Abseits von dieser Burschenherrlichkeit trieben die „Stiftler“

ihr halbklösterliches, eigenbrötlerisches Wesen. Es waren dies

Stipendiaten, die, von klein auf zur theologischen Laufbahn bestimmt,

erst in den niederen Seminarien, dann im Tübinger evangelischen Stift,

einem ehemaligen Augustinerkloster, für ihren Beruf herangebildet

wurden. Obgleich sie durch ihre Halbklausur und vielfache

Beschränkungen, denen sie unterworfen waren, gesellschaftlich hinter

den glücklicheren Stadtburschen zurückstanden, bildeten sie unter ihrem

unscheinbaren und häufig ungeleckten Äußeren so etwas wie eine geistige

Auslese des Landes und trugen viel zu der besonderen Physiognomie

der Tübinger Universität bei. Kein Auswärtiger kann zur Kultur des

Schwabenlandes und zu seinen großen Söhnen in ein näheres Verhältnis

treten, wenn er sich nicht eingehend mit dem Geiste des Tübinger Stifts

und seinen Einrichtungen vertraut gemacht hat. Aus dieser Anstalt ging

ja bekanntlich die größte Zahl der führenden Geister Alt-Württembergs

hervor. Und zwar pflegte entsprechend der Doppelbegabung des Stammes

ein guter Jahrgang je einen Dichter und einen Philosophen gleichzeitig

zu bringen: Hölderlin und Hegel, Mörike und Strauß, meinen Vater und

Ed. Zeller. Gelegentlich wuchsen die großen Geister im Stift sogar

büschelweise wie in der sogenannten „Geniepromotion“, der auch

Friedrich Vischer angehörte. Der Mehrzahl der Stiftler ging aber

die einseitige Erziehung lebenslang nach. Mit einem äußerst prall

gestopften Schulsack verbanden sie häufig die größte Unkenntnis des

wirklichen Lebens und jenes linkische Ungeschick der äußeren Welt

gegenüber, das man in Schwaben mit dem Wort „stiftlermäßig“ bezeichnet.

Bei den schematischeren Köpfen gesellte sich noch leicht eine geistige

Selbstsicherheit hinzu, die alles, was nicht auf ihrem eigenen Boden

gewachsen und ihnen darum fremdartig war, als minderwertig betrachtete.

Mancher der Besten hielt es nicht bis zum Ende aus und entwand sich so

oder so dem Zwange. Ehemalige Stiftler trugen deutsche Wissenschaft in

alle Lande und waren als Lehrer wie als Erzieher gleich sehr gesucht.

Die Daheimgebliebenen nahmen späterhin hervorragende Kirchen- und

Schulämter ein, sie verewigten den Stiftlerschlag, indem sie ihn

weiterzüchteten, und gaben dem ganzen schwäbischen Geist etwas von

ihrem Gepräge ab. Durch sie vor allem kam in die hohe geistige Kultur

des Schwabenlandes jene unausfüllbare Kluft zwischen der Weite und

Tiefe des inneren Lebens und der äußeren Formlosigkeit, die nicht

selten bis zur bewußten Verachtung des Schönen ging.

In dem ehrwürdigen Klosterbau an der oberen Neckarhalde mit seinen

Kreuzgängen, Höfen und Gärtchen hauste dieser besondere Menschenschlag

beisammen. Dort studierten, aßen, schliefen sie, ständig überwacht, in

Zimmern, die ihre altvererbten Namen und die überlieferten Erinnerungen

an die früheren Bewohner festhielten. In meines Vaters Nachlaß fand

ich eine von unbekannter Hand in Versen geschriebene Szenenfolge,

die eine nächtliche Entweichung des sonst so fügsamen Mörike aus dem

Stift unter dem Beistand dunkler Mächte dramatisch darstellt. Man

pflegte sich, wenn man die Nacht außerhalb des Stiftes verbringen

wollte, an einem langen Seil in den „Bärengraben“ hinabzulassen,

um auf der anderen Seite durch einen befreundeten Stadtburschen

hochgezogen zu werden. Wurde die Abwesenheit entdeckt, so stand auf

der unerlaubten „Abnoktation“ eine Note. Eine gewisse Zahl solcher

Noten bedingte die Ausschließung von der Anstalt. Zu meiner Zeit aber

war die Verweltlichung schon so weit gediehen, daß die Stiftler sogar

farbentragenden Verbindungen angehören konnten, soweit diese nicht dem

verpönten Paukkomment huldigten. Auch waren sie auf allen Bällen unter

den eifrigsten und bescheidensten, wenn schon nicht immer unter den

gewandtesten Tänzern.

Noch einen Schritt weiter abseits vom studentischen Treiben standen die

Zöglinge des katholischen Seminars, die Konviktoren, auch „Haierle“

(Herrlein) genannt, meist Bauernsöhne aus dem schwäbischen Oberland,

die schon durch ihr langes schwarzes Gewand, aber mehr noch durch ihre

oberschwäbische Mundart und ihr ganzes weltfremdes Auftreten von der

übrigen akademischen Jugend abstachen. Auch aus dieser Anstalt sind

bedeutende Persönlichkeiten hervorgegangen.

Neben dem „Stift“ und mit ihm verbunden lag die „Hölle“, das einstige

Wohnhaus des „Höllen-Baur“, jenes berühmten, um seiner Bibelkritik

willen viel angefochtenen Theologen. Er hatte zu den Lehrern meines

Vaters gehört, war aber um die Zeit, von der hier die Rede ist, schon

gestorben. Der Spitzname enthielt keine Spitze gegen seinen Träger.

Die Professoren waren der Mehrzahl nach mit solchen versehen, und

manche weitgefeierte Leuchte der Wissenschaft ging in der kleinen

Stadt unter irgendeiner närrischen, zuweilen auch wirklich witzigen

Bezeichnung einher. Was gab es aber auch für Originale unter diesen

Professoren! Grundgelehrte Herren, jedoch im Äußeren nicht selten

sehr vernachlässigt und mit den seltsamsten Gewohnheiten behaftet.

Zu diesen fragwürdigen Gestalten gehörte der Germanist Holland, der

Herausgeber von Uhlands Nachlaß, der auch über italienische Sprache

und Literatur las. Bekannt war die Ermahnung, mit der er seine Schüler

zu entlassen pflegte, sie möchten vor allem danach trachten, ins

Konversationslexikon zu kommen, denn wer es dahin gebracht habe, der

sei geborgen und brauche nichts mehr zu studieren. Er hatte häufig nur

_einen_ Hörer im Kolleg, der zu höflich war, ihn mit den vier Wänden

allein zu lassen. Diesen ließ er einmal in die Heimlichkeiten seines

Junggesellenhaushalts blicken. Wissen Sie, Herr M..., sagte er zu

ihm, die Wäscherinnen sind so unsauber (er drückte sich drastischer

aus), man kann ihnen die Wäsche nicht anvertrauen. Ich schlafe deshalb

seit zehn Jahren auf dem Schwäbischen Merkur. Als dieser Dante- und

Boccaccioausleger uns in viel späteren Jahren einmal in der Heimat

Dantes und Boccaccios besuchte, da war Holland in Not, denn das

Italienisch, das er jahrzehntelang an der württembergischen Alma mater

gelehrt hatte, wurde an Ort und Stelle von niemand verstanden.

Noch viel wunderlicher klangen aber die Anekdoten, die von

verschwundenen Generationen übrig waren. Ein älterer Landgeistlicher,

Verwandter meines Vaters, der ein hinreißendes mimisches Talent besaß,

pflegte uns Kindern solche Geschichten aus seiner eigenen Studienzeit

zu Dutzenden zu erzählen und vorzuspielen. In welche verschollene

Biedermeierwelt sah man hinein, wenn man hörte, daß ein Professor

der Philosophie seinen psychologischen Vortrag mit näselndem Ton und

in mühsamem Hochdeutsch, durch das der Dialekt schimmerte, also zu

beginnen pflegte: Jengleng, wenn dich die Liebe plagt, so klage es

(hier wurden die Finger in Bewegung gesetzt): a) den Sternen; so deren

keine da sind, b) den Wiesen; so auch deren keine gefonden werden, c)

den Waldbächen. Denn das Rieseln ond Rauschen der Waldbäche lendert

und mendert den physischen ond psychischen Schmerz einer moralisch

niedergedrückten Seele.

Auch in der jungen Generation schossen die Sonderlinge ins Kraut,

obgleich sie nun doch schon einen viel weltmännischeren Anstrich

bekamen. Wer erinnert sich nicht aus den siebziger Jahren an die

Gestalt des Dr. Euting, der als jüngster Kollege meines Vaters an der

Universitätsbibliothek amtete und sich später von Straßburg aus als

Orientreisender einen Namen machte? Er war weit unter Rekrutenmaß,

hatte aber sehr breite Schultern und einen sportlich entwickelten

Körper, der sich in den straffen, schnellenden Bewegungen verriet.

Euting war damals schon im Orient gewesen und gehabte sich seitdem als

Türke. Seine Beweglichkeit, seine schwarzen, umherspringenden Augen,

ein seltsam gerunzeltes, aber doch junges Gesicht, das aussah wie von

heißerer Sonne gedörrt, gaben ihm ein völlig fremdartiges Ansehen.

Den gewesenen Stiftler merkte man ihm nicht mehr an, er lehrte jetzt

semitische Sprachen, besonders das Arabische. Als außerordentlich

mutiger Mensch, der er war, hauste er mutterseelenallein in dem

unheimlichen „Haspelturm“ hinter dem Schlosse. Da bei Einbruch der

Dunkelheit die nach dem Schloßhof führende Pforte geschlossen wurde,

war er bei Nacht in seinem Turm von allen Lebenden geschieden. Er

hatte es durchgesetzt, in diesem ehemaligen Gefängnis der zum Tode

Verurteilten, dessen durch keine Treppe erreichbares Verließ noch

Menschenknochen bergen sollte, sich ein paar Zimmer einrichten

zu lassen, denen er durch orientalische Teppiche und Decken ein

einigermaßen wohnliches Ansehen gab. Dort saß er mit untergeschlagenen

Beinen, den roten Fes auf dem Kopf, am Boden, aus mächtiger

Wasserpfeife rauchend, und bewirtete seine Besucher und Besucherinnen

mit selbstgebrautem türkischem Kaffee in winzigen Schälchen, alles echt

und stilgerecht. Dabei erzählte er von Wüstenritten, Haremsbesuchen

und dergleichen. Er war ein lebhafter Verehrer der Damenwelt, doch war

ihm seine Kleinheit beim weiblichen Geschlechte hinderlich, mehr noch

sein bekannter Ausspruch, daß er hoffe, dermaleinst mit zwölf jungen

Eutings über die Neckarbrücke zu spazieren, alle vom gleichen Wuchs und

gleicher Schneidigkeit wie er. Ihm war es gegeben, seine Eigenheiten

noch über den Tod hinaus fortzusetzen. Er baute sich zu Lebzeiten

mitten unter den freien Schwarzwaldtannen des Ruhsteins sein Grab und

bestimmte, daß einmal im Jahr, an seinem Geburtstag, jeder Besucher an

dieser Stätte mit einer Tasse Kaffee gelabt werden sollte. Erst die

Kaffeeknappheit des Weltkriegs hat diesen schönen Brauch in Abgang

gebracht. Doch wir müssen dieses späte Bild verwischen, um wieder zu

den Sonderlingen des alten Tübingen zurückzukehren.

Da war unter anderen der Ewige Student, ein Mensch, der bis zu seinem

Tode auf der Universität verblieb und der mit der Zeit mehr als vierzig

Semester auf den Rücken bekam. Er hatte sehr ansehnliche Stipendien,

die ihm solange ausbezahlt wurden, als er studierte; diesen zuliebe

studierte er immer weiter, Chemie und Naturwissenschaften, ohne je

ein Examen zu machen. Mit der Zeit hatte er es doch zu ganz tüchtigen

Kenntnissen gebracht, die ihm gestatteten, andere Studenten aufs Examen

vorzubereiten. Als diese dann mit der Zeit Professoren wurden, hörte

er selber wieder bei ihnen Kolleg. Mein Bruder Alfred fragte ihn als

Student einmal, wie er doch nur bei seinen eigenen ehemaligen Schülern

im Hörsaal sitzen und so eifrig nachschreiben möge. O, antwortete er,

da ist jedes Wort Gold, es kommt ja alles von mir selber.

Von einem anderen Mediziner wurde erzählt, daß er als verbummelter

Student mit sehr geringen Kenntnissen nach Amerika durchgebrannt sei

und sich während des Sezessionskrieges den Nordstaaten als Arzt zur

Verfügung gestellt habe. Dort stieg er bis zum Generalarzt auf. Aber

nach Friedensschluß wurde ihm doch wegen seiner Stellung bange, er

kehrte mit dem erworbenen Titel nach Tübingen zurück, hörte wieder

Kolleg, und die Professoren, denen sein Auftreten Eindruck machte,

ließen ihn denn auch glimpflich im Examen durchschlüpfen.

Unter den Kleinbürgern gab es ebenfalls ganz merkwürdige Gestalten,

die von der Jugend mit Vorliebe aufgesucht wurden und die sich die

studentische Gesellschaft zur besonderen Ehre schätzten. Eine der

bekanntesten war der alte Hornung, ein uralter Veteran von 1813. Er

saß jeden Abend im Wirtshaus und spielte Karten; dabei war er als sehr

geizig bekannt. Edgar setzte sich in seiner Studentenzeit gern zu ihm

und malte ihm, während er spielte, einen Kreuzer auf den Tisch. Da er

nicht mehr gut sah und gern mogelte, griff er danach: Der ist auch noch

mein! und wollte ihn einstreichen. Das nächstemal wurde ein Kreuzer

an eine andere Stelle gemalt, und er griff abermals danach. Auf den

alten Hornung wurden in Tübingen die bekannten Napoleonanekdoten aus

der Schlacht von Leipzig übertragen. Eine aber hörte mein Bruder aus

seinem eigenen Munde: Ein französischer Sergeant hatte als Vorgesetzter

den Mann viel drangsaliert. Als sie nun eines Tages Seite an Seite über

einen Graben setzen, fällt der Franzose und ruft um Hilfe. Der Hornung

aber reitet weiter, indem er mit Nachdruck spricht: Wer reit’t, der

reit’t, und wer leit, der leit (liegt).

Die ganze bunte Tübinger Romantik gehörte nun aber einzig und

allein dem Studenten. Daneben lebte und webte Tür an Tür das engste

Spießbürgertum. Die Geselligkeit war durch strengen Kastengeist

geregelt und entbehrte der Anmut. Die Frau als gesellschaftliche Macht

versagte ganz. Man sah aller Enden hübsche junge Mädchen, aber äußerst

selten eine hübsche junge Frau. Sobald sich die damaligen Schwäbinnen

verheirateten, hielten sie nichts mehr auf ihre Person. Nach Pflege

des Geistes und Körpers zu streben, galt für „Emanzipiertheit“ und

Eitelkeit und war überdies ein Zeichen mangelnder Hausfrauentugend.

Es konnte vorkommen, daß der Mann hohe akademische Würden innehatte

und daß die Frau Magddienste verrichtete. Nicht aus Not, sondern weil

sie keine höheren Ziele kannte. So vermochte der ganze Lebensstil

sich nicht zu erheben. Auch der Student lernte nur die Reize des

Studentenlebens, nicht die einer höheren Geselligkeit kennen.

Und wie phantastisch er’s getrieben haben mochte, am Schluß der

Universitätsjahre mußte auch er unterducken, sich der lähmenden Enge

einreihen, wenn er im Lande sein Auskommen finden wollte. Darum klang

auch so wehmütig der Sang der Abziehenden: Muß selber nun Philister

sein, ade!

Um die aus den Tübinger Verhältnissen hervorgehende Einseitigkeit

oder Verwilderung zu bekämpfen, war Friedrich Vischer, solange er in

Tübingen lebte und lehrte, bemüht, die Verlegung der Universität in die

Landeshauptstadt durchzusetzen. Damit wäre freilich zugleich aller Reiz

der Überlieferung aus dem studentischen Leben geschwunden. Er fand aber

mit diesem Lieblingsgedanken keinen Anklang und konnte nur für seine

eigene Person die Wahl treffen, indem er endgültig das Stuttgarter

Polytechnikum dem Tübinger Lehrstuhl vorzog und so die Universität

eines ihrer größten Namen beraubte.

Wieviel man gegen das alte Tübingen auf dem Herzen haben mochte, die

reizvolle, wunderliche Stadt mit dem kühnen Profil und der entzückenden

Lage hat es noch allen angetan, die dort gewesen. Und so oft ich

späterhin aus Italien wiederkehrte, ganz durchtränkt von der Schönheit

des Südens, wenn ich wieder einmal auf dem „Schänzle“ stand und

die Blicke von der lachenden Neckarseite mit der fernen Alb in das

schwermütige Ammertal wandern ließ, wo, wie einmal eine gefühlvolle

Tübingerin zu Friedrich Vischer sagte, „das Herz seinen verlorenen

Schmerz wiederfindet“ immer habe ich den Zauber meiner Jugendstadt aufs

neue verspürt.

Die Heidenkinder.

Innerhalb des Tübinger Spießbürgertums stand nun unser Haus wie eine

einsame Insel. Schon beim Eintritt hatte unsere Mutter die üblichen

Antrittsbesuche unterlassen. Mein Vater war eigens ein paar Wochen

früher eingerückt und hatte alles, was die Etikette vorschreibt,

erledigt, um ihr diese Prüfung nicht aufzuerlegen, denn er sah voraus,

daß sie sich in ihrer freien, der Zeit vorangeeilten Weltanschauung

ebenso abgestoßen fühlen würde wie in ihrer aristokratischen

Empfindungsweise, die mit der ultraradikalen Gesinnung ganz gut

zusammenging. Er wußte auch, daß die Abstoßung gegenseitig gewesen

wäre, denn es gab damals in Tübingen nur wenig Frauen, die das Zeug

hatten, eine so ungewöhnliche Natur wie meine Mutter zu verstehen.

Außerdem war bei ihrem ganz auf die Familie beschränkten Dasein ihre

Garderobe nicht im besten Stand, und jede Ausgabe für sich selber ging

ihr lebenslang gegen das Gewissen. Außer mit der Witwe Uhland und mit

den Töchtern des alten Dichters Karl Mayer, der ihr feuriger Verehrer

war, wollte sie überhaupt keinen Frauenumgang. Es läßt sich denken,

welchen Anstoß wir Kinder, auf die bisher fast nichts als die Natur

und der Geist der Eltern eingewirkt hatten, jetzt in der Tübinger

Umwelt erregten. Die „Heidenkinder“ nannten sie uns auch dort. Meine

Brüder wurden oftmals auf dem Schulwege von anderen Jungen tätlich

angegriffen, und es entspann sich dann eine gewaltige Schlägerei;

die Heiden standen zusammen und wehrten sich mannhaft, wodurch sie

ihren Widersachern allmählich die Lust zu solchen Unternehmungen

verleideten. Mir aber, die ich allein und unbeschützt war, erregte

es ein schmerzliches Erstaunen, wenn mir mein ungewöhnlicher Rufname

in einer häßlichen Verketzerung nachgeschrien wurde, oder wenn gar

ein Stein aus dem Hinterhalt geflogen kam. Ich ging daher als Kind

nur sehr ungern durch die Straßen und trieb mich lieber in der Nähe

unserer damaligen, außerhalb der Stadt gelegenen Wohnung an den

Steinlachufern oder auf dem großen Turn- und Schießplatz umher, in

einsame Phantasien versponnen. Für alle Zeit bleibt mir ein Sonntag in

die Seele geschrieben, an dem ich ganz allein eine Forschungsreise in

die Gôgerei unternahm. Man hatte mir mein schönstes weißes Mullkleid

mit blauer Gürtelschleife angetan, in das lange offene Haar, auf dessen

Goldfarbe die Mutter so stolz war, hatte sie mir ein blauseidenes Band

geschlungen, und so zog ich unternehmend meines Weges. Als ich nun

von der Langen Gass’ in das seitliche Gewinkel eindrang, flog mir ein

kleines Gôgenkind mit Jubelgeschrei entgegen und wollte in meine Arme

stürzen, denn es sah mich augenscheinlich in meinem Putz für einen

Weihnachtsengel an. Da kam eine ältere Schwester aus dem Haus gerannt

und riß entsetzt die Kleine vor mir weg. Erst als sie sich hinter einem

niederen Zaun geborgen sah, drehte sie sich noch einmal um und sagte,

mit dem Ausdruck tiefsten Grauens auf mich weisend: So sehen die Heiden

aus!

Dies waren die Anfänge von dem zwölfjährigen Kriege Philistäas gegen

ein kleines Mädchen. Und ich mußte gute Miene zum bösen Spiel machen,

sonst hätte Mama mich noch gescholten oder ausgelacht. Sie hatte selbst

in ihrer Jugend sich über alle Meinungen und Vorurteile der Menschen

weggesetzt, um nach ihren selbsterwählten Grundsätzen zu leben;

ihre Tochter sollte nicht schwächer sein als sie. Allein ihr war es

hingegangen: sie war die in ihrem Dorfe verehrte Baronesse gewesen, die

auch in ihren Kreisen als die erste herrschte. Selbst als sie im Jahre

48 zwischen sich und dem Stand, in dem sie geboren war, das Tischtuch

zerschnitt, trugen ihr die Jugendfreunde und Verehrer ihre Abkehr nicht

nach, sondern wahrten ihr, ob sie wollte oder nicht, eine ritterliche

Anhänglichkeit; die Thumbs und Rantzaus und wie sie hießen, suchten sie

immer wieder auf und ließen ihren Radikalismus ruhig über sich ergehen.

Auch ihre entfernteren Verwandten -- die nahen waren schon alle tot

-- hatten nicht mit ihr gebrochen, sondern sie mit ihnen, weil einer

davon, ein junger Leutnant, bei Niederwerfung des badischen Aufstands

im feudalen Übermut einen gefangenen Freischärler an sein Pferd

gebunden hatte. Sie besaß eine ungeheure Macht über die Gemüter, wie es

nur einem Menschen gegeben ist, der gar nichts für sich selber bedarf.

Denn er allein ist der ganz Starke; die Genießenden und Bedürfenden

sind immer die Schwächeren.

Aber das kleine Mädchen, das an ihrer Seite aufwuchs, genoß nicht

dieselben Vorteile. Ich hatte keinen Umgang als die Brüder, zur

Schule wurde ich nicht geschickt und bei Maienfesten hatte ich wie

in Kirchheim das Zusehen. Dabei erfüllte mich doch der glühende

Wunsch, auch einmal dabei zu sein, dazu zu gehören. Nur einmal

unter den Schulkindern mitspielen zu dürfen, es hätte mich selig

gemacht! Aber wenn ich je mit anderen Mädchen zusammengebracht wurde,

so merkte ich bald, daß ich ihnen unheimlich war, und auch ich

wußte nichts mit ihnen anzufangen, denn statt mich „dabei sein“ zu

lassen, umstanden sie mich neugierig und forschten mich aus: ob es

wahr sei, daß ich das Lateinische triebe und daß ich Goethe gelesen

hätte. Bei der ersten und einzigen Kindergesellschaft, die ich

mitmachte, bedrängten sie mich, ihnen ein Gedicht aufzusagen. Schnell

überschlug ich im Geiste, was ich auswendig wußte, aber weder „Die

Götter Griechenlands“ noch „Der Gott und die Bajadere“, noch sonst

einer meiner Lieblinge wollte sich für den Anlaß schicken. Von den

himmelblauen und rosenroten Backfischgedichtchen, mit denen damals die

weibliche Jugend aufgepäppelt wurde, führte keine Brücke zu meinen

Dichtern hinüber. Ich flehte, mir die Pein zu erlassen, versicherte,

kein einziges Gedicht zu kennen und sagte der Poesie das Schlimmste

nach. Umsonst, meine Quälgeister ließen nicht locker. Da sagte ich

ihnen, heimlich knirschend, den ersten Vers von „Schleswig-Holstein,

meerumschlungen“ auf, einem Lied, das damals durch alle Gassen lief,

aber schon ganz abgenützt war, machte dann Schluß und erklärte meinen

Vorrat für erschöpft. Von da an begehrte ich niemals wieder nach einer

Kindergesellschaft.

Zu den aus meiner Erziehung fließenden Bedrängnissen, die mir den

Umgang erschwerten, gesellten sich noch solche in meiner eigenen

Brust. Dazu gehörte ganz besonders das Wörtchen Sie. Ich weiß nicht,

ob es jemals anderen ähnlich ergangen ist, ich konnte das Wörtlein

nicht aussprechen. Meinem natürlichen Sprachgefühl widerstrebte

es aufs heftigste, eine anwesende Einzelperson als eine abwesende

Mehrzahl zu behandeln. Die nahen Freunde der Eltern verkehrten wie

Blutsverwandte im Hause, da verstand es sich von selbst, daß man ihnen

das Du zurückgab. Aber jetzt wuchs man heran und fand sich unter lauter

Fremden, wo sich das alte homerische Du nicht mehr schicken sollte. Und

mit dem Sie war es doch so eine vertrackte Sache. Ich bekrittelte den

Zopf ja nicht bei den Erwachsenen, mochten sie es nach ihrer Etikette

halten, aber ich als Kind glaubte mich berechtigt, so lange wie möglich

jeder Unnatur ferne zu bleiben. Es schien mir, als ginge ich auf

Stelzen, wenn ich Sie sagen sollte, ich vermied es, Respektspersonen

überhaupt anzureden, und drückte mich auf lauter Umwegen um das Sie

herum, bis der Kampf dadurch entschieden ward, daß die Menschen

mich selber mit Sie anzureden begannen, was bei meiner täuschenden

Körpergröße viel zu früh geschah. Da war mir zumute, als sei mir das

Tor des Kinderparadieses schmerzhaft auf die Ferse gefallen.

Man weiß, wie Goethe über das alte edle Ihr dachte, von dem er sich

so schwer trennte und in das er in seinen späteren Jahren gerne

zurückfiel. Ich möchte jedoch zu den schon genannten Schäden des „Sie“

noch einen nennen. Es übt im Umgang, verglichen mit dem Vous und You,

eine erkältende, entfremdende Wirkung, vor der die ganze Sprache zu

erstarren scheint. Ich konnte es späterhin im Auslande nicht fertig

bringen, mit französisch oder englisch redenden Freunden, wenn sie mir

einmal nähergetreten waren, meine eigene Muttersprache zu sprechen,

auch wenn ich darum gebeten wurde, denn ich hatte das peinliche Gefühl,

mit dem gespreizten Sie auf einmal eine Scheidewand aufzurichten.

Die ganze sprachliche Einstellung sträubte sich, aus einem

freundschaftlichen Vous in das starre, unpersönliche Sie überzugehen.

Das Sie erschwert auch den Ausländern die deutsche Satzbildung

(Skandinavier schreiben in deutschen Briefen meistens „Sie hat“) und

ist dadurch der Ausbreitung unserer Sprache hinderlich.

Aus meinem Jugendland · 第 4 / 19 段