Josephinen (der Vater war vorausgereist) in einen mit Kissen und
anderem Bedarf gefüllten, geschlossenen Wagen verpackt über ein
flaches, hochgelegenes Wiesenland hinrollen, das sich für meine Augen
in eine steppenhafte Unendlichkeit verlor mit einem einsamen Schäfer
nebst Herde und rotgestrichenem Pferchkarren als unvergeßlichem
Beiwerk. Es war unser Auszug aus dem geliebten Obereßlingen, wo
Freund Hopf sein Haus, den Schauplatz unseres Jugendparadieses,
verkauft hatte. Wie wir in Kirchheim unter Teck in einer öden
Stadtwohnung landeten, wo wir Kinder wie eingesperrte Vögel im
Käfig umherflatterten und unser Mütterlein sich für uns und mit uns
unglücklich fühlte, weiß ich mehr aus den Berichten anderer. Wohl
erinnere ich mich, wie ich in der Dämmerstunde zuweilen ausbrach und zu
einem rauschenden Wehr hinrannte, um mich durch überlautes Schreien und
Singen in wilden Rhythmen, die niemand hörte, von dem eingeschlossenen
Drang zu entlasten. Das altertümliche, damals noch sehr stilvolle
Stadtbild verhaftete sich, nicht mit klargesehenen Einzelheiten, aber
als Stimmungszauber in meiner Seele und wurde später, als ich in der
Fremde lebte, ein lieber Hintergrund meiner Heimatträume, in denen
meist die beiden Flüßchen von Kirchheim, die Lauter und die Lindach,
plätscherten. Die eine rauschte rasch und trübe daher, die andere aber
rechtfertigte ihren Namen, denn sie war lind und rieselnd wie dieser,
und in beiden konnte man baden.
Bald danach sehe ich uns wieder in einer ländlichen Wohnung vor der
Stadt auf dem Wege nach der Teck, die mit ihren Albgeschwistern
einladend niedersieht, inmitten eines von der Lauter durchflossenen
Gartens mit Laube und Gartenhaus. Die Brüder gehen zur Schule, ich
werde allein zu Hause unterrichtet, aber der Lerneifer hat merklich
nachgelassen, weil der gewohnte Wettlauf mit Edgar abgestellt ist.
Dieser wurde nun schon ein ganz gelehrtes kleines Haus und pflegte
mich wegen meiner greulichen Fehler im lateinischen Argument weidlich
auszulachen, aber er gab mir von seiner jungen Weisheit nichts
ab. Mein gutes Mütterlein studierte seine lateinischen Schulhefte
nach, um mir daraus vorwärts zu helfen. Mehr Freude machten mir die
lebenden Sprachen, das Französische und das Italienische, das sie mir
so nebenher beibrachte, ich weiß selbst nicht wie. Aber ich hatte
gar keinen Ehrgeiz mehr und verträumte am liebsten meine Zeit im
Garten. Eine zahme Elster war meine Spielkameradin, die mich überall
hin begleitete und mir die Haarnadeln vom Kopfe und meine kleinen
Schmucksachen vom Halse stahl. Gelesen wurde über die Maßen viel, mit
ausgesprochenem Für und Wider, Eindrücke, für die das Kind natürlich
keine Erklärung hatte, die sich aber beim späteren Lesen immer
wiederholten. So entzückte mich vor allem die Turandot, diese reizende
Vereinigung von großem Schillerschem Faltenwurf mit leichtbeweglicher
italienischer Grazie. Die Vorstellungswelten, die ich in den Büchern
fand, waren mir alle schon geläufig. Unsere Mutter lebte und webte in
Hellas und hatte daneben einen starken Zug zur romanischen Kultur. Der
Vater wies auf deutsches Volkstum hin und huldigte auf Sparziergängen
dem Genius loci, indem er von den Sagen der Schwäbischen Alb erzählte.
Da er aber meist ebenso still und wortkarg wie die Mutter lebhaft und
mitteilsam war, geriet das Deutschtum zunächst in Nachteil. Nur mit
den altgermanischen Göttern waren wir von klein auf vertraut und sie
bildeten bei ihrer nahen Verwandtschaft mit den griechischen eine
tiefsinnige Ergänzung zu diesen.
Die Kirchheimer Zeit ist für meine Eltern wohl die schwerste ihrer
Ehe gewesen; die Lebensaussicht war eine Zeitlang nach allen Seiten
verbaut. Meine Mutter fühlte sich dort tödlich vereinsamt; sie vermißte
nun auch die treue Hopfsche Familie, bei der sie doch immer die ihr
so nötige Ansprache gefunden hatte. Sie arbeitete sich ab, um neben
den häuslichen Geschäften die Höschen und Jäckchen ihrer vier Buben
aus alten Männerkleidern zurechtzuschneidern, eine Kunst, für die das
Freifräulein von Brunnow nicht erzogen war. Für mich sorgten zarte
Feenhände, daß ich fast immer niedlich gekleidet ging und ihr auch von
dieser Seite keine Mühe machte. Des Abends las sie uns den Herodot
vor; ihre ungeheure Spannkraft schnellte gleich wieder auf, wenn sie
bei ihren Griechen war. Nebenher erschwang sie noch die Zeit, sich
mitten im Kinderlärm schriftstellerisch zu betätigen; sie hatte keine
Spur von literarischem Ehrgeiz und wollte nur zum Erwerb ein kleines
Scherflein beitragen. So entstand ein Band Märchen, teils in Prosa,
teils in Versen, der einige Jahre später bei Schober in Stuttgart
erschien. Sie seien um einen Ton zu hoch gegriffen, sagte mein Vater,
der übrigens seinen Segen dazu gab, nachdem sie die Scheu, ihm ihre
Sachen zu zeigen, überwunden hatte. Die Erzählungen in Versen gelangen
ihr besser, weil ihr die metrische Sprache natürlicher und einfacher
lag als der Prosaton. Da wir wie Geschwister zusammenlebten, ließ sie
mich Neunjährige in eine auf Island spielende Geschichte auch ein paar
gereimte Zeilen hineinpfuschen. Als das fertige Gedicht, das am Ende
eine gewisse Hast verriet, meinem Vater vorgelegt wurde, schrieb er
neckend im gleichen Versmaß darunter:
Und zappelnd und verzweifelnd eilen
Zum letzten Zug die letzten Zeilen.
So etwas kränkte sie nicht nur nicht, sondern sie freute sich, dem
ernsten, stillen Mann, neben dem sie immer wie ein überlebendiges Kind
erschien, einen Strahl seines alten Humors entlockt zu haben. Auch
eine Erzählung aus dem Dreißigjährigen Krieg hatte sie damals unter
der Feder, die später gleichfalls gedruckt wurde. Da die Verfasserin
Menschen und Dinge wenig kannte und mehr in der Idee als in der
Anschauung lebte, blieben ihre Gestalten etwas abstrakt und farblos.
Sie war sich darüber vollständig klar, ja sie unterschätzte ihre
Begabung weit, da sie auch ihre Verse, zu denen ein inneres Bedürfnis
sie von klein auf trieb, nicht als wirkliche poetische Erzeugnisse,
sondern nur als unentbehrliche innere Entlastung gelten ließ. Mein
Vater äußerte sich damals in seiner bildlichen Redeweise zu mir über
ihre dichterischen Versuche:
Ihre Muse ist ein ganz hübsches Kind, aber sie hat zerrissene Strümpfe
an.
Als ich dieses Urteil einmal ganz spät am Ende ihrer Tage der
inzwischen achtzigjährig Gewordenen erzählte, antwortete sie lächelnd:
Ich habe sie seitdem geflickt. Es hatte seine Richtigkeit. Ihre Gabe,
sich poetisch auszudrücken, entwickelte sich mit den Jahren immer mehr,
wie überhaupt ihre ganze Persönlichkeit bestimmt war, erst im höchsten
Greisenalter, das bei ihr noch immer quellende Jugend war, eine süße
duftende Reife zu erlangen wie eine alleredelste Weinsorte. Damals war
sie noch brausender Most und gärte mit ihren Kindern um die Wette.
Was übrigens die zerrissenen Strümpfe betrifft, so gab es deren im
Hause nur allzuviele; das mochte meinem Vater das Bild nahegelegt
haben. Wenn Mama und Josephine sie nicht mehr bewältigen konnten,
so wurde ein großer Pack daraus gemacht und an das geliebte
„Waldfegerlein“ gesandt, Rudolf Kauslers[1] Nichte, so genannt nach
meines Vaters gleichnamigem, ihr gewidmeten Gedicht. Sie war die
Holdeste von den guten Holden, die unsere Kindheit betreuen halfen,
auch äußerlich zart und leicht wie eine Elfe. Sie stopfte die Strümpfe
mit Hingebung und mit dem Maschenstich, wonach sie wie neu wurden, und
wenn der Pack zurückkam, fiel immer etwas Beglückendes für uns Kleine
mit heraus. Die Eltern aber erquickten sich an ihren geistvollen und
eigenartigen Briefen, die ganz in der Stille blühten, doch mancher
berühmten Briefsammlung nicht an künstlerischem Reiz nachstanden.
Überhaupt, was gab es damals für Freundschaften auf der Welt, und wie
lebten sie sich in Briefen aus, verschwenderisch und überschwenglich
mit den inneren Gütern schaltend. Um jedes edle Herz stand eine
Schutzmauer von Liebe. Die Erde mit all ihren Kümmernissen wäre ja
gar nicht bewohnbar gewesen ohne den Engel der Freundschaft, der
zwischen den Menschen hin und her ging. Man krittelte und zergliederte
auch noch gar nicht, sondern nahm sich gegenseitig so wie man war
schlechthin als Ganzes, und liebte sich ohne viel zu tüfteln und zu
deuteln. Die psychologische Neugier, die nicht ruhen kann, bis sie
einen Charakter in seine Einzelheiten zerlegt hat, kam erst in der
jüngeren Geschlechtsreihe auf, und man dünkte sich wunder wie klug, als
man zu zerfasern begann. Es fragt sich aber sehr, ob nicht jene die
Klügeren waren, die das Leben ganz unbefangen lebten und, vom bloßen
Ahnungsvermögen geleitet, gewiß nicht öfter fehlgriffen als die Jungen
mit ihrer Weisheit.
Wenn ich an Kirchheim denke, steigt noch ein blasses, aber
unverwischbares Bild vor mir auf: eine grüne Festwiese mit Bänken und
Tischen, an denen getafelt wurde, und einem sich drehenden Karussell,
dem Höchsten von irdischer Seligkeit, was ich damals kannte! Dann
ein langer Zug von kleinen weißgekleideten Mädchen, die meisten von
meinem Alter, mit Kränzen um die Stirn, je zwei und zwei sich bei
der Hand haltend, während von der Wiese her die Musik tönte. Ich war
ebenfalls weiß und festlich gekleidet und trug den schönsten Kranz
von Maienblumen im Haar, aber ich ging nicht mit im Zug, der aus den
Schulkindern gebildet war, sondern stand abseits an der Hand der
Mutter, um zuzusehen. Die Brüder waren eingereiht und schritten jeder
mit seiner Klasse. An mir aber ging der Zug vorüber, der grünen Wiese,
dem Paradiesgarten, dem Feste der ewigen Freude zu. Da überkam es mich
plötzlich, was es heißt, „nicht dabei zu sein“. Es war ein maßloser
Schmerz wie ein erzwungener ewiger Verzicht auf alle Freuden dieser
grünen Erde. Und Mama begriff ihr dummes kleines Mädel nicht, das
nur mit Mühe unter Aufbietung allen Stolzes den Tränen wehrte. Kann
aber ein Erwachsenes, auch das liebevollste, nachfühlen, was jenes
Nichtdabeisein dem Kinde bedeutete?
Und nun läuten auf einmal in meiner Erinnerung Osterglocken. Aus
München, wohin mein Vater sich auf ein paar Wochen zu seinem Freund
Paul Heyse begeben hatte, kam die Heilsbotschaft, daß wir alle
binnen kurzem nach der großen bayrischen Kunstresidenz übersiedeln
würden, wo uns endlich ein freies, ein wahrhaft menschenwürdiges
Leben erwartete. Dort würden die Eltern einen gleichgesinnten, fein
gebildeten Freundeskreis finden, die Buben Mittel zum Studieren, ich
die Gelegenheit, das Kunsttalent, das man mir zuschrieb, weil ich
noch immer eifrig für mich zeichnete, auszubilden. Die Mutter ging
in einem beständigen Glücksrausch umher. Aber das Verheißungsland
versank, wie es aufgetaucht war; wie und warum, steht in meines
Vaters Lebensgeschichte. Es war der höchste Wellenberg der Hoffnung,
den unser Schifflein je erkletterte, und nun schoß es jäh in einen
trostlosen Abgrund hinunter, in dem mein rasches Mütterlein schon den
Untergang sah. Doch es tauchte wieder auf und schwamm einem nicht so
verlockenden, aber sicheren Hafen zu, dem alten Tübingen, wo unser
Vater vor Jahresschluß einen Bibliothekarsposten an der Universität
antrat.
[1] Jugendfreund meines Vaters und gleichfalls Dichter, von ihm unter
dem Namen Ruwald in der Novelle „Das Wirtshaus gegenüber“ eingeführt.
Damals Pfarrer in Klein-Eislingen.
Das alte Tübingen.
Den Ort, an den mich jetzt meine Erinnerung führt, würde man heute auf
Erden vergeblich suchen. Zwar hat sich mein altes Tübingen äußerlich
nicht allzuviel verändert. Seine Gestalt ist durch den hügeligen Boden,
der es trägt, und durch die geschlossenen Linien des mittelalterlichen
Städtebaus für alle Zeiten festgelegt. Noch immer spiegelt sich die
hohe und steile Giebelreihe der Neckarfront mit dem aus der Asche von
1875 wiedererstandenen Hölderlinsturm in dem still ziehenden Fluß, und
unverrückt steht auf der höchsten Hügelkuppe Schloß Hohentübingen mit
seiner gestreckten Masse und den stumpfen Türmen, die noch die Spuren
Turennes und Melacs am Leibe tragen. Und die beherrschende Stiftskirche
auf einem steilen, hochgemauerten Vorsprung reckt sich trotzig wie
ein gewappneter Erzengel im Stadtinnern empor. Solche Züge sind
unverwischbar. Aber was diesen Zügen in den sechziger und siebziger
Jahren ihren ureigenen geistigen Ausdruck gab, die mittelalterliche
Romantik, ist für immer daraus verschwunden. Das Studentenleben hat
sich in die häßlichen Korporationshäuser auf den Anhöhen zurückgezogen,
die für die weichen, niederen Hügel viel zu groß sind und laut aus der
Harmonie des Ganzen herausfallen. Damals spielte sich dieses Leben
noch in den krummen und steilen Straßen ab, wo das Treiben und Tollen
niemals ruhte. Zwar seiner Lieblingsbeschäftigung, dem Trunk, lag der
Musensohn, mit Ausnahme der beliebten „Naturkneipereien“ auf dem Wöhrd
oder dem Schänzle, auch damals im geschlossenen Raume ob, aber die
Folgen tobten sich im Freien aus. Es sang und klang straßenauf und -ab,
noch öfter brüllte und grölte es. Dann gab es die Anrempelungen mit
nachfolgender „Kontrahage“ nach dem berühmten Muster: Geschah das mit
Vorsatz? -- Nein, mit dem Absatz -- und solche Scherze mehr. Ferner die
Keilereien zwischen Farben, die sich nicht leiden mochten, und endlich
die ganz großen Studentenschlachten, wo die gesamte Studentenschaft
einmütig gegen die Obrigkeit oder das Philisterium, oder was sonst in
ihre Vorrechte eingegriffen hatte, zu Felde zog.
Gleichfalls ein Augenblick vollkommener Eintracht war es, wenn die
Schwarzwaldflößer an Tübingen vorüberfuhren. Sobald flußaufwärts die
Spitze eines Floßes erschien, füllte sich die Neckarbrücke und der alte
Hirschauer Steg mit Studenten, die der Anblick wie mit Besessenheit
ergriff. Und so lange sich unten der vielgliedrige Wurm, von mächtigen
Gestalten in hohen Flößerstiefeln gesteuert, vorüberschob, brüllte
es oben von den Brücken und aus den Fenstern der Neckarhalde in
langgezogenen Tönen: „Jockele, sp-e-e-e-err!“ und dann schneller:
„Jockele sperr, ’s geit en Aileboga!“ (Ellbogen). Entferntere hingen,
um nicht unbeteiligt zu bleiben, gewaltige Schaftstiefel zu den
Neckarfenstern heraus, was die Flößer gleichfalls zu erbosen pflegte.
Der Jockele war für seine saftige Grobheit in Schwarzwälder Mundart
berühmt, zu meiner Zeit aber war er es schon müde geworden, auf den
jahrhundertealten Ruf zu antworten. Schweigend, in philosophischer
Ruhe steuerten die Riesen mit langen Stangen ihre Flöße zwischen den
Pfeilern der Neckarbrücke durch, noch eine lange Strecke verfolgt von
dem Gebrüll, in das auch die Gassenjugend einstimmte.
Ein anderer löblicher Brauch war, des Nachts die Laternen zu löschen
und zu zerschlagen oder das Brennholz, die sogenannte „Scheiterbeig“,
die nach Urvätergewohnheit vor den Häusern aufgestapelt lag, zu
verschleppen. Kam der Nachtwächter oder ein Polizeidiener hinzu, so
gab es tausend Mittel, ihn an der Haftbarmachung der Schuldigen zu
verhindern. Es war der Geist der süßen Zwecklosigkeit, der die Jugend
von dazumal beseelte und ihr als höchster Lebenswert erschien. Immer
blieb der Mann der Ordnung der Geprellte, und der Philister selbst,
obgleich der Schabernack sich gegen ihn richtete, stand mit seiner
geheimen Sympathie auf seiten der Studenten. Die Menschheit zerfiel
damals in zwei Hauptgattungen, die zugleich ihre äußersten Pole
darstellten: Student und Philister. Aber beide brauchten einander,
waren in jahrhundertelangen Reibereien einer um des anderen willen
da. Als eine der ältesten und kleinsten Universitäten, dazu ganz
abseits der größeren Verkehrswege gelegen, hatte Tübingen noch gewisse
studentische Überlieferungen, die weit ins Mittelalter zurückgingen; im
Untergrund des studentischen Bewußtseins lebte noch ein Rest vom Geiste
der Fahrenden, dem auch gelegentliches „Schießen“ (Stehlen) zum Schaden
der Philister nicht für unehrenhaft galt. So schwärmte eines Tages eine
Schar Musensöhne über die Wiesen nach Lustnau aus und fand unterwegs in
einem Wässerlein zwölf wohlgenährte Enten lustig schwimmend. Nur eine
davon sah der Besitzer wieder. Sie trug einen Zettel am Hals mit den
Worten:
Wir armen zwölf Enten
Sind gefallen unter die Studenten,
Ich zwölfte komm zurück allein
Und bring’ von elf den Totenschein.
Die Geschichte stammt allerdings aus einer älteren Zeit, wäre aber in
jenen Tagen noch ebensogut möglich gewesen. Auch hochverehrte Lehrer
wurden nicht geschont. So hatte einmal der berühmte Kliniker Niemeier,
einer der wenigen norddeutschen Professoren, die es in Tübingen zu
großer Volkstümlichkeit brachten, in der Neujahrsnacht, wo der Spuk
am wildesten tobte, ein fettes Gänslein am Küchenfenster hängen, das
beim morgigen Festschmaus prangen sollte. Da wurde er in der Nacht
herausgeschellt, und als sein Kopf am Fenster erschien, rief eine
näselnde Stimme hinauf: Prosit Neujahr, Herr Professor, und geben
Sie acht auf Ihre Gans, daß sie nicht gestohlen wird. Der Angerufene
verstand und machte gute Miene. Prosit, Herr Kepler, rief er zurück,
ich habe Sie an der Stimme erkannt. Lassen Sie sich die Gans gut
schmecken, aber stören Sie die Leute lieber nicht im Schlaf.
Dieser selbe Kepler, der auch in meinem Elternhaus verkehrte und später
als Arzt nach Venedig ging, führte überhaupt ein bewegtes Leben. Er
war der Held einer Anekdote, die in Tübingen unvergeßlich bleibt.
Als er einmal nahe der Neckarbrücke mit ein paar Freunden im Freien
badete, erschien die Polizei, beschlagnahmte die Kleider und wollte die
Übeltäter verhaften. Diese entsprangen und rannten splitternackt das
Ufer entlang bis nach Kirchentellinsfurt, wo sie endlich festgenommen
wurden. Da es aber keinen Paragraphen gegen das Nacktgehen gab,
so verdonnerte sie eine weise Behörde „wegen Vermummung bis zur
Unkenntlichkeit“.
Zum Charakterbild des alten Tübingen gehört aber noch eine dritte dort
lebende Menschengattung von urtümlichster Beschaffenheit, die weder
dem Studenten noch dem Philister hold war, die man sich aber aus dem
dortigen Leben nicht wegdenken kann: nämlich die in den malerischen
Schmutzwinkeln der Unteren Stadt oder „Gôgerei“ wohnenden „Wingerter“
(Weingärtner), auch „Gôgen“ oder „Raupen“ genannt. Woher diese
beiden Bezeichnungen kommen, weiß niemand, eine theologisch gefärbte
Etymologie will die Gôgen auf das biblische Gog und Magog zurückführen.
Was die Raupen betrifft, so soll der Name gar eine Verketzerung des
lateinischen Wortes Pauper sein, womit man in der gelehrten Musenstadt
die am Freitagmorgen von Tür zu Tür singenden Volksschüler bezeichnet.
Wie dem auch sei, beide Namen, Gôgen wie Raupen, wurden von ihren
Trägern ungern gehört und pflegten eine tätliche Abwehr nach sich zu
ziehen. Die Gôgen unterschieden sich nach ihrer ganzen Wesensart,
vor allem aber nach den eigentümlichen Kehllauten ihrer Aussprache
und einer gedehnten Betonung, die etwas Mürrisch-Verbissenes an sich
hatte, so stark von den übrigen Einwohnern, daß manche sie geradezu für
Nachkommen eines zugewanderten Fremdvolkes hielten und daß es zwischen
der oberen und der unteren Stadt wie ein unsichtbarer Stachelzaun lag.
Als tüchtige Taglöhner unentbehrlich, machten sich diese Mitbürger
durch ihre eingeborene tiefe Abneigung gegen die Höhergestellten und
ihren ausgeprägten Sinn für den eigenen Vorteil, mehr noch durch ihren
wortkargen, aber äußerst schlagenden Mutterwitz, der nicht immer von
der reinlichsten Art war, gefürchtet. Auf eine Gôgenrede konnte niemand
mehr einen Trumpf setzen, außer ein anderer Gôg. Unzählige Gôgenworte
und -witze waren und sind in Tübingen im Schwang. Am berühmtesten ist
das einsilbige Zwiegespräch zwischen Vater und Sohn, wie sie zusammen
die steilen Weinberghalden des Österberges hinansteigen und dem Jungen
ein herrenloser Schubkarren auf einem Nachbargrundstück in die Augen
sticht, auf den er den Vater durch einen stummen Wink aufmerksam macht.
Worauf der Alte nur die zwei lakonischen Worte erwidert: Im Ra! (Im
Herabsteigen!) Oder die zungenschnelle Frage des Berliner Studenten an
den pfeifenrauchenden Weingärtner: Kann ich von Ihnen Feuer haben, ja?
Und die nachdrücklich-langsame Antwort des alten Gôgen: Airscht (erst),
wenn i ja sag’.
Das Straßenbild von Tübingen beherrschte der Couleurstudent,
besonders der Angehörige der paukenden Korporationen. Diese standen
bei den Ausritten und Aufzügen im studentischen Wichs, bei den
Tanzvergnügungen, den glänzenden Fackelzügen und überhaupt im
gesellschaftlichen und öffentlichen Leben obenan. Ihre Iliaden und
Odysseen füllten die ungeschriebenen Annalen der Stadt. Jedes Kind
wußte, was für Mensuren in laufender Woche ausgefochten wurden,
welches Dorfwirtshaus, welches Gehölz dazu ausersehen war, wie viele
Abfuhren es gab, mit wieviel Nadeln der jeweils Zerhackte vom Paukarzt
genäht wurde. Wenn es den Paukanten gelang, den armen Pedell, der
sie abzufassen hatte und der zu diesem Zweck den weiten Weg atemlos
auf Schusters Rappen angaloppiert kam, durch ihre ausgestellten
Fuchsenwachen irrezuführen und das unterbrochene Opferfest an einer
anderen Stelle des Waldes fortzusetzen, so war es ein Triumph der guten
Sache, woran die ganze Stadt teilnahm. Unsterblich war die immer wieder
auftauchende Geschichte von der abgehauenen Nasenspitze, die der Hund
gefressen hatte. Die vererbten Feindseligkeiten oder vorübergehenden
Spannungen zwischen gewissen Farben wurden mit der gleichen Wichtigkeit
behandelt, wie heute die Beziehungen der Großstaaten untereinander.
Sogar die jungen Mädchen nahmen Partei, je nachdem ihre Brüder oder
bevorzugten Verehrer der oder jener Couleur angehörten. Der historische
Gegensatz zwischen Korps und Burschenschaften, der längst kein
grundsätzlicher mehr war, aber noch als Abneigung fortbestand, mußte
auch gesellschaftlich stets berücksichtigt werden.
Getrunken wurde, wie ich niemals wieder habe trinken sehen. Größere
Helden des Suffs finden sich auch im „Gösta Berling“ nicht. Die
Zahl der Schoppen, die für eine Fuchsentaufe nötig sein sollte,
wage ich nicht zu nennen; über die bei diesem Vorgang angewandten
Zwangsmaßregeln gingen gruselige Gerüchte. Selbst bei Tanzvergnügungen
konnte es vorkommen, daß ein Partner plötzlich nicht mehr salonfähig
war und daß aus den Reihen der Kommilitonen ein Ersatzmann gestellt
werden mußte. Schande war keine dabei, sie behaupteten ihr Ansehen auch
noch in diesem Zustand. Nur wer sich im Schnaps berauschte, wie es den
Norddeutschen bisweilen einfiel, statt im landesüblichen Gerstensaft
oder Wein, der galt für wirklich lasterhaft.
Dabei sprach es doch für die Gutartigkeit dieser ausgelassenen
Jugend, daß tätliche Ausschreitungen gegen die Nebenmenschen äußerst
selten waren. Unser Haus am Marktplatz hatte nach damaliger Sitte
keine Korridortüren auf den einzelnen Stockwerken, aber obwohl im
Untergeschoß ein Studentencafé lag und die Haustür deshalb fast die
ganze Nacht offen stand, fühlte man sich doch in seinem Zimmer völlig
sicher. Nur eines Abends kam unsere schon betagte Josephine voller
Unwillen aus ihrer Dachkammer zurückgestürzt, denn sie hatte in ihrem
Bett einen unbekannten Schläfer gefunden. Es war ein Student, der in
tiefer Verdunkelung die fremden Treppen als seine eigenen erstiegen und
sich ohne weiteres zur Ruhe gelegt hatte. Meine Brüder, damals schon
selber Studenten, hatten alle Not, den Unerwecklichen wieder die lange
Treppe hinunter und ins Freie zu schaffen.