überlebenden Vorstellung als ein Zeitpunkt lustigen Wahns festgesetzt
habe und daß diese falsche Auffassung aus dem geraden Gegenteil einer
heiteren Täuschung, aus der hoffnungslosen Selbstironie der besten und
tapfersten Achtundvierziger entsprungen sei. Von diesem Galgenhumor
der Revolution gab es vielleicht kein schlagenderes Beweisstück als
das Rote Album meiner Mutter. Mit seinem grellroten Einband und noch
röteren Inhalt, mit roter Tinte auf rotes Papier geschrieben, war es
der „Bürgerin Brunnow“ im Jahr 1849 als ein Angebinde der Demokratie
überreicht worden. Die verschiedenen Handschriften und die zum Teil
ganz unorthographische Schreibweise sollten den Eindruck erwecken,
als ob Parteigenossen von allen Bildungsstufen sich an der Widmung
beteiligt hätten. In Wahrheit hatte das Büchlein nur einen Verfasser,
den begabten Philologen Adolf Bacmeister, denselben, dem einst mein
fünfjähriges Herz gehört hatte. Er war einer von den tiefgründigen
Schwabensöhnen, die anderwärts als Zierde eines Stammes geehrt
würden, für die aber das enge Heimatland keine Verwendung fand. Seine
achtundvierziger Vergangenheit verschloß ihm die akademische Laufbahn,
zu der er geboren war, und er konnte lange Zeit nicht einmal die
bescheidenste Anstellung im Schulfach finden. Nahe an den Dreißigen
erhielt er endlich das armselige Amt eines „Kollaborators“ (vom Volke
Kohlenbrater benannt) in einer Kleinstadt, schleppte sich dann zehn
Jahre lang mit einem Präzeptorat, bis ihn ein Ruf an die Augsburger
Allgemeine Zeitung aus der Acht erlöste. Durch seine Übersetzungen
mittelhochdeutscher Dichtungen und seine „Allemannischen Wanderungen“,
eine geistreiche Studie über die Herkunft deutscher Ortsnamen, hat er
sich auch literarisch bekannt gemacht.
In dem Roten Album nun war die phantastische Zeitstimmung mit den
Einzelheiten und den Anspielungen, die damals jedermann verstand,
in Vers und Prosa niedergeschlagen. Da tönte die alte, in unseren
Jugendtagen schon verschollene Weise:
Wenn die Fürsten fragen:
Lebt der Hecker noch?
Sollt ihr ihnen sagen:
Hecker, der lebt hoch!
Aber nicht am Galgen,
Nicht an einem Strick,
Sondern an der Spitze
Deutscher Republik.
Ein Proletarier schrieb:
Weil das Freilein es gewollen hapent, daß ich in den Alpus schreiben
soll, so will ich es eben dun:
I ka’ keine Versle mache,
I verstand et selle Sache,
Drum ruf i mit wildem Blick:
Hurra hoch die Rebolik.
Ein Pennäler, der als „Uldimus in der 2ten Glaß“ zeichnet, verewigte
sich durch den kurzen Spruch:
Hecker, Struwe, Ziz und Blum,
Kommt und bringt die Breißen um!
Übrigens wird auch die eigene Partei nicht geschont. Da spricht ein
Tübinger Referendar vom Balkon der Aula herab zu der Volksversammlung:
Aus jedem Tropfen Blute Robert Blums muß ein Märtyrer für die Freiheit
erstehen. Ich bin ein solcher Tropf. Seid ihr auch solche Tropfen?
(Schwäbisch für Tröpfe gebraucht.) Chor der Bürger und Studenten: Ja!
Auch vor der Empfängerin selbst macht der tolle Humor nicht halt. In
mannigfaltigen Zeichnungen wird sie dargestellt, bald in rasendem
Tanz um den Freiheitsbaum, bald als Amazone in Wehr und Waffen, bald
im blutroten Rock, von den Truthähnen des Dorfes verfolgt. In einem
Roman „Die Königin und der Ipsergeselle“ erscheint sie als Hauptperson,
und in der blutrünstigen Tragödie „Der Tyrann“ stirbt sie als
freiheitliebende Prinzessin Billburalia an der Seite des geliebten
Handwerksburschen auf der Barrikade.
Das Rote Album war vor allem das Entzücken meiner Brüder, die es
auswendig wußten und stets im Munde führten. Edgar verfaßte noch in
Mannesjahren, als wir in Florenz lebten, einmal zu Mamas Geburtstag ein
Seitenstück dazu, das zwar an Geist und komischer Kraft das erste bei
weitem übertraf, aber gleichwohl keinen solchen Erfolg mehr erzielen
konnte, weil es nur persönliches Erzeugnis und nicht, wie jenes, der
Ausdruck einer Zeitstimmung war.
1866.
Wenn die alten Achtundvierziger zusammenkamen, so lag eine Verklärung
auf ihren Gesichtern, sie sagten: Weißt du noch -- der Völkerfrühling!
Und zauberten durch ihre bloßen Mienen für die Nachgeborenen das
Bild einer kurzen, unbeschreiblich schönen Zeit herauf, wo das Glück
leibhaft auf Erden gewandelt und wo alle Menschen Brüder gewesen. Bis
die Reaktion mit eisigem Hauch vom Nord all diese Wunderblüten knickte
und den Völkermai in Eis und Schnee begrub. Unsere realistischere
Josephine erzählte freilich auch Anekdoten aus dem Völkerfrühling, die
zeigten, daß der Freiheitskampf nicht von allen Seiten gleich ideal
aufgefaßt wurde, wie das Stücklein von jener Nachbarsfrau, die jubelnd
sagte: Teile wellet se, teile! -- und ihrem ausziehenden Freischärler
nachrief: Daß du mir ja eine neue Matratze mitbringst! -- Meine
Eltern gehörten beide zu den alten Achtundvierzigern. Doch ging mein
gemäßigter, politisch viel tiefer blickender Vater darin lange nicht
so weit wie meine Mutter. Besonders teilte er ihr Vertrauen auf ein
selbstlos für anderer Völker Freiheit eintretendes Frankreich durchaus
nicht. Hatte er doch in seinem schönen „Vaterlandsgedicht“ von 1848 die
Stelle:
Dem Erwecker in dem Westen
Bleibe hold, er will nicht mehr,
nachträglich verändert in das warnende:
Dem Erwecker in dem Westen
Gib das Seine, gib nicht mehr.
Auch zeugt die im Freundeskreis oft erzählte Anekdote, daß er einmal
seinen unbotmäßigen Söhnen zurief: Ihr verdient es, preußisch zu
werden! doch mehr von seinem heimlichen Humor und von der väterlichen
Nachsicht als von der Schärfe seiner politischen Ansichten. Bei
meiner Mutter dagegen ging immer alles aus dem Vollen, da gab es
keine Abstufungen, keine Zweifel, sie mußte lieben oder hassen. Als
der sechsundsechziger Krieg heranrückte, wurde sie von einem wahren
Verzweiflungssturm erfaßt und ihre Erregung zitterte in unseren
Kinderherzen nach. Da sie des Italienischen mächtig war, schrieb sie
einen Brief an Garibaldi, worin sie ihn beschwor, diesem „freiheits-
und brudermörderischen“ Kampfe fernzubleiben. Sie glaubte in ihrem
Kindergemüt ernstlich, weltpolitische Entschließungen hingen von
Prinzipien ab. Andere waren noch naiver. Ein Gymnasialprofessor
schrieb an Bismarck und gab ihm politische Ratschläge nach
Platon und Thukydides. Daß Bismarck nicht auf seine Darlegungen
eingegangen, beklagte er noch später seinen Schülern gegenüber als
großen Fehler. Aber dicht neben dem Komischen lag die Tragik. Auf
dem Bläsiberg, einem Gut in der Nähe von Tübingen, das Professor
Weber, der Lehrer der Landwirtschaft an der Hochschule, Gatte der
nachmals als Frauenrechtlerin stark hervorgetretenen Mathilde Weber,
bewirtschaftete, hielt sich seit kurzem ein junger, aus England
gekommener Praktikant Namens Ferdinand Cohen auf. Er schrieb sich aber
Blind mit dem Namen seines Stiefvaters, des in London als Flüchtling
lebenden bekannten Achtundvierzigers. Meine Mutter hatte ihn bei
einem Besuch auf dem Bläsiberg kennengelernt. Sie schilderte ihn als
einen stillen, wohlerzogenen, aber sehr verschlossenen Menschen. Frau
Weber bemutterte ihn liebevoll. Eines Tages war er ganz plötzlich
verschwunden mit Hinterlassung eines Briefes, in dem er Abschied auf
immer nahm. Und gleich darauf brachten die Zeitungen die Nachricht,
daß ein Ferdinand Blind-Cohen in Berlin am hellen Tage auf Bismarck
geschossen und, da er ihn verfehlte, sich selbst entleibt habe. Tief
war der Eindruck des Attentats in allen Kreisen. Die einen hielten den
Täter für einen erhabenen Märtyrer, dessen Manen poetische Totenopfer
dargebracht wurden, die anderen fluchten ihm als einem verbrecherischen
Auswürfling. Darf man es Zufall nennen, was die Kugel des gewandten
Schützen ablenkte? Hätte er getroffen, so gäbe es heute kein Deutsches
Reich. Ich besitze noch eine Photographie von ihm aus dem Nachlaß
meiner Mutter, die mir immer etwas Unheimliches hatte: ein eleganter,
englisch gekleideter junger Mann, rittlings auf dem Stuhl sitzend, mit
düster fanatischen Augen, in denen eben der Entschluß zu seiner irren
Tat zu reifen scheint.
Als der Krieg ausbrach, schmiedeten sogar wir Kinder antipreußische
Gedichte. Einen echten Preußen aus Preußenland hatten wir zwar noch
nicht gesehen, aber wir nahmen an, daß ihm zu einem Unhold wenig fehlen
könne. Da kam eines Tages gerade um die Mittagszeit vom Hechingischen
her ein Leiterwagen vor unserem Hause angerasselt, der ganz mit
schwarz-weißen Fähnchen umsteckt und von preußischem Militär besetzt
war. Ich sah diese Fähnchen für ein sehr großes Unglück, für eine
unmittelbare Bedrohung unserer Freiheit an. Es schien mir Pflicht,
wenigstens einen Versuch zur Rettung meiner Heimat zu wagen. Wenn
es mir gelänge, eines der Fähnchen, vielleicht das äußerste an der
uns zugewandten Ecke, herabzuholen, dann hätte ich, wenn nicht der
Freiheit eine Gasse, so doch wenigstens der Unterdrückung eine Ecke
abgebrochen. Während ich aber auf den Augenblick zur Ausführung meines
Vorhabens lauerte, wurde ich zu Tisch gerufen, und jetzt war es
zunächst nicht möglich, sich heimlich zu entfernen. Als ich wieder ans
Fenster springen konnte, fuhr eben der Wagen in rasselndem Trab mit all
seinen Fähnchen davon. Ich starrte ihm unter gemischten Gefühlen nach:
es war nun doch nicht so übel, daß ich nicht in die Lage kam, gegen
die preußische Heeresmacht vorzugehen. Der Wagen rasselte über die
Neckarbrücke in die Stadt hinein und auf der Lustnauer Straße wieder
zur Stadt hinaus, und siehe, es blieb alles wie zuvor! Die Studenten
sangen die alten Lieder und tranken so viel Bier wie je, niemand war
versklavt worden, noch war irgendeiner Seele von den Preußen sonst ein
Leid geschehen. Die Erinnerung an den geplanten Fähnchenraub läßt es
mir ganz verständlich erscheinen, daß so oft im Kriege Kinder durch
leidenschaftliche Reden Erwachsener zu einer unsinnigen Tat veranlaßt
werden, die hernach vielleicht ein ganzes Haus in Gefahr bringt.
Im folgenden Jahre lernte ich dann einen wirklichen Preußen kennen,
und dazu einen der allermerkwürdigsten Menschen, die mir je begegnet
sind. Es war der Schriftsteller und Populärphilosoph Dr. Albert Dulk
aus Königsberg. Sein Leben ist ein Roman, den man nicht schreiben
kann, weil er als Erfindung viel zu unwahrscheinlich wäre. Er hatte
längere Zeit ganz einsam im steinigen Arabien gelebt, um dem Geist
des Urchristentums näherzukommen und die landschaftlichen Eindrücke
für sein Hauptwerk „Der Irrgang des Lebens Jesu“ zu gewinnen. Kühne
Abenteuerlust und suchende Philosophie lagen in ihm beisammen. Als
außerordentlicher Schwimmer und überhaupt körperlich hervorragend
begünstigter Mensch hatte er den Bodensee durchschwommen und ähnlicher
Stücke mehr geleistet. Jetzt lebte er in Stuttgart mit seinen drei
Frauen, die er gleichzeitig besaß und mit denen er im übrigen ein ganz
normales Familienleben führte. Er hatte sich im engsten Kreis einen
kleinen freireligiösen Anhang gegründet, für den er in seinem Hause
das Priesteramt versah. So hatte er sich auch nach selbstgeschaffenem
Ritus mit seinen zwei späteren Frauen selber getraut. Er konnte
diese dreifache Ehe in Stuttgart ganz öffentlich und unangefochten
durchführen, denn es wohnte damals in dem kleinen Schwabenland
die weitherzigste Romantik Tür an Tür mit dem beschränktesten
Spießertum. Trotz der ungewöhnlichen Familienverhältnisse herrschte
reger geselliger Verkehr im Dulkschen Hause, und es war keineswegs
Bohême, was dort ein- und ausging; Künstlerschaft, Schriftsteller,
Politiker ließen sich durch die dortige Eigenart nicht abschrecken.
Noch weit mehr aber zeugt es von der zwingenden Persönlichkeit dieses
Mannes, daß er die drei Frauen, die gleiche Rechte und gleiche Anrede
genossen, in Liebe und Eintracht zusammenhielt, soweit in menschlichen
Verhältnissen dauernde Liebe und Eintracht möglich sind. Sie gingen
immer völlig gleich gekleidet, vertrugen sich schwesterlich und
hingen mit schwärmerischer Verehrung an dem Manne. Mit der Zeit
verschob sich das häusliche Gleichgewicht ein wenig zugunsten der
Zuletztgekommenen, deren Ehe kinderlos blieb und die darum ihre ganze
Zeit der dienenden Liebe widmen konnte. Diese Liebe war eine Art
Gottesdienst in immerwährender stiller Verzückung. Frau Else durfte
ihn auch auf seinen nächtlichen Spaziergängen durch die nicht allzu
sicheren Wälder Stuttgarts begleiten. Nachdem sie ihm monatelang auf
den unheimlichen Nachtgängen, die er noch dazu unbewaffnet machte,
aus der Ferne nachgeschlichen war, um im Falle der Not beizuspringen
oder sein Los zu teilen, wurde sie, als er die treue Gefolgschaft
entdeckte, zu seiner Kameradin erhöht und genoß nun in diesen stillen
Nachtstunden das seltene Glück, ihn ungeteilt zu besitzen. Dulk hatte
eine Anzahl Dramen geschrieben, die in der Öffentlichkeit wenig Glück
machten. Am bekanntesten wurde „Jesus der Christ“, seine feurigste
und packendste Schöpfung, worin die Vermählung des Übersinnlichen mit
dem Rationalismus versucht ist und Joseph von Arimathia im Lichte
einer halbmystischen Vaterschaft erscheint. In der Auffassung Judas
Ischariots als des feurigen jüdischen Patrioten, der in Christus den
irdischen Erlöser sucht und sich enttäuscht von ihm abkehrt, ist er
anderen Dichtern, darunter auch Heyse, vorangegangen.
Jetzt kam Dulk nach Tübingen, um meinem Vater, den er bis dahin nicht
gekannt hatte, ein neuverfaßtes Lustspiel vorzulesen. Er brachte eine
seiner Frauen und seine Tochter Anna mit, die meine Altersgenossin war
und sich schnell an mich anschloß. Dulk war ein hochgewachsener schöner
Mann mit schwarzem Haar und Bart bei blauen Augen und klargeschnittenen
Zügen. Auffallend wirkten in der süddeutschen Luft sein scharfer
ostpreußischer Akzent und die straffen norddeutschen Bewegungen. Auch
sein ganzes Wesen war norddeutsch ernsthaft und immerzu feierlich
pathetisch; der Schwabenhumor blieb ihm und er dem Schwabenhumor
unverständlich. So hatte auch seine Anknüpfung mit meinem Vater kein
ersprießliches Ergebnis. Es war damals im Schwabenlande üblich, daß die
Männer alle ihre besonderen Angelegenheiten beim Glase abmachten, darum
„strebten“ auch die beiden an jenem warmen Sommernachmittag nach einem
kleinen Wirtsgärtlein in dem nahegelegenen Dorfe Derendingen. Allein
mein Vater konnte der erzwungenen Laune des Dulkschen Stückes keinen
Geschmack abgewinnen und kam ziemlich angegriffen von der Sitzung
nach Hause. Auf die Frage des Verfassers, was er davon halte, hatte
er geantwortet: Ich weiß nicht, was ich dazu sagen soll. Entweder hat
das Stück keinen Humor oder ich habe keinen. Jener aber verstand die
Meinung nicht und sagte beim Nachhausekommen zu meiner Mutter: Ich kann
nicht herausbringen, was Ihr Gemahl von dem Stücke hält, suchen Sie es
doch zu ergründen. -- Es fehlte seiner immerwachen Geistigkeit an dem
ergänzenden Gegenstück der Naturhaftigkeit, aus welcher gegensätzlichen
Verbindung erst der Humor entspringt; der reine Geistesmensch hat
keinen und der reine Naturmensch ebensowenig. Dulks Dichtungsart hatte
durchgängig etwas prinzipienmäßig Gedankliches, denn seine Begabung
war nicht trieb-, sondern willenhaft. Er gehörte zu den stärksten
Willensmenschen, die mir begegnet sind. Dieser starke Wille, auf das
gerichtet, was eigentlich außerhalb der Willenssphäre liegt, machte
ihn den Schwaben, denen die Poesie ein inneres Blühen des Menschen,
fast mehr nur einen Zustand als eine Tätigkeit bedeutete, einigermaßen
unheimlich, und er blieb immer ein Fremder unter ihnen, obwohl er
württembergischer Staatsbürger geworden war.
Die zarte, hochaufgeschossene Anna durfte ein paar Tage bei mir
bleiben, woraus sich eine dauernde Freundschaft entspann. Sie wurde
jedes Jahr auf ein paar Wochen unser Gast, und auch ich durfte sie in
Stuttgart besuchen. Einmal -- es war während des Siebziger Krieges
-- wohnte ich auch einer Sonntagsfeier im Dulkschen Hause bei, die
mit wechselnden Gesängen und Anrufungen an die Weltseele einen ganz
liturgischen Charakter hatte.
Die Geburt der Tragödie.
Wenn ich mein Lebensbuch zurückblättere, so kann ich seltsamerweise
keine inneren Wandlungen finden, vielmehr scheint es mir, als hätte ich
von der Stunde meiner Geburt an immer im gleichen geistigen Luftkreis
gelebt. Diesen Umstand weiß ich mir nur aus unserer häuslichen
Verfassung zu erklären. Eine abgesonderte Kinderstube hatte es bei
uns nicht gegeben, wir waren zwischen den Füßen der Großen und unter
ihren Gesprächen herangewachsen, ohne mit Bewußtsein aufzumerken.
Später schien es mir dann, als käme ich überall in bekannte Gegenden,
die ich mir jetzt nur etwas genauer anzuschauen brauchte. Ebenso
stand mir die elterliche Bücherei unbeschränkt zu Gebote. Niemand
fragte, was ich las. Die Eltern dachten jedenfalls, da man uns so
frühe das Reich des Höchsten und Schönsten im Schrifttum aller Zeiten
erschlossen hatte, da Goethe und Schiller, die Griechen, Shakespeare
und Cervantes immer auf unserem Wege lagen, so sei eine eigentliche
Leitung durch die Bücherwelt überflüssig. Aber sie hatten nicht an den
kindlichen Fürwitz gedacht. In meines Vaters Bücherschrank befanden
sich neben der Sagenkunde, die mein ganzes Entzücken war, auch
mittelalterliche Werke astrologischen und nekromantischen Inhalts,
alte schweinslederne Scharteken, von denen er gewiß nicht dachte, daß
Sie Kindern gefährlich werden könnten. Gerade diese holte sich der
kleine Büchermarder heraus, um sie unbeobachtet zu verschlingen. Und
die reine Luft unserer griechischen Götter- und Heroenwelt wurde durch
das scheußlichste Brockengesindel verseucht. Zwar bei Tage war ich
starkgeistig und lachte mit den Brüdern über das Gespensterwesen, aber
sobald die Sonne zu sinken begann, besonders an Winterabenden, wurde
mir beklemmt zumute, denn nun wuchs es unheimlich aus der Dämmerung
heraus und streckte hundert Arme nach mir. In Gegenwart der Erwachsenen
war ja zunächst noch Schutz, und besonders in die warme Nähe der
mütterlichen Röcke wagte sich nichts Gespenstisches heran, aber des
Nachts im Bett, sobald die Lichter gelöscht waren, gehörte die Welt den
Dämonen. Es gab dann fürchterliche Dinge, die keinen Namen hatten. Aus
den aufgehängten Kleidern kamen sie gekrochen, die Blumen der Tapete,
die in geheimnisvollem Zusammenhang mit der Unterwelt standen, ließen
sie aus ihren Kelchen schlüpfen, und das Handtuch war mit ihnen im
Bunde, denn es lieh ihnen die Körperlichkeit und den weißlichen Schein,
um mich zu schrecken. Den ganzen Raum rings um das Bett nahm das
Zwischenreich ein, dagegen gab es keinen Schutz, nur im Bette selber
war Sicherheit. Aber eine unter der Decke vorstehende Zehenspitze
wäre den Geistern unrettbar verfallen. Also mußte man sich eng
zusammenziehen, um jedes Glied des Leibes vor ihnen zu schützen, bis
ein erbarmender Schlummer das wildpochende Kinderherz beschwichtigte.
Dann aber kamen die Träume und machten die Angstgedanken zu wirklichen
Geschehnissen. In dieser qualvollen Gespensterfurcht scheint die
bedauernswerte Kindheit, wenn sie nicht gut überwacht wird, die dumpfe
Frühzeit des Menschengeschlechts wiederholen zu müssen. Aber kaum daß
der liebe Morgen mir den Spuk verjagte, so ergab ich mich im Schutz der
Sonne aufs neue dem Giftgenuß.
In Scheibles „Kloster“ hatten wir die Anleitung zu weißer und schwarzer
Magie gefunden, den Schlüssel Salomonis und Fausts Höllenzwang.
Wir studierten und rätselten an dem Schemhamphorasch und dem
geheimnisvollen Abrakadabra herum, das wir auf großen Papierbogen
kunstgerecht abwandelten. Wenn wir uns aber unbeobachtet wußten, so
versuchten wir uns am Höllenzwang. Wir malten alsdann mit Kreide einen
Zauberkreis auf den Fußboden, füllten ihn mit den vorgeschriebenen
Zeichen und Zahlen aus, stellten uns eng zusammengedrängt hinein, wobei
streng zu beachten war, daß auch kein Zipfel eines Kleidungsstückes
über den magischen Kreis hervorstehe, weil das sehr gefährlich gewesen
wäre, und befahlen den höllischen Herrschaften zu erscheinen. Daß sie
nicht gehorchten, war mir sehr angenehm; ich hätte auch nicht gewußt,
was von ihnen verlangen, denn ich trug weder nach Schätzen noch nach
übermenschlichem Wissen ein sonderliches Begehr. Aber des Nachts in
meinen Träumen erschienen sie doch und nahmen mir den Frieden. Wie die
andern sich zu den inneren Folgen unserer Höllenkünste stellten, weiß
ich nicht. Von Edgar kann ich annehmen, daß er seine Überlegenheit
wahrte, denn er verstand es, durch Willenskraft trotz starker
Phantasieanlage alle abergläubischen Regungen niederzuzwingen, wie ich
ihn überhaupt bei seiner zarten Körperbeschaffenheit niemals und vor
keiner Sache in Furcht gesehen habe. Wie gern hätte ich es ihm darin
gleichgetan! Im Scheible waren die alten Puppenspiele von Faust und
die Geschichte seines Famulus Christoph Wagner abgedruckt, worin der
letztere nach seines Meisters Höllenfahrt sich selber auf die Zauberei
verlegt und nach Ablauf der bedungenen Zeit von seinem höllischen
Diener, dem Auerhahn, zerrissen und in den Schwefelpfuhl abgeführt
wird. Auf dem Stich, der diese greuliche Begebenheit darstellte, waren
die Gebeine des unseligen Famulus zu sehen, wie sie der böse Geist
herumgestreut hat, schauerlicherweise abgenagt wie Küchenknochen. Diese
Abbildung grub sich mir mit unverlöschlichen Zügen ins Herz, und sobald
ich nachts die Augen schloß, stand sie vor mir, daß mich das Grauen
übermannte. Ich glaubte zwar kein Wort von der ganzen grauslichen
Geschichte und sah auch das Bild bei Tage mit überlegenem Lächeln an,
aber im Dunkeln wurde ich wehrlos. Erst als ich Goethes Faust kennen
lernte, schoben sich die reinen Gestalten der Dichtung vor jene Spuk-
und Zerrbilder, die durch sie entkräftet und gebannt wurden. Die
Angstträume aber dauerten meine ganze Jugend hindurch in veränderter
Gestalt fort und steigerten sich mitunter bis zur Halluzination. Das
Schlimmste war, so oft die Liebsten und Nächsten durch irgendein
rätselhaftes eigenes Verschulden im Traume verlieren zu müssen. Erst
wenn die Sonne wieder Macht bekam, auch solang sie sich noch unter dem
Horizont befand, fiel der Alpdruck ab. Welche Erlösung, wenn dann noch
in der Dämmerung von der Küche her, wo die treue Josephine waltete,
ein unterdrücktes Geräusch vernehmbar ward und mit einem Male sich
der Geruch frisch gemahlener Kaffeebohnen durch das Haus verbreitete.
Gottlob, die Lieben lebten noch, es gab noch einen Morgenkaffee auf
der Welt, und die sorgende Liebe wachte auch heute. Ich möchte doch
die Seligkeit meiner ersten Jugend nicht zurückhaben, wenn ich all die
Angst, das Schuldgefühl, die bösen Träume und was sonst die junge Seele
bedrängte, wieder in Kauf nehmen müßte.