meine Mutter auf die Gefahr aufmerksam machte, in der sich
die Kinder des Genies befinden, wenn sie gleichsam im Mitbesitz der
väterlichen Gaben aufwachsen und ihnen von Eltern und nachsichtigen
Hausfreunden eine Anerkennung vorgeschossen wird, die sie hernach
nicht aus eigener Kraft abverdienen können. Solche psychologisch
wohlbegründeten Bedenken taten ihr weh und wollten ja auch wirklich
auf unser Haus nicht passen, wo die erste Voraussetzung dazu fehlte:
der väterliche Erfolg, die weiche Luft äußerer Ehren und Vorteile,
worin die Ansprüche wachsen und die Selbständigkeit verkümmert. Uns
Kindern war im Gegenteil das Leben außerordentlich schwierig gemacht.
Wir sahen des Vaters Größe unverstanden oder halbvergessen und litten
selbst für die Ideale unserer Eltern, ehe wir diese Ideale verstehen
konnten. Und da nicht nur die äußeren Verhältnisse an uns hämmerten,
sondern sich die Geschwister auch noch gegenseitig diesen Dienst
erwiesen, wurde die mütterliche Verwöhnung reichlich aufgewogen.
Als ich sah, daß meine Heimlichkeiten immer aufs neue entweiht wurden,
beschloß ich aus Zorn und Gram, die Eingebungen, die mir kamen,
künftig lieber gar nicht mehr aufzuschreiben, und nun versiegten sie
allmählich ganz. Ich war’s zufrieden, denn ich hoffte, durch dieses
Opfer mit dem Leben besser in Einklang zu kommen. _Eine_ Vorstellung
wirkte dabei besonders mit: Mamas Jugendgenosse Alfred von Thumb sagte
mir zuweilen, wenn er von seinem Unterboihingen herüberkam, warnend:
Nur kein Blaustrumpf werden! Ich stellte mir darunter ein unschönes,
körperlich vernachlässigtes und geistig verdrehtes Wesen mit kurzem
Haar und Brille vor und bäumte mich gegen den Gedanken auf, eine
ebensolche Vogelscheuche werden zu sollen. Das „Wunderkind“ machte also
die übereilten Erwartungen wie auch Besorgnisse zuschanden, denn der
verfrühte Trieb, der noch gar keinen Lebensstoff zum Gestalten hatte,
legte sich zu einem langen Gesundheitsschlaf nieder und ließ sich durch
keine mütterliche Ungeduld mehr aufrütteln.
Vorfrühling.
Noch in meinem elften Jahre war eine Gestalt in unseren Familienkreis
getreten, durch die allmählich mein inneres Leben ganz umgeschaltet
wurde und die am meisten dazu beitrug, daß die treibhausartige
geistige Entwicklung zum Stillstand kam. Eines Tages erschienen da
zwei unangemeldete Gäste, Mutter und Tochter, aus Mainz. Die hübsche,
sehr lebenslustige Mutter, eine Freundin der meinigen, stand im
Begriff zu Frau Wilhelmi nach Spanien zu reisen; ihr Töchterlein Lili
sollte unterdessen im Schutze meiner Eltern in Tübingen bleiben und
an meinem Unterricht teilnehmen. Lili war zwei Jahre älter als ich,
nicht größer, aber viel entwickelter, und trug auch schon halblange
Kleider, während die meinen nur bis an die Knie gingen. Sie war
ebenso wie ihre Mutter mit Geschmack und einer gewissen Koketterie
gekleidet, und die leichte rheinische Mundart stand ihr allerliebst.
Beim ersten Eintritt war sie, aus einer stillen, zierlichen
Damenwohnung kommend, ein wenig bestürzt über den wilden Umtrieb in
unserem Hause und zerdrückte, wie sie mir später gestand, heimlich ein
paar Tränen. Aber sie wußte sich taktvoll zu schicken. Ihr munteres
Mainzer Naturell fand schnell den rechten Ton, und als man uns beide
nach dem Nachtessen zu Bette schickte, war schon eine Freundschaft
fürs Leben geschlossen, deren Herzlichkeit niemals im Lauf der Jahre
durch einen Hauch getrübt werden sollte. Es ist etwas Eigenes und
Heiliges um solche Jugendfreundschaften, auch wenn sie gar nicht auf
der Grundlage des geistigen Verstehens aufgebaut sind. Wären wir uns
zehn Jahre später zum erstenmal begegnet, so hätten wir schwerlich eine
Brücke zueinander gefunden, aber jenes empfängliche Alter vermag auch
das Ungleichartigste aufzunehmen und festzuhalten, ja dies ist ihm
recht eigentlich zur Erweiterung des Gesichtskreises ein Bedürfnis.
Solche Jugendfreundschaften nehmen mit den Jahren ganz das Wesen der
Blutverwandtschaft an: man fährt fort sich zu lieben und fragt nicht
nach den abweichenden Lebensanschauungen, die bei neuen Bekanntschaften
ein so großes Hindernis bilden.
Der junge Gast teilte für diese Nacht mein Bett. Ich sah mit
scheuer Ehrfurcht auf die knospende Jungfräulichkeit, die aus den
halbkindlichen Hüllen stieg, und drückte mich nach der Wand, um der
Anmutvollen so viel Raum wie möglich zu lassen. Aber zugleich befiel
mich ein bohrender Schmerz, denn ich dachte an gewisse garstige Kinder
aus dem Hinterhof, die mich, wenn ich auf den großen aufgeschichteten
Zimmermannsbalken am Steinlachufer schaukelte, hinterrücks
herunterstießen, daß ich auf die Nase fiel, und mir Schimpfworte
nachriefen. An diese rohen Geschöpfe fürchtete ich meine angestaunte
Lili verlieren zu müssen, denn ich hatte schon die Erfahrung gemacht,
daß befreundeten Kindern, wenn es sich ums Spielen handelte, nicht
zu trauen war; sie liefen charakterlos der Unterhaltung nach, wo sie
sich zeigte. Ich faßte mir ein Herz und teilte Lili mit, in welchem
Kriegszustand ich mich mit dem Hinterhofe befand und daß man nicht
zugleich mit mir und jenen Freundschaft haben konnte.
Lili antwortete mit einer Bestimmtheit, die mich bei ihrem weichen
Wesen überraschte: Du kannst ganz ruhig sein, ich spiele nicht mit
den rohen Kindern. Ich spiele überhaupt nicht mehr mit Kindern --
und nun lüftete sie vor meinem staunenden Geiste den Zipfel eines
Vorhangs, durch den ich in ein neues Wunderland blickte, das Land
der Tanzstunden, der langen Kleider, der Verehrer! Ich wußte ja von
Herzensangelegenheiten weit mehr als sonst Kinder zu wissen pflegten,
da die Verhältnisse der Großen von jeher vor meinen Ohren verhandelt
worden waren, aber ich wußte es nur mit dem Verstand, es ging mich
in meinem Kinderlande nichts an, sondern lag weltenfern in einer
vierten Dimension! Durch Lilis Worte rückte das alles auf einmal
ganz nahe heran, daß es mir fast den Atem nahm. Aber es gefiel mir
außerordentlich, und ich entschlief unter dem Eindruck, plötzlich einen
großen Schritt im Leben vorwärts getan zu haben.
Des anderen Tages wurde Lili, weil bei uns kein Platz war, in einer
benachbarten Familie in Pension gegeben. Sie verbrachte aber die meiste
Zeit bei uns und gewöhnte sich schnell an unser Hauswesen. Sie war ein
ungemein liebliches Stück Natur, dessen Anmut nichts bloß Äußerliches
war, sondern aus einer anmutigen Seele floß. Es gab niemand, der an
ihrem gefälligen, schmiegsamen Wesen keine Freude gehabt hätte. Eine
gewisse Willenlosigkeit und Lässigkeit, die man an ihr bemerkte,
taten ihrem Liebreiz keinen Eintrag. Ich konnte mir später Goethes
bezaubernde Lili nie anders als unter dem Bilde der meinigen denken.
Wenn meine Lili auch keine so glänzende Schönheit und keine so große
verwöhnte Dame war, so erinnerte sie doch durch ihre spielerische
Schalkheit und natürliche Anziehungskraft an jene strahlendere
Gestalt. Die sehr wohlgeformten, obschon etwas großen Züge ihres
immer lächelnden Gesichts, die dunklen, entgegenkommenden Augen voll
Gutherzigkeit und Schelmerei unter dem reichen aschblonden Haar, ihre
mittelgroße, graziöse Gestalt hatten einen Reiz, den manche größere
Schönheit entbehrt. Wenn sie mit dem koketten Pelzmützchen auf ihren
immer schöngeordneten Haaren in der wippenden Krinoline daherkam, war
es unmöglich, ihr nicht gut zu sein.
Die Krinoline! Es sei mir gestattet, auch dieser Freundin und Feindin
meiner Kindheit einen kleinen Nachruf zu widmen. Wie wurde sie
verhöhnt, verlästert, selbst von denen, die sie trugen, und doch konnte
niemand sich ihrer Macht entziehen, denn der herrschende Kleiderschnitt
erforderte diese Stütze. Auch Kinder waren genötigt, sie zu tragen.
Das Auge hatte sich so an diese Mißform gewöhnt, daß, wer aus
Charakterstärke ohne Krinoline ging, wie gerupft aussah. Sie bestand
gewöhnlich in einem durch Bänder verbundenen Reifgestell aus vielen
Stockwerken, das erst unterhalb des schlankbleibenden Beckens leise
begann und sich in immer erweiterten Ringen allmählich zu gewaltigem
Umfang ausdehnte. Die Vielgeschmähte war jedoch nicht ganz vom Übel.
Meine Mutter, sonst so gleichgültig gegen die Mode, hatte eine Vorliebe
für diese Tracht, weil das leichte Gestell den Körper im Sommer hübsch
kühl hielt, jedem Wind erlaubte ihn zu fächeln und die Schnelligkeit
ihrer Bewegungen nicht beeinträchtigte. Wenn man aber damit über Zäune
sprang und vom Balken fiel, so zerbrachen die Reifen und es gab alsdann
häßlich vorstechende Ecken, was bei mir fast täglich vorkam. Diese
auszubessern erforderte eine gewandte Hand und viel Geduld, denn es
genügte nicht, die zerbrochenen Reifenden übereinander zu befestigen,
man mußte der Symmetrie halber das ganze Gestell durchgehends verengen,
ein Geschäft, in dem ich große Übung gewann, denn ich betreute nicht
nur meine, sondern auch Mamas Krinoline mit wachsamen Augen. Lili
zerbrach die ihrige nicht mehr, sie verstand die Kunst -- denn es war
eine solche --, sich immer schicklich und anmutig darin zu bewegen und
sie beim Sitzen elegant mit zwei Fingern niederzuhalten.
Lili wurde nun für einige Zeit mein bewundertes Vorbild und mein
stetes Denken. In meinen Olymp konnte ich sie nicht einführen, weil
ihr der Sinn für die Dichtkunst gebrach, aber ich kam zu ihr in ihre
Welt und fand da genug des Neuen, mich ganz Berauschenden. Lili hatte
schon Reisen gemacht, große Städte gesehen, hatte an Champagnerfesten
teilgenommen und kannte das Theater, was kein anderes Kind im weiten
Umkreis von sich rühmen konnte. Sie schien mir also einem Orden von
Eingeweihten anzugehören, zu dem ich andächtig emporblickte. Die
Phantasiewelten, in denen ich bis dahin gelebt hatte, versanken vor
dem Wunderbaren, was mich berührte, dem Leben. Ich verleugnete alle
meine Götter um ihretwillen. Von den Griechen, von der Edda, von dem
ganzen ungeheuren Lesestoff, den ich schon verschlungen hatte, sagte
ich kein Wort, um ihr nicht auch unheimlich zu werden wie den andern.
Ich verschloß das alles in einem Geheimfach meiner Seele, zu dem es ihr
nicht einfiel, den Schlüssel zu suchen. Es liegt etwas Rührendes in
dem Übergang vom Kinde zum jungen Mädchen, jener reizenden Pagenzeit,
die mit scheuer, huldigender Verehrung auf das Geschlecht blickt, dem
man selber noch nicht angehört, nun aber bald angehören soll. Lilis
Schmuck und Bänder, ihre reifenden Formen, die Wohlgerüche, die sie
an sich trug, ihr feines und doch freies Betragen machten mir den
tiefsten Eindruck. Verglichen mit der Tübinger Jugend, schien sie mir
aus einer andern Menschenrasse zu stammen. Ich liebte sie zärtlichst,
das gleiche tat Edgar, und sie hatte ein viel zu gutes Gemüt, um unsere
Zuneigung nicht von ganzem Herzen zu erwidern.
Als es aber ans gemeinsame Lernen ging, da zeigte sich’s, daß das
liebliche Köpfchen keinen Lernstoff irgendwelcher Art aufnehmen konnte.
Die Geschichte war ihr genau so gleichgültig wie die Geographie, und
die französischen Vokabeln hafteten nicht in ihrem Ohr. Sie dachte
nur an kindlichen Schabernack, und wir lachten jeden Augenblick wie
die Tollen: sie, weil ihr Babylonier und Assyrer, Meder und Perser
lächerlich vorkamen, ich, weil ich die Welt, in der es nun eine Lili
gab, so entzückend schön fand. Meine arme Mutter mühte sich, so sehr
sie konnte, aber ihr Unterricht, der aller Schulmäßigkeit entbehrte,
war nur auf die eigene Tochter eingestellt, an der Fremden scheiterte
er völlig.
Dieses Schöpfen ins Leere hatte schon einige Zeit mit der größten
Anstrengung von ihrer Seite gedauert, als sie der unachtsamen Schülerin
eines Tages, um sie im Deutschen zu üben, ein Aufsatzthema von der
einfachsten Art gab: sie sollte die Sehenswürdigkeiten von Tübingen
beschreiben. Die Aufgabe weckte bei Lili einen ungewohnten Eifer, und
sie lieferte eine Arbeit ab, die an treffender Knappheit ihresgleichen
suchte. Mit einem einzigen Satze waren die berühmte Stiftskirche
mit ihrem Chor nebst Lettner und Schloß Hohentübingen abgetan. Dann
wandte sich die Beschreibung dem Obergymnasium und seinen Insassen
zu, welch letztere als die größte Denkwürdigkeit Tübingens und als
die belangreichste Menschengattung überhaupt bezeichnet waren. Dieser
Aufsatz, vermutlich der einzige, den Lili je verfaßte, hatte einen
stürmischen Heiterkeitserfolg, und noch jahrelang pflegte man, wenn von
den Vorzügen Tübingens die Rede war, das in einem höchst alltäglichen
Bauwerk befindliche Obergymnasium an erster Stelle zu nennen.
Lili hatte allen Grund zu ihrer hohen Schätzung des Obergymnasiums.
Seit die reizende Mainzerin auf dem Plan erschienen war, umschwärmten
die gelben Mützen das Bahnhofgebäude, wo Lili wohnte, und die
naheliegenden Alleen; alle Primanerherzen waren mehr oder weniger
von ihrer Anmut entzündet. Aber diese gegenseitige Bewunderung, die
eine Folge der Tanzstunde war, hätte beinahe unserer Freundschaft
ein vorzeitiges Ende bereitet. Denn eines Tages machte mir Lili die
niederschmetternde Eröffnung, daß sie von nun an nicht mehr mit mir
in den Alleen spazierengehen könne. Du bist noch ein Kind, sagte sie,
und trägst kurze Röcke. Wenn mich die Obergymnasisten immer in deiner
Gesellschaft sehen, so denken sie am Ende, ich sei auch noch ein Kind,
und grüßen mich nicht mehr. Du weißt, ich bin dir gut, aber _das_
kannst du nicht von mir verlangen.